9 Die Ehrfurcht gebietenden Ueberbleibſel aus der Blüthenzeit der alten Hebräer haben, das Intereſſe, das Alter und Inhalt gewähren abgerechnet ihre höhere Wichtigkeit dem Zufalle zu danken. Die Revolutionen die aus der Mitte des jüdiſchen Volkes ſich entwickelten, und auf dieſes Volk ſelbſt nicht minder ihren großen Einfluß hatten, als auf die übrige Erde, ſtellten jene Trümmer unter dem Namen des hebräiſchen Kanons gleichſam als das Fundament der chriſtlichen Staaten auf, und der immer fortſchreitende Gang der Wiſſenſchaften that dann das ſeinige, und erweiterte jene wenigen Bücher zu einem Umfange von geiſtiger Induſtrie, die mehr als die griechiſche bewundernswürdig iſt, weil ſie aus dürftigerem Stoffe ihren Reichthum ſich zu ſchaffen gewußt.
Nie aber reiften zu ſolcher Würdigung die ſpätern Erzeugniſſe der hebräiſchen Nation heran. Dieſe, von ihrer politiſchen Höhe wie von ihrer intellectuellen herabgeſunken, ſchien die Reproductionskraft auf lange Zeit verloren zu haben, ſich [ 1 ] 10 begnügend mit der bald mehr bald weniger gelungenen Exegeſe der ſparſamen Schriften aus der beſſern Zeit. Als allmählig die Schatten der Barbarei von der verfinſterten Erde wichen, und das Licht die überall verbreiteten Juden auch überall treffen mußte, knüpfte eine neue fremde Bildung ſich an die Ueberbleibſel der alten hebräiſchen an, und Köpfe und Jahrhunderte verarbeiteten beide zu derjenigen Litteratur um, die wir die rabbiniſche *)Man müßte unter dieſer Bezeichnung nur ſolche Schriften verſtehen, deren Verfaſſer oder deren Inhalt rabbiniſch iſt; und im Grunde hat Rabbi, das die Höflichkeit jedem ertheilt, weniger zu bedeuten als Doctor. Warum nicht neuhebräiſche oder jüdiſche Litteratur? nennen.
Mit der Reformation, durch das Aufblühen klaſſiſcher Bildung nothwendig herbeigeführt, fing ein lebhaftes Studium der bibliſchen Bücher an, denen ſich ein, wir möchten ſagen, neugieriger Eifer anſchloß den Orient zu durchſtöbern, und daher fiel man ein Jahrhundert lang die rabbiniſche Weiſheit mit einer Hitze an, welche, als die vaterländiſchen reicheren und liebenswürdigern Producte die Gemüther beſchäfftigten und erheiterten, plötzlich und vielleicht auf immer gewichen iſt. Aber auch die rabbiniſche Litteratur ſelbſt ſank in dem Maaße als die europäiſche ſich hob 11 und ihr die Juden ſich anzuſchließen anfingen. Sogar was in dem letzten Jahrfunfzig jener noch angehört, hat von ihr nur die Sprache gellehen als ein zugängliches gelehrtes Gewand für Ideen die eine Zeit vorbereiten müſſen, wo die rabbiniſche Litteratur zu leben aufgehört haben wird.
Aber gerade weil wir zu unſerer Zeit die Juden — um nur bei den Deutſchen ſtehen zu bleiben — mit größerem Ernſt zu der deutſchen Sprache und der deutſchen Bildung greifen ſehen, und ſo — vielleicht oft ohne es zu wollen oder zu ahnen — die neuhebräiſche Litteratur zu Grabe tragen, tritt die Wiſſenſchaft auf, und verlangt Rechenſchaft von der geſchloſſenen. Jetzt, wo keine neue Erſcheinung von Wichtigkeit ſo leicht unſere Ueberſicht ſtören möchte, wo uns ein größerer Subſidien-Apparat zu Gebote ſteht als den Gelehrten des 16ten und 17ten Jahrhunderts, wo größere Cultur eine lichtvollere Behandlung erwarten läßt, und die hebräiſchen Bücher noch nicht ſo ſchwer zu haben ſind als ſie es vielleicht Anno 1919 ſeyn werden; — jetzt, glauben wir, wird die Bearbeitung unſerer Wiſſenſchaft im großen Stile, eine Pflicht, und eine um ſo gewichtvollere, da die complicirte Frage über das Schickſal der Juden, in einigen Paragraphen daraus beantwortet werden zu können ſcheint. Denn es ſind ſtatsrechtliche und religiöſe Einwirkungen 12 von Außen her unzureichend einen befriedigenden Einklang hervorzubringen, wenn die Natur des Inſtrumentes nicht gekannt, und die Art es zu behandeln nicht erlernt iſt. Die heutigen Juden theoretiſch oder auch juriſtiſch, theologiſch, ökonomiſch kennen heißt ſie einſeitig kennen; in den Geiſt können nur gegebene Ideen einführen und die Kenntniß der Sitten und des Willens. Jede rückſichtsloſe ſogenannte Verbeſſerung rächt der ſchiefe Ausgang; übereilte Neuerungen geben dem Alten, und — was das mißlichſte iſt — dem Veralteten einen höhern Werth. Um alſo das Alte brauchbare, das Veraltete ſchädliche, das Neue wünſchenswerthe zu kennen und zu ſondern, müſſen wir beſonnen zu dem Studium des Volkes und ſeiner Geſchichte ſchreiten, der politiſchen wie der moraliſchen. Und das eben erzeugt den größten Nachtheil daß die Sache der Juden behandelt wird wie ihre Litteratur. Ueber beide iſt man mit befangener Hitze hergefallen, und hat ſie entweder zu niedrig odem zu hoch taxirt.
Nicht um einen Knäul zu entwirren, an der geſchicktere Finger ſich verſuchen mögen, ſind wir von der Litteratur des Volkes in ſeine bürgerliche Exiſtenz abgeſchweift. Wir kehren vielmehr, nachdem wir beider Wechſelwirkung aufeinander mit einem Paar Zügen gezeichnet, zu jener zurück, um uns über ihre Entſtehung, ihren Inhalt, ihr Ver- 13 hältniß zu ältern und gleichzeitigen Schweſtern, ihren gegenwärtigen Vorrath und ihre Eigenthümlichkeit nach Aufklärung umzuſehen. Aber wir werden hierzu da und dort wohl Lämpchen brennen ſehen, jedoch oft mit kärglichem, bisweilen mit übelriechendem Oele verſehen; nach Sonnenlicht ſucht unſer Auge vergeblich. Wie geht es zu, könnte man fragen, daß zu einer Zeit, wo über alle Wiſſenſchaften, über alles Thun der Menſchen, ein großartiger Geſammtblick ſeine hellen Strahlen verbreitet, — wo die entlegenſten Erdwinkel bereiſt, die unbekannteſten Sprachen ſtudirt, und kein Material verachtet wird dem Baue der Weisheit zu dienen, — wie geht es zu, daß allein unſere Wiſſenſchaft danieder liegt? was hindert uns den Inhalt der rabbiniſchen Litteratur ganz zu kennen, gehörig zu verſtehen, glücklich zu erklären, richtig zu beurtheilen *)Wir fürchten nicht, mißverſtanden zu werden. Hier wird die ganze Litteratur der Juden, in ihrem größten Umfange, als Gegenſtand der Forſchung aufgeſtellt, ohne uns darum zu kümmern ob ſämmtlicher Inhalt auch Norm für unſer eigenes Urtheilen ſein ſoll oder kann. und bequem zu überſehen?
Da nur manichfaltige, zahlreiche und gute Vorarbeiten zu dieſer Höhe uns führen können; ſo fällt die Frage auf den Mangel an ſolchen zu- 14 rück, und daher liegt es uns in unſerer Antwort zu erörtern ob, was wir unter litterariſchen Vorarbeiten verſtehen, und zu beweiſen daß es wirklich daran fehlt. Wenn wir dieſe Erſcheinung zu erklären verſucht haben, wird es ſich endlich darthun, daß bei ſolchergeſtalt begründetem Mangel, nie an Klarheit in unſerm vorliegenden Gegenſtande, geſchweige denn an Vollendung zu denken ſey.
Wir nennen ſolche litterariſchen Werke, Vorarbeiten, die ſich entweder theilweiſe über eine ganze Wiſſenſchaft, oder ganz über einen Theil derſelben verbreiten. Von letzterer Art iſt jede einzelne Materie, gehörig unterſucht, — jede wiſſenſchaftliche Frage, wo nicht vollkommen beantwortet, wenigſtens für einen kommenden Beantworter mit aller Schärfe auseinandergeſetzt, — eine merkwürdige Entdeckung auf die Beförderung der Kenntniſſe angewandt, — ſelbſt eine ſchwierige Stelle kritiſch beleuchtet. Die ſogenannten editiones principes, ſobald ſie mehr leiſten als Vervielfältigung des Manuſcriptes, desgleichen gute Ueberſetzungen, richtige Handbücher, Biographien und ähnliches mehr, können auf den Namen litterariſcher Vorarbeiten mit Recht Anſpruch machen.
Einen höhern Rang glauben wir aber denjenigen Werken ertheilen zu müſſen, die eine ganze 15 Wiſſenſchaft umfaſſen, durch wichtige Entdeckungen bereichern, oder durch neue Anſichten umformen, — die die Litteratur ganzer Jahrhunderte oder Jahrtauſende über ſich nehmen, und ihres Rieſenganges Spuren hinterlaſſen, breit genug für hundert Andere ihnen zu folgen. Dahin gehören z. B. die Auseinanderſetzungen philoſophiſcher Syſteme, Geſchichten einzelner Doctrinen, Parallelen, Litteratur-Bibliotheken ꝛc.
So rühmlich und nutzbar indeſſen alle dieſe Beſtrebungen auch immer ſind; ſie werden als Einzelheiten nimmer der höhern Forderung genügen, wenn der Arbeiter das ungeheure Porphyrgebirge über das Steinchen vergißt, das er ſich daraus zu poliren geholt, und nach gethaner Arbeit ſelbſtzufrieden ausruht, um von der Verſchönerung zu poſaunen, die unter ſeinen Händen die Natur gewonnen. Wie die Litteratur einer Nation als den Eingang betrachtet zur Geſammtkenntniß ihres Culturganges durch alle Zeiten hindurch, — wie in jedem Moment ihr Weſen aus dem Gegebenen und dem Hinzukommenden, d. i. aus dem Innern und dem Aeußern ſich geſtaltet, — wie Schickſal, Clima, Sitten, Religion und Zufall freundſchaftlich oder feindlich in einander greifen, — und wie endlich die Gegenwart, aller dageweſenen Erſcheinungen als nothwendiges Reſultat daſteht: — wahrlich der tritt mit Ehrfurcht vor 16 dieſen Göttertempel, und läßt beſcheiden ſich in die Vorhalle einführen, die erhabene Ausſicht vom Giebel herunter als ein Würdigerer einſt zu genießen.
