I. Theil · Kapitel 1 · S. 1–7
I.
Wieder einmal zog die Kriegsfurie durch das deutſche Vaterland. Herzog Georg, der Reiche, von Bayern-Landshut war geſtorben (am 1. December 1503) und hatte, da er ohne männliche Nachkommen war, ſeinen Schwiegerſohn, den Pfalzgrafen Ruprecht, den Sohn des Kurfürſten Philipp 2von der Pfalz, zum Erben ſeines Landes eingeſetzt, trotz der beſtehenden Erbverträge, welche die weibliche Nachfolge ausſchloſſen und nach denen die Herzöge Albrecht und Wolfgang von Bayern=München die einzigen Erbberechtigten waren. Da ſich Pfalzgraf Ruprecht und deſſen Gemahlin Eliſabeth gewaltſam in den Beſitz der Bayern=Landshut'ſchen Lande ſetzten, ſo klagten die Agnaten beim Kaiſer Maximilian I., der zu ihren Gunſten entſchied, und, da ſein Entſcheid keinen Gehorſam fand, den Pfalzgrafen Ruprecht und deſſen Vater, den Kurfürſten Philipp, in die Acht erklärte. Der Acht-Erklärung folgte ein wüthender, verheerender Krieg. Nicht nur die Herzöge Albrecht und Wolfgang, ſondern auch der ſchwäbiſche Bund machte in Verbindung mit einem Theile der Truppen des Kaiſers auf die Landshut'ſchen Länder einen heftigen und verheerenden Angriff. Zu gleicher Zeit drang ein markgräflich-brandenburgiſches Heer, vereint mit den Truppen der freien Reichsſtadt Nürnberg in die Oberpfalz ein; der Herzog Ulrich von Württemberg und der Landgraf Wilhelm von Heſſen griffen von verſchiedenen Seiten die Unterpfalz an, während die Landsknechte Kaiſer Maximilians die kurpfälziſchen Beſitzungen im Elſaß und im Sundgau wegnahmen.
Zu den Kurpfälziſchen Beſitzungen im Elſ. gehörte auch das Städtchen Rosheim, ein ſchönes, gewerbreiches Städtchen, in der Nähe von Schlettſtadt, in dem ſchönen Thale der Mogel gelegen, wohlhabend durch ſeine von Kranken aus der Nähe und Ferne gern und häufig aufgeſuchten Mineralquellen, ſeine Baumwollwebereien, ſeine Ankerſchmieden und allerlei andere Gewerke. Der größte Schatz, das köſtlichſte Kleinod von Rosheim war zu jener Zeit ein Jude, Namens Joſelmann ben Gerſon, aus der Familie Loans. Die Familie 3Loans war eine in Jſrael hochberühmte2Ob wohl noch gegenwärtig Nachkommen dieſer einſt hochberühmten Familie exiſtiren? Das Mainzer Memorial-Buch feiert das Andenken eines Urenkels des Helden unſrer Geſchichte, der ebenfalls Rabbi Joſelmann hieß und durch Frömmigkeit und Gelehrſamkeit hervorragte; derſelbe ſtarb im Jahre 1671. Auch die Wormſer Memorial-Bücher erwähnen eine Urenkelin. Sollten etwa einige unſrer geehrten Leſer Kenntniß von den Nachkommen Rabbi Joſelmanns haben oder gar im Beſitze eines der vielen handſchriftlichen Werke des Genannten ſein, die namentlich im Elſaß einſt ſehr verbreitet waren, oder der Werke ſeines Sohnes Rabbi Moſcheh, der in Frankfurt a. M. lebte, oder ſeines Enkels, des berühmten Kabbaliſten Rabbi Elijahu baal Schöm (erwähnt im Zemach David und im Schöm haggedolim), der in Worms als Rabbiner im Jahre 1636 ſtarb, ſo bitten wir um gütige Mittheilung.. Der Stammvater derſelben war Rabbi Schelomoh Jizchaki, der große Erklärer von Bibel und Talmud (Raſchi). Aus dieſer Familie waren eine große Menge gelehrter und heiliger Männer hervorgegangen, die oftmals ihre Glaubenstreue mit ihrem Blute beſiegelt und ihr Leben zur Heiligung des göttlichen Namens geopfert hatten. Sie ſtammte aus Louans in Südfrankreich und hatte ſich nach der Vertreibung der Juden aus Frankreich im Jahre 1395 in Endingen in der Schweiz angeſiedelt. Hier wartete ihrer ein Ende mit Schrecken. Im Jahre 1471 tauchte eines jener entſetzlichen Mährchen auf, um derentwillen ſo viel unſchuldiges jüdiſches Blut iſt vergoſſen worden. Es wurde behauptet, die Juden hätten ein Chriſtenkind getödtet, um das Blut zum Peſachfeſte zu verwenden. Solche thörichte, wahnſinnige Behauptungen genügten, um die gräßlichſten Verfolgungen hervorzurufen. Rabbi Gerſon, der Vater Rabbi Joſelmanns, und drei Oheime deſſelben wurden eingekerkert; Rabbi Gerſon gelang es zu entfliehen. Den Andern erpreßten die fürchterlichſten Folterqualen, denen man ſie ausſetzte, Ausſagen, an 4welchen kein wahres Wort war; ſie wurden verbrannt.
Rabbi Joſelmanns Vater hatte ſich nach dem Elſaß geflüchtet und ſich in Oberehnheim (Obernay) niedergelaſſen. Aber nicht lange ſollte er hier Ruhe finden. Im Mittelalter gab es keine ſtehenden Heere. Wenn die Fürſten einander bekriegten, ſo warben ſie Söldner an, die ſie nach Beendigung des Krieges wieder entließen. Dieſe entlaſſenen Krieger, ohne Sold, ohne Einkommen, ohne Brod, durchzogen dann häufig raubend und plündernd das Land. Da hatten dann die armen, ſchutzloſen Juden am Meiſten zu leiden. So erging es den Jſraeliten des Elſaß im Jahre 1477. Nach Beendigung des Krieges gegen Carl den Kühnen, der in der Schlacht bei Nancy gefallen war, entließ König Ludwig XI. von Frankreich die Schweizer, die er in Sold genommen hatte. Auf ihrer Rückkehr in die Heimath beſchloſſen die Unmenſchen, zuvor mit wenig Mühe große Beute zu erlangen. Sie überfielen die Juden von Schlettſtadt, Bergheim, Kaiſersberg, Biſchheim, Amersweiler, Dürkheim, Colmar und Enſisheim, beraubten ſie, und tödteten ſie, wenn ſie ſich weigerten, zum Chriſtenthume überzutreten; 74 Perſonen, darunter Rabbinen, Frauen, Jünglinge, Jungfrauen, Knaben und kleine Mädchen haben bei dieſer Gelegenheit den Namen Gottes geheiligt, und den Tod dem Glaubenswechſel vorgezogen; nur ſechs Männer nahmen gezwungen die Taufe an, von denen jedoch fünf ſpäter zu ihrem Vater im Himmel zurückkehrten; nur Einer, der ſchon vorher ſich durch ein leichtſinniges, unfrommes Leben zum Schlechten ausgezeichnet hatte, blieb dauernd dem Judenthum fern und ſtarb ſpäter als Chriſt in Colmar. — Viele Jſraeliten, unter ihnen Rabbi Gerſon, der Vater Rabbi Joſelmanns und alle 5ſeine Familienangehörigen, hatten ſich nach der Feſtung Lützelſtein geflüchtet, und wenn ſie auch da viel zu leiden hatten von Hunger, Durſt und Kälte — es war im Januar und der Winter war kälter als er ſeit Menſchen Gedenken geweſen — ſo blieben doch ihr Leben und das Eigenthum, welches ſie mit ſich gebracht hatten, unverſehrt. — Schlimmer erging es Andern, die ſich ins Gebirge geflüchtet hatten, um ſich dort vor den Verfolgern zu verbergen. Die Kälte trieb ſie aus dem Gebirge hervor nach dem Städtchen Dürkheim im Elſaß. Hier flehten ſie die chriſtlichen Bewohner des Städtchens an, ſie zu verbergen. Dieſe hatten auch Anfangs Mitleid mit den Unglücklichen und nahmen ſie in ihre Häuſer auf. Als aber die Verfolger herankamen, fürchteten ſie für Leben und Habe und lieferten die armen Juden den wilden Söldnern aus. Die Armen wurden geplündert und ſollten dann gezwungen werden, zum Chriſtenthume überzutreten; aber alle, ohne Ausnahme, ſelbſt die kleinen Knaben und Mädchen, erklärten, lieber ſterben zu wollen; aber ſie warfen ſich zur Erde nieder und weinten und flehten, daß man ihres Lebens ſchone und kein unſchuldig Blut vergieße. Da gewährte die Habſucht der Söldner, die noch ſtärker war als ihre Mordluſt, den Unglücklichen einen kurzen Aufſchub. „Wenn Ihr“ ſprach der Anführer „bis morgen Mittag um dieſe Zeit Euch mit achthundert Goldgulden löſet, zehn Goldgulden die Perſon, ſo ſoll euch euer Leben geſchenkt ſein.“ So ſprach der Hauptmann; aber für die Unglücklichen war die Ausſicht auf Rettung gering denn alle Juden weit und breit waren getödtet, beraubt oder entflohen. — Die Stadt Mühlhauſen hatte vor den Söldnern ihre Thore geſchloſſen, und ſo waren die dortigen Juden von der Verfolgung verſchont 6geblieben. Daſelbſt wohnte ein frommer, edler, wohlhabender Mann, Namens Juda Bamis; als dieſer von der Ermordung ſeiner Glaubensgenoſſen hörte, da trauerte er, zerriß ſeine Kleider und ſetzte ſich mit all' den Seinen auf die Erde, geradeſo wie Jemand um einen nahen Verwandten, welchen der Tod hinweggenommen, trauert. Zu Juda Bamis kam die Kunde von den mit Tode Bedrohten zu Dürkheim. Da raffte er Alles zuſammen, was er an baarem Gelde beſaß, verkaufte noch Gold und Geſchmeide, bis er achthundert Goldgulden beiſammen hatte; dieſe übergab er ſeinem Knechte Namens Mordechai, und befahl ihm, ſich auf den Weg nach Dürkheim zu machen, um die Gefangenen auszulöſen. — Unterdeß war die vom Hauptmann der Söldner bewilligte Friſt verſtrichen, und lautlos gottergeben erwarteten achtzig Perſonen den Tod durch Mörderhand. Zwei Männer, einer Namens Benet (Benedict), der andere ein Gelehrter, ein vornehmer, hochangeſehener Mann, Namens Rabbi Zadok, ſollten zuerſt abgeſchlachtet werden. Sie knieten nieder, ſprachen das Sündenbekenntniß und entblößten den Hals dem Mordſchwerte der rohen Geſellen. Da rief es plötzlich: „Halt, Halt! ich bringe das Löſegeld!“ Der treue Knecht Mordechai war es; er war gewandert die ganze Nacht und den ganzen Vormittag ohne ſich Raſt zu gönnen. Jetzt ſtürzte er nieder zu den Füßen des Hauptmannes, den goldgefüllten ſchweren Beutel hoch emporhaltend. Und die Räuber waren ehrlich, ſie nahmen das Geld und entließen die Gefangenen, welche der treue Mordechai in das Haus des Juda Bamis nach Mühlhauſen führte, woſelbſt ſie ſich von allen ausgeſtandenen Drangſalen erholten. Nur jener Benet, der ſchon das Schwert gegen ſeinen Hals ausgeſtreckt geſehen hatte, war in Folge des Schreckens 7ſtumm geworden und erlangte erſt nach einem halben Jahre die Sprache wieder. Groß war die Freude des Juda Bamis, daß es ihm vergönnt war, ſo vieler Menſchen Leben zu retten, und er entließ die Geretteten, die er mit allem Nöthigen verſorgte, nicht eher, bis jede Gefahr vorüber und der Letzte der Schweizer-Söldner hinweggezogen war. Und Gott ſegnete den edlen Mann mit großem Reichthum und großem Anſehen, ihn und ſeine Nachkommen; denn wer Leben und Vermögen wagt, um Unſchuldige vom Tode zu erretten, der genießt die Früchte ſeiner guten Thaten in dieſer Welt; der Hauptlohn bleibt ihm aufbewahrt für die zukünftige Welt.
Rabbi Gerſon Loans kehrte, als er die Feſtung Lützelſtein verließ, nicht nach Oberehnheim zurück, ſondern ließ ſich in Rosheim nieder, wo ihm ein Sohn geboren wurde, den er Joſeph — mit dem Beinamen Joſelmann — nannte. Dieſer Joſeph ſollte, wie einſt der erſte dieſes Namens in Aegypten, ein Befreier, Erretter und Verſorger ſeines Volkes werden.
I. Theil · Kapitel 2 · S. 7–13
II.
Ueber die erſte Jugend Rabbi Joſelmann's iſt uns keine Nachricht aufbewahrt worden; wir kennen nicht einmal das Jahr ſeiner Geburt. Da er aber, ſeinen eigenen Aufzeichnungen nach, zur Zeit der Flucht ſeiner Eltern nach Lützelſtein (1477) noch nicht geboren war, zur Zeit des Beginnens unſerer Geſchichte, während des Bayern=Landshut'ſchen Erbfolgekrieges, in den Jahren 1503, 4 u. 5, bereits als ein angeſehener Mann an der Spitze eines eigenen Haushaltes ſtand, ſo iſt anzunehmen, daß er bald nach der Niederlaſ8ſung ſeiner Eltern in Rosheim, alſo etwa im Jahre 14781Alſo vor nunmehr 400 Jahren., iſt geboren worden. Wir wiſſen auch nicht, wer ſein Lehrer im Talmud und in der Kabalah war; jedenfalls muß er ſchon früh einen vorzüglichen Unterricht in beiden, ſo ungemein ſchwierigen Wiſſenſchaften genoſſen haben, da er in ſpäteren Jahren als einer der bedeutendſten Talmud=Gelehrten allgemeine Anerkennung fand, was in einer Zeit, in welcher Rabbi Moſes Berab, Rabbi Joſeph Karo, Rabbi Jizchak Arama, Don Jizchak Abarbanel, Rabbi Salomo Luria und viele Andere von gleichem Rufe blühten, von nicht zu unterſchätzender Bedeutung iſt. Aus einer Bemerkung eines Enkels Rabbi Joſelmanns, des berühmten Rabbi Elijahu Loans, genannt Baal Schem, in ſeiner Vorrede zu dem noch ungedruckten Sohar=Commentar Adereth Elijahu, dürfen wir folgern, daß Rabbi Joſelmann von ſeinem eigenen Vater, Rabbi Gerſon, ſowohl in der ſchriftlichen als auch in der mündlichen Lehre, ebenſo wie in der Kabalah iſt unterrichtet worden.
Flüchtlinge kamen nach Rosheim und brachten die Schreckenskunde, daß die Kurpfälziſchen Schaaren geſchlagen und die im Dienſte des Kaiſers ſtehenden, ſiegreichen Landsknechte, raubend und plündernd herbeizögen, gerade auf Rosheim los; in wenigen Stunden ſchon würden ſie dort ſein. Da verſammelte Rabbi Joſelmann die jammernden und wehklagenden Juden.
„Freunde“, redete er ſie an, „nicht kann das Jammern und Klagen uns nützen; wir müſſen unter göttlichem Beiſtande das drohende Unheil abzuwenden ſuchen. Vielen von euch iſt noch die Noth und das Elend erinnerlich, welches die Schweizerſöldner des Königs von Frankreich über 9unſere Väter gebracht haben. Aehnliches, vielleicht noch Schlimmeres bedroht uns heute. Deßhalb iſt mein Rath, daß wir den Söldnern des Kaiſers entgegenziehen und einen Vertrag mit ihnen ſchließen. Vielleicht gelingt es uns, ſie mit einem Theile unſrer Habe zufrieden zu ſtellen.“
„Ich bin der Mann, der das Elend ſah,“ ſagte der greiſe Rabbi Zadok, „gegen meinen entblößten Hals war bereits das Mordſchwert der Söldner erhoben. Thuen wir alſo, wie unſer junger Freund, Rabbi Joſelmann, uns räth. Geben wir hin, was wir zu geben vermögen und retten wir unſer Leben und das unſerer Frauen und Kinder. Geld und Gut kann des Allgütigen Gnade uns bald erſetzen.“
„Wer aber wird es wagen“, fragte Raphael von Bergheim, „den reißenden Beſtien entgegenzugehen, ihnen in den Rachen zu laufen, um wahrſcheinlich als erſtes Opfer ihrer Wuth zu fallen?“
„Ich werde gehen“, ſagte Rabbi Joſelmann.
„Gott ſegne Dich mein Sohn“, ſprach Rabbi Zadok; „ich aber laſſe Dich nicht allein gehen; ich werde Dich begleiten.“
„Geſtattet mir“, nahm Raphael von Bergheim das Wort, „daß auch ich meinen Antheil habe an dem guten Werke; es iſt doch beſſer, wenn drei gehen als zwei.“
„Ich danke Euch, Raphael“, ſagte Rabbi Zadok, „für Euren guten Willen und nehme Euch gern zum Begleiter. So laßt uns denn eilen, die Zeit drängt.“
Da riefen die Verſammelten wie aus einem Munde in hebräiſcher Sprache: „Gott ſchütze Euren Ausgang und Euer Heimkommen von nun an bis in Ewigkeit!“
„Amen!“ ſprachen die drei und machten ſich auf den Weg nach Schlettſtadt zu, woher die 10Landsknechte kommen ſollten. Vorher hatten ſie ein weißes Tuch an einer Stange befeſtigt. Raphael von Bergheim trug die Parlamentär-Fahne.
Als nun die drei in großer Aufregung dahin ſchritten, nahm Rabbi Joſelmann das Wort:
„Wir ſollten“, ſagte er, „nun eigentlich überlegen, wie wir mit den Landsknechten verhandeln und welche Summe wir ihnen bieten; allein das wäre nutzlos, da wir nicht wiſſen, ob ſie uns ſofort niedermachen, und wenn nicht, wir doch jedenfalls die Bedingungen annehmen müſſen, die ſie uns auferlegen. Wir wollen deßhalb lieber Alles unſerm Vater im Himmel anheimſtellen; wenn Er uns ſchützt, werden wir glücklich den Klauen des Löwen entkommen. Deßhalb wollen wir uns lieber von der heiligen Gotteslehre unterhalten, von der unſre Weiſen, geſegneten Andenkens, ſagen, daß ſie der beſte Schutzengel Jſraels auf allen ſeinen Wanderungen iſt.“
„Ich bewundere Dich, Rabbi Joſelmann,“ entgegnete der greiſe Rabbi Zadok, „nicht nur Deinen hohen Geiſt, Deinen durchdringenden Verſtand, Dein wunderbares Gedächtniß, ſondern namentlich Deinen edlen, frommen, gottergebenen Charakter. Du wirſt noch einſt ein Großer in Jſrael werden. Sprich und laß uns hören die Lehren Deines Mundes, denn Honig und Milch ſind unter Deiner Zunge.“
„Ihr beurtheilt mich zu liebevoll, Rabbi Zadok; Eure Liebe zu mir trübt Euer Urtheil. Als unſre Brüder den Vers aus den Pſalmen: „Gott ſchütze Deinen Ausgang und Dein Heimkommen“ uns zuriefen, da fiel mir ein räthſelhaftes Wort unſrer Weiſen im Midraſch ein. Es heißt nämlich in der heiligen Schrift: Geſegnet ſeieſt Du bei Deinem Kommen, geſegnet bei Deinem Gehen. Dazu bemerkt der Midraſch Rabbah: Geſegnet 11ſeiſt Du bei Deinem Kommen — in Deinen Geſchäften, geſegnet ſeiſt Du bei Deinem Gehen — in Deinen Geſchäften. Und David erklärt's: Gott ſchütze Deinen Ausgang und Dein Heimkommen.“
„In der That“, ſagte Rabbi Zadok, „ein ſchwieriger Midraſch. Was ſagt David denn mehr als die Thora ſagt?“
„Nach meiner Meinung könnte man den Midraſch in folgender Weiſe erklären: Im Anfange des Tractat Peßachim ſagen die Weiſen: Immerhin ſuche der Menſch bei Tag heimzukommen und bei Tag fortzugehen. Die Stammväter meines Geſchlechts, die Baale Toßaphot werfen die Frage auf: es ſollte doch umgekehrt heißen: immerhin ſuche der Menſch bei Tage fortzugehen und bei Tage heimzukommen, da man doch erſt fortgeht und dann heimkommt. Die Antwort der Toßaphot auf dieſe Frage iſt ungenügend. Nach meiner Meinung könnte man die Talmudſtelle ſo erklären: wenn der Talmud erſt vom Fortgehen und dann vom Heimkommen ſpräche, ſo könnte man meinen, das gelte nur für den Anfang und für den Schluß der Reiſe, etwa als gute Vorbedeutung, wie es der vom Talmud gebrauchte Ausdruck für Tag, ki tob — daß es gut ſei — anzudeuten ſcheint. Da aber die Gemara mit dem Heimkommen beginnt, ſo verſetzt ſie gleich in die Lage des Reiſenden, der ſchon unterwegs ſich befindet, und der Rath der Weiſen bezieht ſich auf jedes Fortgehen und jedes Heimkommen während der ganzen Reiſe.“
„Sehr richtig“, ſagte Rabbi Zadok, zuſtimmend.
„Wenden wir das nun auf unſern Midraſch an. Der Midraſch will den Ausſpruch der Thora: geſegnet ſeiſt Du bei Deinem Kommen, geſegnet bei Deinem Gehen — erklären; ein anderer Midraſch deutet es auf das Kommen in die Welt, auf 12das Fortgehen von der Welt, alſo auf Geborenwerden und Sterben. Unſer Midraſch will es aber auf jede Reiſe, jeden Geſchäftsgang gedeutet wiſſen; dann wäre aber doch zu fragen, wie die Toßaphot auf die Gemara fragen, warum ſpricht die Thora früher vom Heimkommen als vom Fortgehen? Und da lehrt uns der Midraſch, daß gerade dieſe Ausdrucksweiſe nicht das Einmalige, ſondern das Immerwährende andeutet. David aber, der zuerſt vom Weggehen und dann vom Heimkommen ſpricht, iſt gerade deßhalb genöthigt hinzuzufügen: meatta wead olam, von nun an bis in Ewigkeit; daher ſagt der Midraſch: und David erklärt's, daß nämlich auch das Thorawort einen immerwährenden Segen Gottes bei jedem Heimkommen und jedem Ausgange in ſich ſchließt.“
„Ich glaube“, ſagte Rabbi Zadok nachdenkend, „Du haſt den Sinn des Midraſch richtig erfaßt und wiedergegeben. Wahrlich, das iſt die echte Ehrerbietung gegen die Thora, wenn man ihren Worten ſolche tiefe Forſchung widmet und den heiligen und erhabenen Lehren nachdenkt, die jedes Wort, jede Ausdrucksweiſe bietet.“
„Verzeiht, Rabbi Joſelmann“, nahm Raphael, der ein Ungelehrter war, das Wort, „ich habe den Sinn Eurer Worte nicht ganz erfaßt.“
„Wenn Rabbi Zadok erlaubt, ſo will ich es noch einmal ſagen und mich bemühen, deutlicher zu ſein.“
„Dazu iſt jetzt nicht Zeit“, entgegnete Rabbi Zadok, „denn dort oben auf der Höhe wird das Fähnlein der Landsknechte ſichtbar. Sei uns gnädig, allgütiger Gott!“
„Hebt die weiße Fahne hoch, Raphael!“
Die drei ſtanden ſtill und Raphael that wie ihm geheißen war.
13Rabbi Joſelmann hob die Hände empor und rief mit lauter Stimme:
„Allgütiger Gott, um meiner frommen Väter willen, die vor Dir gewandelt, ſtets und immer, gib unſerm Vorhaben Gelingen!“
Und Rabbi Zadok ſprach:
„Herr, mein Gott, ſei eingedenk, wie ich meinen Hals dem Mordſchwerte bot zur Heiligung Deines großen Namens und laß uns Gunſt finden in den Augen unſrer Dränger!“
Raphael ſagte nichts; aber er ſchwenkte eifrig die weiße Fahne.
I. Theil · Kapitel 3 · S. 13–19
III.
Von der Höhe zogen die Landsknechte hernieder. An der Spitze des Haufens marſchirte der Hauptmann Hans Frühauf aus Sachſen; neben ihm ſchritt der Fähnrich Jörge Liebenauer aus Schleſien, die zuſammengerollte Fahne tragend; der Locumtenens (Lieutenant) Fritz Stolpe aus Pommern war Tags zuvor in der Schlacht gefallen; ſein Platz war noch unbeſetzt. Vor ihnen breitete ſich das liebliche Thal aus, durch das die Mogel fließt, deren Gewäſſer im hellen Sonnenſcheine glitzerte; an den Ufern der Mogel ſtreckte ſich das Städtchen Rosheim hin. Es war ein entzückender Anblick; aber die harten Herzen der wilden Kriegsknechte rührte die Schönheit der Landſchaft nicht.
„Jochen!“ rief der Hauptmann einen der Knechte herbei, „biſt Du nicht aus hieſiger Gegend?“
„Gewiß, Hauptmann,“ antwortete der Angeredete, ein Doppelſöldner, „in Bergzabern bin ich geboren.“
„Kannſt Du mir ſagen, wie man das Städtlein nennt, das da im Sonnenſchein liegt und ob viel Beute dortſelbſt für uns zu erwarten ſei?“
14„Das Städtlein kenne ich wohl; man nennt es Rosheim, und viele Juden gibt es dort; ich denke, da gibt es Goldfiſche zu fiſchen.“
Der Hauptmann ſchützte mit der Hand die Augen vor der blendenden Sonne und ließ den Blick über die Gegend ſtreifen.
„Hei,“ rief er, „dort ſtehen drei Männer, und einer von ihnen ſchwenkt die weiße Fahne. Trommler! rührt die Trommel. Das Fähnlein ſoll antreten wie zum Kampfe!“
Der Trommler ſchlug, die Führer ſprangen vor und ordneten ihre Rotten zu viereckigen Schlachthaufen, Jörge, der Fähnrich, entfaltete die Fahne, umgeben von den ſtärkſten Knechten, welche rieſige Schlachtſchwerter führten; vor die Spießträger traten die Knechte mit den Feuerrohren (Schießgewehren). Dann dröhnte die große Trommel zum zweiten Male, der ganze Haufen fiel auf die Knie, jeder der Knechte ſprach mit gehobener Waffe ein ſtilles Gebet und warf, um ſich für den Tod zu weihen, eine Handvoll Erde über ſich. Als der Hauptmann aufſtand, gab er dem Fähnrich das Zeichen. Der ſchwenkte das Fahnentuch in der Luft und rief den alten Schlachtenruf der Knechte: „Wohl über ſie, Herr!“ und „über ſie, Herr!“ ſchrie der Haufe nach, und vorwärts ging es mit ungeſtümen, wuchtigen Tritten, ſo daß die Erde erdröhnte.
Die drei Männer ſahen das Gebahren der Landsknechte, ſahen die Läufe der Feuerwaffen gegen ſich gerichtet, und zwei von ihnen erzitterten.
„Laßt uns fliehen!“ ſtammelte Raphael.
„Ja, laßt uns fliehen,“ ſagte Rabbi Zadok, „ſie wollen keinen Frieden.“
„Um Gotteswillen ſteht und geht nicht von der Stelle,“ mahnte Rabbi Joſelmann. „Was 15könnte die Flucht uns nützen? Sie würden uns bald eingeholt haben!“
Und die beiden Andern, die Wahrheit der Worte erkennend, folgten der Mahnung. So ſtanden die drei Männer und erwarteten, anſcheinend ruhig, die Ankunft der wilden Knechte.
„Halt!“ rief der Hauptmann. „Ihr ſeid tapfere Männer, da Ihr nicht in wilder Flucht davon gelaufen. Schade, daß Ihr Juden ſeid; denn das ſeid Ihr ja wohl!“
„Wir wiſſen,“ antwortete Rabbi Joſelmann, „daß die frommen, deutſchen Landsknechte die weiße Fahne reſpectiren.“
„Wohl geſprochen, Jude! Was wollt Ihr?“
„Wir wollen einen Vertrag mit Euch ſchließen. Wir wollen Euch an baarem Gelde, was wir nur irgend aufzubringen vermögen, freiwillig geben, um unſere Häuſer vor Plünderung zu ſchützen.“
„Daß wir Narren wären und uns mit einem Theile begnügen, da wir doch Alles haben können.“
„Ihr irrt Euch, Hauptmann! Unſere Schätze ſind wohlverwahrt, und Ihr würdet ſie vergeblich ſuchen.“
„Da gibt es noch Mittel, Euch zum Reden zu bringen.“
„Unſere Männer ſind ſtandhaft, und unſere Weiber und Kinder kennen die Verſtecke nicht.“
„Was bietet Ihr uns?“
„Dreihundert Goldgulden.“
„Gut, ich werde Euren Antrag zur Berathung bringen.“
Er winkte mit der Hand, und die Juden entfernten ſich. Da rührte der Trommler die große Trommel, und die Knechte bildeten einen Ring. In der Mitte ſtand der Hauptmann; der Platz zu ſeiner Rechten, wo ſonſt der gefallene Locumtenens geſtanden, blieb frei; zu ſeiner Linken ſtellte 16ſich der Fähnrich mit der zuſammengerollten Fahne. Um dieſe ſchaarten ſich die Doppelſöldner, die Befehlshaber der einzelnen Abtheilungen; den äußeren Ring ſchloſſen die Landsknechte.
Der Hauptmann berichtete von dem Antrage der Juden.
Die Knechte waren getheilter Meinung.
„Potz Blitz,“ rief Veit Gonzenheimer, „ſind dieſe Juden geſcheidt! Nichts da, wir plündern! Gewiß beſitzen ſie große Schätze, da ſie uns freiwillig abkaufen wollen.“
„Ein altes Sprichwort meint,“ ſagte Kunz Münzenberger bedächtig, „ein Sperling in der Hand ſei beſſer als 10 Tauben auf dem Dache. Das Gold haben die Juden vergraben, und es iſt noch ſehr zweifelhaft, ob wir ſie zum Bekenntniß ihrer Verſtecke zwingen können. Nehmen wir deßhalb, was ſie bieten, und ziehen wir ruhig weiter.“
„Nichts da, nichts da,“ ſchrie es von allen Seiten; „wir plündern.“
Da entfaltete der Fähnrich das Fahnentuch; allgemeine Stille trat ein.
„Brüder,“ rief Jörge, der Fähnrich, „Ihr habt mir Eure Fahne anvertraut, damit ich ſie trage in Ehren und ſie ſchwenke über fromme, ehrliche Landsknechte. Wißt Ihr nicht, daß es Brauch iſt, daß, ſo Jemand kommt, ſich zu löſen, man das Löſegeld annimmt und auf Gewalt verzichtet?“
„Ha, ha!“ lachte Veit Gonzenheimer, „es ſind ja Juden; für dieſe gelten unſere Geſetze nicht.“
„Der Bruder hat Recht,“ riefen viele Stimmen, „wir plündern!“
Da ergriff der Fähnrich das Fahnentuch, ſchlug es zuſammen und ſteckte die Fahne verkehrt in den Boden. Darauf erhob ſich ein großes Geſchrei, und der Hauptmann ſprach erſchrocken:
17„Was thut Ihr, Fähnrich, daß Ihr die Fahne bergt wie vor Miſſethätern?“
Der Fähnrich aber ſagte: „Liebe Brüder, Ihr habt mich dazu geſetzt, daß ich die Ehre der Bruderſchaft wahre. Da ich aber Worte höre, welche gegen unſere Satzungen verſtoßen, ſo behüte ich die Fahne und berge das Tuch, denn Ihr wißt, daß es nicht über unſere Schande wehen darf.“
Wieder erhob ſich ſtarkes Geſchrei und Einige drohten zornig mit den Waffen; aber der Hauptmann entſchied mit ſtarker Stimme: „Er übt ſein Recht, und wir dürfen es ihm nicht wehren.“
„Hört den Rath eines Alten,“ ſagte Kunz Münzenberger, „wir beauftragen den Hauptmann, daß er mit den Juden verhandele, damit ſie uns ſtatt dreihundert Goldgulden deren ſechshundert oder gar tauſend geben.“
Dieſer Rath wurde zum Beſchluß erhoben. Der Hauptmann ließ die Juden, die ſich entfernt hatten, zurückrufen.
„Wir können,“ ſagte Hans Frühauf, „Euren Antrag nicht annehmen. Was ſollen uns dreihundert Goldgulden? Wie viel käme da auf jeden Einzelnen? Gehet hin und ſagt Euren Brüdern, daß ſie uns gutwillig Alles herausgeben; ſie würden ſonſt gehängt, erſäuft, geviertheilt oder gerädert werden.“
„Ich verſtehe Eure Meinung ſehr wohl, geſtrenger Herr Hauptmann,“ ſagte Rabbi Joſelmann lächelnd, „Ihr verlangt, daß wir Euch eine größere Summe zahlen. Allein es wohnen meiner Brüder nicht viele in Rosheim und nur wenige ſind begütert; dreihundert Goldgulden aufzubringen, hält uns ſchwer genug; allein, damit Ihr zufrieden geſtellt werdet, wollen wir Euch deren vierhundert geben.“
„Sagt tauſend, Jude!“
18„„Unmöglich, geſtrenger Herr Hauptmann.““ „So hört mein letztes Wort: ſechshundert, oder wir plündern.“
„„„Die Gemeinde kann nicht mehr geben als vierhundert; aber ich, ich werde die andern zweihundert Goldgulden aus meinem Eigenen hinzufügen, wiewohl mein Wohlſtand damit zu Ende ſein wird. Aber unter einer Bedingung, Hauptmann: Euer Fähnlein muß ſich verpflichten, uns ſolange zu ſchützen, bis die letzten Kriegsleute das Land verlaſſen haben.““
„Es ſei,“ ſagte der Hauptmann. „„Schwört es mir!““ „Ich ſchwöre es.“
„„Nicht alſo: laſſet vielmehr die Knechte einen Ring bilden, laſſet den Fähnrich das Fahnentuch enthüllen, und in den Ring ſollen treten: ein Knecht mit dem Feuerrohr, ein Knecht mit der Hellebarde und ein dritter mit dem Spieß. Sie halten dann die Waffen aneinander, die wir Beide berühren, und hernach, die Hand an den Waffen, unter dem fliegenden Fahnentuch leiſtet den Schwur!““
„Ihr verſteht Landsknechtsbrauch. Schade, daß Ihr ein Jude ſeid. Ihr ſeid ein ſchmucker Kerl. Laſſet Euch taufen! Unſer Fähnlein braucht einen Locumtenens; ich ſtehe Euch dafür, daß Ihr zum Locumtenens gewählt werdet. Ihr ſeid noch jung, Ihr könnt es noch weit bringen, vielleicht gar Kriegsoberſter werden.“
„„„Und bötet Ihr mir die Schätze aller Welten — ich würde meinen Gott und meinen Glauben nicht laſſen.“““
„Ihr gefallt mir, Jude!“
Darauf ſchlug der Trommler die große Trommel; die Landsknechte traten in den Ring, und der Hauptmann leiſtete den Eid in der von Rabbi Joſelmann verlangten Weiſe. Die große Gefahr war 19glücklich abgewendet. Friedlich zogen die Landsknechte nach Rosheim, empfingen das Geld und wurden mit Speiſe und Trank gelabt.
Rabbi Zadok und Raphael konnten die Klugheit und den Muth Rabbi Joſelmann's nicht genug preiſen.
I. Theil · Kapitel 4 · S. 19–25
IV.
Der Senat der deutſchen Reichsſtadt Frankfurt am Main hatte ſämmtliche Israeliten, die unter ſeiner Botmäßigkeit ſtanden, in die große Synagoge, genannt Altſchul, berufen laſſen. Mit Zittern und Zagen waren die Armen gekommen; ſie wußten, daß es nichts Gutes war, was ihnen auf ſo feierliche Weiſe mitgetheilt werden ſollte. Als Alle verſammelt waren, trat der Schultheiß vor die heilige Lade und verlas einen kaiſerlichen Erlaß, des Inhalts, daß ein ehemaliger Jude, Namens Johannes Pfefferkorn, der zum Chriſtenthume übergetreten ſei, es nicht länger habe mit Stillſchweigen ertragen können, daß in den rabbiniſchen Schriften, namentlich im Talmud, Gehäſſigkeiten gegen den Stifter der chriſtlichen Religion und gegen die chriſtlichen Glaubenswahrheiten verbreitet werden. Der Proſelyt habe daher die kaiſerliche Gnade angefleht, ihm zu geſtatten, ſämmtliche Bücher des erwähnten Inhalts zu confisciren und zu verbrennen; ſeine Majeſtät, der Kaiſer, habe darauf anzuordnen geruht, daß ſämmtliche hebräiſchen Bücher aller Juden in Deutſchland dem Pfefferkorn zur Prüfung und eventuell zur Vernichtung übergeben werden ſollten.
Kaum hatte der Schultheiß die Verleſung des kaiſerlichen Edictes vollendet, als ſich in der Synagoge Weinen und Wehklagen erhob. Alles hat20ten die Juden verloren, Vaterland und Heimath; gedrückt, gequält und verfolgt waren ſie allüberall, nur ein Schatz war ihnen geblieben, der Quell ihres Lebens, der einzige Troſt in allem Ungemach, die heilige Gotteslehre, und nun ſollte auch dieſe ihnen geraubt werden! Die Vorſteher der Gemeinde, Rabbi Moſes zur Kanne1Die Zunamen der Frankfurter Juden ſtammten meiſtens von ihren Häuſern: zur Kanne, zum Rindskopf, zum Ochſen ꝛc. her., Rabbi Jakob zur Kulpe, und Rabbi Moſes Cohen beſtürmten den Schultheißen mit Bitten und Flehen, doch ihrer zu ſchonen. Dieſer zuckte mit den Achſeln und ſagte: „Es iſt kaiſerlicher Befehl; ich kann dabei nichts machen. Wendet Euch mit Euren Bitten an des Kaiſers Majeſtät. Zwar glaube ich nicht, daß es Euch etwas nützen wird; denn der Proſelyt Johannes handelt im Auftrage der heiligen Prediger-Mönche von Köln, der Brüder vom Orden des heiligen Dominicus, und dieſe haben des Kaiſers Schweſter, die Herzogin Kunigunde von Bayern, für ſich gewonnen, welche des Kaiſers Majeſtät ſolange angefleht, bis er dem Pfefferkorn den Befehl hat ausfertigen laſſen.“
Nach dieſem troſtloſen Beſcheide wollte ſich der Schultheiß, gefolgt von den Rathsdienern, entfernen; aber Rabbi Moſes zur Kanne hielt ihn feſt.
„„Geſtrenger Herr Schultheiß,““ ſagte er, „„verzeiht; wenn wir unſere Bitten vor den Thron unſeres allergnädigſten Kaiſers bringen und Seine Majeſtät gewährt uns Gnade, ſo hat bis dahin der Proſelyt unſere heiligen Bücher ſchon vernichtet und verbrannt. Gewährt alſo Aufſchub, bis die Antwort von des Kaiſers Hof zurück iſt.““
„Ich kann nicht, des Kaiſers Befehl iſt deutlich und klar. Ihr müßt die Bücher dem Pfefferkorn ausliefern.“.
21Noch an demſelben Tage begann Pfefferkorn ſeinen Henkersgang gegen die rabbiniſchen Schriften. Zuerſt ging er zum Rabbiner. Auf dem Tiſche lag ein geſchriebenes Pſalmbuch mit dem Commentare des Rabbi David Kimchi. Damals gab es noch wenige gedruckte Bücher. Erſt ſiebenzig Jahre zuvor war die Buchdruckerkunſt in Mainz erfunden worden und noch nicht allgemein verbreitet. Die Bücher hatten zu jener Zeit einen großen Werth und repräſentirten ein bedeutendes Capital.
Pfefferkorn nahm das Pſalmbuch und ſah nach dem Titel; aber das Titelblatt und die erſten Blätter fehlten. Er blätterte darin; es war ohne Vocale in rabbiniſcher Currentſchrift geſchrieben.
„Nehmt das Buch,“ ſprach er zu den Dienern, „es iſt das Buch Jeſaias mit dem gottesläſterlichen Commentar des gottverdammten Abarbanel, voller Schmähungen gegen die reine Chriſtenlehre.“
„„Du ſelbſt biſt ein gottvergeſſener Sünder, ein unwiſſender Menſch,““ ſchrie der Rabbiner. „„Kannſt nicht einmal ein Pſalmbuch von einem Jeſaias unterſcheiden und willſt Dich aufwerfen zum Richter über unſere heiligen Schriften! O, wehe der Mutter, die Dich geboren, wehe dem Vater, der Dich gezeugt!““
„Haltet Euer ungewaſchenes Maul, Rabbi, ſonſt belange ich Euch wegen Majeſtätsbeleidigung, denn ich handle im Namen und im Auftrage des Kaiſers!“
Der Rabbi ſchwieg; er mußte zuſehen, wie ſeine ganze Bücherſammlung, die ihm lieber war als ſein Leben, hinweggetragen wurde. Als Pfefferkorn gegangen war, zerriß der Rabbi ſein Gewand, ſetzte ſich auf die Erde, wie in Trauer um einen Geſtorbenen, und weinte. So trafen ihn ſeine Schüler, und Einige ſetzten ſich zu ihm auf 22die Erde und weinten mit ihm. Aber Einer von ihnen, Simon aus Bingen, ſprach:
„Nicht alſo, Rabbi, verzweifelt nicht. Tachath hapilpul jaaleh Lekach tob, anſtatt des Pfefferkorns, den Gott verderben wird, werden wir unſere guten Lehrbücher wieder erhalten. Euch aber, Rabbi, hat Gott die Gnade gegeben, daß Ihr der Bücher nicht bedürft. Wiſſet Ihr doch die ganze Thora auswendig. Lehret uns ohne Buch.“
Da erhob ſich der Rabbi und hielt ſeinen ſcharfſinnigen, talmudiſchen Vortrag auswendig. Und die Schüler horchten und wagten bald dieſen, bald jenen Einwand. Solange es ſich nur um Gemara und Raſchi und Toßaphot handelte, ging Alles ganz gut. Da aber erwähnte einer der Schüler der Lehrmeinung des Rabbi Salomon ben Aderath, und es entſpann ſich ein lebhafter Streit über den Wortlaut derſelben.
„Reiße Sepher wenecheſeh“2Laßt uns das Buch holen und nachſehen., ſprach der Rabbi, im Eifer des Studiums das große Ereigniß des Tages vergeſſend. Dann aber erinnerte er ſich, zerriß auf's Neue ſein Gewand, ſetzte ſich auf die Erde und weinte, und alle ſeine Schüler thaten wie er.
1500 hebräiſche Pergamentrollen, geſchriebene und gedruckte Bücher confiscirte Pfefferkorn allein in Frankfurt. Der materielle Werth dieſer Bücher belief ſich zu jener Zeit auf viele tauſend Goldgulden.
Die Vorſteher der Gemeinde beriethen, was zu thun ſei; da trat der Gemeindediener in das Berathungszimmer und meldete einen Fremden, der dringend wünſche, vor den Vorſtehern zu erſcheinen. Man geſtattete es, und der Fremde trat ein.
23„Verzeiht, meine Herren,“ ſprach er, „daß ich mich in Eure Berathungen eindränge; aber vielleicht kann ich Euch in der Angelegenheit, die Euch gegenwärtig beſchäftigt, nützlich ſein; ich heiße Joſelmann und bin aus Rosheim in Elſaß; mein Vater, ſein Andenken ſei zum Segen, hieß Rabbi Gerſon, aus der Familie Loans.“
„„Geſegnet ſei Euer Kommen,““ ſagte Rabbi Moſes zur Kanne, dem Fremden einen Seſſel hinſchiebend. „„Setzt Euch und redet, was Ihr zu reden habt. Kommt Ihr wegen der neuen Geſêroh?3Gefahr, drohendes Verhängniß.““
„So iſt es,“ entgegnete Rabbi Joſelmann. „Was habt Ihr zu thun beſchloſſen?“
„„Wir ſind rathlos, ganz rathlos! Sollen wir eine Deputation ſchicken an den Kaiſer? Unterdeß verbrennt der Meſchummod4Apoſtat. alle unſere heiligen Bücher. Es iſt eine Mackoh aſcher lo keſſuwoh, eine Plage, wie ſie nie vorher vorgekommen.““
„Man muß vor Allem Aufſchub zu erlangen ſuchen.“
„„Der Senat dieſer Stadt weigert uns jede Einmiſchung.““
„So muß man ſuchen einen hohen Herrn, der in der Nähe wohnt, für unſere Angelegenheit zu intereſſiren, daß er den Meſchummod an ſeinem ſchlechten Vorhaben hindere.“
„„Wer wäre ſo mächtig und ſo kühn, gegen den ausdrücklichen Befehl des Kaiſers einſchreiten zu wollen?““
„Ich kenne nur einen, der das vermöchte und der es vielleicht auch thun würde. Es iſt der 24Kurfürſt von Mainz, nach dem Kaiſer der mächtigſte und einflußreichſte deutſche Fürſt, der Kanzler des Reichs, der erſte Fürſt der deutſchen Kirche. Ihr habt gehört, meine Herren, daß Uriel von Gemmingen im vorigen Jahre (1508) zum Kurfürſten iſt erwählt worden. Er hat dem Domcapitel und der apoſtoliſchen Kammer 25,000 Silbergulden zahlen müſſen; er ſtammt aus dem Kraichgau, und ich beſorge für ſein ganzes Geſchlecht die Geldgeſchäfte; ſein Vetter beauftragte mich, das Geld herbeizuſchaffen; es iſt mir unter göttlichem Beiſtande gelungen. Die Fugger von Augsburg haben das Geld hergeliehen; ich habe es ſoeben der kurfürſtlichen Kammer überbracht.“
„„„Ach,““ rief Rabbi Jakob zur Kulpe, „„ſo ſeid ihr ein Günſtling des Kurfürſten von Mainz? Ihr erſcheint uns wie ein Engel Gottes.““
„Ich kenne den Kurfürſten nicht und habe ſein Antlitz nicht geſehen. Er iſt ein gar gelehrter und ſtolzer Herr; er iſt Doctor beider Rechte und war, da er noch als Domdechant fungirte, vom Kaiſer zum Beiſitzer des Reichskammergerichts zu Speier ernannt worden. Das ganze Geſchäft habe ich lediglich mit der Kurfürſtlichen Kammer verhandelt. Allein, der Kurfürſt, Gott ſegne ihn, iſt kein Feind der Juden. Ihr wißt, daß ſein Vorgänger, Kurfürſt Jakob, aus der Familie derer von Liebenſtein, alle unſere Brüder aus dem ganzen Kurfürſtenthume Mainz ausgewieſen hat. Kurfürſt Uriel hat den Jehudim nicht allein geſtattet, in ihre Wohnungen zurückzukehren, ihre Häuſer wieder in Beſitz zu nehmen, überall im Kurfürſtenthume, außer in der Hauptſtadt Mainz, zu wohnen, er hat auch unſern Bruder, Rabbi Lippmann Doctor, aus der Familie Beifuß, zu ſeinem Leibarzt ernannt.“
„„Seid geſegnet für die frohe Botſchaft,““ rief 25Rabbi Moſcheh Kohen, „„vielleicht gewährt uns Gott auf dieſem Wege Hilfe und Rettung.““
„Der Kurfürſt weilt jetzt in Aſchaffenburg in ſeiner Sommer-Reſidenz, und ſein Leibarzt iſt bei ihm. Wenn einer von Euch mit mir reiſen wollte . . . .“
„„Ich reiſe mit Euch,““ ſagte Rabbi Moſcheh Kohen.
„So wollen wir eilen, und morgen mit Tagesanbruch mainaufwärts reiten.“
I. Theil · Kapitel 5 · S. 25–30
V.
In ſeinem Sommerſchloſſe zu Aſchaffenburg ſaß Kurfürſt Uriel; er war ein ſchöner Mann von 40 Jahren, doch trug ſein Geſicht die Spuren eines innern Leidens. Vor ihm ſtand ſein Leibarzt, von ſeinen Glaubensgenoſſen Rabbi Lippmann Doctor genannt; er entſtammte der Familie Beifuß, in welcher während des ganzen Mittelalters, bis auf unſere Tage, die ärztliche Kunſt heimiſch war. Rabbi Lippmann war nicht nur ein ſehr geſchickter Arzt, er war auch ein bedeutender Talmud-Gelehrter, und ſein fürſtlicher Gönner ernannte ihn ſpäter zum Oberrabbiner oder, wie damals der Titel lautete, zum Hochmeiſter ſämmtlicher Juden des Kurfürſtenthums Mainz.
„Ich hoffe,““ ſagte der Arzt, „„daß Eurer Kurfürſtlichen Gnaden die gute, reine Luft, wie ſie hier vom Speſſart herüberweht wohl thun wird. Aber um Eines muß ich dringend bitten: Eure Kurfürſtliche Gnaden müſſen jede Aufregung ſtrengſtens vermeiden. Mein gnädigſter Herr muß ſchon fünf gerade ſein laſſen und ſieben dazu. Die Aufregung iſt Gift für meines theuren Herrn Zuſtand.““
26„Aber Lippmann, wie kann ich das! Ich weiß, Du biſt mir ein treuer Diener und Du meinſt es gut mit mir und denkſt nur an meine Geſundheit; aber ich bin nicht mehr der Domdechant von Gemmingen, ich bin der erſte deutſche Reichsfürſt, der erſte Kirchenfürſt in Deutſchland und der Beherrſcher eines großen Landes. Wie viel Mißbräuche gibt es abzuſtellen! Die einzelnen Geiſtlichen verwalten drei, vier Canonicate, beziehen die Einkünfte und vernachläſſigen die geiſtlichen Aemter; in Erfurt1Erfurt gehörte zum Kurfürſtenthume Mainz. haben gewiſſenloſe Vierherren2So hießen die vier Bürgermeiſter von Erfurt. die Stadt in Schulden geſtürzt und ihre Güter verpfändet. Die ganze Verwaltung des Kurfürſtenthums liegt im Argen, und wenn es meine Pflicht nicht erheiſchte, für die Verbeſſerung der Zuſtände zu ſorgen, ſo träte doch die Nothwendigkeit an mich heran. Der Ertrag der Zölle und Steuern wird von gewiſſenloſen Beamten unterſchlagen, und es fließt nichts in die kurfürſtliche Kaſſe; die Beamten meines Hofes, Köche und Kellner und Bänder3Kellermeiſter, Faßbinder. ſtehlen wie die Raben. Wo ſoll das hinaus, wenn ich nicht um Alles mich ſelber kümmere? Die Schuld, die Dein Freund Joſelin4In allen deutſchen Urkunden wird der Held unſrer Erzählung „Joſelin“ genannt. von Rosheim für mich bei den Fuggers aufgenommen hat, muß bezahlt werden. Sage ſelbſt, kann ich, darf ich mich von allen Geſchäften zurückziehen, um mich vor Aufregung zu hüten?“
„„Gnädigſter Herr, es iſt auch das nicht meine Meinung; ich meine nur, Eure kurfürſtliche Gnaden ſollten Euer heftiges Temparament beherrſchen und alle Beſtimmungen in Ruhe und Gleichmuth treffen. Ich ſelbſt möchte meinen gnä27digſten Herrn mit einem Geſchäfte behelligen. Heute in der Frühe iſt jener Joſelin, den mein gnädigſter Herr vorhin erwähnte, mit einem Juden aus Frankfurt am Main zu mir gekommen und haben mir Kunde von unerhörten Geſchehniſſen gebracht. Ein getaufter Jude, Namens Pfefferkorn, von den Predigermönchen in Cöln dazu beauftragt, hat vom Kaiſer Maximilian ein Mandat erwirkt, das ihn berechtigt, alle hebräiſchen Bücher zu confisciren und zu verbrennen, unter dem Vorwande, daß dieſelben Feindliches gegen die Lehre der Chriſten enthalten. Der Apoſtat iſt ein ganz unwiſſender Menſch, der nicht einmal ein hebräiſches Pſalmbuch von einem Jeſaias zu unterſcheiden vermag. Gnädigſter Herr, es iſt das ein großes Unglück, das uns bedroht, denn unſre heiligen Bücher ſind unſer größter Schatz und der Quell unſres Lebens.“
„Der Verluſt wäre nicht allein für Euch, er wäre für die Wiſſenſchaft. Was würde mein Freund Reuchlin, der die hebräiſche Sprache und Literatur ſo ſehr liebt und verehrt, dazu ſagen?“
„„Eure Kurfürſtliche Gnaden beglücken mich ſehr durch dieſes hochherzige Wort. — Meine Brüder in Frankfurt wollen eine Deputation an den Kaiſer ſenden. Allein, bis dieſe zurückgekehrt hat der Apoſtat die Bücher und Pergamente, mehr als 1500, darunter Werke von unſchätzbarem Werthe, verbrannt. Wenn Eure Kurfürſtliche Gnaden die Verbrennung inhibiren und einen Aufſchub bewirken wollten?““
„Lippmann, wie kann ich mich da einmiſchen, wie darf ich einem kaiſerlichen Befehl, der mich nicht einmal direct berührt, entgegentreten?“
„„Eure Kurfürſtliche Gnaden ſind als Erzbiſchof von Mainz, als Kanzler des Reichs, der 28vom Kaiſer eingeſetzte Beſchützer und Verſorger der Juden.““
„Nicht eo ipso5an und für ſich., mein Freund. Zwar haben viele meiner Vorgänger ein ſolches Mandat vom Kaiſer empfangen; aber ich bin nicht im Beſitze deſſelben.“
„„Meine Brüder in Frankfurt ſind bereit, für die Erwirkung eines Aufſchubes, 10,000 Silber=Gulden in die Kurfürſtliche Kaſſe zu zahlen.“
„Die Summe käme mir gut zu Statten; allein ich kann ſie nicht verdienen. Ich würde mir des Kaiſers Ungnade zuziehen und in Verlegenheiten gerathen wie der Kurfürſt von der Pfalz zur Zeit des bayeriſchen Erbfolgekrieges. Ja, wenn der Apoſtat es wagte, auch nur ein Buch einem in Kurmainz anſäſſigen Juden wegzunehmen, dann hätte ich einen Vorwand, ihn hierher zu citiren, und dann würde ich ſchon Gelegenheit finden, die Sache in die Länge zu ziehen; was aber gehen mich die Frankfurter Juden an?“
In der Wohnung des Arztes warteten Rabbi Joſelmann Rosheim und Rabbi Moſcheh Kohn mit Ungeduld auf die Rückkehr des Hausherrn. Dieſer erſchien endlich, betrübt und traurig, da er den abſchlägigen Beſcheid des Kurfürſten zu überbringen hatte.
„Es iſt nichts', ſagte er, „der Kurfürſt will ſich der Ungnade des Kaiſers nicht ausſetzen.“
„Verzeiht“, ſagte Rabbi Joſelmann, „wenn ich Euch bitte, mir jedes Wort, das Ihr in dieſer Angelegenheit mit dem Kurfürſten geſprochen habt, zu wiederholen.“
Und Rabbi Lippmann that alſo. Als er geendet hatte, ſagte Rabbi Joſelmann:
29„Die Sache ſteht nicht ungünſtig; ich reiſe ſofort nach Frankfurt zurück. Ihr werdet bald von mir hören.“
„„Was gedenkt Ihr zu thun?““ fragte der kurfürſtliche Leibarzt.
„Ich will den Meſchummed veranlaſſen, nach Weiſenau6Ein Dorf ganz in der Nähe von Mainz. Seitdem Kurfürſt Adolph (von Naſſau) die Juden aus Mainz vertrieben hatte, wohnten ſie in Weiſenau. zu gehen und auch dort die heiligen Bücher zu confisciren. Dann wird der Kurfürſt Grund haben, ſich einzumiſchen.“
„„Und wie wollt Ihr das anfangen?““
„Noch weiß ich es nicht; aber ich vertraue zu Gott, daß Er mir den rechten Weg zeigen wird. Laßt eilig mein Pferd ſatteln, Rabbi Lippmann; ich gedenke heute noch Hanau zu erreichen. Dort will ich übernachten.“
Bald nachher ritt Rabbi Joſelmann mainabwärts. Tauſend Pläne ſchmiedete ſein lebhafter Geiſt. Da ſah er die Sonne ſinken am Horizont. Er hielt ſein Pferd an und betete das Minchah=Gebet, gewaltſam alle fremde Gedanken bannend. Als er das Gebet beendet hatte und weiterritt, da kam es ihm wie eine Erleuchtung; ſein Plan war gefaßt.
In Hanau kehrte er bei dem Rabbinen Salomon Poppers ein, durch deſſen Vermittelung er ſich einen Anzug verſchaffte, wie ihn die chriſtlichen Bürger zu tragen pflegten.
Am andern Tage ritt er nach Frankfurt und ſtieg am Hauſe zur Kanne ab. „„Was befiehlt der Herr?““ fragte ihn Rabbi Moſche, der Eigenthümer des Hauſes.
„Ihr kennt mich nicht?“ „„Rabbi Joſelmann! Und in dieſem Aufzug.““
30„Berathet mich nicht! Habt Ihr mit dem Meſchummed unterdeß unterhandelt?“
„„Der Schuft verlangt hunderttauſend Goldgulden, eine Summe, für die man ein Königreich kaufen kann.““
„Keinen Heller ſoll er erhalten. Lebt wohl, Ihr werdet bald von mir hören!“
I. Theil · Kapitel 6 · S. 30–36
VI.
Im Gaſthofe „zum Weidenbuſch“ in Frankfurt a. M. ſaßen ein Mann und eine Frau beim Abend=Imbiß. Der Mann war klein, häßlich, rothhaarig, hatte eine große Habichtsnaſe, kleine, graue, ſtechende Augen und einen Mund, der faſt von einem Ohre zum andern ſich erſtreckte. Die Frau war jung und ſchön; doch hatte ſie etwas Freches in Blick und Gebehrden, was einen unangenehmen Eindruck hervorbrachte.
Der Mann hatte ſoeben eine tüchtige Portion Schweinsbraten mit Sauerkraut vertilgt; jetzt ſpülte er ihn mit einem großen Schoppenglaſe voll perlenden Rheinweins hinunter.
„Köſtlich; ſüperb!“ ſagte er. „Meinſt Du nicht, Maria, daß es ſchon der Mühe werth iſt, ſich von den Heilswahrheiten erleuchten zu laſſen, um ſolche Edelmannskoſt zu eſſen und ſolch fürſtlichen Wein zu trinken?“
„„Gewiß, Joſſef,““ antwortete die Frau. „Johannes! wenn ich bitten darf.“ „„„Ach, Joſſef, laß die Poſſen, wenn wir allein ſind; ich hätte nichts dagegen, wenn Du mich wie ehedem Schprinzele nennen würdeſt. Du aber ſagſt immer „Maria“; ich weiß manchmal nicht, wen Du meinſt.“““
„Ich muß Dich ernſtlich bitten, mich immer „Johannes“ zu nennen, auch wenn wir allein ſind.“
31„„Nun meinetwegen, Joſſef, wenn Du es wünſcheſt, ſag' ich immer Johannes.““
„Du haſt mich aber ſchon wieder bei dem alten Namen genannt.“
„„Nimm's nicht übel, Joſ.., Johannes, es iſt die Macht der Gewohnheit.““
„Man muß ſich von den alten Gewohnheiten freimachen, wenn man durch die Taufe gleichſam ein neugeborner Menſch geworden iſt.“
„„Laß doch wenigſtens mir gegenüber die Narrenspoſſen, Joſſef. Du weißt, ich halte treu zu Dir; aber die Poſſen kann ich nicht leiden. Als Du in Butſchowitz als überführter Dieb gehängt werden ſollteſt . . .““
„Wirſt Du ſtill ſein!“
„„„Da kam Dir plötzlich die Erleuchtung, Du ließeſt Dich taufen, und ich als Deine getreue Frau . . .“““
„Rühme Dich nur! Dein Loos wäre ein noch ſchlimmeres geweſen als meines; Dein ſträfliches . . . .“
Sie hielt ihm den Mund zu.
„Was zanken wir uns!“ ſagte die Frau. „Laß uns lieber von etwas Anderm reden. Ich glaube, Du haſt Deine Forderung den hieſigen Juden gegenüber zu hoch geſpannt. 100,000 Goldgulden können ſie nicht aufbringen; ſo wirſt Du gar nichts erhalten!“
„„Konnte ich denn weniger fordern? Den ehrwürdigen Vätern zu Cöln habe ich 50,000 Goldgulden verſprochen, und mir muß doch auch eine erkleckliche Summe übrig bleiben. Dann gehe ich nach Mähren zurück und kaufe eine Standes-Herrſchaft oder ein Rittergut, und wir leben dann luſtig und in Freuden; der Kaiſer erhebt mich in den Adelſtand und Du wirſt dann eine adelige Dame werden.““
32„Ich fürchte, das ſind Luftſchlöſſer, Joſef...“ „„Johannes!““
„Meinetwegen Johannes. Du ſpannſt den Bogen zu ſtraff; die Juden können nicht geben, was ſie nicht haben.“
„„Die hieſigen Juden ſind reich. Was ſie ſelbſt nicht haben, das müſſen die von Regensburg, Nürnberg, Würzburg, Prag und allen andern Städten zuſchießen. Laß mich nur gewähren, ich kriege das Geld ſchon; ihre Bücher werden ſie nicht miſſen wollen.““
Es wurde an die Thüre geklopft. „Herein!“ rief der Apoſtat.
„„Habe ich die Ehre,““ fragte der Eintretende — es war Rabbi Joſelmann, „„den ehrſamen Neophyten Herrn Johannes Pfefferkorn und deſſen züchtiges Ehegeſpons zu begrüßen?““
Pfefferkorn und ſein Weib ſtanden auf und verneigten ſich.
„„Ich heiße Raphael“, fuhr der Fremde zu reden fort, „und bin aus Colmar; auch ich bin als Jude geboren.““
„Seid willkommen, mein Bruder“, rief Pfefferkorn. „Nehme der Herr Bruder Platz.“
„„Ich danke; ich habe Wichtiges mit Euch zu reden. Darf ich die ehrſame Frau bitten . . .““
„Sagt nur, was Ihr zu ſagen habt. Ich habe keine Geheimniſſe vor meinem Weibe.“
„„„Es droht Euch Gefahr. Ihr habt von den Juden 100,000 Goldgulden verlangt; ſie ſenden eine Deputation an den Kaiſer und klagen Euch der Gewinnſucht an.“““
„Der Kaiſer wird ihnen nicht glauben.“
„„„Sie heben hervor, daß Ihr lediglich die Bücher der reichen Frankfurter Juden confiscirt habt. Deßhalb geht mein Rath dahin, daß Ihr Euch augenblicklich, oder doch morgen in aller 33Frühe auf den Weg macht und nach Weiſenau bei Mainz zieht. Dort iſt eine arme Judengemeinde; aber es wohnen viele gelehrte Männer daſelbſt, die mancherlei Bücher beſitzen. Confiscirt Ihr die Bücher der armen Juden von Weiſenau, ſo ſieht die ganze Welt, daß es Euch nicht um Gelderpreſſung, ſondern lediglich um die Sache zu thun iſt.““
„Euer Rath iſt gut, und ich werde mit dem Marktſchiff nach Mainz hinunterfahren.“
„„Das nächſte Schiff geht erſt Freitag, wenn Ihr reiten möchtet . . .““
„Nein, ich kann mein Weib nicht allein zurücklaſſen.“
„„So miethen wir einen Wagen, ich muß doch nach Mainz, und bin deßhalb gern bereit, die Hälfte der Koſten zu zahlen.““
Der Vorſchlag gefiel dem Apoſtaten, und ſo fuhren denn die drei am anderen Morgen nach Mainz, wo ſich Pfefferkorn auf die Kurfürſtliche Kanzlei begab, ſeine Vollmachten vorzeigte und dann in Weiſenau luſtig confiscirte. Der angebliche Raphael von Colmar begleitete ihn.
Da es keinen Rabbinen zu Weiſenau gab, ſo ſuchte Pfefferkorn zuerſt den Melammed, den Kinderlehrer, auf, nahm ihm alle ſeine Bücher — einen Pentateuch, ein Gebetbuch und ein Pſalmbuch — weg und gab ihm eine Empfangsbeſcheinigung mit dem Verſprechen, daß die Bücher, wenn nichts Chriſtenfeindliches darin gefunden würde, zurückgegeben werden ſollten. Der angebliche Raphael verabſchiedete ſich nunmehr von Pfefferkorn. Statt aber ſeine Reiſe fortzuſetzen, begab er ſich zu dem Melammed zurück.
„Rabbi Zekele“, ſagte er zu dieſem, „es kann lange dauern bis Ihr Eure Bücher zurückbekommt. Nehmt dieſe fünf Gulden und kauft Euch andere; 34dafür ſollt Ihr mir die Empfangsbeſcheinigung des Meſchummod geben.
Der Melammed nahm hocherfreut das Geld und gab den Zettel dafür.
„„Und nun, lieber Rabbi Jekel, könnt Ihr mir hier einen Roßtäuſcher empfehlen?““
„Hart neben mir“, ſagte Rabbi Jekel, „wohnt Salme Diez, der berühmteſte Pferdehändler weit und breit.“
Rabbi Joſelmann begab ſich zu dieſem.
„„Borgt mir ein gutes Pferd,“ ſagte er „ich will Euch den vollen Werth deſſelben hinterlegen.““
„Ich gebe Euch mein beſtes Pferd, Rabbi Joſelmann,“ entgegnete der Roßtäuſcher, „Ihr braucht mir nichts zu hinterlegen.“
„„Ihr kennt mich?““
„Gerade heute vor drei Wochen ſah ich Euch in Augsburg, als ich dem Antonio Fugger ein Reitpferd ablieferte.“
Das Pferd war bald geſattelt; Rabbi Joſelmann beſtieg es, um nach Aſchaffenburg zu reiten.
Heutzutage führt uns der Courierzug in anderthalb Stunden von Mainz nach Aſchaffenburg; damals war's eine lange Reiſe. Es war ſchon ſpät am Nachmittage, die Bäume warfen bereits langgedehnte Schatten. Rabbi Joſelmann ritt rheinaufwärts, bis er an die fliegende Brücke zwiſchen Nierſtein und Oppenheim kam; dort ließ er ſich über den Rhein ſetzen. Noch eine halbe Stunde ritt er landeinwärts; da begann die Nacht ſich herniederzuſenken. Rabbi Joſelmann hielt ſein Pferd an in der Nähe eines Dorfes und fragte einen des Weges kommenden Landmann:
„„Wie heißt dieſes Dorf?““ „Geinsheim.“ „„Wohnen Juden daſelbſt?““
35„Gewiß.“ „„So führt mich zu dem Vorſteher der Judengemeinde.““
Der Bauer that alſo, und Rabbi Joſelmann fand eine freundliche Aufnahme. Es war gerade Zeit, in die Synagoge zu gehen zum Abendgebete.
Nach dem Gebete kehrte Rabbi Joſelmann in das Haus des Vorſtehers zurück, wo man ihm ein einfaches Mahl, Milchſuppe und Brod, vorſetzte. Aber es ſchmeckte dem Hungrigen köſtlich. Er hatte für den Tag einen Faſttag gelobt, damit Gott ſein Werk gelingen laſſe, und aß nun mit gedoppeltem Appetit.
Nachdem Rabbi Joſelmann ſeinen Hunger geſtillt hatte, bat er um ein hebräiſches Buch, damit er den Tag mit dem Studium der Gotteslehre beſchließe. Da brachte man ihm ein prachtvolles, auf Pergament geſchriebenes Pentateuch-Exemplar, das außer dem heiligen Urtext die chaldäiſche Ueberſetzung des Onkelos, die große und kleine Maßora und einen außerordentlich correct geſchriebenen Raſchi-Commentar enthielt1Die Trümmer dieſes prachtvollen Pentateuch-Exemplars, bei einem Brande ſehr lädirt und halb verkohlt, habe ich vor zwei Jahren auf dem Bodenraum der Synagoge zu Geinsheim entdeckt; ich habe die wenigen Ueberreſte Herrn Dr. Bär zu Moßbach-Biebrich zur Verwerthung für ſeine Specialwiſſenſchaft, die Maſorah, übergeben..
Als Rabbi Joſelmann das ſchöne, werthvolle Werk erblickte, ſtand er auf, hob ſeine Hände gen Himmel und ſprach:
„„Gelobt ſei Gott, der ſeine Liebe und Gnade dem Hauſe Israels nimmer entzieht! Niemals wird der Meſchummod in ſolch entlegene Dörfer dringen, um Jakob ſeiner größten Schätze zu berauben.““
36Dann las er eifrig in dem Raſchi-Commentar und fand viele von den gewöhnlichen Lesarten abweichende, beſſere und correctere. Kaum bemerkte er das, ſo ſuchte er eifrig den 22. Vers des 25. Capitels des 2. Buch Moſis auf, wo nach unſern gewöhnlichen Büchern Raſchi in ſeiner Thora einen Buchſtaben mehr gehabt zu haben ſcheint, und als er nun fand, daß hier, in dem ihm vorliegenden, correct geſchriebenen Buch, Raſchi vollſtändig mit dem heiligen Urtext übereinſtimmte, da küßte er das Buch und ſprach, Freudenthränen vergießend:
„„Geſegnet ſei der Schreiber, der die Worte meines Urahns Raſchi ſo niedergeſchrieben, wie ſie aus deſſen Feder gefloſſen““2In unſeren Raſchi-Ausgaben findet ſich ואת כל אשר אצוה אותך und eine Erklärung für das überflüſſige ו; in dem erwähnten Manuſcript ſagt Raſchi את : אצוה אתך כתיב בלא ויו..
Die halbe Nacht ſtudirte er in dem Buche und ſchrieb ſich die beſſeren Lesarten auf.
Am andern Morgen in der Frühe nahm er Abſchied von ſeinen freundlichen Wirthen, die noch Kindern und Enkeln von dem heiligen Manne erzählten, den zu beherbergen ſie einſt das Glück gehabt hatten.
Mittag war vorüber, als Rabbi Joſelmann über die Mainbrücke in Aſchaffenburg einritt und ſeinem Freunde, Rabbi Lippmann Doctor, die Beſtätigung und den Beweis erbrachte, daß Pfefferkorn im Lande des Kurfürſten von Mainz hebräiſche Bücher confiscirt hatte.
I. Theil · Kapitel 7 · S. 36–40
VII.
Der Leibarzt des Kurfürſten hatte gleich nach der Ankunft Rabbi Joſelmann's ſeinem Herrn die 37Anzeige gemacht, daß Pfefferkorn ſich unterfangen habe, auch auf Mainzer Gebiet die hebräiſchen Bücher der Unterthanen ſeiner Kurfürſtlichen Gnaden wegzunehmen, und Kurfürſt Uriel hatte ſofort einen reitenden Boten entſendet, um Pfefferkorn zur Rechtfertigung ſeines Verfahrens nach Aſchaffenburg zu laden. Darauf hatte der Kurfürſt mit ſeinem Leibarzt Berathung gepflogen, wie dem Proſelyten am Beſten beizukommen, und der Arzt hatte ſich die Erlaubniß erbeten, ſeinen Freund Joſelin von Rosheim bei ſeiner Kurfürſtlichen Gnaden einführen zu dürfen, und nun ſtanden die beiden Israeliten in demüthiger Haltung vor dem erſten und mächtigſten Fürſten des deutſchen Reichs, der da ſtets und immer der Erſte war nach dem Kaiſer.
„Wenn Kurfürſtliche Gnaden,“ ſagte Rabbi Joſelmann, „gnädiglich geſtatten wollen, daß ich meine geringe Meinung äußere, ſo müßte man die Sache folgendermaßen anfangen. Das kaiſerliche Mandat lautet dahin, daß Pfefferkorn zu unterſuchen und zu prüfen habe, ob die Schriften der Juden Feindſeliges gegen die Chriſtenlehre enthalte. Nun aber iſt dieſer Joſeph, oder vielmehr Johannes Pfefferkorn ein in den rabbiniſchen Wiſſenſchaften ganz unerfahrener, unwiſſender Menſch. Wenn Eure Kurfürſtlichen Gnaden ihn dahin brächtten, daß er ſelbſt das zugeſtehen müßte, ſo beruht das kaiſerliche Mandat auf einer irrthümlichen Vorausſetzung und iſt ungiltig.“
„„Und iſt eo ipso ungiltig,““ wiederholte der Kurfürſt. „„Du biſt ein feiner Kopf, Joſelin! Schade, daß Du nicht ein Juriſt biſt worden. Deine Schlußfolgerung iſt ganz richtig, aber wie fange ich es an, dem Proſelyten die Ueberzeugung beizubringen, daß ich weiß, daß er nichts weiß? Der unwiſſendſte Jude verſteht immer noch Hebräiſch. 38Er wird ſich mir gegenüber als ein Gelehrter geriren.““
„Wollten nicht,“ fragte der Arzt, „Eure Kurfürſtliche Gnaden eine jüdiſche Commiſſion, beſtehend aus dem hieſigen Rabbiner, meinem Freunde Joſelin und mir, einſetzen, um dieſen Pfefferkorn zu prüfen?“
„„Nein, das geht nicht, das ließe mich parteiiſch für die Juden erſcheinen, und der Proſelyt würde einer ſolchen Commiſſion die Anerkennung verſagen.““
„Gnädigſter Herr,“ ſagte Rabbi Joſelmann, „der erhabene Geiſt Eurer Kurfürſtlichen Gnaden, könnten in einer halben Stunde talmudiſches Wiſſen genug aufnehmen, um den Apoſtaten zu zwingen, ſeine Unwiſſenheit zuzugeſtehen.“
„„Das wäre! Du machſt mich neugierig, Joſelin.““
„Mein gnädigſter Herr iſt einer der berühmteſten Rechtsgelehrten des deutſchen Reichs. Die Rechtsgrundſätze, die auf dem Naturrecht beruhen, ſind in allen Jurisdictionen faſt dieſelben. Es käme alſo nur darauf an, einige Eurer Kurfürſtlichen Gnaden geläufige Rechtsgrundſätze gleichſam in ein talmudiſches Gewand zu kleiden, indem wir meinem gnädigſten Hrrrn die ſpezifiſch talmudiſchen Ausdrücke und Bezeichnungen dafür mittheilen.“
„„Fürwahr, das ginge! Wohlan, ſo will ich bei Euch Beiden Unterricht in talmudicis nehmen. Trage Du vor, Joſelin, und Du, Beifuß, ſchreibe mir die techniſchen Ausdrücke auf, damit ich mein Gedächtniß nicht mit denſelben zu beſchweren brauche.““
„Um ganz ſicher zu gehen,“ begann Rabbi Joſelmann ſeinen Vortrag, „will ich ein talmudiſches Thema wählen, welches den Ungelehrten völlig unbekannt, den Gelehrten aber ſehr geläufig iſt. 39Es heißt: „Hesek ſcheöno nickor,“ auf deutſch wörtlich: ein Schaden, der nicht erkennbar iſt . . .“
„„Schreibe auf, Doctor: Eſſeg ſchöner Nickel!““
Rabbi Lippmann hatte ſchon die Worte in lateiniſchen Buchſtaben niedergeſchrieben und präſentirte ſie ehrfurchtsvoll ſeinem Herrn, der ſie dann richtig ablas.
„Der Sinn,“ fuhr Rabbi Joſelmann zu dociren fort, „iſt aber etwas anders als der Wortlaut anzudeuten ſcheint. Es handelt ſich nicht um einen Schaden, der ſchwer zu erkennen iſt, ſondern um einen ſolchen, der überhaupt nicht zu erkennen iſt, abſolut nicht, gar nicht, von keinem Menſchen der Welt.“
„„Aber, Joſelin, dann iſt es doch kein Schaden!““
„In der That, gnädigſter Herr, es handelt ſich nur um einen imaginären Schaden. Ich will ein Beiſpiel anführen. Eure Kurfürſtliche Gnaden wiſſen, daß zur Zeit, als der heilige Tempel in Jeruſalem noch ſtand, eine rothe Kuh, Poroh Adummoh . . .“
„„Schreib' auf, Beifuß: Kappore der Dumme!““
„. . geſchlachtet und verbrannt werden mußte, deren Aſche mit Quellwaſſer vermiſcht, auf die Unreinen geſprengt wurde. Eine ſolche, ganz rothe Kuh, war ſelten zu finden, und wurde, wenn ſie zu haben war, ſehr theuer bezahlt. Sie war aber ſolange nur zum Opfer tauglich, ſolange keine Arbeit mit ihr war verrichtet worden. Nehmen wir nun an, Rouben hat das Glück gehabt, daß ihm eine rothe Kuh, die allen Anforderungen des Religionsgeſetzes entſpricht, in ſeiner Heerde iſt geboren worden; da kömmt Simon und ſpannt die Kuh in's Joch und pflügt mit ihr. Das bischen Pflügen hat der Kuh nichts geſchadet, ſie iſt noch dieſelbe, die ſie vorher war; allein zu dem religiöſen Zwecke iſt ſie nicht mehr tauglich, und die Kuh, 40die vorher mit 1000 Goldgulden oder mehr bezahlt worden wäre, iſt jetzt den hundertſten Theil dieſer Summe nicht mehr werth. Jetzt iſt die Rechtsfrage die: Muß Simon den angerichteten Schaden erſetzen oder nicht? Kann er zu Rouben ſagen: Hier iſt Deine Kuh, unverſehrt, wie ſie war, was willſt Du alſo von mir? oder kann Rouben Schadenerſatz beanſpruchen?““
„Und wie entſcheidet Ihr in ſolchen und ähnlichen Fällen?“
„„Wir entſcheiden nach dem Vorgange unſres großen Lehrers Maimonides . . .““
„Schreibe den Namen auf, Beifuß!“
„„daß ein imaginärer Schaden eigentlich kein Schaden iſt, daß alſo die Zufügung eines ſolchen nicht zum Schadenerſatz verpflichtet. Daher iſt Derjenige, der im Irrthum, ohne Vorſatz einen derartigen Schaden anrichtet, vom Schadenerſatze frei zuſprechen; in dem angeführten Beiſpiele, wenn er nicht weiß, daß die Kuh für eine Poroh Adummoh beſtimmt iſt, oder wenn er nicht weiß, daß eine mit ihr verrichtete Arbeit ſie untauglich macht. Damit aber nicht Jeder in dieſer Weiſe ungeſtraft ſeinem Nebenmenſchen Schaden zufüge, haben die Rabbinen beſtimmt, daß bei vorſätzlicher Schadenzufügung Schadenerſatz zu verhängen ſei.““
„Eine ſehr vernünftige Entſcheidung. Ich denke, ich weiß jetzt genug vom Talmud, um den Pfefferkorn ad abſurdum zu führen. Gib mir Deine Notizen, Beifuß.“
Der Leibarzt that, wie ihm geheißen wurde. Der Kurfürſt las die hebräiſchen Worte und ließ die Ausſprache ſich ſolange corrigiren, bis ſie ihm geläufig wurde. Dann winkte er mit der Hand, und die Audienz war zu Ende.
I. Theil · Kapitel 8 · S. 41–45
VIII.
41Wenige Tage nachher wurde Pfefferkorn in das Gemach des Kurfürſten geführt.
Kurfürſt Uriel wandte ſich, als er den kleinen, rothhaarigen, häßlichen Mann erblickte, mit der gewaltigen Naſe, der niedrigen Stirn, dem breiten Munde, aus welchem große und ſtarke, ſchwärzliche Zähne hervorſtanden, mit Abſchen ab. Kurfürſt Uriel war in früheren Jahren Domherr zu Worms geweſen, und hatte zu den vertrauteſten Freunden des deutſchen Lorenzo von Medicis, des Wormſer Biſchofs Johann von Dalberg gehört. Dieſer hatte zur Cultur der Humanitats-Wiſſenſchaften nach Art der freien italieniſchen Akademie die rheiniſche Geſellſchaft gegründet. Im Umgange mit den Männern der deutſchen Renaiſſance hatte Kurfürſt Uriel ſeinen Schönheitsſinn ausgebildet; dies Monſtrum von Häßlichkeit, das ſich ihm hier in dem Apoſtaten darbot, erregte ihm Ekel und Abſchen.
Pfefferkorn warf ſich dem Kurfürſten zu Füßen und flehte um deſſen erzbiſchöflichem Segen.
Uriel überwand gewaltſam ſeinen Abſchen und ertheilte den Segen.
„Ihr ſeid der Neophyt Johannes Pfefferkorn und ſeid vom Kaiſer beſtellt, in majorem Dei gloriam die hebräiſchen Bücher der Juden zu vernichten, die Feindſeliges gegen den Chriſtenglauben enthalten?“
„„Ich bin der Mann, Kurfürſtliche Gnaden, den Gott erleuchtet hat. Da ich noch tief im jüdiſchen Unglauben ſteckte, war ich ein Rabbiner und Schriftgelehrter dieſes verſtockten Volkes und habe aus ihren Schriften erſehen, wie ſie den Chriſtenglauben ſchelten. O, Kurfürſtliche Gnaden, 42dieſe Juden ſind den Chriſten noch gefährlicher als der Teufel ſelbſt. Und was iſt ſchuld an ihrer Verſtocktheit? Lediglich ihre läſterlichen Schriften. So habe ich mich dann aufgemacht und bin nach Padua gewandert, wo ich mich niedergeworfen vor dem Throne unſres erhabenen Kaiſers Maximilian, Gott ſegne ihn, und Seine Kaiſerliche Majeſtät haben allergnädigſt geruht, meinen Bitten Gehör zu ſchenken. Hier iſt das Kaiſerliche Schreiben.““
Der Kurfürſt nahm das Schriftſtück, das Pfefferkorn ihm darbot und las es.
„Ihr ſeid alſo berufen, zu confisciren, zu prüfen und zu verbrennen, was Euch als gegen die Chriſtenlehre gerichtet erſcheint. So ſeid Ihr gewiß in den rabbiniſchen Wiſſenſchaften ſehr verſirt und wiſſet eo ipso jedes Buch zu beurtheilen.“
„„Ich kenne den ganzen Talmud, und von all den läſterlichen Dingen, die er enthält, iſt mir nichts unbekannt.““
„Enthält denn der Talmud nur läſterliche Dinge?“
„„Nichts Anderes, gnädigſter Herr!““
„Ho ho, das möchte ich doch beſtreiten. Der Talmud enthält auch die Jurisdiction der Juden, und da finden ſich manche ſchöne Rechtsgrundſätze. Wißt Ihr davon?“
„„O gewiß! Schnajim ochſin betaliß, wenn zwei anfaſſen an ein Gewand, der Eine ſagt, ich hab's gefunden, der Andere ſagt, ich hab's gefunden, ſo können ſie's theilen. Iſt das nicht läſterlich, gnädigſter Herr? Wenn Jemand etwas gefunden hat, ſo ſollte er es doch dem zurückgeben, der es verloren.““
Der Kurfürſt war überraſcht. Sollte das wirklich ſo im Talmud ſtehen? Nach Allem, was er von ſeinem Leibarzte, der ſein volles Vertrauen 43beſaß, über den Talmud gehört hatte, war das ganz unmöglich. Und doch konnte er nicht glauben, daß ihn Pfefferkorn frech belügen wolle. Er ſann einen Augenblick nach, und als gewiegter Juriſt traf er das Richtige.
„Ihr irrt Euch, Johannes“, ſagte er, „der Talmud redet von einem ſolchen Falle, da der Finder nicht zu ermitteln iſt. Doch ich will Eure Kenntniß in der rabbiniſchen Wiſſenſchaft auf die Probe ſtellen. Wißt Ihr, was Hesek ſcheöno nickor iſt?“
Pfefferkorn gerieth in Verlegenheit. Gewaltſam raffte er die Reminiscenzen ſeiner früheſten Kindheit zuſammen. Er wiederholte mehrmals die Worte: Hesek ſcheöno nickor, hesek ſcheöno nickor — da kam ihm die Erinnerung: Hesek ſcheöno nickor, lo ſchmeh hesek, und triumphirend rief er:
„„Ein Schaden, der nicht zu erkennen iſt, der heißt nicht Schaden. So lehren die läſterlichen Talmudiſten: Betrüge ſoviel Du kannſt, nur laſſe Dich nicht ertappen! Lege die gute Waare oben hin und die ſchlechte unten, damit der Käufer den Schaden nicht erkenne, den Du zufügſt.““
Da erhob ſich der Kurfürſt und ſtand zürnend da.
„Lügner, Schuft, Verleumder,“ rief er dem verdutzten Pfefferkorn zu, „und Du unwiſſender Menſch, Du Auswurf der Menſchheit willſt Ankläger, Zeuge, Richter in einer Perſon ſein? Du haſt den Kaiſer betrogen, haſt ihm weisgemacht, wie Du auch mir haſt weismachen wollen, Du ſeiſt ein Rabbiner, ein Schriftgelehrter! Ein räudiger Hund biſt Du, ein Nichts, nicht werth meines Zornes. Hesek ſcheöno nickor iſt ein imaginärer Schaden, wenn, zum Beiſpiel, Jemand arbeitet mit einer rothen Kuh. Du aber biſt ein rother Hund, und Dein Mandat hat keine Giltigkeit; es 44iſt null und nichtig; alle Bücher mußt Du herausgeben und die Juden unbehelligt laſſen. Dich aber wird die gerechte Strafe treffen, weil Du es gewagt haſt, den Kaiſer zu belügen.“
Da warf ſich Pfefferkorn dem Kurfürſten zu Füßen.
„„Gnädigſter Herr,““ flehte er, „„ich wußte ja nicht, daß Eure Kurfürſtliche Gnaden ein ſo großer Talmudiſt ſind, ſonſt hätte ich nicht gewagt, mich für einen ſolchen auszugeben. Ich habe als Kind wohl einmal etwas im Talmud gelernt, habe aber das Meiſte wieder vergeſſen. Aber gnädigſter Herr, ich handle ja nur im Auftrage meiner gnädigen Gönner vom Orden des heiligen Dominicus zu Cöln““
Die letzten Worte des Apoſtaten wirkten wie ein kaltes Sturzbad auf den aufgeregten Kirchenfürſten.
„Ich muß einlenken,“ dachte er, „ich will mir die Dominicaner nicht auf den Hals hetzen; das ſind gefährliche, rachſüchtige Gegner.“
„Steht auf!“ ſagte er zu dem noch immer am Boden liegenden Pfefferkorn. „Ich bin zu weit gegangen in meinem Zorne; ich glaube Euch, daß nur heiliger Eifer für Euren neuen Glauben die Triebfeder Eurer Handlungen iſt; Aber Euer Mandat iſt nichtig, weil es auf falſcher Vorausſetzung beruht. Gehet hin zum Kaiſer und erwirkt Euch ein anderes, in welchen Euch ein Kenner der hebräiſchen Literatur beigeſellt wird zur Prüfung der Bücher der Juden. Bis dahin darf nicht ein Buch verbrannt werden; hört Ihr's, nicht ein Buch!“
„„Und wer, Kurfürſtliche Gnaden, wäre zu dieſem Geſchäfte tauglich?““
„Ich kenne nur Einen in ganz Deutſchland, der dazu geeignet wäre. Es iſt der kaiſerliche 45Rath Johann Reuchlin, der Richter des Schwäbiſchen Bundes. Er kennt und verſteht Hebräiſch und iſt zugleich ein Gegner der Juden.“
„„Wohl, gnädigſter Herr, er hat ein Buch darüber geſchrieben, daß die Juden ſolange im Elend, weil ſie vor 1500 Jahren den Meſſias verleugnet haben.““
„So bittet den Kaiſer, daß er Euch dieſen Mann beigeſelle, damit Alles nach ſeinem Gutachten geſchehe.“
Der Kurfürſt winkte mit der Hand; Pfefferkorn war entlaſſen.
Als nachher Kurfürſt Uriel ſeinem Leibarzte das Ergebniß ſeiner Verhandlung mit Pfefferkorn mittheilte, ſagte er zum Schluſſe:
„Ich habe ihn an Reuchlin gewieſen. Derſelbe iſt zwar kein Freund der Juden, aber ein Verehrer der jüdiſchen Literatur und der hebräiſchen Sprache. Wenn der Kaiſer Reuchlin zum Schiedsrichter ernennt, ſo ſind Eure Bücher wohl geborgen.
I. Theil · Kapitel 9 · S. 45–51
IX.
Auf Anlaß des Kurfürſten Uriel wurden die von Pfefferkorn confiscirten hebräiſchen Bücher in ſicheren Gewahrſam gebracht. Pfefferkorn begab ſich zunächſt nach Tübingen zu Reuchlin, um dieſen für ſeine Zwecke zu gewinnen. Vor ihm her aber reiſte auf den kürzeſten Wegen und mit den ſchnellſten Pferden Rabbi Joſelmann.
Einer der hervorragendſten Geiſter, die dem deutſchen Volke entſtammt ſind, war Johann Reuchlin. Im Jahre 1455 in Pforzheim geboren, wurde er mit dem Sohne des Markgrafen Carl von Baden erzogen und mit dieſem im Jahre 1473 nach Paris 46geſchickt, wo er ſich unter den ausgezeichnetſten Lehrern der damaligen Zeit dem Studium der Rechtswiſſenſchaft und neben dieſer der Erlernung der griechiſchen Sprache widmete. Als er im Jahre 1475 ſeine Studien in Baſel fortſetzte, wurde er durch Johann Weſſel aus Gröningen veranlaßt, ſich auch mit dem Studium der hebräiſchen Sprache zu beſchäftigen. Gab es damals nur ganz wenige Männer, welche ſich mit der griechiſchen Sprache befaßten, ſo ſtand in Bezug auf das Hebräiſche Reuchlin in Deutſchland ganz allein. Später trat Reuchlin in die Dienſte des Grafen Eberhard von Württemberg, den er zweimal nach Italien begleitete. In Italien, am Hofe Lorenzo's von Medicis, im Umgange mit Männern wie Pico von Mirandola, dem ſchwärmeriſchen Verehrer der kabbaliſtiſchen Wiſſenſchaft, bildete ſich der Geiſt Reuchlin's in einer Weiſe, die in Deutſchland ihresgleichen nicht hatte. So vorbereitet, wurde er der Lehrer von ganz Deutſchland, der Wiedererwecker der Wiſſenſchaften. Er ſuchte in die deutſche Sprache einen gebildeten Ton und Feinheit des Ausdrucks zu bringen; er ſuchte den Jugendunterricht zu verbeſſern. Seine Schriften wurden überall fleißig ſtudirt, ſeine lateiniſchen Dramen, die ſich von den alten Mönchsdramen ſehr vortheilhaft unterſchieden, wurden an den Univerſitäten von den Studenten aufgeführt. Als Graf Eberhard ſtarb, trat Reuchlin in die Dienſte des Kurfürſten von der Pfalz und ward Profeſſor an der Univerſität zu Heidelberg. Im Jahre 1498 wurde er von ſeinem neuen Landesherrn abermals nach Rom geſchickt, wo er jede Stunde, die er den Geſchäften abzugewinnen vermochte, dem Studium der hebräiſchen Sprache und Literatur widmete. Rabbi Obadjah Seforno, der berühmte Commentator des Pentateuchs, ward ſein Lehrer. Reuchlin zahlte 47ihm einen Goldgulden (etwa 10 Mark) für jede Unterrichtsſtunde, für die damalige Zeit (und auch wohl heute noch) ein ungeheuer großer Preis. Nach ſeiner Heimkehr wurde Reuchlin vom Kaiſer zum Richter des Schwäbiſchen Bundes ernannt, und dieſes Amt bekleidete er um die Zeit unſerer Geſchichte.
Als Rabbi Joſelmann vor Reuchlin erſchien, ſprach er:
„Geſtattet mir, Herr Kaiſerlicher Rath, daß ich den vom Talmud vorgeſchriebenen Segen ſpreche“
Und als Reuchlin zuſtimmend nickte, bedeckte Rabbi Joſelmann ſein Haupt und ſprach: „Gelobt ſeiſt Du, Ewiger, unſer Gott, König der Welt, der da von ſeiner Weisheit verliehen hat einem Menſchen.“
„„Ihr erweiſt mir zu viel Ehre.““
„Habe ich doch das Glück, den Mann zu ſehen, der allgemein als der Praeceptor Germaniae (Lehrer Deutſchlands) verehrt wird.“
„„Wie heißt Ihr und woher ſeid Ihr?““
„Ich heiße Joſelin und bin aus Rosheim in Elſaß, ich entſtamme der Familie Loans.“
„„Loans? Seid Ihr vielleicht ein Verwandter meines Freundes Jakob Loans, der bei Weiland Friedrich III. Leibarzt war?““
„Jakob Loans ſtammt aus derſelben Familie, allein unſere Vetterſchaft iſt eine ſehr weitläufige und beſchränkt ſich auf die uns gemeinſamen Ur=Ahnen.“
„„Was führt Euch zu mir, Joſelin?““
„Wohlweiſer Herr Rath, ein unwiſſender Menſch, ein Abtrünniger vom Hauſe Israels, Namens Pfefferkorn, hat vom Kaiſer ein Mandat zu erlangen gewußt, das ihn berechtigt, ſämmtliche hebräiſche Bücher zu confisciren, zu unterſuchen, ob dieſelben Feindſeliges gegen die Chriſtenlehre 48enthalten und ſie dann zu verbrennen. Dem unwiſſenden Menſchen iſt es lediglich um Gelderpreſſung zu thun. In Frankfurt am Main hat er alle Bücher und Pergamente weggenommen, mehr als 1500, und droht, ſie ſämmtlich zu verbrennen, wenn man ihm nicht 100,000 Goldgulden zahlt, eine Summe, die das Vermögen aller Juden zu Frankfurt überſteigt. Erzbiſchof Uriel, der Kurfürſt von Mainz, hat einſtweilen dem ſchändlichen Treiben des Apoſtaten Einhalt gethan, bis ein kundiger Mann die heiligen Bücher prüfe und ſich überzeuge, ob ſie Gehäſſiges gegen die Chriſtenlehre enthalten oder nicht. Aller Augen, gnädiger Herr Rath, ſind auf Euch gerichtet. Ihr ſeid der einzige Nichtjude, der in Deutſchland der hebräiſchen Sprache mächtig iſt. Gnädiger Herr Rath, viel Unbill haben die armen Nachkommen Jakobs ſchon erdulden müſſen auf Erden. Man hat unſere Väter verfolgt mit Feuer und Schwert, mit Rad und Strang, einige hat man in's Waſſer geworfen, einige lebendig begraben, anderen hat man auf nichtige Vorwände hin mit Folterwerkzeugen die Glieder zerſchlagen. Unzählige Mal hat man uns vertrieben von Haus und Hof, hat uns mit Weibern und Kindern zu unſteten Bettlern gemacht, hat uns erniedrigt und mit Abzeichen der Schande verſehen. Niemals aber noch hat man uns unſrer heiligen Schriften berauben wollen, die unſer einziger Troſt ſind in allem unſerm Elend.“
„„Ich glaube Euch, Joſelin. Ich bin kein Freund der Juden, einige wenige ausgenommen; aber ich bin ein Freund Eures Schriftthums; ein Bewunderer der erhabenen kabbaliſtiſchen Wiſſenſchaft und vor Allem ein Verehrer der göttlichen Sprache, die man die hebräiſche nennt. Die Sprache der Hebräer iſt einfach, unverdorben, heilig, kurz und feſt. In ihr hat Gott mit Moſe 49geſprochen, von Angeſicht zu Angeſicht; in ihr hat Gott ſich den Propheten offenbart unmittelbar und ohne Dolmetſch; in ihr haben die Engel mit den Menſchen verkehrt. In ihr hat Gott, der Allmächtige, zu Moſe geſprochen, nicht durch das Rauſchen der kaſtaliſchen Quelle oder durch die typhoniſche Höhle oder durch den dodoniſchen Wald oder den delphiſchen Dreifuß, ſondern wie ein Freund mit dem andern zu ſprechen pflegt.1Reuchlins eigene Worte in ſeinem Werke de verbo mirifico (von dem wunderbaren Worte). Vergleiche: Grätz, Geſchichte der Juden, 9. Bd., S. 92.““
„Gelobt ſei Gott, der mich ſolche erhabene Worte von Euch hören läßt. Gott ſegne Euch, wohlweiſer Herr; Ihr gehört zu den Frommen der Nationen, von denen der Talmud ſagt, daß ſie Antheil haben an der zukünftigen Welt.“
„„Ich kenne den Talmud nicht, habe ihn nie geſehen; ich habe nur die heilige Schrift und ihre Commentatoren in der Urſprache geleſen; auch einige kabbaliſtiſche Werke; aber das Wenige, was ich weiß, hat mir die Ueberzeugung verſchafft, daß wir von den Juden viel lernen könnten, daß nur durch die hebräiſchen Commentare der Juden wir den Sinn des heiligen Schriftworts zu erfaſſen vermögen. Mein Lehrer, Obadjah Seforno, der jetzt als Arzt in Bologna weilt, hat ſelbſt einen Commentar zum Pentateuch geſchrieben; ihm verdanke ich das Verſtändniß gar mancher dunklen Stelle. — Seid auch Ihr in dem hebräiſchen Schriftthum verſirt?““
„Ein wenig, gnädiger Herr Rath.“
Reuchlin ging zu ſeiner Liberei2Bibliothek. und holte eine prachtvolle hebräiſche Bibel hervor.
50„„Seht, Joſelin,““ ſagte er, „„dieſes koſtbare Buch hat mir Weiland Kaiſer Friedrich III. auf Anlaß meines Freundes, des kaiſerlichen Hofmedicus Jakob Loans, geſchenkt. Da ſchlage ich gerade eine mir unverſtändliche Stelle auf. Könnt Ihr mir ſie erklären?““
Reuchlin zeigte mit dem Finger auf den 7. Vers des 23. Capitels des 2. Buches Moſis.
Rabbi Joſelmann las den Vers laut und überſetzte ihn in's Deutſche.
„Vom Worte der Lüge ſollſt Du Dich entfernen, und den Unſchuldigen und Gerechten ſollſt Du nicht umbringen, denn ich werde nicht gerecht laſſen den Böſewicht.“
„„Wie erklärt Ihr den Vers,““ fragte Reuchlin, „„und welcher iſt der Zuſammenhang zwiſchen den drei Gliedern deſſelben?““
„Wohlweiſer Herr Rath, man kann dieſen Vers nur erklären, wenn man das talmudiſche Recht kennt. Die Talmudiſten lehren, daß wenn ein Gerichtshof einen Verbrecher einſtimmig verurtheilt, daß der Verurtheilte frei ausgeht; denn es gibt keinen Verbrecher, der nicht auch Vertheidiger finden könnte, und eine einſtimmige Verurtheilung ſetzt eine Animoſität der Richter gegen den Angeklagten voraus. Nun könnte aber doch ein Fall eintreten, daß ſolch eine Animoſität nicht vorhanden und ſämmtliche 23 Richter des kleinen Synhedriums nichtsdeſtoweniger von der Schuld des Angeklagten überzeugt ſeien; was wird da die Folge ſein? Sprechen die Richter alle das Schuldig aus, ſo wird der Angeklagte frei. Da könnte man meinen, es ſollten zwei Richter gegen ihre Ueberzeugung, der Eine ſein Votum abgeben: „unſchuldig,“ der Andere: „gerecht,“ damit der Verbrecher der verdienten Strafe nicht entgehe? Da ſpricht aber Gott: „Vom Worte der Lüge ſollſt Du fern bleiben 51und mit dem Votum „unſchuldig und gerecht“ ſollſt Du nicht umbringen; daß aber der Verbrecher der verdienten Strafe nicht entgehe, dafür werde Ich ſorgen, „denn ich werde nicht gerecht laſſen den Böſewicht.“
„Ich danke Euch, Joſelin; Eure Erklärung iſt klar und zutreffend. Ich habe auf's Neue die Ueberzeugung gewonnen, daß das rabbiniſche Wiſſen Licht verbreitet über das heilige Schriftwort. Ihr könnt ruhig Eures Weges ziehen; ich werde dafür Sorge tragen, daß Eure Bücher unverſehrt bleiben.““
I. Theil · Kapitel 10 · S. 51–56
X.
Auf Betreiben des Kurfürſten Uriel von Mainz befahl der Kaiſer, daß das Verbrennen der jüd. Bücher hinauszuſchieben ſei und daß zuvor Gutachten von fünf Univerſitäten und außerdem von Reuchlin und zwei Kölner Mönchen eingefordert werden ſollten, ob es göttlich, löblich und wirklich dem Chriſtenthum förderlich, die talmudiſchen Schriften zu verbrennen. Es waren, mit Ausnahme Reuchlin's, lauter des Hebräiſchen unkundige Männer, eingefleiſchte Judenfeinde, die ſich lediglich damit begnügten, die Lügen und Entſtellungen Pfefferkorns wiederzukäuen. Man kann ſich daher vorſtellen, wie die Gutachten ausfielen. Anders Reuchlin. Mit hoher Begeiſterung ſchrieb er ſein Gutachten. Mit großer Ausführlichkeit wies er nach, wie ſchädlich, thöricht, ſchändlich es ſei, den Juden ihre heiligen Bücher zu rauben, aus denen die älteſten und gelehrteſten chriſtlichen Theologen ihre Weisheit geſchöpft. Reuchlin's Gutachten war, wie Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuch ſchreibt, ein Nôß bethoch Nôß, ein gedoppeltes Wunder, daß nämlich ein Nichtjude ſo begeiſtert und ſo 52überzeugungsvoll für die heiligen Schriftwerke der Juden eintrat. Doch war damit noch wenig gewonnen; ſieben abfällige Gutachten ſtanden dem einzigen Reuchlin's gegenüber, und die Herzogin Kunigunde von Bayern, des Kaiſers Lieblingsſchweſter, die von den Dominicanern beeinflußt war, beſtürmte den Kaiſer mit Bitten, die Verbrennung ernſtlich in's Werk ſetzen zu laſſen. Da war es nothwendig, den Kaiſer zu beeinfluſſen, und Rabbi Joſelmann erbot ſich, an den kaiſerlichen Hof zu wandern, um den Kaiſer perſönlich zu bitten, daß er den Wünſchen der Judenfeinde nicht willfahre.
Schon manchen Tag hatte Rabbi Joſelmann zu Pferde geſeſſen, um das Kaiſerliche Hoflager, das ſich damals zu Salzburg befand, zu erreichen. In Salzburg war Matthäus Lang von Wallenberg, Maximilians natürlicher Sohn, — die Mutter deſſelben war eine Augsburgerin — Erzbiſchof und Cardinal, und der Kaiſer weilte zum Beſuche bei dieſem ſeinem geliebten Sohne.
Es war eine lange und beſchwerliche Reiſe; dazu kam noch, daß Rabbi Joſelmann eine betrübende Nachricht erhalten hatte, die ihn tief verſtimmte. Zu Berlin waren 38 würdige, israelitiſche Männer auf die falſche und lächerliche Anklage der Hoſtienſchändung hin verbrannt worden. — Rabbi Joſelmann führte ſein Pferd mühſam durch einen engen Gebirgspaß. Von allen Seiten her ſtürzten ſich die wilden Gewäſſer von den Bergen hernieder,
„Tobt nur, ihr wilden Wäſſerlein,“ ſprach Rabbi Joſelmann vor ſich hin, „ihr fließt alle in's Meer, wo ihr nichts mehr ſeid und verſchwindet. Alſo ergeht's den wilden Völkern und Schaaren; ſie toben und wüthen ſolange, bis ihre Zeit um iſt; dann müſſen ſie ſchweigen, dann gehen ſie ver53loren. Israel wandert ſtill und beſcheiden, leidend und duldend ſeinen Weg; aber Gott kennt dieſen Weg und führt ihn zum guten Ziele.“
Unterdeß hatte ſich der Horizont ſchwarz umzogen. Von verſchiedenen Seiten zogen ſchwere Wolken herauf und der grollende Donner kam immer näher, bis die Wolken ſich im herniederſtrömenden Regen entluden, mächtige Donnerſchläge von den hohen Gebirgsrieſen herniederhallten, vom Echo vervielfacht, während zuckende Blitze die finſter gewordene Landſchaft grell beleuchteten. Rabbi Joſelmann band ſein zitterndes Pferd an einen Baum und fand ſelbſt Schutz vor dem ſtrömenden Regen in einer verlaſſenen Köhlerhütte.
„Und es donnert im Himmel der Ewige, und läßt ſeine Stimme erſchallen,“ ſagte Rabbi Joſelmann mit den Worten des Pſalmiſten, während er ſich auf einen Haufen Stroh, das ſich in der Hütte vorfand, niederließ. Dann öffnete er ſeinen Mantelſack, den er vom Pferde genommen und mit in die Hütte gebracht hatte, nahm Feuerſtein, Stahl und Zunder heraus und ſchlug Feuer, bis der Zunder glimmte. Darauf holte er einen Wachsſtock hervor und blies in den brennenden Zunder, bis er die Wachskerze daran entzündet hatte. Voll Freude ſprach er, als ihm das gelungen: „Denn Du wirſt leuchten laſſen mein Licht, der Ewige, mein Gott, erhellet mir die Finſterniß.“ Und er nahm ein kleines Talmudexemplar, das er mit ſich führte, aus dem Mantelſack, küßte es und begann eifrig zu ſtudiren. Draußen rollte der Donner, zuckten die Blitze, tobten die von den Bergen herniederſtrömenden Gewäſſer, und Rabbi Joſelmann ſaß allein in der verlaſſenen Köhlerhütte, im Talmud ſtudirend, die tobende, toſende Außenwelt vergeſſend; er merkte es auch nicht, daß ein ſtattlicher Mann in ritterlicher Tracht in die Hütte eintrat. 54Dieſer blieb wie erſtarrt ſtehen, bis er ſich zu dem Ausruf ermannte: „Alle guten Geiſter loben Gott, den Meiſter! Gebt Antwort, wer ſeid Ihr, ſeid Ihr ein Menſch, ein Engel oder ein Dämon?“
Rabbi Joſelmann erhob ſich.
„„Ich bin ein armer Jude, Herr,““ ſagte er, „„der an den Hof des Kaiſers nach Salzburg reiſt.““
„Ein armer Jud' und der Hof des Kaiſers, wie reimt ſich das zuſammen? Was machſt Du da, Jud', Du beteſt wohl, weil Du Dich vor dem Gewitter fürchteſt?“
„„Nicht doch, gnädiger Herr; ich habe den Segensſpruch über den Donner und den Blitz geſprochen; da fürchte ich mich nicht.““
„Und wie lautet ſolch ein Segensſpruch? Aber auf Deutſch, Jude!“
„„Wenn wir den Donner rollen hören, ſo loben wir Gott, deſſen Kraft und Allgewalt die Welt erfüllt.““
„Nicht übel. Und was ſprecht Ihr, wenn es blitzt?“
„„Wenn wir den Blitz ſehen, wie er herniederzuckt, ſo preiſen wir Gott, der das Schöpfungswerk vollbracht hat.““
„Was hat der Blitz mit dem Schöpfungswerke gemeinſchaftlich?“
„„Wann des Blitzes Feuer herniederfährt zugleich mit dem ſtrömenden Regen, da menget ſich Waſſer mit Feuer. So hat Gott einſt die Himmel aus Feuer und Waſſer erſchaffen.““
„Mir ſcheint, Du biſt einer der Gelehrten Deines Volkes. Was iſt das für ein Buch, in welchem Du ſoeben geleſen haſt?“
„„Es iſt ein Theil des Talmuds, der Tractat Baba Bathra.““
„Des Talmuds, den ich . . ., den der Kaiſer 55jetzt eben verbrennen laſſen ſoll, auf der Dominicaner in Cöln Betreiben? Laß hören, was darin ſteht; überſetze mir in's Deutſche die Stelle, die Du ſoeben geleſen!“
Und Rabbi Joſelmann überſetzte:
„„Unſere Rabbinen lehren: Einſt hat es ſich ereignet, daß der König Monibas alle von ihm und ſeinen Vorfahren geſammelten Schätze während der Jahre der Hungersnoth an die Nothleidenden vertheilte; da überhäuften ihn ſeine Brüder und alle ſeine Verwandten mit Vorwürfen. — Deine Väter, ſagten ſie, haben Schätze geſammelt, und Du haſt ſie verſchwendet! — Meine Väter, antwortete er, haben Schätze für hier unten geſammelt, und ich für dort oben, denn ſo heißt es: Die Wahrheit wird aus der Erde emporwachſen und das Wohlthun vom Himmel herniederſchauen. Meine Väter haben vergängliche Schätze geſammelt, ich aber unvergängliche, wie es heißt: Wohlthun und Gerechtigkeit ſind die Stützen Deines Thrones.““
„Sehr ſchön, ſehr ſchön! Wohlthun und Gerechtigkeit ſind die Stützen Deines Thrones! Das will ich mir merken, das werde ich nimmer vergeſſen. Doch weiter!“
„„Meine Väter haben unfruchtbare Schätze geſammelt, ich aber ſolche, die Früchte tragen, denn ſo ſagt der Prophet: Saget dem Gerechten, dem Gottesfürchtigen, daß wenn er auch gut gegen die Menſchen iſt, er die Frucht ſeiner Handlungen genießen wird. Meine Eltern haben Gold und Edelſtein geſammelt, ich aber habe Menſchenleben erhalten, wie es heißt: Die Frucht des Gerechten iſt wie vom Baume des Lebens, der Weiſe ſucht ſich Menſchen zu erobern.““
„Prachtvoll, herrlich! Als ich . . . als unſer Kaiſer Max noch ein Knabe war, da ſchenkte ihm ſein Vater, der weiſe König Friedrich, einen Teller 56voll Obſt und einen Beutel mit Gold gefüllt. Der junge Maximilian aß das Obſt, das Gold aber verſchenkte er. Da ſeufzte der weiſe König und ſprach: Der wird ein Streuhütlein werden! Max aber entgegnete: Ich will nicht ein König des Geldes werden, ſondern der Menſchen! — Doch fahre fort, Jude!“
„„Meine Väter haben Schätze für Andere geſammelt, ich aber für mich, wie es heißt: Und Dein Eigenthum ſoll das Wohlthun verbleiben. Meine Väter haben Schätze für dieſe Welt geſammelt, ich aber für die künftige Welt, denn alſo heißt es: Und es wird wandeln vor Dir her Deine Wohlthätigkeit, die Herrlichkeit Gottes wird Dich aufnehmen.““
„Ich ſegne die Stunde, die mich hier in dieſer Hütte Schutz ſuchen ließ während des Unwetters. Wie iſt Dein Name, Jude?“
„„Ich heiße Joſelin und bin aus Rosheim im Elſaß.““
„Und ich bin der Ritter Theuerdank; wenn Du am Kaiſerhofe einer Fürſprache bedarfſt, ſo wende Dich nur an mich. Der Kaiſer iſt mir gewogen.“
„„Ich danke Euch, edler Herr.““
„Das Unwetter hat ſich verzogen; die Sonne ſcheint wieder helle. Leb wohl, Jude, auf Wiederſehen beim Kaiſer Max.“
Und er eilte hinaus. Auch Rabbi Joſelmann packte ſeine Sachen in ſeinen Mantelſack, ſuchte ſein Pferd wieder auf und ritt ſeines Weges.
I. Theil · Kapitel 11 · S. 56–62
XI.
Wohl keine Stadt in Deutſchland kann ſich an Schönheit der Lage mit Salzburg vergleichen. An 57beiden Ufern der Salzach, welche drei Brücken mit einander verbinden, dehnt ſich die Stadt aus mit ihren ſchönen Paläſten, ihren impoſanten Kirchen, ihren wundervollen Brunnen, überragt von der hohen Salzburg, dem erzbiſchöflichen Reſidenz=Schloſſe, das zur Zeit unſerer Erzählung ſoeben von italieniſchen Baumeiſtern war vollendet worden.
Rabbi Joſelmann wollte durch das offene Stadtthor reiten; da hielt ihn der Thorwächter an.
„Wer ſeid Ihr und woher und wohin des Weges?“
„„Ich heiße Joſelin von Rosheim, komme aus Frankfurt am Main und will das Hoflager des Kaiſers aufſuchen.““
„Ihr ſeid ein Jude?“ „„Ja, Herr!““
„So kehrt nur wieder um. Kein Jude darf die Hauptſtadt des Erzſtiftes betreten.“
Rabbi Joſelmann war vom Pferde geſtiegen. Er nahm ein Goldſtück und drückte es dem Thorwächter in die Hand. Dieſer beſah ſchmunzelnd das Geld; er hatte noch nie ein Goldſtück beſeſſen.
„Wieviel iſt das?“ fragte er.
„„Es hat den Werth von fünf Silbergulden.““
„Ich danke Euch, Herr Jude! So reitet denn in Gottes Namen hinein. Aber verrathet mich nicht; ſagt Niemandem, daß ich Euch für Geld den Eintritt geſtattet.“
Rabbi Joſelmann ritt durch die Stadt, über den Capitelplatz, durch die Petersgaſſe, immer bergauf, bis er an die Pforte des Reſidenzſchloſſes gelangte. Da gewahrte er in der Nähe deſſelben ein Wirthshaus „Zur Katz“; dort ſtieg er ab, ſtellte ſein Pferd ein, wechſelte die Kleidung, und labte ſich an der Speiſe, die er mit ſich führte. Dann ſuchte er den Wirth auf und ſprach: „Ehrenfeſter Herr Wirth, Ihr kennt gewiß des Kaiſers 58Hofgeſinde! Kennt Ihr mir nicht ſagen, wo ich den Ritter Theuerdank treffe?“
„„Wohl kenne ich die Herren vom Hofe alle,“ antwortete der Wirth, „ſie kommen oft in meine Weinſtube; der Oberhofmeiſter iſt der Graf Eitelfried von Zollern, der Haushofmeiſter iſt Herr Caſpar von Lupian, der Landhofmeiſter Fürſt Paul von Lichtenſtein; der Obriſtſilberkämmerer heißt Freiherr Siegismund von Dietrichſtein; Hofmarſchall iſt Herr Graf Wolfgang von Fürſtenberg und Landjägermeiſter der Ritter Wilhelm Greiß; einen Ritter Theuerdank kenne ich nicht; doch da kömmt des Kaiſers luſtiger Rath, Herr Kunz von der Roſen, der kann Euch vielleicht die gewünſchte Auskunft geben.““
Der berühmte luſtige Rath des Kaiſers, der ebengenannte Kunz von der Roſen, trat in die Weinſtube.
„Herr Wirth,“ rief er, „ich habe großen, großen Durſt und möchte gern eine Kanne von Eurem Beſten trinken; allein, das Geld iſt mir ausgegangen.“
„„Ihr wißt, gnädiger Herr, daß ich ſtrengen Befehl habe, an des Kaiſers Hofgeſinde nur gegen baares Geld Wein zu verabreichen.““
„Ja, was machen wir da? Ich bitte Euch, Herr Wirth, macht eine Ausnahme; mein Durſt iſt ganz unmenſchlich.“
Der Wirth zuckte mit den Achſeln.
„Gnädiger Herr,“ nahm Rabbi Joſelmann das Wort, „wollt Ihr mir gnädigſt geſtatten, eine Kanne Wein für Euch zu bezahlen?“
Er winkte dem Wirth, der alſobald das Gewünſchte herbeibrachte.
Herr Kunz von der Roſen aber blickte finſter auf Rabbi Joſelmann.
„Ich trinke nicht,“ ſagte er, „bis ich weiß, wel59chen Gegendienſt Ihr von mir verlangt; ich bin ein treuer Diener meines Herrn und laſſe mich nicht ausholen.“
„„Ihr irrt Euch, gnädiger Herr, ich habe nicht die Abſicht, Euch auszuholen über die Angelegenheiten Seiner Majeſtät des Kaiſers. Ich möchte nur wiſſen, ob Euch in des Kaiſers Gefolge ein Ritter, Namens Theuerdank, bekannt iſt.““
Da ſchmunzelte Herr Kunz von der Roſen; er ergriff die Kanne und leerte ſie auf einen Zug. Auf einen Wink Rabbi Joſelmann's füllte ſie der Wirth auf's Neue.
„Hei,“ ſagte Kunz, mit der Zunge ſchnalzend, „der Wein iſt gut, und Ihr, unbekannter Freund und Gönner, ſeid ein Streuhütlein.“
„„So hat einſt der ſelige Kaiſer Friedrich ſeinen Sohn Maximilian genannt!““
„Wer hat Euch das Geſchichtchen erzählt?“
„„Eben der Herr Ritter Theuerdank, nach welchem ich frage.““
Herr Kunz von der Roſen leerte den Krug zum zweiten Male.
„Es iſt ſo, wie ich vermuthe,“ ſagte er, „kommt, ich führe Euch zum Ritter Theuerdank.“
Rabbi Joſelmann folgte dem Voranſchreitenden. Ungehindert ſchritten ſie über die herniedergelaſſene Zugbrücke durch die Pforten des Reſidenzſchloſſes, durch Vorhöfe, Corridore und eine ganze Reihe von Zimmern hindurch.
„Wartet hier ein wenig,“ ſagte Herr von der Roſen, „ich werde nachſehen, ob der Ritter Theuerdank zu Hauſe und für Euch zu ſprechen iſt.“
Nach wenigen Minuten kehrte er wieder zurück und hieß den Harrenden eintreten.
Im bequemen Hausanzuge ſaß der Ritter in einem Lehnſeſſel.
„Willkommen, Joſelin,“ rief er dem Eintreten60den entgegen. „Nun, haſt Du ſchon Audienz beim Kaiſer gehabt?“
Rabbi Joſelmann bemerkte das eigenthümliche Lächeln des Fragenden, er erinnerte ſich, daß der Wirth „Zur Katz“ nie von einem Ritter Theuerdank gehört hatte, während dieſer doch ein ſehr vornehmer Herr zu ſein ſchien, er gedachte der ſonderbaren Art, wie Herr Kunz von der Roſen die Kunde vom Ritter Theuerdank vernommen, er gedachte, wie genau dieſer Ritter Theuerdank die Jugendgeſchichte des Kaiſers kenne, und plötzlich überkam es ihm wie eine Erleuchtung und er rief:
„„Wie danke ich meinem Gotte, der mir das Glück gewährt, meines großmächtigen Kaiſers Antlitz zu ſchauen!““
„Wer hat Dir geſagt, daß ich der Kaiſer ſei?“
„„Es hat es mir Niemand geſagt; die Majeſtät, die aus meines allergnädigſten Herrn Antlitz leuchtet, hat mir die Vermuthung nahe gelegt, daß ich den erſten und größten Herrſcher der Welt erblicke, den Sohn und Enkel und Nachfolger ſo vieler ruhmgekrönter Monarchen, den erhabenen Kaiſer, dem an Heldenmuth und Edelſinn Niemand gleichet auf Erden, der ſelbſt nichts ſein will als ein kühner Ritter, der auf Abenteuer denkt.1Theuerdank; das iſt, einer der auf Abenteuer denkt.““
Der Kaiſer ſetzte ein ſilbernes Glöckchen in Bewegung, das vor ihm auf dem Tiſche ſtand.
„Kunz ſoll kommen!“ befahl er dem eintretenden Diener.
Als Herr Kunz von der Roſen erſchien, fragte ihn Maximilian:
„Haſt Du dem Manne hier geſagt, wen Du unter dem Ritter Theuerdank vermutheſt?“
„„Nicht eine Silbe!““ antwortete Kunz.
„Gut, Du kannſt wieder gehen!“
61Herr Kunz entfernte ſich.
„Geſtehe mir,“ ſagte der Kaiſer zu Rabbi Joſelmann, „Du verſtehſt Dich auf die ſchwarze Kunſt, Du biſt ein Kabbaliſt.“
„„Gnädigſter Herr, wohl habe ich mich mit der Wiſſenſchaft beſchäftigt, die man die Kabbalah nennt. Allein es iſt ein Irrthum, wenn man der Kunde dieſer Wiſſenſchaft Zauberkünſte zuſchreibt. Sie lehrt uns nur den Sinn der heiligen Gotteslehre erfaſſen und das Weſen des Allmächtigen erkennen, ſoweit das in dieſem Leben möglich iſt.““
„Du haſt mir etwas vorzutragen, Joſelin? Wohl, ich will Dich hören. Komme morgen um die neunte Stunde wieder; ich habe jetzt nicht die Muße, Dir längere Zeit zu widmen.“
„„Majeſtät . . . .““
„Geh' jetzt und komme morgen wieder.“
Rabbi Joſelmann ging; ſchon war er an der Thüre, da rief ihn der Kaiſer zurück.
„Joſelin! Mir ſcheint faſt, Du gehſt jetzt ungern von hinnen?“
„„„Majeſtät, ich fürchte, daß man mich verhindern wird, morgen vor Eurer Majeſtät zu erſcheinen. Es war ein beſonderes Wunder von Gott, dem Allmächtigen, daß man mich in Salzburg hat eingelaſſen, da es den Juden nicht geſtattet iſt, die Hauptſtadt des Erzſtiftes zu betreten; es war ein größeres Wunder, daß es mir gelungen iſt, vor Euer Majeſtät Antlitz zu erſcheinen. Wenn ich nun von hinnen gehe, und an der Thüre des Palaſtes erkennt mich ein Diener des Erzbiſchofs als einen Juden, ſo würde man mich aus der Stadt ſchaffen, und wie ſollte meine Klage bis vor Euer Majeſtät Thron gelangen?““
„Und dennoch wollteſt Du gehen?“
„„„Ich mußte doch dem Befehle meines Kaiſers gehorchen!“““
62„Du gefällſt mir, Joſelin.“
Darauf ſetzte der Kaiſer wiederum das ſilberne Glöcklein in Bewegung und befahl dem eintretenden Diener, den Juden Joſelin in die Kanzlei zu geleiten, damit ihm des Kaiſers Geheim-Secretär einen Erlaubnißſchein ausſtelle für den Aufenthalt in Salzburg und für die morgige Audienz.
I. Theil · Kapitel 12 · S. 62–67
XII.
Rabbi Joſelmann kehrte in ſeinen Gaſthof zurück. Sein Herz war voll Dank gegen den Allgütigen, der ihn ſo wunderbar geführt und ihn hatte Gunſt finden laſſen in den Augen des Kaiſers; er wollte ſo ganz aus vollem Herzen Gott danken; aber die Stadt, und auch der Gaſthof, waren voller Heiligen-Bilder. Da erinnerte er ſich, daß auch einſt Moſcheh in Mizrajim vor das Thor der Stadt hinausgetreten war, um Gottes Namen anzurufen. Er ging in den Stall, ſattelte ſein Pferd und ritt den Berg hinunter durch die Stadt.
Als er an das Thor kam, durch das er Vormittags eingeritten war, betrachtete ihn der Thorwächter mit ſcheuen Blicken. Rabbi Joſelmann hielt ſein Pferd an und ſprach:
„Ihr braucht Euch meinetwegen nicht mehr zu fürchten, guter Thorwart, ſeht, ich habe von Kaiſers Majeſtät einen Schutz- und Geleitbrief erhalten, frei aus- und einzugehen in Salzburg und daſelbſt ſolange zu wohnen als es mir gefällt.“
„„Das freut mich, Herr Jude, Euret- und meinetwegen. Vor einer Viertelſtunde war wieder ein Jude am Thore; er fragte, ob nicht ſchon ein Jude in Salzburg eingeritten ſei; ich aber habe ihn zurückgewieſen.““
63„Nannte er nicht den Namen des Juden, den er ſuchte?“
„„Doch, er nannte ihn Joſelin von Rosheim.““
„So heiße ich. Gewiß hat der Mann eine wichtige Botſchaft für mich.“
„„Wenn Ihr ihn ſprechen wollt, er kann noch nicht weit ſein. Reitet nur dort hinaus, ſo werdet Ihr ihn bald einholen.““
Rabbi Joſelmann gab ſeinem Pferde die Sporen und galoppirte in der angegebenen Richtung dahin. Bald ſah er auf einem Steine einen Mann ſitzen, deſſen Pferd an einen Baum gebunden war.
„Abraham von Colmar!“ rief Rabbi Joſelmann.
Der Angerufene erhob ſich.
„„Gelobt ſei Gott,““ ſagte er, „der mich Euch hat finden laſſen; ich bin den weiten, weiten Weg hergeritten, um Euch zu ſprechen, und an den Thoren der Stadt, in der Ihr weiltet, hat man mich zurückgewieſen.““
„Wart Ihr unlängſt in Rosheim? Habt Ihr meine Frau und meine Kinder geſehen?“
„„Ich war dort, um Euren Aufenthalt zu erkunden. Sie ſind geſund und ſenden Euch herzliche Grüße. Eure beiden älteſten Söhne, Jakob und Moſcheh, machen glänzende Fortſchritte im Talmud; ganz Rosheim iſt ihres Lobes voll. — Was mich herführt, iſt ein ſchreckliches Unglück, das uns Juden von Colmar bedroht. Auf die Bitte und Vorſtellung einiger Judenfeinde, die im Magiſtrate der Stadt ſitzen, hat der Kaiſer einen Befehl zu unſrer Austreibung binnen kürzeſter Friſt gegeben. Wohin ſollen wir uns wenden mit Weibern und Kindern? Was ſoll aus unſern Häuſern und Wohngeräthen werden, was aus unſrer Synagoge und dem heiligen Orte, auf dem die Gebeine unſrer Vorfahren ruhen? —““
64Thränen entſtrömten den Augen des Mannes; er trocknete ſie und fuhr zu reden fort:
„„Nun haben wir vernommen, daß Ihr, Rabbi Joſelmann, in der Frankfurter Bücher-Verbrennungs-Angelegenheit an den Hof des Kaiſers nach Salzburg gereiſt ſeid; da bin ich Euch nachgeſchickt worden, damit Ihr auch unſre Sache vor den Kaiſer bringet und unter göttlichem Beiſtande das böſe Verhängniß abwendet.““
„Gut, daß Ihr mich heute gefunden; ich werde morgen Audienz beim Kaiſer haben.“
„„Beim Kaiſer? beim Kaiſer ſelbſt? O, Rabbi Joſelmann, Ihr ſeid ein Engel Gottes, und Gott iſt mit Euch.““
„Ja, Gott iſt mit mir; Ihm ſei ewig Lob und Preis; ich kann Euch nicht ſchildern und nicht ſagen, welche Niſſim und Niphloaus1Wunderbare Hilfe. Er mit mir gethan. — Habt Ihr eine Abſchrift von dem Kaiſerlichen Erlaß?“
„„Ich habe ſie in meinem Mantelſack.““
„Beſteigt Euer Pferd und kommt mit mir.“
„„Man läßt mich nicht in die Stadt.““
„Laßt mich nur machen!“
Die Beiden ritten dem Thore zu.
„Guter Thorwart,“ ſagte Rabbi Joſelmann zu dieſem, „der da iſt mein Diener; laſſet ihn paſſiren; ich werde ihn nachträglich in meinen Schutz- und Geleitbrief aufnehmen laſſen.“
Ein Goldſtück fügte der Rede überzeugende Gründe hinzu und die Beiden ritten ungehindert durch das Thor, den Berg hinauf bis in das Wirthshaus „Zur Katz“.
Im Gaſthofe hatte man Rabbi Joſelmann ein Erkerſtübchen angewieſen, in das ihm Abraham von Colmar folgte.
65Dieſer öffnete ſeinen Mantelſack und nahm den Kaiſerlichen Erlaß heraus. Rabbi Joſelmann las:
2Wir geben hier das intereſſante Actenſtück genau wieder, ſowohl in Bezug auf Styl, Orthographie als auch Interpunctation. Das mit dem Kaiſerlichen Sigel, in rothem Wachs, verſehene Original befindet ſich im Archiv zu Colmar.Wir, Maximilian, Erwelter von gottes gnaden Römischer Kaiser, zu allenzeitten merer des Reichs in germanien, zu hungern, Dalmatien, Croatien etc. Künig, Ertzhertzog zu Osterreich, Hertzog zu Burgundi, zu Brabannt und Phaltzgrave etc. thuun allen Jüden und Judinn so zu Colmar sytzen und wanen, zuwissen: Daz wir unnsern und des Reichs lieben getrewen Burgermaister und Rate der Stat Colmar, dise besunder genad gethan, vergönnt und erlaubte haben, also das sy all Jüden und Judinn, so bisher bei Inen gesessen und wonhaft gewesen seinn in einer kurtzbestimbten zeit austreiben, auch hinnfür in ewig zeit daselbst nitmer wannen zulassen schuldig seyn süllen, lautt unnserr brief daruber ausgannngen. Damit Ir aber in solchem nit übereylt werden und Eur Schulden und anders einbringen und handeln mügen. Demnach Emphelhen wir Euch allen und Eur yedem in sonnders von Römischer Kaiserlichen Macht ernnstlibh mit diesem brief gebietend und wollen daz Ir zwischen hie und aller heiligen tag schirst künfftig daselbst zu Colmar mitsambt Euren weiben, Kindern, verwanten, haben und Gütern auszichet unnd hinnfür nitmer daselbst heuslichen sytzet oder wanet. Sonder wo Ir ye zuzeitten in die Stat Colmar hanndlen oder wandeln würden Euch alsdann allwegen mit ainem gelben Ring auf Eurn obern Klaidern betzaichent und den gewondlichen zoll daselbst ausrichtet und gebet und Euch des nit 66setzet oder widert noch hirinn ungehorsam erscheinet. Daran hit Ir unnser ernnstliche maynung. Geben in unnserr und des heiligen Reichs Stat Augspurg am fünfundzwaintzigsten (25.) tag des Monats Aprilis, anno etc. im zehennden (1510) unnserr Reiche des Römischen im funfundzwaintzigsten und des hungerischen im ainsundzwaintzigsten Jaren.
P. reg. p. s.3Per regem pro se, durch den König ſelbſt. Im Original folgt hier der Namenszug des Kaiſers Maximilian. Ad mandatum D. imperatoris proprium:4Im eigenen Auftrage des Herrn Kaiſers. Sernteiner.
Als Rabbi Joſelman zu Ende geleſen hatte, fing Abraham von Colmar auf's Neue an zu weinen.
„„Ich beſchwöre Euch, Rabbi Joſelmann,““ ſagte er, „„machet den Kaiſer andern Sinnes und wendet das drohende Verderben ab! Ich bin beauftragt, Euch tauſend Goldgulden zur Verfügung zu ſtellen, um, wenn möglich, des Kaiſers Räthe zu gewinnen.““
„Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht; aber, bin ich an der Stelle Gottes? Nur Er allein vermag die Herzen der Könige zu lenken. Hoffen wir zu Ihm und beten wir zu Ihm. Er hat ſo oft das letzte Fünklein Israels vor dem Erlöſchen bewahrt, Er wird uns auch jetzt Seine Gnade und Sein Erbarmen nicht entziehen. Schon hat Er mich in wunderbarer Weiſe Gunſt finden laſſen in den Augen des Kaiſers.“
„„„In weſſen Augen ſolltet Ihr nicht Gunſt finden? Ihr heißt Joſeph und Chônau ſchel Zauzeph, die Anmuth Joſephs iſt über Euch ausgegoſſen. Wer Euch kennen lernt, muß Euch lieben und werthſchätzen.“““
67„Redet nicht ſo, Abraham, wenn Gott mir Wunder erweiſt, ſo erzeigt Er ſie mir nur um Seines Volkes willen, für das zu wirken ich mir zur Aufgabe meines Lebens gemacht habe.“
I. Theil · Kapitel 13 · S. 67–70
XIII.
Kaiſer Maximilian I. wird mit Recht als einer der vorzüglichſten deutſchen Kaiſer aus dem Hauſe Habsburg gepriefen. Seine perſönliche Erſcheinung war eine höchſt liebenswürdige und gewinnende. Er war der letzte Ritter, voll abenteuerlicher Pläne und Vorſätze, weßhalb er ſich auch mit Vorliebe „Ritter Theuerdank“ nannte. Er war ein tollkühner Mann. In München ging er einſtmals allein zu einem Löwen in den Käfig, riß ihm den Rachen auf und zog ihm, der es geduldig litt, die Zunge heraus. In Ulm trat er auf den höchſten Kranz des Münſters hervor auf die ſehr ſchmale Eiſenſtange, wo die Feuerlaterne hängt, und hob einen Fuß in die Luft auf. — Von ſeinem Berufe als römiſcher Kaiſer deutſcher Nation war Maximilian im höchſten Grade durchdrungen; er wollte durchaus von Carl dem Großen abſtammen und betrachtete ſich als Erben der römiſchen Cäſaren. Gar zu gern hätte er die Türken aus Europa verjagt, das alte byzantiniſche Kaiſerreich wieder hergeſtellt und unter ſein Scepter gebracht. Von dem Beſtreben geleitet, als oberſter Herr auf Erden anerkannt zu werden, ſuchte er Alles ſeinem Einfluſſe zu unterwerfen. Er war auch der Erſte, welcher Rußland in die europäiſche Staatenfamilie hineinzog und mit dieſer, bis dahin im übrigen Europa faſt unbekannten Macht, eine Allianz ſchloß. Er hat Geſandte, Arkebuſirer, Conſtabler, Büchſenmeiſter, Waffenſchmiede, Bergleute aus den Nie68derlanden, Tyrol und Steiermark an Iwan Waſilowitſch abgeſchickt, den Zertrümmerer des Joches der Tartaren, und an deſſen Sohn Waſilai, der Smolensk von den Polen zurückeroberte. Gerade an dem Tage, an welchem Rabbi Joſelmann vor dem Kaiſer zu erſcheinen beſtellt war, ſollten die nach Moskau deſignirten Geſandten ihre Inſtruction empfangen. Der Kaiſer hatte befohlen, daß man den Juden in den großen Audienzſaal des Schloſſes führe. Er, der ſich ihm zuerſt in einſamer, verlaſſener Köhlerhütte, dann im bequemen Hauskleide gezeigt hatte, wollte ihm nunmehr durch kaiſerliche Pracht imponiren.
Als Rabbi Joſelmann in den großen Saal, in deſſen Hintergrunde er beſcheiden ſtehen blieb, eintrat, bot ſich ihm ein Schauſpiel dar, wie er es noch nie geſehen hatte. Auf einer Anhöhe ſtand ein vergoldeter Thron; auf dieſem ſaß der Kaiſer, die güldene, reich mit Diamanten geſchmückte Krone, auf dem Haupte, das goldene Scepter in der einen, den goldenen Reichsapfel in der andern Hand haltend; von der Schulter des Kaiſers wallte der kaiſerliche Hermelinmantel hernieder. Zur Rechten des Thrones ſtand der Cardinal-Erzbiſchof von Salzburg, angethan in der vollen Pracht ſeiner fürſtlichen Gewänder, von dem Purpur der Cardinäle umwallt. Zur Linken des Thrones ſtand der Kaiſerliche Hofkanzler, Cyprian Sernteiner von Nordheim, Pergamentrollen und Briefe in den Händen haltend. In einem Halbkreiſe ſtanden hinter dem Throne und zu den Seiten deſſelben die vornehmſten Beamten und Hof- und Reichs=Chargen. Dem Kaiſer gegenüber war die nach Moskau beſtimmte Geſandtſchaft aufgeſtellt, an deren Spitze der Freiherr Georg Schnitzenbaumer ſtand.
Auf einen Wink des Kaiſers überreichte der 69Hofkanzler die für den Czaren beſtimmten Briefe dem Führer der Geſandtſchaft. Dann hub der Kaiſer an zu ſprechen:
„Meine Lieben, Getreuen, die Ihr als Geſandte nach Moskau zu gehen beſtimmt ſeid.
„Nachdem Ihr unſerm lieben Bruder, dem großmächtigen Fürſten Baſilio, Großfürſten in Reußen, unſre brüderliche Lieb', Freundſchaft und Grüße geſagt und Seiner Fürſtlichen Gnaden Geſundheit, glückliche Regierung und langes Leben gewünſcht, ſollt Ihr Seiner Liebden eine Schilderung machen von unſrer durch Gottes Gnade Macht und Einfluß auf dieſer Welt.
„Gottes, des Allmächtigen Gnade hat uns gemacht zum Römiſchen Kaiſer, und der ganze Orient und der ganze Occident gehorchen unſerm Willen. Im Orient widerſtreben uns lediglich die Unglänbigen, und im Occident nur der König von Frankreich und die Venediger. Sonſt iſt nicht allein das ganze, große Germanien unſer, die Oberlande wie die Niederlande, die Oſtmarken wie die Weſtmarken, ſondern auch Hungarn, Boheimb, Crobaden und Dalmatia, ferner Apulien, Sicilien und Neapolis, deßgleichen alle Königreiche in Hiſpania als da ſind: Arragon, Caſtilia, Granaten (Granada), Leon und Naveer (Navarra), ſo unſer lieber Sohn (Enkel) König Carl jetzt inne hat, während der König von Portugal ſowie der König von Engelland in großer Freundſchaft und brüderlichem Bündniß mit uns leben. Ebenſo hat ſich in Septentrionen (Norden) der König in Dänemark, Schweden und Norwegen durch Heirath mit unſerer Tochter zu uns verpflichtet, ſo daß alle chriſtlichen Könige entweder uns unterthan ſind oder zu unſerer Freundſchaft gehören; denn auch der König von Frankreich und die Venediger, die ſich lange Zeit widerſpenſtig gehalten, ſind nun70mehr dazu gezwungen und dazu gebracht, daß ſie Friede und Einigkeit begehren. In unſerm eigenen Lande haben wir den ewigen Landfrieden begründet, ſo daß alle Zwiſtigkeiten zwiſchen den einzelnen Fürſten und Herren nicht mehr durch das Schwert, ſondern durch des Reiches Kammergericht entſchieden werden. Alſo herrſcht Friede und Einigkeit, Freundſchaft und brüderliche Liebe, ſo daß wir können daran denken, mit vereinten Kräften die Ungläubigen zu bekriegen und zu vertreiben.
„Daher ſchmerzt es uns umſomehr, daß Seine Liebden, unſer lieber Bruder, der Großfürſt in Reußen, in Streit leben mit dem König Sigmund in Polen, und iſt es unſer brüderlich und freundlich Begehren, daß Seine Liebden um unſretwillen einen Frieden mit Siegmunden, König in Polen, bewilligen, damit wir unſer Fürnehmen zu gutem Ende bringen.
„So geht denn in Gottes Namen, habt glückliche Reiſe und gute Verrichtung und kehrt geſund in die Heimath zurück.“1Der Wortlaut dieſer Inſtruction findet ſich in Adelungs Biographie des Freiherrn Sigismund von Herberſtein, Petersburg 1818.
Die feierliche Audienz war beendet; die Geſandten beugten das Knie vor dem Kaiſer und entfernten ſich.
„Der ganze Hof kann ſich zurückziehen,“ befahl Maximilian, „nur Sernteiner ſoll bei mir bleiben, während ich den zur Audienz befohlenen Juden empfange.“
Da zogen ſie alle hinweg, die vornehmen Herren, die Herzöge, Fürſten und Grafen, langſam, zögernden Schrittes; ſie Alle hätten gar zu gern gewußt, was der Kaiſer mit dem Juden zu verhandeln habe.
I. Theil · Kapitel 14 · S. 71–76
XIV.
71Rabbi Joſelmann trat vor die Stufen des Thrones, verbeugte ſich und ſprach mit lauter Stimme:
„„Gelobt ſeiſt Du, Ewiger unſer Gott, König der Welt, der von Seiner Herrlichkeit einem Menſchen verliehen hat.““
„Brav Jude'“ rief der Kaiſer, „Du gibſt Gott die Ehre. Als mir einſt ein Spottvogel, weil ich meiner Abkunft genau nachzuforſchen befohlen hatte, an die Wand meines Burghofs die Worte ſchrieb:
Da Adam hackt' und Eva ſpann! Wo war da der Edelmann?
ſchrieb ich darunter:
Ich bin ein Mann, wie ein anderer Mann! Nur, daß mir Gott die Ehre gann.
Nun, Joſelin, ſprich, was iſt dein Begehr?“
Und als Rabbi Joſelmann nicht ſogleich antwortete, ermunterte ihn der Kaiſer und ſagte:
„Sprich, ohne Furcht, Joſelin.“
Da hub dieſer an und ſprach:
„„Allergnädigſter, großmächtigſter Kaiſer! Als einſt Nehemias vom Könige von Perſien aufgefordert wurde, ſeine Bitte vorzutragen, da betete er zunächſt zu Gott in ſeinem Herzen. So habe auch ich zuvor zu Gott gebetet, daß Er mich Gunſt finden laſſe in den Augen meines allergnädigſten Herrn und Kaiſers. Denn wer bin ich, daß ich es wagen ſoll zu reden vor dem mächtigſten Herrſcher der Erde, dem die Völker des Oſtens wie des Weſtens, des Nordes wie des Südens unterworfen ſind, den Gott gekrönt hat mit der Ehren höchſte, der da iſt ein König der Könige!““
„Sernteiner,“ rief der Kaiſer lachend, „der Jude hat Recht; ich bin ein König der Könige. 72Der König von Frankreich iſt ein König der Eſel, denn ſeine Unterthanen tragen Alles, was er ihnen aufbürdet; mein Enkel Carl von Spanien iſt ein König von Menſchen, denn die Spanier gehorchen ihm nur in billigen Dingen; der König von Engelland herrſcht über Engel, denn er gebietet ihnen nichts Unrechtes, und ſie gehorchen ihm willig und recht; wir aber regieren über lauter Könige, denn unſere deutſchen Reichsfürſten gehorchen uns nur, wenn es ihnen gefällt!“
Der Kanzler lachte zuſtimmend, und Maximilian ſprach:
„Weiter, Jude!“
„„Gott hat mein Gebet ſchon erhört,““ fuhr Rabbi Joſelmann zu reden fort, „„da ich das Glück habe, meinen allergnädigſten Herrn in geneigter, fröhlicher Stimmung zu finden; ich zweifle daher nicht daran, daß mein großmächtigſter Kaiſer meiner unterthänigſten Bitte willfahren wird. Wir Juden haben ſchon Vieles erduldet; wir haben unſer Heimathland verloren, und das Haus unſeres Gottes liegt in Trümmer ſchon länger als 1400 Jahre. Seitdem ſind wir zerſtreut über alle Länder und unter allen Völkern. Von allen unſern Beſitzthümern haben wir nur eins gerettet: die heilige Lehre unſers Gottes; ſie iſt unſer einziger Schatz, unſre Tröſterin in allen unſern Leiden und Schmerzen, der Quell unſeres Lebens. Und nun hat Kaiſerliche Majeſtät zu verordnen geruht, daß uns die heiligen Bücher geraubt und verbrannt werden ſollen! Von allen Nöthen und Drangſalen, die uns betroffen, iſt dies das Schlimmſte. Schon oft iſt unſchuldiges, jüdiſches Blut vergoſſen worden, ſchon oft ſind die Leiber der Juden auf Scheiterhaufen zu Aſche verbrannt worden, aber unſere heiligen Schriften hat noch Niemand angetaſtet.““
73„Cyprian,“ fragte der Kaiſer den Kanzler, „ſind die Gutachten der Univerſitäten und der gelehrten Männer über dieſe Angelegenheiten ſchon eingetroffen?“
„Sie ſind eingelaufen,““ antwortete der Kanzler.
„Und wie ſprechen ſie ſich aus?“
„„Sie lauten ſämmtlich auf Verbrennung; nur das des Reuchlein lautet zu Gunſten der jüdiſchen Bücher.““
„Du hörſt es, Joſelin; ich muß wohl nach der Mehrzahl entſcheiden.“
„„Geſtatten Eure Majeſtät,““ fragte Rabbi Joſelmann „„daß ich meinem Kaiſerlichen Herrn ein Geſchichtchen erzähle?““
„Rede!“
„„Ein Königsſohn ſchwebte einſt in Folge einer ſchweren Krankheit in Todesgefahr. Da ließ der König die älteſten und angeſehenſten Männer der Stadt zuſammenkommen, damit ſie berathen, was zu thun ſei; und es kamen hundert Männer: Rechtsgelehrte, Beamte, Künſtler, Kaufleute und Handwerker, und unter ihnen ein einziger, geſchickter Arzt; neunundneunzig der Verſammelten ſtimmten für einen Aderlaß; der Arzt aber verlangte, daß man der Natur ihren freien Lauf laſſe; dann würde der Königsſohn geſunden. Und der König entſchied nicht nach der Majorität; er folgte vielmehr dem Rathe des Arztes, des einzigen Sachverſtändigen, und der Königsſohn genas. Großmächtigſter Kaiſer! Der kaiſerliche Rath, Herr Johannes Reuchlin, der Lehrer von ganz Germanien, iſt der einzige Mann — die Juden ausgenommen, — welcher in Deutſchland der hebräiſchen Sprache mächtig iſt; ſein Urtheil iſt das einzig maßgebende.““
„Was meinſt Du, Cyprian?“
74„„Ich habe,““ antwortete der Kanzler, „„die Gutachten geleſen; ich verſtehe nicht viel davon; aber Eines, was Reuchlin ſchreibt, erſcheint mir durchſchlagend. Die Väter der Kirche, meint der Richter des ſchwäbiſchen Bundes, haben zur Erläuterung der heiligen Schrift viel aus den hebräiſchen Büchern geſchöpft; nun behaupte man zwar, man könne ſich gerade deßhalb ohne die Bücher der Juden behelfen, weil die Kirchenväter ſchon alles Gute herausgenommen; wer aber von „Sichbehelfen“ ſpreche, beweiſe dadurch, daß er Mangel habe; gerade ſo wie Einer, der ſich im Winter mit Sommerkleidern behelfen muß, keine warmen Winterkleider hat.““
„Brav, brav“, rief der Kaiſer, „daran erkenne ich meinen gelehrten, geiſtreichen, witzigen Reuchlin! Doch ſage Du mir, Joſelin, enthält der Talmud wirklich ſo ſchlimme Dinge, wie die Dominikaner und Pfefferkorn behaupten?“
„„Der Talmud enthält die mündliche Lehre, wie Gott ſie dem Moſes erklärt hat, die Ausführung und praktiſche Anwendung der Geſetze unſeres Gottes.““
„Was lehrt der Talmud über das jenſeitige Leben? Können nur die Juden ſelig werden?“
„„Der Talmud lehrt, daß die Frommen aller Nationen, wenn ſie an Einen Gott glauben und ihren Nebenmenſchen Gutes und nichts Böſes thun, Theil haben an der ewigen Seligkeit.““
„Wollte Gott, daß auch unſere Kirche ſo lehrte; ich kann den Gedanken nicht faſſen, daß die übergroße Mehrzahl der Menſchen von vornherein zur ewigen Verdammniß geboren werde. Nun, vielleicht, vielleicht . . . .“
Maximilian verſank in tiefes Nachdenken; es war in jenen Jahren, da die Reformation ſich vorbereitete; ein Ruf nach Reformirung der Kirche 75„an Haupt und Gliedern“ durchzog die Welt, und auch Kaiſer Maximilian war lebhaft von dieſem Gedanken berührt. Ja, Maximilian hatte um dieſe Zeit den abenteuerlichen Plan gefaßt, ſich ſelbſt zum Pabſt wählen zu laſſen und dann in großartigem Style die Kirche zu reformiren. Er hatte deßhalb nach dem Tode ſeiner zweiten Gemahlin nicht wieder geheirathet und beſchäftigte ſich viel mit theologiſchen Fragen; in einem Briefe an ſeine Tochter Margaretha, die Statthalterin der Niederlande und Erzieherin des nachmaligen Kaiſers Carls V., berichtet er ausführlich über die Maßregeln, die er ergreifen wolle, damit Pabſt Julius II. ihn zu ſeinem Coadjutor ernenne.1Zu der Correſpondenz Maximilians mit ſeiner einzigen obenerwähnten Tochter Margaretha — dieſe Correſpondenz wurde 1839 in Paris publicirt — findet ſich ein franzöſiſcher Brief vom 18. Sept. 1512, worin Maximilian meldet, daß er nicht für gut befinde, ſich wieder zu vermählen, ja, daß er entſchloſſen ſei, vollkommen enthaltſam zu leben; morgen wolle er den Erzbiſchof, ſeinen vielgeliebten Matthäus Lang von Wellenburg, zum Pabſt Julius II. abſenden, der das zweitägige Fieber habe und nicht lange mehr leben könne, um ſich von ihm zum Coadjutor wählen zu laſſen, dergeſtalt, daß er nach des Pabſtes Tode deſſen Nachfolger werde. Er werde dann Prieſter werden und nachher heilig; ſeine Tochter müſſe ihn dann „adoriren“, worüber er ſich ſehr „glorificirt“ finden werde. Mit 2 bis 300,000 Ducaten hoffe er bei den Cardinälen die Sache durchzuſetzen; er habe bereits ſeine Kleinodien an die Fugger in Augsburg verpfändet, um das viele Geld aufzutreiben, „die dürren Cardinäle damit zu erfriſchen“. Er unterſchreibt ſich: „euer guter Vater Maximilian, künftiger Pabſt“.
„Biſt Du ein Rabbiner?“ fragte der Kaiſer nach einer längeren Pauſe.
„„Nein, Majeſtät, ich bin nur ein einfacher Geſchäftsmann, der in ſeinen Mußeſtunden in unſern heiligen Büchern forſcht.““
„So ſage mir, wie es kommt, daß Zauberer und Hexen über die böſen Geiſter Gewalt haben, 76während ein ehrlicher Mann von keinem Engel etwas erhalten kann?“
„„Ich glaube doch gehört zu haben, daß mein allergnädigſter Kaiſer einſt im Lande Tyrol auf ſteiler Gebirgswand durch einen Engel vom Hungertode iſt errettet worden.““
„Ha, ha, der Engel war der ehrliche Gamsjäger Oswald Zips, den ich dafür in den Adelſtand erhoben. Er rief mir „Holla!“ zu und holte Hilfe herbei. Deßhalb trägt er heute den Ehrennamen Hollauer von Hohenfels.“
„„Majeſtät, ein Engel heißt in der hebräiſchen Sprache Maloch und das bedeutet: Bote; und Gottes gnädige Fügung war es, die den Gamsjäger zur Rettung und Erhaltung meines gnädigen Kaiſers ſandte; demnach war für Eure Majeſtät Herr Oswald Zips ein Engel Gottes, ein Bote der göttlichen Vorſehung.““
„Sernteiner, fertige ein mandatum regium aus, daß den Juden ihre Bücher zurückgegeben werden ſollen und lege es mir zur Unterſchrift vor. Du aber Joſelin, komme morgen um die neunte Stunde wieder. Da will ich ſelbſt es Dir überreichen.“
I. Theil · Kapitel 15 · S. 76–82
XV.
Voll Sehnſucht wartete im Gaſthofe „Zur Katz“ Abraham von Colmar auf die Rückkehr Rabbi Joſelmanns. Er ſaß in dem Zimmer, das der Wirth den beiden Juden eingeräumt hatte und ſagte „Thillim“, das heißt, er las in den Pſalmen; denn das Leſen in den Pſalmen iſt für den Ungelehrten, was die Beſchäftigung mit dem Talmud für den Gelehrten iſt; Gott nimmt Beides gleich wohlgefällig auf. So ſuchte Abraham 77ſeinerſeits das Gelingen der Miſſion Rabbi Joſelmanns zu befördern.
Endlich erſchien der Erſehnte.
„„Nun, wie iſt es gegangen?““ rief ihm Abraham entgegen. „„An Eurem freudeſtrahlenden Geſichte erkenne ich, daß Ihr guten Erfolg gehabt habt.““
„Ihr habt es errathen. Der Kaiſer war außerordentlich gnädig gegen mich. Gelobt ſei Gott, der die Anſchläge des Feindes zerſtört hat. Das böſe Verhängniß iſt abgewendet. Unſere heiligen Bücher werden nicht verbrannt werden.“
„„Und die Juden von Colmar?““ „Ich habe noch nicht von ihnen geſprochen.“
„„Daß Gott erbarm! Noch nicht? wann denn?““
„Ich werde morgen wieder Audienz beim Kaiſer haben.“
„„Und werdet Ihr Euch morgen dem Kaiſer zu Füßen werfen, auf daß er den Austreibungsbefehl zurücknehme?““
„Ich kann es Euch nicht verſprechen. Der Kaiſer hat ſo viel zu fragen, da muß ich antworten, und ſo vergeht die Zeit. Ich kann nicht mit dem Kaiſer reden, was ich will, ſondern ich muß auf das eingehen, was er mit mir ſpricht.“
„„Rabbi Joſelmann, bedenkt das Elend und die Trauer und die Verarmung von 200 jüdiſchen Familien! Erbarmt Euch unſrer Säuglinge und lallenden Kinder . . . .““
„Braucht Ihr mir das Alles zu ſagen, Abraham? Wahrlich, wenn ich Euch zu helfen vermag, ſo geſchieht es. Aber dringet nicht länger in mich. Meint Ihr, es ſei erlaubt, die edle Zeit mit unnützen Worten hinzubringen? Kommt, wir wollen uns mit Gottes heiliger Lehre beſchäftigen.“
„„Wehe mir, ich kann nicht lernen.““
78„So will ich Euch belehren, ſoviel ich es vermag. Ihr habt da das Pſalmbuch aufgeſchlagen vor Euch liegen. Aſchrô ho Iſch, Heil dem Manne. Warum fing David das Pſalmbuch mit Aſchrô an?“
„„Welch' eine Frage! Wenn er mit „Uwo lezion“ angefangen hätte, ſo würdet Ihr fragen, warum er mit Uwo lezion anfängt.“
„Richtig; dann würde ſich auch dafür ein Grund angeben laſſen; denn in unſern heiligen Schriften iſt nichts ohne Grund, nichts ohne Bedeutung. Seht die Väter der Welt haben geſegnet, und der Folgende hat immer da angefangen, wo der Vorhergehende aufgehört hatte. Mit demſelben Worte, mit dem unſer Vater Abraham ſeinen Segen ſchloß — waſitôn 11. B. M. C. 25, V. 5. — fing Jizchak den ſeinigen an 2Daſ. C. 26, V. 28., und womit dieſer aufhörte — waſikro 3Daſ. C. 28, V. 1. — begann Jakob, und womit Jakob ſchloß - weſauß4Daſ. C. 50, V. 28. — fing Moſcheh an55. B. M. C. 36, V. 1.; Moſcheh aber beſchloß ſeinen Segen mit den Worten „Aſchrôcho Jisroel, Heil Dir Israel6Daſ. V. 29.,“ und deßhalb fing David ſeinen Segen, ſein Pſalmbuch, mit „Aſchrô“ an.“
In dieſer Weiſe fuhr Rabbi Joſelmann zu lehren fort; er war nie müſſig; all ſein Denken gehörte, ſtets und immer, in jedem freien Augenblicke dem Studium der Gotteslehre.
So verging der Tag und auch der größte Theil der Nacht. Am andern Morgen, vor der neunten Stunde, harrte Rabbi Joſelmann im Vorzimmer des Kaiſers.
Sernteimer hatte das mandatum regium ausgefertigt, das den Juden ihre Bücher zurückzugeben 79befahl; der Kaiſer hatte es eigenhändig unterſchrieben.
„Hier, Joſelin,“ ſagte der Kaiſer, „nimm dieſes; es enthält die Gewährung Deiner Bitte.“
Rabbi Joſelmann küßte das Schriftſtück und ſprach:
„„Majeſtät, wir und unſere Kinder werden ſtets für das Leben, die Geſundheit und die glückliche Regierung Eurer Majeſtät zum allmächtigen Gott flehen und beten.““
„Und nun, Joſelin, ſage mir aufrichtig: was erhälſt Du von den Juden für die Miſſion, die Du ſoeben vollbracht haſt?“
„„Man hat mir zweihundert Gulden als Reiſekoſten ausgeſetzt; da ich aber vorausſichtlich nicht ſo viel gebrauchen werde, ſo gebe ich den Ueberreſt zurück.““
„Und ſonſt nichts?“
„„Ich verlange nichts, und wenn man mich belohnen wollte, ich würde es zurückweiſen.““
„Du gefällſt mir; eine Belohnung von mir darfſt Du nicht ablehnen; erbitte Dir eine Gnade.“
„„Eure Majeſtät Gnade iſt mir unſchätzbar. So bitte ich denn, daß das Ausweiſungsdecret gegen die Juden von Colmar zurückgenommen werde.““
„Was gehen Dich die Juden von Colmar an?“
„„Sie ſind meine Brüder.““
„Du biſt ſehr uneigennützig; aber ich kann Dir dieſe Bitte nicht gewähren; ich habe gewollt, daß Du Dir etwas für Dich, für Deine Perſon erbitteſt, aber nicht für Andere.
„„Wie einſt Gott zu Moſe, ſo ſprechen Eure Majeſtät zu mir; und was Moſe dem allmächtigen Gott zu antworten wagte, das darf wohl auch ich zu Eurer Majeſtät ſagen: ich verweigere die 80Gnade für meine Perſon anzunehmen und bitte um Gnade für mein Volk!““
„Ich habe aber der Stadt Colmar bereits mein Wort gegeben.“
„„Möge es mir doch gelingen, Euer Majeſtät edles Herz zu rühren! Dieſe unglücklichen Juden von Colmar, die nichts verbrochen, nichts Böſes gethan haben — was ſoll aus ihnen werden? Zum Allerheiligen-Tage, mitten im Winter, ſollen ſie ihre Heimath verlaſſen ohne zu wiſſen, wohin ſie ſich wenden können, ſollen zurücklaſſen ihre Häuſer, die ihnen Niemand abkaufen wird, ihr Hausgeräth, das ſie nicht mit ſich tragen können; das Haus unſeres Gottes und den Begräbnißplatz ſollen ſie der Schändung und Entweihung preisgegeben! Und Eure Kaiſerliche Majeſtät ſeid von Gott beſtellt zum Schützer auch dieſer Eurer armen Unterthanen. Und noch mehr, wenn heute die Juden aus Colmar ausgetrieben werden, ſo wird man ſie morgen aus Schlettſtadt und übermorgen aus Oberrehnheim, in der nächſten Woche aus Freiburg und dann aus Regensburg austreiben wollen und ſo fort. O, Kaiſerliche Majeſtät, es iſt ſchon ſchlimm genug um uns beſtellt. Wir haben Keinen, der ſich unſer annimmt, denn Gott allein, keinen Menſchen auf Erden, nur Feinde und Verfolger. Eure Majeſtät aber ſind von Gott zum Herrſcher eingeſetzt, zum Wahrer des Rechts, zum Beſchützer der Verfolgten, zum Retter der Bedrängten; o, erbarmet Euch meiner unglücklichen Brüder von Colmar!“
„Ich möchte es Dir nicht gern abſchlagen; allein, ich habe mein Wort gegeben. Was ſoll ich thun, Sernteiner?“
„„Eure Majeſtät““, antwortete der Gefragte, „„könnten huldreichſt einen längeren Aufſchub gewähren, unter dem Vorwande, daß die Juden ſich 81bequem ihrer Sachen entäußern können. Später wird ſich dann ein Ausweg finden laſſen, den Juden den Aufenthalt weiter zu geſtatten.““
„So ſei es“, ſagte der Kaiſer; „ſchreibe dem Obriſten-Hauptmann und Landvogt im Elſaß, Herrn Wilhelm von Rappoltſtein7Riboaupierre., daß er in dieſem Sinne in meinem Namen an den Rath von Colmar berichte. Biſt Du mit mir zufrieden, Joſelin?“
„„Eure Majeſtät ſind wie ein Engel Gottes.““
„Du aber ſollſt auch perſönlich meiner Gnade theilhaftig werden. Du klagteſt, daß die Juden keinen Annehmer hätten auf Erden. Wohlan, ſo ſollſt Du ihr Annehmer werden. Ich ſetze Dich ein zum Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation. Deine Brüder ſollen Dir gehorchen und Du ſollſt ſie vertreten an den Höfen des Kaiſers und der Fürſten. So Jemand etwas plant gegen Deine Brüder und Anverwandten, ſo mögen dieſe Dich zu Hilfe rufen; ſo Jemand, Einer oder Viele, beſchuldigt werden, magſt Du ſie vertheidigen und retten, und niemals ſollſt Du die kaiſerliche Macht vergeblich anrufen.“
„„Majeſtät . . . .““
„Danke mir nicht. Was ich heute beſchließe, iſt erſt die Vollendung des ſchönſten Werkes meines Lebens. Der allgemeine Landfriede wird erſt dadurch zur Thatſache, daß er auch die Juden mit ſeinen Segnungen beglückt. Sernteiner, fertige ein mandatum regium aus und ſende es dem Joſelin in ſeine Herberge.“
„„Gott ſegne Eure Majeſtät . . . .““
„Kein Wort weiter. Geh!“
Und Rabbi Joſelmann ging.
82„Das iſt ein ganzer Mann“, ſagte Max. „Wenn er nicht ein Jude wäre — ich würde ihn zu meinem Reichskanzler ernennen.“
I. Theil · Kapitel 16 · S. 82–88
XVI.
Die Vorſteher der iſr. Gemeinde zu Frankfurt a. Main ſaßen im Berathungszimmer beiſammen; auf den Wunſch der bisherigen drei Vorſteher waren ihnen noch zwei andere beigegeben worden, Rabbi Löb Emmerich und Rabbi Wolf Spiro (Speier); der letztere war noch nicht erſchienen.
„Wo Rabbi Wolf nur bleiben mag?“ fragte Rabbi Moſcheh Cohen. „Er iſt doch ſonſt immer pünktlich.“
„Wir könnten“, ſagte Rabbi Moſes zur Kanne „unſere Berathungen immerhin beginnen. Wann Rabbi Wolf ſpäter kommt, ſo mag er ſeine Zuſtimmung zu unſeren Beſchlüſſen geben oder ſeine Einwendungen machen. Ich habe Euch zu eröffnen, daß der Meſchummod Johann Pfefferkorn ſeine Forderungen auf 80,000 Goldgulden ermäßigt hat. Rabbi Lippmann Doctor aus Mainz theilt mir mit, daß ſein Herr, der Kurfürſt ſchon vor längerer Zeit die Gutachten der Univerſitäten und Gelehrten an die Kaiſerliche Hofkanzlei hat abgehen laſſen. Sie alle lauten gegen uns, bis auf das des Kaiſerlichen Rathes und Richters am Schwäbiſchen Bunde, des gelehrten Herrn Johannes Reuchlin, das ſich zu Gunſten unſrer heiligen Bücher ausſpricht.“
„Gott ſegne den edlen Mann!“ rief Rabbi Löb Emmerich.
„Gott ſegne ihn“, wiederholten die Andern.
„Daſſelbe“, fuhr Rabbi Moſes zur Kanne zu 83reden fort, „hat mir Pfefferkorn, der alle Gutachten geleſen, beſtätigt. Es ſteht nicht zu hoffen, daß das Gutachten Reuchlins der einſtimmigen Verurtheilung der Univerſitäten und der andern Gelehrten gegenüber Beachtung findet, zumal da unſere Feinde behaupten, wir hätten Reuchlin eine Summe Geldes gegeben, um ſein Urtheil zu unſern Gunſten zu ſtimmen.“
„Welch eine Lüge!“ rief Rabbi Jakob zur Kulpe.
„Von unſerm Abgeſandten“, ſprach Rabbi Moſes zur Kanne, ohne die Unterbrechung zu beachten, „von Rabbi Joſelmann Rosheim haben wir ſchon lange nichts gehört. Hat er etwas ausgerichtet? Iſt er beim Kaiſer vorgekommen? Der Kaiſer hält jetzt zu Salzburg Hof, und in die Thore dieſer Stadt wird kein Jude eingelaſſen, ſelbſt nicht gegen die Entrichtung von Zoll. Deßhalb iſt mein Rath, daß wir mit Pfefferkorn uns gütlich einigen und ihm fünfzigtauſend Goldgulden bieten.“
„Wie ſollen wir,“ fragte Rabbi Löb, „dieſe ungeheure Summe aufbringen?“
„Ich habe“, ſprach der Vorſitzende weiter, „mit unſerm reichen Bruder Rabbi Simon Günzburg geſprochen. Er allein will 10,000 Goldgulden dazu geben.“
„Das iſt allerdings ein ſchöner Beitrag“, ſagte Rabbi Moſcheh Cohen, „allein woher ſollen wir die andern 40,000 nehmen? Und wenn die ganze Kehillah1Gemeinde. ihr ganzes Vermögen opfert . . . .“
„Die Sache betrifft ja nicht Frankfurt allein“, unterbrach ihn der Vorſitzende, „auch unſre auswärtigen Brüder . . . .“
84„Seid mochel“2Verzeiht., fiel Rabbi Moſcheh Cohen, ihm ins Wort, „das ſind ungefangene Fiſche! Was Frankfurt nicht kann, ſollen die Andern können? Unſre Brüder in Deutſchland ſind gedrückt, verfolgt, arm. Aus Nürnberg ſind ſie ausgewieſen, aus Wien ſind ſie ausgewieſen, aus Ulm ſind ſie ausgewieſen, deßgleichen aus Mainz bis auf den einzigen Rabbi Lippmann Doctor, in Berlin hat man ſie verbrannt — Haſchem jidrauſch eß domom3Gott möge ihr Blut fordern. — bleibt von den großen Kehillauß nur Prag und Worms. Oder ſollen wir aufs Land ſchicken und ſammeln laſſen, in Weiſenau, in Bingen, in Hanau, in Friedberg? Was würde da zuſammenkommen?“
„So ſollen wir unſere Siphrê Kodeſch4Heilige Bücher. verbrennen laſſen?“
Die Thüre öffnete ſich und Rabbi Wolf Spiro trat ein.
„Verzeiht, Rabaußei5Meine Herren., ſagte er, „daß ich ſo ſpät komme! Rabbi Bär zur Tanne war bei mir und hat mir wichtige Nachrichten gebracht. Ihr wißt, er iſt Hausjude beim Schultheiß, und der hat ihm anvertraut, daß eine Botſchaft vom Kaiſer in unſerer Angelegenheit an den Senat gekommen ſei.“
„Günſtig oder ſchlimm?“ fragten die Andern.
„Wie man's nehmen will“, antwortete Rabbi Wolf. „Der Kaiſer ſendet einen Mann, den er zum Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation eingeſetzt hat, und der ſoll das entſcheidende kaiſerliche Mandat mitbringen.“
85„Was iſt das für eine neue Zoroh!6Noth. rief Rabbi Moſcheh Cohen bekümmert. „Das wird irgend ein vornehmer Mann ſein, den der Kaiſer reich machen will und ihn uns deßhalb als Zauer7Dränger. auf den Hals hetzt.“
Der Schammeß8Gemeindediener. trat ein und meldete, Herr Johannes Pfefferkorn wünſche vor dem Vorſtande zu erſcheinen.
„Das iſt ein gutes Zeichen“, ſagte der Vorſitzende; „Eure Nachricht ſcheint doch nicht ſchlimm zu ſein, Rabbi Wolf. Wir laſſen uns natürlich jetzt auf keinerlei Zugeſtändniß ein, bis wir genaue Kunde haben von der neuen kaiſerlichen Verordnung.“
Die Andern nickten zuſtimmend. Dann befahl der Vorſitzende dem Schammeß, daß er den wohlangeſehenen Herrn Johannes Pfefferkorn erſuche, einzutreten.
Als der Proſelyt eintrat, erhoben ſich die Vorſteher von ihren Sitzen und verneigten ſich.
„Bleibt nur ſitzen“, ſagte Pfefferkorn, „und ſpart Eure Höflichkeitsbezeugungen; ich weiß doch, daß Ihr mich in Euren Herzen verwünſchet und verflucht.“
Die Vorſteher ſchwiegen und nahmen ihre Sitze wieder ein. Auch Pfefferkorn nahm einen Stuhl und ſetzte ſich.
„Da ſind ja die Herren alle beiſammen, die Vorſteher der erſten jüdiſchen Gemeinde der Welt! da iſt ja auch einer Eurer Heiligen, der fromme Rabbi Löb von Emmerich. Wie hat ſolch ein Heiliger ſich dazu bewegen laſſen, ſich um die 86irdiſchen Angelegenheiten der Gemeinde zu bekümmern?“
„Hätte ich gewußt“, ſagte Rabbi Löb im aufſteigenden Zorne, „daß ich als Parneß9Vorſteher. mit einem Meſchummod reden müßte, ich hätte das Parnoſſus nicht angenommen.“
Da ging Pfefferkorn auf ihn zu und ſpuckte ihm ins Geſicht.
Rabbi Löb nahm ſein Taſchentuch und trocknete ſein Antlitz; dann ſagte er ruhig:
„Den Flecken kann ich mir ſchon abwiſchen. Euren Flecken werdet Ihr Euch niemals abwiſchen können.“
Pfefferkorn wurde roth vor Zorn. Er holte mit der Hand aus, um nach Rabbi Löb zu ſchlagen. Allein er bezwang ſich. Nachdem er ſich wieder geſetzt hatte, ſagte er:
„„Habt Ihr mein Anerbieten überlegt?““
„Wir können eine ſo hohe Summe nicht erſchwingen“, antwortete der Vorſitzende.
„„So will ich mich mit fünfzigtauſend begnügen!““
„Auch das iſt zu viel.“
„„So bietet weniger.““
„Wir können jetzt gar nichts bieten. Wir haben Umfrage gehalten in der Gemeinde: Niemand will dazu beiſteuern.“
„„Ich meine doch gehört zu haben, der reiche Simon Günzburg wolle aus eigenen Mitteln eine große Summe hergeben?““
Die Vorſteher ſchwiegen.
„„Ich rathe Euch““, ſagte Pfefferkorn, „daß Ihr Euch gütlich mit mir abfindet. Ihr wißt, wie hochangeſehen ich beim Kaiſer bin, ſo daß Euch ſelbſt die Fürſprache des erſten deutſchen 87Reichsfürſten, des Kurfürſten von Mainz, nicht viel genützt hat. Gebt mir 10,000 Goldgulden, und ich will Euch Eure Bücher zurückgeben.““
Die Vorſteher ſahen einander an; ſie waren geneigt, auf den Vorſchlag einzugehen.
Da wurde die Thüre ungeſtüm aufgeriſſen. „Rabbi Joſelmann!“ riefen die Vorſteher wie aus einem Munde.
„Ich komme doch nicht zu ſpät?“ fragte dieſer, „Ihr habt doch mit dem da noch nichts abgemacht? Ich habe ſoeben beim Schultheißen ein mandatum regium abgegeben, welches verordnet, daß man Euch ſofort die heiligen Bücher zurückgebe.“
„„Und wer iſt““ fragte Rabbi Jakob, „der Befehlshaber und Regierer, den uns der Kaiſer eingeſetzt hat?“
„Seine Kaiſerliche Majeſtät haben mich in dieſe hohe Würde einzuſetzen geruht.“
„Gelobt ſei Gott“, riefen die Vorſteher, „der Seine Gnade dem Hauſe Israels nicht entzogen hat.“
Pfefferkorn hatte bis dahin wie erſtarrt dageſeſſen. Jetzt ſprang er auf und ſchrie:
„Seid Ihr nicht der Proſelyt Raphael aus Colmar?“
„Nein“, antwortete Rabbi Joſelmann lächelnd, „der bin ich nicht; ich heiße Joſelin und bin ein Jude aus Rosheim.“
„„So habt Ihr mich betrogen! Ihr habt mich beſtimmt, die Einmiſchung des Kurfürſten von Mainz zu veranlaſſen und habt ſo alle meine Pläne vereitelt. Ich werde mich an Euch zu rächen wiſſen!“““
Er ſtürzte hinaus.
Und nun mußte Rabbi Joſelmann erzählen, und als er berichtete, wie er, ſo ganz nebenbei, von der Gemeinde zu Colmar das ſchreckliche Loos 88der Vertreibung abgewendet habe, da rief Rabbi Wolf Spiro begeiſtert:
„Rabbi Joſelmann, Ihr ſeid der erſte, der beſte, der vorzüglichſte Menſch der ganzen Welt. Nur einen Fehler habt Ihr!“
„O, ſagt ihn mir,“ entgegnete Rabbi Joſelmann, „damit ich mich bemühe, ihn abzulegen.“
„„Der einzige Fehler, den Ihr habt, iſt der, daß Ihr kein Frankfurter ſeid.““ —
„Das iſt allerdings ein Fehler, den ich nicht ablegen kann“, antwortete Rabbi Joſelmann lächelnd.
I. Theil · Kapitel 17 · S. 88–92
XVIII.
Die Niederlage Pfefferkorns hatte dieſen ſowohl als auch ſeine Hintermänner, die Dominikaner von Cöln, in die fürchterlichſte Wuth verſetzt. Zunächſt richtete ihr Zorn ſich gegen Reuchlin, dem allerdings die Rettung des Talmuds zumeiſt zu verdanken war. Sie verfaßten gegen den gelehrteſten Mann in Deutſchland eine Schmähſchrift, die den Titel „Handſpiegel“ führte; in derſelben wurde Reuchlin auf das Schmählichſte beſchimpft und verketzert. Reuchlin antwortete in einem Büchlein, das er „Augenſpiegel“ nannte, in welchem er ſeinen Gegnern 34 Lügen nachwies. Die Cölner formulirten nunmehr 43 Anklagepunkte gegen Reuchlin, in welchen ſie alles zuſammenfaßten, was in Reuchlin's Schriften „ärgerlich, übellautend und frommen Ohren anſtößig“ ſei. Die Vertheidigung Reuchlins „gegen die Cölniſchen Verleumder“ erregte das ungeheuerſte Aufſehen; er nannte ſeine Angreifer „unglaubhafte, leichtfertige, ehrloſe Böſewichter“ und nannte das Haupt der Cölner Dominicaner, Arnold von Tongern „einen Verleumder und Fälſcher für ewige Zeiten.“ 89(Arnoldus Tungarus calumniator, falsarius per secula seculorum). Die Cölner ſtellten hierauf einen förmlichen Inquiſitions-Proceß gegen Reuchlin an; allein der Kurfürſt von Mainz ſchützte ihn. Es nützte den Prediger-Mönchen nichts, daß ſie die Schriften Reuchlins durch den Henker verbrennen ließen, daß Pfefferkorn eine neue Schmähſchrift gegen „den alten Sünder, Johann Reuchlin, Zuneiger der falſchen Juden“ herausgab; alle Welt nahm für Reuchlin Partei: der Kurfürſt von Mainz, der Kaiſer, der Pabſt. Pabſt Leo X. ließ den Proceß niederſchlagen. Aber damit war die Sache nicht beendet; das Rad war einmal ins Rollen gerathen. Eine neue Denkweiſe brach ſich Bahn, welche dem finſtern, lichtloſen Mönchsweſen den Todesſtoß verſetzte. Die Freunde, Anhänger und Schüler Reuchlins verfaßten vereint eine Satyre, durch welche die Mönche, ihre Lehre und ihr Leben lächerlich gemacht wurde; das ſind die Epistolae obscurorum virorum, die Briefe der Dunkelmänner. Da die Mönche ein ſehr ſchlechtes Latein, das ſogenannte Mönchslatein ſchrieben, ſo hatten ſie einen Gelehrten, Ortuin Gratius, engagirt, der die Polemik gegen Reuchlin für ſie führen ſollte. An dieſen waren nun die fingirten Briefe der Dunkelmänner gerichtet, in welchen die Mönche ihre Unwiſſenheit, ihren Hochmuth, ihre laxe Moral in einem ſchauderhaften Latein zu erkennen geben. Die Briefe erregten ungeheures Aufſehen, und die Freunde Reuchlins hatten das ganze gebildete Europa auf ihrer Seite. So wurde dieſer um den Talmud begonnene Streit ein allgemeiner. Die Dominicaner, und mit ihnen das geſammte Mönchsweſen der damaligen Zeit, fielen in die Grube, die ſie den heiligen Büchern der Juden gegraben. Es konnte nicht fehlen, daß bei dieſer Gelegenheit die Schäden der Kirche, die Unſittlich90keit, Unmäßigkeit, Unwiſſenheit ſo vieler Geiſtlicher bloßgelegt wurden, daß die Lehrmeinungen geprüft wurden, die bisher für unanfechtbar gehalten waren. So wurde die Reformation vorbereitet. Unter den vielen hochberühmten Männern, welche Reuchlin aus vollem Herzen zuſtimmten — wir nennen nur Graf Hermann Neuenaar zu Cöln, Konrad Peutinger zu Augsburg, Pirckheimer zu Nürnberg, Eobanus Heſſus, Philipp Melanchthon, Ulrich von Hutten — befand ſich auch einer, der ſpäter das Werk der Reformation zur vollendeten Thatſache geſtaltete und die Kirchenſpaltung hervorrief, Doctor Martin Luther; er ſchrieb einen begeiſterten Brief an Reuchlin. — Der berühmte Reformator wird uns im Laufe unſerer Erzählung noch öfter begegnen; kehren wir jetzt zu dem Helden derſelben, zu Rabbi Joſelmann, zurück.
Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß ſeine Einſetzung zum Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation nichts als ein leerer Titel bleiben würde, wenn es nicht gelingen möchte, die über ganz Deutſchland zerſtreut wohnende deutſche Judenheit zu organiſiren, übernahm Rabbi Joſelmann dies ſchwierige Werk, noch ehe er in ſeine Heimath und zu ſeiner Familie zurückkehrte. Wie konnte er wohlthätig für ſeine Glaubensgenoſſen wirkſam ſein, wenn ihm die Organe zur Durchführung ſeiner Pläne fehlten? Andererſeits war es als eine göttliche Fügung, als ein beſonderer Beweis der himmliſchen Barmherzigkeit zu betrachten, daß der Kaiſer das Zuſtandekommen einer ſolchen Organiſation begünſtigt hatte. Die Zeit, in welche unſre Geſchichte fällt, war für die Juden die ſchlimmſte, die traurigſte, die man ſich denken kann. Wie die Nacht unmittelbar vor Tagesanbruch am finſterſten und ſchwärzeſten zu ſein pflegt, ſo war das Ende des Mittelalters, 91unmittelbar vor dem Beginne der neuen Epoche, eine Zeit des Elends, der Trauer und des Schrekkens. Die erſte Hälfte des Mittelalters war ziemlich günſtig für die Juden verlaufen. Kaiſer Carl, der Große, und ſeine Nachfolger, ſowie die erſten ſächſiſchen Kaiſer liebten und begünſtigten die Juden; erſt zur Zeit des letzten ſächſiſchen Kaiſers, Heinrichs II., kamen die Judenverfolgungen auf, die dann vier Jahrhunderte lang ſich von Zeit zu Zeit wiederholten. Dieſe Judenverfolgungen waren aber größtentheils vom Pöbel und von der niedrigen Geiſtlichkeit ausgegangen, während die Fürſten, Biſchöfe, Könige, Kaiſer und Päbſte meiſtens die Juden beſchützten und vertheidigten. Jetzt, am Ende des Mittelalters, war eine Periode der Judenvertreibungen eingetreten, die vorher ihresgleichen nicht gehabt hatte. Am Schrecklichſten und Bitterſten war das in Spanien zu Tage getreten (im Jahre 1492). Während die Juden aus Frankreich und England ſchon lange zuvor vertrieben waren, ſtand ihnen ein gleiches Schickſal in Deutſchland bevor. Wir haben oben geſehen, mit welcher Leichtigkeit die Stadt Colmar vom Kaiſer die Erlaubniß zur Judenvertreibung erhalten hatte; in Nürnberg, Regensburg und vielen andern Städten war dieſe Erlaubniß nicht allein ertheilt, ſondern auch ausgeführt worden; ebenſo in Bayern und Württemberg. Der Kaiſer hatte den Plan, die Türken aus Europa zu vertreiben; dann hätte er die Glaubenseinheit proclamirt; ſeine wiederholten Geſandtſchaften an den ruſſiſchen Czar hatten den Zweck, das Schisma in der Kirche zu befeſtigen und die Griechiſch-Katholiſchen zur Römiſchen Kirche zu bekehren; ja, Maximilian wollte, wie wir bereits oben erwähnt haben, ſelbſt Pabſt werden; er vermählte ſich deßhalb nicht wieder nach dem Tode ſeiner zweiten Gemahlin. Als 92Pabſt Kaiſer wollte er die Kirche reformiren, ſie mit ihren heimlichen und offenen Gegnern verſöhnen — für die Juden wäre dann kein Raum mehr auf Erden geweſen. Glücklicher Weiſe war Maximilian wohl der Mann der kühnſten, abenteuerlichſten Pläne, aber nicht der Mann der practiſchen Durchführung; er ließ ſeine weitgehenden Abſichten durch ſcheinbar geringe und unbedeutende Dinge durchkreuzen, und ſeine Begegnung mit Rabbi Joſelmann hatte genügt, den Kaiſer in Bezug auf die Juden vollkommen umzuſtimmen. Dieſe günſtige Stimmung mußte benützt werden, und Rabbi Joſelmann beeilte ſich, ſie zum Heile ſeiner Glaubensgenoſſen auszunützen. Er veranlaßte die Vorſteher der jüdiſchen Gemeinde zu Frankfurt am Main, eine Gemeindeverſammlung zu berufen, damit alle Juden Frankfurts an der Berathung über die künftige Organiſation der geſammten Judenheit deutſcher Nation Theil nehmen möchten.
I. Theil · Kapitel 18 · S. 92–98
XVIII.
„Rabboßai“ redete Rabbi Joſelmann die verſammelten Juden Frankfurts an, „Ihr wißt, daß Seine Kaiſerliche Majeſtät mich, den Geringſten und Unbedeutendſten unter Euch, zum Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation ernannt hat. Gott iſt mein Zeuge, daß ich nach einer ſolchen Stellung nicht geſtrebt und ſie nicht gewünſcht habe. Da es aber einmal Gottes Wille ſo war, dem Kaiſer, unſerm allergnädigſten Herrn, den Gedanken einzugeben, mich zu ſolcher Stellung zu erheben, ſo halte ich es für meine Pflicht, dahin zu ſtreben, daß das allen unſern Brüdern in Deutſchland von Nutzen ſei. Ihr wißt, wie die Feinde unſres Volkes von Zeit zu Zeit 93Pläne erſinnen, uns zu vernichten, denn in jedem Zeitalter ſind ſie gegen uns aufgeſtanden. Wenn wir nun auch unſre Hilfe und Rettung einzig und allein von Gott, unſerm Behüter, Beſchützer und Erretter erwarten dürfen, ſo müſſen auch wir thätig ſein, um für uns und unſre Frauen und Kinder zu ſorgen. Bisher waren unſre Bemühungen ſtets vereinzelt und daher oft erfolglos; deßhalb müſſen wir trachten, uns zu vereinigen, zu verbinden. Manchmal gilt es auch, große Summen zuſammen zu bringen, die der einzelne Mann, die einzelne Gemeinde nicht zu erſchwingen vermögen, die aber aufzubringen der Geſammtheit leicht fallen würde.“
Rabbi Joſelmann machte eine Pauſe und ſchaute ſich im Kreiſe ſeiner Zuhörer um. Aller Augen hingen an ſeinen Lippen; nur durch Kopfnicken gab man die Zuſtimmung zu erkennen.
„Es handelt ſich zuerſt darum,“ fuhr Rabbi Joſelmann zu reden fort, „einen Ort zu beſtimmen, welcher allen übrigen vorangehen und als Verſammlungsort auserſehen werden ſoll. In alten Zeiten waren Speyer, Worms und Mainz die hervorragendſten, tonangebenden Kehilloth in Deutſchland. Die alten Gemeinden Speyer und Mainz ſind leider verödet; unſere Brüder ſind aus dieſen Städten vertrieben; Worms iſt freilich noch heute eine heilige Gemeinde, hervorragend durch Frömmigkeit, Thorakenntniß und Wohlhabenheit; allein größer und bedeutender iſt die hieſige Kehilloh, dazu kömmt noch, daß ſchon der Meſſe wegen die Abgeſandten unſrer Brüder aus ganz Deutſchland ſich eher entſchließen werden, von Zeit zu Zeit nach Frankfurt zu reiſen als nach einer andern Stadt.“
„„Ich fürchte,““ nahm Rabbi Meïr zum Schiffe 94das Wort, „„es wird das eine Kowaud1Ehre. ſein, die Frankfurt viel Geld koſten wird.““
„Mag dem ſo ſein,“ rief Rabbi Simon Günzburg, „in Frankfurt hat man nie nach den Koſten gefragt, wenn es ſich darum gehandelt, etwas Gutes und Wichtiges zu thun oder etwas Schlimmes fern zu halten.“
„„Recht ſo, Rabbi Schimeon, wohlgeſprochen!““ rief man dem Letzteren von allen Seiten zu.
„Ich ſehe, Ihr ſeid einverſtanden,“ fuhr Rabbi Joſelmann zu reden fort, „habet Dank dafür! Ich habe es gewußt, daß Frankfurt ſtets bereit iſt, im Guten voranzugehen. Ich habe Euch nunmehr vorzuſchlagen, daß wir die Eintheilung des deutſchen Reichs in zehn Kreiſe oder Gauen auch für unſern Zweck annehmen. Ihr wißt, unſer Kaiſer hat auf dem Reichstage zu Worms im Jahre 2552d. i. 5255; man läßt noch heute die Tauſende bei Bezeichnung der Jahreszahl fort (1495). den allgemeinen Landfrieden publicirt; zur Entſcheidung der Streitigkeiten zwiſchen den Reichsſtänden ſollen nicht mehr die Waffen gebraucht werden, ſondern das Reichskammergericht ſoll in Frieden nach den Geſetzen entſcheiden; ich habe dem Kaiſer vorgeſtellt, daß der allgemeine Landfriede nicht eher zur Wahrheit werden kann, bis auch der Willkür, der Bedrückung, der Verfolgung gegen die Juden von Seiten der einzelnen Landſtände ein Damm entgegengeſtellt werden wird. Schon deßhalb finde ich es angemeſſen, daß wir die Beſtimmung des allgemeinen Landfriedens, welche Deutſchland in zehn Kreiſe theilt, auch für uns annehmen.“
„„Aber,““ wandte Rabbi Nathan zum rothen Schilde, der Dajon3wörtlich: Richter; Titel der Rabbinatsaſſeſſoren., ein, „unſre Glaubensgenoſſen 95ſind in den verſchiedenen Gegenden Deutſchlands ſehr ungleich vertheilt; ſo wohnen im bayeriſchen Kreiſe faſt gar keine, im oberrheiniſchen Kreiſe ſehr viele unſrer Brüder!““
„Die zerſtreute Lämmerheerde Israels,“ antwortete Rabbi Joſelmann, „hat heutzutage keine feſten Wohnſitze; noch vor wenigen Jahren war der bayeriſche Kreis ſehr dicht von Juden bevölkert; vielleicht gibt Gott, in deſſen Hand die Herzen der Könige ſind, daß auch jene Länder unſern Brüdern bald wieder erſchloſſen werden. Mein Vorſchlag geht nun dahin, daß wir Boten entſenden an alle unſre Brüder in den Reichen und unter der Oberhoheit unſres Kaiſers, daß ſich alle, die in einem und demſelben Kreiſe wohnen, vereinigen und daß ſie alle Jahre zweimal, zur Zeit der Frühjahrs- und zur Zeit der Herbſtmeſſe, Abgeſandte hierher ſenden nach Frankfurt am Main, beſtehend aus einem Rabbinen und einem Vorſteher für jeden Kreis, um alle unſre Angelegenheiten gemeinſam zu berathen, Vollmachten zu geben zur Verhandlung mit dem Kaiſer und den Fürſten, Steuern auszuſchreiben und beizutreiben, alle Beſchwerden gegen Fürſten, Biſchöfe und Städte vorzubringen und unter göttlichem Beiſtande Abhilfe zu ſchaffen; ferner eine ſtändige Deputation einzuſetzen aus Bewohnern von Frankfurt, die im Namen der geſammten deutſchen Judenheit ſofort handeln, wenn es nöthig ſein ſollte und Aufſchub nicht erdulden kann“
„„Erlaubt mir,““ ſagte Rabbi Simon Sofer, „„noch einen Punkt hinzuzufügen; den nämlich, einen ſtändigen Gehalt auszuſetzen für unſern Befehlshaber und Regierer, damit ihm die Mittel nicht fehlen, die geſammte deutſche Judenheit am Hofe des Kaiſers und der Fürſten würdig zu repräſentiren.““
96„Ich werde das nicht annehmen, Rabboßai,“ entgegnete Rabbi Joſelmann; „wenn ich eine Reiſe zu machen habe, ſo wird der Kelall4die Gemeinſchaft. die Koſten tragen, aber auch nur die Koſten; ich werde für meine Mühen und Verſäumniſſe nicht einen Heller annehmen.“
„„Hagodaul meödow,“ wendete Rabbi Simon Sofer ein, „gadluhu miſchel echow; wie man einſt den zum Hohenprieſter Erwählten reich machte, wenn er nicht ſchon reich war, ſo ſolltet auch Ihr, Rabbi Joſelmann, das nicht verſchmähen, was Ihr, nicht Euretwegen, ſondern unſretwegen gebrauchet.““
„Lieber lege ich,“ ſagte Rabbi Joſelmann entſchieden, „mein Mandat in die Hände des Kaiſers zurück. Gott iſt reich genug; will Er mir Vermögen beſcheeren, ſo iſt es ihm ein Leichtes. Von Menſchen nehme ich nichts an, ſolange ich deſſen nicht bedarf.“
„„Ich habe eine andere Bitte an Euch,““ ſagte Rabbi Wolf Spiro, der Vorſteher; „ziehet nach Frankfurt! Eure ſtete Anweſenheit wird hier erforderlich ſein. Das Froniß5Jüdiſches Bürgerrecht. ertheilen wir Euch freiwillig und unentgeltlich.““
„Ich danke Euch ſehr,“ antwortete Rabbi Joſelmann, „und werde vielleicht ſpäter von Eurem Anerbieten Gebrauch machen; für jetzt kann ich es nicht. Alle meine Geſchäftsverbindungen wurzeln im Elſaß. Doch werde ich alljährlich den beiden Aßiphauß6Verſammlungen. anwohnen und werde überhaupt immer da ſein, ſobald Ihr mich rufen werdet. — Wählen wir nunmehr einen Ausſchuß, der die Organiſation betreibe, und zeichnen wir freiwillige Beiträge, um die vorläufigen Koſten zu beſtreiten.“
97„„Erlaubt mir,““ rief Rabbi Simon Günzburg, „„dieſe vorläufigen Koſten allein zu beſtreiten; ich ſtelle dem Ausſchuß ſofort 1000 Silbergulden zur Verfügung. Sollten die Koſten ſich auf mehr belaufen, ſo findet Ihr mich bereit, das Andere noch anzufügen.““
Mit dieſem großmüthigen Erbieten war natürlich Alles einverſtanden. Der Ausſchuß wurde erwählt und die Organiſation der ſämmtlichen deutſchen Juden, nach den 10 Kreiſen des Reichs, in's Werk geſetzt. Wir werden im Laufe dieſer Erzählung noch Gelegenheit haben, ein Schreiben mitzutheilen, das die zu Frankfurt am Main verſammelten Rabbinen und Parnaßim im Namen der geſammten deutſchen Judenheit an deren Regierer und Befehlshaber, Rabbi Joſelmann von Rosheim, gerichtet haben. Die von Rabbi Joſelmann eingeführte Organiſation hat ſich, theilweiſe wenigſtens, ſolange erhalten, wie das römiſche Reich deutſcher Nation (bis 1806). So war mein Urgroßvater, Rabbi Abraham Meïr Berlin in Fürth (der Vater der berühmten Rabbinen Rabbi Noach Chajim Zevi zu Hamburg und Rabbi Löb Berlin zu Caſſel) Landparneß des Fränkiſchen Kreiſes. Als einſt der Fürſtbiſchof von Bamberg (vor circa 100 Jahren), auf Anlaß der Bamberger Kaufleute, den Juden ſeines Landes den Hauſirhandel verbot und dadurch Hunderte jüdiſcher Familienväter brodlos machte, begab ſich Rabbi Abraham Meïr Berlin in ſeiner Eigenſchaft als Landparneß des Fränkiſchen Kreiſes nach Wien zu Kaiſer Joſeph II. und erwirkte einen kaiſerlichen Befehl, welcher den Erlaß des Biſchofs von Bamberg aufhob und den Hauſirhandel wieder freigab. Auf dem Friedhofe zu Altona, auf dem Grabe ſeines berühmten Sohnes, wird dieſer mein Urgroßvater „Hannezibi“ (הנציבי) zubenamt, was der 98techniſche Ausdruck für Landparneß oder Vorſteher geweſen iſt.
I. Theil · Kapitel 19 · S. 98–102
XIX.