Zu ſolcher Würde hebt jedoch nur der ſich empor, welcher ſich die Mühe des Steigens nimmt, und auch er kann von dem großen Ganzen nur dann befriedigende Rechenſchaft geben, wenn er mit dem eingeweiheten Auge der Kunſt alle Theile betrachtet hat. Es verwandelt ſich ihm nach dieſer höhern Anſicht unſere Wiſſenſchaft in ein ganzes Fach Wiſſenſchaften, deren jede in ihren Theilen gepflegt ſeyn will, ſoll nicht das Ganze durch weſentliche Fehler verunſtaltet werden. Sehen wir nun dieſen unermeßlichen Stoff etwas aufmerkſamer an, um unter der Aegide der Kritik zu forſchen, zu ordnen und zu ſchaffen; ſo erblicken wir dieſelbe uns dreifach in unſerer Arbeit helfen, daß wir nämlich den gegebenen Gedanken, — die Mittheilung, — und die Art und Weiſe unſerer Kenntniß deſſelben zu erkennen und zu beurtheilen fähig werden. Dies berückſichtigend ſpalten wir demnach die Kritik theoretiſch in drei Theile, in die doctrinale, welche die Ideen, — in die grammatiſche, welche die Sprache, — und in die hiſtoriſche, welche die Geſchichte dieſer Ideen vom Augenblicke der Mittheilung an biß ſie gegenwärtig zu unſerer Kenntniß gelangen, umfaßt.
17 Gehen wir nunmehr zu den litterariſchen Producten des jüdiſchen Volkes über, ſo fragt es ſich vor allem, was denn ihr Inhalt ſey? Darum wollen wir das vorzüglichere dieſes Inhalts-Verzeichniſſes von Wiſſenſchaften, zur Ueberſicht der Leſer ordnen, und ihm ſogleich die Anmerkungen, die wir darüber zu machen Gelegenheit gehabt, beifügen; — Anmerkungen die wir lieber von Beſſeren uns zugerufen gehört haben würden, als ſie hiemit der nur zu gewöhnlichen oberflächlichen Tadelſucht Preis zu geben.
Machen wir gleich mit Theologie den Anfang, ſo muß freilich eingeſtanden werden, daß die Juden ihr ganzes Syſtem der Theologie nie vollkommen und klar aufgebaut haben; aber laut genug ſprechen ehrwürdige Bruchſtücke, lauter als Bartolocci *)Der Mann iſt überhaupt mehr als ſtreng, z. B. si nobilitas in servili et abjecto populo inesse possit (Bib. rab. I. 710), — impia Talmudica Doctrina (III. 696), — impii et perversi Rabbini (ibid. 321). Florus ſchon ſagt (lib. 3. c. 5). impia gens. Von Wagenſeil (tel ign. p. 50) erfährt man dagegen was pium ſey: Enim vero, credidisse piam Antiquitatem, hanc curam ad se pertinere, ut Judaeorum dogmata et vesanas superstitiones excuterent., ac publice meritis probris diffamarent. — der aus Mythen und Mährchen einen elenchus de Rabbinorum blas- 18 phemiis *)Etwas ähnliches aber viel ſchonender, ſagt Baſnage (hist. des Juifs tom. III. p. 9). zuſammen geknetet hat. In der Mythologie der Juden ſind wir, einige ſchätzbare Schriften über die ältere abgerechnet, noch ſehr zurück, — um ſo eher zu verwundern da ſie gleich der Dogmatologie mit der chriſtlichen zuſammenhängt, wenn man Röder **)Archäologie der Kirchendogmen von Johann Ulrich Roeder 1812 (ohne Druckort) in 8. VI. und 266 S. enthält einen Schatz von Materialen, der wenigſtens unterſucht werden ſollte. — Vergleiche Pico von Mirandola in ſeiner apologia p. 123. hört. Im Gebiete der Religion ***)Wir verſtehen, wie der Lateiner, unter dieſem Worte mehr das Aeußere. Tacitus der Heide nannte ſie ſchon superstitio (Annal. 15,44; Hist. 2, 4, ib. 5, 8.) es hat aber auch an Neueren nicht gefehlt die ſie mit den Titeln Wahnglauben und Irrthümer beehrten — wurde vollends willig und mit Ordnung geſündigt! Mehr ſchädliches, ungerechtes und ſchiefes iſt wohl nicht in die Welt, geſchrieben worden ****)Wer Muße hat durchblättere z. B. das reichhaltige Kapitel Scriptores Antijudaici in Wolfs Bibliothek tom. IV. 456 — 483 aus Imbonati größtentheils genommen, ſo wie ibid. II. 994 — 1048 und 1110 — 1135. —, als über die Jüdiſche Religion, und die Kunſt, gehäſſig zu machen, iſt hier auf ihren Gipfel gebracht. Man unterſchied nicht Sitten von Liturgie, und dieſe nicht von religiö- 19 fen Grundſätzen; und ſo wurden mit Einem verdammlichen, zehn unſchuldige Dinge verſchrien. Eine aus den Quellen bearbeitete Geſchichte des Synagogenritus *)Folgendes glauben wir, ſei darin zu betrachten und zu unterſcheiden: 1) Geiſt des Gottesdienſtes; ſeine Stellung im Ceremonialgeſetz; ſein Einfluß auf Geſinnung und Charakter. 2) Geſtalt und Gehalt der Gebetsformen [ſo reicht z. B. die Sitte des פְּלַנְיָאַ בַּר פַּלַנְיתִאָ ſchon ins zweite Jahrhundert hinauf, ſiehe Alfas (Frankf; 1699 in 24.) tom. I. fol. 108. a] Ausſprüche jüdiſcher Schriftſteller darüber. 3) Art des Gottesdienſtes; Meinungen nichtjüdiſcher Schriftſteller. Wenn die Behandlung dieſes Gegenſtandes, der nach Ländern und Zeitaltern verſchieden beurtheilt ſeyn will, in rechte Hände fällt, ſo würde eine pragmatiſche Zugabe in Beurtheilung gemachter Fehler, vereitelter Verbeſſerungen, und der Tendenz wirklich begonnener Aenderungen, eine erfreuliche Erſcheinung ſeyn. — wäre grade in der jetzigen Periode ein wünſchenswerthes, obſchon ſchwieriges Unternehmen.
Verlaſſen wir dieſe delicate Materie und vertauſchen den Unterthan der Kirche für den des Staates, ſo ſehen wir uns in das Feld der Geſetzgebung und der Jurisprudenz verſetzt, worin manches treffliche Werk von Juden geſchrieben für unſere wiſſenſchaftliche Bearbeitung dasliegt. Schon der Umſtand kann den Schriften über Staatsverfaſſung Intereſſe abgewin- 20 nen, daß ſie in Unterdrückung abgefaßt worden. So wäre es keine unbelohnende Unterſuchung, zu wiſſen wie das Weſen der פּוֹסְקִים *)entſcheiden'; von פסק Seco, decido. — ſich gebildet, und warum in den responsis Rabinorum **)Auch im Talmud; das bekannte הֲלָכָה כִּפְלוֹנִי muß auf hiſtoriſchen Boden fußen. — die Autorität ſich an gewiſſe Namen ***)Im Talmud hat theils die Hillelſche Familie, theils der jedesmalige Lehrer dem ſie folgt (z. B. ר׳ מֵאִיר und ר׳ עֲקִיבָא) das Uebergewicht. Die Trümmer der Differenzen zwiſchen der Schamaiſchen und Hillelſchen Schule, und die Mitglieder derſelben, verdienten zuſammengeſtellt zu werden. — gebunden. Noch intereſſanter iſt die Aufgabe die ganze Lehre von der culpa, die in den drei talmudiſchen בָּבוֹת ſo ſcharfſinnig durchgeführt iſt, ſyſtematiſch mit dem Römiſchen Recht zu vergleichen ****)Solche vergleichende Werke, wie ſie für das Moſaiſche Recht exiſtiren (ſ. die collatio aus dem 5ten Sec. Michälis Moſaiſches Recht, und Budei introd. ad hiſt. phil hebr. p. 485), werden bei den ſpätern vermißt, und wir haben hier nur zum Anfange das erſte beſte Beiſpiel aufgegriffen. Auch für den zum Grunde liegenden Rechtsſinn gäbe es intereſſante Parallelen z. B. über die Enterbung Inſtit. II. tit 13, init. mit Choſchen hammiſchpat §. 281, 1; über ein Gebäude worin einem andern geraubtes Material ibid. Tit. 1. §. 29 mit Choſch. Hamm. § 360, 1 und Baba Kamma fol. 94, b und 95, a. —. Verdienſtlich wäre ſchon eine hebräiſche juriſtiſche Termi- 21 nologie mit der entſprechenden römiſchen und helleniſchen. Die allmählige Veränderung des Jüdiſchen Rechts und ſeinen endlichen Untergang in das europäiſche darzuſtellen, kann erſt vielen einzeln vorzunehmenden mühſamen Unterſuchungen nachfolgen.
Größtentheils als Quelle ſowohl des religiöſen als des juridiſchen Prinzips kann die Ethik angeſehen werden, und es iſt wohl Zeit das Viele und Herrliche was im Talmud und ſpäteren Weiſen *)Maimonides — Bechaj der ältere — Nachmanides — Jacob genannt Tam — Albo — Schemtob — Joſeph Erklärer und Ueberſetzer der ariſtoteliſchen Ethik — Elias Vedas — Manaſſa ben Jsrael — Mendelsſohn u. a. — Manches Goldkörnchen in dem wenig geleſenen Buche Sohar nicht zu vergeſſen. — darüber geſchrieben, iſt ſachlich aufzuſtellen **)Das moraliſche Gefühl lebt in jedem Menſchen, und mit allen Variationen bleibt der Menſch — Menſch. Alſo knüpft auch das neueſte in der ethiſchen Litteratur ſich wieder an das alte rein moſaiſche an, und die Sentenzen des alten Teſtaments nach Cardinaltugenden zu ordnen, dünkt uns eine brauchbare, ſchon einem Anfänger mögliche Beſchäfftigung.; aber auch alles was dieſem widerſpricht oder zu widerſprechen ſcheint, wenn es von anerkannten Schriftſtellern ***)Nicht nur Leben und Zuſtand des Volkes will gekannt ſeyn; auch die Autorität, die die Schriftſteller aus ſeiner Mitte über daſſelbe gehabt, will es. Wo hat es nicht ſchlechte Autoren, und wo nicht Erſchei- nungen gegeben, die wirkungslos vorübereilten? Darum iſt eine innige Bekanntſchaft mit jüdiſcher Litteratur und Sitte erforderlich, um eine Jüdiſche Mo- ral zu ſchreiben. — herrührt, zu 22 beleuchten: Entdeckungen die dem Eiſenmenger die ſeinigen herauszugeben, erſpart haben würden. Von nicht minderem Gewicht ſcheint uns die Wiſſenſchaft oder vielmehr die Fertigkeit zu ſeyn, die theils aus moraliſchen Grundſätzen, theils aus conventionellen der menſchlichen Vereine, theils aus Regeln der ſogenannten Lebensweisheit beſtehend unter Humanität begriffen, und von manchem Jüdiſchen Weiſen gelehrt aber nur durch Erziehung in Verbindung mit den Wiſſenſchaften da erworben wird, wo glückliche Anlagen der bildenden Hand ſchon zuvorgekommen ſind. In tract. Sota — Soferim — Sabbath — Aboth — Derech-erez etc. ſo wie im Chobat hallebhaboth, Mibhchar Happeninim und andern iſt viel ſchönes hierüber zu leſen *)Unter andern ſteckt noch ein arabiſches Werk über die Sitten, das Gabirol Anno 1116 zu Saragoſſa verfertigt, in Oxford (Uri I. p. 66. cod. 358 in 8. chartac)..
Nachdem wir uns den Menſchen angeſehen haben, wollen wir auch den Erdbewohner in ihm unterſuchen, wie er ſeinen Planeten betrachtend Naturforſcher die Himmelskörper meſſend Aſtronom, die Meere befahrend Geograh iſt.
23 Bleiben wir bei dem Element aller drei ſtehen, bei der Mathematik, ſo ſcheint uns für die bedeutende Zahl jüdiſcher Schriften darin ein erklärendes Wärterbuch nöthig, zumal da jede oft ihre eigenen Ausdrücke hat *)Wobei manche intereſſante Parallele z. B. Cylinder: אצתונות — חוג גַשְׁמִי׳ — פלוש etc. des Joannes Pastritius Dtction. hebr. Math. et philos. ſteht bei Imbonat: unter 70 Werken dieſes Mannes (p, 127). Iſt es vorhanden?. Eben ſo willkommen würde eine Darſtellung der älteren Spuren derſelben im Talmud **)z. B. Erubin f. 13, b; f. 56, b; f 57, a. — Kilaj 5,5 etc. — und ihre Geſchichte in der neueſten Zeit ſeyn ***)Es hat z. B. ſchon hiſtoriſches Intereſſe daß i. J. 1794 Eliakim in London, ſich auf Green ſtüßend, Neuton zu widerlegen ſucht (in מלחמות ה ib. eod. fol. 14 b sqq). —. Eine noch größere Ausbeute, gäbe die Behandlung der Aſtronomie unter den Juden, der eine etymologiſche Unterſuchung der älteſten Begriffe, und eine Zuſammenſtellung der Fragmente aus etwa 80 Werken ****)Selbſt die chaldäiſchen Paraphraſen haben Trümmer; dasgleichen deß Machſor und andere namenloſe. als: רהז — הלכות גדולות — שו״ת — זהר etc. voranzuſchicken wäre, ehe man mit der wirklichen Litteratur die c. 1070 nach Chr. beginnt, den Anfang machte. Mit ihr ſcheint uns die Chrono- 24 logie *)Unter vielen nur folgendes: B. Abraham ben Chia's aſtronom. Werke hat ein Exemplar (Rivaut. I. p. 24. cod LXVI) die Angabe daß es Anno 896 den 22ſten des Omer an Freitag Mittag, w lches der 10te April ſei, verfertigt worden. Dieſer Tag trifft aber nach den Geſetzen des Jüdiſchen und Julianiſchen Kalenders auf den 27. März Vergl. Bibliot. de-Rossian. III p. 85 c 1165.! — verbunden werden zu müſſen, wollte man auch die Aſtrologie unberückſichtigt laſſen. Als ein, merkwürdiges Beiſpiel unter mehrern hat ſchon A. de Rossi **)So und nicht bei ſeinem hebräiſchen Namen min haadummim, nennt ihn ſchon Manaſſe ben Iſrael (im Conciliador I. p. 34); nur irrt er im Titel ſeines Werkes das er ſtatt Meor enajim, Mehirat — nennt. die in unſerer Note ***)Dieſe Stelle (bei de Rossi 57, b) Sohar (Amſterdam 1728, 5 Bd. in 8.) tom. III. fol. 10, a befindlich heißt wörtlich alſo: ובְסִפְרָא דְּרַב הַמְנונָא סָבָא פָּרִישׁ: יַתִּיר דְּהָא כָּל יְשׁוּבָא מִתְגַּלְגְּלָא בְּעִגּוּלָא כְּכַדּוּר אִלֵּין לְתַתָּא וְאָלֵין לְעֵילָא וְכָל אִינוּן בְּרַיְין מְשַׁוְּכִין בְּחִזוּיְיהוּ מִשְׁנוּיָא דְּאַוִירָא כִּפִּים כָּל אֲתַר וְאִתָּר וְקַיְמִין בְּקִיּוּמֵיהוּ כִּשְׁאָר בְּנֵי נָשָׁא וְעַל דָּא אִית אֲתַר בִּישׁוּבָא כַּד נְתִירוּ לְאִלֵּין חָשִׁיךְ: לְאִלֵּין לְאִלֵּין יְמָמָא וְלְאִלֵּין לֵילְיָא וְאִית אֲתַר דְּכֹלָּא יְמָמָא וְלָא אַשְׁתְּכַת בֵּיהּ לֵילְיָא בַּר מִשַׁעֲתָא חַדָּא זְעֵירָא: zu deutſch: „Obiges wird deutlicher im Buche Hamnuna's des Aelteren erklärt, daß nämlich die ganze Erde wie eine Kugel ſich um ſich ſelbſt dreht, Einige oben während Andere unten ſind. Alle Menſchen Dort ſind nach dem verſchiedenen Clima verſchieden geſtaltet in ihrem Aeußern, und bleiben wie alle übrigen in dieſer eigenthümlichen Geſtalt. So gibt's Oerter, wo es hell und Tag iſt, während in andern dunkel und Nacht iſt; ja einige wo ſtets Tag, und nur ein kleines Stündchen Nacht iſt." Durch dergleichen wird uns nicht nur Hamnuna ſelbſt, ſondern noch mehr ſein Buch, nnd folglich alle übrigen genannten Quellen des Sohar merkwürdig. רַב הַמְנוּנָא סָבָא, der nur ſelten redend eingeführt, und von deſſen Sohne eine ſo liebliche Schilderung gemacht wird, iſt angeführt tom. I. fol. 2, b Z. 5; 6, a Z. 8; 7, a Z. 6; ib. b med.; 8, a Z. 6 v. u.; aber wenn man das verdächtige Stück 211, b וַיְהִי bis 216. a תָּדִיר ausnimmt (s. 213 a Z. 2), erſt wieder 220, b Z. 3 v. u.; 225. b med.; 240, a Z. 10 v. u.; 250, a Z. 3. v. u. tom II 79, a med. 24, a med. 136, b Z. 5, 145, a Z. 10 v. u.; 203, b Z. 10. tom III fol. 94, b Z. 6 v. u.; 96, b Z. 6 v. u; 103, b Z 5 v.u.; 130, b Z. 10 v. u.; 173, a Z 6 v. u.; 186 med. not. 188. a Z. 2; 192, a Z. 2 wo jedoch kein Rome ſteht; 193 b med.; 198, a Z. 17; 199, a Z. 3 v. u. (קַדְמָאָה); 236, b Z. 6; 254, a med; 288, a Z 6. und auf dem Blat Zuſatze, a und סִפְרָא דְרַב המנונא סָבָא in tom. I. fol. 245, a Z. 11 v. u. und 246, a Z. 10. tom. II. 6, a Z. 15 v. u.; 146 b Z. 2 (קַדְמָאָה) 152 a med.; [ib 216, b Z. 12 u. 17 ס ה דְר׳ יְהוּדָא] ; 216, b Z. 15. — tom. III fol 3, a Z. 8 v. u.; 7, b med.; 10. a Z; ib. b Z. 4 v u. 17 a Z. 8 v.u 18, b Z. 15; 58, a Z. 10 und b unten; 71, a Z 10 v u; 155, b Z. 3; 262, a med.; 285, b Z. 15 v. u.; 290, b med. — Noch muß angemerkt werden daß tom. III. fol. 287, a Z. 8 אִגַּרְתָא und בָּרַיְתָא, und ib. 292, a [ 2 ] Z. 5 v. u. ſo wie 294, a med. סִפְרָא דְאִגַּרְתָא des Hamnuna vorkommt. Da dergleichen Quellen für das Zeitalter des Sohar (zwiſchen dem 9ten und 12ten Sec.) Anſichten geben, ſo wird es dem Forſcher nicht überflüſſig ſcheinen, wenn wir hier die anderen, die uns aufgeſtoßen, anfügen; zumal da aus mehrern bedeutende Fragmente eingeſchoben werden. סִפְרָא דְרַב יְיִבָא סָבָא I. 47, b; II. 6 a; 60 b; 206, b; 94. b — 114, a ein Fragment von ihm; III. 7, b; 155 b. — Deſſelben אְגַּדְתָא ib. 290 und 295, a. — — יְיסָא — I. 79 b; III. 34. b; 95, b. — [ יְיסָא זוּטָא I. 162, a ] — פְּרָקִין דְיְיסָא I. 226 a. — [ יְיסָא זְעִירָא II. 152, b ] — רָזֵי דְר׳ יְיסָא ם II. 79, a. — — דְאַגַּדְתָא — I. 221, a ( III. 269, a ) II. 37, a (4, b; 11, a) Mit dem Zuſatze דְבֵי רַב ib. 7, a. — רָזָא דְחָכְמְתָא I. 91, b; 93, a; רָזָא דְמַתְנִיתָא I. 150, b; III. 202, b; רָזֵי דְמְסָאבוֹת III. 79, a. — סִפְרֵי קַדְמָאֵ״ה I. 10, a; 34, b; 41, a; 184, a; 220, a; ; 234, b; II 35, b; 95, b; 231, a; 239, a III. 6, b; 10, a; 19, a 288, a. — אַתְוָון גְּלִיפָן דְּרַ׳ אֶלְעָזָר סִפְרָא דְּקַרְטְנָא III. 299 a med. — I. 33, b; III 285 a 286 b. — תְבוּרָא קַדְמָאָה (vielleicht nur Tradition?) III. 217, b ; 247, a etc. — סִפְרָא דִּצְנִיעוּתָא II. 47, b; 176, a; 176, b — 179, a ein Fragment daraus; III. 134, a zweimal; 140 b; 262, a: 291, a — רָזָא דְק׳ רְצַן ib. 175 a — צְנִיעוּתָא דִסְפְרָא II. 176 a; III. 128, a; 130; 131, a; 133, 135, a; 137; 138, b; 139 (dreimal); 146, b (zweim.) etc. Von pſeudonymen Schriften, die zum Theil noch vorhanden ſind, erwähnt unſer Buch: סִפְרָא דְאָדָם I. 58, b; 72, b; II. 131, a; 143, b (קַדְמָאָה) 181, a (desgl.); III. 10, a. — סִדְרָא אַחֲרוֹן לְאָדָם tom. I, 118, a. — ס׳ תוֹלְדוֹת אָדָם II. 70, b u. 71, a. — ס׳ דְחֲנוֹךְ I. 37, b; 55, b wo es als das Buch Raſſel vorkommt; 58, b; 78, b. — II. 55, a; 100, a; 105, b; 192, b; und 217, a. — III. 10, b; 236, b; 240, a; 248, b. — ס׳ דְרָזִין דְחֲנוֹךְ II. 180, b (zweimal). — סִדְרֵי קֶדֶם I. 199, b. — זִינֵי חַרְשִׁין דְּקַסְדָּאֵל קַדְמָאָה III. 144, b. — ס׳ דִּשְׁלֹמֹה מַלְכָּא I. 76, b; 13, b; 225, b; Anhang 2, b; III. 10, b; 65, b; 104, a; mit dem Epitheton עִלָּאָה ibid. 78, b; mit dem Einſchiebſel דְּחָכְמְתָא ib. 193, b. [Die angeführte Sentenz iſt: 3 Zeichen gibt es; blaſſe Farbe iſt das Zeichen der Sünde, — Redensarten das Zeichen der Thorheiten, — Prahlerei das Zeichen der Unwiſſenheit]. — Ferner II. 125, a; 139, a; 171, b. — סִדְרָא שְׁמָאִי III. 194, b; סִדְרָא דְּמַלְכָּא ibid. 77, a; ס׳ דְּחַרְשִׁין דְּאוֹלִיף א״ש לִשְׁלֹמֹה מ׳ ib. 43, a; ס׳ דְּחַרְשִׁין דְּאִשָּׁא II. 128, a; Mit der Phraſ. ס׳ דְּאֲנַח א״ש לִשְׁלֹמֹה מַלְכָּא III. 19, a. — Ein מַעֲשֵׂה אֵשׁ im Jahre 1161 geſchrieben iſt im Vatican (Bartol. I. p. 490). — Gaffarelli hat einen index zum Sohar verſprochen (Wolf I. p. 1143), und des abentheuerlichen Poſtell’s Ueberſetzung des erſten Theils liegt noch handſchriftlich in Bibliotheken. — Gebete des Hamnuna exiſtiren in Leyden (W. III. 234). — 25 a;usführlicher behandelte Stelle aus dem Buche Sohar angemerkt. Reiſebeſchreibungen und geo- 26 graphiſche Werke ſind von minderer Anzahl zwar und geringerem Intereſſe; aber noch manche to- 27 pographiſche Notiz *)Moſes Tibbon (ſ. Rivautella p. 3) nennt ſeine Vaterſtadt Granada רמון vergl. Koecher II. p. 269 zu Ende., ſelbſt Sprach-Bereicherung **)Nach Asſemani (Biblioth. orient I p. 174) kann man ſehr gut die Stadt Tagrit (Μαργυπολις) mit den Syrern מְדִינַת שַׁהֲרִים nennen. iſt aus dieſen Werken zu holen.