Der Ruf Rabbi Joſelmann's verbreitete ſich ſchnell über ganz Deutſchland, und als er nun fröhlich und wohlgemuth der Heimath zueilte, wurden ihm in allen jüdiſchen Gemeinden, die er auf ſeinem Wege berührte, die höchſten Ehrenbezengungen bewieſen. In Worms zog ihm die ganze jüdiſche Gemeinde entgegen, Männer, Frauen und Kinder, die Rabbinen an der Spitze. Die Rabbinen überreichten ihm das Ehrendiplom der Morenu; der reichſte Mann in Worms, Rabbi Pinchas Bacherach, deſſen Vermögen auf mehr als hunderttauſend Goldgulden geſchätzt wurde, lud ihn ein, in ſeinem Hauſe zu logiren und ſich dort einige Tage von den Strapatzen der Reiſe zu erholen. Rabbi Joſelmann nahm die Einladung mit Dank an, und da war das Haus des Rabbi Pinchas Tag und Nacht von Juden belagert, die aus der Nähe und der Ferne herbeiſtrömten, um den Mann zu ſehen, der ein Freund und Beſchützer ſeiner Stammesgenoſſen, wie ſeit Jahrhunderten kein Anderer, geworden war. Am meiſten entzückt und begeiſtert war Rabbi Pinchas von ſeinem Gaſte, er wich nicht von ſeiner Seite und beobachtete mit unendlicher Freude alle jenen kleinen Züge von Frömmigkeit, Beſcheidenheit und Gottvertrauen, die an der Perſönlichkeit eines wahrhaften Jehudi, ihm ſelbſt faſt unbewußt, ſo vielfach hervortreten und die auf den ſorgfältigen Beobachter ſo begeiſternd wirken. Rabbi Pinchas hatte eine einzige Tochter, Bärele (Baïre), von 10 Jahren, die Erbin ſeines großen Vermögens; und Rabbi Pinchas be99ſchloß, mit Rabbi Joſelmann in Verwandtſchaft zu treten.
„Zur Bar-Mizwah-Feier Eures älteſten Sohnes Jakob,“ ſagte er zum Abſchiede, „komme ich nach Rosheim und hole ihn mir. Hier in Worms findet er doch mehr Gelegenheit zum „Lernen“ als in Rosheim; ich will ihn halten wie mein eigenes Kind, weïm mehaſchêm jozeo haddowor, und wenn es Gottes heiliger Wille iſt, ſo ſoll er dereinſt mein Schwiegerſohn und mein Erbe werden.“
Daß Rabbi Joſelmann dieſes Verſprechen mit Entzücken entgegennahm, kann man ſich leicht denken; denn wenn Jemand für ſich auch noch ſo beſcheiden und anſpruchslos iſt, ſo bleibt er doch nicht gleichgiltig gegen das Glück und den Wohlſtand, die ſeinen Kindern in Ausſicht geſtellt werden,
Die Ehrenbezeugungen wiederholten ſich überall, wo Rabbi Joſelmann einkehrte und wo man ihn kannte: in Durlach, in Pforzheim, in Offenburg; aber der Gefeierte hielt ſich nirgendwo lange auf. Sehnſucht nach Weib und Kindern, die er faſt ein halbes Jahr lang nicht geſehen, hatten ſein Herz erfaßt. Auch nahten die hohen Feiertage heran, an denen er zu Hauſe zu ſein wünſchte.
Als Rabbi Joſelmann bei Kehl über den Rhein gezogen war und der Fuß ſeines Pferdes den elſäſſiſchen Boden berührte, da ſchwoll ſein Herz vor Freude. Wie mußten ihn erſt die Juden ſeines engeren Heimathlandes ehren, und wie die Juden von Colmar, die er von dem ſchrecklichen Looſe der Vertreibung errettet hatte! Sofort aber reute ihn die Freude und das Wohlgefallen an äußerer Ehre.
„Verzeihe mir, mein Gott,“ ſprach er, „was ich geſündigt habe in meinem Herzen, daß ich für mich Ehre erwünſche und den Beifall der Menſchen. 100O, erhalte mir ein reines Herz, damit ich wirke und thätig ſei immerdar ohne einen andern Zweck, o Gott, als Dir zu dienen und Deine heiligen Gebote zu beobachten.“
Sein Frohſinn war verſchwunden, und als er einen Glaubensgenoſſen daher kommen ſah, geſenkten Hauptes und betrübter Miene, da wunderte er ſich nicht; er erwartete eine ſchwere, betrübende Botſchaft als Strafe für den unlautern Gedanken, für die ſelbſtſüchtigen Wünſche.
Es war Seligmann von Dambach, einem Dorfe in Unter-Elſaß, der die Straße daher wanderte. Rabbi Joſelmann ſtieg vom Pferde und ging, das Pferd an der Hand führend, dem Manne entgegen.
„Seligmann,“ rief er ihm zu, „warum blickt Ihr ſo finſter?“
„„Ach, Ihr ſeid es, Rabbi Joſelmann,,““ entgegnete der Angeredete; „ich habe wohl Grund traurig zu ſein, und ich will Euch Alles erzählen; aber laßt uns zuvor jenes Wirthshaus am Wege aufſuchen, wo Ihr Euer Pferd abſtellen könnt; denn es iſt eine lange und traurige Geſchichte, die ich Euch zu berichten habe.““
Sie thaten alſo, und als Rabbi Joſelmann ſein Pferd hatte in den Stall ſtellen und füttern laſſen, da ließ er für ſich und ſeinen Begleiter Brod und Bier in den Garten am Wirthshauſe bringen; aber die Beiden aßen und tranken nicht, und Seligmann von Dambach begann zu erzählen:
„„Kennt Ihr den langen Dieterich von Reſtenholz?““
„Den Spieler, den Trunkenbold, der Haus und Hof verſpielt und vertrunken hat?“
„„Dieſen meine ich. Vor einigen Wochen kam er zu meinem Bruder Rephoël und ſagte zu ihm: 101Durch Euch Juden habe ich Haus und Hof verloren; meine Frau und Kinder gehen betteln. Ihr Juden müßt mir Haus und Hof wieder verſchaffen; ſonſt mache ich Euch Alle unglücklich. — Nicht durch uns Juden, ſagte mein Bruder, haſt Du Haus und Hof verloren, ſondern weil Du ein Trunkenbold, ein Spieler biſt. — Ha, rief er, hättet Ihr Juden mir nicht immer geborgt, es wäre nie ſo weit mit mir gekommen. Ich verlange 3000 Gulden, damit ich Haus und Hof zurückkaufen kann; wenn nicht, ſo mache ich Euch alle unglücklich. — Was willſt Du thun? fragte mein Bruder. — Mein Leben iſt mir zur Laſt, ſagte der Schurke; ich will es nicht länger mit anſehen, daß Frau und Kinder des reichen Dieterich von Reſtenholz, wie man mich früher nannte, darben und betteln müſſen. Gebt mir oder verſchafft mir die dreitauſend Gulden; wo nicht, ſo thue ich etwas, was mir zwar das Leben koſtet, was aber Dich und noch andere Juden ſchwer treffen wird. — Mein Bruder wies ihm die Thüre. Später haben wir gehört, daß er das gleiche Anſinnen an Michael von Reichshofen und an Rephoël Lehmann von Oberehnheim geſtellt habe. Dem Letzteren ſchuldete er noch 60 Gulden; und dieſer ſagte zu ihm: die ſechzig Gulden, die Du mir ſchuldig biſt, will ich Dir ſchenken. — Da lachte er und ſagte: Dafür ſage ich Dir keinen Dank. Wo nichts iſt, da hat ſelbſt der Kaiſer ſein Recht verloren. — Wenige Tage nachher ſind die drei Unglücklichen verhaftet und in's Gefängniß zu Oberehnheim geworfen worden. Weſſen der lange Dieterich, ſein Name und ſein Andenken mögen vertilgt werden, ſie angeklagt hat, wiſſen wir nicht; es muß aber etwas Schreckliches ſein. Durch viele Mühen haben wir herausgebracht, daß die Bedauernswerthen morgen gefol102tert werden ſollen, und wenn ſie dann, wie zu erwarten, von Folterqualen gepeinigt, Alles ausſagen, was man von ihnen verlangt, ſo ſoll es über alle Juden im Elſaß hergehen. Da ſoll geplündert und gemordet werden. Ach, der Pöbel wartet ja nur auf eine paſſende Gelegenheit!““
„Seligmann,“ ſagte Rabbi Joſelmann, ſich erhebend, „ich begebe mich ſofort nach Oberehnheim. Geht Ihr nach Rosheim und ſaget meiner Frau, daß Ihr mich geſprochen und daß ich noch nicht nach Hauſe komme, daß ich erſt in Oberehnheim Alles verſuchen werde, um die Eingekerkerten zu befreien oder doch dahin zu wirken, daß das Unglück keine größere Ausdehnung gewinne.“
„„Gott ſegne Euch,““ ſagte Seligmann, „„und gebe Euch Gelingen.““
I. Theil · Kapitel 20 · S. 102–106
XX.
In ſeiner Amtsſtube im Rathhauſe der deutſchen Reichsſtadt Oberehnheim — im Volksmunde Obernäh, daher auch während franzöſiſcher Herrſchaft der Name Obernay — ſaß der regierende Bürgermeiſter, Herr Jakob Brand, ein Vetter des berühmten Verfaſſers des „Narrenſchiffes“, welcher als Advocat in Straßburg l bte; neben ihm ſaß der Stadtſchreiber und hielt Seiner Geſtrengen Vortrag. Da trat der Rathsdiener herein und meldete:
„„Geſtrenger Herr Bürgermeiſter, ein Fremder begehrt vor Euer Geſtrengen vorgelaſſen zu werden.““
„Sag' ihm“, entgegnete der Bürgermeiſter, „es ſei nicht jetzt die Stunde, in welcher ich Au103dienz ertheile. Er ſoll morgen um die zweite Nachmittagsſtunde hier erſcheinen.“
„„Euer Geſtrengen wollen verzeihen““, ſagte der Rathsdiener, der ein gutes Trinkgeld erhalten hatte . . . .
„Hinaus! kein Wort weiter!“
Aber der Rathsdiener ließ ſich nicht beirren.
„„Es iſt ein kaiſerlicher Befehlshaber““, ſagte er.
„Ein kaiſerlicher Befehlshaber! Das iſt etwas Anderes, er mag eintreten.“
Der Bürgermeiſter und der Stadtſchreiber erhoben ſich von ihren Sitzen, um dem kaiſerlichen Befehlshaber entgegen zu gehen. Da trat Rabbi Joſelmann ein.
„Joſelin, Jud' von Rosheim!“ rief der Bürgermeiſter, „was iſt das für eine Komödie?“
„„Keine Komödie, geſtrenger Herr Bürgermeiſter! Seine Majeſtät, unſer allerdurchlauchtigſter Kaiſer haben in Gnaden geruht, mich, den Geringſten meiner Brüder, zum Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation zu ernennen. Seht hier, das allerhöchſte, kaiſerliche Mandat, mit Seiner Majeſtät eigenhändiger Unterſchrift und Inſigel.““
Er reichte das kaiſerliche Mandat dem Stadtſchreiber, der es dem Bürgermeiſter präſentirte.
Dieſer warf einen Blick darauf, und, als er den Namen: Joſelin, Jud' von Rosheim, und des Kaiſers Unterſchrift und Sigel erblickte, ſagte er:
„Nun, da wünſche ich Euch Glück, Herr Befehlshaber! Setzet Euch, Herr; Euer Kaiſerliches Amt zwingt mich, ſelbſt gegen einen Juden höflich zu ſein. Was verſchafft mir die Ehre Eures Beſuchs?“
104„„Ich danke Euch, Herr,““ antwortete Rabbi Joſelmann, ſich dem Bürgermeiſter gegenüberſetzend, „daß Ihr in mir armen Juden den kaiſerlichen Bevollmächtigten ehrt. Was mich herführt, iſt das Schickſal dreier meiner Unterthanen . . . .““
„Eurer Unterthanen?“
„„Ihr vergeßt, daß mich des Kaiſers Majeſtät . . .“““
„Wahr, Ihr ſeid der Regierer, alſo ſind alle Juden Eure Unterthanen. Wir aber, meine ich, hätten ältere Rechte auf unſere Unterthanen.“
„„Ich will dieſe Rechte weder anfechten, noch verkürzen. Bisher hatte jeder deutſche Jude drei Herren: den Bürgermeiſter ſeiner Stadt, den Landesfürſten und den Kaiſer; jetzt hat er noch einen vierten: den Befehlshaber und Regierer, und dazu hat mich des Kaiſers Gnade auserſehen. Ich will aber meine Unterthanen weder bedrücken noch beſteuern — ich will ihnen unter göttlichem Beiſtand ein Schützer und Helfer ſein.““
„Das wird Euch in Bezug auf die drei eingekerkerten Juden wohl nicht gelingen; ſie werden dem Scheiterhaufen nicht entgehen. Herr Stadtſchreiber leſt dem Herrn Befehlshaber das Bekenntniß des langen Dietrich von Reſtenholz vor!“
Der Stadtſchreiber holte ein Fascikel Acten herbei, ſuchte, nahm ein Blatt Papier heraus und begann zu leſen1Wir geben eine wörtliche Abſchrift des Originals, das in den Archiven von Obernay (Lad. 2. Nr. 26) aufbewahrt wird.:
„Er hatt auch verſehen2Geſtanden. das Bohel3Raphael. der Jude zu Dembach und Michel der Jude zu Richszhofen und Lehemans sun4Sohn. zu Ober=105Ehnheim, die haben nach jm (ihm) geſchickt gen Dambach und jne (ihn) gebeten Das er jnen (ihnen) ein Sacrament brecht (brächte) ſo wollten ſie ihm darfür geben drü tuſent Gulden, Sollicher er ſich gewidert (geweigert) und doch darnach habe er ſich gen Reſtenholz gefügt und die Kirche uffgebrochen und do gewollen das Sacrament ſtelen habe er nit konne darüber komen und uff das nole habe er den Stock uffgebrochen mit einem wurff byhel (Wurfbeil), do er doch an erwüſt (erwiſcht) ward, Darnach umb ſant Bartholomeustag jn XV. und drü jore (1503) Sy (ſei) er gen Wettwiller komen und ſich in die Kirche verſlagen und darinn gelegen anderthalben tage habe er nachts zu dem Sacrament mit einem Hammer das iſerne (eiſerne) gegitter affgedrochen (abgedroſchen) und darnach mit einem pfryemen die Monſtranz affgeton, das Sacrament mit bloßen Henden angriffen da Sy jnwendig ein echt ſiden (ſeiden) duch (Tuch) über das Sacrament geſin (geweſen), das ha er auch mit dem Sacrament geſtolen und das in ein wiß (weiß) Seiden tuch geton das ſy von jrem Altar der Juden geſtn und under ſeinem mantel gen Dambach getragen in Bohel des Juden Huß, ſyent vil Juden derjn geſtn und beſander der Jude zu Richszhofen, Bohel zu Ober - Ehnheim Lehemanus Enſſ, habe aber Bohel der Jude zu Dambach das Sacrament in bloße Hende genomen von jm und jn ein kamer gangen und die andern darmit, Waſſen darjnn geton haben wiſſe er nit Dannach ſy Bohel mit andern ſinen geſellen wider zu jm komen jn geſcholten und geſprochen er ſollte ſich hinweg machen er wer ein ſchalk Sie wollten jm nitzet geben, er ſeit (ſagte) auch, er ſy (ſei) by (bei) lx (60) gulden ſchuldig geſin allenthalben 106den Juden die haben ſie für jne bezahlt nyemant heiſche jm mer gelt.“
„„Aber““, rief Rabbi Joſelmann, „„das iſt ja Alles Lug und Trug! Das trägt doch den Stempel der Unwahrheit an der Stirne! Im Jahre 1503! Das iſt ja ſieben Jahre her! Warum hat der Schurke ſo lange geſchwiegen?““
„Und warum“, fragte der Bürgermeiſter, „ſoll er jetzt durch eine Unwahrheit ſich ſelbſt den Tod durch das Flechten an das Rad zuziehen? Denn dazu iſt er verurtheilt!“
„„Geſtrenger Herr Bürgermeiſter, der Menſch iſt ein Lump, ein heruntergekommener Taugenichts. Dem liegt nichts am Leben. Er wollte von den unglücklichen Juden Geld erpreſſen, und da ſie es ihm weigerten, rächt er ſich an ihnen.““
„Dem ſei wie ihm wolle; ſein Zeugniß bringt die drei auf den Scheiterhaufen. Morgen werden ſie gefoltert, damit wir die andern Schuldigen herausbekommen.“
„„Ich proteſtire dagegen! ich bin vom Kaiſer zu ihrem Befehlshaber eingeſetzt; ſie dürfen ohne meine Zuſtimmung nicht gerichtet werden!““
„Hat Euch der Kaiſer eine Armee beigeſellt, um Euren Befehlen Gehorſam zu verſchaffen, Herr Befehlshaber?“
Der Hohn in dieſen Worten ließ Rabbi Joſelmann verſtummen.
„„So geſtattet mir““, ſagte er nach einer Pauſe, „„meine unglücklichen Brüder im Gefängniſſe aufzuſuchen.““
„Das, meine ich, können wir dem kaiſerlichen Befehlshaber nicht verweigern. Wie iſt Eure Anſicht, Herr Stadtſchreiber?“
„Ich bin ganz der Meinung des geſtrengen Herrn Bürgermeiſters“, antworte der Angeredete.
I. Theil · Kapitel 21 · S. 107–112
XXI.
107Seitdem der Elſaß1In neuerer Zeit ſagt man „der“ und nicht „das Elſaß“. wieder deutſch, wird er häufig von deutſchen Touriſten beſucht, welche die ſchönſten, landſchaftlichen Punkte fleißig aufſuchen. Der ſchönſte dieſer Punkte iſt unſtreitig der Ottilienberg, auf deſſen Spitze oder vielmehr Rücken, circa 3000 Fuß über der Meeresfläche, das Kloſter Hohenburg liegt, ein heute noch viel beſuchter Wallfahrtsort. Das Kloſter ſoll Eticho, der erſte Herzog von Elſaß, für ſeine Tochter Ottilie gebaut haben. Einſt ſtand Göthe auf dieſer Höhe, „von wo er den herrlichen Elſaß wie ein Amphitheater überſah.“ — „Einer mit Hunderten, ja Tauſenden auf den Ottilienberg begangenen Wallfahrt“, ſo erzählt uns der Dichter, „denk ich noch immer gern. Hier, wo das Grundgemäuer eines römiſchen Caſtells noch übrig, ſoll ſich in Ruinen und Steinritzen eine ſchöne Grafentochter aus frommer Neigung aufgehalten haben. Unfern der Capelle, wo ſich die Wanderer erbauen, zeigt man ihren Brunnen und erzählt gar manches Anmuthige. Das Bild, das ich mir von ihr machte, und ihr Name prägte ſich tief bei mir ein. Beide trug ich lang mit mir herum, bis ich endlich eine meiner zwar ſpätern, aber darum nicht minder geliebten Töchter damit ausſtattete.“ — Es iſt die Ottilie in den „Wahlverwandtſchaften“, auf die der Dichter hier anſpielt. — Als der größte deutſche Dichter ſich an dem ſchönen Landſchaftsbilde erquickte und ſich die Sagen von der blindgebornen Tochter Herzog Eticho's, Ottilie, die durch den nach ihr benannten Brunnen das Augenlicht erhalten haben ſoll, erzählen ließ, da war 108wohl Niemand da, der ihm von den vielfachen und entſetzlichen Leiden der Söhne Juda's in dieſem ſchönen Elſaß berichtete, namentlich in der deutſchen Reichsſtadt Oberehnheim, die ſich ſo hübſch am Fuße des Ottilienberges ausdehnt. Ein kleines Blatt aus der Geſchichte jener zahlloſen Leiden wollen wir hier dem geehrten Leſer aufſchlagen.
Hart am Fuße des Ottilienberges, aber noch innerhalb der Stadtmauern von Oberehnheim ſtand ein viereckiger Thurm, das Gefängniß der Stadt. Durch die ſchwere Eiſenpforte deſſelben führte der Kerkermeiſter den Helden unſerer Geſchichte in ein düſteres Verließ, das ſein ſpärliches Licht durch enge, mit Eiſenſtäben vergitterte Löcher in der Mauer erhielt. Hier lagen auf dem Stroh drei Jammergeſtalten: Raphael von Dembach, Michael von Reichshofen und Raphael von Oberehnheim. Die Armen waren an Händen und Füßen gefeſſelt. Als ſie Rabbi Joſelmann erblickten, wollten ſie ſich erheben, allein die ſchweren Ketten hinderten ſie daran. Dieſer aber brach in Thränen aus und rief: „Wehe mir, meine Brüder, daß ich Euch ſo erblicken muß!“
„„Kommt Ihr als unſer Befreier?““ fragte Michael von Reichshofen.
„Wollte Gott, ich könnte das ſagen; allein es iſt wenig Ausſicht dazu vorhanden. Der ſchuftige Ankläger hat ſeine Ausſage beſchworen; er ſelbſt wird aufs Rad geflochten werden, und Euch wird es, wenn Gott nicht ein beſonderes Wunder thut, das Leben koſten.“
„„Weſſen klagt man uns an?““ fragte Raphael von Dambach.
„Wie, Ihr wißt das nicht einmal?“
109„„Man hat uns eingekerkert, ohne uns zu ſagen, weßhalb.““
„Der lange Dieterich . . . .“
„„Ah, iſt es das? Hat der Schurke ſeine Drohung wahr gemacht?““
„Er behauptet, Ihr hättet ihn gedungen, eine Hoſtie zu ſtehlen.“
„„Und den Unſinn glaubt man ihm?““
„O, meine Brüder, es iſt ein böſes, ſchlimmes Volk, in deſſen Mitte wir leben. Man ſchmiedet die thörichtſten Anklagen gegen uns, um uns zu tödten und zu berauben.“
„„O, Gott““, rief Raphael von Oberehnheim, „„was haben wir verbrochen, daß uns Solches treffen ſoll?““
„Sprich nicht ſo, Raphael! Willſt Du Gott, den Herrn, meiſtern? Freue Dich lieber, daß Dich Gott der Gnade würdigt, daß Du Dein Leben darfſt hingeben zur Verherrlichung des göttlichen Namens. Als man den großen Rabbi Akiba mit erſchrecklichen Foltern zu Tode quälte, verherrlichte und pries er ununterbrochen den Namen des Höchſten. Und als ſeine dabei anweſenden Schüler darob ihre Verwunderung ausſprachen, da ſagte er: Es heißt in der heiligen Schrift: Und Du ſollſt lieben den Ewigen, Deinen Gott, mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele — ſelbſt wenn er die Seele, das Leben nimmt. Immerwährend habe ich mich danach geſehnt, mein Leben hinzugeben für Gott, und jetzt da ſich mir die Gelegenheit bietet, ſollte ich's nicht freudig erfüllen? — Und ſo ertrug er die Qualen, ſtandhaft und freudig, bis ſeine reine Seele den Körper verließ, um aufzuſteigen zu des Allmächtigen Thron.“
Die drei Männer ſchwiegen. Rabbi Joſelmann fuhr zu reden fort:
110„Man wird Euch morgen zum Verhöre führen, man wird Euch auf die Folter ſpannen . . . .“
„„Hu, ſchrecklich!““ rief Raphael von Dambach.
„Man wird Euch zwingen wollen, die Mitſchuldigen zu nennen. Ihr wißt, meine Brüder, daß die Qualen der Tortur ärger, ſchlimmer ſind als der Tod, daß die Gefolterten in der Regel Alles ſagen, was man ihnen in den Mund legt. Während die ſchrecklichſten Schmerzen Eure Gebeine zerwühlen, wird man Euch fragen: Iſt nicht Dieſer, iſt nicht Jener dabei betheiligt geweſen? Und wenn Ihr es, von Schmerz übermannt bejaht, ſo wird man Eure Brüder und Freunde, Eure Frauen und Kinder einziehen und auch dieſe foltern, bis man Grund hat oder zu haben glaubt, alle Juden zu morden und ſich ihrer Habe zu bemächtigen. Deßhalb bitte ich Euch, beſchwöre ich Euch, meine Brüder, ſeid ſtandhaft!“ —
„„Ihr habt gut reden““ ſprach Michael von Reichshofen, „„Ihr ſeid frei — aber wir! Puh, die ſchreckliche Tortur, das ſiedende Wachs, die Daumſchrauben, die ſpaniſchen Stiefel . . . .“““
„Wenn Gott mir die Gelegenheit gibt, ſeinen Namen zu heiligen, ſo werde ich es thun ohne Murren, in freudiger Liebe zu Ihm, meinem Vater im Himmel. O, meine Brüder, wenn Ihr Euch vornehmt mit ganzem Herzen, ſo ganz echt und recht, den Namen Gottes zu heiligen, ſo wird dies eine Gefühl Euch derart beſeligen und erfüllen, daß Ihr keinen Schmerz empfindet. Kein Achund Weh-Laut wird ſich Eurer Bruſt entwinden. Inmitten der Schmerzen werdet Ihr, verklärt, ſchon Gottes Seligkeit empfinden. O wiſſet, was unſre Weiſen, ihr Andenken ſei geſegnet, ſagen: Wer den feſten, unumſtößlichen Entſchluß faßt, den 111Namen Gottes zu heiligen, der wird keine Schmerzen empfinden; er gleicht — aber in edlem Sinne — dem Berauſchten, von dem der weiſe König ſagt: Sie ſchlagen mich, es ſchmerzt nicht; ſie hämmern auf mich, ich merke nichts2Prov. 23, 35..
„„Ich weiß““, nahm Raphael von Oberehnheim das Wort, „„Ihr, Rabbi Joſelmann ſeid ein großer Gelehrter, ein bedeutender Kabbaliſt. Könnt Ihr's machen, daß wir die Schmerzen nicht ſpüren?““
„Nein, meine Freunde, das kann ich nicht; und wenn ich's könnte, ich thäte es nicht. Wißt Ihr nicht, was Hillel lehrt in den Sprüchen der Väter: Wer die Krone als Werkzeug gebraucht, vergeht? Das heißt, wer einen heiligen Gottesnamen dazu mißbraucht, übernatürliche Dinge ins Werk zu ſetzen, der hat ſchlimme Strafe zu erwarten. Und ſelbſt wenn ich es könnte und es wäre erlaubt und geſtattet — ich würde dennoch nicht dazu beitragen, Euch das hohe Glück zu verkümmern, für die Heiligung des göttlichen Namens leiden zu dürfen. Denn, wenn Ihr dasjenige, was Gott Euch ſchickt, vollkommen ertragen wollt, ſo müßt Ihr Euch vornehmen, ſelbſt die größten Schmerzen ergebungsvoll zu erdulden. Dann wird Gott Euch über die Schmerzen emporheben und Euch nicht leiden laſſen. Wenn Ihr aber gedenket, nur deßhalb ſtandhaft zu ſein, weil Euch Gott die Schmerzen nicht wird empfinden laſſen — dann ſtellt Euch Gott auf die Probe, und Ihr werdet um ſo mehr leiden müſſen.“3Rabbi Joſelmann's eigene Worte. Vergleiche das hebr. Werk „Joſeph Omez“ § 482.
112Rabbi Joſelmann ſchwieg, und auch die Gefangenen ſprachen nicht. Nach einer langen Pauſe begann Rabbi Joſelmann aufs Neue:
„Wenn Ihr Euch, meine Freunde, durch die Schmerzen verführen laſſet, die Worte zu beſtätigen, welche Euch unſre Feinde in den Mund legen, dann bringet Ihr Unheil und Verderben über alle unſere Brüder und Schweſtern, über Eure Frauen und Kinder. Wenn Ihr aber ſtandhaft ſeid, ſo werden wir für Eure Frauen und Kinder ſorgen. Unterdeß will ich mich bemühen, alles zu Eurer Rettung zu thun, was im Bereiche der Möglichkeit liegt. Lebt wohl, meine Freunde, Gott ſteh' Euch bei!“
I. Theil · Kapitel 22 · S. 112–117
XXII.
Nach vielen Mühen war es Rabbi Joſelmann gelungen, die Erlaubniß zu erhalten, den Ankläger der drei Juden, den langen Dietrich von Reſtenholz, in ſeiner Zelle aufzuſuchen.
Auf einem Bündel Stroh lag eine hünenhafte Geſtalt, an Händen und Füßen gefeſſelt. Das Geſicht des Rieſen war roth und aufgedunſen vom übermäßigen Genuß des Weines. Die ſchlimmſten Laſter hatten auf dieſem Geſichte ihre Spuren zurückgelaſſen.
Als Dietrich den Eintretenden erblickte, fuhr er empor.
„„Verfluchter Jude“, ſchrie er, „hebe Dich hinweg!““
„Verzeiht, Herr Dietrich“, ſagte Rabbi Joſelmann ſanft, „daß ich hier bei Euch eindringe.“ „Euer Vater, Herr Konrad von Keſtenholz . . . .“
113„„Daß Dich Gottes Blitz niederſchlage, verdammter Jude! Was haſt Du mich an meinen Vater zu erinnern! Mein Vater war ein hochangeſehener Mann, und ich, ſein einziger Sohn und Erbe, werde auf dem Schaffote enden! Und daran iſt die verdammte Judenbrut ſchuld.“
„Verzeiht, Herr Dietrich, ich meine, Ihr ſeid daran ſchuld, daß jetzt drei unſchuldige Juden, die nichts verbrochen haben . . . .“
„„Die mich verführt haben, das Sacrament für ſie zu ſtehlen!““
„Hört, Herr Dieterich, wir ſind hier allein, und mir könnt Ihr nichts vormachen. Was Ihr da ſagt, iſt gelogen, ſchändlich gelogen. Ich bin einer der Gelehrten meines Volkes und weiß ja, daß niemals eine Jude Verlangen getragen nach einer Hoſtie oder anderen derartigen Dingen. Wie könnt Ihr es über Euch gewinnen, den entſetzlichen Tod dreier unſchuldiger Menſchen . . . .“
„„Ha, ha, unſchuldiger Menſchen! Wenn auch die Juden nicht das gethan haben, deſſen ich ſie anklage, ſind ſie deßhalb unſchuldig? Wem verdanke ich mein ganzes Unglück? Es iſt wahr, ich bin ſtets ein leichtſinniger Menſch geweſen. Wein, Weiber und Würfel waren mir ſtets lieber als die Pflugſchaar, die Senſe und die Heugabel. Wer aber war's, der mir ſtets die Mittel verſchaffte, meinen Leichtſinn zu fröhnen? Waren es nicht die Juden, die mir gegen Wucherzins borgten, als mein Vater noch lebte, in deren Säckel die Mitgift meiner Frau wanderte, die mir immer, wieder und wieder Geld gaben, bis ſie mich von Haus und Hof trieben und meine Frau und meine Kinder an den Bettelſtab brachten?““
„Und deßhalb grollet Ihr den Juden und wollt Euch an ihnen rächen? Thörichter Mann, 114was können denn die Juden dafür? Sind ſie Euch nachgelaufen, haben ſie Euch ihr Geld mit Gewalt aufgehängt — oder habt Ihr gebeten, gefleht und geweint, daß man Euch Geld gebe, nur dies eine Mal noch. Und über den Zins beklagt Ihr Euch! Wovon ſollen denn die Juden leben, welches Geſchäft ſollen ſie betreiben? Die Handwerke haben die Zünfte inne, und keine Zunft nimmt einen Juden auf oder duldet, daß ein Jude ein Handwerk betreibe. Man duldet nicht, daß die Juden Aecker beſitzen und ſie bebaue. Man geſtattet den Juden nicht, kaufmänniſche Geſchäfte zu betreiben. Dagegen verlangt man von ihnen Steuern und Abgaben in großer Menge. Wir ſind ſteuerpflichtig dem Kaiſer als dem Schirmherrn des deutſchen Reichs, wir ſind ſteuerpflichtig dem Kaiſer als dem Herzog von Elſaß und wir ſind ſteuerpflichtig den Städten, in denen wir wohnen oder den Gutsherren, denen wir unterthan ſind. Seht, Mann, der Kaiſer hat mich zum Regierer der Judenheit in Deutſchland eingeſetzt. O, wie gern möchte ich meinen Brüdern verbieten, Geld auf Zinſen zu verleihen! Doch das hieße ſie zum Hungertode verurtheilen; denn man hat ihnen keinen andern Erwerb gelaſſen. Nicht uns Juden, ſondern die Chriſten, die ſolche Geſetze und Verordnungen gegeben, müßt Ihr dafür verantwortlich machen.“
Rabbi Joſelmann ſchwieg; der lange Dietrich ſah ſtarr vor ſich nieder.
„Und Ihr“, fuhr Rabbi Joſelmann zu reden fort, „der Ihr Niemanden anders anzuklagen habt als Euch allein, Euren Leichtſinn, Eure Arbeitsſcheu, Eure Genußſucht, die Euch ins Verderben gebracht haben für dieſes Leben, Ihr wollt jetzt noch Eurer Seele Seligkeit daran geben; um eine 115kleinliche, elende Rache zu nehmen — Rache, an Leuten, die Euch nie Böſes gethan haben?“
„„Was, nichts Böſes? Und die Wucherzinſen, die mich an den Bettelſtab gebracht haben?““
„Nehmt an, Ihr hättet den Juden keine Zinſen zu zahlen gehabt, hättet Ihr das Geld, das Ihr Jenen gegeben, nicht dennoch verſchwendet, vertrunken, verſpielt? Aber geſetzt auch, ſie hätten Euch Unrecht gethan, was in aller Welt berechtigt Euch zu der falſchen, lügneriſchen Angabe, die Ihr Euch erſonnen, um drei Menſchen dem ſchrecklichen Tode preiszugeben?“
„„Pah, es ſind ja nur Juden.“““
„Und ſind denn die Juden nicht auch Menſchen? O, Mann, ich ſage Euch, dieſer ſchändliche Mord, den Ihr an den Juden begeht, wird Euch hinabziehen in den Pfuhl der Hölle, zu den ewigen Qualen der Verdammniß.“
„„„Ha, ha, verdammt bin ich ſo wie ſo. Ich habe ein läſterliches, lüderliches Leben geführt, bin in die Kirche eingedrungen und habe den Opferſtock erbrochen und beſtohlen. Dafür werde ich aufs Rad geflochten und muß nachher in die Hölle wandern zu ewiger Qual. Da kömmt's nicht darauf an, ob ich ein paar Sünden mehr oder weniger mit hinüber nehme.“““
„Ich aber ſage Euch, es kömmt gar ſehr darauf an! Für Alles, was Ihr bisher verbrochen habt, gilt der gewaltſame Tod, den Ihr erdulden werdet, vor Gott, dem Herrn, als Sühne. Dann geht Ihr ein als ein Gerechter in das ewige Leben, nachdem Ihr ſchon hier auf Erden Eure Sünde gebüßt habt. Wehe Euch aber, wenn Ihr noch den Mord unſchuldiger Menſchen mithinüber nehmet! Gottes Richterwort wird Euch den Strafengeln überliefern, und all die Qualen, die Ihr 116jenen Unglücklichen zugefügt, werden Euch vergolten werden — nicht einmal, zehnmal, ſondern immer, ewig. Ein entſetzlicher Durſt wird Eure Eingeweide verbrennen, und kein Labetrunk wird Euch jemals erquicken; ein glühender, eiſerner...“
„„Hört auf, hört auf! Ich will Euch einen Vorſchlag machen: Schwört Ihr mir bei Gott, dem Allmächtigen, nach meiner Hinrichtung für meine Frau und meine Kinder zu ſorgen, daß ſie ihr, Brod nicht vor den Thüren fremder Leute zu erbetteln brauchen, ſo will ich vor Gericht die Wahrheit ſagen und meine Anklage als falſch und verleumderiſch zurücknehmen.““
„Und wenn man Euch dann auf die Folter ſpannt und Ihr ſagt dann aus, daß Ihr deßhalb Eure Anklage widerrufen, weil der Jude Joſelin von Rosheim Euch verſprochen hat, für Euer Weib und Eure Kinder zu ſorgen, ſo wird man die drei Angeſchuldigten dennoch verbrennen. Nein, ich kann Euch das nicht verſprechen.“
Als der lange Dietrich ſchwieg, fuhr Rabbi Joſelmann zu reden fort:
„Und würde, wenn Ihr nur gegen ein ſolches Verſprechen Euer großes Unrecht wieder gut machen wolltet, würde es Euch dann der allgerechte Richter als Sühne anrechnen? Nein, Mann, Ihr müſſet die Wahrheit um der Wahrheit willen geſtehen; Ihr müßt Eure ſchändliche Anklage zurücknehmen, weil es Euch reut, gelogen und verleumdet und dadurch Eure Mitmenſchen ins Elend gebracht zu haben. Nur in dieſem Falle wird Gott Euch verzeihen.“
„„Und woher wißt Ihr das ſo genau, Jude? Seid Ihr droben geweſen im Himmel und hat Euch Gott ſeine Geheimniſſe anvertraut?“““
117„Ich bin nicht droben geweſen im Himmel; aber Gott hat uns Menſchen vor vielen tauſend Jahren ſeine Geheimniſſe anvertraut, als er ſich unſern Voreltern auf dem flammenden Sinai geoffenbart hat.“
„„Ihr ſeid ein gelehrter Mann, Herr Jude, und wiſſet beſſer Beſcheid als unſre Geiſtlichen alle. So will ich denn Euren Mahnungen folgen und mein fälſchliches Zeugniß widerrufen. Ob's Euren Brüdern etwas helfen wird? Die Herren vom Gericht waren ſo froh mit meinem Zeugniſſe und haben mir die Worte in den Mund gelegt.““
„Und ſollte es meinen Brüdern nichts nützen — Euch wird ein offenes Geſtändniß der Wahrheit vom ewigen Verderben erretten.“
I. Theil · Kapitel 23 · S. 117–122
XXIII.
Auf der Rathſtube zu Oberehnheim ſaß der Bürgermeiſter, die Rathsherren erwartend; er hatte ſich, wie bei jeder Sitzung zuerſt eingefunden, denn Herrn Jakob Brand war ein fleißiger Mann, für den es weder Vergnügen noch Erholung gab; ſeine einzige Freude war, ſich mit den öffentlichen Angelegenheiten der Stadt zu beſchäftigen. Seit zwanzig Jahren führte er das Scepter in Oberehnheim, Niemandem verantwortlich, denn dem Kaiſer, der als Herzog von Elſaß zugleich der Landesherr war. Herr Jakob Brand hätte lieber ſein Leben als ſein Amt aufgegeben, und doch war es erſt vor Kurzem nahe daran geweſen, daß er hätte zurücktreten müſſen. Sein einziger Sohn Heinrich, der in Straßburg die Rechte ſtudirte, war ein leichtſinniger Menſch und hatte mehr Geld verthan als es des Bürgermeiſters Einkommen ver118trug. Mit großer Aufopferung hatte der Vater bisher alle Schulden des Sohnes bezahlt; aber der Unverbeſſerliche machte ſtets aufs Neue Schulden, und vor wenigen Wochen hatte der Jude Raphael, Lehmanns Sohn, von Oberehnheim, eine Forderung von nahe an tauſend Gulden geltend gemacht, die der Bürgermeiſter zu bezahlen außer Stande war. Raphael hatte den jungen Brand mit dem Schuldgefängniſſe bedroht, und der Vater hätte nicht im Amte verbleiben können, wenn der Sohn wäre gefänglich eingezogen worden. Aus dieſer prekären Lage hatte die Denunciation des langen Dietrich von Keſtenholz den Bürgermeiſter befreit. Raphael war eingekerkert worden, und von der Eintreibung der Schuldforderung konnte nicht mehr die Rede ſein.
„Der Jude“, ſprach der Bürgermeiſter vor ſich hin, „muß jetzt die Wuchergeſchäfte mit dem Leben büßen; er und ſeine Genoſſen; denn nicht glaube ich, daß die Anklage des langen Dieterich auf Wahrheit gegründet iſt. Allein ſie kam mir gelegen. Mögen die Juden verbrannt werden! Was liegt daran? Es ſind ja nur Juden. Warum hat der Kaiſer anno 7 nicht meine Bitte um Vertreibung der Juden gewährt? Sie wären aus der Stadt getrieben worden und hätten wenigſtens ihr Leben gerettet. Allein des Kaiſers Majeſtät hat uns nicht einmal einer Antwort gewürdigt. So mögen ſie's denn büßen, daß ſie ſtets und immer das leichtſinnige Schuldenmachen begünſtigen. Und ich, ich bleibe Bürgermeiſter.“
Die Thüre ging auf, und der Stadtſchreiber trat ein.
„„Geſtrenger Herr Bürgermeiſter““, ſagte er, „ich habe Euch eine wichtige Mittheilung zu machen: Der lange Dietrich . . . .““
„Hat ſich im Gefängniſſe erhängt?“
119„„Nein, er verlangt auf's Neue verhört zu werden. Er will ſeine Anklage gegen die Juden zurücknehmen.““
„Er wird doch nicht des Teufels ſein?“
„„Er wird. Sein Gewiſſen, ſagt er, beſchwere ihn, und er wolle keine falſche Anklage mithinüber nehmen ins jenſeitige Leben.““
„Gewiß hat ihn dieſer Joſelin von Rosheim beſchwätzt.“
„„So ſcheint es.“““
„Der wird ihm Verſprechungen gemacht haben, für ſein Weib und ſeine Kinder zu ſorgen! Dann iſt die Rücknahme des Bekenntniſſes ungiltig.“
„„Nein, geſtrenger Herr; der Jude iſt viel zu ſchlau, als daß er ſich ſolch eine Blöße gegeben hätte; er hat ausdrücklich ein ſolches Verſprechen abgelehnt.““
„Aber die Juden müſſen verbrannt werden! Herr Stadtſchreiber, Ihr ſeid mir ſtets ein treuer, ergebener Freund geweſen, und ich habe Euch Manches nachgeſehen . . . .“
„„Manus manum lavat, eine Hand wäſcht die andere.“““
„Ich will Euch ins Vertrauen ziehen; ich habe gewichtige Gründe, dafür zu ſorgen, daß die Juden nicht freikommen.“
„„Sollte Herr Heinrich . . . .?“““ „Ihr habt's gerathen.“
„„Geſtrenger Herr — noch weiß Niemand, außer uns, daß der lange Dietrich widerrufen will. Beeilen wir uns, die Juden der Tortur zu unterwerfen. Haben wir ihr eigenes Geſtändniß, ſo kann ihnen der Widerruf des Anklägers nicht mehr nützen.““
„O, Ihr ſeid ein kluger, geſcheidter Mann! Ich bitte Euch, beſtellet den Henker.“
120Der Stadtſchreiber ging; bald darauf kamen die Rathsherren zu der anberaumten Sitzung. Der Bürgermeiſter theilte ihnen mit, daß man ſofort zum peinlichen Verhöre der angeklagten drei Juden ſchreiten wolle. Die Rathsherren hatten nichts dagegen einzuwenden, und alle begaben ſich in das Gemach, das für die Tortur hergerichtet war. Bald darauf erſchien der Stadtſchreiber mit dem Henker, der ſeine Peinigungswerkzeuge mitgebracht hatte.
Zuerſt wurde Raphael von Dambach hereingeführt. Die Anklage wurde verleſen und die Ausſage, welche der lange Dietrich zu Protocoll gegeben hatte.
„Was haſt Du darauf zu erwidern?“ fragte der Bürgermeiſter den Angeklagten.“
„„Es iſt Lüge und Verleumdung“, rief der Jude. „Niemals habe ich einen ſolchen Auftrag gegeben, niemals habe ich ein Sacrament verlangt. Was ſollte ich auch damit? Möge man mir den langen Dieterich gegenüberſtellen; er wird nicht den Muth haben, ſeine abſcheulichen Lügen mir ins Geſicht zu ſagen.““
„Man wird Dich ſchon zum Geſtändniß der Wahrheit bringen. Brückmann, lege ihm die Daumſchrauben an!“
Der Henker packte den Juden.
„Halt!“ rief da der älteſte Rathsherr, Herr Friedrich Bergmann, „ich meine, es ſei Rechtens, vor dem peinlichen Verhör den Ankläger mit dem Angeklagten zu confrontiren.“
„Ich bin nicht dieſer Meinung“, ſagte der Bürgermeiſter.
„Wollten Eure Geſtrengen nicht Dero Gründe angeben?“ fragte der Rathsherr.
„Es handelt ſich hier um ein Sacrilegium 121der ſchlimmſten Sorte; da ſind die gewöhnlichen Normen nicht maßgebend.“
„Wenn aber“, fragte der älteſte Rathsherr, „der Ankläger ſeine Denunciation zurücknehmen möchte, ſo hat ein Sacrilegium gar nicht ſtattgefunden.“
„Stimmen wir ab“, entſchied der Bürgermeiſter.
Die meiſten Rathsherren, ſeit vielen Jahren gewohnt, dem Bürgermeiſter blindlings zu folgen, gaben ihre Stimmen dahin ab, daß in dieſem Falle von einer Confrontation abzuſehen ſei.
Als der Henker den Angeklagten auf's Neue ergriff, ſagte dieſer mit lauter Stimme:
„Gott, mein Herr, gib mir Kraft und Muth, die Leiden, die Du über mich verhängſt mit Geduld und Demuth zu ertragen, damit ich meinen Mund nicht mit einer Lüge beflecke.“
Er ſprach kein Wort mehr; bei den ſchrecklichſten Schmerzen kam kein Wehelaut über ſeine Lippen. Auf all die Fragen ſeiner Peiniger gab er keine Antwort.
Nachher wurde Michael von Reichshofen hereingeführt; auch er ertrug Alles mit der größten Standhaftigkeit.
Als auch Raphael von Oberehnheim mit demſelben Heldenmuthe die gräßlichen Qualen ertrug, ſprach Herr Friedrich Bergheim:
„Gott ſchützt die Unſchuld und kräftigt ſie.“
Der Bürgermeiſter ſah ihn mit einem grimmigen Blicke an.
„Schreiten wir zum peinlichen Verhöre zweiten Grades!“ ſagte er.
„Ich proteſtire!“ rief Herr Friedrich; „es iſt nicht Rechtens, das peinliche Verhör zweiten Grades an demſelben Tage vorzunehmen, an welchem . . . .“
122„Stimmen wir ab“, unterbrach ihn der Bürgermeiſter.
Da wurde die Thüre aufgeriſſen, und Rabbi Joſelmann ſtürzte herein.
„Ihr wagt es!“ ſchrie ihn der Bürgermeiſter an.
„Geſtrenger Herr Bürgermeiſter und Ihr, meine gnädigen Herren vom Rathe,“ ſprach Rabbi Joſelmann, „Ihr wollet mir verzeihen, daß ich hier eindringe; ich bin ein Beamter Seiner Majeſtät des Kaiſers, und habe mit dem Herrn Bürgermeiſter ein geheimes, wichtiges Wort zu reden, das keinen Aufſchub duldet.“
Der Bürgermeiſter erhob ſich und ging in ein anſtoßendes Gemach. Rabbi Joſelmann folgte ihm und ſchloß hinter ſich die Thüre.
I. Theil · Kapitel 24 · S. 122–127
XXV.
Der Bürgermeiſter ſetzte ſich in einen Lehnſeſſel und lud mit einer Handbewegung Rabbi Joſelmann ein, auf einem Stuhle, ihm gegenüber, Platz zu nehmen.
„Ihr habt einen ſpeciellen kaiſerlichen Auftrag an mich?“
„„Einen ſpeciellen Auftrag, Eure Geſtrengen, habe ich nicht; allein . . . .“““
„Und Ihr wagt es, Jude, in unſer Gerichtszimmer einzudringen, unſre Gerichtsſitzung zu ſtören! He, das ſollt Ihr büßen, Jude! Ich werde Euch in den Kerker werfen, ich werde Euch an Händen und Füßen feſſeln laſſen!“
„„Spart Eure Worte, geſtrenger Herr Bürgermeiſter, ich werde mich nicht einſchüchtern laſſen. Ich habe vor dem Kurfürſten von Mainz, dem erſten Fürſten des deutſchen Reichs, geſtanden, und habe nicht gezittert, und Seine Kurfürſtliche Gna123den ſind mir gewogen und wohlgeneigt; ich habe vor des Kaiſers Majeſtät geſtanden und mich geſonnt in der Sonne der Kaiſerlichen Gnade, ich habe mit den hohen Kaiſerlichen Räthen, mit den Fürſten und Regierern des Reiches geſprochen, wie wenn ſie Meinesgleichen wären; der Hofkanzler Graf Cyprian Sernteiner von Nordheim, hat mir die Hand gedrückt und mich beglückwünſcht, und Ihr meint, ich werde mich einſchüchtern laſſen von einem Bürgermeiſter von Ober-Ehenheim!“
Rabbi Joſelmann hatte die beiden letzten Worte mit verächtlicher Betonung geſprochen.
„Jude“, ſchrie der Bürgermeiſter, „was wagt Ihr? Hier bin ich Herr und Fürſt, hier richte ich an Kaiſers Statt . . . .“
„„Und hier redet und bringet Ihr Euch um Euren Hals — um Euren Hals, geſtrenger Herr Bürgermeiſter!““
„Jude!“
„„Jawohl Jude, ein verachteter, gequälter, gepeinigter, verfolgter Jude! Aber dieſer verachtete Jude wird Gerechtigkeit fordern wider Euch, der Ihr im Begriffe ſteht wider alles Recht drei unſchuldige Menſchen zu morden, der Ihr gegen menſchliches und göttliches Recht drei unſchuldige Menſchen habet martern laſſen!““
„Was wagt Ihr . . .!“
„„Laſſet mich ausreden, geſtrenger Herr Bürgermeiſter. Der lange Dietrich will ſeine falſche Anklage widerrufen; er macht dem Stadtſchreiber davon Mittheilung, und dieſer meldets Euch. Statt aber den langen Dietrich ſofort zum Verhöre zu citiren, laſſet Ihr die armen, unſchuldigen, fälſchlich angeklagten Juden peinlich verhören, um noch raſch ein Geſtändniß zu erpreſſen! Ja, Ihr wäret im Stande, zu dieſem Zwecke die Tortur zweiten Grades über die Unglücklichen zu 124verhängen! Herr Bürgermeiſter! Ihr ſagt, Ihr ſtändet hier an des Kaiſers Statt — ich ſage, der Richter ſteht an Gottes Statt, denn das Gericht iſt Gottes. Ich ſage Euch, die Qualen und Schmerzen dieſer Unglücklichen ſchreien empor zu Gott wider Euch. Noch gibt es Gerechtigkeit in deutſchen Landen. Wagt es nicht, weiter zu gehen. Das Richtſchwert des Henkers iſt ſcharf genug, um den Kopf eines Bürgermeiſters von Obern-Ehenheim vom Rumpfe zu trennen!““
„Ihr ſeid ein frecher Menſch, Jude! Eine ſolche Sprache mit mir zu führen!“
„„Freut Euch, daß ich alſo mit Euch rede und Euch von einem ſchrecklichen Verbrechen zurückhalte.““
„Wer kann mir etwas beweiſen?“
„„Ob wohl der Stadtſchreiber im peinlichen Verhör ſo ſtandhaft ſein wird, wie dieſe drei Juden?““
„Wer wird es wagen, gegen mich die Anklage zu erheben?“
„„Das werde ich thun, Herr Bürgermeiſter von Ober-Ehenheim.““
„Ich werde Euch unſchädlich machen.“
„„Das werdet Ihr bleiben laſſen. Ihr könnt wohl Raphael von Dambach und Michael von Reichshofen morden laſſen und glauben, daß Ihr der menſchlichen Gerechtigkeit entgehet — aber an mir werdet Ihr Euch nicht ungeſtraft vergreifen, und eine Gewaltthat gegen mich verübt, würde einen Aufruhr erregen in ganz Deutſchland, und die Kunde davon würde gelangen bis an des Kaiſers Thron und würde nicht ungeſtraft bleiben.““
Der Bürgermeiſter ſtützte den Kopf mit beiden Händen und brütete vor ſich hin. Nach einer Pauſe ſagte er:
125„Thut, was Ihr wollt und könnt — die Juden müſſen ſterben.“
Erſtaunt blickte Rabbi Joſelmann den Bürgermeiſter an, als dieſer ſo kalt und reſignirt die furchtbaren Worte ſprach. Da durchleuchtete ihn ein Gedanke, plötzlich, wie ein Blitzſtrahl, gleich einer Inſpiration. Er erhob ſich und trat auf den Bürgermeiſter zu.
„„Herr““, ſagte er, „„Ihr habt einen beſonderen Grund, den Tod eines der Juden zu wünſchen. — Euer Sohn Heinrich . . . .“““
„Ha, Ihr wißt?“
„„Nein, ich weiß nichts, ich vermuthe nur. Euer einziger Sohn, dem Ihr ein zu nachgiebiger Vater ſeid, hat Schulden gemacht, die Ihr nicht mehr zahlen könnt; und wenn Euer Sohn in den Schuldthurm kommt, ſo könnt Ihr nicht Bürgermeiſter bleiben! Herr, ſeid offen gegen mich. Vielleicht kann ich Euch helfen.“
„Er ſchuldet tauſend Gulden dem Juden Raphael, Lehmanns Sohn.“
„„So zahlet fünfhundert, und ich will die Garantie übernehmen, daß Raphal auf die andere Hälfte verzichtet.““
„Nicht einen Gulden kann ich zahlen; der böſe, wilde, leichtſinnige Bube hat mich bereits um all das Meinige gebracht; o, hätte des Kaiſers Majeſtät mir willfahret und mir geſtattet, vor drei Jahren ſchon die Juden auszutreiben — mir wäre all der Jammer erſpart geblieben!“
„„Ich kenne Raphaels Vermögen; wenn er die tauſend Gulden nicht erhält, ſo iſt er ein Bettler.““
„Deßhalb muß er ſterben, er und ſeine Genoſſen.“
„„Und Ihr, Herr Bürgermeiſter, ſeid ein 126Mörder, ein dreifacher Mörder, und Euer Haupt wird fallen durch das Schwert des Henkers.“““
„„Lieber will ich eines ſchimpflichen Todes ſterben als mit Schimpf und Schande von Haus und Hof, von Amt und Würden verjagt zu werden.“
„„Und fürchtet Ihr Euch nicht vor dem allmächtigen Richter?“““
„Lieber die ewige Höllenpein als die Schmach und die Schande vor meinen bisherigen Unterthanen!“
„„Und wenn ich Euch garantire, daß Raphael ſeine Forderung nicht geltend mache, daß Ihr die Hälfte erlaſſen bekommt und die andere Hälfte zahlen könnt in kleinen Raten, wie es Euch bequem iſt?“““
„Kennt Ihr dieſen Raphael von Oberehnheim?“
„„Nur wenig, nur ſo vom Sehen und Hören.“““
„Dann ſeid vorſichtig mit Eurer Garantie. Er iſt ein hartgeſottener Wucherer; ſein Geld iſt ihm lieber als Alles. Laßt ihn ſterben, er verdient's nicht beſſer, die zwei anderen mögen entfliehen; der Kerkermeiſter wird ſie laufen laſſen.“
„„Nein, Herr Bürgermeiſter, und abermal nein! Die Juden müſſen freigeſprochen werden, alle drei. Die Anklage der Hoſtienſchändung darf an keinem Juden haften bleiben.“““
„Auch hierin will ich Euch zu Willen ſein; mögen ſie freigeſprochen werden; zuvor aber werde ich den Raphael von Obernehenheim, und ihn allein, derart foltern laſſen, daß er ſeinen Wunden erliegt. Er hat auch mich genug Qualen ſchon erdulden laſſen.“
„„Da ſei Gott vor — ich kann das nicht dulden.“““
127„So wiederhole ich, was ich geſagt habe; ſo müſſen die Juden ſterben. Ihr aber thut, was Ihr wollt und könnt.“
„„Gewährt wenigſtens Aufſchub, Herr Bürgermeiſter; laßt mich mit dem Gläubiger Eures Sohnes ſprechen. Ich verſpreche Euch, ich ſchwöre Euch, die Angelegenheit Eures Sohnes ſoll ſo geordnet werden, daß Euch nicht Schimpf, nicht Schande erwachſe. Gebet Befehl, daß Raphael von Obernehnheim in eine beſondere Zelle geführt werde, wo ich ihn allein ſprechen kann.“““
„Sei es denn alſo“, ſagte der Bürgermeiſter ſeufzend.
I. Theil · Kapitel 25 · S. 127–133
XXV.
Als der Bürgermeiſter ſeine Unterredung mit Rabbi Joſelmann beendet hatte, war die Gerichtsſitzung von ihm aufgehoben worden. Die Angeklagten wurden abgeführt, Raphael von Obern=Ehnheim in ein beſonderes Gelaß. Hier beſuchte ihn Rabbi Joſelmann.
Der Unglückliche lag auf dem Stroh in einem Zuſtande ſchrecklicher Erſchöpfung. Die Willenskraft, die ihn aufrecht gehalten hatte, die furchtbaren Qualen der Tortur ohne einen Schmerzenslaut zu ertragen, hatte ihn nunmehr verlaſſen. Als er Rabbi Joſelmann erblickte, rief er:
„„Ach, was habe ich Unrechtes gethan, daß mich Gott ſo furchtbar leiden läßt!““
„Ihr habt das ſchon einmal geſagt, mein Freund,“ entgegnete der Beſucher, „und ich habe es Euch bereits einmal verwieſen. Wenn Ihr über Euer Thun und Laſſen nachdenkt, ſo werdet Ihr ſchon Gründe finden, warum der Allgerechte Euch dieſe Leiden zuſendet.“
128„„Ich habe aber ſchon nachgedacht und nichts gefunden.“““
„Unſre Weiſen ſagen: Wem etwas Unangenehmes ſich ereignet, der ſoll ſeine Thaten überdenken, damit er ſeine Fehler erkenne und ſie unterlaſſe. Hat er aber überdacht und nichts gefunden, ſo ſoll er ſich überzeugt halten, daß er nicht genug von Gottes heiliger Lehre weiß, um ſeine eigenen Thaten richtig beurtheilen zu können. In dieſem Falle befindet Ihr Euch, Raphael. Ihr habt nicht genug „gelernt“. Ich will Eurem Gedächtniſſe und Eurem Urtheile zu Hilfe kommen. Erinnert Ihr Euch noch des kleinen Leſer von Mittel-Bergheim?“
Raphael ſchwieg.
„Er war, als die Juden aus Mittel-Bergheim vertrieben wurden, mit Weib und Kindern nach Obern-Ehenheim gekommen. Die Rathsherren waren ihm gewogen und wollten ihm geſtatten, hier zu bleiben. Es war am Erew Jom Kippur, da der Unglückliche hier ankam. Ihr erfuhrt davon am heiligen Verſöhnungstage, während des „Laienens“1Vorleſung aus der Thora.. Da verließet Ihr die Synagoge und liefet zum Bürgermeiſter; denn Ihr fürchtetet, daß der kleine Leſer von Mittel-Bergheim Euch Concurrenz machen würde. Am Tage nach Jom Kippur führte der Stadtknecht ihn, ſeine Frau und ſeine drei kleinen Kinder zum Thore hinaus. Das kleinſte Kind war krank und ſtarb auf der Landſtraße.“
„„O Gott!“““
„„Faſſet Muth, Raphael! Ich bin nicht gekommen zu Euren Schmerzen noch neue hinzuzufügen; ich will Euch vielmehr die frohe Botſchaft 129bringen, daß der lange Dietrich ſein falſches Zeugniß widerrufen wird.“
„„So werden wir freikommen?“““
„Das hängt von Euch ab.“
„„Von mir?“““
„Des Bürgermeiſters Sohn, Junker Heinrich, ſchuldet Euch tauſend Gulden. Wenn Ihr dem Bürgermeiſter die Schuldſcheine gebt und auf die Bezahlung verzichtet . . . .“
„„Dann bin ich ein Bettler! Nein, lieber will ich ſterben.“““
„Wie wahr ſind doch die Worte unſrer Weiſen! Es heißt in der heiligen Schrift: Und du ſollſt lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele — ſogar wenn Er die Seele nimmt — und mit allem Deinem Vermögen. Und nun fragen die Weiſen: Wozu braucht das Letztere geſagt zu werden? Wenn Jemand bereit iſt, ſein Leben für Gott hinzugeben, ſo wird er noch viel eher bereit ſein, ſein Vermögen zu opfern! Allein — ſagen ſie — es gibt Menſchen, denen ihr Geld lieber iſt als ihr Leben. — Es ſcheint, Ihr gehört zu dieſen Menſchen, Raphael!“
„„Und habe ich nicht Recht, Rabbi Joſelmann? Was ſoll der Jude anfangen, wenn er kein Geld hat? Womit ſoll ich mein Brod verdienen für mich und meine Kinder, wenn ich nichts habe, um es auf Zinſen auszuleihen? Welcher Erwerb iſt dem Juden denn geſtattet außer dem Hauſirhandel und dem Geldausleihen? Zum Hauſiren bin ich zu ſchwach; ich kann nicht ins Gebirg wandern mit einem ſchweren Packen, kann nicht mit der ſchweren Laſt emporſteigen, um die entlegenen Bauerngehöfte aufzuſuchen, hier ein Band, dort eine Schürze zu verkaufen; ich habe es nicht gekonnt, da ich noch geſund war; jetzt, 130da die Folter mir die Gliedmaßen zerquetſcht hat, kann ich's gewiß nicht. Was ſoll ich alſo beginnen, wenn ich mein Geld verliere? Soll ich betteln gehen mit Weib und Kindern? Nein, lieber ſterben!“““
„Und habt Ihr kein Vertrauen zu Gott, dem Allmächtigen, dem tauſend und aber tauſend Mittel zu Gebote ſtehen, zu helfen mit viel oder mit wenig? Hört, Raphael, der Bürgermeiſter weigert ſich, den Widerruf des langen Dieterich zu acceptiren; er will, daß Ihr den Scheiterhaufen beſteigt — dann braucht er Euch nichts zu bezahlen. Ihr ſeht, Euer Geld iſt dann doch verloren, nicht allein Euch, ſondern auch Euren Kindern. Ihr opfert dann unnütz Euer Leben und das Eurer Mitgefangenen. Und wer weiß, ob ſich nicht eine allgemeine Judenverfolgung im ganzen Elſaß daraus entwickelt? Alſo, willigt ein! Gebt die Schuldverſchreibungen heraus!“
„„Ich kann's nicht, ich thu's nicht; mag daraus werden, was da will!“““
„Ich will Euch einen andern Vorſchlag machen: Ihr verzichtet auf die Hälfte und die andern fünfhundert Gulden zahlt Euch der Bürgermeiſter in fünf Jahren, jedes Jahr einhundert Gulden.“
„„Die Hälfte will ich erlaſſen; aber die andern fünfhundert Gulden muß ich gleich haben; denn ich muß doch Geld haben, um wieder Geſchäfte machen zu können.“““
„Der Bürgermeiſter kann im Augenblicke gar nichts zahlen.“
„„So will ich lieber ſterben. Dann hat die Qual auf einmal ein Ende; mein Tod ſühnt alle meine Vergehen, und ich gehe ſofort ein in das ewige Leben; dann flehe ich an Gottes Thron, 131daß Er meine Frau und Kinder nicht verlaſſe, und dann iſt Alles gut.“““
„Ich muß Euch widerſprechen, Raphael. Wenn Ihr die Schuld auf Euch ladet, den Tod Eurer Mitgefangenen und die ſonſtigen ſchrecklichen Dinge, die ſich wahrſcheinlich in Folge Eurer Hinrichtung ereignen werden, verurſacht zu haben, ſo geht Ihr nicht ein zum ewigen Leben, ſondern zu den Qualen der Hölle; darum rathe ich Euch: Wählet das Leben für dieſe und für jene Welt und nehmet meinen Vorſchlag an.“
„„Um mit Weib und Kindern betteln zu gehen?“““
„Iſt denn das etwas ſo Schreckliches, daß Ihr eher dieſes und jenes Leben opferſt?“
„„Iſt es etwa nicht ſchrecklich?“““
„Hört, Raphael, Gott iſt weiſe und gerecht. Was ſein Rathſchluß über uns Menſchen verhängt, iſt immer gut. Ich will Euch eine Geſchichte erzählen. Habt Ihr ſchon gehört von Rabbi Jehudah ha Chaſſid?“
„„Gewiß.“““
„Der Vater deſſelben hieß Rabbi Samuel ha Chaſſid; er war Rabbiner in Regensburg. Da war ein Geruſch2Judenvertreibung., Rabbi Samuel verlor all das Seinige und mußte als Bettler im Lande umherziehen. Er kam nach Cöln; zwei dortige Baale Battim3Familienväter. machten eine Collecte für den Frommen. Ueberall erhielten ſie reichlich; ein begüterter Mann aber gab zankend und keifend drei Heller, welche die Collectirenden liegen ließen. Als ſie das Reſultat ihrer Sammlung ablieferten, erzählten ſie auch von den drei Hellern, die ſie zurückgewieſen hatten. Da ſagte der Fromme: Meine 132lieben Freunde, da Gott einmal über Samuel verhängt hat, daß er das bittere Brod der Almoſen eſſen ſoll, ſo kann er auch nicht auf die drei Heller verzichten, die vielleicht Jenem bei Gott als Verdienſt angerechnet werden.“ Die Männer gingen zum zweiten Male zu dem Geizhalſe, der ſie mit Schimpfworten empfing. Als er aber vernahm, wie gottergeben der Fromme ſich geäußert, da überkam ihm die Reue; er bat den frommen Rabbi Samuel um Verzeihung und verſorgte ihn mit Allem, was er brauchte. — Und ich erkläre aus dieſer Geſchichte heraus einen Vers der heiligen Schrift. Es heißt in den Pſalmen: „Ich bin jung geweſen und bin alt geworden und habe nicht geſehen einen Frommen verlaſſen und ſeine Nachkommen Brod ſuchen.“ Dem ſcheint die Erfahrung zu widerſprechen. Deßhalb muß man es anders erklären: Weſaraw mewakeſch lochem, heißt nicht „und ſeine Nachkommen“, ſondern es heißt: „ſogar wenn ſeine Nachkommen ihr Brod an den Thüren ſuchen müſſen. Selbſt dann iſt der Fromme nicht verlaſſen, wenn er ſehen muß, wie ſeine Kinder ihr Brod an den Thüren erbetteln müſſen, denn er iſt ergeben in Gottes Rathſchlüſſe und bei Allem, was ihn betrifft, ſpricht er: Siehe, es kommt aus meines Vaters Hand, es iſt zu meinem Beſten, zu meinem Heile!
„„Ihr ſeid ein heiliger Mann, Rabbi Joſelmann! Gott ſegne Euch! Ich werde die Schuldbriefe herausgeben. Laßt ſie Euch geben von meinem Weibe und händigt ſie dem Bürgermeiſter aus. Macht mit ihm ab, wie es Euch gutdünkt.“““
„Gott ſegne auch Euch; ich werde ſuchen, Euch ſoviel als möglich zu retten. Und ſollte der Bürgermeiſter für jetzt nichts geben können, ſo werde ich mit einigen Freunden ein kleines Capital zuſammenſchießen, und es Euch, natürlich ohne 133Zinſen, borgen, damit Ihr Eure Geſchäfte aufs Neue beginnt.“
I. Theil · Kapitel 26 · S. 133–137
XXVI.
Rabbi Joſelmann eilte zum Bürgermeiſter.
„Herr Bürgermeiſter“, redete er dieſen an, „was ich geſprochen, ich habe es ausgeführt. Der Jude Raphael iſt bereit, Euch die Schuldſcheine des Junker Heinrich auszuliefern. Dagegen gebt Ihr ihm einen neuen Schuldſchein auf nur 500 Gulden lautend, in fünf jährlichen Raten zu einhundert Gulden zu zahlen. Und nun bitte ich Euch, beraumt eine Sitzung an und laßt den langen Dieterich von Keſtenholz vorführen, damit er ſein fälſchlich Zeugniß widerrufe.“
„„Und wenn die Juden freigelaſſen ſind — wer bürgt mir dafür, daß Raphael nicht dennoch die ganze Forderung geltend macht?“““
„Wenn das geſchieht, ſo verpflichte ich mich die ganze Summe ſofort aus meinen Mitteln zu bezahlen.“
„„Wollt Ihr mir das ſchriftlich geben?“““ „Ich bin dazu bereit.“
Der Bürgermeiſter ſetzte eine Schrift auf, die Rabbi Joſelmann unterſchrieb. Dann ließ Herr Jakob Brand den Stadtknecht herbeirufen und befahl ihm, die Herren vom Rath auf das Rathhaus zu beſcheiden.
Als Rabbi Joſelmann in ſeine Wohnung zurückkehrte, wartete ſein eine große, freudige Ueberraſchung. Sarah, ſein Weib, war mit den Kindern von Rosheim angekommen.
„„Du böſer Mann““, ſagte ſie, „„wenn Du nicht zu uns kömmſt, ſo müſſen wir wohl zu Dir kommen! Haſt Du denn gar keine Sehnſucht nach 134Weib und Kindern? Seit nach Peßach biſt Du nun fort.“
„Gott weiß es, herzgeliebtes Weib, wie ſehr ich mich nach Euch geſehnt habe; allein, was ſollte ich thun? Da mir Gott die Gnade und die Befähigung gegeben, für meine Brüder thätig zu ſein, ſo müſſen meine eigenen Angelegenheiten denen der Allgemeinheit nachſtehen.“
Dann umarmte er das treue Weib und küßte die Kinder und freute ſich ihres Wachsthums und prüfte die Knaben, ob ſie Fortſchritte gemacht in der Kenntniß der ſchriftlichen und der mündlichen Lehre. Und die Prüfung fiel ſehr gut aus. Jakob, der älteſte, wiewohl noch nicht dreizehn Jahre, war ſchon ein „rechter Lamdon“, Moſcheh, der elfjährige konnte ſchon „ein Blatt Gemora laienen“ mit Raſchi und Thoßaphot; mit freudigem Stolze holte der neunjährige Bezalel ſeine Bezoh-Gemoro herbei, die ihm die Mutter — nebſt dem Raſchi=Commentar — mit eigener Hand auf Pergament geſchrieben, und zeigte, was er gelernt hatte; Chawa, das fünfjährige Töchterchen, wußte alle Segensſprüche auswendig herzuſagen, ſogar das Tiſchgebet und das Nachtgebet, und ſelbſt Gerſon der jüngſte, der noch nicht drei Jahre zählte, ſagte den erſten Abſchnitt des „Schema“ dem entzückten Vater her.
Als nun die Prüfung zu Ende war, da umarmte Rabbi Joſelmann ſeine Gattin und ſprach:
„Wahrlich, ich darf mich getroſt mit den allgemeinen Angelegenheiten beſchäftigen; für die Erziehung meiner Kinder ſorgt mein braves Weib. Wie Recht hat doch der weiſe König, da er ſagt: Ein biederes Weib, wer findet es? Seltner als Perlen iſt ihr Erwerb.“
Und dann erzählte er ſeinem entzückt aufhorchenden Weibe von all den Erfolgen, die er 135errungen, von all den Ehren, die ihm zu Theil geworden und von den glänzenden Ausſichten, die ihm in Worms für ſeinen älteſten Sohn Jakob waren gemacht worden.
„Und nun“, ſchloß er ſeine Erzählung, „hat auch hier der allgütige Gott mein Bemühen geſegnet; die armen Eingekerkerten werden wahrſcheinlich noch heute freigelaſſen werden.“
„„So könnten wir““, ſprach Sarah, „„gleich heute nach Rosheim zurückkehren und Du mit uns.“““
„Nein, das können wir nicht; ich habe hier noch Manches für jene Armen zu ordnen. Auch habe ich hier einige Geſchäfte gemacht, die noch nicht abgewickelt ſind, und der Roſch Haſchonoh iſt vor der Thüre. Die Kehilloh hat mir das ganze Haus hier eingeräumt; wir haben Alle Platz darin; was uns ſonſt noch fehlt, wird man uns gern leihen. So wollen wir denn für's Erſte hier bleiben und das Feſt in Ober-Ehnheim feiern.“
Unterdeß hatte in der Rathsſitzung Dietrich von Keſtenholz ein offenes Geſtändniß abgelegt und ſeine falſche Anklage, voll und ganz, zurückgenommen. Er wurde verurtheilt, mit Kolbenſchlägen getödtet und dann aufs Rad geflochten zu werden, die gefangenen Juden aber wurden ſofort in Freiheit geſetzt. Raphael von Ober-Ehnheim gab die Schuldſcheine des Junker Heinrich heraus und erhielt dafür einen neuen vom Bürgermeiſter, auf die Hälfte lautenden, in fünf jährlichen Raten zu bezahlen.
Der Widerruf des langen Dietrich und die Freilaſſung der der Hoſtienſchändung fälſchlich angeklagten Juden erregten weit und breit ungeheures Aufſehen. Seit Menſchengedenken war ſo etwas nicht vorgekommen. Eine ſolche Beſchuldigung hatte ſonſt immer mit der Hinrichtung der Be136ſchuldigten und mit einer allgemeinen Judenverfolgung geendet. Daß diesmal die Unſchuld der Juden an den Tag gekommen, war lediglich Rabbi Joſelmanns Verdienſt, welcher dem verſtockten Dietrich ſo zu Herzen geſprochen. Das chriſtliche Volk begann, zum erſten Male ſeit Jahrhunderten, einzuſehen, daß den Juden vielfach Unrecht geſchehe, daß Lug und Verleumdung gegen ſie nur allzuwilliges Ohr finden. Sicherlich waren auch früher alle derartige Beſchuldigungen falſch geweſen — es war nur kein Joſelin von Rosheim da, der die Wahrheit an das Licht gebracht hätte. Um ſo mehr brachte man dieſem die größte Verehrung entgegen, nicht nur von Seiten ſeiner Glaubensgenoſſen, ſondern auch von Seiten der Nichtjuden.
„Ja“, ſagten die Juden, „Rabbi Joſelmann iſt ein großer Kabbaliſt, der bringt fertig, was kein Anderer kann.“
Und die Nichtjuden ließen ſich dann erklären, was ein Kabbaliſt ſei. So kam Rabbi Joſelmann in den Ruf eines heiligen, mit übernatürlichen Kräften ausgerüſteten Mannes. Alles drängte ſich herbei, ihn zu ſehen, mit ihm Geſchäfte zu machen. Das Geldwechſelcomptoir, das er in Ober-Ehnheim eingerichtet hatte, wurde von Morgens bis Abends nicht leer; denn jeder vermeinte, beſonderes Glück mit den Münzen zu haben, die durch Joſelins Hände gegangen waren. Einer aber theilte die allgemeine Begeiſterung für Joſelin von Rosheim nicht, und dieſer Eine war Herr Jakob Brand, der regierende Bürgermeiſter von Ober-Ehnheim. Der Jude Joſelin hatte ſeine Pläne durchkreuzt, war ſeinem Zorne mit Hohn entgegengetreten, hatte noch überdies verſchuldet, daß der Herr Bürgermeiſter Tag und Nacht ſorgen und ſich Entbehrungen auflegen mußte, um alljährlich hundert 137Gulden bezahlen zu können — eine Schuld, von der er ſchon befreit zu ſein gewähnt hatte. Dafür haßte er den Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation mit dem glühendſten Haſſe und erſehnte die Gelegenheit zur Rache herbei. Tauſend Rachepläne durchzogen ſeinen Kopf; er mußte ſie alle als unausführbar verwerfen. Da kam ihm Hilfe und Beiſtand zur Ausführung ſeiner ſchändlichen Rache, ganz unerwartet, ganz ungeahnt.
I. Theil · Kapitel 27 · S. 137–141
XXVII.
Die Geiſtlichkeit, und namentlich die Dominicaner-Mönche, zu allen Zeiten und an allen Orten die grimmigſten Feinde der Juden, ſahen es ſehr ungern, daß ein Jude bei der chriſtlichen Bevölkerung ſo hoch in Anſehen ſtand. Schon war in der Dominicaner-Kirche, doch ohne Erfolg, dagegen gepredigt worden. In ſeiner Zelle ſaß Pater Valentinus, der Prior der Dominicaner, und ſann darüber nach, was er wohl gegen dieſen Juden, der vielleicht gar in den Geruch der Heiligkeit kommen könne, zu unternehmen vermöchte. Da öffnete ſich die Thüre, und ein kleiner, häßlicher Mann mit rothen Haaren trat herein.
„Ehrwürdiger Vater“, ſagte er, dem Prior die Hand küſſend, „der hochwürdigſte Herr Arnold von Tongern in Cöln entbietet Euch durch mich ſeine reſpectvollen Grüße.“
„„Ihr ſeid . . . ?“““
„Euer Hochwürden unterthänigſter Knecht Johannes Pfefferkorn.“
„„Ah, Ihr ſeid der berühmte Pfefferkorn, der gelahrte ehemalige Rabbiner, dem in ſo wunderbarer Weiſe die Erleuchtung gekommen und der 138jetzt ſo eifrig arbeitet im Weinberge des Herrn! O, wie freue ich mich, daß Ihr gerade jetzt hierhergekommen ſeid, da ein Jude Namens Joſelin von Rosheim uns hier ſo vielen Verdruß bereitet. Setzt Euch, Bruder Johannes!“““
„Gerade wegen dieſes Juden“, ſagte der Apoſtat, ſich auf den angewieſenen Stuhl niederlaſſend, „bin ich hierhergeſandt worden. Ich war ſchon in Rosheim und erfuhr daſelbſt, daß der Unſelige ſich gegenwärtig hier aufhalte. Dieſer Joſelin iſt es, der meine feinangelegten und mit unſäglicher Mühe zur Ausführung gebrachten Pläne gegen die läſterlichen Bücher der Juden zu Nichte gemacht hat. Wären die Bücher verbrannt worden, ſo hätten die Juden allen Rückhalt verloren; ihr Trotz und ihre Hartnäckigkeit wären allmählich gebrochen worden, und binnen kurzer Zeit wären ſie alle in den Schooß der allein ſelig machenden Kirche geeilt. Jetzt aber hat ihre Hartnäckigkeit nur noch neue Nahrung gewonnen. In dieſem Joſelin ſehen ſie ihren Hort und Beſchützer; daher vermeinen die hochwürdigen Väter vom Orden des heiligen Dominicus zu Cöln, die durch den gottverdammten Sünder Johann Reuchlin um der Juden willen ſo viel zu leiden haben, daß vor Allem in dieſem Joſelin der Kopf der Schlange zertreten werden müſſe, jener Schlange, welche ſchon den Adam verführt und die Erbſünde in die Welt gebracht hat.“
„„Ich bin ganz einverſtanden mit meinen gelahrten Brüdern in Cöln. Aber, wie kann man's anfangen, dem gottloſen Juden beizukommen? Er iſt zum Kaiſerlichen Befehlshaber ernannt. Mit Gewalt iſt nichts gegen ihn auszurichten, und ließe man ihn heimlich aus dem Wege ſchaffen . . .“““
„Nein, hochwürdiger Vater, das geht nicht; das würde zu viel Aufſehen erregen, und man 139könnte gar leicht den Veranſtaltern auf die Spur kommen. Aber ich habe bereits einen Plan fertig. Dieſer Joſelin muß eines gemeinen Verbrechens wegen verhaftet und gehängt werden. Ein ſolcher Schlag würde nicht allein ihn, er würde die ganze Judenheit in ihrem kaiſerlichen Befehlshaber, in ihrem größten Manne, in ihrem angebeteten Heiligen treffen; ein ſolcher Schlag würde auch vernichtend auf das Haupt jenes ſchändlichen Reuchlin und ſeiner Spießgeſellen fallen.“
„„Ihr ſeid zu bewundern, Bruder Johannes! Welch ein köſtlich Juwel hat die heilige Kirche in Euch gewonnen! Und welches iſt Euer Plan?“““
„Ihr wißt, hochwürdigſter Herr, daß in neuſter Zeit die Kipper und Wipper ihr Unweſen treiben, indem ſie die Goldmünzen beſchneiden und abfeilen. Auf dieſes Verbrechen hat des Kaiſers Majeſtät den Tod durch den Strang geſetzt. Gelingt es uns, den Juden Joſelin dieſes Verbrechens zu überführen . . .“
„„Aber wie wollt Ihr das anfangen?“““
„Wenn uns der regierende Herr Bürgermeiſter ſeine Beihilfe gewähren wollte, ſo wäre das ſehr leicht.“
„„Der Herr Bürgermeiſter iſt mein guter Freund und ich hoffe ihn zu Allem beſtimmen zu können, was zum Heile der Kirche nothwendig erſcheint.“““
„Dann dringt man bei Nacht in die Wohnung des Joſelin, durchſucht dieſelbe, confiscirt die vorhandenen Goldſtücke und findet eine Partie Goldſchnitzel, die man vorher in einen beliebigen Winkel geworfen hat. Daraufhin wird der Jude verhaftet und ihm der Proceß gemacht. Das peinliche Verhör thut das Uebrige.“
„„Laßt Euch umarmen, Bruder Johannes! Ihr ſeid ebenſo klug wie eifrig zur Verherrlichung 140der Kirche! Und nun, gehen wir ſofort zum Bürgermeiſter und verſichern uns deſſen Beihilfe.“““
Mit welcher Freude der regierende Bürgermeiſter von Ober-Ehnheim die Gelegenheit ergriff, ſeine Rache an dem verhaßten Juden zu nehmen, braucht nicht erſt geſagt zu werden. Ungeduldig hörte er die ſalbungsvollen Erklärungen des Priors an, der ihm lang und breit auseinanderſetzte, wie verdienſtlich es ſei, den Juden Joſelin aus der Welt zu ſchaffen, und als nun der ſaubere Plan enthüllt wurde, da hatte Herr Jakob Brand Mühe, ſeine Freude zu verbergen.
„Euch, geſtrenger Herr Bürgermeiſter“, ſagte Pfefferkorn, nachdem der Prior ſeine lange Rede beendet hatte, „Euch trifft nicht die geringſte Verantwortlichkeit; dieſe übernimmt, mag die Sache ausfallen wie ſie will, der Orden des heiligen Dominicus. Die heiligen Prediger-Mönche von Cöln werden überdies ſich Eurer Geſtrengen dankbar zu bezeigen wiſſen.“
„Ich bin bereit; entgegnete der Bürgermeiſter, „den Herren zum Willen zu ſein; allein der wohlausgedachte Plan des Herrn Johannes iſt in dieſer Weiſe unausführbar. Die Behörde kann nicht ſo ohne Weiteres in die Häuſer einfallen und Hausſuchung thun ohne Verdacht, ohne vorhergegangene Indicien. Ja, wenn eine Denunciation vorläge, wenn ein beſchnittenes Goldſtück als corpus delicti in unſern Händen wäre, von dem behauptet würde, daß es durch des Juden Joſelin Hände gegangen; und dann müßte der Denunciant ganz unverdächtig ſein; am Beſten wär's, wenn derſelbe ein Jude wäre.“
„Das wird ſchwer halten“, ſagte Pfefferkorn, „dieſe Juden halten zuſammen wie die Kletten.“
„Vielleicht“, fragte der Prior, „ließe ſich 141Euer Schützling und Günſtling, der Herr Stadtſchreiber . . . . .“
„Nein, nein“, unterbrach ihn der Bürgermeiſter, „es darf Niemand vom Magiſtrate ſein; und dann, wenn der Denunciant ein Jude wäre — das würde viel beſſer ſein.“
„Ich kenne“, ſprach der Prior bedächtig, „einen armen Teufel, der vielleicht zu erkaufen wäre; er heißt Pheiwel und läßt ſich für Geld zu Allem gebrauchen.“
„Ah, der triefäugige Pheiwel“, ſagte der Bürgermeiſter, „der Trunkenbold“, dem alle Juden hier feind ſind, weil er den Wein der Bauern nicht verſchmäht! Nun, gut Glück, hochwürdigſter Vater! Für den guten Firnen-Wein im Kloſterkeller iſt der gewiß zu gewinnen. Sobald die Denunciation vor ſich gegangen und ich ein corpus delicti in Händen habe, werde ich zur Hausſuchung ſchreiten“1In ganz ähnlicher Weiſe wurde um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gegen hochangeſehene Israeliten zu Frankfurt a. M. eine falſche Anklage geſchmiedet und zur Ausführung gebracht. Herr Benjamin Niederhofheim zu Frankfurt iſt im Beſitze der Proceß-Acten..
I. Theil · Kapitel 28 · S. 141–146
XXVIII.
In einem verfallenen Häuschen, nicht weit vom Stadtthore, wohnte Pheiwel, den man den Triefäugigen nannte. Wer am erſten der Selichoth-Tage zum Jahre 5271 (1510) dort vorübergegangen wäre, hätte ſchon aus der Ferne die Stimme eines keifenden Weibes gehört.
„Du Lump, Du ſchlechter Kerl, Du Taugenichts!“ Mit dieſen Bezeichnungen der Liebe und Zärtlichkeit redete Krönchen ihren theuren Gatten 142Pheiwel an. „Alle Welt“, ſchrie ſie, „faſtet heute, und Du, elender Menſch, kömmſt halb betrunken nach Hauſe, betrunken von der Bauern trephenen Wein! Die Kinder ſchreien nach Brod, die heiligen Feiertage ſind vor der Thüre! O, wie bin ich doch ſo unglücklich!“
„„Meine Krone, mein Gold, mein Juwel, mein liebes, ſanftes Weibele““, lallte der halbtrunkene Gatte, „„was kann ich dafür, daß ich ſo ſtarken Durſt habe? Und wenn man Durſt hat, muß man trinken, trinken!“““
„Ja, ich will lieb und ſanft ſein, ich will es zum tauſendſten Male verſuchen, Dir zu Herzen zu reden. Sieh', da iſt der große, heilige Mann, der Rabbi Joſelmann von Rosheim hier. Er iſt ein Engel Gottes an Güte, und er hilft Allen, die Hilfe brauchen. Geh zu ihm und bitte ihn, daß er Dir eine Kemea1Amulet. gebe gegen die Trunkſucht. Vielleicht wird noch ein ordentlicher Menſch aus Dir.“
Pheiwel war, bis auf die Trunkſucht, ein folgſamer Ehemann; er ſuchte ſofort Rabbi Joſelmann in deſſen Wohnung auf.
Als der Kaiſerliche Befehlshaber den Halbtrunkenen ſah, blickte er ihn finſter an.
„Schämt Ihr Euch nicht“, ſagte er, „am erſten Selichoß-Tage betrunken! Wohnt denn gar keine Gottesfurcht in Eurem Herzen?“
„„Ebendeßhalb komme ich zu Euch. Ich weiß nicht, unwiderſtehlich plagt mich der Durſt. Es müſſen Schêdim, böſe Geiſter ſein, die ſich an mich heften und mich zum Trinken zwingen! Deßhalb bitte ich Euch, gebt mir eine Kemea gegen den Durſt!“““
143„Ihr ſeid ein Thor, Pheiwel, dagegen gibts keine Kemea. Ihr müßt ein Mann ſein und Eure Leidenſchaft beherrſchen.“
„„Das möchte ich ſchon gern, allein ich kann nicht. Meine Frau und meine Kinder ſchreien nach Brod, während ich betrunken auf der Straße liege.“““
„Es bedarf nur des feſten Willens, des unwiderruflichen Entſchluſſes Eurerſeits.“
„„Aber davon bekommen meine Frau und meine Kinder kein Brod!“““
„Hier habt Ihr fünf Gulden. Kauft Euch Waaren, geht hauſiren und ernährt Eure Frau und Eure Kinder.“
Gierig nahm Pheiwel die fünf Gulden und eilte damit ins Wirthshaus, um aufs Neue zu trinken.
Als Rabbi Joſelmann gegen Abend in die Synagoge ging, ſtieß er auf einen Haufen Kinder, welche den total betrunkenen Pheiwel neckten und mit Koth bewarfen.
In jenen Zeiten hatte jede israelitiſche Gemeinde ihre eigene Jurisdiction und war auch im Beſitze eines eigenen Gefängniſſes, das man Katzel, eine Entſtellung des lateiniſchen Wortes carcer, nannte. Rabbi Joſelmann ließ den Trunkenen ergreifen und in das Gefängniß bringen.
An demſelben Abend erſchien ein Laienbruder aus dem Dominicaner-Kloſter in Pheiwel's Behauſung, um dieſen wegen eines dringenden Geſchäftes zum Prior, Pater Valentinus, zu beſcheiden. Als der Bote dem Prior den Beſcheid brachte, Rabbi Joſelmann habe den Beſtellten in das „Katzel“ bringen laſſen, rieb dieſer ſich vergnügt die Hände.
„Nur zu“, ſagte er, „der Jude ſelbſt arbeitet für meine Pläne.“
144Am andern Tage wurde Pheiwel vor dem jüdiſchen Gerichtshof, beſtehend aus dem Rabbiner und den zwei Rabbinatsaſſeſſoren, geführt. Rabbi Joſelmann trat als Ankläger auf. Er berichtete, daß er dem Angeklagten fünf Gulden geſchenkt, damit er ſich Waaren kaufe, mit dieſen hauſire, um Frau und Kinder zu ernähren; „ſtatt deſſen ſei der leichtſinnige Menſch ins Wirthshaus gelaufen und habe ſich in verbotenem Weine betrunken, und das am erſten Selichoßtage! Da Ermahnungen bei dem Leichtſinnigen nichts fruchten, ſo fordere er deſſen Beſtrafung; vielleicht würde eine Strafe beſſernd wirken.
Der Gerichtshof verurtheilte den Trunkenbold zu 25 Stockſtreichen. Da half kein Bitten, kein Flehen, kein Jammern — die Strafe wurde ſogleich executirt.
Als Pheiwel, weinend und wehklagend, mit zerfetztem Rücken nach Hauſe kam, empfing ihn Krönchen mit den bitterſten Vorwürfen, mit den heftigſten Scheltworten.
„Du ſchändlicher Menſch“, ſchrie ſie, „was muß ich an Dir erleben! Mir ſolche Schande zu machen! Es iſt unerhört.“
„„Und wer iſt Schuld daran als Du?“““ ſchrie er entgegen. „Du haſt mich veranlaßt, dieſen ſcheinheiligen Joſelmann aufzuſuchen! Dieſe Scheinheiligkeit! Gibt mir keine Kemea und läßt mich durchprügeln.“
„O, Du garſtiger Menſch! Du biſt nicht werth, den Namen Rabbi Joſelmanns auszuſprechen! Der fromme Rabbi ermahnt Dich und ſpricht Dir zu Herzen und ſchenkt Dir fünf Gulden, und Du gehſt ſogleich hin und betrinkſt Dich aufs Neue!“
„„Weib, wenn Du nicht ruhig biſt, ſo vergreife ich mich an Dir.“““
145„Das fehlt auch noch, Du Lump, daß Du Deine Frau ſchlägſt!“
„„Warum quälſt Du mich? Habe ich nicht Schmerzen genug? Jetzt gib mir zu eſſen, ich habe Hunger.“““
„Ich habe nichts im Hauſe.“
„„Hier haſt Du Geld!“““
Er warf den Reſt des Geldes, das er von Rabbi Joſelmann erhalten hatte, auf den Tiſch. Die Frau nahm es an ſich und holte Brod, Butter, Käſe und einen Krug Bier.
Als die Familie bei Tiſche ſaß und es ſich gut ſchmecken ließ, ſagte Krönchen:
„Siehſt Du, Pheiwel, es iſt Rabbi Joſelmanns Geld, von dem wir zehren, und Du ſchiltſt ihn!“
„„Verflucht ſei der Scheinheilige! Warum hat er mir keine Kemea gegeben, warum hat er mich durchprügeln laſſen?“““
„Warum haſt Du ſeine Ermahnungen nicht beherzigt, warum haſt Du Dich betrunken wie ein Thier? nicht wie ein Thier, ſchlimmer als ein Thier!“
„„Hörſt Du endlich auf, mich zu quälen!“““
„Nein, ich höre nicht auf. Heute biſt Du einmal nüchtern, da will ich Dir zu Herzen reden! O, Pheiwel, Du könnteſt ein geachteter Mann in der Kehilloh ſein und ich ein angeſehenes Weib, wenn . . . .
„„Ha, ha, ſie haſſen und verachten mich Alle!“““
„Weil Du es verdienſt.“
„„Hör' endlich auf Weib!“““
„Nein, ich höre nicht auf, heute will ich reden.“
„„Wenn Du nicht ſchweigſt, ſo . . . .“““
„So willſt Du mich ſchlagen?“
146„„Noch ganz was Anderes!“““ „So ſag', was Du thun willſt!“ „„Der Prior hat geſtern nach mir geſchickt.“““ „Woher weißt Du?“ „„Ich hörte es, als ich aus dem Katzel kam. Was wird er von mir wollen?“““
„Pheiwel!“ rief Krönchen in tiefſter Seelenangſt, „Du wirſt Dich doch nicht ſchmadden wollen?“
„„Du und die Juden Alle und namentlich dieſer Joſelmann, Ihr könntet mich dazu treiben.“““
Die Thüre ging auf, und der Bote des Priors trat herein.
I. Theil · Kapitel 29 · S. 146–152
XXIX.
Das Unerhörte war geſchehen: Rabbi Joſelmann von Rosheim, der Kaiſerliche Befehlshaber der geſammten Judenheit deutſcher Nation, war, der Wipperei verdächtig, gefänglich eingezogen worden. Einer ſeiner Glaubensgenoſſen, der triefäugige Pheiwel, hatte ihn denuncirt und der Behörde ein beſchnittenes Goldſtück übergeben, das er vom Rabbi Joſelmann empfangen haben wollte, da er bei ihm, im Auftrage des Priors, Gold eingewechſelt hätte. In Folge deſſen war eine nächtliche Hausſuchung angeordnet worden, und man hatte in der Küche, im Holzkorb, Goldſchnitzel gefunden; auch aus der Kaſſe nahm man mehrere Goldſtücke mit, die verdächtig erſchienen.
Die Verhaftung Rabbi Joſelmanns machte ungeheures Aufſehen. Jeder einzelne Jude fühlte die Tragweite dieſes Ereigniſſes. Wenn der Kaiſerliche Befehlshaber der geſammten Judenheit deutſcher Nation, der fromme, gelehrte Rabbi wegen eines gemeinen Verbrechens gehängt würde, 147ſo triumphirten die Judenfeinde auf dem ganzen Erdenrunde, ſo gab das ein Signal zur Verfolgung, Ermordung oder Vertreibung der Juden in ſämmtlichen Ländern der Chriſtenheit.
Die Juden von Ober-Ehenheim, vom Schrekken ob des fürchterlichen Ereigniſſes faſt gelähmt, wußten nicht, was ſie beginnen ſollten. Sie liefen zum Bürgermeiſter und wurden nicht vorgelaſſen, zu den einzelnen Rathsherren, die weder zu helfen noch zu rathen wußten. — Sie ſchickten Deputationen an Rabbi Lippmann Doctor in Mainz, nach Worms, nach Frankfurt am Main. Aber durfte man hoffen, daß dorther Hilfe komme und daß ſie noch rechtzeitig komme? Sie ſchickten eine Botſchaft an den kaiſerlichen Landvogt zu Enſisheim, Herrn Wilhelm von Rappoltſtein; allein dieſer hatte ſich an das kaiſerliche Hoflager begeben, und ſein Sohn und Stellvertreter, Herr Ulrich von Rappoltſtein, erklärte nicht befugt zu ſein, hier einzuſchreiten. Der Einzige, der einzuſchreiten vermochte, war der Kaiſer. Aber wo weilte der Kaiſer gegenwärtig? Die deutſchen Kaiſer hatten zu jener Zeit keine feſten Wohnſitze; ſie zogen im Reiche umher, ſich bald in dieſer, bald in jener Stadt länger aufhaltend, und Zeitungen, welche, wie heutzutage, über die Reiſen hoher Herren berichten, gab es damals noch nicht. — Die entſetzlichſte Verzweiflung bemächtigte ſich der Geängſtigten; da griffen ſie zum alten Handwerk der Väter, ſie beteten zu Gott, und Tag und Nacht wurde die Synagoge von Obern-Ehenheim von Betern nicht leer, die unter Weinen und Wehklagen um Rabbi Joſelmanns Befreiung fleheten. — Dieſer ſelbſt lag in jener dimpfen, dunkeln Zelle, in welcher noch wenige Tage zuvor die drei Juden eingekerkert
148waren, welche Rabbi Joſelmann durch ſein eifriges Mühen befreit hatte.