28 Ganz unbenutzt liegt der Naturkundliche Vorrath, der im Talmud *)Im Tractat Kilajim z. B. werden 53 Pflanzengattungen genannt; in Alfas I. fol. 117, a wird unter den Kleider- und Obſt-Inſecten unterſchieden: מְקָק (in Büchern), תְּכָךְ (im Zeuge), אַיְלָא (in Weintrauben), פָּהּ (in Feigen), הָהּ (in Granatäpfeln); Im Tractat Chullin Zootomie. verſteckt und bei Späteren **)Vergleiche z. B. Heydenheim’s erklärendes Vocabularium vor ſeiner Ausgabe des שער השמים לרלב״ג Rödelheim 1801 in 8. — Von antediluvianiſchen Knochen Sohar I. 62, a. —, die ausſchließlich dieſes Fach behandeln, anzutreffen iſt. Die unheilige Rabbiniſche Litteratur hat keine hierobotanica, hierozoica, physicas sacras aufzuweiſen, obgleich es billig geweſen wäre nicht ſtets vom Aberglauben zu ſchreien ohne ſeine Gegnerin, die Phyſik, angehört zu haben. Ihr zur Seite geht die Medicin, geſtützt auf die Kenntniß der Natur, des Menſchen (d. h. Pſycho- nebſt Anthropo- und Phyſiologie) und die geſchickte Anwendung dieſer Kenntniſſe: Aber noch wiſſen wir kein Beiſpiel, daß ein gelehrter Arzt ſich die Mühe gegeben hätte, uns die Schulen, die Entdeckungen, die Biographien und die Schriften der vielen älteren ***)Auf Befehl des Khalifen Marwan, hat ſchon im ſechsten Jahrhundert ein Jude, Namens Maſſeriawaib, Aaron's mediciniſche Werke überſetzt (Wolf. Bibl. IV. p. 903.). jüdiſchen 29 Aerzte auseinanderzuſetzen, und Imbonati’s *)C. I. Imbonati (Bibliot. latin. hebraea Rom 1694, fol. p. 512—516) gibt ein Regiſter von 130 chriſtl. Ueberſetzern; darunter ſind aber nur 70 die talmudiſche oder rabbiniſche Werke überſetzt haben, und die Zahl der überſetzten Schriften vermindert ſich, ſo wie die Anzahl der Chr. ſich vermehrt. Verzeichniß der Ueberſetzer weiſt kaum drei mediciniſche Werke auf.
Von der Kenntniß haben wir zur Be- nützung der Natur, nur einen Schritt: Aber ſelten haben Gelehrte es der Mühe werth gehalten, in die Technologie und Gewerbskunde ſich hineinzuarbeiten, — oder Fürſten in Syrien und Babylon Nachgrabungen zu veranſtalten. Darum ſind viele Stellen der Miſchna, beſonders der ſechsten Section, immer noch nicht erläutert genug. Induſtrie und Handel gehört hieher, deſſen älteſte Geſchichte, verglichen mit den Meinungen der geachtetſten Schriftſteller eine bedeutende Arbeit ſeyn möchte ans Licht zu bringen, und noch bedeutendere Folgen mit ſich führen dürfte. Irren wir in dieſer uns fremden Materie nicht, ſo läßt ſich in dem Syſtem des Papiergeldes noch manches auffinden deſſen Ausbildung den Juden angehört. Aber nicht bloß über die Benützung, auch über die Verſchönerung der Stoffe, über die Kunſt, beſitzen wir einige Schriften, zu 30 viel, wie es ſcheint, für die Kritik, die ſich daran geübt, — zu wenig, als daß wir nicht ſelbſt noch mithelfen müßten ihr Inneres und Aeußeres zu beſchreiben. Nehmen wir die Dichtkunſt aus, von der weiterhin die Rede ſeyn wird, ſo iſt vielleicht die Baukunſt die einzige noch, die einiger Aufmerkſamkeit ſich rühmen dürfte *)z. B. Tractat. Middoth des Elieſar ben Jal. lateiniſch von Const. l’Empereur.. Aber wir erinnern uns nicht, über die Buchdruckerkunſt unter den Juden eine hebräiſche Schrift erwähnt gefunden zu haben. Warum ſind nirgends Kal- ligraphiſche **)Sogar. über Mahlerei und Stickerei, wenigſtens aus neuerer Zeit, könnte ein Liebhaber etwas zuſammenbringen. Meiſterſtücke geſammelt worden? Die Werke über Muſik ***)Wie ſo haben die Melodien in der Jüdiſchen Liturgie ſich ſo allgemein verbreitet? — Abraham ben Chia (1100); נְפוּצוֹת יְהוּדָה (Venet. 1588, 4.); שִׁלְטֵי הַגִּבּוֹרִים (Mantua 1613 fol.) und andere reden über Muſik. Unſere erläuternden Werke nur von der ältern, — wie Sennert, Joel, Löwe, Forkel, Bartolocci (tom. II.) und die Einleitungen ins alte Teſtament. ſind größtentheils noch ungedruckt. Das Kapitel der Erfin- dungen ****)Siehe Spuren Joma c. 3. §. 11. Ueber ein von Juda aben Verga erfundenes aſtronomiſches Inſtrument iſt eine Handſchrift im Vatican; in Oxford eine Abhandlung des Jakob Tibbonides über Jsrael's Quadranten (Uri I, p. 86 cod. 440). iſt bis jetzt noch ein dürftiges; möge 31 das liberalere Zeitalter und die freiere Thätigkeit, deren wir uns erfreuen, es bereichern helfen.
Endlich greifen wir in das univerſale Leben der Nation ein, wo das vorübergehende von dem bleibenden, d. h. Geſchichte von Alterthumskunde zu unterſcheiden ſeyn wird; Aber woher ſollen wir der jüdiſchen Geſchichte den unpartheiiſchen Paul Sarpi zuführen? Zu einer vollſtändigen Erzählung der jüdiſchen Schickſale in allen Ländern ihres Aufenthaltes ſind die (auch größtentheils ſchon ausgeſchöpften) hebräiſchen Schriften eben ſo wenig zureichend, als die rühmlichſten Arbeiten neuerer Gelehrter wie Baſnage, Holberg, Prideaux u. a. Aus den entlegenſten Werken ſind Notizen herbeizuholen, und ſo wie das Volk zerſtreut iſt, iſt es ſeine Geſchichte. Auch ſind wir in Kenntniſſen und Jahren um ein Jahrhundert vorgerückt; der Stoff häuft ſich und die Hände werden weniger. Annalen wie die Ganſiſchen oder Preußiſchen in jedem Lande geführt, und wohl dirigirte Gemeinde-Bücher würden dem einſtigen Sammler allerdings ſeine Arbeit ſehr erleichtern. Ein gleiches iſt noch in den Antiquitäten nachzuholen, worin, vereinzelte Abhandlungen abgerechnet, nichts im Großen da iſt, was 32 mit dem Studium für althebräiſche *)Allein über die Kleidung der alten Hebräer haben Schröder, Salmaſius (vergl. de Wette’s Archäologie 160), Bünäus, de Rossi (p. 148 — 158), Bartholini, Braun und vorzüglich Hartmann meiſterhafte Unterſuchungen angeſtellt. Zeit ſich meſſen dürfte. Mühſam und langſam muß von der neueſten Zeit in die ältere geklettert, und auch da in die verſchiedenen Länder **)So vergleiche man nur die Chineſiſchen, Abyſſiniſchen, Deutſchen, Buchariſchen, Polniſchen ꝛc. Juden, von welchen vieles ganz im Dunkeln iſt. gedrungen und in jedem bedeutenden Zeitpunct der Grund zur Veränderung gezeigt werden, den das innere Leben des Volkes erlitten ***)Exilvorſteher, Geonim, Rabbinen, Conſiſtorien haben in der Kirche; die Regierungen in der Verfaſſung; Schriftſteller in der Denkungsart;, Beiſpiele in den Sitten Aenderungen hervorgebracht.. —
Sehen wir uns jetzt nach dem Hebel um, für die Handhabung und Aufſtellung dieſer Rieſenmaſſen, ſo begegnen wir der Sprache, welche der geringen Aufmerkſamkeit zürnend, alle ihre höheren Schätze uns vorenthält, und der Bemühungen ſpottet womit wir aus der Luft gegriffenen Theoremen Pythiſche Orakel abdringen wollen, über die Eigenthümlichkeiten eines weit verbreiteten Volkes. Denn die Sprache iſt die erſte Freundin, die, ſich herablaſſend, uns in die Stege zur 33 Wiſſenſchaft leitet, und die letzte zu der wir ſehnend zurückkehren; — ſie allein kann der Vergangenheit den Schleier abreißen, — ſie allein die Gemüther für die Zukunft vorbereiten: drum muß der Forſchende auch ihren Eigenſinn ertragen, und was Jahrhunderte erzeugt haben, kann von Jahrhunderten nur veredelt werden.