„Wajehi Joſeph bebôß haſſohor“, ſprach er vor ſich hin, „jetzt iſt Joſeph im Gefängniſſe.“ Jener Joſeph ging einſt aus dem Gefängniſſe hervor, um König zu werden — mich hat man, wiewohl Befehlshaber und Regierer, ins Gefängniß geworfen. Nun, Gottes heiliger Name ſei geprieſen! — Wenn ich nur wenigſtens „lernen“ könnte. Ich darf als Kaiſerlicher Befehlshaber ritterliche Haft beanſpruchen.“
Der Kerkermeiſter trat herein und brachte Brod und Waſſer.
„Mein guter Freund“, redete Rabbi Joſelmann ihn an, „ich werde Euch reichlich belohnen, wenn ich wieder frei komme. Gehet hin zum Bürgermeiſter und ſaget ihm, daß ich als Kaiſerlicher Beamter ritterlich Gefängniß beanſpruche. Es könnte ihn ſchwere Verantwortlichkeit treffen, wenn er es verweigert.“
Der Kerkermeiſter verſprach ſo zu thun.
Als er den Bürgermeiſter aufſuchte, fand er den Prior und Johannes Pfefferkorn bei demſelben.
„Nichts da“, rief der Bürgermeiſter, als er den Wunſch Rabbi Joſelmanns vernahm, „der Jud' bleibt im Loch!“
„Ich möchte doch Euer Geſtrengen gebeten haben“, nahm Pfefferkorn das Wort, „in dieſer Beziehung dem Wunſche des Juden zu willfahren. Eure Geſtrengen beweiſen dadurch die hohe Achtung vor des Kaiſers Majeſtät und vermeiden jeden Anlaß, daß man Euch der Gehäſſigkeit beſchuldige.“
Da auch der Prior dieſer Anſicht war, ſo wurde dem Gefangenen ein freundliches, ſonnenhelles Gemach im Thurme eingeräumt.
149Zu den Vorzügen der ritterlichen Haft gehörte auch die Befugniß, Bücher und Schreibmaterialien zu benützen, Beſuch zu empfangen und ſich mit eigener Koſt zu verköſtigen.
Rabbi Joſelmann ließ ſich vor Allem ſeine geliebten Bücher kommen, um ſich in ſeiner Haft mit dem Studium der Gotteslehre zu beſchäftigen.
Zum Verhöre geführt, ſtellte er natürlich jede Schuld in Abrede. Da befahl der Bürgermeiſter, die Folterwerkzeuge herbeizubringen.
„Ich bin Kaiſerlicher Beamter“, ſagte Rabbi Joſelmann ruhig, „Ihr dürft mich nicht foltern ohne beſondere kaiſerliche Ermächtigung.“
„Der Jude hat Recht“, ſprach der Rathsherr Friedrich Bergheim, „wir müſſen erſt die kaiſerliche Genehmigung einholen.“
Der Bürgermeiſter knirſchte mit den Zähnen; aber er hob die Sitzung auf und ließ den Gefangenen in ſein Thurmgemach zurückführen.
Der Rabbiner von Obern-Ehenheim kam, um Rabbi Joſelmann zu beſuchen.
„Gott ſei geprieſen“, ſagte er, „daß ich Euch ſo ruhig und gefaßt finde.“
„Und ſollte ich es nicht ſein?“ fragte Rabbi Joſelmann. „Iſt nicht Alles, was Gott über uns verhängt, zum Guten? Hört, mein Freund, ich will Euch da eine ſchöne Erklärung geben über eine Stelle im Buche Ijob. Als jener fromme Dulder Alles verloren hatte, als er von ſchmerzlicher Krankheit befallen in ſeiner Frömmigkeit beharrt und ſeine Frau zurechtweiſt, da ſagt er: „Sollen wir das Gute nur annehmen von Gott und das Schlimme nicht annehmen wollen?“ Und die heilige Schrift bezeugt: Bei allem Dieſem ſündigte Ijob nicht mit ſeinen Lippen. Mein Stammvater Raſchi bemerkt dazu: Mit ſeinen Lippen ſündigte er nicht; aber in ſeinem Herzen, 150— Raſchi hat ſchon das Recht, ſo zu erklären; denn, was wollte die heilige Schrift ſonſt damit ſagen, daß ſie hervorhebt: er ſündigte nicht mit ſeinen Lippen. Wo aber finden wir es angedeutet, daß Ijob in ſeinem Herzen geſündigt habe? — Vergleichen wir die vorhergehende Erzählung: Bote kömmt auf Bote, und ſie alle melden Schreckensbotſchaften. Da der arme Dulder Alles verloren, ruft er: der Allbarmherzige hat's gegeben, der Allbarmherzige hat's genommen, der Name des Allbarmherzigen ſei geprieſen. Das heißt: Selbſt dann, wann Gott nimmt, iſt er barmherzig, Midaß Horachamim. Und da bezeugt die heilige Schrift: bei allem Dem hat Ijob nicht geſündigt — gar nicht, nicht im Herzen, nicht mit den Lippen. Später aber, da die Krankheit ſeinen Körper verwüſtet, da fragt Ijob: Sollen wir etwa von Gott nur das Gute, nicht aber das Schlimme annehmen? — Er bezeichnet alſo dasjenige, was von Gott kommt, als gut oder ſchlimm — und damit hat er ſchon in ſeinem Herzen geſündigt, denn der vollkommene Fromme, muß Alles, Alles, was von Gott kommt, als gut, als zu ſeinem Heile geſchehen, betrachten. — O, wie danke ich dem Allgütigen, daß Er mir das hat zukommen laſſen. Schon begann die allgemeine Verehrung, die man mir entgegenbrachte, mich zu verblenden, mich übermüthig zu machen; jetzt hat Gott mir gezeigt, wie wenig ich kann und vermag; denn Ihr wißt ja, ên chowuſch mattir eß azmo mibôß hooßurim, kein Gefangener kann ſich ſelbſt aus dem Gefängniſſe befreien.“
„„Gott ſegne Euch;“ ſagte der Rabbi gerührt, „der Allbarmherzige wird Euch kein Haar krümmen laſſen.“““
„Ich habe eine Bitte an Euch, Rabbi! Laßt 151eine Thora-Rolle hierherbringen, ich möchte während der hohen Feſttage hier Minjan machen.“
„„Hier im Gefängniſſe? Und das ſagt Ihr, der Ihr ſtets und immer nach dem Mordechai zu entſcheiden pflegt?“““1Rabbenu Mordechai, einer der bedeutendſten Lehrer Israels, ein Schüler des Rabbenu Meïr von Rothenburg, hat die Entſcheidungen der deutſchen Geſetzeslehrer zuſammengeſtellt. Die von ihm vorgebrachten Lehrmeinungen und Grundſätze ſind meiſtens als giltige Norm in den Schulchan Aruch übergegangen. — Rabbenu Jakob, der Sohn Rabbi Joſelmanns, berichtet, daß ſein Vater in den meiſten caſuiſtiſchen Fragen nach dem „Mordechai“ entſchied. — Zu der Zeit, in welche unſre Erzählung fällt, exiſtirte der Schulchan Aruch noch nicht, der erſt um ein halbes Jahrhundert ſpäter von Rabbenu Joſeph Karo edirt wurde. —
„Ah, Ihr meint den Mordechai am Ende des erſten Perek von Roſch ha ſchonoh?“
„„Die Stelle meine ich; dort iſt es klar ausgeſprochen, daß man wohl ein Schofar, aber nicht eine Sepher Thora zu den Gefangenen ins Gefängniß bringt.“““
„Aber der Mordechai deutet ſelbſt an, daß bei einem Odom choſchuw eine Ausnahme gemacht werden kann. Ihr wißt, Rabbi, ich bin weder ſtolz noch eingebildet; aber in dieſem Falle möchte ich für einen Odom choſchuw, für einen achtungswerthen Mann gelten. Außerdem führt der Hagohauß Oſcheri zum erſten Perek von Brochauß den Or Serua an, der da der Anſicht iſt, daß man zu einem Odom choſchuw, der krank iſt, eine Sepher Thauroh bringen darf. Da ich ritterlich Gefängniß habe und die Sepher Thauroh hier einen paſſenden Ort findet, an welchem man ſie angemeſſen verwahren kann, ſo glaube ich in dieſer Beziehung nicht ſchlimmer daran zu ſein als der Kranke.“
152„„Wenn Ihr nicht als Odom choſchuw betrachtet werden ſolltet, ſo gäbe es überhaupt einen ſolchen nicht. Ich will die Thora-Rolle herbringen laſſen und Minjan beſtellen.“““
I. Theil · Kapitel 30 · S. 152–156
XXX.
Kaum hatte der Rabbiner das Gefängniß verlaſſen, als Pfefferkorn eintrat.
„Ha“, rief ihm Rabbi Joſelmann entgegen, „jetzt weiß ich, woher der Schlag rührt, der mich betroffen! Ihr wollt Euch an mir rächen, Joſſef!“
„„Johannes, wenn ich bitten darf, ich heiße Johannes.“““
„Ich heiße auch Joſeph, und ich möchte meinen Namen mit keinem andern vertauſchen.“
„„Nun, Herr Kaiſerlicher Befehlshaber und Regierer — Ihr werdet gehängt werden.“““
„Ich werde Euch den Gefallen nicht thun, mich hängen zu laſſen; ich werde, wie einſt der erſte Joſeph, aus dem Gefängniſſe befreit werden und wieder als Befehlshaber und Regierer herrſchen.“
„„Das ſind Träume!“““
„Waren es doch Träume, denen einſt Joſeph ſeine Befreiung verdankte! Uebrigens, wie Gott will; ſollte Gottes heiliger Wille meinem Leben ein frühzeitiges Ende beſtimmt haben, ſo ſage ich froh und zufrieden: Gottes heiliger Wille geſchehe!“
„„Joſelin, ich komme als Freund zu Euch. Bei Euren hervorragenden Talenten könnte etwas Großes, Bedeutendes aus Euch werden. Dem Juden aber iſt die Welt verſchloſſen. Ihr, zum Kaiſerlichen Befehlshaber und Regierer ernannt, werdet von einem Bürgermeiſter einer Kleinſtadt einge153kerkert, und wahrſcheinlich verurtheilt und gehängt werden, wiewohl Euch kaum etwas Unrechtes nachgewieſen werden kann. Dem Juden gegenüber iſt eben Alles recht, Alles erlaubt. Ihr ſeht, Gott hat die Juden verlaſſen. Schwört das Judenthum ab; werdet Chriſt. Dann nimmt ſofort Euer Proceß eine andere Wendung; das Zeugniß des triefäugigen Pheiwel kann Euch dann nicht mehr belaſten; denn das Zeugniß eines Juden gegen einen Chriſten, und zumal gegen einen Neophyten, iſt ungiltig. Euch aber eröffnet ſich die glänzendſte Laufbahn. Meine Gönner, die Dominicaner....“““
„Schweigt, Pfefferkorn, ſpart Euren Athem, alle Eure Ueberredungskünſte ſind bei mir vergeblich. Was unterfangt ihr Euch, daß Ihr mich überreden wollt? Ihr ſeid ein unwiſſender Mann, der wenig gelernt und das Wenige vergeſſen hat. Wie, Gott habe uns verlaſſen? Noch nie war uns Gott ſo nahe wie jetzt. Eine neue Zeit bricht an; ich höre bereits das Rauſchen ihrer Flügel. Drei Wunder hat uns Gott gethan, große, mächtige Wunder, raſch nach einander. Das erſte, daß Er mich Armen hat auserſehen, Gunſt und Gnade zu finden in den Augen mächtiger Kaiſer und Fürſten; das zweite, daß Er Euren Anſchlag geſtört durch die Weiſen der Nationen, die ſiegreich geſchrieben zu Gunſten unſrer heiligen Bücher, während die Feinde der Juden ſind beſchämt worden. Seitdem, Pfefferkorn, haben Eure Dominicaner aufgehört, die Welt zu beherrſchen. Die Kugel iſt ins Rollen gekommen und wird nicht mehr zu hemmen ſein. Reuchlin hat edle und geiſtvolle Vertheidiger gefunden; nach ihnen werden Andere kommen, die den Pfaffen und Dunkelmännern das Leben verbittern; eine neue Spaltung wird die Kirche zerütten, und man wird Anderes zu thun haben als auf Pläne zu ſinnen, die 154Nachkommen Jakobs zu quälen. Wir aber werden in Ruhe und Frieden unſerm Gotte dienen, bis Er ſich unſer erbarmt und nach Zion den Erlöſer ſendet.“
„„Ihr aber, Ihr werdet's nicht erleben, denn Ihr werdet gehängt werden!“““
„So werde ich's an jenem Tage erleben, da Gott die Todten wieder erwecket und ihre Gräber öffnet.“
„„Euch wird man die Ruhe des Grabes nicht gönnen; Eure Leiche wird verbrannt und die Aſche in alle Winde geſtreut werden.“““
„Ihr ſchreckt mich nicht, Pfefferkorn. Hört, was die Weiſen lehren: es gibt einen kleinen Wirbelknochen im Rückgrate des Menſchen, Lus heißt er; der iſt unzerſtörbar, und von ihm aus vollzieht ſich die Auferſtehung, ſelbſt wenn der ganze übrige Körper zerſtört ſein ſollte, und in Bezug auf ihn ſagt David im 33. Pſalm: Er hütet alle ſeine Gebeine, dadurch daß eins von ihnen nicht zerſtört werden kann. — Und Ihr, Pfefferkorn, Ihr werdet ſelbſt im Grabe keine Zufluchtſtätte finden, auch Ihr werdet dereinſt erwachen, aber zu erſchrecklichen, ewigen Höllenſtrafen. Deßhalb kehret um von Euren böſen Wegen, da es noch Zeit iſt.“
„„Thor, der Ihr ſeid! Ich bin frei und lebe glücklich — Ihr aber ſeid eingekerkert und vom Tode bedroht, und Ihr wollt mich zur Umkehr veranlaſſen?“““
„Ich werde mit Ehren den Kerker verlaſſen, und dann . . . .“
„„Werdet Ihr Euch an mir rächen.“““
„Nicht doch, das werde ich nicht thun. Nicht ich, Gott wird Euch beſtrafen für all das Böſe, das Ihr gethan habt und für Alles, was Ihr vielleicht noch vollbringen werdet. Ich, für meine 155Perſon, bin Euch vielmehr zu Dank verpflichtet, denn ohne Euren Anſchlag gegen unſre heiligen Bücher wäre ich vielleicht niemals zum Kaiſer gelangt und hätte nicht Gunſt gefunden in ſeinen Augen.“
„„Was hat ſie Euch genützt, dieſe Gunſt? Sie kann Euch von einem ſchimpflichen Tode nicht retten!“““
„Freilich, nicht die Gunſt des Kaiſers, aber die Gnade des Allmächtigen kann mich retten, wird mich retten. Hat doch der Allgütige mich zum Werkzeug erkoren, jene drei Unglücklichen, fälſchlich Angeklagten zu retten. Er wird auch meine Unſchuld, hell wie die Sonne, erſcheinen laſſen. — Die Befreiung dieſer Unglücklichen iſt das dritte große Wunder, das Gott uns gethan. Es iſt meines Wiſſens das erſte Mal, daß eine derartige falſche Anklage zu Schanden geworden iſt. Wie viel unſchuldiges, jüdiſche Blut iſt ob ſolcher falſcher Anklagen vergoſſen worden! In Deggendorf, in Wien, in Berlin! Diesmal aber iſt die Verlogenheit derartiger Anklagen hell ans Licht getreten, und die Völker erkennen, wie ſehr unrecht man gegen die Nachkommen Abrahams verfahren. Ich habe es Euch ſchon geſagt: eine neue Zeit bricht an; ich höre ſchon ihre Flügel rauſchen; und wie jener kühne Schiffer vor kaum zwanzig Jahren im fernen Weſten, mitten im Ocean, die terra firma1Das feſte Land; ſo nannte man damals America. entdeckt hat, veranlaßt von Ahnungen, Vermuthungen und ſchwachen Andeutungen, ſo ahne ich, ſo fühle ich das Herannahen einer neuen Zeit, in welcher Recht und Gerechtigkeit ſich Bahn brechen auf Erden, in welcher man uns Juden nicht mehr um unſres reinen und heiligen Glaubens willen verfolgen wird.“
156„„Ihr ſeid ein falſcher Prophet!“““
„Ich bin kein Prophet, weder ein falſcher, noch ein wahrer; aber die Einſamkeit des Kerkers, in welchem man für Gott und Seine heilige Wahrheit leidet, iſt dazu angethan, die Seele zu Ihm zu erheben und Manches zu ahnen und zu empfinden, was ſonſt dem durch tauſend Dinge und Beſchäftigungen befangenen Blicke verſchloſſen bleibt. Und ſo ſage ich Euch, Pfefferkorn, ich werde in Ehren aus dieſem Verließe hervorgehen; Ihr aber werdet dereinſt noch bitter bereuen, daß Ihr meinem Rathe, umzukehren, nicht Folge geleiſtet habt.“
„„Fahrt zur Hölle!“““ rief Pfefferkorn, „„jetzt laufe ich zum Bürgermeiſter und werde es betreiben, daß Ihr noch dieſe Woche gehängt werdet.“““
„Rathet nur Rath und er wird zerſtört werden; redet nur Wort, und es wird nicht eintreffen; denn mit uns iſt Gott!“
Pfefferkorn hörte ihn nicht mehr; er war hinausgeeilt.
I. Theil · Kapitel 31 · S. 156–161
XXXI.
Als Pfefferkorn Einlaß beim Bürgermeiſter begehrte, wurde er nicht vorgelaſſen. Der Bürgermeiſter hatte Beſuch; ſein Vetter, der Advocat Sebaſtian Brand aus Straßburg, der berühmte Verfaſſer des Narrenſchiffes, eines heute noch vielgeprieſenen ſatyriſchen Gedichtes, war angekommen und hatte eine geheime Unterredung mit dem Bürgermeiſter verlangt. Als die Beiden allein waren, ſagte Herr Sebaſtian:
„Vetter, ich bin extra von Straßburg hergekommen, um Euch zu warnen. Was macht Ihr für Streiche, Vetter? Wißt Ihr, daß Ihr Euch um Euren Kopf bringt? Und da es mir eben
157nicht angenehm iſt, wenn die Kinder mit Fingern auf mich zeigen und rufen: ſeht, der Vetter dieſes Mannes iſt geköpft worden, ſo bin ich hergeeilt, um Euch zu warnen und Euch von fernerem dummen Streichen zurückzuhalten.“
„„Ihr meint die Affäre mit dem Juden?“““
„Eben die! Was iſt Euch eingefallen, Vetter, Euch an einem Manne zu vergreifen, der ſich der höchſten Gunſt des Kaiſers erfreut, gegen ihn eine lächerliche Anklage zu ſchmieden? Wißt Ihr denn nicht, daß ein vom Kaiſer ernannter Befehlshaber der Juden dieſen ſo viele Steuern auflegen kann, als er nur immer will, daß ein ſolcher Mann, wenn er will, ein größeres Einkommen haben kann als irgend ein Fürſt auf Erden? Und einen ſolchen Kröſus beſchuldigt Ihr der Wipperei? Wer wird Euch das glauben? Und Ihr wollt ihn hängen laſſen! Wenn's der Kaiſer erfährt, ſo gilt's Euren Kopf.“
„„Wenn's der Kaiſer erfährt! Der Kaiſer iſt weit.“““
„Und meint Ihr nicht, daß die Juden bis ans Ende der Welt laufen würden, um den Kaiſer zu benachrichtigen. Uebrigens iſt der Kaiſer nicht weit; er trifft dieſer Tage in Freiburg ein, iſt vielleicht ſchon dort.“
„„In Freiburg?“““
„In Freiburg im Breisgau, wenige Tagereiſen von hier.“
Der Bürgermeiſter erblaßte; jetzt lag allerdings die Gefahr nahe genug.
„„Was iſt da zu thun?“““ ſtammelte er.
„Ihr müßt allſogleich den Juden freigeben!“
„„Damit er ſelbſt zum Kaiſer reiſe und mich verklage!“““
„Dann wird's Euch wenigſtens den Kopf nicht koſten.“
158„„Aber mein Amt, und lieber will ich ſterben als daß ich meines Amtes entſetzt werde. Uebrigens haben mir die Dominicaner verſprochen, alle Verantwortlichkeit auf ſich zu nehmen.“““
„Die Dominicaner ſitzen ſelbſt in der Patſche; ihr Streit mit Reuchlin hat ſie in Mißcredit gebracht bei aller Welt. Habt Ihr die Briefe der Dunkelmänner geleſen? Nicht? Köſtlich, ſage ich Euch, köſtlich, die müßt Ihr leſen, Vetter!“
„„O, geht mir mit den Briefen der Dunkelmänner, da mir das Meſſer an der Kehle ſitzt! Gebt mir lieber einen Rath, was zu thun ſei.“““
„Bittet den Juden, daß er Euch nicht beim Kaiſer verklage.“
„„Das wird wenig nützen.“““
„Wenn Ihr ihm vielleicht eine Gegenleiſtung in Ausſicht ſtellen könntet?“
„„Worin ſollte die beſtehen?“““
Es wurde an die Thüre gepocht.
„Verzeiht, Herr Bürgermeiſter“, rief der Stadtſchreiber von außen, „verzeiht, wenn ich ſtöre! Es iſt ein Bote angekommen mit wichtigen, eiligen Depeſchen.“
Der Bürgermeiſter öffnete, der Stadtſchreiber reichte ein Paquet durch die Thüre und entfernte ſich wieder.
Der Bürgermeiſter verſchloß die Thüre wieder und riß das Paquet auf.
„„Ein kaiſerliches Schreiben!“““ ſchrie er entſetzt und ſank auf einen Stuhl.
Herr Sebaſtian Brand nahm das Paquet an ſich und prüfte die einzelnen Schriftſtücke.
„Seid ruhig, Vetter“, ſagte er, „das kaiſerliche Schreiben bezieht ſich nicht auf den Juden Joſelin; es iſt bereits drei Jahre alt.“
Der Bürgermeiſter athmete auf.
„Und hier iſt“, fuhr ſein Vetter zu reden 159fort, „ein Brief vom Magiſtrat der Stadt Regensburg, welcher die Sache aufklärt. Der Bote, welcher Euch das kaiſerliche Schreiben vor drei Jahren bringen ſollte, iſt von Räubern beraubt und erſchlagen worden. Die Räuber ſind kürzlich gefangen und in Regensburg hingerichtet; in ihrem Schlupfwinkel hat man das für Ober-Ehenheim beſtimmte kaiſerliche Schreiben gefunden und jetzt an Euch befördert.“
Der Bürgermeiſter ſprang auf und riß das kaiſerliche Mandat an ſich.
„„Richtig““, rief er, „„es iſt, wie ich vermuthete. O, wäre dieſes Schreiben doch ſofort in meine Hände gelangt, wie viel Kummer wäre mir erſpart geblieben! Als der Kaiſer anno 1507 in Straßburg war, habe ich eine Eingabe gemacht und um die Erlaubniß gebeten, die Juden aus Ober-Ehenheim zu vertreiben. Ich blieb ohne Antwort. Dies iſt das kaiſerliche Mandat, welches die Austreibung der Juden geſtattet.“““
„Das iſt allerdings merkwürdig. Nun, Vetter, da habt Ihr die Gegenleiſtung. Entweder der Jude verſpricht zu ſchweigen, oder Ihr vertreibt ſeine Glaubensgenoſſen aus der Stadt. Leſ't mir einmal, das Schriftſtück vor, damit wir genau wiſſen, in wie weit es uns nützen kann.“
Der Bürgermeiſter nahm das kaiſerliche Schreiben in die Hand und las1Das Original, auf Pergament geſchrieben, mit dem Kaiſerlichen Sigel (hängend, in rothem Wachs) verſehen, befindet ſich im Archiv der Stadt Ober-Ehnheim..
Wir Maximilian von Gottes Gnaden, romiſcher Konig, zu allen Zeiten mehrer des Reichs, zu Hungern, Dalmatien, Croatien ꝛc. Konig Erhherzog zu Oſterreich, hertzog zu burgundt, zu brabandt und phalenntzgrave (Pfalzgraf) ꝛc. bekennen offentlich mit dieſſen brieff undt thun 160thundt allermanniglichen als die juden undt judin in unſrer undt des heyligen Reichs ſtatt Ober Ehnheim geſeſſen undt wohnhaff den Burger undt einwohnern daſelbſt zu Ober Ehenheim auch andern auff dem Landt undt daſelbſt umb aufpfandt und ſunſt Dargelichen, daraus manig leychtvertigkeit undt diebſtahl undt andern übelthat enſtanden, undt gevolgt, darzue dieſelben judisheit einem Rath undt ſondern perſohnen daſelbſt ſunſt in manigfaltig weeg, bisher nachtheilig undt beſchwehrlich geweſt ſeyen. Das wir darauff mit wohlbedachten mut, gutem Rath undt rechter wiſſen ſolch übel zufürkommen, auch die gemelten von Ober=Ehenheim undt ander der berurten beſchwerungen zu entladen undt aus andern redlichen Urſachen der judisheit daelbs gebotten, ſich mit ihren beweglichen haben undt guthern auſer derſelben ſtatt ziehen undt ferner, daſelbſt nit zu wohnen und Bürgermeiſter und Rath der ſtatt daſelbs zu Ober Ehnheim zugegeben undt geſetzt undt geordnet das nu hinfür ſy noch jr nachkomen daſelbs zu Ober Ehnheim ferner keinerly juden noch judin daſelbs halten noch wohnen laſſen ſollen, noch mögen noch derhalben von uns oder unſer Nachkommen am Reiche Romiſcher Kayſern oder Konigen noch andern darumb nit angedrungen noch damit beſchwehrt werden ſollen in keyn weys, getreulich undt ungewarlich, mit Urkundt dies brieffs beſigelt mit unſerm Koniglichen anhangendem inſigel, geben in unſer undt des heiligen Reichs ſtatt zu Straſsburg am ein undt zweintzigſten tag des Monaths Marty nach Chr. geburt fünfzehnhundert und ein ſiebenden, unſer Reiche in zwey undt zweyntzigſten undt des hungriſchen in Siebenzehenden Jahren.
per regem Ad mandatum pro se Regis p. m. Sernteiner.
161„Nun wohl“, ſagte Herr Sebaſtian Brand, „dies Decret gibt Euch das Recht, die Juden ſofort, ohne Aufſchub auszutreiben. Jetzt ſeid Ihr Meiſter der Situation, und Joſelin von Rosheim muß ſich Euren Bedingungen fügen.“
I. Theil · Kapitel 32 · S. 161–166
XXXII.
Das Neujahrsfeſt war herangekommen; bei Rabbi Joſelmann hatten ſich zehn jüdiſche Männer im Gefängniſſe eingefunden, um mit dem Gefangenen gemeinſam zu beten. Dieſer hatte das Schacharitz vorgebetet, aus der Thora vorgeleſen und wollte nun auch das Schofar blaſen; denn er konnte Alles, wußte Alles, verſtand Alles; auch hatte er eine wunderbar ſchöne Stimme und verſtand es, zur Andacht zu erwecken. Bevor er das Schofar ergriff, ſprach er zu den Anweſenden:
„Meine Freunde, ich bin Euch zu beſonderm Dank verpflichtet, daß Ihr zu mir ins Gefängniß gekommen ſeid. Dadurch aber verſäumt Ihr die Deraſchah des Rabbinen in der Synagoge; ſo will ich denn zuvor, ehe ich das Schofar blaſe, einige angemeſſene Worte zu Euch ſprechen. Meine Lieben, es iſt eine gar große, heilige Mizwah, die wir eben ausführen wollen. Wir blaſen hier im Thurm das Schofar, und Gott hört's im höchſten Himmel, wie wir ja es ausſprechen in der Tephilla: denn Du hörſt die Stimme des Schofar und vernimmſt die Teruah und Niemand gleichet Dir. Dieſer Satz iſt ſehr ſchwer zu erklären; bei kaul Schaufar ſteht ſchaumea, bei teruah ſteht maaſin — und deßhalb, weil Gott die Stimme des Schofar hört und die Teruah vernimmt, gleicht Ihm Niemand. Warum das Alles und welches iſt der Zuſammenhang? Seht meine Freunde: 162ſchaumea, hören, bedeutet ein Hören aus weiter Ferne, maaſin, vernehmen, iſt ein Hören in nächſter Nähe; deßhalb rief Moſcheh, der dem Himmel nahe ſtand, dieſen mit haaſinu an, die Erde aber, die ihm ſchon ferne war, mit weßiſchma; bei Jeſchajah aber war es umgekehrt; den fernen Himmeln rief er „ſchimmeu!“ zu und der nahen Erde: „wehaſini!“ Und nun höret mir genau zu. Die Chachmô Emmeß, die Kabbaliſten, lehren uns, daß es eſſer Sephiraus, zehn Sphären gibt, und alle Sphären hat David im letzten Pſalm aufgefordert, Gott zu loben: Lobet Gott in Seinem Heiligthum — das iſt die erſte Sphäre; lobet Ihn in Seines Himmels Feſte — das iſt die zweite Späre, lobet Ihn in Seinen Heldenthaten — das iſt die dritte Sphäre; lobet Ihn nach der Fülle Seiner Größe — das iſt die vierte Sphäre; lobet Ihn mit Schofar-Blaſen — das iſt die fünfte Sphäre. Dann werden die andern Sphären aufgefordert, von denen die letzte und zehnte „bezilzle teruah“, das Schmettern der Teruah heißt. — Am Neujahrsfeſte weilt Gottes Majeſtät in der Mitte der Sphären, bei der fünften, die da heißt tôka Schofar; dieſe iſt alſo Gott am nächſten, während die letzte, die zehnte, zilzle teruah, am entfernteſten iſt. Ich habe aber vorhin geſagt, daß ſchaumea ein Hören aus der Ferne, maaſin, ein Hören aus der Nähe bezeichnet. Wir hören ein mächtiges Geräuſch aus der Ferne, einen leiſen Ton in der Nähe. Bei Gott iſt es aber anders; Ihn ſtört ſelbſt das ſtärkſte Geräuſch in nächſter Nähe nicht, wie uns der Prophet Jeſchajah erzählt, daß vor dem mächtigen „Heilig“-Rufen der Engel an Gottes Thron die Grundpfeiler der Welt erſchüttert werden; und Er, der Allgegenwärtige, vernimmt auch unſre Stimme, wenn wir in weiteſter Ferne flüſternd unſre Gebete ſprechen. 163Daher ſagen wir: ki atto ſchaumea kaul ſchaufor, wiewohl teka ſchaufor die Sphäre in der nächſten Nähe Deiner Majeſtät iſt, umaaſin theruoh, wiewohl, zilzle teruoh die entfernteſte Sphäre iſt — und das kannſt nur Du allein, in nächſter Nähe welterſchütterndes Geräuſch ertragen, und aus weiteſter Ferne leiſes Flüſtern vernehmen und deßhalb, weën domeh loch, gleicht Niemand Dir. — O, meine Freunde, ſelbſt aus dieſem Thurm, aus dieſem Gefängniß, hört Gott unſer leiſe geſprochenes Gebet, ſteigen die ſchwachen Töne unſeres Schofar zu Ihm empor. Oloh Elohim bitruoh, Gott läßt ſich gleichſam zu unſrer Sphäre, die da zilzele teruoh heißt, hernieder, um ſich gleichſam mit unſerm emporſteigendem Gebete, unſrer aufſteigenden Mizwoh zu erheben, haſchem bekal Schaufor, bis Er, der Ewigſeiende, der uns Unbegreifliche, wieder Seine Majeſtät walten läßt inmitten der Sphären, an jener Sphäre, die da teka ſchauphor heißt. So wollen wir denn hören die Schaufor-Töne mit heißer, ungeſtörter Andacht; ſie ſind Malochim, Engel, Boten, die wir emporſenden zu unſerm Gotte, daß Er ſich unſer erbarme, und Er wird uns Seine Engel herniederſenden, uns zu ſchützen, uns zu befreien aus allen Aengſten und Nöthen!“
Da öffnete ſich die Thüre, und der Kerkermeiſter trat herein und ſagte, daß er den Herrn Juden Joſelin vor den geſtrengen Herrn Bürgermeiſter zu führen gekommen ſei.
„Gehet hin“, ſagte Rabbi Joſelmann, „und berichtet dem Herrn Bürgermeiſter, daß kein Menſch auf Erden, weder der regierende Herr Bürgermeiſter von Obern-Ehnheim, noch ein Fürſt oder ein König mich in meiner Andacht ſtören ſoll. Kommet in zwei Stunden wieder, Kerkermeiſter, dann bin ich bereit, Euch zu folgen.“
164Als Rabbi Joſelmann zwei Stunden nachher in das Zimmer des Bürgermeiſters geführt wurde, fand er nicht dieſen, ſondern Herrn Sebaſtian Brand ſeiner wartend.
„Herr Befehlshaber“, redete der Straßburger Rechtsconſulent den Eintretenden an, „erlaubt mir, daß ich mich Euch vorſtelle; ich bin ein Vetter des Bürgermeiſters von Obern-Ehenheim und heiße Sebaſtian.“
„„Ah““, rief Rabbi Joſelmann, „„ſo habe ich die unerwartete Ehre, den berühmten Dichter und Rechtsgelehrten, den Verfaſſer des Narrenſchiffes zu ſehen, der in ſo meiſterhafter Weiſe die Narrheiten und Laſter unſres Zeitalters gegeißelt hat, daß die Straßburger Prediger den Text zu ihren Predigten ſeinen Werken entlehnen!“““
„Es freut mich, von Euch gekannt zu ſein.“
„„Wer ſollte den berühmten Rechtsconſulenten und Dichter nicht kennen, den des Kaiſers Majeſtät zu Allerhöchſtderen Rath und Pfalzgrafen1Palatinus, ein Titel, welcher vom Kaiſer den gekrönten Dichtern beigelegt wurde. ernannt hat.“““
„Herr Befehlshaber, ich bin Euretwegen von Straßburg hergekommen, um meinen Vetter zu veranlaſſen, Euch in Freiheit zu ſetzen, reſpective Eure Freiſprechung und Rechtfertigung ins Werk zu ſetzen; denn es iſt lächerlich und thöricht, Einen Mann, wie Ihr ſeid, der Wipperei anzuklagen. Mein Vetter iſt bereit, meinem Rathe zu folgen, unter der Bedingung, daß Ihr Euch über das Geſchehene nicht beim Kaiſer beklagt.“
„„Gnädiger Herr, meine Freiſprechung und Rechtfertigung muß bedingungslos erfolgen, und ich bin es der Würde meines kaiſerliches Amtes 165ſchuldig, die Beſtrafung derer zu beantragen, welche dieſe kaiſerliche Würde nicht achteten.“““
„Leſt dieſes Document!“
Rabbi Joſelmann nahm das Schreiben des Kaiſers und las es; ſeine Knie begannen zu ſchlottern, ſeine Hände zu zittern; erſt, nachdem er zu Ende geleſen, athmete er auf.
„„Es iſt von anno ſieben““, ſagte er.
„Aber noch in voller Kraft; der Bote des Kaiſers ward von Räubern überfallen und beraubt. Erſt geſtern iſt das Decret hierhergelangt. Mein Vetter hat das Recht, alle Juden von Obernäh2Der volksthümliche Name für Ober-Ehnheim. ſofort auszutreiben; er will ſich dieſes Rechtes begeben, wenn auch Ihr gelobt zu ſchweigen; ja, er will die Zurücknahme des Decrets befürworten, wenn Ihr diesfalls beim Kaiſer einkommen werdet.“
„„Ich werde ſchweigen.“““
„Schwört es!“
„„Es bedarf meines Schwures nicht; ich halte ſtets mein Wort; übrigens iſt heute Neujahrsfeſt, an dem zu ſchwören uns nicht geſtattet iſt.“““
„Ihr ſeid ein ganzer Mann; ich vertraue Eurem Worte. Ihr werdet ſofort in Freiheit geſetzt werden.“
„„Zuvor habe ich noch eine Bitte.“““
„Ihr verlangt die Beſtrafung des Denuncianten? Der kann ſeiner Strafe nicht entgehen.“
„„Nicht doch; ich erbitte vielmehr die Begnadigung des langen Dietrich von Keſtenholz, der ſo reumüthig ſeine falſche Anklage widerrufen hat.“““
„Wo denkt Ihr hin! Der hat die Kirche beſtohlen, den Opferſtock erbrochen, der kann nicht begnadigt werden. Weil mir aber Euer Edelmuth 166ſehr wohl gefällt, Herr Joſelin, will ich meinen Vetter bitten, Euch zu geſtatten, dem langen Dietrich zur Flucht zu verhelfen. Ich gebe Euch zugleich mein Wort, daß Euch daraus keine Unannehmlichkeiten erwachſen ſolle.“
Noch an demſelben Tage wurde in feierlicher, öffentlicher Rathsſitzung der Jude Joſelin von Rosheim von der gegen ihn erhobenen Anklage frei- und losgeſprochen, zugleich verfügt, daß der falſche Denunciant durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht werden ſolle. Dieſer aber hatte ſich der gerechten Strafe entzogen; er hatte die Taufe angenommen und ein Aſyl im Kloſter gefunden.
I. Theil · Kapitel 33 · S. 166–171
XXXIII.
Rabbi Joſelmann hatte, wiederum in Gemeinſchaft mit zehn jüdiſchen Männern, das Minchah-Gebet geſprochen; da öffnete ſich die Thüre ſeines Kerkers, er war frei. Er ſelbſt nahm die Thora-Rolle, küßte ſie und trug ſie aus dem Gefängniſſe. An der Pforte des Thurmes war faſt die ganze Bevölkerung von Ober-Ehnheim verſammelt und empfing den Befreiten mit lauten Jubelrufen. Wie in einem Triumphzuge trug Rabbi Joſelmann die heilige Thora in die Synagoge zurück; dort verlief ſich die chriſtliche Bevölkerung, während die Juden die Rückkehr des theuren Mannes erwarteten, um mit ihm gemeinſam hinaus an den Bach zu gehen und das Taſchlich-Gebet zu ſprechen.
Auch die Kinder Rabbi Joſelmanns hatten ſich dazu eingefunden, und der kleine Bezalel fragte:
„Iſt es wahr, Vater, daß wir jetzt unſre 167Sünden in den Bach werfen und daß die Fiſche, die ſie freſſen, davon ſterben?“
Da lächelte Rabbi Joſelmann und ſprach:
„Höret zu, liebe Kinder, ich will Euch jetzt den Urſprung dieſes heiligen Gebrauchs unſrer Väter erklären.“
Da drängte ſich Alles um ihn, Kinder und Erwachſene, und Alle lauſchten in athemloſer Stille.
„Ihr wißt“, ſagte Rabbi Joſelmann, „daß das Neujahrsfeſt vielfach der Erinnerung an die Akêdoh geweiht iſt. Das Widderhorn, mit dem wir blaſen, erinnert uns an den Widder, welcher anſtatt unſres Vaters Jizchak iſt geopfert worden. Als ſie hinzogen, Vater und Sohn, nachdem ſie die Knechte und den Eſel zurückgelaſſen hatten — der Eine, um zu opfern, der Andere, um geopfert zu werden, da nahm Satan die Geſtalt eines Jünglings an und geſellte ſich zu Jizchak. Armes Kind, ſprach er, weißt Du auch, wohin Dein Vater Dich führt?
Ich weiß es, ſagte Jizchak, mein Vater hat es mir geſagt. Gott hat mich auserſehen als Lamm zum Opfer.
Und Du läſſeſt Dir das gefallen? fragte Satan. Was liegt dem Alten daran! Er hat das Leben genoſſen länger als hundert Jahre. Du aber biſt jung, kennſt noch nicht die Annehmlichkeiten und Genüſſe des Lebens, haſt noch nicht der Liebe Gluth empfunden und alle ihre Süßigkeiten. O komm, entfliehe mit mir dem grauſamen Alten!
Geh hinweg, entgegnete Jizchak, ſich empor an den Vater ſchmiegend, geh hinweg. Mein Vater iſt nicht grauſam; was er thut, iſt gut und recht, und ich danke dem allweiſen Gott, daß er mich gewürdigt, Ihm geopfert zu werden.
168Da verſchwand der fremde Jüngling; aber Satan nahm die Geſtalt eines Greiſes an und geſellte ſich zu Abraham.
Thörichter Mann, ſprach er, Du willſt hinſchlachten Deinen einzigen, geliebten Sohn und meinſt, Gott habe Dir das befohlen? Hat Gott Dir nicht verheißen: Durch Jizchak ſoll genannt werden Deine Nachkommenſchaft! Wo ſind, wo bleiben dieſe Nachkommen, wenn Du den noch unbeweibten, kinderloſen Jüngling hinſchlachteſt? Kann Gott Dir ſo etwas befohlen haben? Kann Er, der Allgütige, Dir geſagt haben, Du ſolleſt den Sohn ſchlachten, den Er Dir im hohen Alter gegeben? Du haſt Dich geirrt, haſt Gott mißverſtanden. Kehre um zu Deinem Weibe und bringe ihr den Knaben zurück, um den ſie ſich in Angſt und Kummer verzehrt!
Aber Abraham ſprach: Geh hinweg! Du wirſt mich nicht verleiten, meinem Gotte ungehorſam zu ſein.
Da verſchwand der fremde Greis; aber Satan nahm die Geſtalt eines Baches an, der quer über den Weg floß. Und Abraham und Jizchak wollten den Bach durchwaten. Aber der Bach ſchwoll an zu einem mächtigen Strome, und das Waſſer ſtieg empor bis an den Hals der beiden Wanderer. Da rief Abraham in Todesangſt: Hilf, o Gott, denn die Gewäſſer dringen bis ans Leben! — Und Gott befahl dem Satan, abzulaſſen, und verſchwunden war der Strom und frei der Weg zum Berge Gottes.
Und deßhalb, liebe Kinder und liebe Freunde, ſuchen wir einen Bach oder einen Strom auf an dieſem Feſte. Denn einem reißenden Strome, den wir durchwaten müſſen, gleicht das Leben mit ſeinen Verführungen und Verſuchungen, uns abtrünnig zu machen von unſerm Vater im Himmel; und 169deßhalb erwähnen wir die Barmherzigkeit unſres Gottes, der uns iſt ein liebevoller, verzeihender Vater, ſelbſt wenn wir geſündigt haben; und deßhalb erinnern wir uns Seiner erhabenen Verheißungen, die er gethan und geſchworen unſern Vätern, damit wir treu ausharren in der Liebe zu Ihm!“
Daß die Juden von Ober-Ehnheim mit ganz andrer Andacht als bisher an das „Taſchlich=Machen“ gingen, braucht wohl nicht erſt geſagt zu werden.
Für den zweiten Tag des jüdiſchen Neujahrfeſtes war die Hinrichtung des langen Dietrich von Keſtenholz anberaumt. Es war wohl nicht allein Mitleid mit dieſem Unglücklichen, was Rabbi Joſelmann bewogen hatte, ſeine Begnadigung zu verlangen. Es hatte ihm dabei auch der Gedanke vorgeſchwebt, daß mit dieſer öffentlichen Hinrichtung eine Gefahr für die Juden verknüpft ſein könnte. Die große Menſchenmenge, die ein ſolches grauſiges Schauſpiel anzulocken pflegte, konnte leicht von Judenfeinden verleitet werden; es brauchte nur Jemand zu ſagen: Der „Chriſt muß ſterben und die Juden, die ihn zur Hoſtienſchändung gedungen, gehen frei aus!“ ſo war das Loſungswort gegeben, über die Juden herzufallen, ſie zu berauben, zu mißhandeln, zu tödten — trotzdem ja die Unſchuld der Juden ſonnenklar erwieſen war.
Der lange Dietrich lag auf ſeiner Streu, ſein verfehltes, verlorenes Leben überdenkend. Am meiſten ſchmerzte ihn der Gedanke an ſein ſchuldloſes Weib, an ſeine unſchuldigen Kinder. Welchem Looſe gingen die Hinterbliebenen eines aufs Rad geflochtenen Verbrechers entgegen! Verachtet, ausgeſtoßen von der Menſchheit war ihnen jeder ehrliche Erwerb verſchloſſen, mußten ſie durch 170Hunger und Kälte umkommen oder die Verbrecherlaufbahn erwählen, um am Ende zu ſterben, wie ihr Vater geſtorben.
Dieterich, in tiefes Nachdenken verſunken, wurde durch ein Geräuſch aufgeſchreckt. Rabbi Joſelmann und der Kerkermeiſter ſtanden vor ihm.
„Dieterich“, ſagte der Jude, „ich habe den Kerkermeiſter gewonnen, Ihr ſeid frei, Ihr könnt entfliehen! Meiſter Ulrich, nehmt ihm die Ketten ab.“
Als Dietrich ſich der Ketten entledigt fühlte, ſprang er empor und dehnte die bisher gefeſſelten Glieder.
Der Kerkermeiſter drückte ihm eine gefüllte Börſe in die Hand und ſprach:
„Da habt Ihr Reiſegeld, Dietrich; ich gebe es Euch im Auftrage des Herrn Juden, der ſelbſt kein Geld anrührt, weil er heute Feiertag hat.“
„Dietrich“, ſagte Rabbi Joſelmann, „Ihr müßt über die Grenze! Geht in die Schweiz; ſeid arbeitſam und fleißig. Vor allen Dingen trinkt und ſpielt nicht mehr. Für Euer Weib und Eure Kinder will ich ſorgen, bis Ihr einen ſichern und feſten Aufenthalt gefunden und Euch und ſie zu ernähren im Stande ſein werdet.“
Der lange Dietrich hatte bisher kein Wort, keinen Laut hervorbringen können; er glaubte ſich von einem Traume befangen. Er ſtreckte ſeine Hände aus; hob die Beine empor und lauſchte, ob die Ketten nicht klirreten; er wog die Börſe in ſeiner Hand und drückte ſie dann an die Stirne. Endlich gewann er die Ueberzeugung, daß er wache, daß Alles, was er erfuhr, Wahrheit ſei, daß er nicht mit Keulen todtgeſchlagen, nicht aufs Rad geflochten werden ſolle, daß er entfliehen dürfe, hinaus aus dem dumpfen Kerkerloch in Gottes freie Luft. Da ſtürzte er zur Erde nieder 171und umklammerte Rabbi Joſelmanns Knie und fing an laut zu weinen.
„Herr Jude“, rief er ſchluchzend, „mein Befreier, mein Erretter, wie ſoll ich Euch danken!“
„Steht auf“, ſprach Rabbi Joſelmann ſanft, „und beeilt Euch. Ihr habt keine Zeit zu verlieren!“
„O, Joſelin, Ihr ſeid kein Menſch, Ihr ſeid ein Engel Gottes! Wenn mir der allgütige Gott doch Gelegenheit gäbe, Euch zu beweiſen, daß Ihr Eure große Wohlthat keinem Undankbaren erwieſen!“
„Macht, daß Ihr fortkommt“, ſprach Meiſter Ulrich und drängte ihn zur Thüre hinaus.
I. Theil · Kapitel 34 · S. 171–177
XXXIV.
Pfefferkorn war nach Cöln zurückgekehrt und war von ſeinen Brodherren, den Dominicanern, nicht eben freundlich empfangen worden. Der Anſchlag gegen Rabbi Joſelmann war mißglückt, und die Briefe der Dunkelmänner hatten das Anſehen der Dominicaner in ganz Europa untergraben. In erſter Linie richtete ſich ihr Zorn gegen Reuchlin, der aber in dem Kurfürſten von Mainz einen zu mächtigen Beſchützer hatte. Da erſann Pfefferkorn einen teufliſchen Plan. Er hatte erfahren, daß Kurfürſt Uriel ſehr jähzorniger Natur war, daß ihm ſein Arzt jede Aufregung aufs Strengſte unterſagt habe, weil ſie dem Leben des hohen Herrn ein plötzliches Ende bereiten könne. Auf dieſen Umſtand hin unternahm er es, den verhaßten Kirchenfürſten zu beſeitigen. War einmal das Kurfürſtenthum von Mainz erledigt, ſo konnte es leichtlich mit einem den Dominicanern ergebenen Fürſten beſetzt werden; dann konnte man Reuchlin 172und ſeinen Freunden den Proceß machen und ſie zum Feuertode verdammen; dann konnte man jede freie Geiſtesregung in Deutſchland unterdrücken; dann konnte man die Verfolgung der Juden wieder aufnehmen und die Verhaßten aus Deutſchland verbannen. Daß bei Kaiſer Maximilian eine Sinnesänderung zu Gunſten der Juden ſtattgefunden hatte, ſchlug man nicht hoch an. Man kannte ſeine wankelmüthige Geſinnung und gedachte ihn durch ſeine Schweſter, die Herzogin Kunigunde von Bayern, wieder umzuſtimmen.
Reichlich mit Geld und Empfehlungen verſehen, reiſte Pfefferkorn nach Mainz. Aber der Kurfürſtliche Hof befand ſich, trotzdem es ſchon Januar war, noch in der Sommerreſidenz zu Aſchaffenburg, wo die Luft dem leidenden Kurfürſten zuträglicher war. Auch die hohen Herren, an die Pfefferkorn empfohlen war, die Kurfürſtlichen Räthe Adolph von Stockheim und Chriſtoph von Gabelenz, befanden ſich in Aſchaffenburg. Daher reiſte Pfefferkorn ſofort dahin ab. Durch die beiden Räthe wurde er mit ſämmtlichen Bedienſteten des Kurfürſtlichen Hofes bekannt gemacht, und nun fing er an zu ſpioniren und auszuforſchen, bis er einen Umſtand erfuhr, den er auszubeuten beſchloß. Der Kellermeiſter des Kurfürſten war nicht ehrlich; er entwendete ſeinem Herrn Wein und ließ dieſen nächtlicher Weiſe aus dem Keller ſchaffen. Pfefferkorn ſchrieb eine Denunciation und ließ dieſe durch einen Knaben, wie wenn es eine Bittſchrift wäre, dem Kurfürſten bei einem Spaziergange überreichen. Die Anzeige hatte den gewünſchten Erfolg. In der darauffolgenden Nacht lauerte der Kurfürſt dem unehrlichen Bedienſteten auf und ertappte ihn auf friſcher That. Von heftigem Zorne fortgeriſſen, ergriff er ein großes Meſſer, das im Keller lag, 173und führte damit einen ſo unglücklichen Streich auf den Kopf des Kellermeiſters, daß dieſer todt zu Boden ſtürzte. Von bitterer Reue ergriffen, floh der Erzbiſchof den Schauplatz der vorſchnellen That und eilte nach Mainz. Unterdeß war Thauwetter eingetreten. Der Rhein, bis dahin zugefroren, war eben aufgegangen, und eine Eisſcholle drängte die andere; ein dichter Nebel bedeckte die Gegend, und kein Schiffer fand ſich, der es gewagt hätte, den gefährlichen Strom zu paſſiren. Da ſetzte der Kurfürſt ganz allein in einem kleinen Nachen über den Strom, begab ſich in ſein am linken Rheinufer belegenes Reſidenzſchloß, die Martinsburg; hier fühlte er ſich ſo krank, daß er ſofort ſich zu Bett legen mußte. Er ſtarb am 9. Februar 1514, in einem Alter von kaum 45 Jahren. Die armen, bedrängten und verfolgten Juden hatten einen Freund und Beſchützer verloren. Ueberall, wohin die Kunde kam, war Trauer und Wehklagen. Als Rabbi Joſelmann die betrübende Nachricht erfuhr, eilte er ſogleich nach Frankfurt, um dem Schauplatze der ſich entwickelnden Dinge näher zu ſein.
Daß ſich viele Bewerber fanden, die nach dem erſten und ſchönſten der deutſchen Kurfürſtenthümer ſtrebten, kann man ſich leicht vorſtellen.
Tagtäglich trafen in Mainz Geſandte von deutſchen Fürſten ein, welche das Domcapitel erſuchten, bei der bevorſtehenden Wahl einen Sohn, Bruder oder Vetter des betreffenden Fürſten zu berückſichtigen. Der Kurfürſt von der Pfalz bot Alles auf, um die Wahl des einen oder des andern Prinzen ſeines Hauſes durchzuſetzen; gab es doch zwei Biſchöfe in ſeiner Familie: Der Biſchof von Speyer und der Biſchof von Freiſing. Kaiſer Maximilian empfahl ſeinen Verwandten, den jungen Herzog Ernſt von Bayern, und ließ mit ſeiner 174höchſten Ungnade drohen, wenn man ſeine Empfehlung nicht berückſichtigen würde. Auch der Herzog von Württemberg und der Markgraf von Baden bemühten ſich für ihnen verwandte Prinzen. Allein die Entſcheidung lag ganz wo anders als in den Werbungen des Kaiſers und der Fürſten. Gleich nach dem Tode Uriels waren die Kölner Dominicaner Tongern und Hochſtraten nach Mainz geeilt und hatten es durchgeſetzt, daß das Mainzer Domcapitel den Beſchluß faßte, den zu wählenden Kurfürſten dahin zu verpflichten, daß er nach Antritt der Regierung nicht allein die Juden aus dem Kurfürſtenthume Mainz ausweiſe, ſondern auch dahin trachte, daß ſie aus allen benachbarten Ländern ausgewieſen werden. Nun würde wohl jeder Bewerber bereit geweſen ſein, eine ſolche Verpflichtung zu übernehmen, es kam aber noch etwas Anderes hinzu. Uriel von Gemmingen hatte nur ſechs Jahre regiert; ſein Vorgänger, Jakob von Liebenſtein nur vier Jahre. Jedesmal hatten die Palliengelder im Betrage von mehr als 20,000 Gulden nach Rom bezahlt werden müſſen. Eine für die damalige Zeit ſo ungeheure Summe jetzt wiederum im Kurfürſtenthume zu erheben, ſchien ganz unmöglich. Es wurde alſo die Bedingung geſtellt, daß der neu zu erwählende Erzbiſchof die Palliengelder aus eigenen Mitteln beſtreite. Auch auf dieſe Bedingung wäre jeder Bewerber gern eingegangen, hätte er auf baldigen Erſatz durch die Einkünfte des Kurfürſtenthums rechnen dürfen; aber die reichſten Einnahmen der Fürſten beſtanden in jener Zeit in den übermäßigen Steuern, welche die Juden zu zahlen gezwungen waren. Zwanzigtauſend Gulden herzugeben und zugleich durch die Vertreibung der Juden die Ausſicht auf baldigen Erſatz abſchneiden zu ſollen, das überſtieg die Leiſtungsfähigkeit aller obengenannten Prinzen.
175Die Aufmerkſamkeit des Domcapitels lenkte ſich auf den jungen Markgrafen Albert von Brandenburg. Die Prinzen aus der in Brandenburg regierenden Linie der Hohenzollern waren in damaliger Zeit ſehr kirchlich geſinnt; einer derſelben, Domherr zu Bamberg und Domprobſt zu Würzburg, lebte als Kämmerling des Pabſtes Leo X. am päbſtlichen Hofe; der älteſte Bruder Alberts, Kurfürſt Joachim I. von Brandenburg, hatte vor wenigen Jahren, wie wir bereits oben berichtet, 38 der Hoſtienſchändung beſchuldigte Juden auf dem großen Neumarkte zu Berlin verbrennen laſſen und die übrigen Juden aus ſeinen Staaten vertrieben. Dieſe Thatſache allein gereichte ſeinem Bruder Albert bei dem von den Cölner Dominicanern beherrſchten Mainzer Dom-Capitel zur beſten Empfehlung, und als nun Kurfürſt Joachim ſich erbot, die Palliengelder für ſeinen Bruder vorzulegen, da unterlag es keinem Zweifel mehr, wie die Wahl ausfallen würde.
Am 9. März 1514 wurde Markgraf Albert von Brandenburg einſtimmig zum Erzbiſchof und Kurfürſten von Mainz erwählt. Viele Hinderniſſe ſtanden ſeiner Wahl entgegen. Zuerſt der Widerſtand des Kaiſers, der es ſehr ungern ſah, daß zwei Brüder im Rathe der Kurfürſten Sitz und Stimme haben ſollten; zweitens zählte Albert damals 24 Jahre, während er erſt zu 30 Jahren zu einer ſo hohen prieſterlichen Würde wäre berechtigt geweſen; drittens durfte nach kanoniſchem Rechte ein Prieſter nicht zwei Diöceſen verwalten; Albert war aber nicht allein ſchon Adminiſtrator des Bisthums Halberſtadt, er war auch ſchon Erzbiſchof von Magdeburg; er erhielt alſo mit ſeiner Wahl zum Erzbiſchof von Mainz eine Diöceſe und zwei Erzdiöceſen — ein bis dahin unerhörter Vorgang. Daß Albert von Brandenburg dennoch 176Kurfürſt von Mainz wurde, war eine ſichtbarliche göttliche Fügung, und die zwei geheimen Bedingungen, die er eingegangen, die Zahlung der Palliengelder aus eigenen Mitteln und die Vertreibung der Juden aus den kurfürſtlichen Staaten und den benachbarten Ländern, ſollten von den Judenfeinden ungeahnte, in die Weltgeſchichte mächtig eingreifende Folgen haben. Schon im erſten Jahre ſeiner Regierung ſandte der neue Kurfürſt Briefe an die benachbarten Städte und Fürſten, daß ſie mit ihm ins Einvernehmen treten möchten, um gemeinſam alle Juden zu vertreiben. Zugleich aber ſorgten die Dominicaner für einen Erſatz der durch die Judenvertreibung ausfallenden Steuern, und dieſen Erſatz ſollten die Ablaßgelder bieten. Der Dominicaner Johann Tetzel wurde von Kurfürſt Albert beauftragt, umherzureiſen, über den Ablaß zu predigen und die Ablaßgelder einzucaſſiren; die Hälfte dieſer Gelder ſollte nach Rom, die Hälfte in die kurfürſtliche Kaſſe abgeliefert werden. Das war der Anlaß, daß D r. Martin Luther ſeine ſo berühmt gewordenen Theſen am 31. Oct. 1517 an die Schloßkirche zu Wittenberg anſchlagen ließ, wodurch die große Trennung in der Kirche bewirkt und die Reformation ins Leben gerufen wurde.
Unterdeß nahm das Verfahren gegen die Juden eine bedrohliche Geſtalt an. Am 6. Januar 1516 verſammelten ſich in Frankfurt a. M. die Abgeſandten des Kurfürſten von der Pfalz, der verwittweten Landgräfin von Heſſen-Darmſtadt, des Landgrafen von Heſſen-Hanau, des Landgrafen von Heſſen-Hanau-Babenhauſen, des Grafen von Iſenburg, des Grafen von Naſſau-Wiesbaden, des Grafen von Solms, des Burggrafen von Friedburg (heute Friedberg) und Amtheyem, des Burggrafen von Gelnhauſen, der freien Reichs177ſtädte Worms und Frankfurt a. M. (letztere vertreten durch Dr. Adam Conrad Scheydt, Klaus von Ruckingen und Heyler Steynhayner), ſowie Graf Michael von Wertheim, in eigener Perſon, und die Vertreter des Mainzer Domcapitels. Nur Heſſen-Hanau und Fulda ſtimmten für die Beibehaltung der Juden, erſteres ohne Angabe von Gründen, letzteres, weil die Juden aus dem Henneganiſchen und andern benachbarten Ländern doch ins Fuldaiſche kommen würden, ihre Geſchäfte zu betreiben, der Abt alſo nach wie vor Juden im Lande haben würde, ohne die Steuern derſelben beziehen zu können.
Da demnach die Majorität der Vertreter ſich für die Vertreibung der Juden erklärte, ſo wurde von Kurmainz beantragt, ſofort endgiltige Entſchließungen zu treffen. Allein viele der Anweſenden wünſchten doch zunächſt ihren Fürſten über die allgemeine Stimmung Bericht zu erſtatten, und man beſchloß am Sonntag nach Invocavit (8. März) aufs Neue in Frankfurt a. M. zuſammen zukommen und dann ſich gegenſeitig zur Vertreibung der Juden zu verpflichten.
I. Theil · Kapitel 35 · S. 177–183
XXXV.
Durch einen der Rathsherren der freien Reichsſtadt Frankfurt am Main hatten die Juden Kunde von den gegen ſie geſchmiedeten Plänen erhalten. Rabbi Joſelmann und die Vertreter der geſammten deutſchen Judenheit, ſoweit ſie in Frankfurt anweſend waren, beriethen, was zu thun ſei, um die Anſchläge der Feinde zu vernichten.
„Ihr müßt gleich zum Kaiſer, Rabbi Joſelmann!“ ſagte Rabbi Moſcheh Kohen.
„Ja, Ihr müßt eilig den Kaiſer aufſuchen,“ ſtimmten die Anderen bei.
178Rabbi Joſelmann ſchwieg eine Weile; dann ſagte er bedächtig:
„Nicht doch, meine Brüder, ich bin nicht Eurer Anſicht. Wenn ich auch zum Kaiſer reiſe und mich ihm zu Füßen werfe, und Gott läßt mich Gnade bei Kaiſers Majeſtät finden, ſo daß meiner Bitte gewillfahrt wird, und der Kaiſer ſchreibt an die Fürſten, daß ſie ablaſſen, Juda zu verfolgen — was kann es nützen? Der Kaiſer ſelbſt hat mir geſagt, daß die Fürſten ihm nicht folgen. Und wenn ſie nun ungehorſam ſind und uns dennoch verjagen aus ihren Landen — meint Ihr, der Kaiſer würde um unſretwillen Krieg anfangen mit den Fürſten? Und noch dazu mit dem Kurfürſten von Mainz, der die erſte Stimme hat im Rathe des deutſchen Reichs! Denn Maximilian iſt alt und wünſcht, daß man ſeinen Enkel, den jungen König Carl von Spanien, zum römiſchen König und ſomit zum Nachfolger des Kaiſers küre. Und wer iſt's, der bei dieſer Wahl zuerſt ſeine Stimme abgibt? Iſt es nicht der Kurfürſt von Mainz, der Erzkanzler des deutſchen Reichs? Und Ihr meint, der Kaiſer werde um der Juden willen ſich mit dem einflußreichſten deutſchen Fürſten überwerfen?“
„So ſollen wir ruhig das Verderben über uns ergehen laſſen?“ fragte Rabbi Wolf Spiro traurig.
„Ich will nach Mainz reiſen“, ſagte Rabbi Joſelmann, „und ſehen, daß ich Zutritt zu dieſem jungen Kurfüſten Albert erlange.“
„Vergebene Mühe“, entgegnete Rabbi Moſche Kohen, „wir wiſſen ja, daß Markgraf Albert noch vor ſeiner Wahl ſein Wort verpfändet hat, die Juden zu verjagen.“
„Und dennoch werde ich zuerſt an ihn mich wenden“, ſagte Rabbi Joſelmann entſchieden. 179„Richte ich beim Kurfürſten von Mainz nichts aus, ſo bleibt mir der Weg zum Kaiſer noch immer offen. Allein, Rabboßai, ich bin melummod beniſſim, der allgütige Gott hat ſchon ſo oft in wunderbarer Weiſe geholfen; Er wird uns auch in dieſer großen Zoroh nicht verlaſſen und mir Seinen Engel ſchicken, daß er mir die Wege ebene.“
„So reiſt denn in Gottes Namen nach Mainz“, entſchied Rabbi Jakob zur Kanne. „Schont nur kein Geld; laßt Euch von unſerm Schatzmeiſter, Rabbi Alexander Wimpfen, ſo viel geben, als Euch nöthig erſcheint.“
Rabbi Joſelmann hob die Verſammlung auf und begab ſich zu Rabbi Alexander Wimpfen, um von dieſem eine größere Summe für Reiſekoſten und für etwaige Geſchenke an die Hofbeamten des Kurfürſten von Mainz zu entnehmen.
Als Rabbi Joſelmann in das Haus des Schatzmeiſters der jüdiſchen Gemeinde trat, hörte er lärmende Stimmen.
„Packt Euch von hinnen“, hörte er Rabbi Alexander rufen. „Was? Ihr wollt ein Ritter ſein, ein Edelmann? Und gehet in Lumpen einher, in zerriſſenem Röcklein und zerfetzten Schuhen mitten im Winter? Wie könnt Ihr die Kühnheit haben, von mir Geld borgen zu wollen? He, auf Nimmerwiederzahlen!“
Rabbi Joſelmann war an der Thüre ſtehen geblieben und lauſchte dem lauten Zwiegeſpräch.
„Jude“, ſagte eine jugendliche und wohlklingende Stimme, „ſchreit nicht ſo mit mir; Ihr könnt mir's glauben, ich bin ein Ritter und Edelmann, wenn auch die Ungunſt des Schickſals es zu Wege gebracht, daß mein Röcklein zerriſſen und meine Schuhe zerfetzt ſind. Möglich, daß ich morgen ſchon in Sammet und Seide und in ſilber180ner Rüſtung auf hohem Roß einhertrabe und Du, Jude, Dich glücklich ſchätzeſt, wenn ich Dir geſtatte, den Saum meines Mantels zu küſſen! Siehe, ich habe eine weite Reiſe gemacht, komme von Italien, und da iſt mir unterwegs das Geld ausgegangen und die Montur zerriſſen. Jetzt aber wird das Elend bald ein Ende nehmen. In Mainz habe ich vornehme Freunde. Herr Eitelwolf von Stein, des Kurfürſten edler Kanzler, iſt mein hoher Gönner, und auch der Kurfürſt will mir wohl. Aber ich kann doch vor den hohen Herren nicht in dieſem Aufzuge erſcheinen. Ich bitte Euch, borgt mir hundert Gulden; ich gebe Euch nächſte Woche zweihundert dafür.“
„Daß ich ein Narr wäre“, ſchrie Rabbi Alexander; „meint Ihr, ich glaube Euch von allem Dem ein Wort?“
„Jude“, rief jetzt der Andere zornlodernd, „hättet Ihr nicht ein Privilegium, ich ſchlüge Euch nieder auf der Stelle!“
„Und ich“, ſchrie Alexander dagegen, „ich laſſe Euch hinauswerfen, wenn Ihr nicht augenblicklich geht!“
Mit großer Spannung hatte Rabbi Joſelmann zugehört. Da behauptete Jemand, ein Günſtling des Kurmainziſchen Kanzlers, ja des Kurfürſten ſelber zu ſein — war es nicht ein Fingerzeig Gottes? Vielleicht war es ein Gott-geſandter Bote, der ihm Zutritt und Einfluß am Kurmainziſchen Hofe verſchaffen konnte. Und warum ſollte die Erzählung des Fremden nicht auf Wahrheit beruhen? Gab es zu jener Zeit nicht fahrende Ritter in Menge, die heute im Elend ſich befanden und morgen im Kriege oder am Hofe der Fürſten zu Ehren und Würden emporſtiegen? Zudem lag in der Stimme des Fremden etwas Anſprechendes, in ſeiner Art ſich auszudrücken etwas 181Edles und Vornehmes, in ſeinem auflodernden Zorne etwas Kühnes und Muthvolles. Entſchloſſen, die hundert Gulden an den Fremden zu wagen, öffnete Rabbi Joſelmann die Thüre und trat hinein.
„Rabbi Joſelmann!“ rief der Hausherr.
Dieſer beachtete ihn nicht; er trat dem Fremden gegenüber, nahm ſeinen Hut ab und verneigte ſich tief.
„Herr Ritter“, ſagte er, „wollt Ihr mir gnädiglich geſtatten, Euren Verlegenheiten durch ein Darlehen ein Ende zu machen?“
Der Fremder lachte laut auf.
„Wollt Ihr mich verſpotten, Jude?“ fragte er.
Unterdeß hatte Rabbi Joſelmann den ihm Gegenüberſtehenden raſch ins Auge gefaßt. Was er ſah, befeſtigte ſeinen Entſchluß. Die zerlumpte Kleidung deckte eine ſchöne, edle, ritterliche Geſtalt. Noch nie hatte Rabbi Joſelmann ein ſo geiſtvolles, edel geformtes Antlitz geſehen, aus dem zwei feurige Augen Blitze ſprühten.
„Fern ſei es von mir“, ſagte Rabbi Joſelmann, „eines ſo edlen und fürnehmen Ritters zu ſpotten. Unſere Rabbiner lehren: Achte nicht auf das Gefäß, ſondern auf das, was darin iſt. Eure defecte Kleidung verhüllt mir Eure adelige Geſtalt nicht.“
„„Geſegnet ſeien Eure Rabbinen und geſegnet ſei mein edler Lehrer Johannes Reuchlin, daß er nicht geduldet, daß man ihre Bücher verbrenne.“““
„Ihr ſeid ein Schüler Reuchlin's?“
„„Nur ſo im Allgemeinen wie alle Mitlebenden. Alſo, Ihr wolltet mir ernſtlich ein Darlehen geben?
Von der Geburt an ward mir zum Lebenslooſe das Elend, Uebel zu Land' hab' ich, Uebel zu Waſſer erlebt. 182Ihr, Jude, laßt einen Sonnenblick fallen Durch das trübe Gewölk meines Schickſals.“
„Ihr ſeid ein Dichter, Herr?“
„„Ja, das bin ich. Ich habe eben jetzt dem Kurfürſten von Mainz ein größeres Carmen überſandt. Vielleicht hat er's gnädig aufgenommen, und dann hat mein Elend ein Ende.“““
„Wohlan, gnädiger Herr, ich will Euch neu equipiren laſſen, für Euch ein Pferd, einen neuen Anzug, Leibwäſche, eine Rüſtung und Waffen einkaufen. Ich will Euch das Geld dazu ohne Zinſen, hört Ihr, ohne Zinſen, borgen; ja, ich will es Euch ſchenken für den Fall, daß Ihr nicht in der Lage ſeid, es mir wieder zu bezahlen.“
„„Was, das wolltet Ihr thun? Und was verlangt Ihr dagegen? Wollt Ihr etwa, daß ich Jude werde oder daß ich meine Seele dem Teufel verſchreibe? Dann nehme ich Euer Geld nicht!“““
Rabbi Joſelmann lächelte.
„Ich verlange nichts Derartiges; ich bitte Euch nur, daß Ihr mir geſtattet, in Eurer Geſellſchaft nach Mainz zu reiten und daß Ihr mir durch Eure Freunde in Mainz dazu verhelfet, Zutritt zu ſeiner Kurfürſtlichen Gnaden zu erlangen.“
„„Das Erſte wird mir ſehr angenehm ſein; um das Zweite will ich mich gern bemühen . . .“““
„Es wäre thöricht, wenn ich eine beſtimmte Zuſage in Bezug auf Dinge von Euch verlangen wollte, die ja nicht von Euch abhängen. Ich begnüge mich mit dem Verſprechen, daß Ihr Euch in dieſer Hinſicht bemühen wollt.“
„„Topp, ſo ſchlage ich ein.“““
Der Fremde reichte Rabbi Joſelmann die Hand, die dieſer ergriff und ſchüttelte.
„Rabbi Alexander“, ſagte dann Rabbi Joſelmann zu dem Hausherrn, „weiſet dem Ritter ein 183Zimmer an, wo er ſich waſche und von dem Schmutz der weiten Reiſe reinige. Und dann ſendet um Schneider, Weißzeughändler und Schuhmacher, damit der Ritter ſich alles Nöthige ausſuche. Dann, Herr Ritter, gehen wir gemeinſam zum Waffenſchmied und zum Roßtäuſcher, damit Ihr ein gutes Pferd, ritterliche Rüſtung und Waffen erhaltet.“
„„Gott ſegne Euch darob, daß Ihr Euch mein erbarmt in meiner Noth; ich werde es Euch nicht vergeſſen; und wenn ich jemals Uebles von den Juden geſchrieben, ich werde es nicht mehr thun. Wie nennt man Euch, Herr Jude?“““
„Ich heiße Joſelin und bin in Rosheim im Elſaß zu Hauſe. Und wie iſt Euer Name, edler Herr?“
„„Man nennt mich Ulrich; ich ſtamme aus dem adligen Geſchlechte derer von Hutten.“““
I. Theil · Kapitel 36 · S. 183–189
XXXVI.
Am andern Tage ritten Rabbi Joſelmann und Ulrich von Hutten mainabwärts, nach Mainz zu.
Ulrich von Hutten! Wer kennt heute nicht den Träger dieſes ſo berühmt gewordenen Namens?
Ulrich von Hutten war im Jahre 1488 auf der Burg Steckelberg in Heſſen geboren. Sein Vater ſandte ihn nach Fulda ins Kloſter; der junge Ulrich ſollte Mönch werden. Aber ſein Genius ſträubte ſich dagegen. Unerwartet fand er einen Beſchützer in dem edlen Eitelwolf von Stein, dem ſpäteren Kurmainziſchen Kanzler. Tunc hoc ingenium perderes?1Möchteſt Du wohl dies Genie verderben? fragte dieſer den Abt 184und rettete den fähigen Knaben. Ulrich ging nach Erfurt, um hier unter Erbanus Heſſus und Buſch zu ſtudiren. In Erfurt wurde der ſchon obenerwähnte Crotus ſein Buſenfreund, mit dem er ſpäter gemeinſam die Briefe der Dunkelmänner verfaßte. Beide gingen dann nach Cöln, wo ſie aus eigener Anſchauung die Dominicaner Arnold von Tongern und Hogſtraaten verachten und verabſcheuen lernten. Nachdem Hutten auf den Univerſitäten Frankfurt an der Oder, Greifswald, Roſtock, Wittenberg und Wien ſeine Studien fortgeſetzt hatte, wanderte er nach Italien, um dem Wunſche ſeines Vaters entſprechend, in Pavia und Bologna Jurisprudenz zu ſtudiren; allein er fand an der Juriſterei kein Gefallen, entzweite ſich darob mit ſeinem Vater und gerieth ins Elend. So hatte ihn in Frankfurt am Main Rabbi Joſelmann gefunden und ſtandesgemäß ausgerüſtet. Jetzt ritten die Beiden mitſammen nach Mainz.
Auf Rabbi Joſelmann hatte die Nennung des Namens „Ulrich von Hutten“ keinen Eindruck gemacht, denn der Jüngling war damals noch völlig unbekannt. Die Briefe der Dunkelmänner waren anonym erſchienen, und Niemand hatte eine Ahnung davon, daß der junge Ritter Ulrich der hauptſächlichſte Autor derſelben war. Rabbi Joſelmann gedachte daher zunächſt, die Wahrheit der Worte ſeines Begleiters zu erproben.
„Ihr habt, Herr Ritter“, ſagte er, „geſtern davon geſprochen, daß Ihr dem jungen Kurfürſten einen Panegyricus . . . .“
„„„Panegyricum!“““ fiel ihm ſein Begleiter ins Wort,
„einen Panegyricum gewidmet und überſandt habt. Wäret Ihr wohl ſo gnädig, mir einige Strophen daraus zu recitiren?“
„„„Verſteht Ihr Latein?“““
185„Nur wenig.“
„„„So muß ich's wohl, ſo gut es geht, ins Deutſche übertragen. Ich will Euch die Strophen ſagen, die ſich auf das deutſche Vaterland beziehen:
Vaterland, ſei mir gegrüßt! an Biedermännern ſo fruchtbar, Mutter herrlicher Söhne, die durch euere Thaten Stets die alten vermehrt, noch von der Tugend der Vorzeit Je ſich gänzlich entfernt — Du wirſt in unſern Zeiten Deinen Vätern an Biedermuth gleich — ſo lang Deine wogenden Ströme Ihren Quellen entfliehn, ſo lang der Himmel Geſtirne, Fiſche das Meer, die Erde das Thiergeſchlecht heget, Immer wirſt Du ſtehen, wirſt immer verherrlicht werden. Mutter, tapferer Söhne! Vließe liefert der Serer, Ebenholz der Indier und Elfenbein; ſeinen Weihrauch Bringt der Sabäer, Balſam der Jude, Golderz der Tagus; Ihrer Smaragde freut ſich die röthliche Thetis; der Lesber Lobt ſeine ſchäumende Becher, ſeine Pferde der Thrazer, Eiſen liefert der Chaliber; Deutſchland tapfere Männer! Nie gebrachs dem Heldenland an muthigen Kämpfern. Stimme den Jubelton an, Du edles Volk, und erhebe Hoch ein Freudengeſchrei. Es wall' einher Dein Triumphzug Durch den wimmelnden Heerweg — Hebt das Haupt aus den Dächern! 186Jauchzet laut auf, Ihr Männer, Ihr Frauen und liebliche Mägdlein. Keinen halte das Alter, keinen die Scham ab! Geprieſen, Will ſie werden von uns, die hehre Mutter, geprieſen.
Siehe, dort kommt er einher, umſchimmert von ſeinen Begleitern Jene Zierde des Landes, der theure Jüngling. — Die Wolluſt Seines jauchzenden Volks. — Auch Rhenus kommt und begrüßet Seinen König und Herrn. Nie war das Antlitz des Alten So voll Freude wie heut.“““
„Ihr ſeid ein großer Dichter“, ſagte Rabbi Joſelmann, als der Ritter ſchwieg. „Und Ihr liebt unſer ſchönes Vaterland.“
„„„Unſer, ſagt Ihr? Betrachtet denn auch der Jude dies deutſche Land als ſein Vaterland?“““
„Gewiß, Herr Ritter. Sind wir etwa Einwanderer, die wir geſtern erſt von den Ufern des Jordan herbeigezogen ſind? Seit einem Jahrtauſend und länger bewohnen unſre Väter dies deutſche Land; hier ſind die Gräber unſrer Ahnen. Die erſten Laute der Zärtlichkeit, mit denen die Mutter dem Kinde ihre Liebe bezeugt, ſind deutſche Worte. In deutſcher Sprache lehrt uns der Vater die erſten Pflichten gegen Gott und Menſchen. Und wenn uns die Bewohner dieſes Landes auch hart, manchmal unmenſchlich uns behandeln, ſo betrachten wir das als eine Strafe Gottes ob unſrer Sünden; aber wir lieben die Söhne unſres Vaterlandes, deren Sprache wir ſprechen, und die uns trotz Allem die Mittel gewähren, unſern Lebens-. 187Unterhalt zu finden und uns geſtatten, die Vorſchriften unſrer heiligen Religion frei und ungeſtört zu üben.“
„„Was wollt Ihr vom Kurfürſten?“““
„Der Kurfürſt plant in Verbindung mit den benachbarten Fürſten, Grafen und Städten eine Vertreibung der Juden.“
„„Warum wendet Ihr Euch nicht gleich an den Kaiſer, Euren Beſchützer?“““
„Und wenn nun der Kaiſer befiehlt und die Fürſten verſagen den Gehorſam? Wird der Kaiſer unſretwegen einen Krieg beginnen?“
„„„Ihr ſeid ein kluger Mann. Ja, des Kaiſers Befehl gilt nur dann in Deutſchland, wenn ihm ein gehöriger Nachdruck verliehen wird. Auch ich werbe für eine heilige Sache. Habt Ihr von dem Geſchicke meines Vetters Hans von Hutten gehört?“““
„Nicht ein Wort.“
„„„Herzog Ulrich von Württemberg hat meines Vetters Weib verführt und den betrogenen Ehegatten erſchlagen. Ein Herzog, der ein Schützer des Rechts ſein ſollte, begeht Ehebruch und Mord! Aber ich, ich werde es dem Tyrannen nicht hingehen laſſen. So gering ich bin — ein fahrender Ritter, der erſt von einem Juden ſtandesgemäße Kleidung und Ausrüſtung zum Geſchenk erhält — ich werde den Tyrannen beſiegen und ſtürzen, ich werde Kaiſer, Fürſten und Volk aufflödern aus ihrer trägen Ruhe, meine Stimme wird wie Poſaunenſchall ertönen, und ich werde es ausführen; denn ich kämpfe für Tugend und Recht. Es brech oder gang! Gottes Geiſt mich bezwang!“
Rabbi Joſelmann antwortete nicht; er fühlte ſich nicht bemüſſigt, über die Handlungen eines deutſchen Reichsfürſten ſein Urtheil abzugeben. Schweigend ritten die Männer neben einander her 188So ritten ſie an Höchſt vorüber bis Hattersheim, die Mitte des Weges zwiſchen Frankfurt und Mainz. In Hattersheim machten ſie Raſt, um einen Imbiß zu nehmen. Der Ritter kehrte im Kruge ein, Rabbi Joſelmann ſuchte einen ihm bekannten, in Hattersheim wohnenden Juden, Namens Anſchel, auf, um bei dieſem Speiſe und Trank zu erhalten. Der Dorfjude freute ſich nicht wenig mit ſeinem vornehmen Gaſte. Auch er hatte ſchon von der geplanten Austreibung vernommen.
„Es ſieht ſchlimm aus, Rabbi Joſelmann“, ſagte er. „Ich war geſtern in Mainz; da hatte ich Geſchäfte mit einem Bedienten des Grafen Ingelheim. Der Bediente heißt Hannes und iſt hier im Dorfe geboren. Er hat ſich von ſeinen Erſparniſſen hier ein kleines Gütchen gekauft, das ich ihm vermakelt habe. Hannes hatte auch ſchon davon gehört. — Nun, Anſchel, ſagte er, bald werdet Ihr fort müſſen, zum Lande hinaus — alle Juden. Geſtern war ein gelehrter Mann aus Cöln, Namens Pfefferkorn, beim gnädigen Herrn zu Gaſt, und als ich bei Tiſche aufwartete, da erzählte er, daß bald alle Juden werden ausgetrieben werden.“
Rabbi Joſelmann erſchrak, als er vernahm, Pfefferkorn ſei in Mainz; er konnte nichts mehr eſſen. Er ſprach das Tiſchgebet, ſtieg wieder zu Pferde und holte dann ſeinen Reiſegefährten aus dem Kruge ab.
„Laßt uns eilen, Herr Ritter“, ſagte er, „daß wir noch vor Eintritt der Nacht in Caſtel über den Rheinſtrom ſetzen können.“
Der Ritter entſprach der Aufforderung. Da der Boden hart gefroren war, ſo konnten ſie raſch über Weg reiten. Noch ehe die Sonne ſank, waren ſie in Caſtel eingetroffen, von wo aus der Fähr189mann die Beiden an das linke Rheinufer nach Mainz brachte.
In Mainz wohnten damals, wie wir bereits früher berichtet haben, keine Juden. Die beiden Reiſenden kehrten in der beſten Herberge der Stadt, im Römiſchen Kaiſer, ein.
Am andern Morgen ſtand Rabbi Joſelmann früh auf, ſprach das Morgengebet und machte ſich, noch ehe er ein Frühſtück zu ſich nahm, auf den Weg, um den verlaſſenen, jüdiſchen Friedhof zu beſuchen, und dort an heiliger Stätte, an den Gräbern heiliger Männer, in heißer Andacht zu Gott um das Gelingen ſeiner Pläne zu flehen.
I. Theil · Kapitel 37 · S. 189–194
XXXVII.
Von heiligen Schauern wurde Rabbi Joſelmann ergriffen, als er die uralte, ſchon lange verwahrloſte Todtenſtätte betrat. Es waren damals faſt hundert Jahre vergangen, daß die Israeliten aus ihrem uralten Wohnſitze, aus der Stadt Mainz, vertrieben waren. Auf dieſem Todtenacker hatten die größten Männer der deutſchen Judenheit ihre letzte Ruheſtätte gefunden; hier war, im achten Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung, der erſte deutſche Rabbiner, Rabbi Moſcheh ha Saken (der Alte) begraben worden, und nach ihm eine große Reihe großer Männer: Rabbenu Kalonimos aus Lucka, deſſen Sohn Rabbenu Meſchullam, deſſen Sohn, Rabbenu Kalonimos, und deſſen Sohn Rabbenu Kalonimos ben Rabbenu Kalonimos, der Freund des Rabbenu Amnon, des Verfaſſers des Uneſſannu Tokef; ferner Rabbenu Jakob ben Jakir, der Lehrer Raſchi's, Rabbenu Gerſchom ben Jehudah, das Licht der Diaspora genannt, Rabbenu Schimeon, der Große, Rabbenu Elieſer 190ben Nathan, Rabbenu Eljakim, Rabbenu Baruch ben Schemuel und viele, viele Andere, welche die Lehrer von ganz Israel geweſen waren. Rabbi Joſelmann ſuchte die Grabſtätten der großen Männer auf; aber ſie waren verwüſtet; die Leichenſteine waren geraubt oder zertrümmert. Nur das Grab Rabbi Schimeons, des Großen, fand er unverſehrt. Hier warf er ſich zur Erde nieder und betete zu Gott, daß er um all der großen und heiligen Männer, um der vielen Märtyrer willen, die hier begraben liegen, ihn Gnade finden laſſe vor dem Kurfürſten, damit das ſchreckliche Verderben abgewendet werde von den Nachkommen Jakobs.
Geſtärkt und gehoben, kehrte Rabbi Joſelmann in die Stadt zurück. Er fand ſeinen Reiſegefährten mißmuthig und verſtimmt. Ritter Ulrich hatte den Kanzler Eitelwolf von Stein aufſuchen wollen und zu ſeiner Betrübniß erfahren, daß dieſer im Auftrage des Kurfürſten nach Erfurt abgereiſt ſei. Rabbi Joſelmann tröſtete den Ritter und forderte ihn auf, mit ihm ſich in das Schloß des Kurfürſten zu begeben. Ein Goldſtück verſchaffte ihnen Zutritt bis in das Vorzimmer des hohen Herrn, von wo aus der dienſtthuende Kammerherr, die Beiden dem Kurfürſten melden ſollte. Aber, wie erſchrak Rabbi Joſelmann, als er in das Vorzimmer eintrat und dort Pfefferkorn, einer Audienz harrend, vorfand.
Dieſer trat auf ihn zu und ſprach: „Wenn ich Euch rathen ſoll, Joſelin, ſo eilt von hinnen, ſo ſchnell Ihr könnt. Der Kurfürſt lieſt ſoeben meinen „Brandſpiegel.“ Nachher ſoll ich vor Seiner Kurfürſtlichen Gnaden erſcheinen dürfen. Ihr könnt Euch vorſtellen, daß Allerhöchſtdieſelben, Euch nicht gnädiglich empfangen werden.“
Rabbi Joſelmann antwortete nicht.
191„Wer iſt der freche Menſch?“ fragte ihn Ulrich von Hutten.
„„Es iſt der berüchtigte Pfefferkorn.“““
„Ha, dieſes Geſchmeiß! Ich möchte mein neues Schwert nicht gern beſudeln, ſonſt . . . .“
„„Pſt, bedenkt, wir befinden uns im Vorzimmer des Kurfürſten!“““
„Ha“, ſchrie Pfefferkorn, „ich werde dem Kurfürſten erzählen, daß Ihr den Bann gebrochen und mich in ſeinem Palaſte bedroht habt. Man wird Euch Euren Kopf vor die Füße legen.“
Unterdeß ſaß Kurfürſt Albert in ſeinem Gemache und las den „Brandſpiegel“ von Pfefferkorn. Es war dies eine ſchändliche Schmähſchrift gegen die Juden und gegen Reuchlin. Die Ehre des größten deutſchen Gelehrten wie ſeine wiſſenſchaftliche Bedeutung wurden darin auf das Schrecklichſte angegriffen und die ärgſten Schimpfworte wurden gegen den Mann geſchleudert, welcher ſich der höchſten Achtung aller Wohlgeſinnten erfreute. Noch viel heftiger griff Pfefferkorn in dieſem ſeinem Pamphlete die Juden an; er forderte zu den grauſamſten Verfolgungen gegen ſie auf; man ſolle ſie nicht tödten, aber ihnen ihr Gut rauben und ſie dann zu den niedrigſten Arbeiten verwenden, zum Straßen-Kehren und Heimlich-Gemach=Fegen; man ſolle ihnen ihre Kinder rauben und dieſe taufen laſſen.
Als der Kurfürſt zu Ende geleſen hatte, rief er den dienſtthuenden Kammerherrn herbei und ſprach:
„Schau, was ich jetzt thue!“
Dann nahm er das Pamphlet und warf es in das lodernde Kaminfeuer.
„Geh' ins Vorzimmer“, ſagte er dann, „und ſprich zu dem Läſterer: Hebe Dich von hinnen und verlaſſe ſofort die Stadt und meine Staaten, 192ſonſt wird es dem Läſterer ergehen, wie ſeiner Läſterſchrift“1Wernher, der Mainzer Dom (Geſchichte der Kurfürſten von Mainz), Theil II, S. 378.
Der Kammerherr that wie ihm geheißen.
„Pfefferkorn!“ ſagte er zu dem im Vorzimmer Harrenden, „der Kurfürſt befiehlt Euch, ſofort Mainz und die kurfürſtlichen Staaten zu verlaſſen, ſonſt würde es dem Läſterer ergehen wie ſeiner Läſterſchrift, welche Seine Kurfürſtliche Gnade mit allerhöchſt-eigenen Händen ſoeben dem Feuer überantwortet haben.“
Pfefferkorn war wie erſtarrt, keines Wortes mächtig. Ritter Ulrich lachte und ſprach: „Jetzt iſt's in der That ein Brandſpiegel!“ — Rabbi Joſelmann aber rief laut und feierlich: „Meodêd Anowim Adonoi, maſchpil Reſchoïm adê Orez. Es richtet auf die Beſcheidenen der Ewige, erniedrigt die Böſewichter bis zur Erde.“
Pfefferkorn warf den Beiden giftige Blicke zu und eilte ohne Gruß von dannen.
„Und nun, Herr,“ redete Ritter Ulrich den Kammerherrn an, „habt die Gewogenheit, mich Seiner Kurfürſtlichen Gnaden anzumelden; ich heiße Ulrich von Hutten.“
Der Kammerherr verneigte ſich.
„Seine Kurfürſtliche Gnaden,“ ſagte er, „harren ſchon mit Sehnſucht des Augenblicks, den großen Dichter, den freimüthigen Kämpfer, den berühmten Gelehrten, der die lateiniſche Sprache gleich einem Cicero handhabt, kennen zu lernen.“
Er kehrte in das Gemach des Kurfürſten zurück. Wenige Augenblicke nachher öffnete ſich die Thüre deſſelben, und der Kurfürſt eilte, beide Arme ausbreitend, heraus.
193„Mi Ulrico“, rief er, „mein Ulrich, den perſönlich kennen zu lernen, ich mich ſeit lange ſehne, komm' in meine Arme, an mein Herz.“
Hutten ſtürzte dem Kurfürſten zu Füßen. Dieſer aber hob ihn auf, umarmte und küßte ihn. Dann zog er ihn hinein in ſein Zimmer.
Hier nun mußte Ulrich ſich zu dem Kurfürſten ſetzen, mußte erzählen von ſeinem Leben, ſeinen Werken. Es kam auch die Rede auf die Briefe der Dunkelmänner. Da erinnerte ſich Hutten ſeines Wohlthäters Joſelin, der bis dahin, vergeſſen, im Vorzimmer geharret hatte, und ſprach:
„Iſt es wahr, daß Eure Kurfürſtliche Gnaden, die Juden aus Dero Staaten verjagen wollen?“
„Ich muß, Ulrico“, ſagte der Kurfürſt, „ich habe es vor meiner Wahl feierlichſt verſprochen.“
„„Gnädigſter Herr, im Vorzimmer wartet der Kaiſerliche Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation, der Jude Joſelin von Rosheim. Wollen Eure Kurfürſtliche Gnaden nicht geſtatten, daß derſelbe hier erſcheine und ſein Anliegen vortrage?“““
„Nein, Ulrich, ich will den Mann nicht empfangen. Er würde mir das Herz ſchwer machen, und ich könnte ihm dennoch nicht zu Willen ſein. Was ich verſprochen, muß ich halten.“
Da warf ſich Ulrich dem Kurfürſten zu Füßen und umklammerte ſeine Knie.
„„Kurfürſtliche Gnaden““, bat er, „„ſchlagt mir die erſte Bitte nicht ab, die ich an Euch richte. Dieſer Joſelin iſt mein Freund, mein Wohlthäter. Er hat ſich meiner angenommen, da ich von aller Welt verlaſſen war, hat es durch ſeine edle Freigebigkeit möglich gemacht, daß ich vor Euch erſcheinen konnte; dieſe Kleider, die ich trage, das Schwert an meiner Seite, er hat mir das Alles 194erſt gegeben. Ich bitte Euch, gnädigſter Herr, höret ihn wenigſtens.“““
„Steh auf, Ulrich, und ſei nicht thöricht. Und wenn ich nun dieſen Juden empfange, was kann das an der Sachlage ändern? Soll ich etwa mein fürſtliches, feierlich gegebenes Verſprechen nicht halten?“
„„„Und ich habe verſprochen, Alles, was in meinen Kräften ſteht zu thun, damit Eure Kurfürſtliche Gnaden geſtatten, daß der Jude vor Eurem Angeſicht erſcheine und ſeine Angelegenheit Euch vortrage. Wollt Ihr dann, gnädigſter Herr, ihm nicht zu Willen ſein, ſo ſteht das ja noch immer bei Euch. Ich ſtehe nicht eher auf, bis Ihr dem Juden geſtattet, einzutreten.“““
„Du biſt ein ungeſtümer Ritter, Ulrich. So mag denn der Jude kommen, und Du magſt dabei ſein; aber hüte Dich, mich beſtimmen zu wollen, daß ich mein fürſtliches Wort nicht halte.“
I. Theil · Kapitel 38 · S. 194–199
XXXVIII.
„Tritt näher, Joſelin“, ſagte der Kurfürſt, als der Kammerherr den Angeredeten hereingeführt hatte, „Freund Ulrich hat mir viel Gutes von Dir erzählt. Du biſt vom Kaiſer zum Befehlshaber der deutſchen Judenheit eingeſetzt? Weißt Du wohl, daß das früher eine Prärogative der Mainzer Kurfürſten war? Ich könnte Dir dieſe Würde ſtreitig machen!“
„„Wollte Gott, Eure Kurfürſtliche Gnaden wären ſtatt meiner ein Schützer und Vertheidiger der Juden. Dann ſtünden meine Brüder unter einem mächtigeren und wirkſameren Schutze. Dann würden Eure Kurfürſtliche Gnaden nicht meine armen, unglücklichen Brüder aus Hochdero Staaten 195vertreiben wollen. Gnädigſter Herr! Seine Majeſtät, der Kaiſer hat mich dazu auserſehen, daß ich die Angelegenheit meiner Brüder an den Höfen der Fürſten vertrete. Ich habe zu meinem Schmerze vernommen, daß Eure Kurfürſtliche Gnaden in Verbindung mit Hochdero Nachbaren die Juden austreiben wollen. Wie man mir geſagt hat, geht die ganze Agitation von Kur-Mainz aus. Würde Kur-Mainz zurücktreten von dieſem unheilvollen Plane, ſo würden ihn auch die Anderen nicht ausführen wollen. Gnädigſter Herr, ich bitte Euch, laſſet ab, mein unglückliches Volk zu verfolgen. Was haben Euch meine beklagenswerthen Brüder gethan, daß Ihr ſie ihrer Heimath berauben wollt, ſie hinauszutreiben in Elend und Armuth, auf daß ſie als heimathloſe Bettler zu Grunde gehen?“
Rabbi Joſelmann hatte ſo ergreifend, ſo rührend geſprochen! Thränen entſtrömten ſeinen Augen; auch der junge Kurfürſt war gerührt.
„Sagte ich es Dir nicht, Ulrich“, ſprach er, „Du verurſachſt mir unnütze Aufregung. Aendern kann ich's doch nicht. Und Du, Joſelin, ſage Deinen Brüdern, daß ſie ſich taufen laſſen, ſo ſind ſie aller Noth und Verfolgung ledig.“
„„Gnädigſter Herr, Ihr ſeid ein erhabener Fürſt, ein Sohn des ruhmreichen Hauſes Brandenburg; aber Ihr ſeid auch ein Fürſt der Kirche. Könnt Ihr als Erzbiſchof einer ſolchen Zwangstaufe das Wort reden?“““
„Auch mein Bruder, Kurfürſt Joachim von Brandenburg, hat die Juden aus ſeinen Staaten ausgewieſen, nachdem er ihre Falſchheit und Treuloſigkeit erkannt hat.“
„„„Gnädigſter Herr, meine Brüder im Brandenburgiſchen ſind auf das Schändlichſte verleumdet worden von Menſchen wie dieſer Pfefferkorn, deſſen 196Läſterſchrift mein gnädigſter Herr dem Feuer überantwortet hat.“““
„Joſelin“, ſagte Ulrich, „Ihr müßt es anders anfangen. Es hilft Euch nichts, das Herz Seiner Kurfürſtlichen Gnaden zu rühren oder die Unſchuld der Juden zu erweiſen. Unſer gnädigſter Herr iſt durch ein Verſprechen gebunden; ſein Herz iſt nicht dabei.“
„„„Gelobt ſei Gott““„ rief Joſelin, „„das iſt eine Engelsbotſchaft, die ich vernehme.“““
„Ich verſtehe Dich nicht, Joſelin“, ſagte der Kurfürſt.