Wir fangen bei dem Beginn aller Sprachbildung, bei der Poeſie an, und ſo wie die ältere *)Nicht ſowohl ihr Inneres als ihr Aeußeres. Man vergleiche Asar de Rossi cap. 60. noch mancher, ſo entbehrt die jüngere aller **)Es iſt ſo viel Vortreffliches darin vorhanden (z. B. Ephraim Luzato — Moſes Chajim Luzato, Hartwig Weſſely, Alchariſi, Ibn Esra, Penini, Gabirol, Cohen u. a.) daß eine Metrik des jüngern Zeitalters einer Unterſuchung würdig iſt. Jakob Romanus hat eine hebräiſche Proſodie geſchrieben, worin er 1248 Arten der Gedichte aufſtellt (Buxt. Bibl. p. 109) wo iſt ſie? C. Luzato hat außer mehreren Sonneten, Ueberſetzungen aus Metaſtaſio, die an Lieblichkeit ihres Gleichen ſuchen — Warum werden die umher verſtreueten Gedichte Weſſely's nicht geſammelt? Eine Anthologie wie die Bettarleiiſche, aber nach keiner der hebräiſchen Dichtkunſt fremden Claſſification, — oder eine hiſtoriſch-chronologiſche wie die Idleriſchen, — oder eine nach Materien geordnete wie Teutona, worin Ueberſetzungen oder Nachahmungen von Originalpoeſien zu unterſcheiden wären, dürfte zu ſammeln nicht ſchwer fallen. Erläuterung. Manche nöthige Frage 34 z. B. ob die Juden in früherer *)Ein Dutzend Stücke aus dem letzten Jahrhundert, worin des M. C. Luzato לִישָׁרִים תְּחִלָּה (Amſterd. 1743; Berlin 1780; ib. 1799) als ein Stern erſter Größe hervorglänzt, ausgenommen; iſt uns nichts bekannt geworden. Zeit nichts Dramatiſches geſchrieben; — was für Dichter-Erzeugniſſe das erſte Jahrtauſend der chriſtlichen Zeitrechnung hervorgebracht; — wann unſere פִּיּוּטִים abgefaßt ſind; — was es mit der chaldäiſchen Poeſie für Bewandniß habe, u. m. dgl. iſt kaum noch aufgeworfen worden. Schlimmer noch ſind wir mit der Rhetorik oder vielmehr der Kunſt des Stiles daran. Je ſeltener die hebräiſchen Schriften über dieſen Gegenſtand ſind **)In Turin ligt ein Manuſcript des Juda Meſſer Leon über die Beredſamkeit נופת צופים betitelt (Wolf IV. p. 834). In Oxford ein anderes des Abu Harun Moses aus Granada, i. J. 1239 geſchrieben, welches Beiſpiele verſchiedener Versmaaße, und Abhandlungen über die arabiſche und hebräiſche Dicht- und Verskunſt enthält (Uri I. p. 97 cod. 499). Auch von Alchariſi, dem berühmten Ueberſetzer des Hariri, gibts theoretiſche Aufſätze über die hebräiſche Poeſie., deſto fleißiger ſolten die Regeln abſtrahirt werden, zumal da der hebräiſche Stil, ſeit einem Jahrhundert etwa, allgemeiner eine reinere und ſchönere Form gewonnen ***)Um hier nur einige vorzügliche Proſaiker zu nennen: Mendelsſohn (z. B. ſeine Vorreden zur Bibelüberſetzung, zum Commentar des Predigers, zur Erklärung des מִלּוֹת הִגָּיוֹן), Jiſai Beer (hebräiſche Ueberſetzung des Phädon, Brünn 1798, 8.), Iſaak Euchel (z. B. תּוֹלְדוֹת מֹשֶׁה), H. Weſſely, H. Homburg (Verfaſfer des אִמְרֵי שֶׁפֶר), Sam. Rominelli (מַשָּׂא בָעֲרָב), L. M. Büſchenthal (auch klaſſiſcher Ueberſetzer) u. ſ. w. Mit Auswahl auch J. Satnaw und mehrere Mitarbeiter an dem älteren מְאַסֵּף. Noch iſt B. Lindau hier zu erwähnen, beſonders wegen vieler glücklicher Ueberſetzungen ſchwerer phyſikaliſcher Ausdrücke in ſeinem רֵאשִׁית לִמּוּדִים. — M. C. Luzato ſchrieb ein Werk über den Stil לְשׁוֹן לִמּוּדִים Mantua 1726. Viele einzelne Unterſu- 35 chungen ſind in dieſem unangebaueten Felde noch anzuſtellen, z. B. über die oft mißverſtandene Natur der Hyperbel; *)Sie iſt nicht immer Uebertreibung, ſondern hat ganz verſchiedene Quellen, vielleicht auch ſtärkere Gluth der Einbildungskraft. denn, ſagt Simonis (Arc. form. hebr. p 638 not. φ) Hebraei natura aliis gentibus sunt ferventiores. Beiſpiele der Hyperbel (גּוּזְמָא, הַפְלָגָה, הֲבַאי) in Anekdoten ſ. Tract. Peſach fol. 118, b; — in Superlativen En Iacob I. fol. 77, col. b med. וְאָנֹכִי תוֹלַעַת etc. — in exſtatiſcher Schilderung Sohar III fol 205, a Z. 12; Tikkunim fol. 100, 134 אֶלֶף פִּיּוֹת וּבְכָל etc. die Schläfer wurden oft damit geweckt wie in Midraſch Rabboth zu Cant, 1, 15 zu leſen iſt Auch vergleiche man Salomon ben Aderath zu Tract Berach fol. 54 a אַל תִּקְרָא שֶׁבָּרַת אֶלָּא שֶׁרִבַּבְתָּ welches Mährchen auch Sohar (I. 171, b) citirt. — über das Talmudiſche רֶמֶז **)In umgekehrter Beziehung daſelbe mit אַסְמַכְתָּא die Unbekanntſchaft damit hat auch Fehler erzeugt, z. B. in den Alterthümern der Juden (1817, Berlin bei A. Rücker) p. 80 Z. 12 iſt zwar nicht die Sache (vergl. Tract. Sanhedr. fol. 43, a) a6.er die Nachweiſung (Pr. 31, b תְּנוּ שֵׁכָר לָאוֹבֵד) unrichtig und unverſtändlich. 36 über den ſpätern philoſophiſchen Stil *)Dieſen haben vorzüglich die Tibboniden gebildet. Man vergleiche einmal Ibn Esra’s philoſophiſche Schriften mit ſpätern. Manches ließe ſich noch in den Grundſätzen der Ueberſetzer und ihrer Geſchichte erläutern; vergl. Juda Tibbon’s und Jakob Achſaides Vorreden zu ihren Ueberſetzungen, desgl. Zarza’s מְקוֹר חַיִּים p. m 141, b. daß Joſeph Kimchi das Buch חוֹבַת הַלְּבָבוֹת überſetzt habe, wird zwar in keiner unſerer hebräiſchen Bibliotheken angemerkt, iſt aber dennoch gegründet. über den Unterſchied zwiſchen proſaiſcher Poeſie und poetiſcher Proſa **)z. B. Levita’s פִּרְקֵי שִׁירָה und viele gereimte Diction Späterer. Bei dergleichen Uebungen den Geſchmack zu verderben verlor man bisweilen das Gefühl für Poeſie gänzlich, und die Pſalmen wurden öfter kommentirt als verſtanden. Wäre hier der Ort dazu, ſo ließe ſich noch vieles über die Sprachkünſteleien, Wortſpiele, Akroſtichen, Lipographien und anderes Spielwerk beibringen, das auch wohl zur Entzifferung von Namen und Jahrzahlen, zur Kenntniß der Ausſprache ꝛc. ſeinen Nutzen hat. Siehe Kimchi’s Urtheil (radd. Venedig 1529 fol. col 399 voc. עתר über die Verfaſfer der פיוטים vom gewöhnlichen Schlage, welche merkwürdige Notiz wir einem wackern Kenner der hebr. Sprache zu danken haben. —; über die Litteratur des Ko- 37 miſchen *)Aechte Komik iſt in Satnaw’s מ׳ החזיון das, nach fol. 51 a Z. 5 v. u. zu ſchließen 1775 verfaßt worden iſt. Es iſt gedruckt Berlin in 8 und am Schluſſe befindet ſich ein Gedicht Weſſely’s. Parodien ſind Benſef’s סליחות zum Purimfeſt, מסכת פורים Venedig 1552. [Wolf II. p. 1270 kommen noch vier handſchriftliche vor, auch unter dem Namen מסכת שכורי בקבוק bei Uri I. p. 25. Beſonders hat man Immanuels מחברות zur ſatyriſchen Gattung zu zählen, und eine menge älterer und neuerer Epigramme die eine Sammlung verdienten. Nur dem Burlesken iſt die Sprache abhold. ꝛc. In der Gramatik iſt ſogar eine zweifache Arbeit! die verſäumte **)Warum hat der treffliche Geſenius in ſeiner Einleitung ſo ganz über die philologiſchen Bemühungen der Juden aus den letzten Jahrhunderten geſchwiegen? Wir nennen hier nur: den Wiederherſteller des grammatiſchen Studiums unter den Juden, Salomon Hanau; ferner Weſſely, Satnaw Joel Löwe, Pappenheim, Sal. Dubna, Heydenheim, Cohen, Benſef, Aſulai. Geſchichte der Jüdiſchen Grammatiker aus neuerer Zeit iſt nachzuholen, und ein Syſtem für den Bau der neuhebräiſchen Sprache ***)Einiges Wenige von Danz und Buxtorf kann nicht befriedigen. Ein Schickard oder Tychſen hätte darin arbeiten müſſen! vergl. Geſenius Einleitung p. 117, 123. aufzuſtellen. Ihm muß aber eine gelehrte chaldäiſche Sprachlehre ****)Herr Jeitteles hat uns eine verſprochen. Ueber die Zeit-Perioden in der chaldäiſchen Sprache iſt noch nirgends genügender Aufſchluß. vor- 38 ausgehen, und dann können wir vielleicht auf eine gründliche Geſchichte der hebräiſchen Sprache *)Die Quellen gehen bis in die Miſchna hinauf, wo wir zuerſt das neue vom alten geſchieden ſehen. Zwei Zeitalter in der alten Sprache hat bereits Geſenius entdeckt. und folglich auf philoſophiſche Parallelen **)Bis in die Ausſprache und Ortographie. Tract. Baba Mez. cap. 5. § 1 יַחְמִיר; Tr Sabb. f. 55, b אַל תִּקְרָא יְצוּעִי אֶלָּא יְצוּאִי damals ſetzte man alſo noch keine Vokale. zwiſchen dem alten und neuen Anſpruch machen. Aber auch dazu ſind noch der Hülfsmittel zu wenig; ein Forcelliniſches Lexikon ***)Da unſere Forderung dahin geht, daß das chaldäiſche, wenn es nicht der Neuhebräer recipirt hat, ganz ausgelaſfen und für ſich bearbeitet werden ſoll, ſo kann uns Niemand mit Levita (deſfen תִּשְׁבִּי und מְתוּרְגְמָן zu klein), Caſtle (deſfen Heptaglotton das Rabbiniſche übergeht), Aquinas und Nathan Ja- chiel († 1106) deren Werke faſt nur chaldäiſch enthalten), und ſelbſt Buxtorf nicht, aushelfen wollen. Letzterer war nicht genug Kenner der Dialekte, und läßt oft im Stich, z. B. das dunkele שריף (Tr. Berach. 62; die Parallelſtelle Tr. Chag. 5, b hat טְעִים kann dreifach erklärt werden [سرف suxit bei Golius] בְּגַדְתָּאָה (ib. fol. 54 b. Raſchi ſagt: aus Bagdad, welches unmöglich. Hier fühlt man die Vernachläſſigung der Eigennamen; אֲדְרָנִי (Tr. Sab. fol. 35, b) Malve? — נָתַן עֵינָיו בּוֹ etc. Tr. Barach fol. 58 a iſt unverſtändlich; und die Erklärung des מהרשא verbeſfert nicht; הַדּוּבִית; צִירִי etc. fehlt, welches 39 nur aus der zuſammengeſetzten Arbeit Mehrerer, die über einzelne Werke, Verzeichniſſe *)Für die Miſchna iſt dies ſchon vor Surenhus geſchehen; für den Talmud wäre es noch nöthiger; Bashuyse’ns clavis Talmud. Max. ſo wie הֲלִיכוֹת עוֹלָם und Const. l’Empereur’s Ueberſetzung deſſelben leiſten das nicht, was vollſtändige Regiſter des Sprachſchatzes leiſten. Ein angefangenes Talmud-Lexikon J. Randtorf’s ſteht bei Imbonati p. 418, a. — oder vielmehr Concordantien anfertigen, entſtehen kann. Daß die in Bibliotheken ſteckenden alten hebräiſchen Wörterbücher **)Dreimal (Uri I. cod. 460, 468. 470) liegt Tanchum's talmudiſch-arabiſches Lexikon (ein Exemplar A. 1388 geſchrieben von Saadias) in der Oxforder Bibliothek! Ebendaſelbſt (cod. 464), und in Turin (Rivaut. hebr. codd. 136, 139) zweimal, iſt Samuel Tibbons A. 1205 verfertigtes Lexikon ſchwerer philoſophiſcher Wörter. ein Vatican (Bart. IV. p. 310) liegt im J. 1295. geſchriebener codex שער הַאִגָדָה der die ſchwierigen Erzählungen im Talmud und den Midraſchim aufzulöſen ſucht. — Salomon Parchons: (A. 1161) Lexikon iſt in Wien (Nessel. cat. VI. p. 149 cod. 17) und in de Rossi’s Bibliothek; auch in der Oppenheimerſchen (Wolf I. 1037) war es. Ein trefflicher Beitrag iſt Or Esther der Gebrüder Bondi (Deſſau 1812 in 8. XXIV. und 274 S.) ſowohl für Etymo- als Lexikologie; vergl. die Vorrede. Ein anderer jüdiſcher Gelehrter arbeitet ſchon ſeit mehrern Jahren an ein rabb. chald. deutſches Wörterbuch; möge der Erfolg ſeine Mühe krönen! der Lexicologie nichts nützen, ſo lange ſie in ihrem Einſiedlerleben verharren, be- 40 darf wohl keines Beweiſes. Mißlicher noch ſteht es mit der Synonimik, worin kaum Einzelnes, das bei jüdiſchen Autoren *)Als Maimonides, Maimon, Samuel Tibbonides, Samuel Zarza, Mendelsſohn u. a. vorkommt geſammelt worden, und noch weniger als für die althebr. Sprache **)Sehr fleißig aber unfruchtbar ſind die Sammlungen von Plantavitius (der auch das chaldäiſche einſchließt) und Satnaw (Anhang zu שְׂפַת אֱמֶת Prag 1804, 8.) Bloß für das althebräiſche iſt S. Pappenheim’s יְרִיעוֹת שְׁלֹמֹה Prag 1804, 4. und das treffliche aber nicht umfaſſende und nicht ganz herausgekommene גַּן נָעוּל (Amſterd. 1765 und 66, in 8.) von Weſſely. Unbekannt iſt uns חוֹתָם תָּכְנִית des Abraham Badereſi, welches in Leyden liegt; Desgleichen das Buch אִמְרֵי נוֹאָשׁ von Salomon ben Meſchullam Aphira, das ſich über Synonime verbreitet und ein Reimlexikon enthält. Manuſcr. in Oxford (Uri I. p. 94, c. 481) und der Oppenh. Bibliothek (Wolf I. 1079). gethan iſt; und die Etymologie klagt vollends daß unſere meiſten Rabbiniſten das Orientaliſche und die Orientaliſten ***)Rühmliche Ausnahmen, die uns wohl bekannt ſind, abgerechnet, iſt es nur zu gegründet daß dieſe beiden Studien ſonſt öfter vereinigt geweſen ſind, um nur Hottinger, Caſtle, Schultens, Pococke zu nennen. das Hebräiſche liegen laſſen.
Und ſo erhalten wir denn endlich einen Ueberblick über den zahlreichen geſchriebenen Vor- rath, zu deſſen Kenntniß viel Nützliches, Treffli- 41 ches ſelbſt Großes in den Arbeiten der Gelehrten niedergelegt iſt, aber auch noch viel, ſehr viel hinzugethan werden kann. So könnte man die Diplomatik *)Daß dies nicht unnütz, beweiſt unter andern Uri, wenn er vom cod. 141. ſagt; tam impedite impliciteque scriptus ut nisi repuerascas ad noscitanda elementa vix ibi quicquam legas. Die Kurſivſchreibart die ſich in Deutſchland ausgebildet, iſt den meiſten Rabbiniſten, jetzt ſogar vielen Juden ſchon unbekannt, ob wir gleich nicht verlangen daß, den Nonnen des Mittelalters ähnlich, unſere Frauen ſollen codices ſchreiben. Jene Eſtellina die בְּחִינַת עוֹלָם in der Turiner Bibliothek abgeſchriebener (Rivaut. I. p. 21, cod. LIX.) ſoll nur die Männer beſchämen. vervollſtändigen, und nach bewährten Unterſchriften eine chronologiſche Reihe von Faci Simile’s verfertigen, um ſo nach ihnen. auch die undatirten Handſchriften zu beſtimmen. Verbindet man damit eine Geſchichte der Hand- ſchriften **)Höher als bis zum 12ten Jahrhundert ſcheint ſie nicht zu gehen vergl. indeß Wolf III. 137., die Autographen ſind ſehr ſelten, z. B. des Juda ben Schabthai hagiſi Werk von ihm ſelbſt A. 1449 geſchrieben iſt in Oxford (Uri I. p. 72 cod. 385 in 8. auf 200 Blättern). Wir wünſchen ein Verzeichniß der bekannten Schreiber, Correctoren und Vocalſetzer, wozu Levita (in שערי שברי לוחות) und Wolf (er hat 47 Namen im tom. II. p. 537—542) kleine Anfänge gemacht, und von denen die uns etwas Geſchriebenes hinterlaſſen, müßte die Hand bekannt gemacht werden. Das Schickſal eines codex zu wiſſen iſt keine [ 3 ] gleichgültige Sache; wenn nur jeder Bibliothekar oder ſonſtiger Gelehrte genau aufzeichnen möchte, wann, wo, von wem und in welcher äußern Geſtalt die Handſchrift die er bekommen, angeſchafft worden. und die ebenfalls noch zu erwar- 42 tenden Annalen der hebr. Typographie *)Siehe Wolf I. praef. 19, von einem handſchriftlichen Kataloge Jablonsky's. bis auf das Jahr 1697; und ib. II. 941 ff. de typ. Jud. ein Weniges de Rossi handelt nur von Ferrara und Sabionetta.. — ſo fehlen nur noch tüchtige, nach Art des Dibdin ſchen von der Spenceriſchen Bibliothek eingerichtete Cataloge von Privat- und Staats-Bücherſammlungen, um die nöthige vollſtändige Ordnung in der hebräiſchen Litteratur **)Wolf der ſich im dritten und vierten Bande ſeiner Bibliothek ſelbſt ſupplementirt, ſollte mit Köchers Zuſätzen, und denen des Lembergers Uri Zebi Blinſtein in ſeiner zweiten Auflage (1805, Solkowa, 4) des IV. ineinander verarbeitet werden. Das kürzlich zu Livorno erſchienene von dem berühmten C. D. J. Aſulai über die hebr. Litteratur verfertigte Werk iſt uns nicht zu Geſicht gekommen. Außer neuen Werken und neueren Ausgaben älterer, ſind auch ältere Schriften und viele übergangene Litterarnotizen nachzuholen; Manches Kapitel. iſt ganz aus den Bibliotheken hinauszuwerfen, ein anderes wieder einzuſchieben, und ſollten es auch nur die Grabſteine ſeyn, die der unermüdliche Wolf ſchon benutzt (IV. 1167 — 1219); aber Montfaucon (Diar. Ital. p. 57) des Anſehens nicht werth gehalten hat, und dafür lieber Jes. 35, 8 (die Eingangs-Inſchrift) abſchrieb. zu gewinnen, und mit größerer Luſt zu der kritiſchen 43 Bearbeitung *)Es weiß z. B. jederman daß die neueren Ausgaben des Talmud’s caſtigirt d. h. verſtümmelt ſind. Man benutze das Turiner Manuſcript (Rivaut. I. 21). Vergl. Koecher II. p. 41. Daß hiſtoriſche Data zu Varianten ſind, erhellt aus אוֹתְבִיהּ בְּמַתְנִי׳ zu רש״י (Tr. Sab. fol. 19 a), wo er zwei Leſearten nach לֵוִי und יִצְחָק בְּרִיהוּדָה anführt, welcher לֵוִי mit einer Variante auch Alfas I. fol. III. a — So ſollte ferner bald das ſelten gewordene מָסֹרֶת סְיָג לַתּוֹרָה, aber nach der Florentiniſchen Handſchrift (Bandini II. p. 262 cod. 34) herausgegeben werden; die 1446 geſchrieben, alſo 45 Jahr älter iſt als die älteſte Ausgabe von 1491 fol. die in der Oppenh. Bibliothek ſich vorfand (Wolf III. 194). des Vorhandenen, zumal des früher Vorhandenen, zu ſchreiten. —
Im Begriffe die Gründe für dieſe negative Litteratur aufzuſuchen, müſſen wir noch denjenigen entgegen kommen, die uns etwa einer Herabſetzung deſſen, was, um mit Schickard zu reden, in der rabbiniſchen Finſterniß geſchehen iſt, beſchuldigen möchten. Wir ſelbſt erklären ein ſolches Herfallen und Kopfſchütteln über die höchſt ruhmvollen und brauchbaren Arbeiten von Vorfahren und Zeitgenoſſen für das Merkmahl einer vornehmen Ignoranz, und gelinde genommen für Unverſtand. Nur Lücken anzumerken ſind wir gekommen, ein Studium wieder zu erwecken ſtrebend, das, obſchon mit ziemlich verfehlter Richtung, ehemals mehr als jetzt geblüht, wo es von 44 Jederman ſich ſelber überlaſſen wird. Es laſtet auf unſerer Wiſſenſchaft das allen übrigen gemeinſchaftliche Unglück der menſchlichen Unvollkommenheit nicht allein; ganz eigenthümliche Schäden ſind hier zu enthüllen, die theils jene Mängel theils dieſen Verfall herbeiführten und erklären.
Die Gleichgültigkeit gegen die rabbiniſche Litteratur iſt von doppelter Art. Entweder herrſcht ſie gegen die Gelehrſamkeit überhaupt, und dann iſt ihr nicht zu helfen, oder gegen die rabbiniſche allein; etwa aus der Meinung daß ſie nichts nütze, — daß nichts geſcheutes darin wäre, — daß man ſich den Geſchmack damit verdürbe, — daß man es nicht weit darin bringen könne, — daß ſie gottlos ſey *)Aehnliche Einwürfe ſind ja ſchon gegen die hebr. Litteratur im allgemeinen gemacht worden. Vergl. Hirts Oriental. Bibliothek Theil II. p. 358, ff. wo de Rossi gegen den alten Forſter († 1556) ſie in Schutz nimmt. Ebendaſelbſt (I. p. 221.) klagt ſchon ein Recenſent (im Jahre 1772) über die ſich immer verringernde Zahl des Rabbiniſchen kundiger Profeſſoren., oder gar daß ſie nirgends gute Aufnahme fände. Gewöhnlich artet ſolche neutrale Gleichgültigkeit in Verachtung aus, und es iſt keine fremde Erſcheinung daß Gelehrte völlig Parthey gegen unſere Wiſſenſchaft nehmen. Hätten ſie es doch nur immer gegen dieſe und nicht auch gegen ihre Urheber gethan! Aber ver- 45 werflicher als jene Gleichgültigkeit, empörender als dieſe Verachtung iſt die Partheilichkeit mit der man häufig an dieſes Studium ging, nicht aus Liebe ſondern aus Haß. Alles was auch nur oberflächlich *)Im index zu Schickard's von Carpzovius herausgegebenen ius Regium ſteht: Chronologia Judaeis odiosa — — 477; aber im Texte iſt nur von der Meſſias Berechnung die Rede. — Claud. Chappelain gab Paris 1667 in 12 ein mare rabbinicum infidum über die verſchiedenen Auslegungen und abweichenden Citate heraus! wie ein Zeugniß gegen die Juden und das Judenthum ausſah, war ein willkommener Fund; aus den Winkeln klaubten Gelehrte halbverſtandene Floskeln zuſammen, um ihre ewigen Gegner an den Pranger zu ſtellen, und bis vor 100 Jahren etwa gibt es kein Beiſpiel daß ein Doctor das Schöne und Gute aus der Hebräer Schriften einmal geſammelt hätte, um die Juden auch von der liebenswürdigen Seite darzuſtellen **)Sogar Fr. Becker wich dem aus. Was ihm bei Samniten., Spartanern, Sachſen, Karthaginienſern, Peruanern und Deutſchen edle Vaterlandsliebe und Tapferkeit heißt; verwandelt ſich bei den Juden in elenden Trotz und Verzweiflung..