„„Gnädigſter Herr, wir haben in Deutſchland einen wohlwollenden Herrn und Gebieter; das iſt unſer allergnädigſter Kaiſer. Ich hätte mich gleich an des Kaiſers Majeſtät wenden und bitten können, daß kaiſerliche Majeſtät des Reiches Kammerknechte beſchütze. Allein der Kaiſer hat mir ſelbſt geſagt, er ſei ein Herrſcher über Könige; denn die deutſchen Fürſten folgten nur dann ſeinem Befehle, wann es ihnen beliebe, und ich ſchmeichle mir nicht, daß der Kaiſer unſeretwegen ſeinen Befehlen mit den Waffen Nachdruck verleihen würde. Wenn alſo Euer Kurfürſtlichen Gnaden edles Herz uns nicht feindlich geſinnt iſt, ſo wird des Kaiſers Verbot genügen, die Ausführung des gegebenen Verſprechens zu verhindern.“““
„Du biſt ein kluger Mann, Joſelin, und die Angelegenheiten Deiner Brüder befinden ſich bei Dir in den beſten Händen. Reiſe hin zum Kaiſer; ich wünſche Dir den beſten Erfolg. Wenn Maximilian mir und meinen Nachbarn verbietet, die Juden auszutreiben, ſo werde ich dieſem Verbote gehorſamen; merke Dir wohl, wenn es der Kaiſer verbietet. Es kann nichts nützen, wenn er nur davon abmahnt; denn eine bloße Abmahnung würde mich meines Verſprechens nicht entheben. Anders 197ein ſtrictes Verbot; ich habe als Reichsfürſt Kaiſerlicher Majeſtät zu gehorchen.“
„„O, habet Dank, gnädigſter Herr! Ich werde mich noch heute auf den Weg machen, das kaiſerliche Hoflager aufzuſuchen. Wenn ich nur wüßte, wo es gegenwärtig ſich befindet!“““
„Das kann ich Dir ſagen. Maximilian hält gegenwärtig in ſeiner und des Reiches Stadt Kaufbeuren Hof.“
Der Kurfürſt winkte mit der Hand. Rabbi Joſelmann verneigte ſich und wollte ſich zögernd entfernen.
„Du haſt noch etwas auf dem Herzen, Joſelin?“ fragte der Kurfürſt.
„„Gnädigſter Herr, ich habe heute die alte jüdiſche Grabſtätte hieſiger Stadt beſucht ...“““
„So, befindet ſich eine ſolche hier?“
„„„Zu Mainz wohnte noch vor hundert Jahren eine große und berühmte jüdiſche Gemeinde. Mainz war ſeit vielen Jahrhunderten der Stolz und die Freude der deutſchen Judenheit. Hier haben unſre größten Lehrer gelebt, unſre größten Männer gewirkt, hier haben Tauſende von Märtyrern ihr Leben hingegeben für die Heiligung des göttlichen Namens. Vor 96 Jahren hat der Mainzer Kurfürſt, Graf Adolph von Naſſau, ſie ausgewieſen. Unſer Gotteshaus iſt verfallen und die heilige Stätte, wo die großen Todten meines Volkes begraben ſind, liegt verwüſtet. Gnädigſter Herr! Wann das Verbot des Kaiſers Eurem edlen Herzen geſtattet, ein Freund und Beſchützer meiner beklagenswerthen Brüder zu werden, ſo erlaubt Einem oder dem Andern ſich in Mainz niederzulaſſen. Das goldene Mainz, die erſte Stadt in Deutſchland, die Reſidenz eines ſo erhabenen Fürſten — öffnet es wieder meinen Brüdern, damit die Synagoge erhalten bleibe und der Fried198hof Schutz finde, damit fremde Juden, die Geſchäfte halber ſich hier aufhalten müſſen, Herberge finden und Speis und Trank.“““
„Ich will das erwägen, Joſelin. Vorerſt aber muß das Verbot des Kaiſers mich meines Verſprechens entbinden.“
„„„Gott ſegne Euch, hoher Herr! Und nun möchte ich noch ein Wort ſprechen im Intereſſe meines hohen Herrn.“““
„Rede!“
„„„Der Leibarzt des hochſeligen Kurfürſten, Lippmann Beifuß, iſt einer der geſchickteſten Aerzte. Gott ſchenke Eurer Kurfürſtlichen Gnaden dauernde Geſundheit, allein . . . .“““
„Sollte ich eines Arztes bedürfen, ſo werde ich des von Dir Empfohlenen gedenken. Lebe wohl, Joſelin!“
Rabbi Joſelmann verneigte ſich tief und wollte ſich entfernen. Da ſprang Ritter Ulrich auf ihn zu, ergriff ſeine Hand und ſchüttelte ſie.
„Lebt wohl, edler Mann“, ſagte er gerührt. „Gott ſchütze Euch! Gute Verrichtung beim Kaiſer!“
Rabbi Joſelmann kehrte noch an demſelben Tage nach Frankfurt zurück, um ſich zur Reiſe an das kaiſerliche Hoflager zu rüſten. — In Frankfurt erfüllten ſeine Nachrichten die geängſtigten Herzen der dortigen Juden mit freudiger Hoffnung. Man zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß der Kaiſer dem Wunſche Rabbi Joſelmanns willfahren und den Fürſten am Rhein die Ausweiſung der Juden verbieten werde. Rabbi Joſelmann ſelbſt war keineswegs von freudiger Zuverſicht beſeelt. Er kannte das wankelmüthige Herz des Kaiſers, den im Augenblicke nichts Anderes beſchäftigte als das Beſtreben, die Nachfolge im Reich ſeinem Enkel Carl zu ſichern, und der vor199ausſichtlich zum Erlaß eines ſtricten Verbotes an die Fürſten, um deren Gunſt er warb, ſchwer zu beſtimmen ſein würde. Außerdem war eine Reiſe mitten im Winter in das Schwäbiſche Alpenland mit großer Mühe und vielen Gefahren verknüpft in einer Zeit, in der es Landſtraßen nur wenige gab und alle Wege durch wilde Thiere und Räuber gefahrvoll waren. Aber das Vertrauen auf Gott und die Liebe zu ſeinem Volke waren ſtärker als alle Bedenken.
I. Theil · Kapitel 39 · S. 199–204
XXXIX.
Wenn man heutzutage von Frankfurt am Main nach Kaufbeuren reiſen will, ſo ſetzt man ſich bequem in den Eiſenbahnwagen — möglichſt in einen „durchgehenden Wagen“, damit man auch die Mühe des Umſteigens erſpare — und iſt, wenn man den Courierzug benutzt, nach zehn bis zwölf Stunden an Ort und Stelle. Umſtändlicher war es noch zu unſrer Väter Zeit; da gebrauchte man, wenn man mit der Poſt fuhr, wohl eine Woche und mehr, um die hundert Wegſtunden zurückzulegen. Anders war es zu Rabbi Joſelmann's Zeit. Zwar gab es damals ſchon eine Poſtverbindung — Kaiſer Maximilian hatte ſie eingerichtet —; aber dieſe Poſt war nur eine reitende, durch welche lediglich Briefe und kleine Paquete befördert werden konnten. Und doch hatte auch dieſe primitive Poſteinrichtung eine große Erleichterung des Reiſens gebracht. Man konnte die Poſtreiter (chevalier, im Volksmunde Schwalger, woraus ſpäter Schwager wurde, wie man ja heute noch den Poſtillon zu nennen pflegt) zu Pferde begleiten, und ſo wenigſtens, da die kaiſerlichen Poſtreiter ſtets gut bewaffnet waren, mit ziemlicher Sicherheit reiſen. Auch Rabbi Joſelmann beſchloß, 200ſich den Poſtreitern, die von Frankfurt nach Augsburg die Briefpoſt beförderten, anzuſchließen. Eine Schwierigkeit lag aber in dem Sabbat. Die Poſtreiter ritten Donnerſtags von Frankfurt ab und hielten Sonntags in Würzburg einen Ruhetag. Rabbi Joſelmann gab den Männern ein reichliches Trinkgeld, ſo daß ſie ihm verſprachen, diesmal ſtatt am Sonntage für den Samſtag ihren Ritt zu unterbrechen. So ging es denn fort, Donnerstags in der Frühe, über Hanau nach Aſchaffenburg. Freitags ritt man durch den Speſſart bis Lohr und Sonntags bis Würzburg. Dann ging es weiter über Rothenburg an der Tauber, Oettingen und Nördlingen bis Donauwörth. Am Freitag kamen die Poſtreiter und mit ihnen Rabbi Joſelmann in Augsburg an. Da aber die Poſtreiter, welche die Poſt für den Kaiſer nach Kaufbeuren zu bringen hatten, ſchon Samſtags ihren Weg dahin fortſetzen mußten, ſo beſchloß Rabbi Joſelmann ſich von ihnen zu trennen und den Sabbat in dem benachbarten Kriegshaber zuzubringen. Am Sonntag ritt er in aller Frühe von dort fort und kam Dienſtags glücklich in Kaufbeuren an. Hier aber bemühte er ſich vergeblich um Einlaß in die kaiſerliche Burg. Der Kaiſer war leidend und hatte befohlen, Niemanden vorzulaſſen. Die reichlich geſpendeten Goldmünzen verfehlten ihre Wirkung. Rabbi Joſelmann wollte die Vermittelung ſeines alten Freundes Kunz von der Roſen nachſuchen; allein der luſtige Rath Maximilians weilte nicht mehr unter den Lebenden. Dann wollte er ſich an den Grafen Cyprian Sernteimer von Nordheim, des Kaiſers Hofkanzler wenden; aber auch dieſer ſchlummerte ſchon im Schooße der Erde. Es hatte ſich in den ſechs Jahren, in welchen Rabbi Joſelmann des Kaiſers Hoflager nicht aufgeſucht, gar Vieles in der Um201gebung Maximilians verändert. Neue, dem jüdiſchen Befehlshaber ganz unbekannte Leute umgaben des Kaiſers Perſon. Verzweiflungsvoll lief Rabbi Joſelmann in den Straßen der freien Reichsſtadt Kaufbeuern umher; er wußte nicht, wie er zu dem Kaiſer vordringen ſollte.
„O, Gott“, betete er in ſeinem Herzen, „Du haſt mir ſchon ſo oft geholfen in der höchſten Noth. Sende mir auch heute einen hilfreichen Engel, daß es mir gelinge, das drohende Verderben von meinen Brüdern abzuwenden!“
Da trat ein Hauptmann der Landsknechte auf ihn zu.
„Siehe da, Herr Jude“, rief er, „ſehe ich Euch einmal wieder nach dreizehn langen Jahren!“
Rabbi Joſelmann ergriff die dargebotene Hand und betrachtete den Sprecher.
„Ah“, rief er, „ſeid Ihr doch der tapfere Fähndrich von anno drei, der die Fahne nicht ſchwenken wollte über die raubſüchtigen Landsknechte. Ich ſehe, Ihr ſeid avancirt und ſeid ſicherlich ein ebenſo wackerer Hauptmann wie Ihr ein biederer Fähndrich ward. Mir aber ſeid Ihr wie ein Engel Gottes. Ich muß zum Kaiſer, Hauptmann. Verſchafft mir Zutritt, und ich will es Euch reichlich lohnen.“
„„Dazu kann Rath werden. Kommt morgen in die Burg; ich habe dann die Wache und führe Euch ſelber bis in das Vorzimmer des Kaiſers.“““
„Habet Dank, edler Mann! Ihr ſeid ſchon einmal unſer Beſchützer geweſen, dazumal, als Euer Hauſe die Juden in Rosheim plündern wollte.“
„„„Ja, Herr, ich habe oft genug daran gedacht. Sie alle, die damals mit mir waren, der Hauptmann, die Doppeltſöldner, ſelbſt die jungen Knechte — es lebt nicht einer mehr von ihnen. 202Sie alle ſind entweder in der Schlacht gefallen, von Seuchen hingerafft oder wegen Meuterei gehenkt worden. Mich aber hat in all den vielen Schlachten, in denen ich gekämpft, keine Kugel getroffen, kein Schwerthieb verwundet; ich ſtand in den Lazarethen, wo Peſt und Fieber ihre Ernte hielten, und habe niemals Anſteckung geſpürt. Ich habe dieſe wunderbaren Erfolge dem Segen zugeſchrieben, den Ihr mir damals ertheilt, als ich ſo energiſch die Landsknechte von der Plünderung der Juden in Rosheim abhielt. — Jetzt bin ich ſchon viele Jahre Hauptmann; unſer alter Kaiſer, Gott laſſe ihn geſund, liebt mich und läßt mich nicht aus ſeiner Nähe. Er will mich zum Ritter ſchlagen und zum Kriegsoberſten ernennen. Daher darf ich mir ſchon mehr herausnehmen als mancher Andere. Und wenn auch Max es verboten hat, Jemanden vor ihn zu laſſen — ich führe Euch doch zu ihm. Er iſt ein guter Herr und wird uns nicht auffreſſen.“““
Und nun mußte Rabbi Joſelmann dem Hauptmanne von ſich und den Seinen erzählen. Lange plauderten ſie noch mitſammen, der Hauptmann der Landsknechte und der Befehlshaber der Juden.
Am andern Tage erſchien Rabbi Joſelmann zur beſtimmten Stunde im Burghofe. Der Hauptmann erwartete ihn ſchon und führte ihn, ungehindert, bis in das Vorzimmer des Kaiſers.
„Gnädiger Herr“, ſagte er hier zu dem dienſtthuenden Kammerherrn, „Seine Majeſtät haben zwar befohlen, Niemanden vor ihn zu laſſen. Ihr aber wißt ja am Beſten, daß Ausnahmen zugelaſſen werden. Hier, der kaiſerliche Befehlshaber Joſelin, Jude von Rosheim, hat in wichtigen Angelegenheiten mit Seiner Majeſtät zu reden. Thut mir den Gefallen und meldet ihn dem Kaiſer.“
203„Wenn es Euch ein Gefallen iſt, Hauptmann Jürgen“, antwortete der Kammerherr, „ſo will ich es thun, trotzdem ich fürchten muß, von unſerm Herrn barſch angefahren zu werden. Die Krankheit macht ihn gar verdrießlich.“
Er ging in das Zimmer des Kaiſers; nach wenigen Minuten brachte er den Beſcheid, daß der Herr Befehlshaber eintreten ſolle.
Maximilian ſaß auf einem Lehnſtuhle, in Decken eingehüllt, wiewohl das Feuer im Kamin hell brannte und eine große Wärme im Gemache verbreitete.
„Willkommen, Joſelin, Gottes-Willkommen!“ rief er dem Eintretenden entgegen. „Nun, läßt Du Dich auch einmal wieder bei mir ſehen? Es ſind jetzt ſechs Jahre, ſeitdem Du in Salzburg bei mir geweſen. Gehört habe ich zwar von Dir und Deine Eingaben geleſen und ſie alle genehmigt. Dir haben es Deine Brüder zu verdanken, daß ſie noch heute in Colmar und Ober-Ehenheim ungeſtört wohnen dürfen und daß man in den andern Städten des Elſaß nicht mehr daran zu denken wagt, ſie auszutreiben.“
„„„O, Majeſtät, wie habe ich mich ſeit langer Zeit danach geſehnt, unſerm gütigen Schirmherrn perſönlich meinen Dank auszuſprechen!“““
„Schon gut, ſchon gut. Wie iſt es Dir ergangen in der langen, langen Zeit? Ich, ich bin ein hinfälliger Greis geworden, der mehr an das Jenſeits als an das Diesſeits zu denken hat. — Ich habe oft an Dich gedacht, Joſelin, und mich der Unterhaltung mit Dir wohlgefällig erinnert. Du biſt ein gelehrter, ein weiſer Mann; ſag, glaubſt Du, daß ich der ewigen Seligkeit werde theilhaftig werden? Aber keine Schmeichelei, keine Heuchelei, ſondern die volle Wahrheit. Ich darf vorausſetzen, daß du mein Leben, Thun und Trei204ben kennſt. Hat man doch dafür geſorgt, ſelbſt meine geringſten Fehltritte der öffentlichſten Oeffentlichkeit zu übergeben.“
„„„Majeſtät, die guten Thaten der Menſchen und die ſchlimmen werden einſt gewogen werden vom höchſten Richter. Ich glaube, die einzige Gutthat, daß Eure Majeſtät den allgemeinen Landfrieden eingeführt und aufrecht erhalten haben, wird ſchwer genug wiegen, um Eurer Majeſtät die ewige Seligkeit zu ſichern.“““
„Ich danke Dir, Joſelin, Dein Wort gewährt mir eine große Beruhigung. Ich bin zwar noch nicht alt; allein die Anſtrengungen meiner unruhigen und mühevollen Regierung haben meine Geſundheit zerrüttet. Wie lange noch — und ich werde vor meinem ewigen Richter ſtehen. Jetzt hege ich nur noch den einen Wunſch, meinem Enkel Carl die Nachfolge im deutſchen Reich zu ſichern. Deßhalb muß ich mir die deutſchen Fürſten und namentlich den Kurfürſten von Mainz günſtig ſtimmen. Und Du, Joſelin, Du kömmſt, um Dich über dieſe Fürſten zu beklagen. Ich habe ſchon Nachrichten über die Tagfahrt der rheiniſchen Fürſten zu Frankfurt. Wenn das der Zweck Deines Kommens iſt, Joſelin, ſo ſpare Deine Worte. Ich kann mich der Juden halber nicht mit den Fürſten entzweien, in dieſem Zeitpunkte am allerwenigſten. Ich gedenke einen Reichstag in Augsburg abzuhalten, da hoffe ich, daß Carl zum römiſchen König wird gekürt werden. Du ſelbſt wirſt einſehen, daß ich mir da die Fürſten zu Freunden erhalten muß.“
I. Theil · Kapitel 40 · S. 204–210
XXXX.
Rabbi Joſelmann wurde durch die Worte des Kaiſers ſehr hart betroffen. Er betete in ſeinem 205Herzen zu Gott, daß Er ihm das rechte Wort in den Mund lege, um den Kaiſer anderen Sinnes zu machen.
„Majeſtät,“ ſagte er, „als unſer Vater Jakob, allein und verlaſſen, aus dem Vaterhauſe entfliehen mußte vor ſeinem Bruder Eſau, da erſchien ihm in der Nacht im Traume eine Leiter, die auf der Erde ſtand und deren Spitze bis in den Himmel ragte; und Engel Gottes ſtiegen hinauf und hernieder an ihr. Welches ſind die Engel Gottes, die an dieſer Leiter emporſtiegen und welches ſind die, ſo herniederziehen müſſen? — Die Engel Gottes ſind die Kaiſer und Könige, die Lenker der Geſchicke der Völker, und wir armen verfolgten und unterdrückten Juden, wir gleichen dem aus dem Vaterhauſe fliehenden, von ſeinem Bruder verfolgten Jakob. Die Kaiſer und Könige, die uns Gutes erweiſen, ſie dürfen emporſteigen an der Himmelsleiter, aber die, ſo uns wehe thun — ſie müſſen hinab, hinunter zum ewigen Verderben. Majeſtät, nicht der Fürſten Gunſt oder Ungunſt, ſondern der Rathſchluß des allmächtigen Gottes wird Eurer Majeſtät Enkel die deutſche Kaiſer=Krone auf das Haupt ſetzen oder ſie ihm entziehen.“
Der Kaiſer antwortete nicht; er ſaß da, in tiefes Nachdenken verſunken.
„Majeſtät,“ fuhr Rabbi Joſelmann zu reden fort, „ich habe Gottes gnädige Fürſorge unzählige Mal empfunden, aber nie in dem Grade, wie eben in dieſer Angelegenheit, um deretwillen ich mich jetzt Eurer Majeſtät zu Füßen werfe. Ich fand in Frankfurt am Main einen in Lumpen gehüllten Jüngling, der ſich für einen Ritter, einen Dichter und Gelehrten ausgab. Niemand glaubte ihm, Niemand wollte ihm helfen. Ich erbarmte mich ſein, kleidete ihn und gab ihm eine ſtandesgemäße 206Ausſtattung, kaufte ihm Rüſtung, Schwert und Roß. Und dieſer Mann war es, der mein Fürſprecher wurde bei dem jungen Kurfürſten von Mainz, ſo daß derſelbe mich gnädiglich anhörte und mir verſprach, von jedweder Verfolgung meiner Brüder abzulaſſen, wenn Eure Majeſtät ihm dies befehlen würden.“
„„Und wer war jener fahrende Ritter?“““
„Er nannte ſich Ulrich von Hutten.“
„„Ah; der junge Ulrich von Hutten! Ich kenne ſeinen Namen; er iſt ein großer Dichter und hat mir ein Lobgedicht auf meine Perſon eingeſandt. Alſo, Du ſagſt, Kurfürſt Albert wird es mir nicht übel deuten, wenn ich mich meiner Kammerknechte annehme? Wahrſcheinlich iſt er durch ein Verſprechen gebunden, und iſt vielleicht froh, wenn mein Befehl ihn an der Ausführung hindert.“““
„Eurer Majeſtät Weisheit iſt die Wahrheit nicht verholen geblieben.“
Maximilian zog an einer Klingelſchnur, der dienſtthuende Kammerherr trat ein.
„„Rufe mir den Kuttenfelder!“““
Der Kammerher ging.
„„Ja, ja,“„ ſagte der Kaiſer, „„mein alter Cyprian iſt geſtorben wie ſo viele andere meiner Freunde und Räthe. Nur noch wenige Jahre, und ich werde ihnen nachfolgen!“““
„Gott erhalte Eure Majeſtät noch lange geſund und kräftig!“
Der Hofkanzler trat ein.
„„Kuttenfelder,“„ ſagte der Kaiſer, „„ſetze ein Schreiben auf an den Kurfürſten von Mainz, daß ich ihm ernſtlichſt verbiete, die Juden aus ſeinen Landen zu vertreiben. Du findeſt alles Nähere in den geſtern angekommenen Briefſchaften und namentlich in der Bittſchrift der Juden zu Frankfurt.“““
207„Majeſtät verzeihen,“ ſagte Rabbi Joſelmann, „wenn ich mir noch ein Wort zu reden erlaube. Wollten nicht Majeſtät gnädigſt an jeden einzelnen der in Frankfurt verſammelt geweſenen Fürſten, Grafen und Reichsſtände eine allerhöchſte Abmahnung ergehen laſſen?“
„„Auch das! Beſorge es, Kuttenfelder! Und Du, Joſelin, komme morgen um dieſe Stunde wieder; da will ich Dir die Briefe zur Einſicht vorlegen.“““
Als am andern Morgen Rabbi Joſelmann vor dem Kaiſer erſchien, lagen die Briefe zur Unterſchrift des Kaiſers bereit; er reichte ſie dem Juden und ſprach:
„Lies, ehe ich unterſchreibe. Vielleicht haſt Du etwas daran auszuſetzen, ſo ſoll es geändert werden.“
Rabbi Joſelmann las:
„Ehrwürdiger Lieber Neven und Churfürſt. Uns haben die gemeine Judiſchheit am Rein und daſelbſt umb wohnhaft zu erkennen geben laſſen, wie wol ſie von einer jeden herſchaft darunter Sy dan geſeſſen. Auch ſonderlich die ſo in deiner Lieb, Stift und gebiet waren von dir in eingangs deiner Regierung auf eine benannte Anzall Jare, in Ewern Landen, herrſchaften und gebiten zu wonen gefreyet und deshalben mit genugſamer verſchreybungen verſichert worden ſeyen. So ſoll doch unangeſehen deſſelben Dein Lieb bey andern, vnder denen bemelt Judiſchheyt zum teil ſitzen in ſtrenger und täglicher Uebung und Handlung ſei, dieſelbig Judiſchheit aus Euren gepiten auszutreyben, vnnd Kainen mer anzunemen, vnd deshalben verſchiner Zeit mit andern mer zu Frankfurt trefentlich Handlung und Tagſatzung gehalten, Auch jetzo zu beſchluß vnnd vollziehens ſolcher Euer fürgenomenen Handlung abermals einen Tag daſelbſthin gen 208Frankfurt auf Sontag nach Jnvocavit — 8. März — in der vaſten ſchierſkünftig angeſetzt und ausgeſchrieben haben, deſſen Sy ſich merklichen vor uns beſchwert vnnd uns darauf umb vnſer gnedig Hilf demuetlich angerufen vnd gebetten vnnd ſo dan ſolch fürnemen vnnd austreybung bemelter Judiſchheit on unſer ſonder wiſſen vnnd vergonnen (dhweil die on alles in unſer und des Reichs Kammer geboren vnnd gebraucht werden) nit zugeen, noch geſchehen ſoll oder mag; So empfehlen wir deiner Lieb mit ganzem Ernſt vnnd ſonder vleiſs, daz du abir den Engemeltten furgenomenen Tag wiederumb abkundeſt vnnd mer darin nichts handelſt, Sondern die Judiſchheit in deiner Lieb Stift vnnd gebiett wie bisher Laut yr beyhandigen Freyheit wonen, vnd an unſern willen vnd zugeben nit austreiben laſſeſt, daran thunt dein Lieb genutzlich vnſer ernſtliche mahnung. Geben in vnſer und des Reichs Statt Kaufpeuren am acht und zwanzigſten tag Januarij. Anno millesimo quingentesimo sexto decimo, vnſres Reichs im dreißigſten Jar.
Ad mandatum Imperatoris
Kuttenfelder.“
„Dank, Majeſtät, unendlichen, innigen Dank!“ rief Rabbi Joſelmann, als er das Schreiben zu Ende geleſen. Der Kaiſer reichte ihm darauf das andere Schreiben. Rabbi Joſelmann las auch dieſes; es lautete:
„Wir Maximilian von Gottsgnaden erwelter Römiſcher Keyſer zu allen zeiten merer des Reichs in Germanien, zu Hungarn, Dalmatien, Croatien ꝛc. König, Erhherzog zu Oeſtreich, Herzog zu Burgund, zu Brabant und Pfalsgrave ꝛc. entbieten dem Erwürdigen, hochgebornen unſer Neven, Schwager, Churfürſten, wolgebornen, Edeln, Erſamen, andächtigen vnd des Reichs lieben getreuen Albrecht und 209Erzbiſchofen zu Mainz und Magdeburg, des heiligen Römiſchen Reichs in Germanien Erzkanzler, Ludwig Palltzgraven bey Rein, Herzogen in Bayern, des heiligen Römiſchen Reichs Erztruchſeſſen, vnd Abt des Gotshaus Fulda, vnd dem Capitel des Domſtifts zu Meintz, Michaeln vnd Georgen, Grauen von Wertheim, vnd den Grauen von Hanaw zu Hanaw vnnd Babenhauſen, Philipſon, Grauen zu Naſſau zu wiesbaden vnd den Gauerben der Schlöſſer Fridberg, Cronberg, Geilnhauſen, Lintheim, Ruckingen, Falkenſtein vnd Burgermeiſter vnd Räthen der Stadt Worms, Franckfurt, Geilnhuſen vnd Wetzlar, vnſre freundſchaft, gnade vnd alles gut Erwürdigen hochgebornen vnſren Neven, Schwager, Churfürſt, Fürſten, Wohlgebornen Edlen, Erſamen, Andechtigen vnd des Reichs lieben getreuen. Uns hat die gemeyne Judiſchheit in ewern Landen und gepieten ſeßhaft zu erkennen geben laſſen, wiewol ſie von ewern jeden in ſunderheit uff ein benamtanzahl Jar in denſelben ewern Landen vnd gepieten zu wonen gefreyet vnnd deshalben genugſame Verſchreibungen verſichert worden ſeyen, So ſollt Jr doch vnangeſehen ynn ſtrenger vnnd täglicher Uebung und Handlung ſein, dieſelbe Judiſchheit aus ewern Gepieten außzutreiben vnnd keinen mer anzunehmen vnnd deßhalb verſchiedener Zeit zu Frankfurth treffentlich Handlung vnnd Tagleyſtung miteinander gehalten. Auch ytzo zu beſchluß vnnd vollziehung ſolcher ewer fürgenommen Handlung abermals einen Tag daſelbſthin gein Frankfurt auf Montag nach Invocavit in der Faſten ſchierſkünftig angeſezt vnnd ausgeſchrieben, das ſie ſich merglichen vor uns beſchwert vnnd vns darauf vm vnſere Kaiſerlich Hilff vnderthäniglich angerufen vnnd gebetten haben vnnd ſodann ſolich furnemen vnd austreibung bemelter Judiſchheit on vnſer ſonder wiſſen vnd ver210gönnen, dieweil die on allen mittel in unſer und des Reichs Camer gehören vnnd gebraucht werden, nit zugeben und geſcheen ſoll, oder mag, So fragen wir ſolicher ewer Handlung und fürnemens nit unpillig misfallen, vnd gebieten, darauf auch allen vnd ewer jeden inſonderheyt mit ganzem ernſt und wollen, das Jr alſo dem obgemelten fürgenommenen vnd angeſetzten Tag Keinesweges beſucht, noch ferner durin handelt oder procediren, ſondern genzlich damit ſtillſteen vnnd die Judiſchheit in den berürten oweren landen und gepieten wie bisher laut Jrer beyhendigen Freiheit wonen, vnnd on unſern willen vnd zugeben nit austreiben laſſet, daran thut Jr genutzlich vnſer ernſtlich meynung. Geben in unſer vnd des Reichs Statt Kauffpewern am neun und zweintzigſten Tag des Monats January, fünfzehnhundert und im Sechtzehnten, unſeres Reichs des Römiſchen ym dreyſichſten vnnd des hungariſchen im Sechs vnnd zweintzigſten Jare.
Ad mandatum Dominini Imperatoris
Kuttenfelder.1Die Originale dieſer beiden Briefe befinden ſich im ehemaligen Kurfürſtlich-Mainzer Archiv.“
„Majeſtät,“ ſagte Rabbi Joſelmann, als er zu Ende geleſen hatte, „unſere Gebete und die unſerer Kinder werden ſtets für Euer Majeſtät zeitliches und ewiges Heil zu Gott emporſteigen.“
Der Kaiſer ließ ſich eine Feder reichen, unterſchrieb die beiden Briefe und übergab ſie dem Hofkanzler zur Weiterbeförderung.
I. Theil · Kapitel 41 · S. 210–215
XXXIX.
„Joſelin“, ſagte der Kaiſer, als der Hofkanzler ſich entfernt hatte, „da Du bei mir in Salzburg 211warſt, habe ich Dich zum Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation eingeſetzt; ich möchte Dir auch heute eine Gnade zu Theil werden laſſen. Wer weiß, ob ich Dich jemals wiederſehe; ich fühle es, meine Lebensfackel neigt ſich dem Ende zu.“
„„Gott gebe Eurer Majeſtät ein hohes und glückliches Alter! Wird jemals wieder ein Kaiſer ein ſo gnädiger und gütiger Schirmherr meiner Glaubensgenoſſen ſein? Majeſtät, Euer Enkel, König Carl, iſt König von Hiſpanien. Dort hat man meine Brüder und Verwandten grauſamlich ausgetrieben. Und wenn nun der König von Spanien wird deutſcher Kaiſer werden, wird er da nicht den Judenfeinden ein geneigtes Ohr leihen und uns auch aus Deutſchland verjagen? Daher nehme ich mit Freuden die mir von Eurer Majeſtät dargebotene Gnade an und bitte um eine Empfehlung an König Carl von Eurer Majeſtät eigener Hand.“
Der Kaiſer ergriff die noch vor ihm liegende Feder und ſchrieb den nachfolgenden Brief:
Mein lieber Sohn Carl!
Der Inhaber dieſes Schreibens iſt der Jude Joſelin von Rosheim, den ich zum Befehlshaber und Regieker der geſammten Judenheit deutſcher Nation eingeſetzt habe. Der Mann iſt ebenſo klug wie treu, brav und fromm. Sollten Dich die deutſchen Fürſten zu ihrem Kaiſer erwählen, ſo bitte ich Dich, dieſen edlen, guten und braven Joſelin in ſeiner Würde zu beſtätigen und den Juden in deutſchen Landen ein gnädiger Schirmherr und Beſchützer zu ſein. Dein getreuer Großvater Maximilian, m. p.
Gegeben in unſrer und des Reiches Stadt Kaufbeuren, 29. Januar 1516.
212Der Kaiſer unterſtegelte das Schreiben mit dem Sigelringe an ſeinem Finger und übergab es dem jüdiſchen Befehlshaber. Dieſer verneigte ſich und küßte den Saum von des Kaiſers Gewand. Maximilian aber reichte ihm die Hand, die Rabbi Joſelmann an ſeine Lippen führte.
„Leb' wohl, Joſelin“, ſagte der Kaiſer, und Rabbi Joſelmann ging. Er ſuchte dann den Hauptmann Jürgen auf, dem er einen koſtbaren Diamantring zum Andenken verehrte. Dann ritt er fröhlichen Muthes der Heimath zu.
In Frankfurt und in allen oben näher bezeichneten Städten und Ländern ſah man mit Spannung der Rückkehr Rabbi Joſelmanns entgegen. Tag und Nacht wurde die Synagoge in Frankfurt von Betern nicht leer, die in heißinnigem Gebete zu Gott um Abwendung des drohenden Unheils fleheten. Da kam der Brief des Kaiſers an den Senat, und die Juden erhielten durch ihre Kundſchafter ſofort Nachricht davon. Die Freude war groß, unbeſchreiblich. — Bald nachher kam Rabbi Joſelmann in Frankfurt an und wurde mit einer Begeiſterung empfangen, die er nicht zu mäßigen vermochte. Alles drängte ſich an ihn, um ſeine Hand zu küſſen und den Saum ſeines Gewandes. Diesmal ließ man ihn in Frankfurt nicht los; er mußte verſprechen, Weib und Kinder von Rosheim zu holen und ſeinen Wohnſitz für die Dauer in Frankfurt zu nehmen, ein Frankfurter zu werden.
Unterdeß thaten die vom Kaiſer erlaſſenen Verbote die gewünſchte Wirkung. Am 8. März erſchien in Frankfurt Niemand als die Geſandten des Domcapitels zu Mainz, die conſtatirten, daß Niemand gekommen und in Folge des kaiſerlichen Verbots die Pläne gegen die Juden vereitelt ſeien.
213Jetzt war Kurfürſt Albert ſeines Verſprechens ledig, und er wurde den Juden ein wohlwollender Herr. Schon am 3. Juli 1517 geſtattete er einem Juden aus Bingen, Namens Moſes, ſich mit ſeiner Familie in der Vorſtadt von Mainz, Vilzbach, niederzulaſſen, Judenburger zu Vilzbach zu werden. Am 20. Januar 1518 geſtattete der Kurfürſt dem Juden Seligmann und deſſen Kindern, Moſes und Bulchen, ſich in der Stadt Mainz ſelbſt niederzulaſſen, eine jüdiſche Wirthſchaft und ein kaltes Bad (Mikwah) einzurichten. Das ſind die Anfänge der gegenwärtig in Mainz blühenden israelitiſchen Gemeinde. Durch ſtets neuen Zuzug wuchs die junge Gemeinde bald derart, daß ſie die alte, verfallene Synagoge wieder herſtellen und einen Rabbiner anzuſtellen vermochte. Der erſte Rabbiner der wieder aufblühenden Gemeinde war Rabbi Joſua Moſcheh, ein Sohn des berühmten Rabbi Salomon Lurja (Meharſchal).
Ehe Rabbi Joſelmann in die Heimath zurückkehrte, ging er nach Worms, um ſeinen Sohn Jakob, der glänzende Fortſchritte in den talmudiſchen Studien gemacht hatte, zu beſuchen. Derſelbe war nunmehr ein Jüngling von 18 Jahren, und es wurde beſtimmt, daß im Frühjahre ſeine Hochzeit gefeiert werden ſollte. Dann wollte Rabbi Joſelmann mit Weib und Kindern zur Hochzeit nach Worms kommen und von dort aus nach Frankfurt überſiedeln. Auch von den Wormſer Juden, die ebenfalls von der Ausweiſung bedroht geweſen waren, wurde dem Befehlshaber ein feierlicher Empfang bereitet. Wie in Frankfurt, ſo drang man auch in Worms in Rabbi Joſelmann dieſer alten, großen und blühenden Gemeinde ſich anzuſchließen, ja man bot ihm den durch den Tod des Rabbi Meïr ben Jizchak vacant gewordenen Rabbinerpoſten an. Es ſollten ihm keine Pflich214ten aufgelegt werden, da die Dajanim alle Functionen zu beſorgen beauftragt waren; es ſollte ihm nur ein Ehrenamt ſein. Allein Rabbi Joſelmann mußte die ihm zugedachte Ehre ablehnen; er hatte ſein Wort gegeben, Frankfurter „Baal-Bajiß“ zu werden.
Aber auch dieſes Verſprechen konnte Rabbi Joſelmann noch nicht einlöſen. Als er nach dem Elſaß zurückkehrte, fand er dort große Aufregung und Gährung vor. Die bäuerlichen Aufſtände, die ſpäter eine ſo große Ausdehnung (der Bauernkrieg) gewinnen ſollten, nahmen im Elſaß ſchon jetzt ihren Anfang. Die Wuth der Bauern richtete ſich gegen die Edelleute, die Geiſtlichen und die Juden. Kaum hatte Rabbi Joſelmann Frau und Kinder wiedergeſehen, als ein Bote ihn benachrichtigte, daß in Türkisheim die Juden aus dem Dorfe gejagt worden ſeien und ſich in Lebensgefahr befänden. Es war dies der Ausbruch einer weitverzweigten Verſchwörung. Männer aus Sulz, Dambach, Scherweiler und vielen andern Orten hielten nächtliche Zuſammenkünfte am Ungersberge, machten weitgehende Pläne und gelobten ſich unter den furchtbarſten Eidſchwüren Treue und Verſchwiegenheit; die Frohnden ſollten abgeſchafft, die Zölle und Steuern beſeitigt werden; man wollte die Edelleute, Geiſtlichen und Juden tödten und ihr Vermögen theilen. Zu früh war der Aufſtand in Türkisheim ausgebrochen.
Rabbi Joſelmann eilte nach Enſisheim und warf ſich dem Kaiſerlichen Landvogt Wilhelm von Rappoltſtein zu Füßen, um ihn zu beſchwören, den bedrängten Juden von Türkisheim zu Hilfe zu eilen. Der Landvogt wollte ohne den Biſchof von Straßburg nichts unternehmen. Da eilte Rabbi Joſelmann nach Straßburg; er fand den Biſchof willfährig. Nun zogen die Reiſigen des Biſchofs 215mit denen des Burggrafen aus, um die aufſtändiſchen Bauern zu bekriegen. Die Schaaren der Bauern — denen von Türkisheim hatten ſich die der benachbarten Ortſchaften angeſchloſſen — wurden zu Paaren getrieben. Ihr Anführer, Hans Ulmann aus Schlettſtadt, wurde geviertheilt, andere Rädelsführer gehenkt. Für diesmal war der Aufſtand unterdrückt. Die vertriebenen Juden durften wieder in ihre Häuſer zurückkehren. — Aber die Gährung dauerte fort, und in ſo gefährlichen Zeiten wollte Rabbi Joſelmann ſeine Landsleute nicht verlaſſen.
I. Theil · Kapitel 42 · S. 215–220
XLII.
Wir haben bereits im vorigen Capitel erwähnt, daß die Zeit eine ſehr unruhige geworden war. Dadurch waren, wie immer, die Juden der größten Gefahr ausgeſetzt. Namentlich waren es die Schriften Pfefferkorns, welche immer wieder aufs Neue das Volk gegen die Juden aufhetzten. Zwar hatte der Kaiſer bereits im Jahre 1514 einen neuen Schutzbrief für ſämmtliche Juden im deutſchen Reiche erlaſſen, in welchem er die Schriften Pfefferkorns zu verkaufen und zu kaufen auf das Strengſte unterſagte; allein die Publicirung dieſes Schutzbriefes war durch irgend einen Zufall unterblieben. Als nun Rabbi Joſelmann vernahm, daß der kaiſerliche Landvogt, Herr Wilhelm von Rappoltſtein, ſich an das kaiſerliche Hoflager nach Insbruck begebe, bat er dieſen auf das Inſtändigſte, daß er ſich in der Kaiſerlichen Kanzelei eine Abſchrift jenes Briefes geben laſſe und für die Publicirung deſſelben Sorge trage. Der kaiſerliche Landvogt verſprach ſo zu thun, und er hielt auch Wort. Wir geben das intereſſante Actenſtück, deſſen Original ſich in den Familien216papieren des Hauſes Ribeaupierre (Rappoltſtein) findet, hier wörtlich wieder. Daſſelbe lautet:
„Wir Wilhelm Herr zu Rappoltſtein zu Hoheneck und zu Geroldzeck am Watichin, Römiſcher kayſerlicher Mayeſtät Hoffmeiſter Obriſter-Hauptmann und Landvogt in Elſaß, Sunngau, Breyſsgau, dem Schwarzwaldt, der vier Statt am Rein, auch villingen und Brunlingen, Bekennen offentlich mit dieſem Brieff und thun kund allen meniglich, nach den die Römiſch Kayſer mir ein freyheit brieff gemeine Judisheit im Reich betreffent zu handen ſtellen hat laßen, mit ihrer mayeſtät anhangenden Inſigel an ſchwartz und goldgelben Schnuren, mit geſchaben, nit durchſtrichen, nit gedilgt, noch in ainichen End verhert funder am pergamenen geſchrifft, Schnüren, Sigel und Cayſſen gantz unverletzt, von wort zu wort lautend wie hienach folgt.“
„Wir Maximilian von gottesgnaden erwelter Römiſcher Kayſer zu allen zeiten merer des Reichs in germanien, zu hungern, Dalmatien, Croatien ꝛc. Kunig, Ertzhertzog zu Oeſterreich, Hertzog zu Burgundi, zu Brabant und Pfaltzgraff ꝛc. Bekennen offentlich mit dieſem brieff und thun kund allen meniglich als unß unſer Judisheit gemeiniglich dieſer zeit in dem heiligen Reich und in germanien wonhafft ſein unterworffen, daß wir demnach und auch auß andern urſachen unß dazu bewegende dieſelben Judisheit ſammt und ſunderlich kain Juden davon auß geſondert mit ſammt ihren Weibern und Kinden, hauſsgeſint, haben und gütern in unßer und des heyligen Reich funder genad verſpruch ſchutz und ſchirm genommen und empfangen und Innen darzuv unſer und des Reichs freyes ſicherheit und glayt (Geleit) allenthalben im Reich auff Waſſer und Lande, um ihr gewontlichen Zoll, frey, ſicher zu handeln und Wandeln genädiglich gegeben haben, nemen und empfahen ſie 217in unßer und des Reichs freygeſtrack ſicherheyt und glayt von Römiſchen kayſerlicher mayeſtät macht, wißentlich in Krafft dieß brieffs, und meinen, ſetzen uns wollen das nun hinfür dieſelb Judisheit, wie ſie jetzt ſitzt, mit ſampt ihren Weiben, Kindern, Dochtermann und gütern, ſo ſy zu dieſer zeit haben oder künfftiglich überkummen werden, daſelbs in dem Reich und in germanien von meniglich unvertriben, ſitzen, wonen, beleiben ſullen und mugen und ſich aller und yegliger privilegien, genaden, freyheiten, verthaylen, Rechten, Gerechtigkeiten und gewohnhaiten, wie ſy von unſern vorfordern am Reich hochlobichen gedachtniß, Kayſern, Kunigen gehabt und genoßen, von Recht oder gewohnhayt wegen, an allen Enden und gegen allermäniglich alz ander, ſo in unßer und des Reichs ſunder genad, verſprung, Schutz und Schirm und gelayt ſein, haben, freyen, gebrauchen, genießen, nyemantz gefänglich oder peinlich noch laut ihrer freyhalt angenommen oder ſunſt unbillicher weyße bekümmert ſunder ob jemantz ſpruch und Forderung zu ihnen oder tren haben und güttern gewinnent oder zu haben vermeinet, warum das wäre, das ſy und Jhr yeglich allein daſelbs das ſy dann geſeßen und wohnhafft ſein, vnd ſunſt an keinem andern Ende, wie ſich gebürt fürgenommen um darüber nit getrungen noch beſchwört werden ſullen, in kain weiß; dergleichen ſo wollen wir hiermit auff die Beſwerungen, ſo die gemelt Judisheit in Reich wider Hanßen Pfefferkorn tregt, ſeine fürnemen und handlungen halber wider die gantz Judisheit demſelben Pfefferkorn nit geſtatten, weyter wider ſy zu gebrauchen weder mit Wortten, geſchrifften oder bücher wider ſy zu trucken laßen noch dieſelben nindert fayl zu haben, zu verkauffen noch in kein ander Weiß, denn unſer meinung iſt das er von ſolchem ſeinem fürnehmen 218und handlungen wider die Judiſchait wie jetzt gemelt iſt, gantzlichen abſtelle, ſich nun hinfür einicherley wider ſy zu gebrauchen und zu wider handlen und gebieten darauff allen und yeglichen Churfürſten, Fürſten, geiſtlichen und weltlichen Prelaten, Graffen, freyenherrn, Rittern, Knechten, Haubtleuten, Landmarſchalten, vitzthumen, Vogten, Pflegern, Verweſern, ambtleuten, Burggraffen, Landrichtern, Burgermeiſtern, Richtern, Räthen, Burgern, gemeinden, und ſunſt allen unſern und des heiligen Reichs unterthanen und getreuen in vas würdens Statt oder Weſens ſie ſein ſammt und ſunderlich ernſtlich mit dieſem brieff, und wollen das ſy obbenwelten Judiſchait im Reich bey obangezeigten unßern genaden, freyheiten, willen, meinungen, verſpruch, Schütz und Schirm, auch ſicherheit und glayt, und jrem altem herkommen und ſunderlich des Pfefferkorn halben wie obſtat gäntzlich und beruhlich beleiben, ſy derſelben gebrauchen und genießen laßen und dawider nit dringen, hindern, bekümmern, noch beſchwären, noch des yemands andern zu thun geſtatten, bey vermeytung unßer und deß Reichs ſwäre ungnad ſtraff, und darzu eine peen, namlich fünfftzig mark Lötiges Gold zu vermeiden, das meinen wir ernſtlich mit Urkund diß Brieffs beſigelt mit unſerm anhangenden Inſigel; Geben in unſer Statt Gmünden am achtzenden tag des Monatz Auguſti anno Domini decimo quarto (1514), unſers Reichs des Römiſchen im neun und zwantzigſten und des hungariſchen im fünff und zwantzigſten Jahren. — Und mit ihr Mayeſtät gewohnlichen handzeichen p. Reg. p. se ſodann an Faltz gegen der Rechten hand ad mandatum Caesareae Mayestatis proprium und darunter p. Oberſtainer unterſchriben.
„Das unß die gemeinen Juden (die Gemeinſchaft der Juden) ſo in der unter Landvogtey ha219genau Wonent die müntiglich anzeigen und fürhalten haben, die weil dieſer Freyheit brieff gemeiner Judiſchait im gantzen Römiſchen Reich verlihen dißhalben der gen Wurmbs, Regenspurg oder Frankfurt erlegt werden ſolt, alſo daß ſy der zu jren fürfallenden nothürfften je zu zeyten mangel, ſchaden, und nachtheil emphaen möchten, wo ſy deren freyheiten kheinen glawlichen Schein zu zeiten bey handen hatten und unß darauff unterfüßlichen angeruefft und gebeten das wir als Römiſcher Kayſerlicher Mayeſtät hoffmeyſter des ob inſerirten Freyhait Brieffs, glaubwürdig transumpt und Abſchrifft in Furm und vidimus unter unſerm Inſigel zegeben geruechten ſich des zu ihren nothdürfften wie ihnen das gebühren möchte haben zu gebrauchen, alſo haben wir angeſehn ihr ziemlichen bitt, denſelben freyhayt Brieff hierin abſchreiben und inſeriren laſſen gegen dem Original fleyßig verleſen, gehört, geſehn und erfunden dem ſelben Original alles und jedes inhalts von Wortt zu Wortt nicht mangelnd noch übertrettend gantz gleich hellext, des zu wahren Urkund haben wir uns mit aigner hand unterſchriben und unſern Inſigel daran gehenckt. Geben zu Innsbruck am achtenden tag february tauſendt fünffhundert achtzehn Jahre.“
Die Freude, welche die Ankunft dieſes Schriftſtückes bei den Juden im Elſaß verurſachte, war ganz unbeſchreiblich. Jetzt erſt fühlten ſich die Juden zu Colmar, Oberehnheim, Schlettſtadt und an vielen andern Orten, wo ſie faſt ununterbrochen mit Ausweiſung bedroht wurden, geſichert. Allein es ſollte ſich nur zu bald der Ausſpruch des Pſalmiſten bewähren: „Vertrauet nicht auf Fürſten, auf Menſchenſohn, bei dem nicht Hilfe iſt; ſein Geiſt geht aus, er kehrt zurück zu ſeinem Erdreich — am ſelben Tage ſind verloren ſeine Entwürfe, 220Heil dem, dem der Gott Jakobs zu ſeiner Hilfe iſt, deſſen Hoffnung gerichtet iſt auf den Ewigen, ſeinen Gott!“
Es war im Jahre 1518, daß der oben mitgetheilte Schutzbrief publicirt wurde, der die deutſche Judenheit mit freudiger Zuverſicht erfüllt, und ſchon im Anfange des folgenden Jahres ſollte Kaiſer Maximilian, der ſich in den letzten Jahren ſeines Lebens als Freund und Beſchützer der Juden bewährt hatte, vom Schauplatze ſeiner irdiſchen Thätigkeit abberufen werden. Wie gleich nach dem Ableben des Kaiſers eine neue Periode des Drangſals für das deutſche Israel begann, das werden wir im nächſten Capitel mittheilen.
I. Theil · Kapitel 43 · S. 220–227
XLIII.
Während der zuletzt erzählten Begebenheiten hatte ſich in Deutſchland ein großes, weltgeſchichtliches Ereigniß vorbereitet: die Reformation. Luther ſchlug im Jahre 1517 ſeine Theſen an die Schloßkirche zu Wittenberg, und im Anfange war ganz Deutſchland mit ihm einverſtanden; man lechzte förmlich nach einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Selbſt Kaiſer Max begrüßte das Auftreten Luthers mit Freuden: „Wahrlich“, ſagte er, „ſeine Poſitiones ſind nicht zu verachten. Er wird ein Spiel mit den Pfaffen anfangen.“ — Von dem Ernſt der Sache hatte der alte, kranke Kaiſer keine Ahnung. Am 1. Auguſt 1518 eröffnete er den Reichstag zu Augsburg. Er wollte auf demſelben die Wahl ſeines Enkels zum römiſchen König betreiben; er hatte die Abſicht, die Krone niederzulegen, und, da ihm die Aerzte Hoffnung gemacht hatten, daß er unter dem ſchönen Himmel Neapels wieder geſund werden könne, da221hin zu überſiedeln. Auf dieſem Reichstage war es, daß Luther ſich vor dem römiſchen Cardinal Cajetan rechtfertigen ſollte; die Sache hatte aber keinen Erfolg; der Cardinal beſtand auf einfachen Widerruf, den Luther verweigerte. Der kühne Reformator mußte heimlich aus Augsburg entfliehen.
Ebenſowenig Erfolg hatte des Kaiſers Bemühung um die Wahl ſeines Enkels zum römiſchen König. Auch zum Kriege gegen die Türken waren die deutſchen Reichsfürſten nicht zu bewegen. Das einzige Bemerkenswerthe, das dieſer Reichstag brachte, iſt, daß der Kaiſer den Ritter Ulrich von Hutten mit dem Lorbeerkranze der Dichtkunſt krönte.
Im October verließ der Kaiſer Augsburg mit der Vorahnung des nahen Todes. Als er zur Rennſäule im Lechfelde kam, wandte er ſich gegen die Stadt und ſagte: „Nun geſegne dich Gott, du liebes Augsburg; habe wohl manchen guten Muth in dir gehabt; nun werden wir dich nimmer wieder ſehen!“ Er ritt über Füßen in ſein Land Tirol, vorerſt nach Ehrenberg, um ſich hier an der Falkenbeize zu ergötzen. Von da zog er nach Innsbruck. Er führte eine verſchloſſene Lade mit ſich, die er ſich ſchon vor drei Jahren hatte machen laſſen; darin war ein Sarg aufbewahrt ſammt allem Todtengeräth. In Innsbruck wollten die Bürger ſeine Wagen und Pferde nicht unter Dach nehmen, weil durch Untreue ſeiner Hofdiener noch Schulden bei ihnen ausſtanden. Als der Kaiſer das am andern Morgen erfuhr, ärgerte er ſich gar ſehr und erkrankte am Fieber. Dennoch ſetzte er ſich in der Januarkälte auf den Inn, um nach Oberöſterreich zu gehen, nach Wien. Unterwegs zu Wels verſtarb er, am 12. Januar 1519, in ſeinem einundſechzigſten Lebensjahre.
222Die Trauerkunde flog durch ganz Deutſchland und erregte überall Trauer und Betrübniß. Maximilian war einer der beſten Herrſcher geweſen, und Deutſchland hatte ihm viel zu verdanken. Das nachſtehende, altdeutſche Lied, das nach ſeinem Tode gedichtet wurde, gibt davon Kunde, wie das deutſche Volk über dieſen Kaiſer dachte:
Maximilian der werde Held Römiſcher Kaiſer ward erwählt, Bey ſeines Vatters Friderichs zeit, War willfarich dem Reich bereit. Auch Gottesförchtig, freundlich und milt, Der Tugend gar ein Fürſtlich bild.
War gelahrt und manche Sprache kundt, Jn Ritterſpielen ein außbundt. Gegen arm und reich er gütig war, Herſchet loblich fünff und zwentzig jar. Zu Wels ſtarb ſelig in der Statt, Zu Wien man ihn begraben hat. (Alte Chronik aus dem Jahre 1592).
Auch bei den Juden erregte die Trauerkunde große Betrübniß. Zwar war Maximilian ihnen im Anfange ſeiner Regierung nicht ſehr hold geweſen. Er hatte die Vertreibung derſelben aus Nürnberg und vielen andern Städten gutgeheißen. Das aber hatte ſich mit einem Schlage geändert, als es Rabbi Joſelmann gelungen war, Gunſt zu finden in ſeinen Augen. Und der Jude vergißt ſo leicht das Böſe, das man ihm gethan, und erkennt ſo freudig das Gute an und iſt dankbar für daſſelbe. Daher war die Trauer um den Tod des Kaiſers, der ſich ihnen in den letzten Jahren ſeiner Regierung als ein gütiger Vater bewieſen hatte, eine ebenſo aufrichtige wie allgemeine. Dazu kam noch die bange Sorge um die 223nächſte Zukunft. Deutſchland bedurfte mehr als je eines ſtarken, kräftigen Herrn. Die Gährung unter den Bauern war furchtbar. Die Aufregung in Folge der religiöſen Zwiſtigkeiten hatte einen hohen Grad erreicht. Wer wird zum Kaiſer erwählt werden? war eine Frage, die in allen Paläſten und Hütten auf das Eifrigſte erörtert wurde. Ein deutſcher Fürſt oder der König von Frankreich? In beiden Fällen war der Krieg, der ſchreckliche Bürgerkrieg, unvermeidlich; denn das Haus Habsburg hatte einen großen Anhang in Deutſchland, und König Carl hätte es nicht ruhig mit angeſehen, daß die Krone ſeiner Väter auf ein fremdes Haupt wäre geſetzt worden. Und wer hätte bei einem Bürgerkriege wohl mehr zu leiden gehabt als die armen, bedrängten, ſchutzloſen Juden, die ſtets von beiden ſtreitenden Parteien mißhandelt werden? Und wiederum, ſollte man wünſchen, daß der König von Spanien deutſcher Kaiſer werde, der König von Spanien! Noch erklangen die Schmerzensſchreie der unglücklichen, aus Spanien vertriebenen Juden, die der Noth und dem Elende, dem Hunger und der Peſt waren preisgegeben worden. In Spanien feierte die ſchreckliche Inquiſition ihre Orgien, und wenn nun der König von Spanien die Inquiſition auch in Deutſchland einführte und die Dominicaner, die erbitterſten Judenfeinde auch zu Herren dieſes Landes machte?
Rabbi Joſelmann war auf die Kunde von des Kaiſers Tode nach Frankfurt geeilt, und hier ſah man mit Bangen der Entwickelung der Dinge entgegen. Die Kurfürſten waren in Frankfurt zur Wahl verſammelt. Lange ſchwankte die Wage zwiſchen Carl von Spanien und Franz von Frankreich. Da beſchloſſen die Fürſten von beiden abzuſehen und die deutſche Kaiſerkrone dem Kur224fürſten von Sachſen, Friedrich dem Weiſen, dem Beſchützer Luthers anzubieten. Dieſer aber, ein ſchon betagter Herr — er zählte bereits 56 Jahre — getraute ſich nicht, die ſchwere Laſt einer Krone, wie die deutſche war, anzunehmen; er ſchlug ſie aus. Am 28. Juni 1519 wurde Carl, als König von Spanien, der erſte dieſes Namens, zum deutſchen Kaiſer ausgerufen. In Deutſchland war er der Fünfte dieſes Namens. Das Reich Carls V. iſt eines der größten von allen geworden. Spanien, die Niederlande, das heutige Belgien, Deutſchland, ein Theil von Frankreich, von Italien, ein großer Theil des gegenwärtigen öſterreichiſchen Kaiſerſtaates ſtanden unter ſeinem Scepter, und jenſeits des großen Meeres waren, auf der neuentdeckten Hemiſphäre, große Länderſtrecken ſein Eigenthum — in ſeinen Reichen ging die Sonne nicht unter. Und der über alle dieſe Länder und Völker herrſchen ſollte, war ein Jüngling von 19 Jahren.
Die Juden erfüllte, wie wir bereits oben bemerkt haben, die Erwählung des Königs von Spanien mit großer Beſorgniß.
Carl V. war am 24. Februar 1500 zu Gent, am Ausfluß der Schilde in die Nordſee, geboren, wo ſein Vater, Philipp der Schöne, der einzige Sohn Kaiſer Maximilians, der Gemahl der Erbin von Spanien, Johanna, der einzigen Tochter Ferdinands und Iſabella's, damals Hof hielt. Kaiſerlicher, Königlicher und Fürſtlicher Glanz umgab ſeine Kindheit, und dennoch war dieſe freudlos. Als er ſechs Jahre alt war, verlor er den Vater; man ſagt, die ſpaniſche Johanna habe ihn aus Eiferſucht vergiftet. Dieſe ſelbſt verfiel in tiefe Schwermuth und lebte fortan in Spanien, während Carl in den Niederlanden erzogen wurde. So lernte der Knabe niemals die Liebe des Va225ters, nicht die Zärtlichkeit der Mutter kennen. Sein Lehrer war der gelehrte Hadrian Florent von Utrecht, der ſpätere Pabſt Hadrian VI. In einem Alter von ſechszehn Jahren, nach dem Tode ſeines Großvaters, Ferdinands des Katholiſchen, beſtieg Carl den ſpaniſchen Thron. Damals ſprach und ſchrieb er bereits ſieben Sprachen: Lateiniſch, deutſch, flamändiſch, italieniſch, franzöſiſch, ſpaniſch und engliſch.
Carl hatte ſich am 15. Auguſt 1517 in ſein neues Erbreich begeben, in das ſtrengſte Land des katholiſchen Glaubens, deſſen König vorzugsweiſe „der Katholiſche“ hieß, in das Land der Inquiſition. Die Regentſchaft dieſes Landes hatte von dem Tode Ferdinands bis zur Ankunft Carls der Cardinal=Erzbiſchof von Toledo, der Groß-Inquiſitor Ximenes geführt. Man wußte, wie ſehr dieſer Cardinal und Groß-Inquiſitor die Marannen in Spanien verfolgte. Dieſe, welche ſich öffentlich zum Chriſtenthume bekannten, ſtanden im Verdachte, in ihren Herzen Juden geblieben zu ſein. Die Großinquiſitoren Torquemado, Diaz, Ximenes hatten alljährliche viele Hunderte einkerkern und verbrennen laſſen. Jetzt, nach dem Tode Ferdinands, bei der Thronbeſteigung Carls, hatten dieſe Unglücklichen ein Bittgeſuch an den jungen König gerichtet und ſich erboten, 800,000 Ducaten dafür zu zahlen, daß künftighin die gegen ſie gerichteten Proceſſe öffentlich geführt werden ſollten. Sie hofften dadurch wenigſtens der Willkür und Grauſamkeit der Inquiſitoren die Spitze abzubrechen. Der Herzog Chiövres von Cuy, ehemals Carls Erzieher, hatte dies Bittgeſuch unterſtützt. Cardinal Ximenes hatte dagegen proteſtirt. Carl verwarf in Folge deſſen das Bittgeſuch, und die Marannen wurden nach wie vor heimlich eingekerkert und gefoltert, aber öffentlich verbrannt. — 226Auch in den Niederlanden hatte Carl die Inquiſition einrichten laſſen. An der Spitze des Tribunals von Brabant ſtand Franz von der Hulſt, der „die Ketzer“ ſchaarenweis verbrennen ließ.
Was hatten die Juden von dieſem Kaiſer zu hoffen, zu erwarten? — Schon verlautete, daß die Dominicaner von Cöln eine Deputation an den Kaiſer nach Spanien geſchickt, ihn zu bitten, daß er die Juden in Deutſchland zwinge, entweder die Taufe anzunehmen oder auszuwandern, geradeſo wie es Ferdinand und Iſabella in Spanien beſchloſſen und ausgeführt hatten.
Aller Augen waren auf Rabbi Joſelmann gerichtet.
„Es gibt kein anderes Mittel“, ſagte man ihm, „Ihr müßt nach Spanien reiſen und den Kaiſer für uns gewinnen!“
Am 5. September 1499 war in Spanien ein Geſetz erlaſſen worden, daß jeder Jude oder jede Jüdin, welche den ſpaniſchen Boden betreten würden, ſie möchten ſein, wer ſie wollten, mit dem Tode zu beſtrafen ſeien, und dieſes Geſetz iſt in Kraft geblieben, bis es in unſern Tagen aufgehoben iſt worden. Unter ſolchen Umſtänden ſollte Rabbi Joſelmann nach Spanien reiſen! Alle ſeine Freunde widerriethen es ihm aufs Ernſtlichſte.
Da trat ein Ereigniß ein, welches allen Bedenken ein Ende machte. Die Stadt Regensburg benützte das Interregnum, um die Juden auszuweiſen. In Regensburg hatte eine der älteſten, wohlhabendſten und berühmteſten Gemeinden der deutſchen Judenheit viele Jahrhunderte lang ihren Wohnſitz gehabt. Der dortige Domprediger, Balthaſar Hübmaier, war ein wüthender Judenfeind. Er hetzte in jeder Predigt zur Vertreibung der Juden, und ſeine Hetzereien fanden Anklang bei der Bevölkerung. Aber Kaiſer Maximilian ſchützte 227die Juden in Regensburg mit ſtarker Hand. Jetzt war ihr Beſchützer geſtorben. „Die Gemeinde Regensburg“, erzählt Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche, „die Luſt und Freude unſrer Augen wurde vertrieben. Die Unglücklichen wurden in Schiffe, auf die Donau, gebracht; nur die Familie Auerbach fand noch eine kurze Zeit Schutz in der Stadt am Hofe unter der Herrſchaft der Könige von Bayern.“ Das Geſchick der unglücklichen, aus Regensburg vertriebenen Juden war ein höchſt trauriges. Die Kunde davon erfüllte die Juden von ganz Deutſchland mit Schrecken, Trauer und Angſt. — Pfefferkorn triumphirte. Er erließ ſofort ein Sendſchreiben an Bürgermeiſter und Rathsherren von Frankfurt und Worms, wo die letzten, allein noch übriggebliebenen, großen jüdiſchen Gemeinden in Deutſchland wohnten, daß ſie dem Beiſpiele der Regensburger folgen und die Zeit des Interregnums benützen ſollten, die Juden auszutreiben.
„Es muß ſein“, ſagte Rabbi Joſelmann, überwältigt von den letzten furchtbaren Ereigniſſen; „ich werde unter göttlichem Beiſtande nach Spanien zum Kaiſer reiſen.“
Rabbi Moſcheh Cohen bot ſich ihm als Begleiter an.
„Sind wir doch ſchon zuſammen“, ſagte er, „nach Aſchaffenburg gereiſt, und Gott hat unſern Weg gelingen laſſen. Freilich nach Sephard1Spanien. iſt weiter als nach Aſchaffenburg; doch Gott wird helfen.“
„Gott wird helfen“, beſtätigte Rabbi Joſelmann, und die Beiden rüſteten ſich zur Abreiſe.
I. Theil · Kapitel 44 · S. 228–233
XLIV.
228In den Straßen von Madrid ſah man an einem ſchönen Frühlingstage des Jahres 1520 zwei wie deutſche Edelleute gekleidete Männer aufund abgehen. Wären die Männer ſo in der Heimath geſehen worden, ſo hätte man ſofort bemerkt, daß ihnen, namentlich dem Einen, die Tracht eine ungewohnte ſei; allein im fremden Lande fiel das nicht auf. Es waren Rabbi Joſelmann von Rosheim und Rabbi Moſcheh Cohen von Frankfurt am Main. Die Beiden hatten das ſchwere Wagniß unternommen, nach Spanien zu reiſen, wo jeder Jude, der den ſpaniſchen Boden betrat und als Jude erkannt wurde, unerbittlich dem Tode geweiht war, dem ſchrecklichen Tode, öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Es war ihnen gelungen, ſich Legitimationspapiere zu verſchaffen, die auf die Namen zweier deutſcher Edelleute lauteten, und ſie hatten deßhalb eine dem entſprechende Tracht angelegt. Unbehelligt und ohne weitere Abenteuer waren ſie in Spanien angekommen. Aber welche Entbehrungen hatten ſie zu erdulden! Die gewohnte Nahrung konnten ſie natürlich nicht erhalten; ſie lebten nun ſchon Monate lang von Brod und Waſſer. Schaufäden und Gebetriemen mußten ſie ſorgfältig verſteckt halten; ebenſo war ihnen die Feier des Sabbats mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Als ſie in Spanien ankamen, war der junge Kaiſer und König gerade auf einer Reiſe begriffen; ſie hörten, er ſei in Barcelona; ſie reiſten dorthin; aber Carl war ſchon fort. So reiſten ſie ihm faſt durch ganz Spanien nach, ohne vor dem Kaiſer erſcheinen zu können. Jetzt aber waren ſie in der furchtbarſten Verlegenheit; es war am Rüſttage zum Peſſach229feſte. Was ſollten ſie an dieſem Feſte anfangen, da ihnen nunmehr auch ihre einzige bisherige Nahrung, das Brod, verſagt war? Dabei keine Ausſicht, zum Kaiſer vorzudringen! Der Landesſprache nicht mächtig, fehlte es ihnen an Mitteln und Wegen, die diplomatiſche Gewandtheit in Anwendung zu bringen, in der Rabbi Joſelmann in der Heimath Meiſter war.
Sie waren auf dem Marktplatze angelangt, wo die Bauern der Umgegend Gemüſe und Früchte und andere Dinge feilboten. Ein vornehm gekleideter Herr ging vor ihnen her; der kaufte nacheinander Lattig, Peterſilie, Meerrettig, ein Ei!
„Adonai Hauſchioh!“1Gott hilf! ſprach Rabbi Joſelmann halblaut, ſo daß der Spanier es hören konnte. Dieſer drehte ſich raſch um.
„Ben iſch echod anachnu“,2Wir ſind die Söhne eines Mannes. ſagte Rabbi Joſelmann, nahe an ihn hinantretend.
„Schetikah! Bon immi!“3Schweigen! Kommt mit mir! flüſterte der Spanier. Sie wanderten durch viele lange Straßen, bis ſie in eine entlegene Vorſtadt kamen. Es war ein ſchönes, herrſchaftliches Haus, in das der Spanier ſeine Gäſte führte.
Don Perez del Almilgo gehörte einem vornehmen Geſchlechte an, das ſchon hundert Jahre vor der Vertreibung der Juden aus Spanien war gezwungen worden, die Taufe anzunehmen. Aber heimlich waren ſeine Ahnen dem Judenthume treu geblieben. Auch Don Perez war im Judenthum erzogen und lebte — heimlich wenigſtens — ſtreng nach den Geſetzen deſſelben. Er führte ſeine Gäſte in die Kellerräume ſeines Hauſes. Dort befand ſich eine Synagoge und viele andere Dinge, die 230es ermöglichten, jüdiſch zu leben. Es war auch eine Handmühle da und ein Backofen, und die Hausgenoſſen des Don Perez waren eben eifrig damit beſchäftigt, Mazzoß zu backen. Als Rabbi Joſelmann und Rabbi Moſcheh Cohen die ungeſäuerten Kuchen erblickten, entſtürzten Freudenthränen ihren Augen.
Abends ſaß Don Perez mit ſeiner Familie und ſeinen Gäſten am Seder. Wiewohl Rabbi Joſelmann ſich ſeinen Tiſchgenoſſen nur ſchwer verſtändlich machen konnte, gelang es ihm doch, einige Fragen, welche die Kinder während des Leſens der Hagadah aufwarfen, zu beantworten. So fragte eins der Kinder: „Warum ſollen wir Gott dankbar dafür ſein, daß Er unſre Voreltern aus der egyptiſchen Knechtſchaft befreit hat? Er hat ſie in die Sclaverei geführt und hat ſie wieder befreit. Hätte Er ſie nicht zu Sclaven machen laſſen, ſo hätte Er auch nicht nöthig gehabt, ſie zu befreien.“ — Don Perez war ein Ungelehrter und wies das Kind barſch ab. Rabbi Joſelmann aber erbat ſich die Erlaubniß, die aufgeworfene Frage zu beantworten.
„Mein liebes Kind“, ſagte er, das wenige Spaniſch zuſammennehmend, das er bereits in Spanien gelernt hatte, es manchmal mit hebräiſchen Worten ergänzend, „ich will deine Frage durch ein Gleichniß beantworten. Wenn Zwei Streit miteinander haben, und der Eine bricht dem Andern den Arm und ſagt: Sei ſtill, ich bin ein Arzt und heile Dir den Arm! — ſo iſt der ihm keinen Dank ſchuldig; dann, wenn auch der Arm wieder ſtark und geſund wird, ſo hat er doch nichts dabei gewonnen als Leid und Schmerzen. Wenn aber Jemand einen krummen Arm hat, der zur Arbeit untauglich iſt, und der Arzt zerbricht den Arm und heilt ihn wieder, ſo daß der Arm ge231rade wird und zu jeder Arbeit geſchickt, ſo gebührt dem Arzte reichlicher Dank. Siehe, mein Kind, Israel ſollte ein Gottesvolk werden, ein Reich von Prieſtern, ein heiliges Volk! Und zu dieſem hohen Berufe mußte es erſt erzogen werden, befähigt werden, geläutert werden in dem ägyptiſchen Schmelztiegel. Und all die Leiden und Kümmerniſſe, die uns Gott ſchickt, ſie dienen nur zu unſrer Läuterung; daher müſſen wir Gott doppelt dankbar ſein; für die Leiden und für die Rettung.“
Der ſchrille Ton einer Glocke durchtönte das unterirdiſche Gemach. Don Perez ergriff ſchnell ſein Schwert, deſſen Gurt er um ſeinen Leib band, und enteilte in die oberen Räumen.
Angſt und Entſetzen ergriff die unten Verſammelten. Waren etwa die deutſchen Gäſte verrathen? Sollten ſie ergriffen und zum Tode geführt werden und dann die Familie del Almilgo mit ins Verderben reißen?
Eine bange Viertelſtunde verging; da kam Don Perez zurück; an ſeinem heitern Geſichte erſah man ſchon, daß keine Gefahr vorhanden war.
„Es iſt nichts, meine Freunde“, ſagte er, „fahren wir fort im Seder. Es war ein Bote des Königs da, der mich für morgen zum Hofdienſte beſtellte.“
„Geſtattet mir zuvor“, ſagte Rabbi Joſelmann, „Euch zu bitten, mir Zutritt beim Könige zu verſchaffen.“
„„Und was wollt Ihr beim Könige?“““
„Ich will ihm ein eigenhändiges Schreiben ſeines Großvaters, des verſtorbenen Kaiſers Maximilian, überreichen.“
„„Und was enthält dieſes Schreiben?“““
„Unſer geliebter, leider verſtorbener Kaiſer Maximilian hat mich zum Befehlshaber und Re232gierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation ernannt. Er bittet in dieſem Schreiben ſeinen Enkel, unſern jetzigen Kaiſer Carl, mich in dieſer Würde zu beſtätigen und den Juden in Deutſchland ein gnädiger und gütiger Schirmherr zu werden.“
„„Und dieſe Schrift wollt Ihr hier in Spanien dem Könige überreichen? Herr, das heißt, Euch ſelbſt dem Scheiterhaufen überliefern! Wißt Ihr nicht, daß ein grauſames Geſetz jeden Juden, welcher den ſpaniſchen Boden betritt, zum Tode verdammt?“““
„Ich weiß es; allein die Nothwendigkeit zwingt uns, der Gefahr zu trotzen. Unſre Feinde in Deutſchland ſind mächtig und voll Eifer. Es könnte ihnen nur zu leicht gelingen, den König von Spanien zu veranlaſſen, ebenſo gegen die deutſchen Juden zu verfahren, wie die Eltern ſeiner Mutter, Ferdinand und Iſabella, es den Juden von Hiſpanien gemacht haben. Das müſſen wir hintertreiben. Deßhalb ſind wir, mein Freund und ich, hierhergereiſt. Es war eine beſchwerliche Reiſe; unzählige Entbehrungen haben wir in dieſem Lande ertragen. Heute waren wir der Verzweiflung nahe. Was ſollten wir während des Peſachfeſtes beginnen? Da hat der allgütige Gott uns Euch finden laſſen, Don Perez, in wahrhaft wunderbarer Weiſe finden laſſen. Seht Ihr nicht, daß es eine Fügung der gütigen Vorſehung iſt? O, weigert Euch nicht und ſchaffet mir Zutritt zum Könige!
„„Und wenn nun der König erfährt, daß Ihr Jude ſeid, wird da der Verdacht nicht nahe liegen, daß auch ich judaiſire, und wird nicht das Verderben treffen mich und die Meinen?“““
„Es wird Euch daraus keine Gefahr erwachſen.“
233„„Wieſo könnt Ihr das wiſſen?“““
„Es heißt in der heiligen Schrift: Viele Gewäſſer können nicht auslöſchen die Liebe; das heißt: alle die vielen Leiden, die uns betroffen, können das Feuer der Liebe nicht löſchen, die uns durchglüht, der Liebe zu unſerm Gotte. Aber es heißt auch; alle unſre Fehler und Sünden können das Feuer der Liebe nicht löſchen, die Gott hegt für ſein Volk. Wir werden Gott nicht verlaſſen und Gott wird uns nicht verlaſſen. Glaubet mir; ich weiß es: es wird Euch aus der Unterſtützung, die Ihr uns leihet, keinerlei Gefahr erwachſen.“
„„Ihr ſeid ein großer, ein heiliger Mann. Ich werde Euch eine Audienz beim Könige verſchaffen.“““
I. Theil · Kapitel 45 · S. 233–238
XLV.
In ſeinem Palaſte zu Madrid ſaß Kaiſer Carl V., ein Jüngling von 19 Jahren, auf deſſen Haupt ſich die höchſten Ehren der Welt gehäuft hatten. Aber dieſer Jüngling war ſchon in jungen Jahren ein ganzer Mann. Sein ehemaliger Gouverneur, der Herzog von Chièvres, hatte ihn mit großer Strenge erzogen. Carl war von Natur flüchtig und unruhig im höchſten Grade. Als er einſt, als achtjähriger Knabe, von dem berühmten Maler Lucas Kranach für ſeinen Großvater portraitirt werden ſollte, war es kaum möglich, ihn dahin zu bringen, auch nur einen Augenblick ſtill zu ſitzen. Aber ſein Erzieher verſtand es, den Prinzen ſchon früh für den Ernſt ſeines hohen Berufes vorzubereiten und alle Leidenſchaften ſeiner Seele dem Wunſche unterzuordnen, dereinſt ſeinen Regentenpflichten genügen zu können. Dadurch wurde Carl ſo ruhig und bedächtig, wie nur ein
234Menſch es ſein kann. In dieſer Beziehung war er das gerade Gegentheil ſeines Vorfahren auf dem deutſchen Kaiſerthrone. Bei Max jagten ſich die Pläne und Entwürfe, die meiſtens dann nicht zur Ausführung kamen; Carl dagegen war ſtets gelaſſen, langſam, bedächtig; er kann nicht lange genug zuſehen und warten; aber wenn er dann handelt, ſo iſt er ſeiner Sache gewiß, hat alle Fälle überdacht und überwacht, ſo daß ihm der Erfolg nicht entgehen kann. Max war der Mann der ſchwärmeriſchen, weit über das mögliche Ziel hinaus fliegenden Einbildungskraft. Carl iſt der Mann des kalten, ruhigen Weltverſtandes, der vorſichtigſten Staatsklugheit.
Carl ſaß im Audienzſaale auf ſeinem Throne. Vor ihm war eine Deputation der Dominicaner aus Cöln erſchienen, um den neuen Kaiſer zu beglückwünſchen, und ihn zu bitten, ſein mächtiges Fürwort beim Pabſte einzulegen, daß die Inquſition nach ſpaniſchem Muſter auch in Deutſchland eingeführt werde, damit, wie in Spanien, auch dort die Glaubenseinheit herrſche und Ketzer und Juden keinen Raum mehr fänden, die Ketzer verbrannt, die Juden aber ausgewieſen würden.
Die deutſchen Dominicaner waren von den höchſten Würdenträgern der ſpaniſchen Kirche beim Kaiſer eingeführt, ihr Geſuch war von dieſen auf das Wärmſte befürwortet worden. Die Deutſchen wie die Spanier hielten wohlgeſetzte Reden, flehten den Kaiſer an und beſtürmten den Jüngling, verhießen ihm des Himmels Seligkeit und alle Schätze der Erde. Schon war Carl im Begriff, eine bindende Zuſage zu geben, als die ihm ſo ſorgfältig anerzogene Bedächtigkeit und Ueberlegung die Oberhand erlangte. Er könne, ſagte er, noch kein Verſprechen geben; er müſſe erſt aus eigener Anſchauung die Verhältniſſe in Deutſchland kennen 235lernen und prüfen. Was für Spanien gut ſei, brauche deßhalb noch nicht für Deutſchland das Geeignete zu ſein.
Aber die Dominicaner drangen nur heftiger in ihn. Die Kirche, ſagten ſie, ſei nur eine, dieſelbe für Spanier, Italiener, Gallier und Germanen; in dieſer Beziehung müſſe der Kaiſer eine einheitliche Geſetzgebung einführen. Wie in Spanien kein Jude den Boden des Landes betreten dürfe, ohne dem gewaltſamen Tode zu verfallen, ſo müſſe es auch in Deutſchland kommen. Dann würde Deutſchland ſeinem Kaiſer gehorchen, wie Spanien ſeinem Könige.
Es war das Ideal Carls V., die Macht der deutſchen Fürſten zu brechen, die Kaiſerkrone zu einer erblichen zu machen und, wie in Spanien, das abſolute Regiment in Deutſchland einzuführen. Er ſtutzte, als er hörte, daß man die Glaubenseinheit als Vorbedingung der monarchiſchen Allgewalt darſtellte.
„Gut,“ ſprach er, „ich will mir's überlegen. Kommt morgen wieder.“
Im Gefolge des Monarchen befand ſich auch Don Perez del Almilgo, der das Amt eines cavaliero servanto bei des Königs Perſon bekleidete. Als Don Perez den jungen Kaiſer ſo reden hörte, erzitterte ſein Herz in ſeinem Buſen, und er beſchloß, ſobald als möglich, ſeinem Gaſtfreunde eine Audienz zu verſchaffen.
Als Carl ſich in ſein Cabinet zurückgezogen hatte, trat Don Perez vor ihn hin und ſprach:
„Majeſtät, ein Edelmann aus Deutſchland, der kürzlich hier angelangt iſt, hat mich erſucht, Eurer Majeſtät eine Bitte vorzutragen.“
„„Rede!“““
„Derſelbe wünſcht Eurer Majeſtät eigenhändig einen Brief zu übergeben, den der hochſelige deutſche 236Kaiſer, Euer Majeſtät erhabener Großvater, an Eure Majeſtät gerichtet hat.“
„„Was, ein Brief von Vater Max, und der mir erſt jetzt übergeben werden ſoll! Das klingt ja ganz räthſelhaft. Iſt der Brief verſchloſſen?“““
„Nein, Majeſtät, der Brief iſt offen. Er iſt mit des verewigten Kaiſers Namenszug unterzeichnet und mit deſſen Siegelringe unterſiegelt.“
„„Kennſt Du den Inhalt des Schreibens?“““
„Nein, Majeſtät. Da der Brief in deutſcher Sprache abgefaßt iſt, ſo konnte ich den Sinn der Schriftzüge nicht enträthſeln.
Carl verfiel in tiefes Nachdenken. Von allen ſeinen Verwandten war es Kaiſer Maximilian geweſen, den er am meiſten geliebt hatte, umſomehr, da ſein Großvater mütterlicherſeits, Ferdinand, der Katholiſche, ihm ein Feind und Gegner geweſen war, derart, daß er ſich noch in ſeinen ſpäten Jahren, nach dem Tode Iſabella's, mit einer jungen Prinzeſſin vermählt hatte, um durch etwaige, noch zu erzielende Nachkommenſchaft, ſeinem Enkel Carl die Nachfolge im Königreiche Arragon zu entziehen. — Was konnte dieſer poſthume Brief enthalten? Gewiß betraf er ein Heirathsproject. Es hatte von jeher zu den Lieblingsneigungen des alten Kaiſers gehört, Heirathen zu arrangiren, und er hatte das mit großem Glück und Geſchick vollbracht; nur bei Carl war es ihm noch nicht gelungen. Fünfmal hatte er reiche Erbtöchter für dieſen ſeinen Enkel ausgeſucht, Prinzeſſinen, die möglicher Weiſe reiche Provinzen oder gar ein Königreich (England) ihm hätten zubringen können — darunter die einzige Tochter Königs Ludwigs XII. von Frankreich und die Erbtochter Heinrichs VIII. von England (die ſpätere Königin Maria von England, die Carls Schwiegertochter wurde, indem ſie den viel jüngern Philipp II., Carls Sohn heirathete). 237Aber alle dieſe Projecte hatten ſich zerſchlagen, und Carl war noch unvermählt; er dachte aber ſchon damals daran, ſich mit der ſchönen, anmuthigen Infantin Iſabella von Portugal zu vermählen, eine Heirath die erſt ſechs Jahre ſpäter vollzogen wurde.
Carl war voll Pietät für die Wünſche ſeines Großvaters. Er beſchloß, jenen Edelmann, von dem Don Perez ſprach, in geheimer Audienz zu empfangen.
„Wie heißt der Ueberbringer dieſes Briefes?“ fragte er.
„„Don Joſelin von Rosheim.“““
„Gut, gehe hin und rufe ihn. Sage ihm, er ſolle ſogleich kommen; ich bin begierig, den Brief meines Großvaters zu leſen.“
Don Perez eilte nach Hauſe.
„Don Joſelin,“ ſagte er, „Ihr ſollt eilig vor dem König erſcheinen. O, gebe Gott Euch Gnade vor dem hohen Herrn. Ihr findet ihn nicht in günſtiger Stimmung für die Juden. Deutſche Dominikaner waren bei ihm und haben ihn angefleht, die Inquiſition in Deutſchland einzuführen gegen die Ketzer und gegen die Juden!
Rabbi Joſelmann erzitterte, als er das hörte. Er fühlte, der wichtigſte Moment ſeines Lebens war gekommen. Wie konnte er vor den von den Dominicanern gegen die Juden eingenommenen Kaiſer treten, er, nach dem grauſamen ſpaniſchen Geſetze ein dem Tode Verfallener?
„Und der Kaiſer?“ fragte er.
„„Der Kaiſer hat verſprochen, ihnen morgen Antwort zu ſagen.“““
„„O, da iſt es höchſte Zeit, daß ich unter göttlichem Beiſtande Gnade erlange für mich und meine Brüder!“
238„„Don Joſelin, ſeid vorſichtig, auch mein und der Meinigen Leben iſt in Gefahr.“
„Fürchtet nicht, Don Perez. Der Gott, der Daniel aus der Löwengrube und Chananja, Miſchaël und Aſarjah unverſehrt aus dem glühenden Kalkofen hat hervorgehen laſſen, Er wird auch uns erretten.“
I. Theil · Kapitel 46 · S. 238–244
XLVI.
„Ihr nennt Euch Joſelin von Rosheim?“ fragte der Kaiſer den ſich tief Verneigenden.
„„Das iſt der Name des unterthänigen Knechtes Eurer Majeſtät.“““
„Iſt Rosheim ein Schloß oder eine Stadt?“
„„Es iſt ein Städtchen in der Nähe von Straßburg.“““
„Und Ihr ſeid der Gebieter dieſer Stadt?“
„„„Ich bin ein Jude, Majeſtät, und bin in Rosheim geboren.“““
„Ein Jude? Unglücklicher, wißt Ihr, daß Ihr dem Tode verfallen ſeid, daß es meine Pflicht iſt, nach den Geſetzen dieſes Landes, Euch ſofort der Inquiſition auszuliefern, die Euch verbrennen laſſen wird?“
„„„Ich weiß es, Majeſtät.“““
„Und wie könnt Ihr die Kühnheit haben, vor den König von Spanien hinzutreten und zu ſprechen: Hier bin ich, ein Menſch, den Ihr verbrennen laſſen müßt!“
„„„Eure Majeſtät können daraus ermeſſen, wie wichtig die Angelegenheit iſt, die ich Eurer Majeſtät vorzutragen habe, da ich mein Leben für nichts achte, um vor Eurer Majeſtät erſcheinen zu dürfen. Eure Majeſtät ſind der mächtigſte Herrſcher der Welt, und vor Gottes, des Allmächtigen, heiligem Antlitze doch nur ein Menſch wie 239andere Menſchen. Auch ich bin ein Menſch, Majeſtät, im Ebenbilde Gottes erſchaffen, und ich ſoll verbrannt werden, eines ſchimpflichen Todes ſterben, weil ich den Boden dieſes Landes betreten habe, um mich meinem Kaiſer und Schutzherrn, dem Vertreter des allgütigen Gottes hienieden, zu Füßen zu werfen?“““
„Ich habe dieſes Geſetz nicht erlaſſen; aber es beſteht zu Recht.“
„„Und ſolche grauſame Geſetze wollen unſre Feinde auch im deutſchen Vaterlande hervorrufen! Auch meinen edlen Gönner und Beſchützer, meinen gütigen Kaiſer Maximilian wollten ſie zu ſo harten Maßregeln veranlaſſen; er aber war uns ſtets ein gnädiger Schirmherr.“““
„Du haſt einen Brief von meinem Großvater an mich?“
„„„Hier iſt er.“““
Carl nahm den Brief und las ihn; ſein Auge ruhte mit Wohlgefallen auf den ihm ſo ſehr bekannten Schriftzügen. Die graublauen Augen des Kaiſers, die noch eben ſo ſtreng geblickt hatten, wurden feucht.
„Du guter Großvater“, ſprach er vor ſich hin, „Du hatteſt keinen ſehnlicheren Wunſch als daß ich Dein Nachfolger werden ſollte; anders als Ferdinand, der Alles aufbot, mich von der Nachfolge in Arragon auszuſchließen!“
„Joſelin“, ſagte er laut, „hätteſt Du mir dieſen Brief in Deutſchland überreicht, ſo hätte er Dir eine gute Aufnahme bei mir geſichert. Hier in Spanien weihet er Dich dem Tode.“
„„So laſſet mich tödten, Majeſtät, beſtätigt aber zuvor meinen Brüdern in Deutſchland ihre Rechte, Privilegien und Schutzbriefe, wie es alle deutſche Kaiſer gethan haben von Carl dem Großen, bis zu Kaiſer Maximilian.“““
240„So, haben alle deutſche Kaiſer dieſe Privilegien und Schutzbriefe genehmigt?“
„„„Alle, Majeſtät, alle; wir beſitzen die ſämmtlichen Privilegien und Schutzbriefe, 46 an der Zahl1Rabbi Joſelmann's eigene Worte in ſeinem Tagebuche. Dieſe kaiſerlichen Schutzbriefe ſind wahrſcheinlich bei dem großen Brande der Frankfurter Judenſtadt im Jahre 1719 ein Raub der Flammen geworden.; ſie befinden ſich im Archive der jüdiſchen Gemeinde zu Frankfurt am Main, ich hoffe die Ehre zu haben, ſie dort Eurer Majeſtät vorzulegen.“““
„Du vergiſſeſt, daß ich Dich hier verbrennen laſſen muß.“
„„„Muß? Eure Majeſtät ſind der höchſte Herr auf Erden. Eure Majeſtät müſſen nicht.“““
„Sagen wir alſo, daß ich Dich verbrennen laſſen werde.“
„„Wenn es Euer Majeſtät Wille iſt — ich bin bereit, mein Leben hinzugeben, wenn nur meine Brüder im Vaterlande gerettet werden.“
„Warum haſt Du nicht gewartet mit der Uebergabe dieſes Briefes, bis ich nach Deutſchland komme? Schon im Mai werde ich Spanien verlaſſen und noch in dieſem Jahre einen Reichstag in Worms abhalten.“
„„„Majeſtät, unſre Feinde ſind thätig und eifrig. Man erzählte uns, die Dominicaner von Cöln würden eine Deputation an Eure Majeſtät hierherſenden, um Eurer Majeſtät das Verſprechen abzuringen, die Inquiſition nach ſpaniſchem Muſter in Deutſchland einzuführen. Da galt es, ihnen zuvorzukommen, und ich, ich habe mein Leben gern eingeſetzt, um Noth und Elend von Hunderttauſenden meiner Brüder und Verwandten abzuwenden.“““
241Der Kaiſer ſah den Juden ſcharf und durchdringend an.
„Mann“, ſprach er, „ſage mir die Wahrheit. Fürchteſt Du wirklich, daß ich Dich dem Henker überliefern werde?“
„„„Nein, Majeſtät, ich fürchte das nicht. Als meine Brüder und Freunde mich von der Reiſe nach Spanien abhalten wollten, da ſprach ich: Iſt es nicht ein göttlich, heilig Gebot, der letzwilligen Verfügung eines theuren Verwandten nachzukommen? Und meint Ihr, unſer erhabener Kaiſer Carl, der Enkel unſeres geliebten Beſchützers Maximilian, werde mich nicht, dem Wunſche des theuren Großvaters entſprechend, in der Würde, die mir dieſer ertheilte, beſtätigen? Nein, ſagte ich, wenn es mir nur gelingt, meines erhabenen Kaiſers Angeſicht zu erſchauen und ihm dieſes koſtbare Schreiben zu übergeben, ſo wird Alles gut ſein, und weder ich noch Ihr — wir Alle haben nichts mehr zu fürchten.“
„Und dieſer Perez, der Dich beherbergt und Dich bei mir eingeführt hat — in Bezug auf ihn habe ich keine letztwillige Verfügung zu reſpectiren. Haſt Du nicht erwogen, daß Du ihn und die Seinigen in den Verdacht bringſt zu judaïſiren, was nach den ſtrengen Geſetzen dieſes Landes mit dem Tode beſtraft wird!“
„„„Wohl habe ich's erwogen, Majeſtät; aber ich hoffe auch für ihn Eurer Majeſtät Gnade zu erlangen.“““
„Du verlangſt viel, Joſelin!“
„„„Die Gnade des Kaiſers iſt unerſchöpflich, unermeßlich. Warum ſoll ſie uns Armen, Verfolgten nicht zu Theil werden, damit wir ruhig und friedlich wohnen, wie wir gewohnt haben, unter dem Schutze der Väter Eurer Kaiſerlichen Majeſtät?“““
242„Kannſt Du mir einen Schutzbrief zeigen, den einer meiner Vorfahren im Reiche zu Euren Gunſten erlaſſen?“
„„Majeſtät, ich habe einen ſolchen mitgebracht; er iſt von Kaiſer Siegesmund für die Juden im Elſaß ausgefertigt.“““
Carl nahm den Schutzbrief und las ihn aufmerkſam durch.
„Gut“, ſagte er dann, „ich gebe Dir mein kaiſerliches Wort, daß auch ich die alten Schutzbriefe confirmiren werde. Auch werde ich Dich in Deiner Würde als Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation beſtätigen. Aber nicht hier, ſondern auf deutſchem Boden2Nach einer allgemein verbreiteten Sage unterzeichnete der Kaiſer den Schutzbrief ſofort; die Feder, mit der dies geſchehen ſein ſoll, würde in der Familie des Rabbi Moſcheh Cohen Jahrhunderte lang aufbewahrt, bis ſie im Jahre 1796 bei dem durch das Bombardement der Franzoſen entſtandenen Brand der Frankfurter Judengaſſe verloren wurde. Wir haben uns in unſrer obigen Darſtellung an die uns zu Gebote ſtehenden alten Handſchriften gehalten, aus denen hervorgeht, daß der Kaiſer den Schutzbrief für die deutſchen Juden erſt viel ſpäter, auf deutſchem Boden unterzeichnet hat. — Nach der Sage war der von den beiden deutſchen Juden in Madrid als Glaubensgenoſſe erkannte Spanier der Hofnarr des Kaiſers. Derſelbe habe dem jungen Monarchen berichtet, daß es ihm gelungen ſei, zwei Juden, gar ſeltſame Thiere mit Hörnern und Schwänzen, einzufangen. Der Kaiſer, neugierig geworden, habe dann verlangt, die ſonderbaren Geſchöpfe zu ſehen. In einem ſorgfältig verhüllten Käfig ſeien dann die beiden Juden vor Carl gebracht worden, und dieſer habe nach Enthüllung des Käfigs ausgerufen: „Das ſind ja Menſchen wie wir!“ — „Nicht wahr, Majeſtät“, habe ſchnell der Hofnarr entgegnet, „das ſind Menſchen wie wir, und doch verfolgt man ſie wie wilde Thiere!“ — Betroffen von der Wahrheit dieſer Entgegnung habe dann Carl den Schutzbrief unterzeichnet. — Dieſe Sage iſt von Abraham Tendlau, Elias Ullmann und Anderen bearbeitet worden.. Hier darf ich nicht wiſſen, vielweniger bemelden, daß ich Dich als Juden erkannt habe; denn ich 243muß die Geſetze des Landes reſpectiren. Auch Deinem Freunde Perez ſoll kein Nachtheil erwachſen; jedoch ſoll er Deiner gegen Niemanden erwähnen. Du aber, eile ſchleunigſt von hinnen; halte Dich nicht auf, damit Dich Niemand hier erkenne oder Deine Abkunft errathe. Auf Wiederſehen in deutſchen Landen!“
Rabbi Joſelmann verneigte ſich tief und küßte den Saum des kaiſerlichen Gewandes.
Im Vorzimmer wartete Don Perez mit Bangen ſeines Freundes; er eilte mit ihm in ſein Haus, wo Rabbi Moſcheh Cohen und die Familie des Don Perez der Verzweiflung nahe waren. Als ſie Rabbi Joſelmann und Don Perez geſund und wohlbehalten erblickten, da wollte der Jubel gar kein Ende nehmen. —
War das ein vergnügtes Peſachfeſt, das in den unterirdiſchen Räumen des Almilgo'ſchen Palaſtes gefeiert wurde!
Rabbi Joſelmann und ſein Begleiter konnten ſich nicht entſchließen noch während des Feſtes die große und beſchwerliche Heimreiſe anzutreten. Sie blieben noch volle acht Tage bei ihren Gaſtfreunden in Madrid, verließen aber das Haus nicht während der ganzen Zeit.
Als die Deputation der Dominicaner zum zweiten Male vor Carl erſchien, ſagte er ihnen, daß es bei ſeinem erſten Beſcheide ſein Bewenden haben müſſe; er könne über deutſche Angelegenheiten ſich kein feſtes und endgiltiges Urtheil bilden, bis er auf deutſchem Boden perſönlich von allen Verhältniſſen Einſicht genommen, und namentlich die in Betreff der Juden von ſeinen Vorfahren im Reiche erlaſſenen Schutzbriefe und Privilegien geleſen habe.
„Es kann ja ſein“, ſagte er, „daß einer meiner Vorfahren und namentlich mein geliebter Ahnherr 244Maximilian, Verpflichtungen für ſeine Nachkommen übernommen, die zu halten heilige Pflicht wäre.“
Als nun trotzdem die Dominicaner nicht aufhören wollten, zu bitten und in den Kaiſer zu dringen, da erhob ſich dieſer, winkte mit der Hand und die Judenfeinde mußten ſich entfernen, die Ueberzeugung mithinwegnehmend, daß auch diesmal ihr böſer Anſchlag mißlungen war.
I. Theil · Kapitel 47 · S. 244–249
XLVII.
Der Jubel der deutſchen Israeliten bei der Rückkehr ihrer beiden Abgeſandten aus Spanien war unbeſchreiblich.
„Die Spanier ſind zurückgekommen, die Spanier ſind wieder da und haben die beſten Verſprechungen vom Kaiſer mitgebracht,“ ſo erzählte Einer dem Andern. Rabbi Moſcheh Cohen behielt den Namen „der Spanier“ und ſeine Nachkommen heißen noch heute ſo.1Der Mannesſtamm des Rabbi Moſcheh Cohen iſt mit David Spanier am 27. Auguſt 1876 ausgeſtorben; indeſſen hat vor wenigen Wochen ein Herr Joſeph Bloch in Frankfurt a. M., deſſen Ehefrau eine geborene Spanier iſt, den Familiennamen „Bloch-Spanier“ angenommen. — Wir verdanken dieſe Mittheillung der Güte des Herrn Gemeinde-Secretärs Elias Ullmann zu Frankfurt a. M.
Auch in außerjüdiſchen Kreiſen erregte die muthvolle Wanderung der beiden Juden nach Spanien das größte Aufſehen. Man hatte in Cöln die Schriften Luthers öffentlich verbrannt, und man wußte wohl, daß die Deputation der Dominicaner an Kaiſer Carl ebenſo ſehr gegen die Lutheraner wie gegen die Juden gerichtet war und daß dieſe Pläne durch Rabbi Joſelmann nach beiden Seiten waren vereitelt worden.
245Am 20. Mai 1520 hatte Carl den ſpaniſchen Boden verlaſſen, um ſich nach Deutſchland zu begeben. Er reiſte zunächſt nach England zum Beſuche ſeiner Tante, der Königin Katharina, der erſten Gemahlin König Heinrichs VIII., dann nach den Niederlanden, wo er in Vlieſſingen landete. Am 22. October ritt Carl in großer Pracht und mit großem Gefolge in Aachen ein, wo am folgenden Tage unter den größten Feſtlichkeiten die Kaiſerkrönung ſtattfand. Auf den Dreikönigstag des Jahres 1521 wurde der erſte Reichstag des jungen Kaiſers nach Worms ausgeſchrieben. Das iſt der berühmte Reichstag zu Worms, der von ſo wichtigen und bedeutenden, weltgeſchichtlichen Folgen ſein ſollte. Auch Rabbi Joſelmann bereitete ſich vor, auf dieſem Reichstage als Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit deutſcher Nation neben den andern Fürſten, Herren und Reichsſtänden würdig zu erſcheinen. Er war nicht mehr der einfache Jude, den eine Laune Kaiſer Maximilians mit einer neugeſchaffenen Würde bekleidet hatte, er war nunmehr von dem jugendlichen Kaiſer, vorausſichtlich auf eine lange Zeit, in dieſem Amte beſtätigt, und von der Sonne der Herrlichkeit des mächtigen Kaiſers fiel ein Strahl auf den demüthigen, beſcheidenen Juden.
Als ſich Rabbi Joſelmann zur Reiſe nach Worms rüſtete, klopfte es an die Thüre ſeiner Wohnung zu Frankfurt, und ein Mann im Gewande der Mönche des Auguſtiner-Ordens trat ein.
„Seid Ihr Joſelin, der Befehlshaber der Juden?“ fragte der Mönch.
„„Der bin ich,“ antwortete der Angeredete, „„und Ihr ſeid Martinus Luther, Doctor der Theologie und Profeſſor an der kurfürſtlichen Univerſität zu Wittenberg.“““
„Ihr kennt mich?“
246„„Euer Name iſt in Aller Munde und die Beſchreibung Eurer Perſon weit bekannt.“““
„Ich komme, Euch meinen Dank zu ſagen. Ihr habt auch für meine Sache gewirkt, indem Ihr den Anſchlägen der Dominicaner entgegentratet. — Joſelin, ich bin ein Freund der Juden; ich habe gegen die Bedrückung und Verfolgung derſelben geſchrieben.“
„„Ich weiß es; ich habe Eure Schrift darüber geleſen und weiß Euch Dank dafür, daß Ihr von der Verfolgung meiner Brüder abmahnt; noch mehr weiß ich Euch Dank dafür, daß Ihr dazu mahnt, uns bürgerliche Handtierung zu geſtatten und daß Ihr jene abſcheulichen, ſinnloſen Beſchuldigungen, daß die Juden Chriſtenblut brauchen, für abgeſchmackte Märchen erklärt.“““2Luthers geſammelte Schriften, polemiſche Schriften, Band III. Vergl. auch Grätz, Geſchichte der Juden, Band IX. S. 221.
„Ihr ſeid ein unterrichteter Mann, Joſelin, und mit Euch kann man ein vernünftiges Wort reden. Ich habe viel von Euch gehört. Ihr ſeid der erſte und angeſehenſte Mann der ganzen Judenheit. Wiſſet, Joſelin, ich habe viel darüber nachgedacht, warum Ihr Juden bei Euren Irrthümern verharret, warum Ihr nicht längſt erleuchtet ſeid vom wahrhaften Chriſtenglauben. Und da ſcheint es mir, daß es faſt kein Wunder iſt. Unſre Narren, die Papiſten, Biſchöfe und Mönche haben bisher die Juden behandelt als wären ſie Hunde und nicht Menſchen. Jetzt aber ſoll das Chriſtenthum gereinigt werden von allem papiſtiſchen Beiwerke und allen ſchändlichen Mißbräuchen. Ich gehe zurück auf den Wortlaut der heiligen Schrift. Da iſt ein Boden gewonnen, der uns und Euch gemeinſam iſt. Joſelin, die Kraft des heiligen Wortes wird den Kaiſer und die Fürſten, ich bin 247deſſen gewiß, überzeugen. Leget auch Ihr ab Eure Verſtocktheit und nehmet den reinen Chriſtenglauben an, wie ich ihn lehre und predige.“
„„Herr Pater, wenn ich Euch recht verſtanden habe, ſo wollet Ihr die Kirche reformiren, das heißt, Ihr wollet den urſprünglichen Zuſtand der Kirche, wie er war, noch ehe es einen Pabſt gegeben hat, wieder herſtellen.“““
„So iſt es; die Faſten, der Ablaß, die Verehrung der Heiligen und Reliquien, die Euch Juden mit Recht als ein ſchlimmer Götzendienſt erſcheinen muß, ſollen abgeſchafft und die reine Chriſtenlehre ſoll wieder hergeſtellt werden. — Ihr, Joſelin, müſſet mit gutem Beiſpiele vorangehen; dann werden Eure Brüder Euch folgen. Nehmet die Taufe an, Joſelin, und werdet Euren Brüdern und Verwandten ein Erlöſer und Befreier, wie ich dem deutſchen Volke zu werden hoffe ein Befreier und Erlöſer vom papiſtiſchen Joche!“ —
„„Wie könnt Ihr, Herr Pater, ein ſolches Anſinnen an mich ſtellen? Wir, wir glauben an den einzigen Gott und an Niemanden außer Ihm. Für dieſen erhabenen Glauben haben unſre Väter gelitten und geblutet, in dieſem Glauben wollen auch wir leben und ſterben. Und wenn Euer Meiſter ſelber wiederkäme und uns gewinnen wollte für ſeine Lehre, ſo würden wir heute zu ihm ſprechen wie unſre Väter vor 1500 Jahren: Geh' hinweg von uns; wir haben keinen Theil an Dir. Wir bleiben treu der reinen, unverfälſchten Lehre unſres Gottes.“““
„Und meint Ihr, Ihr hättet den rechten Glauben, Ihr, mit Euren einfältigen Geſetzen ohne Ende, mit Euren vielen Vorſchriften, Gebräuchen, und äußeren Werken?“
„„Wahrlich, Herr Pater, Ihr ſteht dem Judenthume ferner als die Kirche, die Ihr bekämpfet! 248Eine der Hauptſäulen unſrer heiligen Religion iſt die Lehre von der Freiheit des Willens. Gott hat den Menſchen zur Freiheit erſchaffen; der Menſch kann das Böſe wählen oder das Gute, den Tod oder das Leben. Und Gott befiehlt ihm, ermahnt ihn, daß er wähle das Leben, daß er durch gottgefälligen Wandel, durch gute edle Thaten ſeine Seele vervollkommene. Das Erſte und Vorzüglichſte iſt die That, die echte, rechte, gottgebotene That. Nicht die Lehre iſt die Hauptſache, ſagen die Weiſen der Miſchnah, ſondern die That. Und Ihr, Herr Pater, Ihr leugnet den hohen Werth der guten Werke? Der Glaube, und nur der Glaube allein iſt Euch das einzige Mittel, ſelig zu werden! Ich habe Eure Schrift über die Freiheit des Willens geleſen. Sie iſt voller Irrlehren, voller Irrthümer — nein, nicht voller Irrthümer, ſondern von vorn bis hinten ein Irrthum. Ihr habt den Sinn der heiligen Schrift nicht verſtanden; könnt ihn nicht verſtehen, weil Ihr der hebräiſchen Sprache nicht genugſam mächtig ſeid, weil Ihr die Auslegungen und Erklärungen der Rabbinen nicht kennt, weil Euch das Eindringen in den Talmud und in die Kabalah verſagt und verſchloſſen iſt!“““
„O, Ihr heilloſen, elenden Leute! Jetzt ſehe ich, daß Ihr unverbeſſerlich ſeid, daß man recht gethan hat, Euch wie ſchädliche Thiere zu behandeln, Euch zu zertreten, zu zerfleiſchen und niederzumetzeln! Wohlan, ich werde Kaiſer und Reich für meine Lehre gewinnen. Dann werde ich dazu rathen, Eure Synagogen einzuäſchern, Eure Häuſer zu zerſtören, Euren Talmud und Eure Gebetbücher und ſonſtigen Teufelskram zu verbrennen. Euer Geld muß Euch genommen werden, und Euren Rabbinen und Schriftgelehrten muß die Zunge ausgeſchnitten werden hinten am Halſe; Eure Männer und Frauen ſollen zu Leibeigenen verkauft werden 249und mit nichts Anderem handtieren als mit Flegel, Axt, Spaten, Rocken und Spindel. Dann ſollet Ihr noch behaupten, daß Ihr den rechten Glauben habt und daß das Chriſtenthum drei Götter lehre.“3Vergleiche Luthers Schrift von den Juden; Grätz l. c. S. 324 und ferner.
Im hellen Zorn ſchritt er von dannen.
Rabbi Joſelmann aber erhob ſeine Hände gen Himmel und ſprach:
„Allmächtiger Gott, ſo iſt denn in dieſem Martinus Luther Deinem Volke ein ſchlimmerer Feind erwachſen als jemals zuvor einer gelebt hat. Du aber, o Gott, laß ſeine böſen Anſchläge nicht gelingen, laß ihn das Herz unſres Kaiſers nicht gewinnen, nicht bethören! Du allein biſt unſer Erretter und Beſchützer, auf Dich allein vertrauen wir. Auf Dich haben vertraut unſre Väter, ſie haben vertraut und wurden errettet. Zu Dir fleheten ſie und wurden errettet, auf Dich haben ſie vertraut und wurden nicht beſchämt. O, Du mein Gott, ſei nicht fern, Du meine Stärke, eile zu unſrer Hilfe.“
I. Theil · Kapitel 48 · S. 249–255
XLVIII.
Kaiſer Carl war von Aachen nach Mainz gereiſt und daſelbſt am 23. November unter großen Feierlichkeiten empfangen worden. Er wohnte in dem Schloſſe des Kurfürſten, der Martinsburg. Die beiden jungen Fürſten, den Kaiſer und den Kurfürſten Albert II., der unterdeß vom Pabſte zum Cardinal ernannt worden war, umſchloß bald ein enges Freundſchaftsbündniß. Kurfürſt Albrecht hatte am meiſten zur Wahl Carls beigetragen; Carl beſtätigte Albrecht als Erzkanzler des deutſchen Reichs und übergab ihm das Reichsſigel.
250Kurfürſt Albert war, wie wir bereits oben erzählt haben, ein Freund Ulrichs von Hutten. Dieſer hatte unterdeß offen für Luther Partei genommen und in zahlreichen Schriften gegen das Pabſtthum gekämpft. Auch an Kaiſer Carl richtete Hutten ein Sendſchreiben, in welchem er ihn ermahnte, ſich an die Spitze der Bewegung zu ſtellen.
Kurfürſt Albert war halb und halb für Luther gewonnen. Wiewohl er öffentlich, dem Befehle des Pabſtes folgend, Ulrich von Hutten von ſeinem Hofe verbannt hatte, wiewohl er, ebenfalls auf Befehl des Pabſtes, die Schriften Luthers hatte verbrennen laſſen, war er doch heimlich der Lutheriſchen Lehre zugethan, geradeſo, wie ſein Bruder, Kurfürſt Joachim von Brandenburg, der ebenfalls damals noch nicht öffentlich für Luther Partei genommen hatte, heimlich aber das Auftreten des Reformators begünſtigte. Sieben Kurfürſten gab es; drei davon waren für Luther gewonnen: die Kurfürſten von Sachſen, Pfalz und Brandenburg; wäre der Kurfürſt von Mainz zu gewinnen geweſen, ſo hätten die Lutheraner im Collegium der Kurfürſten nicht allein die Majorität gehabt, es wäre auch anzunehmen geweſen, daß Kurfürſt Albert den Kaiſer, der ihm ſo ſehr zugethan war, der Lutheriſchen Sache geneigt gemacht hätte. Luther erkannte das wohl, und er machte dem jungen Albrecht einen Vorſchlag, von dem anzunehmen war, daß der ehrgeizige Fürſt ihn mit Freuden befolgen würde, den Vorſchlag, daß er ſein Kurfürſtenthum in ein weltliches, erbliches umwandle und ſich vermähle. Einige Jahre ſpäter hat ein anderer Albrecht von Brandenburg, ein Vetter des Kurfürſten von Mainz, der Großmeiſter des deutſchen Ordens, einen ähnlichen Vorſchlag zur Ausführung gebracht und ſein geiſt251liches Ordensland, Preußen, in ein weltliches, erbliches Herzogthum umgewandelt. So iſt Preußen an das Haus Brandenburg gekommen. Auch dem Kurfürſten von Mainz gefiel dieſer Vorſchlag wohl, und er hatte verſprochen, ihn in Erwägung zu ziehen.
Im Januar des Jahres 1521 wurde der Reichstag zu Worms eröffnet. Kaiſer Carl hielt eine Anrede an die verſammelten Fürſten und Reichsſtände, in welcher er ſeine deutſche Abſtammung hervorhob und verſprach, die Monarchie Kaiſer Carls, des Großen, wieder herzuſtellen.
Es gab auf dieſem Reichstage viel zu ordnen, und Rabbi Joſelmann konnte lange Zeit nicht die gewünſchte Audienz beim Kaiſer erlangen. Da wurde zuerſt ein Krieg gegen die Türken berathen; denn Sultan Soliman eroberte ein Land nach dem andern; zum zweiten kam eine neue Reichsgerichtsordnung zur Berathung; drittens wurden Geſetze gegen die überhandnehmende Kleiderpracht erlaſſen; viertens wurde beſchloſſen, den willkürlichen Zöllen in den Reichslanden Einhalt zu thun; fünftens wurde die berühmte lex Carolina, oder Kaiſers Carls V. hochnothpeinliche Halsgerichtsordnung zur Vorlage gebracht, damit Friede, Ordnung und Sicherheit des Eigenthums walten in deutſchen Landen; ſechſtens, wurde eine Stellvertretung angeordnet, die an Kaiſers Statt zu entſcheiden habe, wann der Kaiſer durch ſeine Berufspflichten gezwungen, in außerdeutſchen Landen verweilen würde. Endlich ſollte auch die religiöſe Frage ihre Entſcheidung finden.
Unter dem 6. März 1521 wurde Luther von Kaiſer Carl V. unter Ertheilung eines feierlichen, auf 21 Tage lautenden, kaiſerlichen Geleitbriefes, vor dem Reichstage zu Worms zu erſcheinen, citirt.
252Luther machte ſich auf den Weg, um dem Rufe des Kaiſers zu folgen; an einigen Orten, an denen er vorüberkam, predigte er unter großem Zulauf der Menge. Ueberall wurde er mit großen Ehrenbezeugungen empfangen.
Am 16. April war Luther in Worms angelangt. Der kaiſerliche Herold ritt ſeinem, mit Leinwand bedeckten Wagen, welchen eine zahlloſe Menge Volks umgab, voran, und viele Edelleute, Ritter, fürſtliche Diener, viele Senatoren und Abgeſandte der Reichsſtädte waren ihm entgegengeritten und begleiteten ihn bis zu ſeiner Herberge, die er bei den Maltheſerrittern genommen hatte.
Unverholen zeigte ſich die größte Theilnahme für Luther; unter des Kaiſers Augen wurden Luthers Schriften verkauft, und Pasquille und Carricaturen auf den Pabſt und ſein Regiment an allen Ecken feil geboten.
Bis ſpät in die Nacht hinein wurde Luther von Hohen und Niedern, ohnerachtet der drei Bannflüche, die der Pabſt gegen ihn geſchleudert hatte, beſucht.
Der Reichsmarſchall, Ulrich von Pappenheim, zeigte dem Reformator an, daß er ſchon am kommenden Tage vor der Reichsverſammlung zu erſcheinen habe.
So viele Fürſten, Erzbiſchöfe, Biſchöfe, Herzöge, Grafen, Edelleute und Deputirte der Städte, wie jetzt in Worms verſammelt waren, hatte noch kein Reichstag geſehen.
Auf ſeinem Throne ſaß Kaiſer Carl V. und um ihn die Wahlfürſten des Reichs; der Kurfürſt, Erzbiſchof, Reichserzkanzler und Cardinal Albert von Mainz, die Kurfürſten und Erzbiſchöfe von Cöln und Trier, der Kurfürſt Ludwig, Pfalzgraf bei Rhein und die Kurfürſten von Sachſen und Brandenburg; nach dieſen des Kaiſers Bruder 253Erzherzog Ferdinand von Oeſterreich; dann folgten 27 Herzöge von Bayern, Sachſen, Pommern und andern deutſchen Landen; dann kamen Markgrafen, Landgrafen und Fürſten von Baden, Heſſen und andern deutſchen Landen; die Erzbiſchöfe von Bremen und Salzburg, 18 deutſche Biſchöfe, die päbſtlichen Legaten, Grafen und Ritter in großer Menge, die Deputirten ſämmtlicher Reichsſtädte und die Geſandten faſt aller europäiſcher Staaten1Unſere Leſer wird es wohl von Intereſſe ſein, zu erfahren, daß auch der regierende Bürgermeiſter von Oberehnheim, Jakob Brand, anweſend war, und daß ſich der ehrſame Herr Johannes Pfefferkorn im Gefolge des Kurfürſten von Cöln befand..
In dieſe glänzende Verſammlung trat Luther, eingeführt durch Graf Ulrich von Pappenheim, den Reichsmarſchall.
Ihm trat der Kurfürſt von Trier entgegen und fragte ihn, ob die ihm vorgelegten Bücher von ihm verfaßt und ob er bereit ſei, deren Inhalt zu widerrufen.
Die erſte Frage bejahte Luther; für die Beantwortung der zweiten erbat er ſich Bedenkzeit, die ihm bis zum andern Tage um dieſelbe Stunde gewährt wurde.
Am andern Tage erklärte Luther: ſeine Schriften ſeien dreierlei Art; für's Erſte, Lehrbücher, die die heilige Schrift auslegen; da ſei nichts Böſes darinnen; für's Zweite Zankbücher, gegen den Pabſt und andere Widerſacher; würde er dieſe widerrufen, ſo würde die Tyrannei und das gottloſe Weſen des Pabſtes und ſeiner Anhänger nur noch ſtärker; für's Dritte ſeien es Disputationes über die chriſtliche Lehre; bei dieſen wolle er bleiben, ging es darüber, wie der liebe Gott wolle. Wolle man ihn aber aus der heiligen Schrift überweiſen, daß er geirret habe, ſo wolle er der erſte ſein, der ſeine Büchlein in's Feuer werfe.
254Darauf erhob ſich der kaiſerliche Sprecher und ſagte: Luther habe nicht auf die Frage geantwortet; es handele ſich nicht darum, über Grundſätze zu disputiren, die ſchon durch die Concilien verdammt worden ſeien; man verlange eine einfache und ſchlichte Antwort, ob er widerrufen wolle oder nicht.
Darauf ſprach Luther die denkwürdigen Worte:
„Ich werde nicht widerrufen, weil es nicht gerathen iſt, etwas wider das Gewiſſen zu thun. Hier ſtehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!“
Der Eindruck, den Luther auf den Kaiſer und die Fürſten gemacht hatte, war ein wahrhaft überwältigender. Alle Welt wartete mit der größten Spannung der Entſchlüſſe des Kaiſers und des Kurfürſten von Mainz.
Nach dem Schluſſe der öffentlichen Reichstagsverhandlung jenes denkwürdigen Tages, zog ſich der Kaiſer in ſeine Gemächer zurück. Er ging lebhaft auf und ab, mit ſich ſelber redend, nach einem Entſchluſſe ringend. Sollte er dem Rathe Huttens, Sickingens und ſo vieler Anderen folgen und ſich an die Spitze der Bewegung ſtellen? Ein großer Theil der Reichsſtände hatte ſich offen für Luther erklärt; die übrigen warteten nur auf die Zuſtimmung des Kaiſers, um ein Gleiches zu thun. Dann wäre Deutſchland eines Sinnes und er, der Kaiſer, der gebietende Herr dieſes großen mächtigen Landes. Aber ſeine ſpaniſchen Erblande? Würden die nicht ſofort abfallen von dem ketzeriſchen König? Dort würde ein Kampf entſtehen, in dem er nimmer Sieger bleiben würde. Viel leichter wäre das in ſich getheilte und zerriſſene Deutſchland zu bezwingen, als das im Glauben einige Spanien! Aber, wenn dieſer Auguſtiner=255Mönch die Wahrheit ſpricht? Muß man nicht der Wahrheit alle andern Rückſichten opfern?
„O, wer mir rathen könnte,“ ſagte Carl, „aufrichtig, unparteiiſch! Aber alle Welt iſt Partei in dieſem Streite. Doch halt, ich kenne einen, der nicht parteiiſch iſt, nicht parteiiſch ſein kann: das iſt der kühne, kluge Jude, der ſein Leben gewagt, der nach Spanien gekommen, um mich für die deutſchen Juden günſtig zu ſtimmen. Er iſt hier; er hat mich ſchon vielemal um Audienz bitten laſſen. Jetzt ſoll er kommen; ich will ſeine Anſicht hören in dieſer wichtigen Angelegenheit.“
Und der Kaiſer zog eine Klingelſchnur und gebot dem eintretenden Diener, dem Juden Joſelin von Rosheim zu entbieten, daß er ſogleich vor des Kaiſers Angeſicht erſcheine.
I. Theil · Kapitel 49 · S. 255–262
XLIX.
Es ſind oft ganz eigenthümliche Mittel und Wege, deren ſich die göttliche Vorſehung bei ihrem Wirken und Walten bedient.
Die Kirchenreformation des 16. Jahrhunderts war ohne Frage ein großes Glück für die unterdrückten und verfolgten Nachkommen Jakobs; denn durch ſie brach ſich allmählich ein Geiſt größerer Toleranz Bahn; aber der vollſtändige, ſofortige Sieg der Reformation wäre ein unſägliches Unglück für ſie geweſen. Von dem excluſiven Geiſte Luthers war die ganze Reformation getragen; wäre es den Reformatoren gelungen, Kaiſer und Reich widerſtandslos für ſich einzunehmen, ſo wäre für die Juden kein Raum mehr in Deutſchland geweſen. Der letzte Entſcheid über dieſen ſofortigen und widerſtandsloſen Sieg lag — die Wege der Vorſehung ſind wunderbar — bei einer 256ſchönen Mainzer Bäckerstochter. Margaretha Riedinger war ein ſchönes, frommes, tugendſames Mädchen; man konnte, wie die Chroniſten berichten, rheinauf, rheinab kein ſchöneres finden. Der junge Kurfürſt Albert war in heißer Liebe zu der ſchönen Bäckerstochter entbrannt, und er hätte ſein Kurfürſtenthum darum gegeben, wenn er bei ihr Gehör gefunden. Allein ſeine reichen Geſchenke wurden zurückgewieſen, jeder Annäherung ſorgfältig aus dem Wege gegangen. Als des Kurfürſten Werben dringender wurde, hatte Meiſter Riedinger ſeine Tochter zu einer Baſe nach Worms geſchickt.
Inzwiſchen waren die weltgeſchichtlichen Ereigniſſe eingetreten, von denen wir oben erzählt haben. Die Anhänger der alten Kirche begriffen ſehr wohl, daß das Verhalten des Kurfürſten Albert eine entſcheidende Wirkung üben würde; allein, der junge Kirchenfürſt ſchwärmte für die neuen Ideen und namentlich für die Umwandlung ſeines geiſtlichen Kurfürſtenthums in ein weltliches, erbliches; man wußte nicht, wie man auf ihn einwirken ſollte. Da erblickte der Mainzer Domherr Thomas, Graf von Rieneck, die ſchöne Mainzer Bäckertochter zufällig in Worms. Er kannte ſie von Mainz aus und wußte, wie ſehr Albert ihr zugethan war. Noch an demſelben Tage ſchickte er den Beichtiger ihres Vaters, den Pater Laurentius, der ſich im Gefolge des Kurfürſten befand, zu der Jungfrau. Dieſer verhieß derſelben des Himmels Seligkeit, wenn es ihr gelingen möchte, den Kurfürſten von den ketzeriſchen Ideen und namentlich von der projectirten Heirath abzuhalten. Er übernahm es, die Zuſtimmung der Eltern zu erhalten, ja, er ſtellte ſie, in Erwägung des großen Zweckes, als unzweifelhaft dar. — Der Erfolg übertraf die kühnſten Erwartungen. Kurfürſt Albert, dem man die Geliebte zuführte, 257wurde von dieſer nicht allein gegen die Reformation eingenommen, ſondern auch beſtimmt, auf den Kaiſer einzuwirken, daß dieſer der Lutheriſchen Bewegung keinen Vorſchub leiſte, ſondern ſich als Gegner derſelben erkläre1Die Liebe und Verehrung, welche Kurfürſt Albert für Margaretha empfand, waren grenzenlos; als ſie in noch jungen Jahren ſtarb, ließ er ſie in einem vergoldeten Sarge in der Stiftskirche zu Aſchaffenburg beiſetzen, weſwegen er von Luther in den härteſten Worten geſchmäht wurde. (Vergleiche Luthers Werke Theil 19.) — Zum Andenken an die Genannte ließ Albert durch Peter Viſcher von Nürnberg ein prachtvolles Denkmal in einer der Seitenkapellen der erwähnten Kirche errichten. (Vergl. Vogt, Rheiniſche Geſchichten und Sagen.).
Unterdeß wurde Rabbi Joſelmann zum Kaiſer entboten. Mit Sehnſucht hatte der Befehlshaber der Juden dieſes Augenblickes gewartet. Seit dem Tode Kaiſer Maximilians hatten alle Judenfeinde wiederum ihre Häupter erhoben. Viele der zu Worms erſchienenen Bürgermeiſter der Reichsſtädte hatten dem Kaiſer Petitionen übergeben laſſen, in denen um die Erlaubniß zur Austreibung der Juden gebeten wurde. Eine ſolche Petition hatte der regierende Bürgermeiſter von Ober-Ehnheim überreicht, und dieſe hatte Kaiſer Carl bereits genehmigt. Dagegen war noch kein Schutz- und Freiheitsbrief für die Juden von ihm unterzeichnet worden. Noch kannte man den Charakter des jungen Kaiſers nicht. War er wankelmüthig, wortbrüchig? Sollte jene gefahrvolle Reiſe nach Spanien vergeblich und nutzlos geweſen ſein? Vielemal hatte Rabbi Joſelmann um Audienz nachgeſucht und war jedesmal abgewieſen worden. Jetzt wurde er zum Kaiſer gerufen; was hatte das zu bedeuten?
„Joſelin“, ſagte der Kaiſer gütig zu dem Eintretenden, „ich mußte Deine Bitten um Audienz 258bis jetzt zurückweiſen; meiner Geſchäfte ſind zu viele und dringende. Auch heute will ich nicht mit Dir von Judenſachen reden. Ich möchte Deine Anſicht, Dein Urtheil hören über wichtige Dinge.“
„„Meines allergnädigſten Kaiſers Vertrauen ehrt mich hoch.““
Ein Diener meldete den Kurfürſten von Mainz, der mit Zittern und Zagen gekommen war, dem Kaiſer ſeine Sinnesänderung in Bezug auf den Kirchenſtreit kund zu thun.
„Er mag eintreten“, ſagte Carl, „er darf Zeuge unſrer Unterredung ſein.“
Der Kurfürſt begrüßte den Kaiſer.
„Ah, Joſelin“, ſagte er dann zu dem anweſenden Juden, „wie geht es Dir?“
„Du kennſt den Juden?“ fragte der Kaiſer.
„Gewiß, Majeſtät“, antwortete der Kurfürſt, „ich habe ihn als einen tüchtigen, klugen und braven Mann kennen gelernt.“
„Das iſt mir lieb“, ſagte Carl.
„Joſelin“, fuhr er zu dieſem gewendet zu reden fort, „ich möchte Deine Meinung hören in Bezug auf den Luther und ſeine Lehre. Du biſt unbetheiligt und deßhalb unparteiiſch. Joſelin, ſage mir Deine Anſicht unverholen, ohne Furcht.“
„Majeſtät“, entgegnete Joſelin, „nicht kann ich ein Urtheil abgeben über den Glaubensſtreit, über einen Glauben, der nicht der meine iſt. Wenn ich Luthern Recht gäbe, müßte ich mich da nicht zu Luthern bekennen? Und wenn ich dem Pabſte Recht gäbe, müßte ich dann nicht mich zum Pabſte bekennen? Und was würden Eure Majeſtät dazu ſagen, wenn ich Beiden Unrecht geben würde?“
Carl lachte.
„Du biſt ein feiner Kopf, Joſelin,“ ſagte er. „So will ich denn die Frage anders faſſen: Was 259räthſt Du mir, daß ich thun ſoll? Soll ich mich an die Spitze der Bewegung ſtellen und ein allgemeines Concil berufen, oder ſoll ich mich der Bewegung feindlich gegenüberſtellen?“
„„Majeſtät, es heißt in der heiligen Schrift: Fürchte Gott, mein Sohn und den König, und mit Anderswollenden laß Dich nicht ein. Wenn dieſer Rath, ſich mit Anderswollenden nicht einzulaſſen, jedem Unterthan gilt, um wie viel mehr dem Könige ſelber! Der König iſt ſeiner Natur nach ein Erhalter des Beſtehenden. Wie Euer Majeſtät Ahnherren ſtets treu an dem Ueberlieferten feſtgehalten, ſo liegt es in der Natur der Sache, daß auch Eure Majeſtät ſo verfahren. Dieſer Doctor Martinus Luther will ſich anmaßen, ein Jahrtauſend und länger, ungeſchehen zu machen? Er will aus der heiligen Schrift lehren und iſt nicht eingedrungen in den Geiſt derſelben! Er will verdunkeln die Lehre von der Freiheit des Willens — dieſen Grundpfeiler der ſittlichen Weltordnung! — Nein, Majeſtät, ich kann Euch nicht rathen, mit dieſem Luthero gemeinſame Sache zu machen.““
„Und was meinſt Du, Albert?“
„Der Jude hat mich vollſtändig überzeugt“, antwortete der Kurfürſt, froh, einen Vorwand für ſeine Sinnesänderung zu haben.
„Ich danke Dir, Joſelin“, ſagte der Kaiſer, „ich werde Deinem Rathe Folge leiſten, zumal da mein Freund Albert durch Dich iſt anderes Sinnes worden. Den Juden-Schutz-Brief erlaſſe ich ſpäter; mir fehlt jetzt die Zeit dazu.“
„„Verzeihung, Majeſtät, daß ich mir eine Frage erlaube. Koſtet es weniger Zeit, die Juden auszutreiben als ſie in ihren Wohnſitzen zu ſchützen?““
Carl lachte.
260„Ha“, ſagte er, „Du machſt mir Vorwürfe über meine Erlaſſe an Colmar, Ober=Ehenheim und andere Städte! Doch habe ich auch Deinen Glaubensverwandten ſchon manches Gute erwieſen; ſo, denen von Gelnhauſen2Der Erlaß, auf den der Kaiſer hier hinweiſt, befindet ſich im Archive zu Gelnhauſen; wir verdanken eine Abſchrift deſſelben, die wir folgen laſſen, der Güte des Herrn L. H. Lißmann daſelbſt. Das Kaiſerliche Schreiben lautet: „Wir Carl der Fünfte von Gottes Gnaden erwählter römiſcher Kaiſer zu allen Zeiten Mehrer des Reichs in Germanien, zu Hispanien, beider Sicilien ꝛc. bekennen öffentlich mit dieſem Brief und thun kund, daß uns Unſere und des Reichs lieben Getreuen Bürgermeiſter Bürger und Gemeinde unſer und des heiligen Reichs Stadt Gelnhauſen durch ihre ehrbare Botſchaft haben anbringen laſſen wie ſie im Land Unſeren Vorfahren am Reich römiſchen Kaiſern und Königen und ins Beſondere vonweil Kaiſer Carl dem Vierten privilegirt und gefreit ſind, daß Sie vor keine fremde noch ausländiſche Gerichte vorgefordert, noch geladen werden ſollen und die von weiland dem Allerdurchlauchtigſten Kaiſer Maximilian unſerm lieben Herrn und Ahnherrn löblichen Gedächtniß unter andern Ihrer Freiheiten in's gemeien confirmirt wären, alles Inhalts des Briefs darum ausgegangen und aber ſolche ihre Freiheit ſich auf die Judenſchaft, ſo auch bei Ihnen ſeßhaft und ihre Bürger wären, nicht erſtreckt, deßhalb dieſelben ihre Juden je zu Zeiten an fremde und ausländiſche Gerichte vorgeheiſcht und geladen und in merkliche Koſten und Schaden geführt würden, über daß ſo ſie einem jeden Recht wie ſich's gebührt gegen denſelben ihren Juden Bürgern gegeltet hätten und uns darauf demüthiglichſt angerufen und gebeten, daß wir ſolch ihre Gnade und Freiheit auf Ihre Juden bringen auch zu erſtrecken gnädiglich geruthen. Das haben wir angeſehen, ſolche ihre demüthige Bitte auch die angenehmen willigen Briefe ſo ſie unſere Vorfahren dem Reiche erzeigt haben und uns und dem Reiche hierfür wohlthun ſollen und mögen, um darum mit gutem Rath und rechtem Wiſſen ihnen dieſe Gnade und Freiheit gethan und gegeben. — Thun und geben ihr in die auch von Kaiſerlicher Macht wiſſentlicher Kraft dieſes Briefes, alſo daß ſich ſolche beſtimmte Ihre gegebene Gnade und Freiheit (gethan und gegeben) für fremde und ausländiſche Gerichte auf dieſelben ihre Juden Bürger auch beziehen und erſtrecken und dieſelben Bürgermeiſter, Rath, Bürger und Ge=. Wir reden von allem Dem ein andermal!“
261Der Kaiſer winkte mit der Hand und Joſelin ging.
„Das iſt ein ganzer Mann“, ſagte der junge Kaiſer zu Albert. „Wenn er nicht Jude wäre, ich würde ihn zu meinem Geheimſecretär und intimſten Berather erheben.“
meinde und Ihre Juden Bürger um für dieſelben Freiheit und Gnade haben, und ſich dergleichen Weiſe, wie Ihre andern Chriſten Bürger freuen und genießen, auch dieſelben Bürgermeiſter, Rath, Bürger und Gemeinde der Stadt Gelnhauſen und ihre Nachkommen Macht haben ſolch ihre Juden=Bürger allzeit darauf, ſo oft ſolches die Nothdurft erfordert wie ihre anderen Chriſtenbürger aufzufordern, und ob darüber einer oder mehr ihrer Juden Bürger durch Jemand über kurz oder lang, an die ob beſtimmten fremde und außer Gericht fürgenommen und beklagt, oder wider ſie, ihr Leib, Hab oder Güter, Gericht geurtheilt oder prozedirt würde, ſo wollen wir doch von unſer kaiſerlichen Macht, daß ſolches alles und jenes ganz kraftlos, nichtig und untüchtig ſein, und ſolches demſelben ihren vorgeladenen Juden Bürgern keinen Schaden gebühren, noch bringen ſoll in keiner Mühe. Und gebieten darauf allen Kurfürſten, Fürſten, Geiſtlichen und weltlichen Prälaten, Grafen, Freien, Herrn, Rittern, Knechten, Hauptleuten, Vögten, Pflegern, Verweſern, Amtleuten, Schuldheißen, Bürgermeiſtern, Richtern, Räthen, Bürgern, Gemeinden und ſonſt allen andern unſern und des Reichs Unterthanen und Getreuen, in was Würden, Stades oder Weſens, die ſein, ernſtlich mit dieſem Brief und wollen, daß ſie die gemeldeten Bürgermeiſter, Rath, Bürger und Gemeinde der Stadt Gelnhauſen, auch ihre Juden Bürger bei ſolcher beehrten, Unſer ſonder Gnaden und Freiheit geruhlich bleiben, gebrauchen und genießen laſſen und hierüber nicht beſchweren, noch daß Jemand anderen zu thun geſtatten in keiner Weiſe als lieb einem Jeden ſei, Unſere und des Reichs ſchwere Ungnade und Strafe, und dazu ein Pönn, nämlich 20 Mark löthigen Gold zu vermeiden, die ein jeder, ſo oft er freventlich hierwider trein, halb in Unſer und des Reichs Kammer, und den andern halben Theil den ob genannten Bürgermeiſtern, Rath, Bürgern, Gemeinden, auch Ihren Juden Bürgern unabläſſig zu bezahlen, verfallen ſein ſollen, das meinen wir ernſtlich; mit Urkund dieſes Briefes, beſiegelt mit unſerem kaiſerlichen anhangenden Inſiegel. Gegeben in Unſer und des Reichs Stadt Worms am 29. Januar im fünften Jahre unſerer Regierung. 1521. Carolus.
262Am andern Tage, dem 19. April 1521, erſchien ein Erlaß des Kaiſers, in welchem er erklärte, die Kirche gegen alle Angriffe zu ſchützen, wie ſeine Vorfahren es gethan. Luther aber, der ſich anmaße, beſſer zu wiſſen, was der wahre Glaube ſei, als Tauſende gelehrter Männer und Väter der Kirche ſeit mehr als tauſend Jahren, ſei in die Acht erklärt, ſobald das freie Geleit aufgehört habe.
Die päbſtlichen Legaten triumphirten. Viele wollten den Kaiſer bewegen, Luther gleich feſtnehmen und verbrennen zu laſſen, wie einſt Kaiſer Siegesmund den Johannes Huß, da man einem Ketzer nicht Wort zu halten brauche. Carl aber ſprach: „Was man zugeſagt hat, das ſoll man auch halten.“
So trat Luther ungehindert die Heimreiſe an. Rabbi Joſelmann aber dankte Gott, daß es dem ungeſtümen Reformator und Judenfeinde nicht gelungen war, Kaiſer und Reich für ſeine Ideen zu erobern.
I. Theil · Kapitel 50 · S. 262–269
L.
Wenige Tage nachher wurde Rabbi Joſelmann wieder zum Kaiſer beſchieden.
„Du haſt mir vorgeworfen“, ſagte der Kaiſer, „daß ich mir noch nicht Zeit genommen, etwas für die Juden zu thun. Da, nimm Dein Beſtellungsdecret als Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenheit des heiligen römiſchen Reichs deutſcher Nation; ich habe es ſelbſt unterzeichnet und mein kaiſerliches Inſigel daran heften laſſen. Und nun ſchwöre mir Treue und Gehorſam ſowohl in Deinem Namen als in dem Deiner Brüder und Anverwandten, der geſammten Judenheit 263in allen Landen, die meinem kaiſerlichen Scepter unterthan ſind.“
Und Rabbi Joſelmann leiſtete den Eid, der ihm von dem Reichsvicekanzler, Urbanus Zieglr, im Beiſein des Kurfürſten Albert von Mainz als des Reiches Erzkanzler, vorgeleſen wurde. Das Manuſcript, das die Eidesformel enthält, ſoll ſich heute noch, wie Carmoly in La France Israélite erzählt, im Archive zu Brüſſel befinden. Wir haben daſſelbe nicht erhalten können, ſind alſo nicht im Stande, den Wortlaut mitzutheilen.
Rabbi Joſelmann wendete ſich darauf an den Kaiſer und ſprach:
„„Habet Dank, Majeſtät, für die hohe Gnade, die Eure Majeſtät mir und meinen Glaubensgenoſſen erwieſen. Geſtatten Eure Majeſtät, daß ich ſogleich von dem mir huldreichſt verliehenen Rechte Gebrauch mache und Euer Majeſtät Gnade erflehe für meine Brüder in Ober=Ehenheim, gegen die Eure Majeſtät einen Ausweiſungsbefehl zu erlaſſen geruht haben.““
„Nicht doch, Joſelin, ich habe keinen ſolchen Befehl erlaſſen; ich habe nur denjenigen confirmirt, den mein kaiſerlicher Großvater bereits anno 7 erlaſſen. Gehe, Urban, hole die Abſchrift des Decrets aus der Kanzlei.“
Der Vice=Kanzler ging in die Kanzlei und brachte ein Schreiben.
„Lies es vor, Urban!“ ſagte der Kaiſer. Und Herr Urbanus Zieglr las1Das Original befindet ſich im Archive zu Ober=Ehnheim Lade 2, Nr. 11.:
„Wir Karl der fünfft von Gotts gnaden Erwalter Römiſcher Kayſer, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs ic. König von Germanien zu Caſtilien zu Arragon zu Legion (Léon), Baider Sicilen zu 264Jeruſalem zu Hungern zu Dalmatien zu Croatien zu Newarra zu Granaten zu Toleten zu Valentz zu Galitien Majoricarum zu Hispalis Serdina Cordubie Corſice Murice Giemis (?) algarven algotire (?) zu Gibraltaris und Inſulen Camarie auch der Inſulen Indiarum undt Terre Stuire des Meers oceani ic. Ertzhertzog zu Oſtereich Hertzog zur Burgundt zu Lotteringh zu Brabandt zu Steyr Kerndte Crain Lymburg Lutzemburg Ghöldern Wurtemberg2Ueber Herzog Ulrich von Württemberg war die Reichsacht ausgeſprochen und ſomit ſein Land dem Kaiſer anheimgefallen. Calabrien Athenarum Neopatrie ic. Graue (Graf) zu Flandern zu Habspurg zu Tirol, Parſelom (?) zu Arthoys und Burgundt, Pfaltz graue zu Honigew (Henegau) zu Hollandt zu Seelandt zu Pfürdt (?) zu Kyburg zu Namur zu Roſſilion zu Teritan undt zu Zutphen, Landtgraue in Elſaß, Margraue zu Burgaw zu Oriſtein zu Gotziani und des heiligen Römiſchen Reichs Fürſt zu Swaben zu Cathilonien Aſturia ic. Herr in Frießlandt auf der Windiſchen March, zu Portenaw, zu Viſtaja zu Monia zu Salms zu Tripoli und zu Mecheln ic. ic. Bekennen offentlich mit dießem Brieff undt thun kundt Männiglich, daß uns unſer undt des Reichs lieben getrewen Meiſter undt Rath der Statt Ober=Ehenheim einen Brieff haben fürbringen laſſen, darinn Ihnen Weilandt unſer lieber Herr undt Ahnherr, Kayſer Maximilian ic. loblicher Gedachtnus dieße gnadt undt freyheit gedan und gegeben hat, alſo daß Sie un hinfür in Ewigzeit ferner keine Juden noch Judin daſelbſt in Ober=Ehnheim halten noch wohnen laßen ſollen, der von wortt zu wortt wie hernach laut: Wir Maximilian (hier folgt das bereits oben mitgetheilte Decret Maximilians von 1507). — Undt Unß darauf die nütziglichen ange265ruffen und gebetten, daß Wir Ihnen deſſelben Weilandt unſres lieben Herrn und Anherrn freyheit und gnaden Brieff in allen Ihren Inhaltungen und begreiffungen als erwehlter Römiſcher Keyſer zu ernewen zu Confirmiren undt zu beſtetten gnadiglich geruheten. Daß haben Wir angeſehen, ſolch Ihr zimlich demüthig bette, auch Ihr angenehm getrew willig dienſt, ſo Sie unſern Vorfahren nudt dem heiligen Reiche bißher Erzeigt undt getan undt hinfür zu thun willig ſeyn. und darumb mit wohlbedachtem muth gutem Rathe undt rechter wiſſen Ihnen ſolch weilandt unſers lieben Herrn undt Anherrn Gnadt und Freyheit in allen undt Jeglichen Ihren wortten meinungen undt Begriffungen genadiglich Confirmirt — undt beſtätt, Confirmiren undt beſtetten die auch von Keyßerlicher macht wißentlich in Krafft diß brieffs, was Wär Ihnen daran zu Confirmiren undt zu beſtätten haben, undt meinen undt wollen daß die crafftig undt mächtig ſeyen, ſtatt gehalten undt Sie und Ihr Nachkommen ſich derſelben nach Inhalt Keyſer Maximilians brieff in Ewigkeit geruhelich gebrauchen und mit ſchuldig ſeyn ſollen ferner keinen Juden noch judin daſelbſt zu Ober=Ehnheim zu enthalten noch wohnen zu laſſen von allermänniglich ungehindert. Und gebieten darauff allen und jeglichen Churfürſten, fürſten, geiſtlichen undt weltlichen Prelaten grawen freyenherren Ritternd undt Knechten, Hauptleute Vitzthumben Vogten Pflegern Verweſern Ambtleuthen Schultheißen Burgermeiſtern und Richtern, Räten bürger, genannd undt ſunſt allen andern undt des Reichs auch — unſern erblichen fürſtentumben undt Landenunderthanen und getrewen und was würden ſtands oder weſens ſie ſeyen, Ernſtlich mit dieſem brief und wollen daß Sie die vorgenannten Meiſter undt Rath der Statt Ober=Ehenheim undt 266Ihr nachkommen an der abbeſtimmten Weilandt unßers lieben Herrn undt Anherrn gnadt undt Freyheit nach dießer unßer Confirmation undt Beſtettigung, nit Irren noch hindern noch daß gemandts andern zu thun geſtatten und kein weiße. Sonder Sie dabey beruehblichen bleiben laßen als lieb Ir allen und Jeden ſey. unßer und des Reichs ſchwer Ungnadt undt Straff undt darzu ein Peen nemblich Zweintzig Marckh Löttiges Goldtes zu Vermeinden, die Ein jeder ſo oft Er frewenlich dawider thets und halb in unſer undt des Reichs Camer undt den andern halben theil den obengenannten Meiſter undt Rath der ſtatt Obern=Ehenheim unablaßlich zu bezahlen verfallen ſeyen ſoll, das meinen wir Ernſtlichen. Mit Urkundt dieß Brieffs mit unßerm Kaißerlichen anhangenden Inſiegel. Geben in unßer und des Reichs Statt Wormbs am Sechzehnden tag des Monats Decembris funfzehnhundert und im zwantzigſten unßer Reiche des Romiſchen im andern, undt der andern aller Im fünften Jahren. Carolj. Ad mandatum imperatoris etc. Albertus Cardinal etc. Archicancellarius, Urbanus Zioglr, Vice=Canzler.
„Nun“, fragte der Kaiſer, nachdem der Vice=Canzler die Vorleſung des Edictes beendet hatte, „ſage ſelber, Joſelin, habe ich nicht recht gethan, die Gnade und Freiheit zu beſtätigen, die mein geliebter Großvater der Stadt Obern=Ehnheim verliehen hatte? Haſt Du mir nicht geſagt, daß es eine heilige Pflicht iſt, den Verfügungen theurer Verſtorbener nachzukommen?“
„„Geſtatten mir Eure Majeſtät eine Frage: das Decret des hochſeligen Kaiſers iſt von anno 7; unſer geliebter, verewigter Kaiſer ſtarb anno 19; 267warum haben die Herren von Ober=Ehnheim nicht in dieſen zwölf Jahren die Juden ausgetrieben?““
„Auch das haben ſie in ihrer Eingabe aufgeklärt; der Bote, der ihnen die Schrift bringen ſollte, iſt beraubt und erſchlagen worden; ſo kam ſie erſt ſpät in ihre Hände.“
„„Aber doch ſchon anno 10; und gerade in jenem Jahre 1510 war eine Umwandelung vorgegangen mit Kaiſer Max in Bezug auf ſeine Geſinnungen gegen die Juden. Vorher war der verewigte Kaiſer den Juden weder freundlich noch feindlich geſinnt; aber er lieh den Anklagen gegen dieſelben Gehör. So wurden meine Brüder mit des Kaiſers Zuſtimmung aus Nürnberg ausgetrieben und aus andern Städten. Als ich aber das Glück hatte, im Jahre 1510 vor des ſeligen Kaiſers Majeſtät zu erſcheinen, da war der allmächtige Gott zu meiner Hilfe, ſo daß es mir gelungen iſt, Seine Majeſtät von der Unſchuld meiner Brüder zu überzeugen. Seine Kurfürſtliche Gnaden, mein allergnädigſter Herr von Mainz, kann es bezeugen, wie ſehr wohlgeſinnt Kaiſer Max ſpäter uns Juden geworden.““
„Das kann ich, Majeſtät“, nahm der Kurfürſt von Mainz das Wort. „Ich habe im Jahre 1516 ein Kaiſerliches Schreiben in Angelegenheiten der Juden erhalten, das voller Wohlwollen ſich dieſer Angehörigen des Reiches annimmt.“
Und dann erzählte Rabbi Joſelmann dem Kaiſer, wie es gekommen, daß der Bürgermeiſter von Ober=Ehnheim von der Erlaubniß Kaiſer Maximilians, die Juden auszutreiben, keinen Gebrauch machen konnte, und wie die nunmehrige Berufung auf jenes Edict nichts als ein Wortbruch ſei, da der Bürgermeiſter eine Beſtrafung für ſein damaliges Verfahren gegen Rabbi Joſelmann nicht mehr zu fürchten brauche, und welchen 268Antheil der ebenfalls in Worms anweſende Pfefferkorn an der gegen Rabbi Joſelmann geſchmiedeten Intrigue gehabt.
„Wohlan,“ ſagte der Kaiſer, „ich will die Sache unterſuchen und die Austreibung der Juden aus Ober=Ehnheim einſtweilen inhibiren laſſen.“
Erſt Jahre lang nachher gelang es Rabbi Joſelmann, den Streit zwiſchen der Stadt Ober=Ehnheim und ihren Juden durch Vermittelung des Abtes Rüdiger von Weißenburg vollſtändig beizulegen. Der Erlaß des genannten Abtes, durch welchen er die ſtreitenden Parteien im Namen des Kaiſers vor ſeinen Richterſtuhl fordert, liegt uns in beglaubigter Abſchrift vor. Wir wollen denſelben hier mittheilen; er lautet3Das Original befindet ſich im Archiv zu Ober=Ehnheim, Lade 2 Nr. 26.:
Ich Rudiger vonn gotsgnaden Abbt zu Wiſſenburgk entbieten euch denn Erſamen Burgermeiſter und Rath der Statt Obernenheim unnſern grus. Als unns vonn Romiſcher Keyſerlicher mt, unnſerm allergnedigſtenn Herrnn Comiſſion und bewelch geſcheenn, Euch, gegen, der gemeinen Judiſheit. In der Landtvogtey Hagenauv ſeßhafft, eure Spenn und Irrungen ſo ſich zwiſchen euch idtwedderſeits haltenn zuertragen und nach beider ſeitt dargethanem berichtenn und vleiß furzekeren veh derſelbigen gutleich zu richten und zu vertragenn. Als Jr auch euer beigeſchickter Copien zu vernemen habt. Wellichs Bewelchs wir gemelter Romiſcher Ka. m t., unſerm allergnedigſten Herrn zue Ehrenn unnd undertenigen gefallen unns beladen, euch Demnach ernſtlüch erfordende auff dienſtagk den ſechs unnd zweinzigſten tag des Monts Apprilis zue fruer tagzeit zue Steinfellt vur unns gefahrt zue 269erſcheinen, wellen wir gegeneinander notturfftiglich verheren und zu gutlicher hinlegung gemelter Irrunge und vollenziehung obgedachter Comiſſion dienen magk. Darann ſoll unnſert halber nichts obgen noch mangeln, Das wellten alſo gewartenn, dann wir obernannter gemeinen Judiſheit jn der Landtvogtey Hagenaw ſeßhafft ſelligen tag und malſtat gleichermas angeſetzt unnd ernent. Geben in unſerm Sloſz Sanct Remigy under unnſerm uffgedrücktenn Secrette, Auff den Ach unnd Zwaintzigſten tagti (28.) Marty Anno vier unnd zwaintzig (1524).
Die Bemühungen des Abtes waren von gutem Erfolge gekrönt, und die Israëliten von Ober=Ehnheim wurden nicht mehr beunruhigt.
Wir ſind durch Mittheilung des obigen Reſcriptes unſrer Erzählung um einige Jahre vorausgeeilt. Nehmen wir den Faden derſelben wieder auf und kehren wir nach Worms zum Reichstage zurück.
Als Rabbi Joſelmann vom Kaiſer verabſchiedet worden war, ertheilte dieſer den Befehl, den regierenden Bürgermeiſter von Obern=Ehnheim, Herrn Jakob Brand, ſowie Herrn Johannes Pfefferkorn zur Audienz vorfordern zu laſſen. Die beiden Ehrenmänner fühlten ſich durch dieſe Einladung hochbeglückt und erſchienen pünktlich zur anberaumten Stunde.
I. Theil · Kapitel 51 · S. 269–275
LI.
Der Kaiſer ſaß auf ſeinem Throne; zu ſeiner Rechten ſtand Kurfürſt Albert von Mainz, zu ſeiner Linken der Vicekanzler Urbanus Zieglr, in einem Halbkreiſe die Großen des Reichs.
Wenn irgend ein Menſch es jemals verſtan270den hat, ſich in Reſpect und Anſehen zu ſetzen, ſo war es Kaiſer Carolus der Fünfte. Seine Perſönlichkeit flößte unwillkürlich Ehrfurcht ein. Der 21jährige Jüngling auf dem Throne wußte den tapferſten, im Kugelregen ergrauten Männern, den gewiegteſten und klügſten Diplomaten derart zu imponiren, daß ſie vor ſeinem Blicke erzitterten. Es war keineswegs die äußere Autorität, durch die er ſich Anerkennung erzwang, es war Hoheit und Majeſtät in ſeiner Seele; es war das Streben, ſich nicht nur als der Erſte dem Range nach zu erweiſen, ſondern ſtets der Erſte an tapferm Muthe und in ſtrenger Gerechtigkeit zu ſein, was ſeinem ganzen Weſen Hoheit und Majeſtät verlieh.
Vor dem Blicke des Kaiſers erzitterten die beiden Männer, die er vor ſeinen Thron hatte citiren laſſen, noch ehe er ein Wort zu ihnen ſprach.
„Ihr habt“, redete der Kaiſer ſie an, „durch Lügen und Verleumdungen den Kaiſerlichen Befehlshaber, den Juden Joſelin von Rosheim ins Gefängniß gebracht, auf falſche, unſinnige Ausſagen hin, die Ihr ausgedacht, um ihn zu verderben! Redet die Wahrheit, ſo ſoll Eure Strafe eine gelinde ſein. Wagt Ihr es aber, aufs Neue zu lügen, ſo laſſe ich die Sache aufs Strengſte unterſuchen, und es wird Euch Eure Köpfe koſten. Wenn Euch Euer Leben lieb iſt, ſo ſprechet die Wahrheit.“
Da warfen ſich die Beiden auf die Erde nieder und fingen an zu weinen und zu winſeln. Carl blickte verachtungsvoll auf ſie hernieder. „Da liegt Ihr feigen Menſchen“, ſagte er, „auf der Erde und winſelt wie die Hunde, die von ihrem Herrn abgeſtraft werden ſollen. Warum habt Ihr Euch nicht geſchämt, zu lügen und zu 271verleumden? Der Jude Joſelin ſoll kommen und ſehen, wie ich die Verleumder beſtrafe.“
Sofort entfernte ſich ein Diener, um Rabbi Joſelmann zu rufen. Als dieſer in das Vorzimmer des kaiſerlichen Gemaches trat, bot ſich ihm ein eigenthümliches Schauſpiel dar. Der geſtrenge Herr Bürgermeiſter von Ober=Ehnheim und der ehrſame Herr Johannes Pfefferkorn krochen auf allen Vieren herum und bellten wie die Hunde. Als Rabbi Joſelmann eintrat, wollten ſie ſich erheben; da ſchlugen zwei Hellebardiere mit ihren Hellebarden auf ſie los und zwangen ſie weiter herumzukriechen und weiter zu bellen. Um ſie herum ſprangen die Diener, Zwerge und Hofnarren des Kaiſers und neckten ſie, wie man Hunde zu necken pflegt; hielten ihnen Stöcke vor, daß ſie darüber ſpringen ſollten; ſobald ſie ſich weigerten, waren die Hellebardiere bei der Hand und zwangen ſie, zu ſpringen, zu apportiren und andere Hunde=Kunſtſtücke auszuführen. Nachdem Rabbi Joſelmann eine Zeit lang das ſeltene Schauſpiel mit Verwunderung betrachtet hatte, wurde er gerufen, vor dem Kaiſer zu erſcheinen.
„Haſt Du geſehen“, redete Carl ihn an, „wie die beiden Hunde ſpringen, und haſt Du gehört, wie ſie bellen? So pflege ich die Verleumder zu beſtrafen1Vergleiche Behſe, Carl V., Theil II, S. 33.. Dir aber, Joſelin, gehört für die Leiden, die Du unſchuldiger Weiſe haſt erdulden müſſen, eine Genugthuung. Du ſollſt an meiner Seite durch die Stadt reiten und mir die jüdiſchen Alterthümer derſelben zeigen, von denen ich viel gehört habe.“
Es war eine glänzende Cavalcade, die ſich durch die Straßen von Worms bewegte: Kurfürſten, Cardinäle, Herzöge, Fürſten, Biſchöfe, 272Grafen und Ritter — lauter regierende Herren — und an der Spitze des Zuges ritten der Kaiſer und der jüdiſche Befehlshaber. Da kam alles Volk zu laufen, um dieſes Wunder anzuſtaunen, und die Juden dankten Gott in ihren Herzen. Seit der Zerſtörung des zweiten Tempels war eine ſolche hohe Ehre noch keinem Juden zu Theil geworden. Die Kunde davon drang durch die Welt und die Judenfeinde erzitterten, am Meiſten die beiden Männer im Vorzimmer des kaiſerlichen Gemaches, die von Carl zu Hunden waren degradirt worden.
Unterdeß ſprach der Kaiſer auf das Leutſeligſte zu ſeinem jüdiſchen Begleiter.
„Iſt es wahr“, fragte er, „daß die jüdiſche Gemeinde zu Worms die älteſte ſei in ganz Deutſchland?“
„„Man ſagt ſo, Majeſtät,““ antwortete Rabbi Joſelmann. „„Es ſollen ſich hier ſchon Juden angeſiedelt haben zu der Zeit, als in Jeruſalem der heilige Tempel noch ſtand.““
Der Zug war vor der Synagoge angekommen, an deren Pforte der Rabbiner und die Vorſteher der Gemeinde ſtanden. Dieſelben verneigten ſich tief, und der Rabbiner ſprach mit lauter Stimme den üblichen Segensſpruch.
Der Kaiſer ſtieg vom Pferde. Seinem Beiſpiele folgten die Uebrigen.
„Ein ſtattliches Gebäude“, ſagte Carl, die Synagoge betrachtend, „ein uraltes Gotteshaus!“
„„Darf ich Eurer Majeſtät““, fragte Rabbi Joſelmann, „eine Merkwürdigkeit an der Außenmauer zeigen?““
Carl nickte zuſtimmend. Rabbi Joſelmann führte den Kaiſer an die Ecke des Gebäudes, wo dieſes mit den gegenüberliegenden Häuſern eine enge Gaſſe bildet.
273„Was iſt das für ein eigenthümlicher Eindruck in die Mauer?“ fragte Carl.
„„Majeſtät““, antwortete Rabbi Joſelmann, „„dieſe Mauer war urſprünglich gerade. Einſt ſchritt eine jüdiſche Frau durch dieſe Gaſſe. Da fuhr ein roher Menſch, der einen Wagen lenkte, auf ſie zu; er hätte ſie in der engen Gaſſe zermalmt; das geängſtigte Weib drückte ſich an die Mauer, und ſiehe, Gott that ein Wunder; die Mauer trat zurück, und der Wagen fuhr an dem Rücken des Weibes vorbei, ohne es zu berühren. Der Knabe, den die Frau ſpäter gebar und den Gott in ſo wunderbarer Weiſe errettet hatte, ward ein großer, ein heiliger Mann; er hieß Rabbi Jehudah, unſre Väter geben ihm den Beinamen ha Chaßid, der Fromme.““
„Ja, ja“, ſagte der Kaiſer, „Gottes Barmherzigkeit iſt groß. Er erweiſt Huld und Gnade den Ungeborenen.“
Carl gedachte wohl der eigenthümlichen Umſtände ſeiner eigenen Geburt, von denen man ihm erzählt hatte. Er, der zwei Welten beherrſchen ſollte, war an einem Orte geboren, welcher der Frau des geringſten Tagelöhners zu ſchlecht erſcheinen würde.
Lange ſtand der Kaiſer ſchweigend da und betrachtete die ſo ſonderbar geſtaltete Einbiegung der Mauer; dann forderte er Rabbi Joſelmann auf, ihn in die Synagoge zu führen.
Da traten ſie denn ein in das alte, jüdiſche Gotteshaus, deſſen gewaltige Mauern ſchon damals, vor jetzt 358 Jahren, viele Jahrhunderte an ſich vorüber hatten ziehen ſehen.
Namentlich war es das Nêr tamid ſchel ſchnô Orchim, die ewige Lampe der beiden Fremden, welche des Kaiſers Aufmerkſamkeit erregte.
„„Einſt““, erklärte Rabbi Joſelmann, „„hatte 274man ein todtes Kind gefunden und die Juden beſchuldigt, es ermordet zu haben. Das ſinnloſe, abſcheuliche Märchen ſollte allen Juden das Leben koſten, wenn ſie nicht den oder die Thäter bezeichneten. Das konnten ſie aber nicht, denn das Kind war gar nicht von Jemandem aus ihrer Mitte ermordet worden. Da wollte man ſie alle hinſchlachten. Zwei unbekannte Fremde aber, die in Worms anweſend waren, übernahmen es, ſich freiwillig als Mörder anzugeben, um ſo die Andern zu retten. Sie wurden verbrannt. Aber aus den Flammen ſtiegen zwei Tauben empor und flogen aufwärts. Zwei gottgeſandte Engel hatten die Unſchuldigen gerettet. Zum Andenken daran brennt dieſe ewige Lampe.““
Unterdeß hatte der Rabbiner eine Thora=Rolle aus dem heiligen Schrein genommen und ſie auf den zum Vorleſen der Thora beſtimmten Tiſch gelegt.
„„Das iſt““, erklärte Rabbi Joſelmann, „„die heilige Schrift, der Pentateuch, in derſelben Weiſe geſchrieben, wie ſie Moſe einſt auf Befehl des Allmächtigen niedergeſchrieben hat. Dieſe Thora=Rolle, Majeſtät, hat noch eine beſondere Bedeutung durch den Mann, der dieſe Abſchrift verfertigt hat; es war dies Rabbi Meïr von Rothenburg, einer der größten Lehrer meines Volkes, im Leben Rabbiner zu Rothenburg, zu Mainz und zu Nürnberg. In ſeinem Alter wollte er nach dem heiligen Lande auswandern. In Italien ließ ihn Kaiſer Adolph von Naſſau . . . . .““
„Der Feind meines Hauſes, der Gegenkaiſer meines Urahnen, Albrecht von Habsburg!“
„„Derſelbe, Majeſtät. Dieſer Kaiſer ließ ihn gefangen ſetzen, in der Vorausſetzung, daß die Juden ihn um ſchweres Geld würden auslöſen. In der That ſammelten ſeine Schüler eine große 275Summe. Er aber verbot die Auslöſung, weil ſonſt die Gewaltthaten, wenn ſie den gewünſchten Erfolg hätten, keine Ende nehmen würden. Er ſtarb im Gefängniſſe.““
„Ein ſchöner Characterzug! Haſt Du uns noch etwas zu zeigen, Joſelin?“
„„Hier, neben der Synagoge befindet ſich das Lehrhaus des berühmten Raſchi, meines Urahnen, des großen Erklärers der heiligen Schrift und des Talmuds. Wenn Eure Majeſtät befehlen . . . .““
„Nein, ich habe genug geſehen. Wir wollen heimreiten. Es iſt auch an der Zeit, daß ich die zu Hunden Degradirten ins Menſchendaſein zurückrufe.“
Unter den Segenswünſchen der Rabbinen und der Vorſteher verließ die glänzende Verſammlung die Synagoge. Da Rabbi Joſelmanns Aufgabe, als Führer zu dienen, beendigt war, wollte er ſich in den Hintergrund zurückziehen; allein der Kaiſer befahl ihm, auch auf dem Rückwege an ſeiner Seite zu bleiben. Und abermals ſahen die Bewohner von Worms und die vielen zum Reichstage hergekommenen Fremden den Juden an der Seite des Kaiſers. Und die Kunde davon flog durch ganz Deutſchland und gab jedem Juden das Gefühl der Sicherheit.
„Dieſer Kaiſer“, ſagte man, „wird uns ſchützen gegen Unbill und Verfolgung, und Rabbi Joſelmann wird unſre Angelegenheiten bei ihm vertreten. Gott ſchütze ſie Beide, den Befehlshaber der halben Welt und den Befehlshaber der Juden.“
Das deutſche Israel gedachte jetzt in Sicherheit zu wohnen, da kam die Gefahr von einer ganz andern Seite, ſchrecklicher, drohender, denn je zuvor.
I. Theil · Kapitel 52 · S. 276–282
LII.
276Eine furchtbare Gährung hatte ſich aller Gemüther bemächtigt. Der Kirchenſtreit, die aufreizenden Schriften und Predigten der Reformatoren hatten nirgendwo mehr Anklang gefunden als bei dem geringen Manne und namentlich bei den leibeigenen Bauern, die ſchutzlos der Willkür und Bedrückung der Edelleute und der Geiſtlichkeit preisgegeben waren. Eine furchtbare Verſchwörung, oder vielmehr eine ganze Reihe von Verſchwörungen gingen dem entſetzlichen Bauernkriege vorher. Da die Bewegung auch einen religiöſen Character hatte, ſo richtete ſich die Wuth der aufſtändiſchen Bauern nicht allein gegen die adeligen und geiſtlichen Grundherren, ſondern auch gegen die Juden. „Edelleute, Pfaffen und Juden zu ſtrafen“, das war das Feldgeſchrei der aufrühreriſchen Bauern. Wo der Aufſtand losbrach, geſchahen die ſchrecklichſten Gräuelthaten. Das deutſche Israel, aus den Städten meiſtens vertrieben, wohnte auf dem platten Lande, in den Dörfern zerſtreut und war daher ſchutzlos und wehrlos den Angriffen ſeiner Verfolger und Peiniger ausgeſetzt. Die Zeiten der großen Judenabſchlachtungen von 1096 und 1349 ſchienen wiederkehren zu wollen. Angſt und Bangen ergriff alle Söhne Jakob's; denn die Bauernaufſtände verbreiteten ſich überallhin. Da kamen aus allen Gegenden Deputationen zu Rabbi Joſelmann, die ihn baten, zu helfen oder wenigſtens einen Rath zu ertheilen. Die Lage war ſchlimmer denn je zuvor. Hier half es nichts, ſich irgend einem großen Herrn zu Füßen zu werfen; wie konnte man auf das vielköpfige Ungeheuer wirken, das Israel zu verſchlingen drohte? Nichtsdeſtoweniger verlor Rabbi Joſelmann den 277Muth nicht; er wollte im Vertrauen auf Gottes heiligen Schutz auch diesmal gern und freudig ſein Leben wagen, um ſeine Brüder vom Untergange zu retten. Er hatte Kunde davon erhalten, daß in der Neujahrsnacht des Jahrs 1525 eine Verſammlung der Häupter der verſchiedenen Verzweigungen des Aufſtandes am Fuße der Kapelle in der Nähe der Abtei Altdorf im Elſaß ſtatthaben ſollte, und er beſchloß, dieſe Verſammlung aufzuſuchen, um die Häupter der Verſchwörung von ihren Mordplänen gegen die Juden abzubringen. Vergebens waren die Bitten ſeiner Frau, ſeiner Kinder, ſeiner Freunde; er beharrte bei ſeinem Entſchluſſe, ſich in die Höhle der reißenden Wölfe zu begeben; ja, er verweigerte jede Begleitung.
„Wenn Gott meinem Wege Gelingen verleihen will“, ſagte er, „ſo brauche ich keinen Begleiter; wenn aber nicht — wozu ſoll noch Jemand ins Verderben geriſſen werden?“
Es war eine kalte Winternacht, in welcher Rabbi Joſelmann ſich auf den Weg machte, auf welchem der Schnee hoch aufgethürmt lag. Eine dunkle Maſſe, wie ein ungeheurer Wall wuchs vor ihm aus der ſchneeigen Ebene empor; es war das Gebirge, an deſſen Fuße ein großer Wald ſich dehnte. Aus dem Walde aber drangen zu ihm durch die Stille der Nacht wunderliche Töne. Bald klang's wie das Geheul des Wolfes, bald wie das Geſchrei des Käuzchens; manchmal aber klang es wie Geſang von Menſchenſtimmen. So gelangte er an den Saum des Waldes, der mit dichtem Unterholze bewachſen war. Eben wollte er in den Wald eintreten, als dicht neben ihm das Geheul eines Wolfes erſcholl. Erſchreckt trat er einen Schritt zurück; aber ehe er ſich noch recht beſinnen konnte, ſprangen rechts und links aus den Gebüſchen ein paar dunkle Geſtalten ihm 278entgegen; er hörte ein Klirren wie von Kettenpanzern; dann rief ihm eine rauhe Stimme zu: „Zurück, Freund! Hier iſt heute kein Durchgang, oder Du wüßteſt, was Durchgang ſchafft!“
Rabbi Joſelmann war in tödtlicher Verlegenheit; er ſollte eine Parole angeben, die er nicht kannte.
„Du ſchweigſt?“ fragte die eine der Geſtalten. „Geſchwind die Parole, oder wir machen Dir den Garaus!“
„Liſchuoßcho kiwißi, Adonoi!1Auf Deine Hilfe hoffe ich, o Gott!“ ſtieß Rabbi Joſelmann hervor.
Der wachhabende Bauer hob ſeine Streitaxt, um mit gewuchtigem Schlage dem Wehrloſen das Haupt zu ſpalten; da trat der Mond aus ſeiner Umhüllung und beleuchtete Rabbi Joſelmanns Geſtalt.
„Um Gott“, ſchrie der Bewaffnete, die Streiaxt ſinken laſſend, „da hätte ich beinahe meinem Wohlthäter den Schädel zerſchmettert! Joſelin von Rosheim, ſeid Ihr denn ganz bethört, daß Ihr es wagt, hierherzukommen und Euch todtſchlagen zu laſſen?“
„Dietrich von Keſtenholz!“ rief Rabbi Joſelmann aufathmend. „Gott ſei gedankt, der ſeine Liebe und Gnade mir nicht entzogen hat, daß Er gerade Euch mir entgegenführt. Wie kommt Ihr hierher? Ich glaubte Euch in der Schweiz.“
„„Joſelin, redet nichts und fragt nichts, ſondern gehet hinweg und meidet dieſen Ort.““
„Ich aber will zu den Anführern am Fuße der Kapelle nahe bei der Abtei Altdorf; ich muß mit ihnen reden. Und Ihr, Dietrich, Ihr müßt mich hinführen.“
279„„Steht ab, Joſelin, es würde Euch und mir das Leben koſten!““
„Gott wird uns ſchützen. Wollt Ihr mich hinführen?“
Da ließ Dieterich dreimal das Geſchrei des Käuzchens erſchallen. Ein bewaffneter Bauer trat aus dem Dickicht.
„Halte Du hier ſtatt meiner die Wache, Klaus!“ ſagte Dieterich.
Schweigend ſchritten die beiden Männer der Kapelle zu, die im hellen Lichtſchein erglänzte. Wohl an hundert Männer drängten ſich in dem engen Raume, alle bewaffnet mit Schwertern, Morgenſternen und Aexten; auch Lanzenſpitzen ſah man hin und wieder über den Köpfen ſchimmern; die Köpfe waren mit Sturmhauben aus Eiſenblech bedeckt. Alle aber ſahen nach dem Hauptaltare der Kapelle, deſſen Stufen eben ein gewaltiger Mann hinaufſchritt. Dunkel war ſein Haar, das in langen Locken ihm um den Kopf fiel; purpurroth war ſein Gewand und ein mächtiges Schlachtſchwert hing an ſeiner Seite. Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Verſammlung, als der Fremde den Altar beſtiegen hatte und zur Verſammlung ſich wandte. Jetzt hob er die Hand in die Höhe, jeder Laut verſtummte, und wie eine mächtige Poſaune klang ſeine Stimme über den Schweigenden:
„Seid mir gegrüßt, Ihr, die Ihr vom Hauſe des Herrn ſeid, Ihr Kinder der Freien, in heiliger Stunde! Hebt Eure Stimme mit mir und laßt uns ſingen das Lied des Bundes, heute noch im fremden Lande!“
Darauf brauſte es wie ein Wetterſturm aus der Kapelle in den dunklen Wald hinein:
280Nun bitten wir den heiligen Geiſt Um den rechten Glauben allermeiſt, Daß er uns behüte, Bei unſerm Ende Wenn wir abfahren aus dieſem Elende Kyrie eleis!
Als das Lied beendet war, ſprach der Mann auf dem Altare:
„Gelobt ſei Gott!“
„Gelobt ſei Gott!“ klang es aus Aller Munde zurück; die Schwerter und Aexte klirrten und wild brauſten die Stimmen:
„Zum Kampfe, zum Siege! Hie Schwert des Herrn und Gideon's! Tod den Tyrannen, Tod den Edelleuten, Pfaffen und Juden!“
Es war ein wilder Tumult, der gegen die feierliche Stimmung, die kurz zuvor geherrſcht hatte, grell abſtach. Der rieſige Mann auf dem Altare ließ die Erregten einige Augenblicke gewähren. Dann ertönte ſein Ruf in das Stimmengewirre, und ſtill wurde es wieder.
„Freunde, Brüder!“ begann er, und höher ſchien ſeine mächtige Geſtalt ſich zu heben und feuriger glänzten ſeine Augen. „Ich habe Euch hierher beſchieden aus allen Gauen, im Auftrage des Gottbegnadeten Propheten Thomas Münzer, Euch zu bitten und zu beſchwören, daß Ihr Euren kühnnen Sinn mäßiget und nirgendwo zu früh losſchlaget, ſei es in Elſaß oder Schwaben, in Thüringen oder in Franken, am Rhein oder an der Donau. Denkt an den Auguſt des heute abgelaufenen Jahres, da einige Tollköpfe meinten, die ganze Welt einreißen zu können, und dafür mit Rad und Galgen büßen mußten. Soll ein glücklicher Erfolg unſre Sache krönen, dann darf der Aufruhr nicht hier und dort ausbrechen; die einzelnen Flammen erſtickt man leicht durch einen Druck der Hand. 281Auf einmal muß er durch alle Lande fliegen, wie eine Flamme über ein Moosdach, das ſchneller verzehrt wird als man an's Löſchen denken kann. Dann, meine Brüder, kömmt die Zeit, da der Stab Euer Dränger zerbrochen wird, da ihre Mauern ſtürzen werden vor Eurem Schlachrufe wie einſt die Mauern Jericho's. Und ſo hat mir der Prophet befohlen, Euch zu verkünden: Fürchtet Euch nicht vor der Gewalt der Feinde, laßt ihre Menge Euch nicht ſchrecken. Wie Pharao mit ſeinem Heere, mit Roſſen und Reitern vom Meere iſt verſchlungen worden, ſo wird die Erde ſich ſpalten und die freſſen, die es wagen, gegen die Heiligen Gottes zu ziehen. Euch aber wird kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden. Feuer und Waſſer können Euch nichts anhaben; kein Schwerthieb, kein Lanzenſtich ſoll Euren Leib verletzen, machtlos ſollen die Kugeln Eurer Feinde zu Euren Füßen niederfallen, Gottes Engel werden Euch mit ihren Schilden decken. Und wenn die Schaaren Eurer Feinde zerſtreut ſind, dann bricht die große Friedenszeit auf Erden an. Zu gleichen Theilen wird das Land und die Güter der Welt unter die Bürger des himmliſchen Reichs getheilt, zu gleichen Theilen wird es auch Euch gegeben werden, wie einſt den Kindern Israel das Land Kanaan, als ſie in daſſelbe zogen, und Knechte ſollen Euch dann die ſein, die als gewaltthätige Herren bisher über Euch geboten, ſoweit wir ſie nicht ausgerottet haben: die Tyrannen, die Edelleute, die Pfaffen und die Juden!“
„„Sagt nicht: die Juden!““ ſchrie Rabbi Joſelmann mit gewaltiger Stimme.
Aller Augen richteten ſich auf den kühnen Mann, der es gewagt hatte, den Apoſtel — ſo nannte man die Sendboten des angeblichen Propheten Thomas Münzer — zu unterbrechen.
282Namenloſes Erſtaunen erfaßte die Männer, als ſie in dem Sprecher den Juden erkannten. Ein furchtbarer Sturm erhob ſich.
„Wie kömmt der Jude in dieſe geheime Verſammlung?“ tönte es von allen Seiten; „ſchlagt ihn nieder, ſpaltet ihm das Haupt!“
„„Ruhe, Ruhe!““ gebot der Apoſtel, „„ruhig, Ihr Brüder, keine vorſchnelle That! Wir müſſen zuvor wiſſen, wer der Verräther in unſrer Mitte iſt, wer dem Juden Einlaß gewährt hat!““
Die Worte des Apoſtels, die gleich Donnertönen erdröhnten, ſtellten die Ruhe her. Alles ſchwieg.
„Tritt vor, Jude!“ ſprach der Apoſtel, „und ſage uns, wer Dich hat hereingelaſſen!“
I. Theil · Kapitel 53 · S. 282–286
LIII.
Rabbi Joſelmann trat vor; laut ſchlug ihm das Herz.
„O Gott“, betete er mit leiſer Stimme, „laß mich Gunſt und Gnade finden in den Augen dieſer Wüthigen!“
„Herr“ ſagte er dann laut, „ich bin kein Verräther und auch der nicht, der mich hereingelaſſen.“
„„Nenne ihn,““ ſprach der Apoſtel feierlich, „er hat den Tod verdient und wird ihn ſofort erleiden!““
„Ich nenne ihn nicht.“
„„Man wird Dich zu zwingen wiſſen!““
„Ihr könnt mir nicht mehr nehmen als mein Leben. Tödtet mich; aber zum Verräther werdet Ihr mich nicht machen!“
Auf einen Wink des Apoſtels erhob einer der Anweſenden ſeine Streitaxt und ſchwang ſie über das Haupt des Juden, zum wuchtigen Schlage 283ausholend. Rabbi Joſelmann rührte ſich nicht; ruhigen Auges erwartete er den Tod.
Der Apoſtel winkte mit der Hand, und der Mann mit der Streitaxt ließ langſam den Arm ſinken.
„Jude“, ſagte der Apoſtel, „du biſt ein ganzer Mann. Und jetzt ſage mir, warum haſt Du Dich eingedrängt in unſre geheime Verſammlung; denn ich glaube nicht, daß Du es gethan, um uns den Pfaffen und Edelleuten zu verrathen.“
„Gewißlich nicht, Herr; ich bin nur gekommen, um das Leben meiner Brüder zu retten, die von Euren Bundesgenoſſen bedroht werden. Sagt, Ihr Herren, was haben Euch die Juden gethan, daß Ihr ſie lebendig verſchlingen wollt? Ihr habt Euch empört gegen die Edelleute und die Geiſtlichen, gegen Eure Unterdrücker, die Euch mit Zehnten und Frohnden und Steuern plagen, — gehören etwa auch die Juden zu Euren Unterdrückern? Sind wir Juden nicht gedrückt, gepeinigt, gequält wie Ihr? Gehört uns etwa der Forſt und ſein Gewild, der Fluß und ſeine Fiſche? Gehört uns der Grund und Boden? Sind wir es, die Zehnten von Euch verlangen und Euch zu Frohnden zwingen? Sind es Juden, die der Ehre Eurer Frauen und Töchter nachſtellen? Ihr klagt über unerträglichen Druck — wer aber iſt mehr gedrückt denn wir? Wir dürfen keine Aecker beſitzen, kein Handwerk üben; dagegen müſſen wir Steuern zahlen, unerſchwingliche Steuern; und dabei hetzt und höhnt und verſpottet uns der Fürſt wie der Edelmann, der Pfaff und der Bürger, der Bauer und der leibeigene Sclave. Und nun kommt Ihr, und verlangt die Freiheit für Euch, und uns wollt Ihr abſchlachten! Was haben wir Euch gethan? Wo ſtehen wir Euch im Wege? Wodurch haben wir Euren Zorn verdient?“
284Ein Gemurmel des Beifalls durchzog die Menge.
„Der Jude hat Recht, was er ſagt iſt Wahrheit“, ertönte es hier und da.
„„Ihr Juden habt nicht den rechten Glauben!““ ſagte der Apoſtel.
„Und habt Ihr ihn?, fragte Rabbi Joſelmann, „hörte ich Euch doch vorhin den heiligen Geiſt um den rechten Glauben anrufen. — Beweis genug, daß Ihr ihn noch nicht habt. Da iſt der Luther, der glaubt anders als der Abt von Altdorf, und da iſt der Zwingli, der glaubt wieder anders und der Calvin lehrt wieder einen andern Glauben, und Euer Prophet, der Thomas Münzer, er glaubt wieder anders; nun trete Einer auf und ſage, er, und nur er allein, er habe den rechten Glauben! Wollt Ihr nun alle die tödten, die nicht glauben wie Ihr?“
„„Nein, das wollen wir nicht!““
„So laſſet denn uns Juden auch unſern Glauben. O, Ihr Herren alle, ich beſchwöre, ich bitte Euch, laſſet ein Schreiben ergehen an Eure Bundesgenoſſen, daß ſie kein unſchuldiges Blut vergießen, daß ſie der Juden ſchonen. Der allgerechte Gott wird Eurer Sache den Sieg nicht verleihen, wenn Ihr ſie mit unſchuldigem Blute befleckt!“
„„Wenn wir Dich tödten, ſo ſind wir in unſerm Rechte; Du haſt den Tod verdient, weil Du Dich in unſre Verſammlung haſt eingeſchlichen.““
„So erfüllet meine Bitte und tödtet mich hernach.“
„„Wir wollen Deine Bitte erfüllen und auch Dich am Leben laſſen, wenn Du uns den Verräther nennſt, der Dich eingelaſſen.“
„Selbſt um dieſen Preis werde ich nicht zum Verräther meines Freundes werden.“
285Da theilte eine rieſige Geſtalt die Menge und trat dem Apoſtel gegenüber.
„„Was willſt Du, Dieterich?““ fragte dieſer.
„Gönnt mir das Wort, Herr!“ ſagte der Angeredete.
„„Sprich!““
„Meine Freunde, meine Brüder, Ihr kennt mich Alle! Ihr wißt, daß ich der ſtärkſte Mann bin im ganzen Bunde, und daß keine Furcht ich kenne; ich habe meine Tapferkeit bewieſen in zwanzig Schlachten, ſeitdem ich unter die Landsknechte gegangen und ſeitdem ich dieſe verlaſſen und Eurem Bunde angehöre. Hört mich, Brüder, Freunde! Vor vierzehn Jahren war ich ein verlorener Mann; ich hatte mein väterliches Erbe vergeudet, Weib und Kinder an den Bettelſtab gebracht, den Opferſtock in der Kirche erbrochen, ein Sacrament geſtohlen, drei Juden fälſchlich angeklagt und war zum Tode durch das Flechten auf's Rad verurtheilt worden. Da lernte ich dieſen Juden hier kennen; er beſuchte mich im Gefängniß; er redete mir ins Gewiſſen und lehrte mich, meine Sünden zu bereuen. Dann löſte er meine Feſſeln, verhalf mir zur Flucht, verſah mich mit Reiſegeld und verſorgte mein darbendes Weib und meine hungernden Kinder. Ich habe ihm nicht danken können bis heute, denn ich durfte nicht in die Heimath zurückkehren. Seit 14 Jahren ſah ich ihn heute Abend zum erſten Male. Er verlangte keinen Dank von mir; aber er begehrte Einlaß in die Verſammlung. Ich ſagte ihm, daß er ſeinen Tod verlange; er aber ſprach: „Gott wird mich ſchützen!“ Da konnte ich nicht widerſtehen; ich that ihm den Willen; ich konnte es dem Manne nicht abſchlagen, dem mein Leben gehört; denn wenn er mich nicht gerettet hätte — ich wäre ſeit 14 Jahren ein todter Mann. Brüder, Freunde, 286wer von Euch hätte es anders gethan? Ich weiß, ich habe den Tod verdient; wenn ich nach Eurer Meinung Unrecht gethan, ſo will ich gerne ſterben.“
Er nahm die Sturmhaube aus Eiſenblech von ſeinem Haupte, kniete nieder und legte ſein Haupt auf einen Betſchemel, bereit, den tödtlichen Streich zu empfangen.
„„Steh auf, Dieterich,““ ſagte der Apoſtel, „„Du ſollſt nicht ſterben! Wir können Deiner Dienſte nicht entbehren. Meint Ihr nicht, Brüder, daß wir ihn begnadigen?““
„Wir wollen ihn begnadigen“, rief man von allen Seiten.
„„Und was Euch betrifft, Jude, ſo ſagt mir zuvor, wie Ihr dazu kommt, im Namen Eurer Brüder zu ſprechen?““
„Ich bin von Kaiſerlicher Majeſtät zum Befehlshaber und Regierer der Juden eingeſetzt.“
„„So befiehl den Juden, daß ſie mit uns gemeinſame Sache machen. Du ſagſt doch, daß auch ſie die Unterdrückten ſeien. Mögen ſie ſich gegen ihre Unterdrücker erheben!““
Rabbi Joſelmann, der mit richtigem Blicke das Unterliegen des Bauernaufſtandes vorausſah, war nicht um eine Antwort verlegen.
„Herr“, ſagte er, „was würde die Welt von den Bauern ſagen, wenn die verhaßten Juden mit ihnen würden gemeinſchaftliche Sache machen?“
„Er hat Recht“, riefen die Anführer, „wir wollen der Juden ſchonen, aber weiter nichts mit ihnen zu ſchaffen haben.“
Und ſo ward der Beſchluß gefaßt. Die verſammelten Bundeshäupter erließen ein Schreiben an ſämmtliche aufſtändige Bauern, daß ſie der Juden ſchonen möchten.
I. Theil · Kapitel 54 · S. 287–292
LIV.
287Wohl niemals in ſeinem thatenreichen Leben hat Rabbi Joſelmann ſeinen Glaubensgenoſſen einen ſo großartigen Dienſt erwieſen wie durch ſeine Verwendung bei den Häuptern der aufſtändiſchen Bauern. Bald nachher brach die Verſchwörung in den verſchiedenſten Gegenden aus, furchtbar, entſetzlich, grauenerregend. Alle Unbill, die die Bauern von ihren Peinigern erduldet hatten, wurde auf die grauſamſte Weiſe gerächt. Als die aufſtändiſchen Bauern Weinsberg erobert hatten, beſchloſſen ſie, die gefangenen Ritter, an ihrer Spitze den Grafen von Helfenſtein, den Gemahl einer Tochter Kaiſer Maximilians, durch die Spieße laufen zu laſſen. Da kam die Gräfin von Helfenſtein, die Kaiſertochter, ihr zweijähriges Söhnlein auf den Armen, warf ſich vor den Anführern der Bauern auf die Knie, hielt ihnen ihr Kind entgegen und bat flehentlich, dem Kleinen den Vater, ihr den Gatten zu laſſen. Aber alle Macht ihrer Thränen, ihrer Schönheit rührte die Harten nicht. Da ſtanden ſie, und mancher mochte darunter ſtehen, der in dieſem Augenblicke, da die Kaiſertochter zu den Füßen der Bauern lag, nur dachte, wie arg und wie oft ihre Herren ſie vor ſich her gehetzt mit Hunden, wie Hunde, wie ſie auf ihren durch Hunger und Frohnen abgemagerten Rücken die Peitſche erbarmungslos geſchwungen; wie man ſie umſonſt hatte winſeln laſſen, wenn die Edelleute ihnen den Vater, Bruder oder Sohn wegen geringer Vergehen in die tiefſten Verließe hatte werfen laſſen, wo die Unglücklichen ohne Speiſe und Trank verſchmachteten und wie die geängſtigten Verwandten Nächte lang um die Thurmmauer hatten ſchleichen müſſen, um die 288letzten Jammerrufe der Verſchmachtenden zu hören, bis es ſtill und ſtiller ward und die dort hinter den dicken Mauern ihren Qualen erlegen waren. Die unmenſchliche Behandlung hatte die Bauern zu Unmenſchen gemacht Sie ſtießen die weinende Gräfin zurück, und Einer ſtach ſogar mit ſeinem Spieß nach dem „kleinen Herrlein“ auf ihrem Arm.
Da ſtanden die Bauern, die Spieße vor ſich hinſtreckend, eine Gaſſe bildend. Der gefangene Graf, mit Stricken gebunden, wurde herbeigeführt. Ein Muſicus, der einſt in des Grafen Dienſten geſtanden, nahm ihm den Hut mit der Feder vom Kopf und ſetzte ihn ſich ſelber auf. Dann ſagte er: „Habe ich Dir einſt zu Tanz und zur Tafel gepfiffen, ſo will ich Dir jetzt den rechten Tanz pfeifen.“ Denn ſchritt er vor ihm her und blies luſtig die Zinke bis an die Gaſſe. Darauf wurde der Graf gegen die Spieße geſtoßen. Als er gefallen war, verhöhnten und mißhandelten ſie ſeinen Leichnam; die ſchwarze Hofmännin, ein Bauernweib, ſtach ihm ihr Meſſer in den Bauch und ſchmierte mit dem herauslaufenden Fette ihre Schuhe.
„Da werden Weiber zu Hyänen „Und treiben mit Entſetzen Spott.“
Jäklein Rohrbach legte den Koller des Grafen an, trat vor die Gräfin und fragte, ob er ihr jetzt gefalle und ſie ihn ſtatt des Gemordeten zum Gemahl begehre. Man ſetzte die vor Schrecken und Betrübniß ſchier Vergehende ſammt ihrem Kinde auf einen Miſtwagen und ſchickte ſie nach Heilbronn. Spottend riefen ſie ihr zu: „In einem goldenen Wagen biſt Du in Weinsberg eingefahren, in einem Miſtwagen fährſt Du hinaus!“
Und ſo wie in Weinsberg verfuhren die Bauern allerorten mit den Edelleuten und den 289Geiſtlichen. Wie wären ſie erſt mit den Juden verfahren, wenn nicht Rabbi Joſelmanns weiſe Fürſorge jenen Schutzbrief in der Kapelle bei der Abtei Altdorf erlangt hätte! Er hatte viele Abſchriften davon fertigen laſſen, und wo ein Bauernaufſtand losbrach, erſchien alsobald ſein Bote, der den Anführern die Beſchlüſſe von Altdorf mittheilte. „Freilich“ erzählt Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche, „nützte es nicht in allen Fällen; viele Gräuelthaten wurden von den Unmenſchen auch an Juden vollzogen. Doch hatten die Beſchlüſſe von Altdorf die Gewalt der Wuth gedämpft, ſo daß keine allgemeine Judenſchlacht daraus erwuchs.“
Im Elſaß hatte Wolf Wagner ein Heer von 14000 Bauern geſammelt; mit dieſen zog er vor Berken (Bergheim). Die geängſtigten Städter öffneten die Stadtthore; da fielen die Bauern über die Geiſtlichen her, tödteten ſie und tranken ihren Wein aus. Dann überfielen ſie die Juden, zerſtörten ihre Häuſer und raubten ihr Gut. Die geängſtigten Juden flohen in die Synagoge und verrammelten die Thüre. Die Aufſtändiſchen erbrachen die Pforte, ſtürzten auf den heiligen Schrein los, riſſen die Thora=Rollen heraus, zerfetzten ſie und trieben allerlei Unfug damit. Unterdeß waren die Juden aus der Synagoge entflohen und hatten ſich in den Häuſern der Bürger verborgen. Da ließ Wolf Wagner unter Trommelſchlag bekannt machen, daß jeder Bürger bei Leib= und Lebensſtrafe die in den Häuſern und Scheuern verſteckt liegenden Juden ausliefern ſolle. Nun führten die Bürger ſie gewaltſam hinaus; ſie alle, Männer, Frauen und Kinder, an dreihundert Perſonen, wurden auf den Marktplatz geſchleppt, wo die bewaffneten Bauern eine Gaſſe bildeten; die Unglücklichen ſollten durch die Spieße laufen. Schon zerrte man einen ehrwürdigen Greis mit weißem 290Barte an die Gaſſe, da ſprengte ein Reiter auf den Marktplatz und rief mit donnernder Stimme den Bauern ein Halt zu. Es war Rabbi Joſelmann. Er ſprang vom Pferde und lief auf Wolf Wagner los.
„Hauptmann“, rief, „warum haltet Ihr nicht die Beſchlüſſe von Altdorf? Wart doch auch Ihr zugegen, als ich in der Kapelle Schutz für meine Brüder verlangte!“
„Pah“, ſagte der Hauptmann, „den Juden braucht man nicht Wort zu halten!“
„„Ihr werdet's noch erfahren, Herr, wie ſchlecht Eure Rede iſt. Wie würde es Euch gefallen, Hauptmann, wenn man ſagen würde: den Bauern braucht man nicht Wort zu halten.“
Wolf Wagner lachte.
„Wollt Ihr ſie löſen, die Judenſeelen“, ſagte er — „ſie ſind mir feil; für fünf Goldgulden die Seele ſollen ſie Euer ſein.“
„„Nicht doch““, entgegnete Rabbi Joſelmann, „„Ihr habt kein Recht, ſie zu verkaufen. Doch, wollt Ihr von mir ein Geſchenk von 400 Goldgulden annehmen . . . . .““
„Nun, meinetwegen! Laßt die Juden laufen, Leute!“
Die geängſtigten Juden wurden freigegeben, und ſie kehrten in ihre ausgeraubten und halbzerſtörten Hütten zurück.