Dank dir, Gott der Ewigkeit ***)Dii ultro nobis viam salutis ostendunt, nostrae nobis sunt inter nos irae discordiaeque placandae, Cic. de Har. resp. fin., ſolche Zei- 46 fen ſind vorüber! Eben ſo kühne als biedere Federn verbreiten jetzt wahre Volksaufklärung, und noch größere Regenten leihen ihre Würde den Federn und ihre Macht.
Neben dieſem fremden ging ein einheimiſcher Fanatismus *)So ließ einſt ein unſinniger Rabbiner, M. C. Luzato's treffliche Pſalmen in dem einzig vorhandenen Manuſcript verbrennen, aus Eifer für die Davidiſchen. — Getaufte Juden ſuchten vollends oft durch fanatiſche Verfolgung ſich einzuſchmeicheln: Man leſe z. B. des Friedrich Brentzius (vormals Samuel) 1614 zu Oettingen herausgekommene Schrift die den gräßlichen Titel führt: Jüdiſcher abgeſtreifter Schlangenbalg. einher, und nicht ſelten eine aus Bekanntſchaft mit der Sache erklärbare Sorglo- ſigkeit, welcher den trefflichſten Werken den Untergang bereitet **)Die ſiebentauſend Handſchriften reiche Oppenheimerſche Bibliothek (ſ. Wolf Bibl I. praef. und pag. 290 III. praef und p. 179). iſt untergegangen! aus unerhörter Sorgloſigkeit und noch ſchändlicherem Eigennutze untergegangen! Vieles ganz unerſetzliche, nur dort vorhandeme (z. B. שֶׁמֶן שָׂשׂוֹן in Lonzano's Or thora zitirt), und nicht einmal den Namen nach bekannt gewordene — man vernachläſſigte die Cataloge — iſt nun auf ewig dahin. — Wo iſt Manaſſe ben Jsrael's tractatus de scientia Talmudistarum und defensio Talmudis? Bekanntlich hat J. H. Hottinger ſich des hinterlaſſenen Apparats bedient. Wo des Schabthai Ambron's pancosmosophia und angefangene rabb. Bibliothek? Wo das ehemals in Berlin befindliche (Wolf I. 771) A. 1436 geſchriebene Exemplar der מַחְבֶּרֶת des Menachem Seruk? Wie ſteht es mit dem Ariſtobulus der nach A. de Rossi (fol. 52, a) †)Hier und in der Vorrede beklagt er ſeine Unkenntniß des Griechiſchen, und Buxtorf irrt Bibl. p. 108. in Florenz und dem Benedictinerkloſter zu Mantua iſt, und ihm nie zu erhalten gelang (ibid. 194, b)? Vergl. Wolf I. 215., und ſonſt guten Köpfen die Unbefangenheit geraubt hat, ihren Stoff mit rechten Augen zu beſehen. Wo auch der gute Wille war fehlte oft die klaſſiſche Bildung, ſo wie umgekehrt viele Gelehrte ſündigten, weil ſie ſich nicht 47 in den hebräiſchen Geiſt *)Um nur erſt mit den rechten Augen zu ſehen iſt es nöthig in der Sprache ganz zu Hauſe zu ſein, und Verſtöße dagegen können ſelbſt zu einem theoretiſch großen Gelehrten kein Zutrauen einflößen, z. B. wenn Montfaucon (diar. Ital. p. 407) ſagt: de Esau liber Rabbinicus cujus exordium אֲנִי הַצָּעִיר Ego Seir. — ‡ — Auch Mendelsſohn iſt falſch beurtheilt in Hirt's orient. Bibl. I. p. 71 ff. — heimiſch zu machen, und mit dem Autor fühlen zu lernen wußten.
Wenn aber in unſern Tagen viele Juden für das Studium der rabbin. Litteratur verloren ſind, ſo iſt es ganz ſchlichte Unwiſſenheit, erzeugt aus dem immer ſich verringernden Unterricht in der hebräiſchen Sprache. Theils bewirkt dies die ſchlechte Ausſicht auf einſtige Beförderung, der erleichterte Weg zu anderartigen Wiſſenſchaften, und die ſehr lobenswürdige Ergrei- 48 fang der Künſte und Handwerke, des Ackerbaues und des Militärdienſtes; theils aber auch Kälte gegen Religion überhaupt und gegen der Vorfahren Litteratur insbeſondere, der Wahn ſich mit der Beſchäfftigung derſelben zu entehren, und eine liebenswürdige moderne Ungründlichkeit, von der wir noch Einiges ſagen wollen.
Es iſt allerdings gegründet, daß in der Sache ſelber Verhinderungen liegen die ſelbſt den eingeweiheten Hebraiſten zu gefälligern Beſchäftigungen zurückjagen, als z. B. die Seltenheit der Codices, die nicht immer große Hoffnung auf Fortſchritte und Brod, der erſchwerte jüdiſche Buchhandel, das allgemeine Beiſpiel, und die Häufung des Studiums, da mit dem Hebräiſchen allein ſelten jemand ankommen darf: Aber umgekehrt iſt auch der Irrthum nicht ungewöhnlich, daß ein Paar Blicke in deutſche Schriften den Gelehrten vollenden, wozu die heutige Schreibewuth ſich geſellt um eine Art von Menſchen zu bilden, die in der Mitte ſtehen bleiben, zaudern, ohne Eifer ihr Studium ergreifen, oder nicht vorbereitet genug mit hebr. Schriften auftreten, die der Wiſſenſchaft ſchaden, und den Stoff unnütz vermehren. Der Eine ſündigt gegen Interpretation, Kritik und vorzüglich gegen Methode *)Dergleichen Sünden ſind ſogar beſſern Gelehrten nicht fremd; wie hätte ſonſt Carpzov in das jus Re- gium den ganzen jüdiſchen Scheidebrief aus מהר״ל hineinbringen können? Hieher gehören auch die unnützen Mühſeligkeiten als der Codex bei Uri I. pag. 96, 490 זִכָּרוֹן הפסוקים אשר ראשם וסופם אות אחת.; — 49 Der Andere geht kurſoriſch über ſein Thema hin, ohne gebührende Würde, — die Achtung gegen die Wiſſenſchaft und gegen die Leſer wird eben ſo wenig berückſichtigt als Wahrheit und Vollſtändigkeit; — ein dritter macht ſich es noch bequemer, er geht mit dem, was er ſucht ſchon an die Arbeit und freut ſich dann das Geſuchte gefunden zu haben *)Aus allen alten hebr. Schriften laſſen ſich z. B. mehr und wichtigere Zeugniſſe für als gegen die Behauptung aufbringen, daß das Frauenzimmer bei den Juden in Achtung ſteht. Stellen findet man freilich auch für Nonſens; es kommt aber darauf an was ſich fixirt hat und Anſehn gewonnen und dem Ganzen correſpondirt.; — ein vierter endlich ſcheuet die Mühe Hand ans Werk zu legen, weil ſeine Vorgänger ihm nicht vorgearbeitet, und ſo beſtätigt ſich was die Sprüche der Väter ſagen: Ein Verſehen erzeugt immer ein anderes! —
Bei ſolchen Erſcheinungen erklärt es ſich von ſelbſt warum wir bis jetzt keine befriedigende hebräiſche Litteratur beſitzen, und ſo bald auch nicht beſitzen werden; denn ſelbſt ausgerüſtet mit allen erforderlichen Anlagen, Kenntniſſen und Hülfsmitt- 50 teln, erzeugen wir in der Bearbeitung der Ideen ſtets neue Ideen und neuen Stoff; es erzeugt ſich die Bibliographie, die Kritik der Behandlung *)Die vielbeſprochene Maſora oder älteſte kritiſche Textbehandlung iſt noch nicht einmal überall hiſtoriſch erforſcht und gehörig erläutert. Hier nur Einiges: Tr. Sab. fol. 103, b: אלף אלף דאאזרך (Ies. 45, 5) Tr. Ned. fol. 38, a: In Paläſtina beſteht Ex. 19, 9 aus 3 Verſten — ib. fol. 37, b als Beweis des Ittur Sopherim ארץשמים מצרים, welches von R. Ascher, Nisim und Iarchy auf drei verſchiedene Arten erklärt wird. — Tr. Sab. fol. 28, b wird das defective מַקְרִן (Ps. 69, 32) und Sohar III. 52, b Z. 3 das Kethib שדין (Hiob 19 fin.) allegoriſirt. — Sohar I. fol. 35, a daß im ganzen erſten Kapitel der Genesis kein Samech vorkomme [das erſte iſt הַסֹּבֵב 2, 11]. und die Geſchichte nicht bloß von der Wiſſenſchaft, ſondern auch von der Geſchichte wiederum ſelber. Und ſo wie ſchon vorgefundene Materien, die wir als objectiv Aufzufaſſendes in die Wiſſenſchaft verflechten, urſprünglich die ſubjektive Behandlung einer ältern Idee ſind; ſo verwandelt ſich auch die eigene Kunſt, womit wir uns die Wiſſenſchaft aneigenen, für uns und die Nachwelt in neuen zu verarbeitenden Stoff.