Rabbi Joſelmann begab ſich in die Synagoge, wo die zerriſſenen Thora=Rollen umherlagen; einige Israeliten von Bergheim folgten ihm dahin. Unter Thränen ſammelten ſie die geſchändeten Heiligthümer und bargen ſie in dem heiligen Schrein, um ſie in ruhigerer Zeit wieder herzuſtellen oder, wenn dies nicht möglich, ſie zu vergraben.
Das Wort Rabbi Joſelmanns, das er dem 291Anführer der Bauern, Wolf Wagner, entgegengeſchleudert hatte, ſollte ſich ſehr bald erfüllen.
Herzog Anton von Lothringen, aus dem Geſchlechte der Guiſe, zog gegen die aufſtändiſchen Bauern im Elſaß; er hatte ein Heer von 30,000 Mann zuſammengebracht. Bei dem Flecken Lupfſtein, drei Stunden von Zabern, ſtieß er auf einen Haufen von 6000 Bauern, die ſich in dem Flecken verſchanzten. Der Herzog ließ den Ort anzünden, die darinnen blieben, verbrannten; was herauslief, wurde niedergeſtochen.
Das Hauptheer der Bauern hatte ſich nach Zabern gezogen. Aber ſie konnten ſich gegen den Herzog nicht halten, zogen die Friedensfahne auf, und der Herzog gewährte ihnen freien Abzug, doch ohne Waffen. Beladen mit ihrer großen Beute zogen die Bauern zum Thore hinaus durch die Reihen der Lothringiſchen Landsknechte. Dieſe aber gelüſteten nach dem reichen Gute der Bauern. „Schlagt drein“, riefen ſie, „die Bauern ſind Ketzer; man braucht ihnen nicht Wort zu halten!“ Die Berathenen wollten in die Stadt zurückeilen, um ihre Waffen zu gewinnen Aber die Landsknechte verfolgten ſie und richteten ein ſchreckliches Gemetzel an; ſie drangen mit den Bauern zugleich in die Stadt und machten die Wehrloſen nieder. Alle Straßen und Häuſer ſchwammen im Blute der Bauern. So mußten ſie die Untreue büßen, die ſie den Juden erwieſen hatten. — Bald darauf wurden die andern Haufen der Elſäſſer Bauern von den Lothringern geſchlagen; in der Ebene zwiſchen Scherweiler und Keſtenholz bedeckten 5000 erſchlagene Bauern das Schlachtfeld. Die Uebrigen entflohen und kehrten in ihre Häuſer zurück. Damit hatte der Bauernaufſtand in Elſaß ſein Ende erreicht. Auch in den übrigen deutſchen Landen, in Schwaben, in Thüringen, in Franken, am 292ganzen Rhein wurden die Bauern niedergeworfen. Ihr Prophet, Thomas Münzer, wurde bei Frankenhauſen geſchlagen, gefangen, und auf ſchreckliche Weiſe hingerichtet. „Sie gedachten uns“, erzählt Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche, „lebendig zu verſchlingen, und ſchon hatten ſie den Anfang damit gemacht, als ich durch die Gnade Gottes in der Abtei Altdorf ihnen zu Herzen redete und alle Häupter der Verſchwörung zu Gunſten der Juden ſtimmte. Und wenn ſie auch ſpäter ihr Verſprechen nicht hielten und ihre Wuth gegen die Juden ausließen, ſo blieb ihnen doch dazu wenig Zeit mehr; denn hier im Elſaß kam der Herzog von Lothringen über ſie und richtete ſie zu Grunde; auch in den andern Ländern wurden ſie erſchlagen und ertränkt zu Tauſenden und Myriaden. Gelobt ſei Gott, der uns aus ihrer Hand und von ihren böſen Plänen errettet hat; ſo möge er uns fürder erretten!“
(Ende des I. Buches.)
II. Theil · Kapitel 1 · S. 1–6
I.
1Wir haben in den letzten Kapiteln des erſten Buches von den Schandthaten und Gräueln erzählt, welche die aufſtändiſchen Bauern vollbracht hatten. Die Gräuelthaten der Bauern wurden von der Rache der Fürſten und Edelleute noch überboten. Geiſtliche und weltliche Potentaten wetteiferten im Morden, Rauben, Blutvergießen. Todtſtechen, Henken, Verbrennen war noch nicht das Schlimmſte; es gab Strafen, die das Gefühl geſitteter Menſchen noch mehr empören: ſo das Ausſtechen der Augen, Herausſchneiden der Zunge, Abſchneiden von Naſen und Ohren, Abhacken der Beine ꝛc. Der hochwürdige Fürſt Biſchof Conrad von Würzburg, der hochwürdige Coadjutor von Fulda und der alte Graf von Henneberg zogen wie Henker in Franken herum; bei Tage plünderte der Biſchof; er nahm Alles, was ſich mitnehmen ließ: Gold, Silbergeſchirr, Wein, Bier, Früchte; Abends fanden die Hinrichtungen ſtatt; ein Trinkgelage der fürſtlichen Herren machte jedesmal den Beſchluß; es waren nicht weniger als 269 Hinrichtungen, welchen die Herren in höchſt eigener Perſon anwohnten. Nicht anders verfuhren, auf Antrieb der Reformatoren, die proteſtantiſchen Fürſten und Edelleute. Pfalzgraf Ludwig hatte mit den aufſtändiſchen Bauern unterhandelt und ihnen Verſprechungen gemacht. Um ſein Gewiſſen 2zu beruhigen, fragte er bei Melanchthon an, ob er durch jene Verſprechungen gebunden ſei. Melanchthon war bekanntlich, nach Luther, der erſte Heros der Reformation; er iſt ebenſo berühmt durch ſeine große Gelahrtheit wie durch ſeine Milde, Güte, Sanftmuth. Man nannte ihn, wie einſt ſeinen Oheim Reuchlin, „Praeceptor Gormaniae“, Lehrer Deutſchlands. Hören wir, was Melanchthon antwortete: „Es wäre vonnöthen“, ſchrieb er dem Pfalzgrafen, „daß ein ſolch wild ungezogen Volk, als die Teutſchen ſind, noch weniger Freiheit hätte, als es hat; was die Obrigkeit thut, daran thut ſie recht; wenn die Obrigkeit daher Gemeindegüter und Waldungen einzieht, ſo hat ſich Niemand dawider zu ſetzen; wenn ſie den Zehnten der Kirchen nimmt und Andern gibt, ſo müſſen ſich die Teutſchen ebenſogut darein fügen, wie die Juden ſich von den Römern die Tempelgüter nehmen laſſen mußten. Eine Obrigkeit mag Strafe ſetzen nach der Länder Noth, denn Gott hat ſie geordnet, das Uebel zu wahren und zu ſtrafen, und es haben die Bauern nicht Recht, daß ſie einer Herrſchaft ein Geſetz machen wollen. Daß ſie nicht mehr leibeigen ſeien und die bisherigen Zinſen nicht geben wollen, iſt ein großer Frevel. Es iſt ein ſolch ungezogen, muthwillig, blutgierig Volk, die Teutſchen, daß man es billig viel härter halten ſollte. Auch nennet Gott das weltlich Regiment ein Schwert; ein Schwert aber, das ſoll ſchneiden.“
Mit ſolcher Logik bewaffnet, zogen die proteſtantiſchen wie die katholiſchen Fürſten gemeinſam gegen die beſiegten Bauern aus, um überall zu köpfen, zu erſäufen, zu hängen, ohne Proceß und ohne Urtheil, was ihnen vorkam, ſchuldig oder unſchuldig; und die Reichen, nach deren Gut ſie gelüſteten, waren ſchlimmer daran als die 3Armen. Wie in Franken und Schwaben, ſo erging es im Elſaß. Herr Friedrich von Prechter, Kaiſerlicher Rath und Mitglied der Regierung zu Hagenau, Beſitzer der Herrſchaft Hochfelden, zog im Lande umher und köpfte und henkte nach Herzensluſt. „Da hub ſich eine blutige Metzig (Metzzelei) an, da ward jämmerlich gemartert und getödtet“, erzählt eine alte Chronik. In Reichenweyer wohnte ein heruntergekommenes adeliges Geſchlecht, die Dixinger. Der letzte Sproß desſelben, Gerhard Dixinger, war beſchuldigt, ſich am Aufſtand betheiligt zu haben. Herr Friedrich Prechter ließ ihn ergreifen. Vergebens betheuerte Gerhard ſeine Unſchuld; nur gezwungen ſei er mit den Bauern, die ſein Leben bedroht hätten, gezogen; der Ritter befahl, ihn an einem Baume an der Landſtraße aufzuhängen. „Herr“, ſprach der Verurtheilte, „die Dixinger ſind ein ebenſo adeliges Geſchlecht wie die Prechter; laßt mich wenigſtens eines adeligen Todes ſterben.“ Da warf ſich Heinrich Voltz, ein alter Diener des Ritters, dieſem zu Füßen und ſprach: „O, Herr, ſchonet ſein! Er iſt der letzte Sproſſe eines ritterlichen Geſchlechts, bei dem meine Väter in Dienſten geſtanden.“ Statt der Antwort ſchlug der Ritter dem alten Manne mit der Reitpeitſche über das Geſicht, daß die Haut der rechten Wange barſt und das Blut in hellen Strömen herniederfloß. „Schnell“, rief er ſeinen Knechten zu, „thut, wie ich geboten!“ Dixinger wurde ergriffen und am nächſten Baume aufgehängt. Hohnlachend zog der Ritter mit ſeinen Reiſigen von dannen.
Kurz darauf fuhr ein Reiſewagen des Weges. Graf Ulrich von Rappoltſtein hatte während des Aufſtandes ſeine Gemahlin und ſeine Kinder nach der feſten Burg Hohenlandsberg geſchickt; jetzt, nachdem das Land beruhigt, kehrte die Gräfin, 4Anna Alexandria, eine geborene Gräfin Fürſtenberg, zu ihrem Gatten nach Rappoltsweiler zurück. Sie ſah den unglücklichen Gerhard Dixinger am Baume hängen. Voll Mitleid ließ ſie den Wagen halten.
„Eilt Euch“, rief ſie den Dienern zu, „ſchneidet den Unglücklichen ab; er bewegt ſich noch!“
Die Diener thaten, wie ihnen befohlen wurde. Wenige Secunden nachher, lag Gerhard Dixinger auf dem Raſen und ſchlug die Augen auf. Man ſtärkte und erquickte ihn, ſo gut es ging. Die Gräfin reichte ihm ein Goldſtück. „Flieht“, ſprach ſie, „flieht außer Landes; geh! zur Armee des Kaiſers nach Italien.“ — Der vom Tode Gerettete blickte die edle Frau dankbar an; zu ſprechen vermochte er noch nicht. Die Gräfin ſtieg wieder in den Wagen und ſetzte ihre Reiſe fort.
Auch Herr Friedrich Prechter von Hochfelden ſetzte ſeinen Zug fort, überall Rache nehmend an den Bauern, an Schuldigen und Unſchuldigen; ſo zog er hin und her, je nach Gefallen raubend und mordend.
Die Bauern aus dem Urbisthal hatten die Abtei Pairis zerſtört, das Gold und Silber geraubt, das Bleidach abgeriſſen und das Blei dem Juden Ahron von Urbis verkauft. Jetzt kam Herr Friedrich Prechter und hielt blutig Gericht. Auch der Jude Ahron wurde eingezogen; es war allerdings wahr; er hatte den Bauern das geraubte Blei abgekauft; doch hatte er ſich deſſen weigern gedurft? Jetzt aber galt keine Ausrede, keine Vertheidigung.
Ahron von Urbis war Wittwer; er hatte eine einzige Tochter; Berachah hieß ſie. Berachah galt für das ſchönſte Mädchen im ganzen Elſaß; ſie war mit Mordechai, ihres Nachbars Sohn, verlobt. Als ſie hörte, daß ihres Vaters Leben be5droht ſei, eilte ſie herbei und warf ſich dem Ritter Prechter zu Füßen, um Gnade für ihren unglücklichen Vater flehend. Herr Friedrich war kein Jüngling mehr; er war verheirathet; ſeine Gemahlin, Frau Urſula, eine geborene Freiin von Düntzenheim, hatte ihm fünf Kinder geſchenkt. Trotzdem war Herr Friedrich nicht gleichgiltig gegen Frauenſchönheit. Als das ſchöne Mädchen, weinend und flehend zu ſeinen Füßen lag, entbrannte ſein Herz in unlauterer Liebe.
„Gut“, ſprach er, „Deinem Vater will ich das Leben ſchenken. Du aber bleibſt mein ſtatt ſeiner.“
Er übergab die Jammernde und Sichſträubende zweien Dienern und befahl, ſie nach ſeinem Schloſſe Hochfelden zu bringen; denn ſeine Familie wohnte in Hagenau.
Ahron wurde ſeiner Haft entlaſſen. Als der Unglückliche vom Raube ſeiner Tochter hörte, war ſein Jammer grenzenlos.
„O“, rief er, „wäre ich doch lieber geſtorben! Mein Kind, mein armes, unglückliches Kind!“
An der Pforte des Gefängniſſes erwartete ihn Mordechai, der Bräutigam ſeiner Tochter.
„Vater“, unterbrach er den Jammernden, „das Weinen und Lamentiren hilft nichts! Laßt uns lieber an die Rettung der Geraubten denken!“
„„Was ſollen, was können wir thun? Sollen wir zum Kaiſer nach Hiſpanien oder zum Erzherzog nach Oeſterreich wandern und uns beklagen?““
„Nein, aber nach Hagenau wollen wir gehen und den kaiſerlichen Landvogt in unterm Elſaß, Herrn Kaſpar von Morsperg, um ſeinen Schutz anflehen.“
Der Vater Mordechai's trat hinzu.
6„Geht nach Rosheim“, ſagte er, „zu Rabbi Joſelmann; wenn der nicht helfen kann, ſo vermags kein Menſch.“
Die beiden Männer, Ahron und Mordechai, folgten dem Rathe; ſie wanderten Tag und Nacht, bis ſie nach Rosheim kamen. Rabbi Joſelmann empfing ſie gütig und ließ den Erſchöpften Speiſe und Trank vorſetzen.
„Das iſt ein ſchlimmer Handel“, ſagte er, nachdem die Beiden ihm ihr Anliegen vorgebracht hatten. „Herr Friedrich Prechter von Hochfelden iſt kaiſerlicher Rath und Mitglied der Regierung zu Hagenau; der Schultheiß, Herr Wolf Wilhelm von Andlaw und die Schöffen der Kaiſerlichen Regierung ſind ſeine intimſten Freunde. Was kann Herr Kaſpar von Morsperg gegen dieſe Alle ausrichten, ſelbſt wenn er geneigt dazu wäre? Indeſſen bleibt hier. Was ſich thun läßt — ich will es verſuchen. Möge uns der Allgütige ſeinen Beiſtand dazu verleihen!“
II. Theil · Kapitel 2 · S. 6–11
II.
Am Fuße des Berges, auf welchem das Schloß Hochfelden ſtolz in die Lüfte ragt, liegt das Städtchen gleichen Namens. Es wurde hier eben das Kirchweihfeſt gefeiert. So iſt das Volk, leichtlebig, und ſich des Augenblickes freuend. Trotz des eben erſt beendeten Bauernkrieges mit allen ſeinen Gräueln und Grauſamkeiten, trotz der bluttriefenden Rache der Sieger, die ringsum das Land blutig färbte, waren viele Menſchen aus der umliegenden Gegend zu Spiel und Tanz verſammelt. Auf dem kleinen Marktplatze und in den engen Straßen war ein lebendiges Treiben und ein fröhliches Gewühl, denn nach beendeter Kirche 7zog Jung und Alt umher und vergnügte ſich vor den ſchön ausgeſchmückten Buden, kaufend oder ſchauend. In den Herbergen ward mancher Becher geleert, und die Pfeifer hatten, als es Abend wurde, vollauf zu thun, da Alles nach dem Tanzboden ſtrömte.
Durch die wogende, jubelnde Menge ſchlich ſchweigend ein junges Mädchen und ſchien keinen Theil an der allgemeinen Freude zu nehmen; hinter ihr her ging eine junge Dirne, ſchier ebenſo traurig wie die andere, welche ihre Herrin zu ſein ſchien, und murmelte unmuthig vor ſich hin:
„Geh' nur zurück, Kattrein!“ ſagte jene, „und tanze noch einige Reigen; ich will unter der Linde am Berge auf Dich warten; bleib nur nicht zu lange!“
Die Dirne eilte zurück; das Mädchen aber ſetzte langſam ſeinen Weg zu der Linde fort, ließ ſich dort auf eine Raſenbank nieder und blickte traurig gen Himmel.
„Nun iſt Alles vorbei, unwiederbringlich hin!“ rief ſie aus. „Ich bin ſchändlich betrogen, und es iſt keine Rettung mehr für mich! Verbirg Dich nur, freundlicher Mond; ſonſt ſah Marie reinen Herzens zu Dir empor; jetzt muß ich ſchuldbelaſtet die Augen vor Deinem reinen Lichte niederſchlagen!“
Sie weinte ſtill vor ſich hin. Dann ſeufzte ſie wieder und ſprach:
„Der Schändliche! Wie ein Vater wollte er ſich meiner annehmen, da die Feinde meines Vaters Burg zerſtörten und Alles mordeten; zu ſeiner Familie nach Hagenau wollte er mich ſenden und mich wie ſeine Tochter halten. Statt deſſen brachte er mich auf ſein Schloß, und ich junges unerfahrenes Ding wußte ſeinen Schmeichelworten nicht zu widerſtehen. Jetzt iſt er meiner überdrüſſig und hat eine Andere, Schönere auf das Schloß 8bringen laſſen. Schon hat der rohe Schloßvogt mir hohnlachend zugerufen, daß der Ritter mir die Thüre weiſen werde, und ich dann bettelnd im Lande umherziehen könne. Und ich Unglückliche habe keinen Annehmer! Meine Eltern ſind todt, und mein einziger Bruder weilt fern in Italien bei des Kaiſers Heer!“
Sie ſchwieg, und ein ſchmerzvoller Seufzer rang ſich aus bewegter Bruſt hervor. So ſaß ſie in ſich gekehrt und trauernd, und nur zuweilen unterbrach ihr Schluchzen die Stille des Abends. Da trat plötzlich ein Mann vor ſie hin; das junge Mädchen ſchreckte zuſammen.
„Ah“, ſagte ſie, den Mann erkennend, „Ihr ſeid's, Heinrich! Doch, wie ſeht Ihr aus! Seid Ihr im Kampfe verwundet?“
„„Mein gnädiger Herr““, ſprach Heinrich Voltz, „„hat mich ſo gezeichnet, weil ich es gewagt habe, um Gnade zu flehen für den letzten Sproſſen eines ritterlichen Geſchlechts, dem meine Väter einſtmals gedient haben. Aber ich werd's ihm gedenken! Fräulein Marie, auch Ihr ſeid von ihm beleidigt und betrogen! Laßt uns zuſammenhalten!““
„Was ſoll ich thun?“
„„Fürs Erſte müſſen wir ſeinen Anſchlag auf das Judenmädchen zu Nichte machen; ich habe mich erkundigt; ſie iſt brav und fromm und eine verlobte Braut. Ihr, Fräulein Marie, müßt Euch des armen Mädchens annehmen, ihm Muth einſprechen, daß es dem Ritter widerſteht, wenn er unerwartet heimkehren ſollte; ich hoffe aber ſchon früher ſie ſeinen Klauen zu entziehen und von den Juden dafür ein ſchönes Stück Geld einzunehmen. Dann entfliehen wir alle drei; das Judenmädchen kehrt zu den Seinigen zurück. Ihr aber und ich, wir verbergen uns irgendwo im 9Lande, bis Euer Bruder aus Italien heimkehrt, und dann ſoll erſt die Rache beginnen!““
„Wenn mein armer Bruder überhaupt zurückkehrt! Wer weiß, ob er nicht in einer der mörderiſchen Schlachten gefallen!“
„„So werde ich andere Mittel finden, mich an dem Barbaren zu rächen. Von den Juden gedenke ich, hundert Goldgulden zu fordern — Geld genug, uns Beiden ein ruhiges Leben in einem Winkel des Landes zu ſichern.““
„Und wie gedenkt Ihr, das Judenmädchen zu befreien?“
„„Ihr werdet's ſchon ſehen, Fräulein Marie, denn Ihr werdet dabei ſein. Jetzt geht aber ins Schloß zurück und tröſtet die Verzweifelnde. Soll ich Euch begleiten?““
„Ich danke. Katterein, die im Städtchen beim Tanze iſt, muß ich hier erwarten; ſie kann nicht lange mehr bleiben.“
„„Deſto beſſer; es iſt gut, wenn man uns nicht beiſammen ſieht. Lebt wohl, Fräulein!““
„Gute Nacht, Heinrich!“
Das Geſpräch hatte das Mädchen beruhigt. Ungeduldig ſchaute ſie nach ihrer Begleiterin aus, die auch bald, erhitzt vom Tanze ſich einfand.
Katterein erzählte von dem Vergnügen, das ſie genoſſen, unbekümmert, daß das Fräulein, deſſen Gedanken anderswo weilten, ihr nicht zuhörte. So ſchritten ſie den Berg hinauf, bis ſie an das Schloßthor kamen, wo der Thorwart ſie einließ.
Das Fräulein eilte nach dem Zimmer, welches man Berachah angewieſen hatte. Dieſe ſaß da im dumpfen Schmerze, das Abendeſſen nicht berührend, das vor ihr ſtand.
Berachah ſchrak auf, als Marie eintrat.
„Erſchrick nicht“, ſprach dieſe; „es iſt eine arme Unglückliche, die vor Dir ſteht, die Dir 10Troſt bringen und es verhüten will, daß auch Du elend werdeſt!“
Das war himmliſche Muſik für Berachah's Ohr. Eine tiefe Bewegung ergriff ſie; ſie fing an laut zu weinen.
„„Wer biſt Du““, rief ſie, nachdem ſie ſich ausgeweint hatte, „„die gleich einem Engel vom Himmel zu mir kömmt, mich zu tröſten? Soeben habe ich aus tiefſtem Herzen zu Gott um Rettung gefleht. Biſt Du ein Engel, den Gott mir ſendet?““
Marie lächelte ſchmerzlich.
„Ich ſagte es Dir ſchon“, ſprach ſie, „ich bin eine arme Unglückliche. Ich bin ein Schlachtopfer, hingemordet von jenem herzloſen Menſchen, der auch Dich unglücklich machen will. Doch das will ich verhüten, ich und ein Freund, deſſen Namen ich Dir nicht nennen darf. Dieſer Freund ſucht Deine Verwandten auf und wird Mittel und Wege finden, Dich zu befreien. Sollte jedoch der Ritter früher hierherkommen, ſo leiſte ihm Widerſtand.““
„„Eher werde ich ſterben, als daß ich . . ““
„O, hätte doch auch ich ſo gedacht! Ich wäre nicht ſo unglücklich geworden.“
Maria's Thränen floſſen aufs Neue. Jetzt ward Berachah die Tröſterin.
„„Armes Kind““, ſprach ſie, „„Du biſt noch ſo jung. Auch Dir kann das Leben noch Freuden bringen.““
Wehmüthig ſchüttelte Marie das Haupt.
„Für mich iſt Alles vorbei“, ſagte ſie, die Thränen trocknend. „Aber Du wirſt wieder mit Deinem Vater, mit Deinem Bräutigam vereint werden. Dir wird noch reiches Glück erblühen und dann gedenke der Unglücklichen, der Verlorenen, die ſich hier Deiner angenommen!“
11Berachah umarmte die Schluchzende.
„„Willſt Du mir nicht ſagen““, ſprach ſie, „„wer Du biſt und wie Du heißeſt?““
„Ich heiße Marie von Rottbach und entſtamme einem altadeligen Geſchlechte. Meine Mutter verlor ich früh; mein einziger Bruder, nach Ruhm und Ehre dürſtend, zog mit des Kaiſers Heer nach Italien. Mein Vater war ein Freund des hochberühmten Ritters Fränz von Sickingen; ſein Freund und Bundesgenoſſe. Als die er in ſeiner Burg bei Landſtuhl von den belagernden Fürſten zu Tode verwundet wurde und ſtarb, da wurde auch mein Vater in die Reichsacht erklärt, ſeine Burg, in der er ſich verſchanzt hatte, gebrochen; er ſelbſt getödtet. So ſtand ich allein in der Welt, ohne Freunde, ohne Verwandte, ohne Habe und Gut. Der Herr dieſer Burg, Ritter Prechter, der bei der Erſtürmung von Rottbach war, ſchien Erbarmen mit mir zu haben. Er wollte mich gleich ſeinem eigenen Kinde halten und ſandte mich hierher. Von dem Uebrigen laß mich ſchweigen.“
Berachah umarmte aufs Neue die neugewonnene Freundin und küßte ihr die Thränen von den Wangen.
II. Theil · Kapitel 3 · S. 11–16
III.
Rabbi Joſelmann war nach Hagenau gereiſt; hier hatte er um Audienz bei dem Landesvogt des untern Elſaſſes, Herrn Kaſpar von Mörſpurg nachgeſucht und war bei demſelben vorgelaſſen worden.
„Gott grüß Dich, Joſelin“, redete Herr Kaſpar den Eintretenden an. „Was führt Dich zu mir? Haſt Du Dich etwa wieder über den Bür12germeiſter von Ober=Ehnheim zu beklagen. Euer alter Feind, Jakob Brand, iſt doch todt.“
„„Gnädiger Herr, in Ober=Ehnheim hat ſich das Sprichwort bewährt: Es kömmt ſelten etwas Beſſeres nach. Der neue Bürgermeiſter Herr Lienhart Hugh, iſt noch ein ſchlimmerer Judenfeind, als es ſein Vorgänger geweſen. Doch diesmal iſt es nicht der Bürgermeiſter von Ober=Ehnheim, um deſſentwillen ich vor Euch getreten bin. Gnädigſter Herr, helfet, rettet! Unſre Privilegien ſind verletzt von Einem, der ſie zu ſchützen ſich berufen fühlen ſollte. Ein Menſchenraub hat ſtattgefunden; ein jüdiſches Mädchen iſt geraubt und wird widerrechtlich gefangen gehalten.““
„Das ſind ſchwere Beſchuldigungen, Joſelin, die Du da vorbringſt. Und wer iſt der Räuber?“
„„Der Kaiſerliche Rath, der Ritter, Herr Friedrich Prechter, Herr zu Hochfelden.““
„Nicht doch, Mann, d s iſt ja nicht möglich!“
„„Aber es iſt ſo, gnädiger Herr!““
„Erzähle mir den Hergang.“
Rabbi Joſelmann erzählte; als er geendet hatte, ſagte Herr Kaſpar:
„Ei, ei, Herr Friedrich, trifft man Euch auf ſolchen Wegen? In der Sache ſelbſt, Joſelin, kann ich nichts thun. Es iſt das offenbar kein Raub, ſondern ein Tauſch. Der Herr von Hochfelden hat ſich für den Vater, der dem Tode verfallen war, die Tochter ausgetauſcht. In dieſen Zeiten nimmt man's nicht ſo genau.“
„„O, Herr, iſt das Recht, iſt das Gerechtigkeit?““
„Es iſt Kriegsrecht, Joſelin; ich kann da nichts thun. Wißt Ihr was? Wendet Euch an Frau Urſula, Herrn Friedrichs Gemahlin; vielleicht führt ſie ihn auf den rechten Weg zurück und ver13anlaßt ihn, das gefangene Täubchen wieder fliegen zu laſſen!“
Alle Bitten Joſelins, den Landesvogt zum Einſchreiten zu bewegen, waren vergeblich. Herr Kaſpar fürchtete offenbar den Ritter Prechter und deſſen mächtigen Anhang. Tiefbekümmert verließ ihn Joſelin. Er erkundigte ſich noch nach der Perſönlichkeit der Frau von Prechter und erfuhr, daß Frau Urſula ein ſchwach unterwürfig Weib ſei; er hielt es daher nicht für angemeſſen, den Rath des Herrn von Mörſpurg1Mörſpurg = Morſperg; der Name findet ſich in den Urkunden bald ſo, bald ſo. zu befolgen.
Traurig kehrte Rabbi Joſelmann nach Rosheim zurück. Der Vater und der Bräutigam des geraubten Mädchens hatten ſo große Hoffnungen, auf ſeine Verwendung geſetzt, und nun ſollten ſie ſo enttäuſcht werden!
Als er nach Hauſe kam, wurde ihm mitgetheilt, daß ein Mann auf ihn warte. Rabbi Joſelmann trat ins Zimmer und ſah einen Fremden, auf deſſen rechter Wange ſich eine breite Narbe hinzog.
„„Seid Ihr der Befehlshaber der Juden?““ fragte der Fremde.
„Der bin ich“, entgegnete Rabbi Joſelmann.
„„Habt Ihr davon gehört, daß in Urbis ein Judenmädchen iſt geraubt worden?““
„Ich habe davon gehört.“
„„Würdet Ihr es Euch ein Stück Geld koſten laſſen, die Geraubte zu befreien?““
„Vielleicht. Doch ſagt mir zuvor, wer Ihr ſeid!“
„„Seht die Narbe auf meiner Wange! Herr Friedrich von Prechter hat mich ungerechter Weiſe geſchlagen. Ich bin Heinrich Voltz, bisher ſein 14Diener. Um mich an meinem ungerechten Herrn zu rächen, will ich ſeinen Anſchlag auf das Judenmädchen vereiteln. Ich will aber auch nicht länger in ſeinen Dienſten verbleiben. Deßhalb verlange ich ſo viel Geld, daß ich unabhängig leben kann.““
„Und wie gedenkt Ihr die Befreiung ins Werk zu ſetzen?“
„„Seht, Herr, ich bin viel länger auf Burg Hochfelden bekannt als Herr Friedrich und alle ſeine Leute. Ich habe noch dem eigentlichen und wirklichen Herren von Hochfelden gedient, wißt Ihr, die den zwiefachen Adler, den Adler im Wappenfelde und den Adler im Wappenhelm, geführt haben. Das Geſchlecht iſt erloſchen, das Wappen zerbrochen. Der kaiſerliche Fiscus, oder vielmehr der erzherzogliche Fiscus von Oeſterreich zog die Burg ein, als der letzte der Hochfelden in die Gruft geſenkt wurde. Von der erzherzoglichen Kammer erhielt Herr Friedrich von Prechter die Burg und die Herrſchaft zum Pfande, und ich trat in ſeine Dienſte über. Nun wiſſet, Herr Befehlshaber, es exiſtirt in der Burg ein geheimer unterirdiſcher Gang, der ins Freie führt. Dieſer geheime Gang iſt nur mir, nur mir allein bekannt. Durch ihn werde ich das Mädchen hinausführen, wenn die Burg auch noch ſo feſt verſchloſſen und noch ſo gut bewacht iſt. Wenn dann unten Leute mit einem Wägelchen warten und das Mädchen raſch von dannen führen, ſo wird es geborgen ſein, ehe noch Jemand in der Burg ſeine Abweſenheit bemerkt.““
„Und was verlangt Ihr?“
„„Hundert Goldgülden!““
„Bleibt hier, mein Freund, und erwartet mich hier; ich will die Verwandten des Mädchens fragen.“
15Rabbi Joſelmann ließ Ahron und Mordechai herbeirufen und erzählte den entzückt Aufhorchenden von dem ſoeben ihm gemachten Antrage.
Mordechai wollte ſofort hineineilen, um die gewünſchte Summe zu verſprechen. Ahron hielt ihn zurück.
„Laß mich mit ihm reden!“ ſagte er.
Die Drei traten in das Zimmer, in welchem Heinrich Voltz wartete.
„Guter, edler Mann“, ſprach Ahron von Urbis, „Ihr wollt mein Mädchen retten, mein gutes, herziges, einziges Töchterchen, meine Berachah, die ſich für mich aufgeopfert? Guter, edler Mann! ich will Euch ja gerne belohnen! Aber leget einem armen Juden nicht zu viel auf! Laßt Euch genügen mit hundert Silbergulden. Iſt doch viel Geld!“
„„Feilſchet nicht mit mir, Herr; ich würde es umſonſt thun; aber ich brauche hundert Goldgülden.““
„So will ich Euch fünfzig Goldgulden geben!“
„„Ich kann nicht weniger als hundert nehmen. Wollt Ihr das nicht, ſo gehe ich fort.““
„O nein, Mann, bleibt da! Ihr ſollt ja das Geld haben bei Heller und Pfennig. Wann, guter, goldner Mann, ſoll ich mein Kind wieder haben?“
„„Wir machen uns am Beſten ſofort ans Werk, ehe der Ritter nach Hochfelden kömmt, was in jedem Augenblicke geſchehen kann.““
„Alſo wann?“
„„Morgen Abend, ehe der Mond aufgeht, ſeid mit einem Wagen am Fuße des Schloßberges, an der großen Linde zwiſchen dem Schloßberge und dem Städtchen. Ihr aber, Herr, gebt zuvor das Geld dem Herrn Befehlshaber. Der mag's 16Euch wiedergeben, wenn ich Euch Eure Tochter nicht geſund und wohlbehalten zuführe.““
Im Beiſein Heinrichs übergab Ahron die gewünſchte Summe dem Rabbi Joſelmann. Dann machte ſich der ehemalige Diener Prechters auf den Weg, um die Befreiung ins Werk zu ſetzen.
Für die Zurückbleibenden blieb noch viel zu thun übrig. Zunächſt mußten Pferde und Wagen beſorgt werden. Dann wurde verabredet, daß Ahron und Mordechai mit Berachah nicht nach Urbis zurückkehren, ſondern daß ſie ſich nach Frankfurt am Main begeben und ſich dort dauernd niederlaſſen ſollten. Rabbi Joſelmann erließ ein Schreiben an den Vorſtand der jüdiſchen Gemeinde genannter Stadt, in welchem er bat, dieſer Familie das „Froniß“ (jüdiſche Bürgerrecht) zu verleihen. Dann wurden Vollmachten ausgefertigt, damit das immobile Eigenthum Ahrons zu ſeinen Gunſten verkauft werden und eine etwaige Erbſchaft Mordechai's für ihn angetreten werden könnte. Rabbi Joſelmann dachte an Alles, ſorgte für Alles. So verging die Zeit. Ahron und Mordechai mußten eilen, um mit Sonnenuntergang an der Linde bei Hochfelden einzutreffen. Nicht lange brauchten ſie zu warten, als Heinrich Voltz mit ſeinen beiden Begleiterinnen herbeikam. Berachah ſtürzte mit lautem Aufſchrei ihrem Vater in die Arme. Lange hielten ſich Beide umfaßt. Da ſprach Mordechai: „Berachah, hier iſt noch Jemand!“
II. Theil · Kapitel 4 · S. 16–22
IV.
Herr Friedrich von Prechter zog noch ſtrafend im Elſaß umher, als er die Nachricht erhielt, daß Heinrich Voltz, Maria von Rottbach und das geraubte Judenmädchen aus Schloß Hochfelden ſpur17los verſchwunden ſeien. Herr Friedrich ſchäumte vor Wuth. Er zog nach Urbis, um den Vater Berachah's wieder gefangen zu nehmen; fand aber dieſen nicht; ſelbſt ſein Vermögen war nicht mehr da; das Haus war verkauft. Außer ſich vor Zorn, ſchwur Herr Friedrich Rache zu nehmen an allen Juden des Elſaſſes. Die Gelegenheit bot ſich bald. Eine Deputation wurde von der Regierung des Elſaſſes an den Erzherzog Ferdinand, den Bruder und Statthalter des Kaiſers, geſandt, um über den Bauernkrieg und deſſen Beendigung Bericht zu erſtatten. An der Spitze dieſer Deputation ſtand Herr Friedrich von Prechter.
Erzherzog Ferdinand, der Bruder des Kaiſers, war im Jahre 1503 in Spanien geboren und am Hofe ſeines Großvaters, des Königs Ferdinand, des Katholiſchen, erzogen worden. Ferdinand beſaß viele gute Eigenſchaften, er war gerecht, leutſelig, zugänglich, ein muſterhafter Gatte und Familienvater. Dagegen hatte die ihm gewordene ſpaniſche Erziehung auch manche üble Eigenſchaft zur Reife gebracht. Er war von Vorurtheilen beherrſcht und konnte auch rachſüchtig und blutgierig ſein. Sein Zorn über die aufſtändiſchen Bauern war groß, und er war es geweſen, der nach der Unterdrückung des Aufſtandes durch die dem Truchſeß von Waldburg ertheilten blutigen Befehle das Signal zu dem ſchrecklichen Blutvergießen gegeben hatte. Mit Vergnügen hörte er daher die Berichte des Herrn Friedrich von Prechter an; es machte ihm Freude zu vernehmen, wie die Bauern im Elſaß gehenkt, geköpft, ertränkt und verſtümmelt worden waren.
„Hoheit“, ſchloß Prechter ſeinen Bericht, „ſo habe ich radical mit den Empörern verfahren; die Uebrigen ſind zur Raiſon gebracht und werden ſich hüten, wiederum Rebellion anzuzetteln. Aber 18eine Sorte von Menſchen habe ich noch nicht beſtrafen können, wiewohl ſie, wenn auch nur heimlich, beim Aufſtande betheiligt waren; denn ſie ſind im Beſitze von Privilegien. Die Juden, Hoheit, haben es heimlich mit den Bauern gehalten. Als die Bauern auszogen, ſchrieben ſie in alle Welt, daß ſie gekommen ſeien, die Edelleute, Pfaffen und Juden zu ſtrafen. Bei Adel und Geiſtlichkeit haben ſie leider nur zu ſehr Wort gehalten; aber den Juden haben ſie kaum etwas zu Leide gethan. Weßhalb? Nicht anders, als weil die Juden ihnen heimlich Vorſchub geleiſtet, ihnen die geraubten und geſtohlenen Sachen abgekauft haben.“
„Ja, ja“, entgegnete der Erzherzog, „die Juden ſind ein böſes Volk. Meine Großeltern, König Ferdinand und Königin Iſabella, haben ſie aus Hiſpanien vertrieben. Ich habe als Kind gar manchem Auto da fé angewohnt und von den hochwürdigſten Prieſtern vernommen, welch ein gottgefälliges Werk es ſei, dieſe verſtockten Sünder vom Erdboden zu vertilgen. Wenn ſie alſo den Bauern Vorſchub geleiſtet, ſo ſoll man mit ihnen verfahren, wie mit dem aufrühreriſchen Geſindel.“
„Ja, Hoheit, die Juden ſind es, welche eigentlich den ganzen Aufruhr verſchuldet. Durch ihren Wucher berauben ſie den armen Mann ſeiner geringen Habe, ſo daß er in der Verzweiflung zum Aeußerſten greift. Deßhalb haben die Könige von England, Frankreich, Hiſpanien und die Schweizer Republiken die Juden aus ihren Staaten ausgewieſen. Die aus Frankreich und der Schweiz Vertriebenen haben nun unſer armes Land überſchwemmt und bringen es an den Abgrund des Verderbens. Wollen daher Eure Hoheit befehlen, daß die Juden aus dem Elſaß ausgetrieben werden und bis 19zum Allerheiligen=Tage das Land räumen müſſen; Eure Hoheit würden ſich um unſer armes Land unſterbliche Verdienſte erwerben.“
„Was meinſt Du dazu, Hofmann?“ fragte Ferdinand ſeinen bei der Verhandlung anweſenden Schatzmeiſter.
Freiherr Johann Hofmann von Steyr war Ferdinands rechte Hand; damals Schatzmeiſter, wurde er, nachdem Ferdinand König von Ungarn und Böhmen und römiſcher König deutſcher Nation geworden war und nachdem Kaiſer Carl die öſterreichiſchen Erblande ſeinem Bruder überlaſſen hatte, zum Geheimenrath und Premierminiſter erhoben. Herr Johann Hofmann war ein gewiegter Finanzmann; er erwiederte bedächtig:
„Die Juden ſind ein gar nützlich Völklein; ſie kennen den Werth des Geldes und wiſſen damit umzugehen. Ihr commerzielles Talent verleiht vielen Waaren Werth, die ſonſt dem Bauern und Bürger nichts einbringen würden. Hoheit, ebenſo wichtig wie Ackerbau und Handwerk, iſt der Handel, weil ſonſt die Producte des Ackerbaues und des Handwerks ihren Preis nicht finden würden. Die Juden im Elſaß bringen der öſterreichiſchen Kammer ein ſchönes Stück Geld ein; ich bitte Eure Hoheit, es wohl zu überlegen, ehe Ihr gegen ſie etwas unternehmet.“
„Und was meinſt Du, Gabriel?“ fragte der Erzherzog ſeinen Jugendfreund Gabriel von Salamanca, Grafen zu Ortenburg.
„Wenn es ſich um ſo gewichtige Dinge handelt“, entgegnete der Gefragte, „wie ſie Herr Friedrich von Prechter uns auseinandergeſetzt hat, ſo dürfen ſo kleinliche Rückſichten, wie ſie Herr Johann Hofmann geltend macht, nicht berückſichtigt werden.“
20„Georg“, fragte der Erzherzog ſeinen Geheim=Secretär, Georg Gienger, einen Ulmer Patricier, „welches iſt Deine Meinung?“
„Auch ich bin der Anſicht“, entgegnete Herr Georg, „daß wenn die Juden ſich am Aufſtande betheiligt haben, es recht und billig iſt, ſie dafür zu beſtrafen.“
„Nun wohl, Georg“, entſchied der Erzherzog, „fertige eine Ordonnanz aus, daß die Juden bis zum Allerheiligen=Tage das Elſaß geräumt haben müſſen und richte ſie an unſern Landesvogt im untern Elſaß, den Freiherrn, Herrn Kaſpar vulo Mörsperg und Beppart zu Hagenau.“
Triumphirend kehrte Prechter nach dem Elſaß u rück, und bald durchflog die Kunde von dieſem erſchrecklichen Ereigniſſe das ganze Land. Rabbi Joſelmann eilte nach Hagenau, wo ihm der Landvogt die Ordonnanz des Erzherzogs zeigte. Rabbi Joſelmann proteſtirte dagegen; die Ordonnanz ſei nicht zu Recht beſtehend, da der Kaiſer nicht darum wiſſe. Aber noch hatte Kaiſer Carl die Privilegien und Freiheitsbriefe der Juden nicht beſtätigt, und der Erzherzog hatte die weitgehendſten Vollmachten. Was war zu thun? Von allen Seiten eilten die Juden des Elſaſſes nach Rosheim und baten und flehten, daß Rabbi Joſelmann helfe und die drohende Gefahr abwende. Viele Tauſende ſollten aus ihrer Heimath vertrieben, der Noth, dem Elende und dem ſchrecklichen Looſe der Heimathloſigkeit preisgegeben werden. Man beſtürmte Rabbi Joſelmann, er ſolle zum zweiten Male nach Spanien reiſen und ſich dem Kaiſer zu Füßen werfen. Aber durfte er es wagen, zum zweiten Male den Geſetzen des Landes zu trotzen und einen Boden zu betreten, wo ihn der Tod erwartete? War es nicht das erſte Mal ſchon ein großes Wunder geweſen, daß er dem Tode 21entgangen? Und dann, ſelbſt wenn ſein Weg gelingen ſollte, durfte er hoffen noch vor dem Austreibungs=Termin zurückzukehren? Rabbi Joſelmann zog es daher vor, nach Oeſterreich an den Hof des Erzherzogs ſich zu begeben. „Der Mund, der den Austreibungs=Befehl erlaſſen, ſoll ihn auch wieder zurücknehmen“, ſagte er. „Ueberdies iſt es mir lieb, eine Gelegenheit zu haben, mit dem Erzherzoge bekannt zu werden. Nach Allem, was ich geſehen und erfahren, iſt es dem Erzherzog vorbehalten, eine bedeutende Rolle in Deutſchland zu ſpielen. Der Kaiſer hat noch zu viel andere Länder, die einſt ſein Sohn erben wird. Die deutſchen Fürſten werden nicht wieder einen Kaiſer wählen, der viele Jahre lang von Deutſchland abweſend ſein muß; außerdem iſt Ferdinand beliebt wie kein Anderer. Schon auf dem Reichstage zu Worms hat er durch ſeine Leutſeligkeit, die gar vortheilhaft von der ſteifen, ſpaniſchen Grandezza des Kaiſers abſtach, alle Herzen gewonnen. Wenn mich nicht Alles trügt, ſo wird Ferdinand einſt deutſcher Kaiſer werden. Es wird alſo gut ſein, ſich frühzeitig mit ihm bekannt zu machen und ſeine Vorurtheile gegen die Juden zu bekämpfen.“
Bald hatte Rabbi Joſelmann ausgekundſchaftet, daß ſich der Erzherzog gegenwärtig zu Bruck in Steiermark aufhalte. Es war eine weite, ſchwere Reiſe. Räuber durchzogen das Land und machten alle Wege unſicher. Viele der flüchtigen Bauernführer hatten Räuberhorden organiſirt und waren den Reiſenden ein Schrecken. Rabbi Joſelmann beſtieg ſein Roß und begab ſich auf die weite, beſchwerliche, gefahrvolle Reiſe. Vor ſeinem Hauſe ſtand ſein weinendes Weib.
„Beruhige Dich, Liebe“, rief er ihr vom Pferde aus zu. „Gott, der Schöpfer von Himmel 22und Erde, iſt zu meiner Hilfe ſtets bereit. Er wird mich behüten vor allem Böſen und wird mich geſund und fröhlich zu Dir und den Kindern heimkehren laſſen.“
So ritt er von dannen, gefolgt von den Segenswünſchen ſeiner Glaubensgenoſſen. Sie alle beteten, daß Gott ihren edelmüthigen Vertheidiger und Beſchützer vor jeglicher Gefahr behüten möge.
II. Theil · Kapitel 5 · S. 22–28
V.
Neben einem freundlichen, aus Felſen ſprudelnden Quell, den zwei hohe Buchen am Fuße des Hornbergs beſchatteten, hatte ein Tempelherr aus dem Geſchlechte derer von Berlichingen, zum Danke für ſeine glückliche Rückkehr aus dem heiligen Lande eine Kapelle erbaut und darin ein Bild, das er aus Paläſtina mitgebracht hatte, aufgeſtellt. Im Laufe der Jahrhunderte war das Bild in den Ruf der Wunderthätigkeit gekommen, ſo daß die Kapelle ein Wallfahrtsort für die Bewohner des benachbarten Odenwaldes und des Kraichgaues geworden war; ein Glöckner, verpflichtet, jede Nacht um elf Uhr das Glöckchen des Thurmes zu ziehen, wohnte unfern der Kapelle in einem Hüttchen am Bergabhange. Die Straße führte hier vorbei; aber der einſame Reiter, der daherritt, bog vom Wege ab, um die Kapelle zu vermeiden, damit er nicht gezwungen werde, vor dem Bilde ſich zu verneigen und das Haupt zu entblößen. Aber der Umweg hatte große Schwierigkeiten; Geſtrüpp bedeckte den Boden; das Pferd des Reiters ſtrauchelte und fiel, ſeinen Herrn abwerfend. Betäubt lag dieſer einige Minuten auf der Erde; dann erhob er ſich mühſam, reckte und ſtreckte 23die Glieder und gewahrte mit Entzücken, daß er ſich keine Verletzung zugezogen.
„Gelobt ſei Gott“, ſprach Rabbi Joſelmann — denn Niemand anders als der Befehlshaber der Juden war der einſame Reiter — „gelobt ſei Gott, der mich behütet und beſchützt hat!“
Dann näherte er ſich dem Pferde, das ruhig dalag.
„Steh auf, Brauner“, rief ihm Rabbi Joſelmann zu, „ſchon ſenkt ſich die Sonne nach Weſten, und ich muß eilen, um noch bei Tag einen bewohnten Ort zu erreichen.“
Das Thier regte ſich nicht. Rabbi Joſelmann ſah zu ſeinem Schrecken, daß es im Sturze ſich zu Tode verletzt hatte, und daß es, während er ſelbſt betäubt dagelegen, verendet war.
„So biſt Du hin, Du treuer Begleiter, der mich ſo oft ſicher und gut getragen! Ich muß Dich hier liegen laſſen, den Wölfen des Waldes, den Krähen und Raben der Lüfte zum Fraße — und ich muß zu Fuße weiter wandern und noch meinen ſchweren Mantelſack tragen!“
Er ſchnallte dieſen los und lud ihn auf die Schulter. Aber die ſchwere, ungewohnte Laſt drückte ihn, als er mühſam dahinſchritt, in der Hitze des Tages, unter der Gluth der Sonnenſtrahlen; denn, wiewohl die Sonne nicht mehr hoch am Himmel ſtand, brannten ihre Strahlen noch mächtig. Und der Held unſrer Erzählung ſteht nicht mehr in der erſten Jugend! Unſre geehrten Leſer werden ſich erinnern, daß, als wir ſie mit Rabbi Joſelmann bekannt machten, dieſer fünfundzwanzig Jahre zählte. Das war im Jahre 1503 während des erſten bayriſchen Erbfolgekrieges; jetzt aber zählte man 1528; es waren alſo noch einmal 25 Jahre, thatenreiche Jahre, vergangen, und Rabbi Joſelmann hatte das fünfzigſte Jahr 24ſeines Alters überſchritten. In Strömen rann der Schweiß von ſeiner Stirne; von Zeit zu Zeit legte der Wanderer den Mantelſack nieder und athmete ſchwer auf.
„Ach“, ſprach er ſeufzend, „daß auch mein gutes Pferd hat fallen und verenden müſſen! Wo werde ich nun einen Roßtäuſcher antreffen, der mir ein gutes Reitpferd verkauft! Die Bauern ſind mißtrauiſch und verkaufen nicht gern ein Pferd an einen Unbekannten, und ein Edelmann gibt ein gutes Roß ſobald nicht fort!“
Seufzend lud er ſeinen Mantelſack wieder auf und ſchritt weiter.
„Wenn nur der Mantelſack nicht ſo ſchwer wäre und handlicher zum Tragen! Soll ich vielleicht etwas herausnehmen und es hier irgendwo verbergen? Aber ich wüßte nicht, was ich entbehren könnte; ich muß doch einen vollſtändigen Anzug bei mir haben, um würdig am Hofe des Erzherzogs erſcheinen zu können!“
Rabbi Joſelmann war wieder auf die Landſtraße eingebogen. Da hörte er den Hufſchlag eines Pferdes. „Ha“, dachte er, „da naht ein Reiter; vielleicht verkauft der mir ſein Pferd oder nimmt gegen eine gute Belohnung meinen Mantelſack mit bis an den nächſten Ort!“
Der Reiter ritt heran; es war ſeiner Kleidung nach zu urtheilen, ein Edelknecht.
„Gnädiger Herr!“ rief Rabbi Joſelmann dem Herantrabenden zu. „Haltet ein wenig; ich habe mit Euch zu reden!“
Der Reiter hielt ſein Pferd an.
„Ihr ſeid, wie mir das Wappen an Eurer Helmzinne ſagt, der Junker Späth vom Hornberg“, redete Rabbi Joſelmann ihn an, „der gnädige Herr Vater kennt mich gut. Ich habe eine Bitte an Euch; mein Pferd iſt mir gefallen, und 25mir wird es ſchwer, meinen Mantelſack zu tragen. Wollt Ihr die Gnade haben . . . .“
Der Junker ließ ihn nicht ausreden.
„Frecher Jude!“ rief er und hieb ihm mit der Reitgerte über den Kopf; dann ſprengte er von dannen.
Betrübt ging Rabbi Joſelmann weiter; der Hieb ſchmerzte ihn, der ſchwere Mantelſack drückte ihm faſt die Schulter ein, die Beine thaten ihm wehe vom Falle; dabei quälte ihn brennender Durſt. Bittere Gedanken ſtiegen in ihm auf; mußte er denn, er allein ſich aufopfern für das allgemeine Wohl? Warum hatte er dieſe gefährliche und beſchwerliche Reiſe unternommen, warum hatte er den Bitten ſeiner Frau nicht Folge geleiſtet und geſprochen: „Ich bin oft genug für meine Brüder eingetreten; diesmal mögen Andere in den Riß treten.“?
Gewaltſam ſchüttelte Rabbi Joſelmann die böſen Gedanken ab; er legte den Mantelſack nieder, hob die Hände gen Himmel und ſprach:
„Herr, mein Gott, verzeihe mir die ſündigen Gedanken. Was Du thuſt, es iſt ja zum Guten; was Du auch über mich verhängen magſt — Dein heiliger Wille geſchehe!“
Da fiel ein Schuß, und Rabbi Joſelmann ſah, wie — die Landſtraße ging bergabwärts — der Junker Späth von Hornberg vom Pferde ſtürzte. Wilde Geſtalten brachen aus dem Hinterhalte hervor, ſich des herrenloſen Pferdes bemächtigend.
„Räuber!“ ſprach Rabbi Joſelmann und wollte ſeitwärts in die Büſche abbiegen, um ſich zu verſtecken. Aber ſchon war er bemerkt worden.
„Halt, halt!“ tönte es von unten herauf. An Entkommen war nicht zu denken. Rabbi Joſel26mann blieb ſtehen; zehn, zwölf Bewaffnete ſtürmten den Berg heran.
„Her mit dem Mantelſack!“ ſchrie der Erſte, der ihn erreichte.
Rabbi Joſelmann gab den Mantelſack ab.
„Dein Geld!“ ſchrie der zweite der Herankommenden.
Rabbi Joſelmann löſte den Geldgurt von ſeinem Leibe und gab ihn den Räubern.
„Wer biſt Du?“ fragte der Dritte. „Wird es ſich lohnen, Dich gefangen zu halten? Wird es ein gutes Löſegeld geben?“
Einen Augenblick lang wollte Rabbi Joſelmann einen unbekannten Namen nennen, in der Hoffnung, dann eher freigelaſſen zu werden. Aber nur einen Augenblick. „Nein“, ſprach er in ſeinem Herzen, „Wahrheit iſt das Sigel Gottes; auch Räubern gegenüber ſoll keine Lüge meinen Mund entſtellen.
„Ich heiße Joſelin“, ſagte er, „und bin aus Rosheim im Elſaß.“
„Hei“, rief der Räuber dem herankommenden Anführer zu, „Hauptmann, das iſt ein koſtbarer Vogel, den wir gefangen: den Befehlshaber und Regierer, den König der Juden! das wird ein gutes Löſegeld ſetzen!“
„Wie“, ſagte der Hauptmann, „Ihr ſeid es Joſelin? Schaut mich an, kennt Ihr mich noch?“
Verwundert blickte Rabbi Joſelmann auf die mächtige Geſtalt des Hauptmannes.
„Ihr ſeid der Apoſtel“, ſagte er, „aus der Kapelle bei Altdorf.“
„„Richtig, richtig! Und wie kommt Ihr hierher und zu Fuß?““
„Mein Pferd iſt gefallen, ſo mußte ich zu Fuß weiter wandern.“
„„Das iſt Euer Glück; denn wir ſchießen 27die Reiter nieder, die an unſerm Hinterhalt vorüberſprengen.““
„O Gott, mein Gott, dachte Rabbi Joſelmann, und ich wollte gegen Dich murren, weil mein Pferd gefallen und die ungewohnte Laſt meines Mantelſackes mir die Schultern zerdrückte! So will ich denn den Mantelſack bis nach Bruck tragen und den weiten Weg zu Fuß zurücklegen. Das ſei mir Strafe für meine ſündigen Gedanken. Was Du thuſt, mein Gott, iſt zum Guten! Du haſt mein Pferd ſtraucheln und fallen laſſen, um mir das Leben zu retten!“
„Dieſem da“, ſprach der Hauptmann zu den Räubern, „darf kein Haar gekrümmt werden. Gebt ihm ſeinen Mantelſack wieder und ſein Geld und laſſet ihn in Frieden ziehen! Gern würde ich Euch, Joſelin, das Pferd des Junkers von Späth, den wir eben niederſchoſſen, überlaſſen. Allein, ich fürchte, es könnte erkannt werden und Euch in Unannehmlichkeiten verwickeln. So zieht in Frieden Eure Straße!“
„Hauptmann“, ſagte einer der Räuber, „und wenn nun der Jude uns verräth und uns die Landsknechte auf den Hals ſchickt?“
„„Der wird uns nicht verrathen; dafür bürge ich““, ſagte der Hauptmann.
„Habet Dank“, ſprach Rabbi Joſelmann, dem Hauptmann die Hand reichend, „was ſoll ich Euch wünſchen? Glück in Eurem Räuberhandwerke? Das bringe ich nicht übers Herz!“
„„Wünſcht mir, daß es mir gelinge, mit den Meinigen zu Kaiſer Caroli's Heer zu gelangen und dort Kriegsdienſte zu nehmen!““
„Das wünſche ich Euch von Herzen. Möget Ihr das Räuberhandwerk aufgeben und wackere, ehrliche Kriegsknechte werden!“
Die beiden Männer ſchüttelten ſich die Hände, 28und Rabbi Joſelmann zog, ſeinen Mantelſack ſchleppend, die Straße hinab, immer weiter nach Oſten bis an die Ufer der Mur.
II. Theil · Kapitel 6 · S. 28–34
VI.
Es war eine wahrhafte Bußfahrt, die Rabbi Joſelmann jetzt unternahm. Anfangs erſchienen ihm die Fußreiſe und die ungewohnte Laſt faſt unerträglich. Allmählich gewöhnte er ſich daran. An keinem Orte, an welchem er bei Glaubensgenoſſen einkehrte, nannte er ſeinen Namen, um allen Ehrenbezeugungen und Zuvorkommenheiten aus dem Wege zu gehen. Aber lange, lange währte die Reiſe. Endlich erblickte er die Thürme von Wien; er trat nicht in die Stadt ein, in der damals keine Juden wohnten. Dann ging er weiter nach Wiener Neuſtadt und von da nach Gloggnitz, wo heutzutage die Semmeringbahn die ſtaunende Bewunderung der Reiſenden erregt. Damals war das Gebirge noch unberührt von der Berge durchbohrenden, Abgründe überbrückenden, kunſtfertigen Hand der Neuzeit. Wo jetzt im Höllenthale das große Waſſerſchloß der Wiener Waſſerleitung ſteht, verbrachte Rabbi Joſelmann einſam den Faſttag des 9. Ab. Es war ein wilder ſchauerlicher Platz. Die hohen, ſteilen Felswände des Schneebergs und der Raxalp ſchließen das von der Schwarzau durchſtrömte Thal ein. Da ſaß er, der einſame Wanderer. Er hatte ſeine Schuhe ausgezogen und las weinend die Klagelieder um den Fall Jeruſalems und die Schilderungen der mittelalterlichen Judenſchlachten zu Speier, Worms, Mainz, Köln und Frankfurt. Auch jetzt ſollte ja wieder furchtbares Unglück die Söhne Jakobs bedrohen. Aus tiefſtem Herzen betete der Einſame zu Gott, daß 29Er ſeine Miſſion gelingen und ihn Gunſt finden laſſe in den Augen des Erzherzogs Ferdinand.
Wenige Tage nachher gelangte Rabbi Joſelmann nach Bruck. Nicht weit von dem Orte, wo jetzt der Bahnhof ſich befindet, iſt eine Anhöhe, von der man aus die maleriſch gelegene Stadt — am Einfluſſe der Mürz in die Mur — überſchauen kann. Stolz erhebt ſich die alte, landesfürſtliche Burg mit ihren romaniſchen Bogengängen. In dieſer Burg hielt damals Erzherzog Ferdinand Hof. —
Als Rabbi Joſelmann dem Erzherzoge gemeldet wurde, befahl dieſer, ihn gleich vorzulaſſen und empfing ihn ſehr freundlich.
„Willkommen, Joſelin,“ rief ihm der Erzherzog entgegen, „was führt Dich zu mir! Biſt Du, der Du in Worms neben dem mächtigſten Herrſcher der Welt einherritteſt, nicht zu ſtolz, einen armen Erzherzog in dieſem entlegenen Winkel des Reichs aufzuſuchen?“
„„Eure Majeſtät geruhen zu ſcherzen!““ antwortete Rabbi Joſelmann, ſich tief verneigend.
„Majeſtät? Was redeſt Du, Joſelin! Ich heiße nur, Hoheit. Wenn mein Bruder Carl Dich hörte, könnte es Dir und mir ſchlimm ergehen! Er iſt ſo eiferſüchtig auf dieſen Titel!“
„„Geruhen Eure Majeſtät mir allergnädigſt dieſe Anrede zu geſtatten; ich werde ſie vor unſerm erhabenen Kaiſer zu verantworten wiſſen. Ich weiß, daß Allerhöchſt deſſen Intentionen dahin gehen, ſeinen vielgeliebten Bruder zum Römiſchen König wählen zu laſſen.““
„Ha, das wäre! Da weißt Du mehr als ich! Erzähle, worauf gründet ſich dieſe Deine Vermuthung?“
„„Ich wurde in Worms zum Kaiſer befohlen. Seine Majeſtät war in eifriger Unterhaltung mit dem Kurfürſten von Mainz begriffen und ſchien 30meinen Eintritt nicht zu bemerken; wenigſtens ließ ſich der Kaiſer in ſeiner Unterhaltung nicht ſtören. „Alberte“, hörte ich Seine Majeſtät ſagen, „ich werde lange Zeit von Deutſchland fern bleiben müſſen; da werde ich meinen Bruder zum Statthalter ernennen; da kann er ſich einſtweilen in die deutſchen Angelegenheiten hineinleben; denn ich habe die Abſicht, die deutſchen Fürſten zu veranlaſſen, den Erzherzog zum Römiſchen König zu wählen. Es iſt nicht gut, daß zu viel Länder in einer Hand vereinigt ſein, und wenn mir Gott einen Sohn ſchenken wird, ſo mag dieſer ſich an Spanien, den Niederlanden und meinen andern Ländern genügen laſſen; die öſterreichiſchen Erblande, ſowie Böhmen und Ungarn, auch die Anwartſchaft auf die deutſche Kaiſerkrone mag mein Bruder erhalten, damit auch er der Gründer eines mächtigen Herrſcherhauſes werde.“ So ſprach ſeine Majeſtät; dann brach der Kaiſer ab und richtete das Wort an mich; und deßhalb habe ich es gewagt, Eure Majeſtät ſo anzureden wie ich gethan.““
Rabbi Joſelmann ſchwieg; auch der Erzherzog ſprach nichts; er verfiel in tiefes Nachdenken. Die wichtigen Nachrichten, die er eben erhalten, waren ihm ganz neu. Kaiſer Carl, verſchloſſen, wie er ſtets war, hatte ihm nicht die geringſte Andeutung darüber gegeben.
„Ich danke Dir, Joſelin,“ ſagte Ferdinand nach einer langen Pauſe, „für die guten Nachrichten, die Du mir gebracht. Biſt Du eigens hergekommen, um mir das Alles mitzutheilen?“
„„Nein, Majeſtät, ich bin gekommen, mich Eurer Majeſtät zu Füßen zu werfen und für mich und meine Brüder zu flehen! Was haben wir unglücklichen Juden im Elſaß verbrochen, daß man uns aus unſrer Heimath vertreiben will?““
31„Wer will Euch vertreiben?“
„„Der Ritter Prechter von Hochfelden . . .““
„Ach ja, ich beſinne mich; er hat die Juden angeklagt, daß ſie am Bauernaufſtande Theil genommen, die geraubten Schätze für einen Spottpreis angekauft hätten.“
„„Es iſt eine bitterböſe Verleumdung, Majeſtät. Wohl haben einzelne Juden Einiges gekauft — aber, was wäre Ihnen geſchehen, wenn ſie es nicht gethan hätten? Hätten die Bauern ſie nicht geſpießt! Nein, Majeſtät, im Großen und Ganzen haben ſich die Juden fern von den aufſtändiſchen Bauern gehalten und haben niemals gemeinſame Sache mit ihnen gemacht.““
„Wenn dem ſo iſt, warum hat Prechter Euch angeklagt?“
„„Er will ſich an den Juden rächen, Majeſtät. Er hatte eine ſchöne Judenmaid geraubt und ſie auf ſeinem Schloſſe Hochfelden geborgen. Dem Vater und dem Bräutigam iſt es gelungen, ihm die Maid zu entführen und mit ihr zu entfliehen.“
Ferdinand war ein muſterhaftrr Ehegatte; zu achtzehn Jahren, anno 1521, hatte er die gleich ihm achtzehnjährige Prinzeſſin Anna, aus dem Geſchlechte der Jagellonen geheirathet. Dieſe ſeine ebenſo ſchöne wie liebenswürdige Gemahlin gebar ihm fünfzehn Kinder. Ferdinand war der treueſte Gatte bis über das Grab hinaus. Als die Königin Anna nach 26jähriger, überaus glücklicher Ehe im Wochenbette ſtarb, blieb Ferdinand ihr auch dann noch treu. Und wie er ein muſterhaftes Eheleben führte, ſo war ihm jede Unſittlichkeit verhaßt. Er hat das auch dadurch bewieſen, daß er ſeinem zweiten Sohne, Ferdinand, wenn auch mit Widerſtreben, geſtattete, die Augsburger Patriciertochter Philippine Welſer zur Gemahlin zu erheben.
32„Ich meine,“ ſagte Ferdinand, „gehört zu haben, Prechter ſei verheirathet.“
„„Allerdings iſt er verheirathet und hat fünf Kinder!“
„Schändlich! Welche Schmach, daß ein Mann ſolche Thaten begeht! Gibt es unter Euch Juden auch ſolche Menſchen?“
„„Nein, Majeſtät, Gott ſei Dank, es gibt keine ſolche unter uns. Unſre Weiſen deuten darauf einen Vers im hohen Liede; derſelbe lautet: „Die Veilchen haben gegeben Duft, und an unſern Thüren alle Koſtbarkeiten, neue und auch alte, mein Freund, habe ich Dir aufbewahrt.“ Die Veilchen, ſagen ſie, dieſe ſchönen, würzigen, im Verborgenen blühenden Blumen, das ſind die Jünglinge Israels, denen die Wolluſt fremd geblieben; an unſern Thüren alle Koſtbarkeiten — das ſind Israels ſittenreine Töchter, die durch ihre Liebe, und ihre Treue und alle Tugenden unſre Wohnungen freundlicher und glücklicher geſtalten als alle Koſtbarkeiten der Welt es vermöchten. Und deshalb tragen wir freudig und gern alle die Einſchränkung, die Gott uns auferlegt hat — neue und auch alte, mein Freund habe ich Dir aufbewahrt — nicht nur die alten Geſetze, Gebote und Verbote, die Gott uns vom Sinai herabgegeben, ſondern auch die neuen, welche unſere Weiſen eingerichtet haben, damit das Gottesgeſetz ſelbſt in der Verbannung und Zerſtreuung uns erhalten bleibe. Und dieſes beglückende, reine und heilige Familienleben entſchädigt uns reichlich für all die Entbehrungen, die wir ertragen müſſen, tröſtet uns und hält uns aufrecht in Armuth, Noth und Elend. Die Liebe der Gatten zu einander, die Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern — das Alles kann uns Niemand rauben!““
„Du biſt der einzige Jude, den ich kenne, Jo33ſelin; es können wohl nicht alle Deine Brüder wie Du ſein. In Spanien hat man mir ſchreckliche Dinge von den Juden erzählt.“
„„Dinge, Majeſtät, die unſre Feinde ſich erſonnen haben. Ich bin der Geringſten einer, und es gibt Tauſende unter meinen Brüdern, die unvergleichlich beſſer ſind als ich, die in Noth und Mangel leben und dabei unabläſſig in der Lehre Gottes forſchen.““
„Warum habt Ihr Juden ſo lange gewartet; warum ſeid Ihr nicht gleich nach der Rückkehr Prechters zu mir gekommen, Euch zu beklagen.“
„„Ich bin gleich abgereiſt, Majeſtät; aber ich habe ſolange gebraucht, hierherzukommen; es iſt ein weiter Weg, und ich bin zu Fuß hergewandert.““
„Und warum haſt Du Dir nicht ein Pferd genommen?“
„„Mein Pferd ſtürzte und verendete am Anfange meiner Reiſe, da that ich ein Gelübde, den noch übrigen Weg zu Fuß zurückzulegen.““
„Ich glaube Dir nicht, Joſelin!“
„„Majeſtät . . . .““
„Ich glaube Dir nicht, daß Du einer der Geringſten unter Deinen Brüdern biſt und daß Tauſende unvergleichlich beſſer ſeien als Du.“
„Majeſtät dürfen auch das mir glauben; es iſt die volle Wahrheit.““
„Wenn dem ſo iſt, warum haben ſie gerade Dich zu ihrem Befehlshaber erwählt?“
„„Nicht die Wahl meines Volkes, ſondern die Gnade des unvergeßlichen Kaiſers Maximilian hat mich Unwürdigen emporgehoben.““
„Und Kaiſer Carl hat ebenfalls den Unwürdigſten herausgeſucht, um ihn als Befehlshaber und Regierer der Juden zu beſtätigen. Nimm Dich in Acht, Joſelin, Du beleidigſt zwei große 34Kaiſer! Mein Bruder wird bald nach Deutſchland zurückkehren; da werde ich Dich bei ihm verklagen. Für jetzt magſt Du nach Hauſe zurückkehren und morgen aus der Kanzelei die Ordonnanzen holen, welche die an Prechter gegebenen widerrufen!“
„„Dank, Majeſtät . . . . .“
Ferdinand winkte mit der Hand, und Rabbi Joſelmann ging.
II. Theil · Kapitel 7 · S. 34–40
VII.
Als Rabbi Joſelmann am andern Tage die Ordonnanzen aus der Kanzelei des Erzherzogs abgeholt hatte, kaufte er ein Pferd und ritt, ſo eilig er konnte, der Heimath zu. Trotz ſeiner Eile dauerte es aber Wochen, ehe er nach Hauſe kommen konnte, und er richtete es ein, daß er über Sabbat bei ſeinem Freunde Rabbi Libermann, der damals Rabbiner in Pferſee bei Augsburg war, verweilen konnte. Dieſer Rabbi Liebermann muß, wiewohl die jüdiſche Literaturgeſchichte ſeinen Namen nicht nennt, ein ſehr bedeutender Talmudgelehrter geweſen ſein, da ihm ſeine Zeitgenoſſen den Titel „Gaon“ beilegten. In alten Zeiten kam dieſer Titel nur den erſten Lehrern von ganz Israel, den Vorſtehern der beiden Hochſchulen von Sura und Pumpeditha, zu; ſpäter, als jene Hochſchulen — im elften Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung — zu exiſtiren aufgehört hatten, ertheilte man dieſen Titel den größten Talmudgelehrten aller Orten und aller Länder.
Rabbi Joſelmann fand die israelitiſche Gemeinde zu Pferſee in großer Aufregung; es war derſelben nicht mit Austreibung gedroht, es waren ihr keine unerſchwinglichen Steuern auferlegt, es war kein großer oder kleiner Tyrann, kein geiſt35licher oder weltlicher Herr, kein Bürgermeiſter oder Bauernführer die Urſache der Aufregung — es war ein Ochs, dem durch irgend einen Zufall gerade an der Kniescheibe einer der Hinterfüße war abgebrochen worden. Der Rabbiner wollte den Ochſen, das Eigenthum eines Juden, für „koſcher“ erklären und ihn zu ſchlachten erlauben, während die anderen Gelehrten der Gemeinde ihn für „trepha“ hielten. Der Rabbiner berief ſich auf den Talmud und die hervorragendſten alten Geſetzeslehrer, die anderen beriefen ſich auf das Herkommen; ſolche Fälle waren in alten Zeiten ſchon vorgekommen, und die Vorgänger Rabbi Liebermanns hatten in allen dieſen Fällen das Verdict „terepha“ abgegeben.
Wir müſſen hier für unſere nichtſachkundigen Leſer einige Worte der Aufklärung anfügen. Der Hinterfuß des Thieres beſteht aus drei Knochen: der oberſte, der in den eigentlichen Körper hineingeht, der mittlere, an deſſen unterem Theile die Sehnen, Zumath hagiddin, ſich befinden, und der unterſte, der in die Klauen ausläuft. Iſt der oberſte Knochen durchſchnitten, ſo iſt das Stück Vieh terepha, iſt der unterſte Knochen durchſchnitten, ſo iſt es „koſcher“; bei dem mittleren Knochen variiren die Anſichten, ob es überall, wo dieſer Knochen durchſchnitten iſt, terepha ſei oder nicht; wir, die Bewohner des Occidents, ſchließen uns der Anſicht Raſchi's an, daß er ſich mit dem mittleren Knochen geradeſo verhält wie mit dem oberen. Hier, bei dem in Pferſee vorgekommenen Falle, war jedoch gerade die Kniescheibe, der Bindeknochen zwiſchen dem unteren und mittleren durchſchnitten.
Nachdem der Rabbiner von Pferſee ſeinen Freund auf das Herzlichſte begrüßt, hatte er nichts 36Eiligeres zu thun als ihm von der vorliegenden Streitfrage Mittheilung zu machen.
Das Buch des Rabbenu Mordechai, das damals in Deutſchland als die maßgebendſte Autorität verehrt wurde, lag aufgeſchlagen auf dem Tiſch des Rabbinen.
„Sieh hier, mein Freund,“ ſagte dieſer, „kann hier noch ein Zweifel obwalten? Rabbenu Mordechai ſagt es ausdrücklich, daß der „Kupitz“, wie er den Bindeknochen nennt, derſelbe, der im Talmud „Arkum“ heißt, geradeſo zu beurtheilen ſei, wie der unterſte Knochen, daß deßhalb das Stück Vieh „koſcher“ iſt.“
Ohne auch nur einen Blick auf das aufgeſchlagene Buch zu werfen, entgegnete Rabbi Joſelmann:
„Verzeihe mir, theurer Freund — alle Welt weiß, daß Du ein großer Gelehrter biſt und Du bedarfſt der Lobeserhebungen eines ſo unbedeutenden Menſchen, wie ich es bin, nicht. Aber, Heil dem Zeitalter, in welchem die Großen auf die Geringen hören! Nimm es nicht übel, wenn ich Dir ſage, daß Du Dich nach meiner geringen Anſicht im Irrthum befindeſt. Was Rabbenu Mordechai da ſchreibt, das ſind die Worte des Rabbenu Elieſer bar Joel Hallevi, und dieſer ſchließt ſich der Entſcheidung des Rabbenu Jizchak Alphaßi und des Rambam an, daß am Mittelknochen ſelbſt die Stellen verſchieden beurtheilt werden müſſen. Wir aber entſcheiden wie Raſchi, daß der Durchſchnitt des Mittelknochens ſtets und immer „trepho“ mache, und daher ſind die Worte des Mordechai in dieſem Falle nicht maßgebend; denn wenn wir auch annehmen, daß der Bindeknochen nach oben gehöre, ſo wäre es nach Alphaßi und Rambam doch „koſcher“, weil keine Sehnen ſich darin befinden; nach Raſchi's Urtheil jedoch, wäre es in dieſem Falle „trepha“, und ſo entſcheidet in der 37That Rabbenu Aſcher in einer an ſeinen Sohn gerichteten Reſponſe.“
Der Rabbiner von Pferſee war ganz erſtaunt über das, was er vernahm. Er lief im Zimmer auf und ab, die Worte Rabbi Joſelmanns wiederholend, überlegend, abwägend. Dann umarmte er den Freund und rief:
„Wahrlich, Du biſt ein Gottgeſegneter Mann! Während Du Deine Zeit opferſt, um Dein Volk zu ſchützen und zu retten, erleuchtet Dich Gott mit Seinem Geiſte, daß Du beſſer eindringſt in die Tiefen Seiner Lehre, als Diejenigen, denen es vergönnt iſt, unabläſſig darin zu forſchen!“
Große Freude war in Pferſee als man erfuhr, daß der allverehrte Rabbiner in der aufregenden Streitfrage nun auch wie die anderen Gelehrten der Gemeinde entſcheide. Und Rabbi Joſelmann ſprach zu ſeinem Freunde: „Sind wir nicht ein heiliges Volk? All die großen Leiden und Gefahren haben uns nicht abſtumpfen können, den regſten Antheil zu nehmen an Dingen, die andern Nationen ganz unbegreiflich erſcheinen; aber unſer Leben und die Dauer unſrer Tage hängt daran. Israel iſt ein großes, heiliges Volk, ſolange es mit Ernſt und Eifer in der Thora forſcht.“
Am darauffolgenden Sonntage ſetzte Rabbi Joſelmann ſeine Reiſe fort und kam auch glücklich und wohlbehalten in der Heimath an; allgemeiner Jubel empfing ihn, als man vernahm, daß er Ordonnanzen vom Erzherzoge mitbringe, welche die Austreibungsbefehle widerriefen.
Rabbi Joſelmann begab ſich nach Hagenau zum Landvogt. Herr Kaſpar von Mörsperg lud ihn ein, in der Sitzung zu erſcheinen, und ſeine Schriftſtücke den verſammelten Mitgliedern der Regierung vorzulegen.
Unterdeß hatte ſich das Gerücht von Rabbi 38Joſelmanns Erfolgen verbreitet und die Judenfeinde mit furchtbarer Wuth erfüllt.
In der Sitzung gebehrdete ſich Herr Friedrich Prechter von Hochfelden wie ein Wüthiger.
„Sind wir Narren“, ſchrie er, „die man am Narrenſeile umherführt? Kann der Erzherzog heute geben und morgen nehmen? Nichts da, ich erkenne die zweite Ordonnanz nicht an! Die erſte habe ich ſelbſt erhalten; die iſt echt; die zweite iſt falſch, oder erſchlichen, oder erkauft. Es bleibt dabei die Juden werden ausgetrieben!“
„Ich ſtimme dem Ritter Friedrich vollkommen bei“, ſprach der Schultheiß von Hagenau, Herr Wolf Wilhem von Andlaw, „wir müſſen der öſterreichiſchen Regierung zeigen, daß wir uns nicht zu Narren halten laſſen!“
„So haben ſie's mit Ober=Ehnheim gemacht“, ſprach Herr Philipps von Gottesheim, „ſo machen ſie's jetzt mit uns; wir aber wollen beweiſen, daß wir Herren ſind im eigenen Lande.“
Auch Herr Hans von Plence glaubte nicht ſchweigen zu dürfen.
„Wenn wir jetzt die Juden nicht austreiben“, ſprach er, „ſo werden wir ſie niemals los.“
Die übrigen Mitglieder der Regierung ſchwiegen. Nur Herr Kaſpar von Mörspurg ſprach zu Gunſten der Juden.
„Bedenkt wohl, Ihr Herren“, ſagte er, „was Ihr thut! Das iſt ja offene Rebellion gegen die kaiſerliche und gegen die landesherrliche Gewalt! Die Urkunde, die Joſelin gebracht, iſt nicht falſch. Das Sigel iſt echt und unverſehrt. Ob die Ordonnanz erkauft oder erſchlichen iſt, das kümmert uns nicht; ſie iſt da, und wir müſſen ihr Folge leiſten.“
„Das müſſen wir nicht!“ ſchrie Ritter Prechter, „und wir werden es nicht thun! Was kann uns paſſiren? Um der Juden willen wird Kaiſer 39Carl keinen Krieg anfangen! Colmar und Regensburg haben ihre Juden ausgewieſen ohne die Zuſtimmung des Kaiſers. Es hat kein Huhn und kein Hahn danach gekräht. Seien wir Männer, und laſſen wir uns nicht heute ſo und morgen ſo commandiren.“
Rabbi Joſelmann hatte bis dahin geſchwiegen. Jetzt ſah er dem Ritter Friedrich feſt ins Auge und ſprach:
„Herr Ritter, Ihr ſeid ein Feind der Juden, ich weiß es. Ihr wart es früher nicht. Ich will die Ehrfurcht, die ich den Herren von der Regierung und meinem gnädigen Herrn Landvogt ſchulde, nicht ſo verletzen, daß ich die Gründe hier erörtere, wieſo Ihr plötzlich ein Judenfeind geworden. Aber das will ich Euch ſagen, Herr von Hochfelden: Gott hat mir auf meiner Reiſe nach Bruck in Steiermark mannigfache Wunder erwieſen, und unſre Weiſen ſagen im Talmud, daß Gott nie ein Wunder umſonſt thut. Darum, Herr Ritter von Prechter, werdet Ihr Eure Anſchläge gegen die Juden nicht ausführen!“
„Und wie willſt Du mich hindern, Jude?“ fragte Ritter Friedrich verächtlich.
„Und mich, mit welcher Macht willſt Du mir entgegentreten?“ fragte der Schultheiß.
„Wagſt Du es, auch mir zu drohen?“ — fragte Herr Philipps von Gottesheim.
„Der Kaiſerliche Befehlshaber der Juden wird uns am Ende in die Acht und Aberacht erklären laſſen“, ſpottete Hans von Plence.
„Ich werde gar nichts thun“, ſagte Rabbi Joſelmann ruhig. „Ich habe das Meinige gethan. Das Uebrige wird der allmächtige Gott, der Beſchützer der Armen und Bedrängten, der Retter der Unſchuldigen vollbringen.“
40Ein rohes Gelächter der vier Judenfeinde ward ihm zur Antwort. Vergebens ſuchte der Landvogt noch, ſeinen Einfluß geltend zu machen; er ward überſtimmt. Man beſchloß, die Juden zum beſtimmten Termine aus dem ganzen Elſaß auszutreiben.
Der Jammer und die Klagen der Juden waren um ſo größer, je mehr ſie ſich zuvor über die Erfolge Rabbi Joſelmanns gefreut hatten. Wiederum wurde Rabbi Joſelmann beſtürmt, Schritte zu Gunſten der Juden zu thun. Er aber weigerte ſich deſſen entſchieden. Den ihn mit Bitten Beſtürmenden gab er ſtets die Antwort:
„Gott wird für Euch kämpfen; Ihr aber ſchweiget!“
II. Theil · Kapitel 8 · S. 40–46
VIII.
Wir müſſen uns noch ein wenig in Bezug auf die großen, weltgeſchichtlichen Ereigniſſe orientiren, die während der zuletzt erzählten Epiſoden aus dem Leben Rabbi Joſelmann's vor ſich gegangen. Wir wollen uns nicht lange bei den Kriegen Kaiſer Carls gegen den König von Frankreich, Franz I., aufhalten, wollen die Schlacht bei Pavia, in welcher der Franzoſenkönig gefangen wurde, nur kurz erwähnen, ebenſo den Frieden von Madrid, in welchem Franz ſeine Freiheit wieder erlangte. Etwas länger müſſen wir uns bei der Eroberung von Rom durch das kaiſerliche Heer aufhalten, weil dabei Perſonen betheiligt waren, welche ſpäter in den Gang der von uns erzählten Geſchichte eingriffen.
Franz hielt den Vertrag von Madrid nicht, und die Feindſeligkeiten brachen wieder aus; in dem neuen Kriege hielt es der Pabſt Clemens VII. aus dem Hauſe Medici mit den Franzoſen.
41Am 5. Mai 1527 bei Sonnenuntergang erſchien der Connetable von Bourbon, der Feldherr der kaiſerlichen Armee, an der Spitze von 25,000 Mann vor den Mauern Roms. Er zeigte den Truppen die ſtrahlenden Kuppeln und Zinnen der Kirchen und Paläſte und verſprach den beutegierigen Kriegern die Plünderung. In der Nacht wurde Alles zum Sturme vorbereitet; der Morgen brach mit einem dicken Nebel an, der den Römern die Ankunft des Feindes verbarg. Erſt als die Kaiſerlichen an die Gräben kamen, wurden ſie von den Römern erblickt. Sofort wurden die Leitern angelegt; mehrmals wurde Bourbon zurückgeworfen, denn die Schweizer Söldner des Pabſtes vertheidigten tapfer die Stadt. Endlich riß Bourbon, Allen kenntlich, weil er über ſeinem Panzer ein weißes Oberkleid angezogen hatte, einem Spanier die Leiter aus der Hand und begann ſie zu befeſtigen. Kaum war er einige Sproſſen hinangeſtiegen, ſo ſtreckte der Schuß einer Hakenbüchſe ihn nieder. Ueber des Feldherrn Leiche hinweg erſtieg ein deutſcher Hauptmann die Leiter. Da holte ein Schweizer auf der Mauer mit ſeinem Schwerte weit aus, um dem heranklimmenden Hauptmann den Kopf vom Rumpfe zu trennen. Aber dicht hinter dem Hauptmanne erklomm ein Landsknecht die Leiter; er durchbohrte mit ſeiner Lanze dem Schweizer den Arm, daß dieſem das Schwert entſank. „Hab Dank, Kamerad!“ rief der Hauptmann; ihm folgte der Landsknecht. Die Beiden waren die Erſten in Rom; ihnen folgte das ganze kaiſerliche Heer. Allmählich wichen die Schweizer; am Abend war die Weltſtadt erobert.
Zehn Tage dauerte die Plünderung der führerloſen Soldateska. Die Soldaten machten ungeheure Beute und trieben mancherlei Unfug; ſie zogen die erbeuteten Cardinalsgewänder an, ritten 42auf Eſeln in der Stadt umher und riefen Luther zum Pabſt aus.
Der Hauptmann und der Landsknecht, deren wir oben gedachten, waren treue Freunde geworden; ſie hatten ſich als Elſäſſer Landsleute erkannt. Der Name des Hauptmanns war Günther von Rottbach und der ſeines Lebensretters Gerhard Dixinger. Sie hielten ſich von den Ausſchweifungen der Kameraden fern und bewahrten die erbeuteten Schätze, um nach Beendigung des Feldzuges nach Deutſchland zurückzukehren und die verfallenen Burgen ihrer Väter wieder aufzubauen.
Erſt nach zehn Monaten verließ das Heer des Kaiſers Rom, für den vielen Unfug und die mannigfachen Ausgelaſſenheiten dadurch beſtraft, daß es durch Krankheiten auf die Hälfte ſeines früheren Beſtandes herabgeſchmolzen war. — Nun aber ging es zu neuen Kriegen. Franz I. von Frankreich und Heinrich VIII. von England hatten ein Bündniß mit einander geſchloſſen und ein Heer zur Bekämpfung der kaiſerlichen Armee nach Italien geſchickt. Unaufhaltſam zog das Heer der beiden verbündeten Monarchen durch Italien, nahm Pavia, überſchritt den Po, drang in den Kirchenſtaat ein und zog bis nach Neapel ſüdwärts. Das zuſammengeſchmolzene Heer des Kaiſers, unter dem Oberbefehle des Prinzen von Oranien, war nach Neapel geeilt, um die Hauptſtadt zu ſchützen. Ende April 1528 begann der franzöſiſche Marſchall Lautrec Neapel zu belagern, und er hatte die beſte Hoffnung, die Hauptſtadt Unteritaliens bald einzunehmen, da die mit den Franzoſen und Engländern verbündeten Genueſer und Venetianer die Uebermacht zur See behaupteten. Carls Anſehen war ſo geſunken, daß dem Pabſte gerathen wurde, ihn abzuſetzen und die Kurfürſten zu einer neuen Wahl zu vermögen. Da gelang es vom Kaiſer ausge43ſandten Agenten, Andreas Doria, den Dogen von Genua, zu bewegen, ſeine Bundesgenoſſen zu verlaſſen und auf die Seite des Kaiſers zu treten. Der Uebertritt dieſes einen Mannes reichte hin, der Sache des Kaiſers einen neuen Aufſchwung zu verleihen. Zu dem franzöſiſchen Heere brach eine Seuche aus, welcher der Oberfehlshaber deſſelben, Marſchall Lautrec, erlag. Die Kaiſerlichen machten einen glücklichen Ausfall und vernichteten den Reſt der bisher ſo ſiegreichen Armee. Alle verlorenen Plätze in Italien wurden zurückerobert.
Die beiden Freunde, Günther von Rottbach und Gerhard Dixinger, waren in allen dieſen Kämpfen unverſehrt geblieben. Um dieſe Zeit ſchickte der Kaiſer neue Hilfsvölker nach Italien, unter denen ſich auch Elſäſſer befanden. Einer derſelben war ein Jugendfreund des Hauptmanns von Rottbach; Peter von Reichenheim war ſein Name.
„Haſt Du“, fragte dieſer den Hauptmann, „lange nichts von Deiner Schweſter, Fräulein Marie, vernommen?“
„Lange nicht“, antwortete der Hauptmann. „Nach dem unglücklichen Ende meines Vaters ſchrieb ſie mir, daß ſich der Ritter Friedrich Prechter ihrer angenommen habe, und ſie zu ſeiner Familie nach Hagenau bringen werde.“
„Ha“, ſagte Peter, „er hat ſich nur zu ſehr ihrer angenommen!“
„„Was willſt Du damit ſagen?““
„Er hat ſie nicht nach Hagenau, ſondern nach ſeinem Schloſſe Hochfelden gebracht.“
„„Nun?““
„Er hat ſie entehrt und dann verſtoßen.“
Der Hauptmann von Rottbach ſtand wie erſtarrt da. Der tapfere Kriegsmann, der in hun44dert Schlachten wie ein Löwe gekämpft, ward von dieſer ſchrecklichen Nachricht förmlich betäubt.
Endlich raffte er ſich auf und ſtieß einen fürchterlichen Schrei aus.
„Peter,“ ſtammelte er dann, kaum im Stande, vernehmlich zu ſprechen, „Peter, ſagſt Du die Wahrheit?“
Da trat Gerhard Dixinger auf den Unglücklichen zu und ſprach:
„Günther, auch ich habe davon gehört, daß der Ritter Prechter auf Hochfelden ein adeliges Fräulein gefangen halte; aber ich wußte nicht, daß es Deine Schweſter war. Günther, Du weißt, daß auch ich mit dem Unſeligen noch ein Sträußchen zu pflücken habe. Wir wollen ſofort nach Deutſchland zurückkehren und fürchterliche Rache nehmen. Der Krieg iſt ſo gut wie zu Ende, der Prinz von Oranien wird uns den Abſchied bewilligen.“
Der Gedanke an Rache ließ den Betäubten ſeine Faſſung wieder gewinnen.
„Wißt Ihr, was aus meiner armen Schweſtre geworden, Peter?“ fragte er.
„Ein alter Diener des Ritters“, antwortete der Gefragte, „Heinrich Voltz, den ſein Herr ungerechter Weiſe geſchlagen, hat ſich ihrer angenommen und iſt mit ihr entflohen.“
„Ha“, rief Gerhard Dixinger, „meinetwegen geſchah's, daß der Schurke den alten Heinrich ſchlug. Und nun weiß ich auch, wo wir Deine Schweſter zu ſuchen haben. Heinrich Voltz hat eine einzige Tochter, die einen Bauern in Beynberg im Hundsrück geheirathet hat. Dorthin wird er das unglückliche Fräulein gebracht haben.“
Günther von Rottbach und Gerhard Dixinger traten vor den Prinzen von Oranien und baten um ihren Abſchied. Dieſer wurde ihnen um ſo 45eher bewilligt, da der Krieg ſeinem Ende entgegenging; denn alle Parteien waren zum Frieden geneigt. Der König von Frankreich hatte ſeine Armee verloren; der König von England hatte an ganz andere Dinge zu denken; er wollte ſich nämlich von ſeiner Gemahlin, Katharina von Aragon, der Tante des Kaiſers, ſcheiden laſſen und deren Hoffräulein Anna Bolena (die Mutter der nachher ſo berühmt gewordenen Königin Eliſabeth) heirathen; und auch der ſiegreiche Kaiſer mußte, gezwungen durch die Verhältniſſe, darauf verzichten, die Folgen ſeiner Siege ganz auszunützen, denn die Angelegenheiten in Ungarn und Deutſchland machten ihm zu ſchaffen. In Ungarn hatte Johann Zapolya die Fahne des Aufruhrs erhoben; es gelang ihm, die Magnaten des Landes zu gewinnen und ein Bündniß mit den Türken zu ſchließen. Als ihm nun gar die Krone des als Heiligen verehrten Königs Stephan in die Hände fiel, wurde er allgemein als König begrüßt. Sultan Soliman zog zu ſeiner Hilfe herbei; es war vorauszuſehen, daß dieſer ſeinen Siegeszug nicht auf Ungarn beſchränken würde. Und wie die Gefahr von den Türken drohte, ſo hatten die Wirren in Deutſchland in Folge der Kirchen=Reformation eine Ausdehnung gewonnen, die es dem Kaiſer wünſchenswerth machten, mit voller und ungetheilter Macht ſeinen Einfluß in Deutſchland zur Geltung zu bringen. So neigte Alles zum Frieden, der dann auch nach langer Verhandlung1Die Verhandlungen bis zum vollſtändigen Friedensabſchluß währten ein ganzes Jahr, bis zum 5. Auguſt 1529. zu Cambrai durch Vermittelung zweier Damen, der Königin von Navarra, Margaretha, einer Tante Carls, und der Mutter des Königs von Frankreichs, Louiſe von Savoyen, abgeſchloſſen wurde.
46Günther von Rottbach und Gerhard Dixinger zogen über die Alpen, ſo ſchnell wie möglich dem deutſchen Lande und in dieſem dem Hundsrück zueilend.
II. Theil · Kapitel 9 · S. 46–50
IX.
Es war ſo, wie Dixinger vermuthet hatte; der alte Heinrich Voltz hatte Maria von Rottbach zu ſeiner Tochter gebracht, wo ſie in Kummer und Gram in einer armſeligen Bauernhütte lebte. Wir wollen das traurige Wiederſehen der Geſchwiſter nicht ſchildern. Günther und Gerhard begaben ſich in das Elſaß; bald hatten ſie ausgekundſchaftet, daß Herr Friedrich von Prechter ſich nach ſeinem Schloſſe Hochfelden begeben würde; ſie ritten dorthin, um daſelbſt dem verhaßten Feinde aufzulauern.
Der Abend war ſtürmiſch; ein rauher Oſtwind blies ihnen die von den Bäumen fallenden Blätter entgegen, und die Wolken, welche der Sturm zuſammentrieb, ließen Ungewitter befürchen. Es waren waldbewachſene Höhen, die ſie jetzt paſſiren mußten. Bei ihrem Eintritt in den dunkeln Fichtenwald, deckte dickes Gewölk den letzten Wiederſchein der Abendröthe, und es wurde finſtere Nacht. Dann begannen die Wolken ſich in fürchterlichen Güſſen zu leeren; furchtbar ſchlug der Sturm die ſchlanken Fichten an einander und rauſchend ſtrömte der Regen herab. Die Beiden ritten ſchweigend in die Schlucht hinab, die hier am Abhange der Vogeſen ſich hinzieht. Nur ſelten betrat der einſame Wanderer die Schlucht, denn die Sage ging, der Berggeiſt der Vogeſen halte hier Wacht, verlocke, die Fackel in der Hand, die Reiſenden, und führe ſie auf Irrwegen in 47Moräſte, wo er ihnen dann, ſie ihrem Elende überlaſſend, das Licht ausblaſe.
Mitten im Walde, nicht weit von Hochfelden, fanden ſie die Waffengefährten, die ſie geworben hatten, zehn an der Zahl, lauter geharniſchte Männer, um ein Feuer lagernd. Mit Tagesanbruch verließen ſie den Wald, ſich in der Nähe des Burgberges verſteckt haltend.
Gegen 10 Uhr Morgens zog Herr Friedrich mit ſeinem Gefolge, die Straße von Hagenau kommend, ſeiner Burg zu. Da ſtürmten die zwölf Männer aus dem Hinterhalt hervor. „Halt“, tönte es, „Halt!“ Die Diener des Ritters gaben ihren Pferden die Sporen und entflohen.
Herr Friedrich hielt ſein Pferd an.
„Was wollt Ihr?“ fragte er.
Gerhard Dixinger ritt vor.
„Kennſt Du mich, Friedrich Prechter?“ fragte er.
„Ich kenne Dich nicht“, antwortete der Ritter.
„„Ich heiße Gerhard Dixinger. Du haſt mich hängen laſſen, wie einen Hund!““
„Biſt Du vom Grabe erſtanden?“
„„Eine mitleidige Hand hat mich vom Baume abgeſchnitten. Ich habe ſeitdem mit Ehren dem Kaiſer gedient; jetzt komme ich, um Dich zur Rechenſchaft zu ziehen.““
„Dir iſt von mir nur Dein Recht geſchehen; Du warſt beim Aufſtande der Bauern betheiligt. Wenn Du Grund zu haben vermeinſt, Dich über mich zu beſchweren, ſo verklage mich bei der Regierung; mich aber laſſe ruhig meines Weges ziehen!“
Da ritt Günther von Rottbach heran.