Und über alle dieſe Räume der Wiſſenſchaft, über den ganzen Tummelplatz menſchlicher Thätig keit herrſcht mit ausſchließender Majeſtät die Philoſophie, überall unſichtbar, ſich aller menſchli- 51 chen Erkenntniß mit unverletzter Selbſtſtändigkeit hingebend. Und darum haben wir ſie nicht als ſpezielle Wiſſenſchaft, als den Inbegriff jüdiſcher Weisheit allein anſehen wollen *)Die Philoſophie iſt bei den Juden nie zu einer feſten Disciplin gediehen. Traditionelle Weisheit wurde mit der erlernten amalgamirt, und hellere Köpfe gewahrten bald, daß in wiſſenſchaftlichen Dingen der Talmudiſche Kanon keine Autorität haben kann, ſo wenig wie Joſua's Wunder gegen die Aſtronomie, wie dies Maimonides (More 3, 14) ausdrücklich ſagt. Die älteren philoſophiſchen Werke haben außerdem viel ethiſches und religiöſes Element; ſind auch meiſt arabiſch abgefaßt. Solche Originale ſollten benutzt werden. Ein Stück des arab. Textes vom More Nebochim (II. 25 bis III. fin.) iſt in der Pariſer Bibliothek (catal. l. p. 23 cod. 237); 5 vollſtändige Exemplare zählt Wolf (l. p. 859) ; die Maimonidiſchen Erklärungen zur Miſchna ſind auch noch arabiſch vorhanden (ſ. Surenhus, Mischna praef). Die lateiniſche Ueberſetzung Ed. Pococke's der הַפְּרָקִים iſt aus dem arabiſchen verfertigt. u. ſ. w.; denn ſie iſt auch die höhere geſchichtliche Kenntniß, wie dieſe Weisheit durch Jahrhunderte fortgegangen, und in Schriften niedergelegt von Juden und Nichtjuden behandelt und gemißhandelt worden iſt; — ja ſie iſt die höchſte Führerin, wenn wir ſelber es übernehmen die intellectuelle Größe des Volkes zu erkennen und das Erkannte wieder zu geben. Solchergeſtalt wird jedes hiſtoriſche Datum das der Fleiß gefunden, der Scharfſinn entziffert, die 52 Philoſophie benutzt, und der Geſchmack an die angemeſſene Stelle gebracht, ein Beitrag zur Kenntniß des Menſchen, welche allein der würdigſte Endzweck aller Forſchung iſt. Aber auch nur dieſe höhere Anſicht geziemt der Wiſſenſchaft, die, erhaben über alle Erden-Kleinlichkeit, Länder und Nationen überlebt; nur ſie kann uns einſt zu einer wahren Geſchichte der jüdiſchen Philoſophie *)Autoren wurden ſogleich zu Repräſentanten des ganzen Volkes gemacht, und auch darin unterſchied man nicht Zeiten, nicht Länder. Buddeus liefert nur eine Einleitung, und auch dieſe knapp genug. — führen, worin der Ideengang der Köpfe ausgemittelt und verſtanden **)Noch nicht erläutert iſt die Sekte der בייתוֹסִים (ſ. A. de Rossi 32, b; 33, b; 43, b; 45, a). — Das Büchlein Jezira iſt weder ſo klug noch ſo albern, als die Partheien es machen wollen. — Die meiſten die über die Kabbala hergefallen ſind, ſtolperten daran; am beſten geht es noch dem alten redlichen Reuch- lin. Sehr treffend ſagt Andreas Sennert (excercitt. phill. hept. alt. p. 139). Cabbala nobis alia est verior, indubitata atque divina; alia sequior hanc, media et humana, quae et Judaica dicitur vulgo; alia denique falsa, superstitiosa, immo daemoniaca. — Der Meſſias der, in den neueren Religionsbüchern der Juden vorkommt, und der ganzen Welt Heil und Glückſeligkeit bringen ſoll, iſt das verkörperte Dogma der Wünſche jedes redlichen Menſchen, und hat den ehemaligen Jüdiſchen Meſſias verdrängt, der nur noch als eine Form ſich herumbewegt. — und mit der paralle- 53 len umfaſſenden Ausbildung der Erde *)Z. B. dem Einfluß der arabiſchen Philoſophie, des grammatiſchen und aſtronomiſchen Studiums, der Scholaſtik, der Toleranzideen etc. nach den ſtrengen Vorſchriften der Geſchichte verfolgt werden muß.
Dieſe angenehmen Flüge in das Reich der Hoffnung ſoll uns kein Subaltern-Philoſoph mit ſeiner Frage nach dem Nutzen verleiden. Wenn nicht in ihren höchſten Beziehungen die Wiſſenſchaft in einer ehrwürdigen Größe **)Die Wiſſenſchaften, ſagt Home (Grundſätze der Kritik überſetzt von Meinhard 1790 Th. 2. p. 113), ſind unbeſchränkt, und unſer Trieb nach Erkenntniß hat ein weites Feld von Befriedigungen, wo unſere Entdeckungen bald durch das Neue, bald durch Mannichfaltigkeit, bald durch Nutzen, bald durch alles dieſes zugleich uns reizen., — jede einzelne nicht als integrirender Theil der geiſtigen Schöpfung erſcheint, dem haben wir nichts zu ſagen. Lieber wenden wir uns zu den feiner Fühlenden, zu den Edlen der Völker hin, die es wiſſen daß nimmer der Menſch ausruhen darf in ſeinem Gange aufwärts, — die weniger nach dem ſich umſehen was gethan, als nach dem was noch zu thun iſt. Noch manches Feld iſt zu bebauen, das jetzt mit Unkraut bedeckt, ***)Studium der hebräiſchen Litteratur iſt etwas von der die gemeinen Talmudquäler gar keinen Begriff haben. Die verwünſchte Klopffechterei oder der ſogenannte פִּלְפּוּל iſt erſt mit dem ſechszehnten Jahrhundert entſtanden und fand damahls viele und große Gegner (Zem. Dav. I. fol. 43, b). Die Entwöhnung von ſolchem Talmudiſmus und dem vulgo-Rabinismus unterſchreiben wir herzlich gern (ſ. Erg. Bl. zur Jen. allgemeinen Litt. Zeit. No. 88. p. 314 v. Jahre 1817). der 54 beſſern Pflege gedeihliche Erndte verſpricht; — noch manches ſchädliche Korn wird eingeſäet, und nimmt dem tauglichern Nachbar Wachsthum und Geſundheit; — noch manche reife Erndte wird vom Hagel der Leidenſchaftlichkeit, der Bosheit, der Afterweisheit niedergeſchmettert; — und manche ſelbſt gediehene Frucht liegt verſchüttet am Boden, oder vom Hochmuth kalt zertreten.
Wir ſchließen unſere Ueberſicht des Univerſalen, mit der Nachricht von einem einzelnen ungedruckten und bisher faſt unbekannten hebräiſchen Werke, das wir mit Unterſtützung des Herrn Dr. Phil. C. S. Günsburg jetzt bearbeiten und eheſtens herauszugeben geſonnen ſind. Es iſt dies nämlich das Sepher hammaäloth (liber graduum) des R. Schemtob ben Joſeph ibn Phialfera, eines berühmten ſpaniſchen Rabbi aus dem 13ten Jahrhundert. Theils aus gediegenen Betrachtungen des Verfaſſers theils aus gewählten Stellen älterer Philoſophen beſtehend, entwickelt es in einem reinen, gedrängten und doch fließen- 55 den Stile, die verſchiedenen Stufen der Menſchen, die Ausbildung ihres Verſtandes betreffend. Die Art der Behandlung ſchon verräth einen feinen, durch Lecture ausgebildeten, und bisweilen mit kühneren Meinungen zurückhaltenden Denker; aber es ſind noch anderweitige Nachrichten *)Namentlich in welchem hohen Werthe unſere Schrift Schemtob's bei Pico v. Mirandola, Jac. Gaffarelli, Joh. Buxtorf und Jac. Romanus ſtand. über Schemtob's Vorzüglichkeit vorhanden, von denen in unſern Prolegomenis zu ſeinem Buche, wird ein Mehreres beigebracht werden.
Da es uns aber, mancher Nachforſchungen ungeachtet **)Es iſt nicht bloß bei bedeutenden Bibliotheken (z. B. Göttingen, Leyden, Berlin, Kopenhagen, Rom, Wolfenbüttel u. a.) umſtändliche Anfrage geſchehen, ſondern auch in den allgem. Anzeiger eine Aufforderung dieſerhalb eingerückt. bis jetzt nicht gelingen wollte, außer dem in unſern Händen befindlichen Codex des genannten Sef. hamaäloth, irgend eine andere Schrift unſers Autors oder auch nur ein anderes Manuſcript des vorliegenden Buches zu erhalten; ſo werden wir eine zweifache Ausgabe veranſtalten. Eine lateiniſche ***)Unſere Gründe für dieſe Sprache werden in dem Werke ſelbſt näher auseinandergeſetzt werden. Man leſe die beherzigenswerthe Frage im Allg. Anz. d. Deutſch. 1817. N. 302, p. 3410. Edition ent- 56 hält den Text unſeres Codex auf das genaueſte abgedruckt, und iſt mit Prolegomenen, Anmerkungen und dem Fac-Simile der Handſchrift verſehen; in einer kleinern hebräiſchen hingegen wird nur ein zum bequemen Verſtändniſſe nach jenem eingerichteter Text enthalten ſeyn, wobei wir gern das vermeiden mögen, was einer der größten Männer levius et quasi desultorium emendationis genus nennt *)Fr. Aug. Wolf prolegg. ad Hom. p. IV; weil nemlich nur ein Codex Dienſte leiſtete.. Indeß ſind vielleicht einem künftigen Herausgeber die Umſtände günſtiger.
Nach der Strenge, die wir der Behandlung der Wiſſenſchaft im Großen anempfohlen, haben wir in unſerem beſondern Falle nicht minder zwar uns die Aufgabe zu vergegenwärtigen geſucht, die ein ſolches Werk zu löſen hat, um von der Critik nicht nur die theoretiſchen Knochen, ſondern vielmehr die ſchöne vollendete Form aufzuſtellen, an der nichts vermißt wird, ſollte es auch umhüllt ſeyn. Aber von ſolcher Vollendung weit entfernt, wünſchen wir nur daß dieſer unſer Verſuch Nachfolger hervorrufe, des Gegenſtandes würdiger, und näher dem Ziele. Denn es iſt uns nicht bloß 57 darum zu thun geweſen, ein wiſſenſchaftliches, durch Alter ehrwürdiges, durch ſeinen Verfaſſer ausgezeichnetes, durch Inhalt einladendes, durch ſeine Seltenheit dem Untergange leichter unterworfenes Product der Vergeſſenheit zu entreißen; ſchönere Hoffnungen halfen uns unſer mühſames Geſchäft verſüßen! die Hoffnung daß die Luſt zu gründlicher, fruchtbarer, mit dem ſteten Blicke auf's Ganze verbundener Bearbeitung der vorzüglicheren Werke jüdiſcher Nation, in dieſer ſtärker geweckt werden möge, — die Hoffnung auch daß eine Beleuchtung des Beſſern was die rabbiniſche Litteratur hervorgebracht, das Vorurtheil verbannen helfe, welches im allgemeinen gegen ſie eingenommen *)Schimpfen und Fluchen ziemt wohl dem Römiſchen Staatsmann gegen das feindliche Volk (ſ. Cic. p. Flacco in oratt. München 1699 tom. II. p. 339), nicht aber dem chriſtlichen Prediger gegen tolerirte Mitbürger (J. Fr. Röhr Hiſt. geogr. Beſchreibung des jüdiſchen Landes Zeitz 1816 p. 180). Auch der gründliche Fr. Rühs verurtheilt ſie — die Litteratur nämlich — zu allgemein und zu ſtrenge (Handb. d. Geſchichte d. Mittelalters. Berlin 1816 p. 170).. Wahrlich, daß wir ſo dreiſt in die Mitte der Schriftſtellerwelt treten, können unſere Talente nicht, kann nur unſer feuriger Wille, das Gute und Schöne zu erſtreben, in den Augen urtheilsfähiger und nachſichtsvoller 58 Leſer rechtfertigen. Drum ſei eine verſtändige Kritik dieſer Abhandlung uns ſehr willkommen, daß wir ſie nicht deßwegen für nicht bemerkenswerth halten müßten, weil ſie unbemerkt blieb *)Jeniſch.. —