„Friedrich von Prechter“, ſprach er, „wirſt Du auch mir gegenüber Deinen kecken Muth behalten? Schau mich an! Ich bin der Hauptmann Günther von Rottbach, der Bruder der armen 48Marie, die Du unglücklich gemacht, an der Du treulos gehandelt! Ich könnte Dich hier niedermachen laſſen, wie Du es verdient haſt. Aber ich will mit Dir kämpfen, im ehrlichen Zweikampfe!“
Ritter Friedrich war ſichtlich niedergeſchmettert von den nur zu berechtigten Vorwürfen des Bruders. Schweigend ſchloß er das Viſir, wandte ſein Pferd um und legte die Lanze ein. Günther that ebenſo; dann jagten ſie gegeneinander. Günther, kräftiger und jünger und kampferfahren, vom brennenden Gefühle der Rache geſtachelt; Herr Friedrich, geſtählt durch den Gedanken, daß er für ſein Leben kämpfen muß, daß er Gnade hier nicht zu erwarten hat. Die Lanzen zerſplittern; die Kämpfer ziehen die Schwerter; es iſt ein harter Strauß. Endlich ſtürzt Prechter vom Pferde, nachdem er verwundet iſt worden; auch Günther ſpringt von ſeinem Roſſe.
„Schwöre“, ruft er dem Blutenden zu, „daß Du meine Schweſter ehelichen wirſt!“
„Thorheit“, ſchreit Prechter ächzend, „ich bin ja verheirathet!“
„„So werde Lutheriſch, laſſe Dich von Deinem Weibe ſcheiden und gibt der entehrten Jungfrau die Ehre zurück!““
Da rafft ſich der am Boden Liegende auf und ſchreit: „Niemals!“
In demſelben Augenblicke ſtößt ihm Günther ſein Schwert in die Gurgel.
Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Kunde von der Ermordung des kaiſerlichen Rathes Ritter Friedrich von Prechter, des Herrn zu Hochfelden, durch ganz Elſaß. Aber es geſchah noch etwas, was die Gemüther noch mehr aufregte. In Hagenau brach eine Seuche unter den Kindern aus, die Halsbräune. Außer vielen Kindern erlagen in derſelben Woche, in welcher Prechter ermordet 49wurde, drei hochangeſehene Männer der Seuche. Am Sonntag ſtarb Herr Philipps von Gottesheim, Schöffe und Mitglied der kaiſerlichen Regierung; am Montag wurde Prechter ermordet; am Mittwoch ſtarb der Schöffe und kaiſerliche Rath Herr Hans von Plence; am Freitag darauf erlag Herr Wolf Wilhelm von Andlaw, Schultheiß von Hagenau und kaiſerlicher Rath der Seuche; dann erloſch dieſelbe.
Es war ein Gottesgericht; das erkannte alle Welt; Gott hatte für die Juden geſtritten, wie es Rabbi Joſelmann vorausgeſagt hatte. Jetzt waren die vier judenfeindlichen Mitglieder der kaiſerlichen Regierung zu Hagenau eines elendigen Todes geſtorben; von der Vertreibung der Juden war natürlich nicht mehr die Rede.
In welch hohem Grade durch dieſe Ereigniſſe das Anſehen Rabbi Joſelmanns bei Juden und Nichtjuden wuchs, läßt ſich nicht ſchildern; man verehrte ihn wie einen gottbegnadigten Propheten.
Die hier mitgetheilten Ereigniſſe erſcheinen ſo wunderbar, gehen ſo über das Maaß des Gewöhnlichen hinaus, daß ich es für nothwendig halte, zu erklären, daß dieſe Thatſachen — der Tod der drei Räthe und die Ermordung Prechters in ſeiner eigenen Herrſchaft Hochfelden — vollkommen wahr und hiſtoriſch beglaubigt ſind. Nicht allein daß ſie Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche erzählt, auch die aus jener Zeit ſtammenden hiſtoriſchen Quellen berichten davon, namentlich Hertzogs Chronicon Alſatiae, gedruckt zu Straßburg im Jahre 1591.
Nachdem Günther von Rottbach den Verführer ſeiner Schweſter zu Tode verwundet hatte, befahl er einem ſeiner Reiſigen, den Verwundeten auf ſein Pferd zu nehmen, um den Sterbenden oder die 50Leiche deſſelben ſeiner Schweſter zu zeigen. So ſprengten ſie nach Beynberg, wo Friedrich von Prechter ſtarb, ohne daß ihn Marie von Rottbach noch einmal hatte ſehen wollen. Ihr Bruder und Dixinger lohnten jetzt die Reiſigen ab, die ſich in alle Welt zerſtreuten.
Herr Kaſpar von Mörſperg, der kaiſerliche Landvogt des untern Elſaſſes, durfte die Ermordung eines kaiſerlichen Rathes nicht ungeahndet laſſen. Er ſandte einen Hauptmann mit fünfzig Mann aus, um auf die Mörder zu fahnden. Ehe dieſe jedoch nach Beynberg kamen, waren Dixinger und Rottbach entflohen; Marie hatten ſie mit ſich genommen. Damit war für die Regierung von Hagenau die Sache abgethan. — Aber die Familie Prechter's ließ die Angelegenheit nicht auf ſich beruhen. Der einzige Sohn des Ermordeten — die anderen Kinder waren Töchter — Herr Wilhelm von Prechter, machte ſich auf den Weg, um den Tod ſeines Vaters zu rächen. Er erreichte die Flüchtigen in Brüſſel und ließ ſie daſelbſt verhaften. Dixinger und Rottbach wurden zum Tode verurtheilt. Günther von Rottbach wurde auf Fürſprache des Prinzen von Oranien von Kaiſer Carl begnadigt; er ging nach Antwerpen und von da zu Schiff, um nach der neuen Welt überzuſiedeln. Seine Schweſter Marie fand durch Verwendung des Prinzen von Oranien ein Aſyl bei Margarethe von Savoyen, der Statthalterin der Niederlande, des Kaiſers Tante. Dixinger wurde in Brüſſel enthauptet. Diesmal fand ſich keine vornehme Dame, die ihn vom Tode errettet hätte.
Im Elſaß wurde von jener Zeit an keine Judenverfolgung wieder geplant. Sichtbarlich hatte alle Welt den Finger Gottes erkannt, den Er erhoben, Sein Volk zu ſchützen.
II. Theil · Kapitel 10 · S. 51–56
X.
51Die Söhne und Töchter unſrer Zeit haben, Gott ſei dafür gedankt, keine Ahnung von den furchtbaren Schrecken und Aengſten, welche in jenen Zeiten, von denen wir jetzt erzählen, die Nachkommen Jakobs ausgeſetzt waren. Kaum war die große Gefahr von den Juden des Elſaſſes abgewendet, als ein Eilbote kam und Rabbi Joſelmann nach Baiſingen berief.
Baiſingen iſt ein Dorf, das im Oberamte Horb, in Württemberg liegt; in dieſem Dorfe befindet ſich heute noch eine fromme, israelitiſche Gemeinde, die ſich namentlich durch große Wohlthätigkeit auszeichnet. Das Dorf liegt im Württembergiſchen Schwarzwald, mit deſſen Bewohnern Berthold Auerbach die gebildete Welt näher bekannt gemacht hat. Auch dieſer Boden iſt, wie faſt jedes Fleckchen Erde Deutſchlands, getränkt mit dem Blute jüdiſcher Märtyrer. Eine Bauersfrau hatte im Schlafe ihr Kind erdrückt. Aus Furcht vor ihrem Manne, der in jener Nacht abweſend war, hatte ſie das todte Kind, nachdem ſie ihm einige Schnitte beigebracht, in den Hof eines Judenhauſes geworfen und war dann ſchreiend und weinend durch das Dorf gezogen, behauptend, das Kind ſei ihr geſtohlen worden. Das ganze Dorf gerieth in Aufruhr; die Häuſer der Juden wurden durchſucht, die Kindesleiche wurde gefunden, und nun ſtand es den Leuten feſt, daß die Juden das Kind geraubt, um ihm das Blut abzuzapfen. Die Häuſer der Juden wurden demolirt und ſämmtliche Juden des Dorfes, 36 Perſonen, Männer, Frauen, Greiſe und Kinder ins Gefängniß geworfen. Schrecken und Angſt ergriffen die Bewohner der ganzen Gegend, und ſie 52wußten nichts Beſſeres zu thun, als einen Eilboten an Rabbi Joſelmann zu ſenden, damit er das Unglück von den Eingekerkerten abwende. Rabbi Joſelmann machte ſich auch ſofort auf den Weg, ritt Tag und Nacht, und als er in Baiſingen ankam, da waren die Holzſtöße ſchon aufgerichtet, auf welchen die dem Tode geweiheten 36 unſchuldigen Menſchen verbrannt werden ſollten. Sie waren auf die Folter geſpannt worden und hatten ausgeſagt, was man von ihnen verlangt hatte. Vergebens bat und flehte Rabbi Joſelmann, daß man die Procedur aufſchieben möge, bis er vor den Erzherzog Ferdinand oder vor den Kaiſer ſelbſt die Angelegenheit gebracht hätte; vergebens drohte er mit dem Zorne und der Strafe des Kaiſers, vergebens zeigte er die kaiſerliche Ordonnanz vor, die ihn zum Befehlshaber und Regierer ſämmtlicher Juden des deutſchen Reiches ernannte, vergebens reclamirte er ſeine Unterthanen — man hörte nicht auf ihn; die 36 unſchuldigen Männer, Frauen, Kinder, Greiſe wurden aus dem Gefängniſſe herausgeführt und an die Holzblöcke gebunden.
Es war ein herzzerreißender Anblick! Rabbi Joſelmann wollte ſchier verzweifeln; da ermannte er ſich; konnte er die Unglücklichen nicht retten, ſo wollte er doch wenigſtens ihre Todesqual lindern.
„Meine lieben Freunde“, redete er die Beklagenswerthen an, „Ihr Alle, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, und Ihr, liebe Kinder, Ihr Nachkommen unſres Vaters Abraham; der Augenblick iſt gekommen, da Ihr Euer Leben hingeben ſollt zur Heiligung des göttlichen Namens! Ich weiß, daß Ihr unſchuldig ſeid, daß Ihr jenes abſcheuliche Verbrechen nicht begangen — Gott hat es Euch zugeſchickt, daß Ihr ſterben ſollt für 53Ihn. Denn, nur weil Ihr Juden ſeid, Bekenner des einzigen Gottes, verfolgt man Euch, tödtet man Euch. So heiliget denn hier öffentlich den Namen des Allheiligen. Sagt mir nach, Wort für Wort!“
Eine tiefe Stille lagerte rings umher. Tauſende von Menſchen waren anweſend. Keiner wagte zu athmen. Rabbi Joſelmann ſprach die Widdui, das Sündenbekenntniß, in deutſcher Sprache, damit alle Welt ihn verſtehe. Er hub an zu reden und die an die Holzſtöße Gefeſſelten, ſprachen jedes einzelne Wort nach:1Vergleiche Joſeph Omez §. 483.
„Herr, mein Gott und Gott meiner Väter, die Seele, die Du mir gegeben haſt, war rein und lauter und ohne Fehl; ich aber habe ſie durch meine Sünden befleckt und verunreinigt. Chotoßi, owißi, poſchati.“
Die letzten drei Worte — ich habe geſündigt, ich habe gefehlt, ich habe verbrochen — die dem jüdiſchen Munde ſo geläufig ſind, ſprach Rabbi Joſelmann hebräiſch, und die von den Flammen ſchon Umzüngelten wiederholten ſie unter herzzerreißenden Weherufen.
„Ich habe Deine heiligen Gebote“, ſprach Rabbi Joſelmann weiter vor, „übertreten, bin abgewichen von Deinen erhabenen Lehren, und es hat mir kein Heil gebracht. Siehe, jetzt iſt die Stunde gekommen, da Du, o Gott, dieſe Seele mir wieder nimmſt und daß ich ſie zurückgebe in Deine Hand zur Heiligung Deines Namens, einziger Gott! Du biſt gerecht in Allem, was über uns kömmt, denn Du thuſt nur Wahrhaftes; ich aber habe gefrevelt. Deine Gerichte und Urtheile ſind Gerechtigkeit und Wahrheit. Du, o Gott, wirſt mir die Seele einſt wieder zuführen in der 54zukünftigen Welt. So lange aber ein Hauch in mir iſt, danke ich Dir und bekenne ich Dich und bin bereit zu thun wie es ſteht in Deiner Thora: Und Du ſollſt lieben den Ewigen, Deinen Gott, mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele, mit Deinem ganzen Vermögen. Gelobt ſeiſt Du, Ewiger, unſer Gott, der uns geheiligt hat durch ſeine Gebote und uns befohlen hat, Ihn, den Allmächtigen, den Allherrlichen, der da iſt und war und ſein wird, zu lieben mit unſrem ganzen Herzen und mit unſrer ganzen Seele und Seinen großen und furchtbaren Namen vor aller Welt zu heiligen. Gelobt ſeiſt Du, Ewiger, der Du Deinen Namen öffentlich heiligſt.“
Und als Rabbi Joſelmann das Alles auf Deutſch geſprochen, da wiederholte er es in hebräiſcher Sprache; und dann ließ er ſie Alle das „Schema“ beten, das erhabene israelitiſche Bekenntniß der Einheit Gottes; und dann ging Rabbi Joſelmann zu jedem Einzelnen, und ſprach ihm Muth ein, daß er die gräßlichen Schmerzen freudig ertrage.
„Siehe“, ſprach er zu einem achtzigjährigen Greiſe, „in kurzer Zeit wäreſt Du ja doch geſtorben! Welch ein Glück, daß Gott Dich begnadigt, Seinen Namen öffentlich zu heiligen!“
Und ſchmerzlos, verklärt fühlte der Greis die Flammen das Mark ſeines Rückgrats verzehren.
Und zu einem jungen Mädchen ſprach Rabbi Joſelmann:
„Du glückliches Kind, wie viele Schmerzen, Kummer und Elend ſind Dir erſpart geblieben! In jungen Jahren ſchon wird Dir das Höchſte zu Theil, was ein Menſch zu erreichen vermag: die Liebe zu Gott mit dem Tode zu beſiegeln. Freue Dich, Dein harret die ewige Seligkeit.“
55Und zu einer Familie, aus acht Perſonen beſtehend — Vater, Mutter und ſechs Kinder — ſagte er:
„Ihr Beneidenswerthen, die Ihr nicht getrennt werdet von einander, die Ihr gemeinſam eingehet zum ewigen Leben!“
Und eine alte Frau, die nach ihrem Sohne, der ſich zu Worms auf der Jeſchibah befand, jammerte, ſprach er:
„Du wirſt Fürbitte thun an Gottes Thron, auf daß Dein Sohn ein großer Lehrer in Israel werde!“
So hatte er für Jeden ein ermunterndes, beglückendes Wort, das die Schmerzen linderte und die Pein des Todes verſüßte. Und wahrlich ſo groß das Wirken Rabbi Joſelmanns für die Lebenden war, faſt größer war noch dieſes ſein Sichmühen um die ſo grauſam Gemordeten. Während ſeine großartige Thätigkeit faſt vergeſſen war, iſt dieſe Seite ſeiner Wirkſamkeit im jüdiſchen Volke unvergeſſen geblieben. Alte Leute haben mir erzählt: „Rabbi Joſelmann von Rosheim iſt oft mit Lebensgefahr auf die Schafotte gegangen, um den zum Tode Verurtheilten das Sündenbekenntniß vorzuſagen.“ Das war Alles, was ſie von Rabbi Joſelmann wußten, und in der That, es iſt auch das nichts Geringes.
Der Tag, an welchem „die Heiligen von Baiſingen“ den Märtyrer=Tod ſtarben, war der 13. Tag des Monats Sivan des Jahres 5289 (1529) nach Erſchaffung der Welt.
Rabbi Joſelmann hatte die Hinrichtung der Unſchuldigen nicht zu verhindern vermocht. Jetzt aber ruhte er nicht und raſtete nicht — er wollte die Unſchuld der Gemordeten an den Tag bringen; konnte er auch dieſe nicht ins Leben zurückrufen, ſo war es doch für alle deutſchen Juden von der 56größten Wichtigkeit, daß jene abſcheulichen Mährchen als das klargeſtellt würden, was ſie ſind, als boshafte, ſchändliche Verleumdungen.
Rabbi Joſelmann blieb fürs Erſte in der Nähe von Baiſingen; er ſuchte mit dem Manne jener Frau, welche die Beſchuldigung ausgeſprengt hatte, in Verbindung zu treten. Der Mann hatte ſchon Mißtrauen gegen ſeine Frau gefaßt; er hatte ſie im Schlafe allerlei verdächtige Reden führen hören. Rabbi Joſelmann ließ ihn bitten, zu ihm nach Horb zu kommen, und der Mann kam.
II. Theil · Kapitel 11 · S. 56–61
XI.
„Ivo“, ſprach Rabbi Joſelmann zu dem Manne jenes Weibes, den er hatte zu ſich rufen laſſen, „ich danke Euch, daß Ihr gekommen ſeid. Ihr ſeid ein Holzfäller?“
„„Das bin ich, Herr.“
„Ihr habt eine ſchwere und anſtrengende Hantierung.“
„„Ich würde lieber meine Aecker beſtellen, wenn ich ſolche hätte.““
„Hört, Ivo, dazu könnte Rath werden, wenn Ihr mir zu Willen ſein wollt. Und das will ich Euch gleich im Voraus ſagen: ich verlange nichts Unrechtes von Euch; nur was recht und gut iſt. Ivo, ich glaube, Euer Weib hat eine ſchwere Blutſchuld auf ſich geladen, und wenn Ihr ein rechtſchaffener Mann ſeid, ſo dürft Ihr's nicht dabei laſſen!“
„„Ich glaube, Ihr habt Recht, Herr. Seit jenem Tage iſt die Emmerenz, ſo heißt mein Weib, wie verwandelt. Sie ſpricht im Schlaf, was ſie ſonſt nie gethan.““
„Was ſpricht ſie denn?““
57„„Werde ich mein eigen Weib verrathen?““
„Die Emmerenz iſt nicht werth, Euer Weib zu ſein und zu bleiben. Bekennt Ihr Euch zur alten Lehre, Ivo, oder ſeid Ihr einer von den Lutheriſchen?“
„„Ich bin noch unentſchieden, Herr. Manchmal meine ich, die alte Lehre wäre doch beſſer, manchmal glaube ich der Luther lehre das richtige Gotteswort.““
„Nun wohl, geht zu einem Geiſtlichen; zu was für Einem Ihr wollt! Zu einem Lutheriſchen oder einem päbſtlichen, und fragt, ob Ihr ſchweigen dürft zu der Blutſchuld Eures Weibes. Und wie Euer Pfarrer ſagt, ſo thut. Bringet Ihr aber die Unſchuld meiner gemordeten Brüder an den Tag, ſo kaufe ich Euch einen Acker und zwei Milchkühe.“
„„Ich will thun, Herr, wie Ihr ſagt. Dort oben auf der Höhe, da iſt eine Wallfahrtskirche mit einem Caplan, der gar ein frommer, rechtſchaffener Mann iſt. Aber das ſage ich Euch, mag auch der Caplan mir ſagen, daß es meine Pflicht ſei, mein Weib, wenn es ſchuldig iſt, zu verrathen — eine Belohnung nehme ich in keinem Falle dafür. Ich verkaufe mein Weib nicht, nicht um einen Acker und nicht um zwei Milchkühe und nicht um ein Königreich.““
„Ihr ſeid ein braver Mann, Ivo. Aber bedenket, daß es für das Seelenheil Eures Weibes beſſer iſt, wenn ſie hier auf Erden ihre Schuld büßen möchte. — Wenn Ihr keine Belohnung dafür annehmen wollt, wenn Ihr das thut, was recht iſt, ſo kann ich das nur loben. Allein, ein Mittageſſen dürft Ihr mir nicht abſchlagen; ich habe Euch rufen laſſen, ſo ſeid Ihr mein Gaſt!“
Und Rabbi Joſelmann rief den Wirth herbei und beauftragte ihn, dem Bauern ein gutes Mit58tageſſen und eine Kanne Wein vom Beſten zu verabreichen.
Während Ivo es ſich gut ſchmecken ließ, eilte Rabbi Joſelmann die Anhöhe vor der Stadt hinauf, eiligen Schrittes, und bald klopfte er an die Pforte der Caplans=Wohnung neben der Wallfahrtskirche.
Eine Haushälterin öffnete ihm und führte ihn in das Zimmer des Geiſtlichen. Auf dem Tiſche lagen die neueſten Schriften Luthers. Bald darauf trat der Caplan, ein junger, ernſt und leidend ausſehender Mann, herein.
„Was begehrt Ihr, Herr?“ fragte er.
„„Ich bin der Jude Joſelin von Rosheim.““
„Ah, der berühmte Befehlshaber der Juden! O, Herr ich habe ſehr bedauert, daß um eines thörichten Mährchens willen ſo Schreckliches in unſrer Gegend vorgegangen!“
„„Segne Euch Gott für dieſes Wort! Eben dieſer traurigen Angelegenheit halber bin ich zu Euch gekommen. Ihr könnt Euch denken, daß mir viel daran liegt, die Unſchuld meiner Glaubensgenoſſen, auch nach deren Hinrichtung, zu beweiſen, damit ſolche ſchreckliche Anſchuldigungen nicht wieder ſo traurigen Erfolg haben. Der Mann des ſchändlichen Weibes, das die Lüge ausgeſprengt, hat Verdacht geſchöpft; er hat ſeine Frau im Schlafe ſprechen hören; Euch wird er um Rath fragen, ob er ſein eigenes Weib verrathen ſoll, darf oder muß! Ich bitte Euch, ehrwürdiger Herr, ich beſchwöre Euch, tragt das Eurige dazu bei, daß die Unſchuld gerechtfertigt werde!““
„Es hätte Eurer Fürſprache nicht bedurft, Herr Befehlshaber! Auch ohne dieſe hätte ich meinen Einfluß aufgewandt, das Verbrechen an's Licht zu ziehen und die Unſchuld vor aller Welt anerkannt zu ſehen.“
59„Habet Dank, edler Mann. Kann ich Euch vielleicht in irgend etwas dienen?““
„Daß ich nicht wüßte!“
„„Ihr prüft die Schriften des Doctor Martin?““
„Mein Herz zieht mich zur neuen Lehre; wenn ich die genügenden Mittel hätte — ich ginge nach Wittenberg, um unter Martino1Luther. und Philippo2Melanchthon. zu ſtudiren.“
„„Erlaubt mir, daß ich Euch dieſe Mittel gewähre.““
„Das wolltet Ihr thun? ich werde Euch ewig dankbar ſein.“
Rabbi Joſelmann ging; er kehrte auf Umwegen in die Stadt zurück, damit er dem Bauern Ivo nicht begegne.
Am Tage darauf wurde Emmerentia, die Frau des Bauern Ivo zu Baiſingen, der fahrläſſigen Tödtung ihres Kindes und der wiſſentlichen Lüge, in Folge deren 36 Menſchen unſchuldig waren verbrannt worden, angeklagt. Es bedurfte des peinlichen Verhörs nicht. Das Weib bekannte die volle Wahrheit und wurde zum Feuertode verurtheilt; es erhängte ſich jedoch im Gefängniſſe.
„O Gott“, ſprach Rabbi Joſelmann in ſeinem Herzen, „wäre ich doch früher gekommen! Aber Du haſt es ſo gewollt, o Gott, Dein heiliger Namen ſei gepriefen!“
Der Caplan von der Wallfahrtskirche zu Orb legte ſeine Stelle nieder, und zog, von Rabbi Joſelmann reichlich ausgeſtattet, gen Wittenberg
Rabbi Joſelmann wollte nun nach Hauſe zurückkehren. Da kam ein Bote und brachte die ſchreckliche Nachricht, daß in Brünn in Mähren 60dieſelbe Beſchuldigung gegen die Juden erhoben ſei worden, wie in Baiſingen, daß bereits viele Juden eingekerkert ſeien, daß einige den Qualen der Tortur erlagen und daß das Richtſchwert gezückt ſei gegen alle Juden von Mähren.
„O Gott“, ſprach Rabbi Joſelmann, als er dieſe Schreckensbotſchaft vernahm, „wie wunderbar ſind Deine Wege! Die 36 unſchuldig Gemordeten in Baiſingen werden den Tauſenden in Mähren das Leben retten. Nachdem die Unſchuld dieſer Heiligen ſo klar zu Tage getreten, wird es ein Leichtes ſein, die in Mähren vom Tode Bedrohten zu erretten.“
Er trat ſofort die Reiſe nach Brünn an.
Aber das Befreiungswerk war nicht ſo leicht, als er es ſich gedacht hatte. Man ſagte, wenn auch die Juden von Baiſingen unſchuldig waren, ſo ſind es doch die von Mähren nicht. Mit Mühe gelang es, einen Aufſchub der Procedur zu erwirken. Rabbi Joſelmann erzählt in ſeinem Tagebuche, daß er, nachdem er die Angelegenheit mit den größten Rabbinen Deutſchlands und Oeſterreichs überlegt habe, veranlaßt worden ſei, nach Günzburg zu reiſen und dort eine Denkſchrift abzufaſſen, in welcher er ausführlich jene wahnſinnige Beſchuldigung, daß Juden Chriſtenblut brauchen, widerlegte. Dieſer Denkſchrift legte er die Abſchriften ſämmtlicher Schutz= und Freiheitsbriefe, welche Kaiſer und Päbſte den Juden im Laufe der Jahrhunderte verliehen hatten, bei. Dieſe Denkſchrift, ſammt den erwähnten Abſchriften, ſandte er an den König Ferdinand.
„Und, Gott ſei gedankt“, ſo ſchließt Rabbi Joſelmann dieſe Epiſode, „der König und ſeine Räthe anerkannten unſre Unſchuld, und ſie ſprachen zu den Eingekerkerten: Gehet frei aus.“ So wurden unter göttlichem Beiſtande, die dem Tode 61noch nicht Preisgegebenen errettet. Du aber, o Gott, mögeſt der Heiligen gedenken, die freudig und gern zur Heiligung Deines Namens ihr Leben hingegeben. Um ihretwillen mögeſt Du uns Deine Gnade und Deinen Beiſtand ſtets und immer zu Theil werden laſſen!“
II. Theil · Kapitel 12 · S. 61–66
XII.
Nach langer Abweſenheit kehrte Kaiſer Carl V. nach Deutſchland zurück, um im Jahre 1530 in Augsburg einen Reichstag abzuhalten. So viel Glanz hatte Augsburg noch nicht geſehen; faſt alle Fürſten des Reichs kamen mit glänzendem Hofſtaate; den Kurfürſten Albrecht von Mainz begleiteten, außer ſeinen Beamten und Dienern 130 Reiter ſeiner Leibgarde in ſcharlachrothen Waffenröcken, mit blinkenden Helmen und Lanzen. Es ſchien mehr, man verſammele ſich zu einer Kaiſerkrönung oder zu einem Vermählungsfeſte als lediglich zu einem einfachen Reichstage, und doch lagerte tiefer Ernſt auf der Kampfesſtätte, wo neben einigen politiſchen Angelegenheiten die höchſten geiſtigen Güter und Intereſſen, welche ſeit 13 Jahren die deutſche Nation bewegten, ausgekämpft und zur Entſcheidung gebracht werden ſollten. Daher waren alle Parteien mit den vorzüglichſten ihrer geiſtigen Kampfeskräfte ausgezogen.
Was Deutſchland an geiſtigen Talenten beſaß, verſammelte ſich jetzt in Augsburg.
Alle Fürſten und Reichsſtände führten die ausgezeichnetſten ihrer Rechtsgelehrten, Theologen und Diplomaten mit ſich. Im Gefolge des Kurfürſten Johann von Sachſen allein befanden ſich eine ganze Reihe berühmter Gelehrter: die Kanzler Dr. Georg Brück und Dr. Bayer, dann Juſtus 62Jonas, Georg Spalatin, Philipp Melanchton und Johann Agricola, Dr. Martin Luther befand ſich zwar auch in der Begleitung des Kurfürſten; allein wegen der kaiſerlichen Acht und des päpſtlichen Bannes war derſelbe auf dem Schloſſe zu Coburg zurückgelaſſen worden.
Auch der jüdiſche Befehlshaber, der Jude Joſelin von Rosheim, hatte ſich mit einem großen Gefolge von Dienern und Pferden in Augsburg zum Reichstage eingefunden.
Auch für ihn galt es einen ſchweren Kampf zu kämpfen. Noch hatte Kaiſer Carl V. die Privilegien und Schutzbriefe, welche die früheren Kaiſer erlaſſen, nicht beſtätigt; und zu den alten Beſchuldigungen gegen die Juden hatte ſich eine neue, gefahrdrohende geſtellt.
Sultan Soliman war in einem glänzenden Eroberungszuge bis an die Mauern von Wien vorgedrungen. Ganz Europa erzitterte vor den ſiegreichen Türken. Da hatten die Judenfeinde ausgeſprengt, die Juden hätten ſich verſchworen, ſich mit den Feinden der Chriſtenheit zu verbinden und das Land den Türken auszuliefern. Und dieſe thörichte Beſchuldigung wurde überall geglaubt und Katholiken wie Lutheraner, gegeneinander vom furchtbarſten Haſſe erfüllt, waren darin einig, daß die ſtrengſten Maßregeln gegen die Juden ergriffen, daß ſie ſammt und ſonders aus ganz Deutſchland ausgewieſen werden ſollten. Daß der Kaiſer dieſer furchtbaren Maßregel zuſtimmen würde, daran zweifelte Niemand. Der Kaiſer hatte erſt vor ganz kurzer Zeit einen Beweis ſeiner Geſinnung gegen die Juden gegeben. Der König von Portugal wollte nämlich in ſeinem Lande die Inquiſition nach ſpaniſchem Muſter einrichten, um die Marannen (Neuchriſten, heimliche Juden) mit Feuer und Schwert vertilgen zu können. Pabſt Clemens VII., 63ein gebildeter, humaner Medicäer, weigerte ſich entſchieden, dazu ſeine Einwilligung zu geben. Als nun Carl im Jahre 1529 ſich von Spanien nach Italien begab, um mit dem Pabſte Frieden zu ſchließen, da machte der Kaiſer es zu einer der Friedensbedingungen, daß der Pabſt die Einführung der Inquiſition in Portugal geſtatte. Lange widerſtrebte Pabſt Clemens; allein er mußte ſich dem entſchiedenen Willen des Kaiſers fügen, wodurch unſägliches Elend über Tauſende heimlicher Juden in Portugal gebracht wurde.
Dienſtag, 15. April, hielt der Kaiſer ſeinen Einzug in Augsburg.
Rath und Bürgerſchaft hatten alles aufgeboten, um den Enkel des ihnen ſo gewogenen Kaiſers Maximilian würdig und herzlich zu empfangen und ſich auch ſeine Gnade und Huld zu erwerben.
Feſtlich hatte man Thore und Straßen mit Teppichen, Kränzen, Maien und Fahnen geſchmückt, und auf dem Wege, auf welchem der Kaiſer kam, wogte Jung und Alt in bunten Gruppen einher.
Die Kurfürſten, Fürſten und Reichsſtände, unter ihnen auch der Befehlshaber der Juden, waren mit ihrem ſämmtlichen Hofſtaate dem Kaiſer entgegengeritten, bis ſie des Kaiſers anſichtig wurden. Da ſtiegen ſie alle von ihren Pferden und gingen dem Kaiſer zu Fuß entgegen.
Als Carl das bemerkte, ſtieg auch er ab und ging freundlich grüßend auf die Fürſten ſeines Reiches zu.
Der Erzkanzler des deutſchen Reichs, der Kurfürſt und Cardinal, Erzbiſchof von Mainz, hielt die Begrüßungsrede. Er ſprach:
„Allerdurchlauchtigſter, Großmächtigſter, Unüberwindlichſter, Gnädiger Kaiſer und Herr!
„Meine Herren Brüder, Freunde und Oheime, Kurfürſten, Fürſten, Prälaten, Grafen und andere 64des heiligen römiſchen Reichs Stände, wie der Abweſenden Botſchaften und ich, auf Eure Kaiſerliche Majeſtät Ausſchreiben zu dem Reichstage hierherberufen und verſammelt, erfreuen uns, Euer Kaiſerlichen Majeſtät, unſerm gnädigſten Herrn, zu der glücklichen Rückkehr in das heilige römiſche Reich deutſcher Nation auf's innigſte Glück zu wünſchen; indem wir Höchſtdieſelben in größter Ehrerbietung und unterthänigſt hier empfangen, bitten wir Gott, daß Er Euer Kaiſerlichen Majeſtät, nachdem Höchſtdieſelben nun die Kaiſerliche Krone empfangen haben,1Am 24. Februar 1530, an ſeinem 30. Geburtstage, war Kaiſer Carl V. von Pabſt Clemens VII. zu Bologna zum Kaiſer gekrönt worden. Es war die letzte Kaiſerkrönung (diejenige Napoleons I. ausgenommen), welche von einem Pabſte vorgenommen iſt worden. lange und glücklich dem römiſchen Reich vorſtehen, und daſſelbe in Frieden regieren laſſen; ſo hoffen wir auch, daß mit Gottes Hilfe und Beiſtand Alles, was Eure Kaiſerliche Majeſtät vollbringen, zur Verherrlichung göttlichen Namens, zur Ehre Eurer Majeſtät und zum Heile deutſcher Nation gereichen werde; wir aber, die Glieder und Stände des heiligen römiſchen Reichs, erbieten und verſichern Eurer Kaiſerlichen Majeſtät, daß wir in Allem, was auf dieſem Reichstage verhandelt werden wird, und zuvörderſt Gott, dem Allmächtigen, zur Verherrlichung, dann Eurer Kaiſerlichen Majeſtät zum Ruhme und deutſcher Nation zu Nutz und Gutem erſprießen möge, auf's Thätigſte und Sorgſamſte beſtrebt ſein werden, treulichſt zu rathen, zu helfen und zu handeln, womit wir uns Euer Kaiſerlichen Majeſtät Schutz und Schirm unterthänigſt empfehlen.“
Hierauf erwiederte der Kaiſer:
„Liebe, Getreue, Vettern, Oheime, Churfürſten, Fürſten, Grafen und Herren!
65„Indem ich Euch meinen beſten Dank ausſpreche, freut es mich beſonders, den bevorſtehenden Reichstag ſo zahlreich beſucht zu ſehen, was zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes, zum Wohle und Heile aller Chriſtgläubigen, zum Nutzen und Frommen der deutſchen Nation, und weſentlich zur Vertreibung der Türken erforderlich erſcheine, und auf welche Weiſe und durch welche Mittel die in der Kirche beſtehenden Irrungen und Spaltungen beigelegt und der Friede und die Ruhe im heiligen römiſchen Reiche deutſcher Nation hergeſtellt und erhalten werden könne. Dies iſt mein feſter Wille unter Gottes Beiſtand herbeizuführen und zu erwirken.“
Als Rabbi Joſelmann vernahm, daß der Kaiſer mit beſonderem Nachdruck das Wort „Chriſtgläubigen“ ausſprach, da erzitterte er. War das eine Andeutung, daß für die Juden kein Raum mehr bleiben ſollte im heiligen Römiſchen Reiche?
Nachdem der Kaiſer ſeine Anſprache beendet hatte, trat er näher zu einigen Herren heran, einem Jeden die Hand reichend und verbindliche Worte redend.
Zunächſt begrüßte er den Kurfürſten von Mainz auf's Herzlichſte, dann den Kurfürſten Johann, den Beſtändigen, von Sachſen, den Sohn und Nachfolger jenes weiſen Friedrich, dem die Kaiſerkrone angeboten war und der ſie ausgeſchlagen hatte, darauf den Landgrafen Philipp von Heſſen, den man den „Großmüthigen“ nannte, den Pfalzgrafen Friedrich von der Pfalz, die Herzoge Wilhelm und Ludwig von Baiern, den Markgrafen Georg von Brandenburg, die Erzbiſchöfe von Salzburg und Bremen, die Biſchöfe von Würzburg, Speier und Augsburg, den Markgrafen Joachim von Brandenburg, — Alle drängten ſich herbei, vom Kaiſer einen Händedruck, und ein gnädiges Lächeln, viel66leicht auch ein freundliches Wort davonzutragen. Rabbi Joſelmann hielt ſich beſcheiden im Hintergrunde. Aber durch das Gedränge wurde er vorgeſchoben. Da erblickte ihn der Kaiſer und erkannte ihn ſofort.
„Mein lieber Joſelein,“ rief er, ihm die Hand entgegenſtreckend, „wie geht es Dir? Das iſt recht, daß Du hier biſt. Ich bin noch in einer alten Schuld zu Dir; ich habe Eure Freiheitsbriefe noch nicht beſtätigt. Das ſoll unter göttlichem Beiſtande auf dieſem Reichstage geſchehen.“
Rabbi Joſelmann führte des Kaiſers Hand an ſeine Lippen; heiße Thränen fielen darauf. Wie waren doch durch des Kaiſers gnädiges Wort die Furcht und die Angſt in Jubel verwandelt!
Und die Geſichter der Judenfeinde wurden ſchwarz vor Aerger. Selbſt zu den mächtigſten Fürſten hatte der Kaiſer nicht ſo liebreich wie zu dem Juden geſprochen!
II. Theil · Kapitel 13 · S. 66–72
XIII.
In der ganzen deutſchen Geſchichte iſt wohl kein Reichstag von ſo großer Bedeutung und Wichtigkeit geweſen, wie der, welcher vom 15. April bis zum 19. Nov. 1530 in Augsburg tagte. Hier platzten die Geiſter aufeinander; den gelehrten Lutheriſchen Theologen und Juriſten, die wir bereits oben genannt haben, ſtanden nicht minder gelehrte katholiſche gegenüber: der päbſtliche Legat, Cardinal Compejus und die Doctoren Johann Eck, Cochläus und Mauſea. Auf dieſem Reichstage ließen die Lutheriſchen Fürſten und Städte ihr neues Glaubensbekenntniß, das Melanchton verfaßt hatte, vorleſen. Das iſt die berühmte Augsburger 67Confeſſion, welche die Grundlage der neuen Kirche wurde. Dieſelbe war von einer ganzen Reihe von Punkten, welche Beſchwerden gegen beſtehende Mißbräuche enthielten, begleitet. Auch die Juden mußten herhalten, um die Beſchwerden gegen die beſtehende Kirche recht gehäſſig zu machen. Als vierter Punkt der Beſchwerden gegen die Erzbiſchöfe, Biſchöfe und die Geiſtlichkeit überhaupt figurirte Folgendes:
4) wie der Judenwucher durch geiſtliche Gerichte bekräftigt werde, indem, wenn die weltliche Obrigkeit zu ſolchem Wucher nicht helfen wollte, die Juden die geiſtlichen Gerichte anrufen, und hier die Chriſten vermogt würden zu bekennen oder zu beſchwören, ihrer Schuld liege kein Wucher zu Grund, während die Richter doch wüßten, wie es offenbar, daß die Juden ohne Wucher nicht leiheten, die armen Chriſten daher aus großer Noth zu ihrem Schaden meineidig ſchwörten, und daß, wenn dergleichen Verhandlungen von den ordentlichen Gerichten nicht zugelaſſen würden, die Biſchöfe und Prälaten ſolche doch zuließen.“
Es wurde eine Commiſſion eingeſetzt, um die Augsburger Confeſſion zu prüfen, reſpective zu widerlegen und Rathſchläge zur Abhilfe in Bezug auf die Beſchwerden zu ertheilen.
Rabbi Joſelmann begehrte, zu der Commiſſionsſitzung zugelaſſen zu werden, in welcher über die Juden verhandelt würde.
„Meine gnädige Herren“, redete er die Mitglieder der Commiſſion an, als er vor dieſen erſchien, „man beſchuldigt die Juden des Wuchers, man ſetzt voraus, daß kein Jude Geld herleihe ohne Wucherzins, ſelbſt dann, wenn der Chriſt es beſchwört, daß keine Bewucherung geſchehen ſei, man brandmarkt den Namen Jude, als ſei er mit Wucherer gleichbedeutend — meine gnädigen Herren, 68man thut den Juden damit ein großes Unrecht. Meine Voreltern in Paläſtina waren ein Ackerbau treibendes Volk; Naphtali bebaute ſeine Felder, Aſcher pflanzte Oelbäume, Juda pflegte ſeine Weinberge, Rüben, Gad und Menaſſeh hatten große Heerden, Viehzucht und Weideland, Sebulon fabricirte meiſtens Glas und Kriſtall aus dem Sande ſeines Gebiets und färbte wollene Gewänder mit dem Safte der Purpurſchnecke, die das Meer an ſeine Ufer ſpülte; ſo lebte ein Jeder ſeiner Hantierung und ſeinem Gewerbe, während Iſachar die Wiſſenſchaften pflegte und aus Simeon und Levi die Kinderlehrer und Prieſter hervorgingen. Erſt ſeit der Zerſtörung der heiligen Stadt Jeruſalem und der Zerſtreuung Israels über alle Nationen und Länder hat man uns die bürgerliche Hantierung, die Beſchäftigung mit Ackerbau und Viehzucht verſagt, hat uns gezwungen, durch den Kleinhandel und durch Zinsnehmen unſern Unterhalt zu erwerben. Meine gnädigen Herren, meine Brüder und Anverwandten müſſen doch leben und ihr Brod erwerben. Gebet ihnen andere Beſchäftigungen, erlaubt ihnen, Grund und Boden zu erwerben, Handwerke zu erlernen und zu betreiben, ſo wird kein Jude mehr Geld auf Zins leihen. Seine Majeſtät, der Kaiſer, haben mich Armen zum Befehlshaber meiner Brüder ernannt; an meiner Seite ſtehen die Vorſteher und Rabbinen der Gaue; ich verſpreche Euch, meine gnädige Herren, Jeden, ſei es Jude oder Jüdin, mit dem Banne zu belegen und hart zu beſtrafen, der fürder Geld auf Zinſen leiht, ſobald ihr alle andern bürgerlichen Nahrungszweige und Hantierungen uns geſtattet.“
„„Was verlangſt Du, Jude!““ rief der Probſt Faber von Wien, „was würden die Zünfte und 69Innungen dazu ſagen, wenn wir den Juden das Handwerk freigeben möchten?““
„„Und gar Grund und Boden ſoll der Jude beſitzen,““ höhnt Levinus von Veltheim, des Kurfürſten von Mainz Geheimer Rath, „„warum verlangſt Du nicht, daß der Kaiſer alle Juden zu Rittern ſchlage und ihnen Lehen und Erbe verleihe?““
„„Deßhalb iſt meine Meinung,““ ſprach Doctor Georg Brück, des Kurfürſten von Sachſen Kanzler, „daß es der Kaiſer mache, wie mein gnädiger Herr und die Juden alle aus dem Lande verweiſe.““
„Meine gnädige Herren,“ entgegnete Rabbi Joſelmann, „Ihr Alle habt es gehört, daß das des Kaiſers Majeſtät Wille nicht iſt. Unſer allergnädigſter Herr will die Schutzbriefe und Privilegien beſtätigen. Der Kaiſer wird ſein hohes Wort nicht brechen. Ich aber will Euch einen Vorſchlag machen. Ich will die Rabbinen und Vorſteher aus allen Gauen des deutſchen Reichs hierher nach Augsburg kommen laſſen. Wir wollen dann für alle Juden der deutſchen Lande Artikel und Ordnung verfaſſen, in denen offener und verſteckter Wucher auf das Strengſte verboten wird. Ihr aber meine gnädige Herren, nehmet in das Gutachten, das Ihr abzugeben habt, weiter nichts auf als die Beſtimmung, daß der Wucher verboten werde.“
„„Der Jude ſpricht vernünftig,““ ſagte Dr. Cochläus von Dresden, „„ich ſelbſt ſtand dabei, als der Kaiſer ihm Wort und Handſchlag gab.““
Die Uebrigen ſtimmten zu.
Rabbi Joſelmann, zufrieden mit dem Reſultate der Verhandlung, ſandte ſofort Boten in alle Gauen Deutſchlands und berief die Rabbinen und Vorſteher der Gaue nach Augsburg.
70Mehr Schwierigkeiten fand Rabbi Joſelmann in Bezug auf die von ihm erſtrebte Audienz beim Kaiſer. Dieſer war gar ſehr in Anſpruch genommen. Die Kirchenſtreitigkeiten, die Vorbereitungen für den Türkenkrieg, die projectirte Wahl des Erzherzogs Ferdinand zum römiſchen Könige, die Regierung ſeiner vielen Länder und Reiche, die vielfachen Verhandlungen mit den fremden Geſandtſchaften — das Alles ließ den Kaiſer, der äußerſt gewiſſenhaft ſeinen Pflichten oblag und Alles, Alles ſelbſt beſorgte und erledigte, nicht einen Augenblick zur Ruhe kommen. Und ebenſo beſchäftigt wie der Kaiſer waren auch ſeine beiden Miniſter, Granvella, der Vater des ſpäter ſo berühmt gewordenen Cardinals gleichen Namens, und los Covod. Letzterer war ein äußerſt liebenswürdiger, leutſeliger und gnädiger Herr; die größte Schwierigkeit beſtand darin, vor ihn zu kommen. Da erfuhr Rabbi Joſelmann zufällig, daß des Miniſters edle und anmuthige Gemahlin, Donna Maria de Mendoza, aus jüdiſchem Blute ſtamme, und er beſchloß, ſie aufzuſuchen. Wiewohl er nun durch einen Dolmetſcher zu der Spanierin zu reden vermochte, nahm er ſie doch ſo für ſich ein, daß ſie ihm verſprach, ihm durch Vermittelung ihres Gemahls die gewünſchte Audienz beim Kaiſer za verſchaffen. Und ſo gewichtig war der Dame Einfluß auf ihren Eheherrn und ſo ſehr hörte der Kaiſer auf den Rath ſeinen Miniſters, daß er, keine andere Zeit zur Audienz findend, dem Befehlshaber der Juden den Befehl ertheilen ließ, während der kaiſerlichen Tafel ſich dem Beherrſcher der halben Welt vorzuſtellen.
Kaiſer Carl V. aß ſtets allein; nicht einmal ſeinem Bruder, dem König Ferdinand, erlaubte er, mit ihm an einer Tafel zu ſpeiſen; der durfte wohl zuſehen, den Hut in der Hand; aber ſich zu 71dem Kaiſer an den Tiſch ſetzen, durfte er nicht. Auch ſprach der Kaiſer während des Eſſens nicht, wiewohl der Speiſeſaal mit den vornehmſten Fürſten und Herren angefüllt war, die alle dem Kaiſer beim Speiſen zuſehen durften. Hinter ſeinem Stuhle ſtanden die Schalksnarren, die allerlei Poſſen riſſen. Sagten ſie etwas recht Kurzweiliges, ſo lächelte der Kaiſer, ſprach aber nie ein Wort. Junge Fürſten trugen die Speiſen auf, ſtets 24 Gerichte auf einmal. Dieſe wurden auf die Tafel geſtellt und die Deckel — einer nach dem andern von den Schüſſeln genommen. Gegen die Gerichte, deren Carl nicht begehrte, ſchüttelte er den Kopf; wovon er aber eſſen wollte, dazu nickte er mit dem Kopf und zog die Schüſſel zu ſich. Dreimal während der Mahlzeit trank er. Die Doctoren der Medicin, die ſtets vor dem Tiſche ſtanden, reichten ihm den Wein, der zu den von ihm ausgewählten Speiſen paßte. Die Mahlzeit währte ungefähr eine Stunde; dann ließ der Kaiſer das gratias beten und ſtellte ſich in eine Ecke des Zimmers. In dieſem Augenblicke gab los Covos dem Befehlshaber der Juden ein Zeichen, daß er zu dem Kaiſer hinantreten ſolle.
„Ah, Joſelin,“ ſagte der Kaiſer freundlich, „Du kömmſt, mich an die Einlöſung meines Wortes zu erinnern. Zwar die Reichsſtände opponiren . . .“
Carl unterbrach ſich ſelbſt, den Einwand Joſelin's erwartend.
„„Majeſtät,““ ſagte dieſer, „„ich habe den Reichsſtänden verſprochen, ihre Beſchwerden gegen meine Brüder abzuſtellen und Artikel und Ordnungen für die Juden aufzurichten.““
„Das iſt recht. Thue das, Joſelin, und lege die Artikel und Ordnungen dem Reichstage vor; ich habe unterdeß unter den Freiheitsbriefen, die 72Du meinem Bruder, Seiner Hoheit, dem König Ferdinand, in Abſchrift überreicht haſt, denjenigen ausgewählt, welchen Kaiſer Siegismund, ſeligen Gedächtniſſes, für den Elſaß erlaſſen; ich will ihn auf ganz Deutſchland ausdehnen. Du kannſt Dir morgen in meiner Canzlei eine Abſchrift holen. Biſt Du mit mir zufrieden, mein lieber Joſelin?“
Statt der Antwort neigte ſich Rabbi Joſelmann, um den Saum des kaiſerlichen Gewandes zu küſſen.
II. Theil · Kapitel 14 · S. 72–78
XIV.
Daß Rabbi Joſelmann ſich beeilte, am andern Tage die verſprochene Abſchrift des Freiheitsbriefes aus der Kaiſerlichen Kanzelei abzuholen, braucht wohl nicht erſt erzählt zu werden.
Wir ſind ſo glücklich, eine beglaubigte Abſchrift dieſes Freiheitsbriefes zu beſitzen. Dieſelbe iſt aus dem Großherzoglich Badiſchen General=Landes=Archiv zu Carlsruhe copirt und befindet ſich daſelbſt in einem Codex, betitelt: „Pfälziſches Urkundenbuch (Nr. 99, S. 150—152). Wir laſſen das hochintereſſante Actenſtück hier in ſeinem Wortlaute folgen:
„Wir Karl der Fünfft von Gottes gnaden Romischer Kayser etc. Bekennen für vnz vnd vnser Nachkommen Am Reich offentlich mit Diesem brieff vnd thun khundt allermenniglich, Dasz vnz die gemain vnser Judishait Allenthalben Im hailligen Reiche gesessen, Dise hernach geschriben Artikel, Damit die Juden vnd Judin, In vnsern vnd des Reichs Steten Im Elsas gelegen, In vnser vnd des Reichs Cammer gehören vnd vns vnd dem Reiche zu Dienst sitzen, 73von weilenndt vnserm vorfaren Am Reiche, Konig Sigmunden Loblichen gedechtnus vnder anderm gnediglichen gefreit begabt vnd fursehen sein vnd von wort zu wort also lauten:
Wo man in (ihnen) schuldig ist oder fürbas schuldig wurdt, Das mans Inen bas nach Laut Ihrer brieffe burgen oder mundtlich Versprechnus Richten vnd bezalen solle alz dann das nach gutten gewonhait herkommen vnd gehalten ist vnd welcher Jude ein Pfandt Haltet uber ein Jar vnd damit thut alsz Recht ist, dasz er dann Dasselbig Pfandt, verkauffen, versetzen, vnd verkummern möge, alsz ander sein aigen gut, on alle Ansprach, vnd Hindernussen.
Item Das man in Leib oder gut in Stetten Derffern auff dem velde auff strassen, auff wassern, beschirmen solle vnd dasz Inen alle strassen offen sein sollen, vnd dasz sie auch darauff aller freyhait, Schirmes Fridens vnd gnaden, es sey fridt oder Kriegk, genieszen vnd thailhafftig sein sollen vnd mugen, Der Cristen Edel vnd unedell geniessen vnd thailhafftig sein vnd geniessen.
Item Dasz man auch die vorgenannten Juden vnd Judin, mit keinerley Zollen oder sachen auff wasser vnd auff Lande, beschweren solle, Auszgenommen Der zolle die vnser vorfaren Romische Kayser vnd König auffgesetzt haben vnd was Daran von allter herr gewonheit ist, Das man das von Inen nemen spille vnd nicht mehr in kein weisz.
Item Das man auch keinen der vorgenannten Juden Ir weiber oder Kinder zu der Dauff tringen soll.
Item das sie an unser vnd des Reichs Cammer gehören, Darumb ist unser sonderlich mainung vnd wollen, Dz man sie noch Ir keinen fürbas mehr vertheilen oder aigen solle wider 74diese vnser gnad vnd Freiheiten, Sonder das man sie ausz siner statt In die andern allentzeiten vahren vnd ziehen Lassen solle on alle Hindernusz vnd Irrung.
Item das man auch die vorgedachten Juden vnd Judin weder für Landgericht, oder auch für Landfride, oc die weren, oder Landtage haischen oder laden solle oder möge sonder wer zu Inen samentlich oder sonderlich zusprechen hat, daz der Recht nehmen vnd geben solle, von dem weltlichen gericht der stetten, Dar Im sie gesessen sein.
Item vnd wer es sache, daz sie darüber beschwert wurden, daz der auch weder Krafft noch macht haben solle.
Item welche zeit es auch geschehene Daz ein Jude schweren solle, daz er off Moyses Buch schweren muge mit solchen worten, als Im gott Helff bey der Eee, Die got gab uff dem berg Synay vnd nit anderst.
Item Daz man auch keinem den vorgenanten Juden oder Judin weder an Leib oder gut betzeugen möge, denn mit unersprochen (unbeſcholtenen) Cristen vnd mit vnnersprochen Juden, Die nicht sein offenbar, Feundt seindt.
Item Daz wir auch keinen der vorgenanten Juden oder Judin, Niemandt geben oder bescheiden, sollen noch wöllen, weder durch Dienst oder bete willen In kein weisz fürgebracht vnd vns darauff demutigklichen angeruffen vnd gepetten haben, Dasz wir als Romischer Kayser solche obbestimpte Artikel zu confürmiren vnd zu bestellen vnd Inen gemeiner Judisheit Im hailligen Reiche dieselben von newen (von neuem) zu geben vnd sie damit zu begaben gnediklich gerichten, Daz haben wir angesehen solch Ir Demietig Pite, auch damit sie hifüro im hailligen Reiche 75dester Riewiger (deſto ruhiger) sitzen, wonen vnd bleiben mögen, vnd darumb mit wolbedachtem mute gutem Rath vnd rechtem wissen die abgeschrieben Artikel Ann allen Iren Innhaltungen meinungen vnd begreiffungen, confirmirt vnd bestettigt, vnd dieselben gemeiner vnser Judisheit Im hailigen Reiche, von Newem gnedigklich gegeben haben Confürmiren bestetten vnd geben dies also von Newem, von Römischer Kayserlicher macht, vollkommenheit, wissentlich In Krafft diss brieffs, was nur daran von Püllichheit (Billigkeit) vnd Rechts wegen zu confirmiren zu besteten haben, sollen vnd mögen, Und meinen, setzen vnd wöllen, Das die obbestimpten Artikul In allen Iren Inhaltungen, Meinungen vnd begreiffungen gantz crefftig vnd mechtig sein vnd die gemelt gemein Judisheit Im hailligen Reiche Nunhinfüro dieselben also haben dabei bleiben vnd sich der nach allem Irem Inhalt geruhlich gebrauchen vnd niessen sollen vnd mögen, Inn allermassen sich di Judisheit In Stetten im Elsass sich dieselben biszher gepraucht vnd genossen haben, von Recht oder gewonheit von aller menigklich unverhindert, Und gepüetten darauff allen vnd Jegklichen Churfürsten, Fürsten, gaistlichen Prelaten, Grauen (Grafen), Freyen, Herren, Ritern, knechten, hauptleuten, Vitzthumben, vogten, Pflegern, verwessern, Amptleuten, Schulthaissen, Burgenmaistern, Richtern, Rethen, Burgern vnd gemeinden vnd sont allen andern unsern vnd des Reichs underthanen vnd getrewen (Getreuen) vnd sonderlich vnsern vnd des haylligen Reichs Cammer, Procurator, Fiscal, general Ernstlich vnd wöllen dasz sie die gemein Judisheit, gemeiniglich oder sonderlich an den obgeschriben Articul dieser unser Confirmation gnaden vnd gab nicht hindern oder Irren, sonder sie da76bei bleiben, dieselben geruhiglich gebrauchen geniessen lassen Handthaben Schutzen vnd schirmen vnd dawider nicht handeln fürnemen oder thun noch des Jemandts andern zethun gestatten In kein weise Als Lieb einem Jegklichen sey, unser vnd des Reichs schwere ungnad vnd straff vnd den Penens (Strafgelder) In ogemeltz Konig Siegemundts Freyhait brieff begriffen vnd darzu einer sondern Peens Nemblichen zweintzig Markh Lottigs goldh zuvermeiden, Die ein Jeder so oft er frewentlich hierwider thete, uns Zu unser vnd des Reichs Cammer unabläszlich Zubezalen verfalen sein soll, Ongenade. Mit Urkundt disz brieffs besigelt mit unserm kayserlichen angeborn (angehängtem) Insigel, Geben Zu unser vnd des haylligen Reichs Statt Augspurg am zwelfften tag des monats Augusti, Nach Chr. u. l. H, gepurt Im Fünfftzehen hundert vnd Im dreissigsten, vnsers Kayserthumbs Im zehenden ynd vnsrer Reich Im fünfftzehenden Jare (1530).
Carolj. 1So pflegte ſich Kaiſer Karl V. nach vlamaediſcher Weiſe zu unterzeichnen. Alex Schweis.“
Der geehrte Leſer ſteht, daß dieſer Freiheit- und Schutzbrief eine große Errungenſchaft war: er ſchützte der Juden Leben und Eigenthum, gewährte ihnen das Recht, unbehindert durch das ganze Reich zu reiſen und dem Handel obzuliegen, befreite ſie von den im ganzen Mittelalter ſo läſtigen Zöllen der einzelnen Fürſten und Herren, gewährte ihnen vollſtändige Religionsfreiheit, unbedingte Freizügigkeit, ſchützte ſie vor fremder Gerichtsbarkeit, machte der ſchrecklichen, eigens die Juden zu quälen ausgedachten Eidesformel ein 77Ende, gewährte einen Eid, wie er ungefähr heute üblich iſt und ſchützte ſie ſchließlich vor Aufſtellung falſcher, beſcholtener, parteiiſcher Zeugen, mochten dieſe Juden oder Chriſten ſein. Und alle dieſe Privilegien und Rechte hatte Kaiſer Carl V. verliehen, der ſonſt kein Freund und Gönner der Juden war, der noch vor ganz kurzer Zeit den Pabſt gezwungen hatte, in Portugal die Inquiſition einzuführen, der ſpäter die Juden aus Neapel vertrieb und ſie in Tunis mißhandeln, berauben, ermorden ließ, der in ſeinen ſpaniſchen Erblanden die Marannen zu Tauſenden dem Scheiterhaufen übergab! Wie groß muß die Gunſt geweſen ſein, die Rabbi Joſelmann in des Kaiſers Augen gefunden!
Den oben mitgetheilten Freiheits= und Schutzbrief hatte Kaiſer Sigismund den Juden von Elſaß gnädiglich gewährt, als er im Jahre 1416 das Land ſeiner Ahnen (der Kaiſer ſtammte aus dem Elſäſſer Dynaſten=Geſchlechte der Lützelburger) beſuchte. Damals war der Kaiſer ſehr heiter, ſehr gnädig; er tanzte mit den edlen Frauen von Straßburg und ſchenkte ihnen 150 güldene Finger=Ringlein; und auch dem Kaiſer brachten die Elſäſſer reiche Geſchenke. Damals war eine Deputation der Elſäſſer Juden vor ihm erſchienen und hatte ihrem oberſten Herrn eine für damalige Zeit beträchtliche Summe verehrt; der Kaiſer hatte ſie gnädiglich empfangen und ihnen den obenerwähnten Gnaden= und Freiheitsbrief ertheilt. Als Sigismund 1437 ſtarb, verloren die Juden einen gütigen Beſchützer; ihm folgte Albrecht II., ein Feind und Verfolger der Juden, der glücklicher Weiſe nur zwei Jahre regierte. Dann wurde Friedrich III. deutſcher Kaiſer; unter ſeiner ſchwachen Regierung war die kaiſerliche Gewalt ein Schatten geworden; ihm folgte ſein Sohn, Maximilian I.; anfangs ein 78Gegner der Juden, wurde er ſpäter durch Rabbi Joſelmann zu einem Freunde und Beſchützer derſelben umgewandelt; wir haben im erſten Buche den Schutzbrief deſſelben mitgetheilt; er war mit dem Kaiſer Sigismunds nicht zu vergleichen. Jetzt hatte Carl V., der mächtigſte deutſche Kaiſer, dem an Macht und Herrlichkeit keiner ſeiner Vorgänger zu vergleichen war, den Freiheits=Brief Sigismunds nicht allein beſtätigt, ſondern ihn auch auf alle Juden des römiſchen Reichs deutſcher Nation ausgedehnt. Rabbl Joſelmann durfte mit dem Erfolge ſeiner Bemühungen zufrieden ſein. Aber er mußte nunmehr auch ſein Wort einlöſen und die Artikel und Ordnungen verfaſſen, welche den Beſchwerden der Reichsſtände gegen die Juden die Spitze abbrechen ſollten. Aus allen Gauen kamen die Rabbinen und Parnaßim (Vorſteher), um ſich an dem Werke der Geſetzgebung zu betheiligen.
II. Theil · Kapitel 15 · S. 78–89
XV.
Wir gelangen nun zu einem Zweige der Thätigkeit unſres Helden, den wir bisher kennen zu lernen noch nicht Gelegenheit hatten. Rabbi Joſelmann, der muthvolle und unerſchrockene Vertheidiger ſeines Volkes, der von innigem Gottvertrauen und aufrichtigſter Frömmigkeit durchdrungene Mann, der große Gelehrte — er erſcheint uns jetzt auch als Geſetzgeber ſeines Volkes. Während in Augsburg Kaiſer und König und Fürſten und Stände gemeinſam tagten, um einen Religionsfrieden, einen Türkenkrieg und eine Königswahl zu Stande zu bringen, hielt daſelbſt Rabbi Joſelmann einen jüdiſchen Reichstag ab, um die Juden zu veranlaſſen, daß ſie den Judenfeinden zu Beſchwerden fürder keinen Anlaß gäben. So wollte er das Uebel des 79Judenhaſſes mit der Wurzel ausrotten. Ihn leitete dabei die richtige Erkenntniß, daß nicht immer die Leiden der Juden unverſchuldet waren, daß es Juden gab, die, heimlich und verſteckt, manches Unrecht thaten, ſich ſelbſt den Gerichten zu entziehen wußten, während die Geſammtheit darunter leiden mußte. Dieſen ſchädlichen Individuen, dieſen jüdiſchen Judenfeinden entgegenzutreten und ſie zu beſtrafen, zum Heile der Geſammtheit, — das war Rabbi Joſelmanns ebenſo kluger wie erhabener Gedanke.
Er arbeitete daher einen Geſetzentwurf aus, welcher zehn Artikel über Handel und Wandel der Juden mit Chriſten enthielt. Der Grundzug dieſer Artikel war, daß die Juden ſelbſt dafür ſorgen wollten, die Uebertreter zu beſtrafen. Es wurde damit dem Vorwurf von Seiten der Stände begegnet, daß die Juden die geſetzlichen Beſtimmungen zu umgehen verſtänden. Vermochten das Einzelne den Gerichten gegenüber, ſo waren doch die eigenen Glaubensgenoſſen oder vielmehr die Geſchäfts=Concurrenten ſtets in der Lage ein ſolches Treiben am Eheſten zu durchſchauen und zur Beſtrafung zu bringen.
Der erſte Artikel ſetzte Strafe auf den verſteckten Wucher, der beim Verkaufe von Waaren auf den Preis derſelben würde geſchlagen werden.
Der zweite Artikel verbot, ſchon nach kurzen Friſten, nach einem Vierteljahr oder einem halben Jahr, die Zinſen zum Capital zu ſchlagen.
Der dritte Artikel ordnete an, daß es nur in Ausnahmsfällen geſtattet ſei, die ſäumigen Schuldner bei auswärtigen Gerichten zu verklagen.
Der vierte Artikel verbot den Juden, verdächtige Gegenſtände oder unverdächtige Dinge von verdächtigen Perſonen zu kaufen.
80Der fünfte Artikel verbot, von Kindern oder Dienſtboten ohne Wiſſen der Eltern oder der Herrſchaft etwas zu kaufen.
Der ſechſte Artikel ordnete an, daß um eine Schuld Verſtorbener gegen die Erben nur nach Urtheil und mit Zuſtimmung der jüdiſchen Vorſteher Klage erhoben werden dürfe.
Der ſiebente Artikel bedrohte diejenigen jüdiſchen Schuldner, die ſich ihren chriſtlichen Gläubigern durch die Flucht entziehen würden, mit dem „höchſten Banne“.
Im achten Artikel wurde vorgeſchrieben, daß die jüdiſchen Vorſteher auch Klagen von Chriſten gegen Juden annehmen, da „kein Unterſchied zwiſchen den Menſchen auf Erden“.
Der neunte Artikel befahl den Juden, irgend welches unredliches Verfahren der Glaubensgenoſſen gegen Chriſten den Vorſtehern zur Anzeige zu bringen.
Der zehnte Artikel ordnete an, daß die Vorſteher von Amtswegen, wo ſie einen „ungebührlichen, unziemlichen Handel“ bemerkten, einſchreiten ſollten, wie dies ja auch das jüdiſche Geſetz von ihnen fordere.
Dieſe weiſen und guten Geſetze erließ Rabbi Joſelmann in Verbindung mit den Rabbinen und Vorſtehern, die aus allen Gauen Deutſchlands auf ſeinen Ruf zahlreich nach Augsburg gekommen waren.
Es war am 17. November 1530, zwei Tage vor Schluß des Reichstags, als Rabbi Joſelmann in feierlicher, öffentlicher Sitzung dieſe „Artikel und Ordnung“ den verſammelten Fürſten und Ständen des deutſchen Reichs vortrug. Sie erfreuten ſich des allgemeinen Beifalls, und alle Fürſten und Herren, geiſtliche und weltliche, verſicherten ihn ihrer Gnade und ihres Wohlwollens.
81Wir beſitzen eine beglaubigte Abſchrift dieſes merkwürdigen Actenſtückes.
Das von Rabbi Joſelmann unterzeichnete und unterſiegelte Schriftſtück befindet ſich bei den Reichs=Acten. Es iſt geſchrieben und gegengezeichnet von Balthaſar Maller, dem Geheimſecretär des Biſchofs von Augsburg.
Am 6. December 1530 machte Johannes Meyſch, Landſchreiber des Markgrafen von Burgau, für das Archiv ſeines Herrn eine Copie.
Von dieſer Copie machte Conrad Aitlinger, Stadtſchreiber zu Ulm, am Donnerstag nach Neujahr 1531, eine Abſchrift für das Archiv der Stadt Ulm.
Am 16. December deſſelben Jahres ließ der Landvogt des untern Elſaſſes durch den Landvogtei=Secretär Reichhardt Grucker die Ulmer Abſchrift copiren und ſie im Archive der Landvogtei Hagenau niederlegen.
Von dieſer Copie ließ die Stadt Rosheim am Erhardi=Tage 1531 durch ihren Scriba (Schreiber) Salomon Weillinger eine Abſchrift für ihr Archiv anfertigen.
Die uns vorliegende Abſchrift ſtammt aus dem Archiv von Ober=Ehnheim, welche nach der von Rosheim durch den Stadtſchreiber Reichart Grucker, genannt Stephan, im Jahre 1541 iſt angefertigt worden. (Lade 2, Nr. 26.)
Wir erſehen aus dem Mitgetheilten, wie ſehr es ſich Fürſten und Städte angelegen ſein ließen, in den Beſitz dieſes wichtigen Documents zu gelangen. Wir wollen nunmehr den Wortlaut deſſelben hier mittheilen:
Artickel vnd Ordenung so durch Joszlin von Roszheim gemeiner Judisheit Regirer aufgericht vnd beschlossen worden gehalten jm Reichstag zu Augspurg Im jar Funffzehnhundert vnd dreissig.82
Durchleuchtigsten, Hochgepornen Wohlgepornen Erwürdigen gestrengen Edlen Ersamen etc. Alle als mein gnedige hern Ewer durchleuchtigkeiten vnd furstlichen gnaden vnd allen andern meine gnedigen vnd gunstigen herrn vnd stend des hailigen Reichs. — Mir abgesandten von gemeiner Judisheit gnediglich vnnderanderm angezeigt, wye sich etliche von der Judisheit jm heiligen Reich auch furstenthumben vnd landen der vngeburd (ungebührlich) haltend jn villerlei weg der jnnen vnd jren underthanen unbüllicher weis zueschaden vnd nachtheil reichet vnd so ein gemeine Judisheit nit jn sollicher widder solliche Juden ain gehorsam vnd Ernstlich einsehen wöllten haben damit solliches furzekommen abstellen jnstenn yre gnaden sampt vnd sonder strenglich vnd treffentlich selbs einsehen vnd wer zumachen Damit sollicher gemelter Juden beschwerung nit so proslich widder yre gnaden underthanen Geschech mit mer clag mundtlich vnd geschriftlich jch als gehorsampter darauff der gemeinen Judisheit allenthalben verschreiben vnd Zuwissen gethan sollichs beschwer vnd clag wie gehört mit Ernstlicher meiner beger das sie sampt vnd sonder selbs oder durch jr volmechtige Anwalt zu mir gen Augspurg im Reichstag erscheinen sollent, das sie mir gehorsamlich von viel ordten vnd enden yre gesandten gewalthaber zu mir von gesannt damit jch mit jnenn von wegen gemelter judischheit Aine zimliche Erberj Ordnung vnd satzung Der gedachten Judischheit jn stetten, Markten vnnd Dörffern auffgesatzt vnd entschlossen vie hienach folgt:
83Item zum ersten, wo ein Jud oder Judin Ainem cristenn einichenley zu borg zu kauffen gipt so sol Er khein bedechiten wucher in die borg schlagen damit er den kauffer obersetzen ynd bedringen möcht, sondern nach zimlich billichheit, oder schon sollichen Borg jar vnd tag derwarten mus, sol jn alweg khein zins oder wucher davon verfallen sein vnd welcher Jud sollich obertreet vnd das von seinen parnossen der Juden yerer ords da sy unhe gesetzssen angezigt, vnd furgebracht wurt, solle dieselbigen parnossen ernstlich denselbigen strauffen Nemlich drey gold gulden, zwen gulden der Oberkeit da der Jud gesessen ist, vnd den dritten gulden gemeiner Judisheit parnosen vnd jn alweg denselbigen betrug (Betrag) des kauffs wie der erfunden werden möcht widderkern vnd bezalen.
Item zum Andern, so ein Jud einem cristen litzel (wenig) oder vil geld auff zins ausLeuchen wurt sol er das doch um zemblichen wucher nach vermuegen vnd Lauth vnnser keyserlichen vnd loblichen Hergebrachten freyheitten vnd gnadenn nit gleich Alle viertheil oder Halb jar zu Rechnen den wucher umbgeschlagen vnnd zum hauptgut Rechnen sondern wie von alter gut gewohnheit gehalten werden Damit der arm nit zu obersetzen vnd einer bei dem Andern sein leibs Narung Durch ein ander handeln vnd neren mugen, On alle besonder belestigung vnd aussetzung wo aber einer oder Mer solliches abertred vnd erfunden wird sollen die vorgemelten Parnosen Irer Ordts dasselbig abwenden Der nach gestalt der sachen strauff verfallen sein wie angefenglich angezeigt.
Item zum Dritten, wo ein Jud vder Judin jre schuldner von jren schuldner zu gemelten zitten oder jaren nit bezalten mochten wer84den sollent sy dieselbigen schuldner nit mit auszlandischen gerichten furnemen sonder er sol vor vnd er bei des gemelten schuldner amptman oder schultheissen gütiglich erfordern vnd sein gerechtigkeit furbringen. Damit sy verschaffen jn monatzfrist das obgemelter Jud bezalt mög werden oder jm ein willen sonst beschechen möcht wo aber solichem Jud wie angezeigt nit gedenen möcht Damit der Jud geursacht wird auszlendischen Recht zu suchen so soll er doch khein ungebuerlichen costen vnd schaden widder die gemelten schuldner zu treiben sonder was der notturft vnd billichkeit erfordert vnd so sollicher nit bescheche vorgemelt parnosen ein Jud oder Jüdin erfunden würden sollen sy solliches abstellen vnd strauffen wie vorangezeigt.
Item zum viertten, wo ein Jud oder Judin auf pfandleuchen wurd, soll er auf kein arguenig (argwöhniſch, verdächtig) pfand leuchen oder kauffen so er aber durch das gesindt oder vnguer (ungefähr) zu zitten widderfar sol er doch forter in khein weg mit denselbigen Reuplichen oder dieplichen (räuberiſchen oder diebiſchen) personen kauffen liechen noch handten vnd wo er solliches obertreett vnd mit arguenischen Lautparen personen handelt abkauff oder Auff pfand liche vnd gestolen oder geraupt wer sol denselb Jud oder Judin da vergebenlich vnd on alle galtung widdergeben vnd dergleuchen wo einer pferd kaufft kie (Kühe) oder schaff (Schaafe) vnd das sich befend in jar vnd Tag dz das gestollen wer oder geraubt wer da soll der Jud dem beschedigten das gelt dafür geben vnd ein nemliche pen sechs gold guldin vier der Oberkeit do er Seschafft jst vnd zween den parnosen die dan das nach furtrag clag vnd Antwort Nach gestalt 85der sachen zu erkennen macht haben one alle gever vnd List.
Item zum Fünften, es sol auch khein Jud oder Judin khein burger sei's ledigen Suns dochter knaben magd knechten einicherley abkauffen oder jnen gelt zulichen sonder mit wissen yrer hern vater oder mutter vnd wo solliches geschech sol dem Juden fur solich gelt nichtz derstatt werden vnd In bei der ersten pen wie oben angezeigt der parnosen straffen soll.
Item zum sechsten, wo er sich zutete das ein abgestorben person einem Juden oder Judin zu thun schuldig were Auff verschreibung brieff oder on brieff wie das were vnd die jm solliches gruntlich seines vornemens gestendig were oder mit wissen truegen so soll der gedachter Jud oder Judin mit keinerlei Rechtens Zwang geistlich oder weltlich gedachten erben furzonemen oder zu bekenmern sonder vor vnd Ee sie gerechtigkeit vnd Ansprach vorgemelten parnosen anzeiigen die sollen darnach gestalt der sachen wahrhafftig besichtigen vnd verhorn vnd was sie jm dan weysen vor geistlichen oder weltichen Rechten mit seiner gerechtigkeit furzefaren oder gar von seiner vermeinten Ansprach abzusteen soll der Jud oder Judin gehorsamlich nachkommen vnd so einer oder mer erfunden wurden die nach absterben wie gehort Erben oder witfrawen on wissen der parnosen yres Ordts, solliche jre schuld von jnen thunt bezwang eintreiben, soll der Jud oder Judin einer strauff zwölff gold guldin geben acht seiner Herrschaft vnd vier gemelten parnosen zu bezahlen verfallen so vnd ob die gemelten Erben od witfrawen an solicher bezahlung seiner gerichts gang Ein gefurt hatt beschwerung mangel hetten mugen sey dieselbigen urtel oder Rechtung widder dargeben vorgemeltenn parnosen 86vnd nach clag vnd verhor beidertheill dedachter parnosen. Erkantheit urtel Rechtung zu nichtig soll gemelter Jud solliches den Erben widder heraus zugangen stellen, Dye weils er jm Anfang wie gehort sein parnosen nit angezeigt.
Item zum sibenden, wo ein Jud oder Judin von Cristen gelt ware oder pfenwert auffnem wie das wer betruglicher weisz sich gleich hinnach aus dem Land vereusert damit einer mer betrogen mochten werden vnnd sollichs warhafftig von den Beschedigen beclagt vnd angezeigt wurd sollen gedachten parnosen yeres Ordts Daselbs geschen dieselbigen Juden oder Judin in unserm hochsten Bann vnd Maledeiungen gescheiden von Aller aufz rieffen vnd einschreiben Als verachter abgescheidener von aller vnser keyserlicher freyheiten vnd gnaden es soll auch kein Jud oder Judin mit demselbigen verheyreten auch nit mit jm essen noch trunken zu herbergen vnd welcher das muttwillig mit wissen obertret mit solichen abgewichenen weltbetruger gemeinschafft haben wirt der soll gemelter schuldner oder beschydiger auszrichten vnnd bezallen solang seine guter reichen vnd ein gemelte pen wie erst angezeigt verfallen sein.
Item zum Achten, wo Auch ein Christ fraw oder man jung oder alt vor gemelten unnsern Obersten parnosen vnd richter in der ordten da sie wonen vber ein Jud oder Judin clagent vnd furbrechten was das wer so soll der parnosz Allwegen vorderlich dem pfleger auf yre trag zu recht verhelffen vnd das gottlich Recht ergan laussen gegen den beklagten juden wie recht alsdan auch Christen das recht gegen einen Juden ergen lassen wie billich vnd alle Oberkeit vnd das natürlich gesetz ausweiszt vnd kein underscheid zwischen den Menschen auff erden.
87Item zum Neunten, Es sollen auch der Jud oder Judin die einicherlei horten oder vernemen, von jren Nachpouren und umbsessen der judischheit pflichtig und schuldig sein jren Obersten parnosen und richtern sollichs anzuzeigen ob ein betrug oder unbillig gespurt Oder vermerkt wurd sollichs furzukomen vnd welche obertretten vnd verhalten von einichen Freund Oder magt nit Anzeigen wurden sollen bey auch in Anfenklichen Strauff gestrafft werden.
Item zum Zehenden und beschlusz obgemelter Artikel sollen die gemelten parnnosen vnd Richter der Judisheit yeder Orts sy wonen allermenniglichen und grosen fleus aiwenden wo sie ein ungeburlichen ungezumpten handel umb oder bey jnnen in stetten oder Markten oder dorffen von einem Juden Judin horten oder gewarnemen obschon die clager nit zugegen sein wurden sollen sie dester weniger in allweg solliches oder dergleichen grundlich erfaren vnd nach gestallt der sachen was sich zutragen mocht weiter dan die obgemelten ernante Artikel strauffen vnd abwenden mit ernstlichen vleis die bosse arguenige wo die erfunden würden zu vertreiben vnd verjagen Dkein zu beherbergen als dan Unser judischer gebrauch und gemeiner Canon Ordnung vnd gesetze von alterher und unser heilige geschrifft auszweiszt und vermog gerechtigkeit und Erberkeit zu brauchen und mit betruglichen weisz wie dan von Ettlichen gespurt beclagt wurde wie ein Canon den Judischeit dkein schuld oder vnser nachtheil haben, jn trostlicher hoffnung fursten hern auch die stend des heiligen Reichs auszgeboren Miltekeit gehorsame Allezeit eerbietung gewesen gnediglich ansehen zu hertzen fassen vnnd vns auch dagegen Ausz gerechtigkeit Erbarmenlich natur andere beschwerung so 88groslich mit vielerlei zal newen gleit An vil Ortten dringen vnd beschweren mer dan Alle keysern freyheiten ausz wissen dartzu an alle wucherliche handel die Armen gemeinen Judischeit durch etliche Land zu passiren versperen damit ein Armer sein leibs Narung mit seinen krom (Waare) Oder aufrichtige hantierung durch die Land zu die Messe Frankfurt hin und widder oder an dere notturft noch bruchen oder werben kan ist hierauff an alle obgemelte fursten und herrn Auch stenden des heiligen Reichs Als unnser allergnedigsten hern einer gemein arme underthenige Judischheit demutig bitt und begeren dieweil di Romisch keyserlich Meyestet Alle unsere freyheit confirmirt vnd Ernewert vnd dar man uns gnediglich an Allen Orten wie wir jetzo sitzen vnd wonen hand geben vnd nit vertreiben sol auch dar man uns jn allen Landen pasiren ziechen zulassen unbeschwert, vnd wir uns desselbigen Darumb nit gantz begeen zu oberheben sonder menschlich vnd freundlich weisz underston bei der Christenheit also wie vor Alter her gehalten worden zu wonen, handeln und wandeln, Wollen auch der massen E. F. G. (Eure fürſtliche Gnaden) und andern in was würten standts die stend gegen uns arme, wie angezeigt gnediglichen Trosten und Riebiglichen handeln und wandeln lassen, unverletzt wie billich und recht An jn selbs ist uns auch der ungezwuffelten Hoffnung das E. F. G. und andern aus hoohen verstands di Erberke't vnd gerechtigkeit yeder in seinem stand betrachten vnd erfunden werden vnd uns nit weiter beschweren alsdan beyivillen Bescheehen ist Dan wir auch Menschen von Gott dem Allmechtigan auff der Erden ze wonen geschaffen Bey Euch vnd mit Euch ze wonen vnd handeln darumb 89wollen wir arme gott dem Allmechtigen vnd E. F. G. Auch andern stend des heiligen Reiches gesund vnd glückselig Regierung ze bitten Nyemer vergessen en juzonderheit wie obangezeigt Artikel vleissig nach Dato dieser geschrift nachzukomen unverbrechlich stet vnd vest zu halten so habe jch Josel Jud von Roszheim gemeiner Judisheit Regierer jn Deutzen Land aus obangezeigten vrsachen mit Ettlichen mer gesandten der judisheit allhie zu Augspurg solliche Artikel mit ausgedruckten worten wie angezeigt beschlossen Allenthalben zu verkunden nachzukommen vnd gehorsamlich zu understen wie gehert zu waren verkunden habe jch vorgemelter josel jud mein gewohnlich Insigel gedruckt vnd der geschrift abgeschriebener Artikel vnd Schlusz zu gezeugknus Dat. Augspurg am tag Siebenzehn Novembris Anno etc. XXX.“
II. Theil · Kapitel 16 · S. 89–94
XVI.
Wenn Rabbi Joſelmann glaubte, durch die im vorigen Capitel mitgetheilten Geſetze und Verordnungen, den Judenhaß mit der Wurzel ausrotten zu können, ſo hatte er einen bedeutenden Factor nicht in Betracht gezogen, und das war der Neid, der Concurrenzneid.
Es hat ſchon manchen Geſchichtsforſcher die eigenthümliche Erſcheinung beſchäftigt, daß die Juden in der erſten Hälfte des Mittelalters in Ehre und Achtung ſtanden, in Ruhe und Frieden wohnten, ſich verſchiedentlicher Rechte, Freiheiten und Privilegien erfreuten und nicht gedrückt und verfolgt wurden. Die Verfolgungen begannen erſt in der zweiten Hälfte des Mittelalters, im elften 90Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung; auch damals traten ſie erſt ſporadiſch auf, bis ſie im zwölften, dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert immer häufiger und ſchrecklicher wurden und um die Mitte des 14. Jahrhunderts (1349) den höchſten Grad erreichten. Von jener Zeit nehmen zwar die ſogenannten „Judenſchlachten“ ab; deſto häufiger wurden die Verbannungen und Vertreibungen. Faſt ſämmtliche deutſche Städte vertrieben im fünfzehnten Jahrhundert ihre jüdiſche Bevölkerung und im ſechzehnten Jahrhundert wäre wahrſcheinlich kein Jude in Deutſchland geblieben, wenn nicht Rabbi Joſelmann's gottgeſegnete Thätigkeit1„Alle ſeine Unternehmungen zu Gunſten ſeiner Glaubensgenoſſen waren von Erfolg gekrönt,“ ſagt von ihm L'abbé Gyss (in der Geſchichte der Stadt Oberehnheim). dem Toben der Judenfeinde einen Damm entgegengeſtellt hätte.
Woher erklärt ſich nun die merkwürdige Erſcheinung, daß die Juden in der erſten Hälfte des Mittelalters, da die Sitten noch roher, die Glaubensſinnigkeit noch ſtärker und ausſchließlicher war, trotzdem die Juden wohlgelitten, in Ruhe und Sicherheit, unbehelligt und unbeſchwert lebten, während trotz zunehmender Bildung und Verfeinerung der Judenhaß ſo ſchreckliche Früchte zeitigte?
Die Gründe dafür ſind darin zu ſuchen, daß es in den erſten Jahrhunderten in Deutſchland keine eigentlichen Städte und kein eigentliches Bürgerthum gab.
Die Bevölkerung beſtand aus Dynaſten, Adeligen, freien Bauern und Hörigen. Allen dieſen waren die Juden als Händler und Vermittler hochwillkommen, ſie alle bedurften der Juden, die ihnen den Ueberfluß an den Erzeugniſſen des Bodens und der Viehzucht abkauften und ſie mit dem verſorgten, 91was ihnen fehlte: mit Sammt und Seide, mit Gold= und Silberſchmuck, mit Gewürzen und anderen Erzeugniſſen ſüdlicher Länder; die um mäßigen Zins baares Geld herliehen, welches bei mancherlei Gelegenheiten der Fürſt wie der hörige Bauer bedurfte.
Im zehnten, elften Jahrhundett, durch die Einfälle der Hunnen veranlaßt, entſtanden die feſten Städte, in denen ſich allmählich ein Bürgerthum heranbildete, von dem ein Theil dem Handel oblag und dem die handeltreibenden Juden unbequem wurden. Von daher datirt ſich der Judenhaß. Es war der Neid, der Concurrenz=Neid, der allerlei wahnſinnige Beſchuldigungen erfand, um der Verhaßten los und ledig zu werden. Dieſer vom Neide geborene Haß trieb zu den Judenverfolgungen, und als im Zeitalter der Renaiſſance die Sitten milder und feiner wurden, da ſchlachtete man die Juden nicht mehr ab, aber man ſuchte ſich die läſtigen Concurrenten durch Vertreibung derſelben zu entledigen.
Dazu kam, gerade für die Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, noch ein anderes Moment. Durch die Entdeckung von America, und noch mehr durch die Entdeckung des Seeweges nach Oſtindien hatten die Handelsverhältniſſe Europa's eine andere Wendung genommen. Die bisherigen Handelswege hatten Deutſchland als Mittelpunkt Europa's vielfach durchzogen. Jetzt wurden Spanier und Portugieſen, Engländer und Holländer handeltreibende Völker, welche die Erzeugniſſe fremder Zonen dem ganzen Norden zuführten wodurch die bisherigen Handelsſtraßen im Innern Deutſchlands verödeten.
Zu allem dem geſellte ſich noch die Ausbeutung des Volkes durch die großen Augsburger Handelshäuſer: die Fugger, die Welſer, die Paum92gartner, welche den ganzen Handel monopoliſirt hatten. Wir wollen dies an einem Beiſpiel klar machen. In den Augsburger Reichstagsacten von 1550 wird berichtet, daß eine Compagnie der genannten Häuſer einen Vertrag mit dem König von Portugal auf indiſche Waaren: Pfeffer, Zucker ꝛc. abgeſchloſſen habe, ſo daß ſie den Portugieſen eine große Quantität Waaren zu hohem Preiſe unter der Bedingung abkauften, daß die Späterkaufenden bedeutend mehr zahlen müßten. In Folge deſſen wurde der Preis des Pfeffers, den man um 18 Ducaten per Centner hätte kaufen können, auf 40 Ducaten getrieben, und für den Zucker mußte man ſtatt 11 fl. mehr als 20 fl. pro Centner zahlen. Wenn man nun bedenkt, daß in Deutſchland jährlich circa 3000 Centner Pfeffer verbraucht wurden, ſo kann man ſich den, für die damalige Zeit, ungeheuren Gewinn dieſer reichen Kaufleute leichtlich berechnen; ſie beſchränkten ſich aber nicht auf die Luxusartikel, ſie machten es gerade ſo mit Eiſen, Kupfer, Blei, mit Vieh, Wein, Korn. Sie kauften weit und breit das Korn, wann die Halmen noch auf dem Felde ſtanden, und beſtimmten dann willkürlich den Preis. In Folge deſſen trat Theuerung ein, und wie es noch heute zu gehen pflegt, nicht Jene, die ſie verſchuldet hatten, ſondern die Juden wurden dafür verantwortlich gemacht.
Die großen wie die kleinen Kaufleute ſahen in den Juden läſtige Concurrenten; die Städte waren in dieſer Beziehung mehr von den Juden gehindert als die Fürſten, und da das Lutherthum namentlich die Städte für ſich eroberte, ſo waren es am Meiſten die Lutheraner, die auf die Vertreibung der Juden drangen, und weil ſich die Reformatoren vor Allem mit den Städten hielten, ſo ſtimmten Luther, Bucer und die Anderen in das judenfeindliche Geſchrei mit ein. Während ſie für ſich und 93ihren Glauben Duldung beanſpruchten, waren ſie von der größten Unduldſamkeit gegen die Juden beherrſcht.
Der auf dem Reichstage zu Augsburg ertheilte kaiſerliche Schutz= und Freiheits=Brief, ja ſelbſt die von Rabbi Joſelmann proklamirten Geſetze und Verordnungen waren den Judenfeinden ein Dorn im Auge, und ſie agitirten fortwährend, um die gänzliche Vertreibung der Juden aus Deutſchland dennoch durchzuſetzen.
Unterdeß war der Reichstag zu Augsburg von 1530, auf den ſo große Hoffnungen waren geſetzt worden, faſt reſultatlos vorübergegangen. Erzherzog Ferdinand war nicht zum römiſchen König erwählt worden, und der Conflict zwiſchen Katholiken und Proteſtanten hatte ſich noch verſchärft. Die zum Reichstage verſammelt geweſenen Fürſten und Herren zogen, je nach der Partei, zu der ſie gehörten, in zwei verſchiedenen Richtungen von Augsburg ab. Der Kaiſer, ſein Bruder und die anderen katholiſchen Fürſten und Herren zogen über Mainz nach Cöln. Die proteſtantiſchen Fürſten und Stände zogen gen Schmalkalden, wo ſie ein Schutz= und Trutzbündniß ſchloſſen, um ſich, wenn einer von ihnen der Religion wegen angegriffen werden ſollte, mit gemeinſchaftlichen Kräften zu vertheidigen.
Am 5. Januar 1531 wurde Erzherzog Ferdinand von ſämmtlichen Kurfürſten mit Ausnahme des Kurfürſten von Sachſen, der gegen die Wahl durch ſeinen Geſandten proteſtiren ließ, zum römiſchen Könige gewählt. Die Wahl fand im Kölner Dome ſtatt. Darauf zogen alle die Fürſten und Herren nach Aachen, wo am 12. Januar die feierliche Krönung vorgenommen wurde.
Am Tage nach der Krönung erſchienen ſämmtlich anweſenden Fürſten, Herren und Stände vor dem 94neuen Könige, um ihm zu huldigen. Auch Rabbi Joſelmann als Vertreter der Judenheit deutſcher Nation ward zur Huldigung zugelaſſen.
Gnädig reichte ihm der neue König die Hand, welche Rabbi Joſelmann an ſeine Lippen führte.
„Mein lieber Joſelin,“ ſprach Ferdinand, „Du haſt mir die hohe Würde prophezeiht, deren ich durch des allgütigen Gottes Gnade jetzt theilhaftig bin worden, ich werde mich deſſen ſtets freundlich erinnern.“
„Mögen Eure Majeſtät,“ entgegnete Rabbi Joſelmann, „meinen Glaubensgenoſſen immer ein gnädiger Herr ſein und niemals auf die Stimme der Verläumder hören.“
Am darauffolgenden Tage reiſte Kaiſer Carl in die Niederlande ab; König Ferdinand ging nach Wien und Rabbi Joſelmann kehrte zu ſeiner Familie in das Elſaß zurück.
II. Theil · Kapitel 17 · S. 94–100
XVI.
Wir haben bereits oben erzählt, daß Kaiſer Carl, nachdem ſein Bruder Ferdinand in Aachen zum römiſchen Könige war gekrönt worden, ſich nach den Niederlanden begeben hatte, wo ſeine Anweſenheit nothwendig geworden war; denn Margaretha von Savoyen, des Kaiſers Tante — ſie war eine Tochter Maximilians, eine Schweſter des ſchönen Philipp —, die in den Niederlanden als des Kaiſers Statthalterin regiert hatte, war geſtorben, und der Kaiſer mußte an Ort und Stelle die Angelegenheiten ſeiner verſtorbenen Tante ordnen und eine neue Regierung einſetzen.
Um dieſe Zeit war die Lage der Welt eine ſehr geſpannte. Johann Zapolya hatte mit Hilfe der Türken dem König Ferdinand Ungarn entriſſen 95und ſich zum Könige ausrufen laſſen. Sultan Seligman rüſtete ſich zu einem gewaltigen Kriegszuge, um die Welt für den Islam zu erobern! Ein Heer von zweimalhundertundfünfzigtauſend Mann, eine für die damalige Zeit ganz unerhörte Anzahl, rückte in Ungarn ein, bereit, Alles vor ſich niederzuwerfen und den Halbmond überall aufzupflanzen. König Franz von Frankreich pflegte, um Carl Verlegenheit zu bereiten, ein heimliches Einverſtändniß mit dem Sultan, an den er zwei Unterhändler ſchickte, und durch dieſe ihm Unterſtützung und Beihilfe, namentlich Geldſubventionen verſprechen ließ. — Dabei ängſtigte den Kaiſer nicht wenig das Zerwürfniß mit den proteſtantiſchen Fürſten in Deutſchland. Grollend waren die Parteien in Augsburg von einander gegangen, die Proteſtanten hatten in Schmalkalden ein Bündniß geſchloſſen und gegen die Wahl Ferdinands zum römiſchen König proteſtirt. Was ſollte daraus werden, wenn den Kaiſer in Deutſchland ein Krieg bedrohte, während die Türken vor die Mauern Wien's zogen? Der Kaiſer war daher nicht abgeneigt, mit den proteſtantiſchen Fürſten und Ständen zu unterhandeln. Zwei Kurfürſten, der von Mainz und der von der Pfalz, übernahmen die Vermittlung. Albert von Brandenburg, Kurfürſt von Mainz, war, wie wir ihn ja auch im Verlaufe dieſer Erzählung kennen gelernt haben, ein milder, billigdenkender Herr, allen Gewaltmaßregeln abgeneigt, ſtets für Friede und Verſöhnung ſtimmend; wiewohl Luther ihn mehr als einmal tödtlich beleidigt hatte, empfing und erwiederte er dennoch die an ihn gerichteten Briefe des ſtets mit Donner und Blitz dareinſchlagenden Reformators. Kurfürſt Ludwig von der Pfalz hielt es zwar mit dem Kaiſer und hatte bei der Königswahl für Ferdinand ſeine Stimme abgegeben, war aber im Herzen der proteſtantiſchen 96Sache gewogen. Dieſe beiden Fürſten knüpften mit den zu Schmalkalden Verbündeten Unterhandlungen an, es beſonders hervorhebend, daß alle Chriſtgläubigen zuſammenſtehen müßten, um der gemeinſamen Gefahr, die ihnen von Seiten des Islam drohte, energiſch entgegentreten zu können.
Die proteſtantiſchen Fürſten und Stände gingen auf die Vorſchläge der beiden Vermittler um ſo lieber ein, als ſie recht wohl erkannten, daß die Gefahr, welche ihnen von den Türken drohte, die ſchlimmere ſei; aber ſie benutzten die Lage der Dinge, um ſo viel als möglich vom Kaiſer zu erlangen.
Nach langen ſchriftlichen Verhandlungen wurde endlich vereinbart, daß zwiſchen den Führern der Proteſtanten, dem Kurfürſten von Sachſen und dem Landgrafen von Heſſen einerſeits und den Unterhändlern des Kaiſers, den beiden Kurfürſten von Mainz und von der Pfalz andererſeits, eine perſönliche Zuſammenkunft in Schweinfurt ſtattfinden ſollte.
Bald verlautete es, daß unter den Forderungen, welche die proteſtantiſchen Stände aufſtellten, auch diejenige figurirten, daß der Kaiſer die Juden aus Deutſchland vertreibe; man klammerte ſich an den Ausdruck „Chriſtgläubige“, den der Kurfürſt von Mainz, als einen für Katholiken und Proteſtanten gemeinſamen, gebraucht hatte. Man machte die Befürchtung wieder geltend, daß die Juden den Türken Vorſchub leiſten würden. Es iſt das ja die alte Befürchtung, die ſchon Pharao vor vielen Jahrtauſenden ausgeſprochen hat: Und es wird ſein, wenn uns Krieg treffen wird, ſo werden ſich die Iſraeliten mit unſern Feinden verbinden und uns aus dem Lande treiben1Siehe Raſchi zur Stelle.. — Es iſt 97das eine Befürchtung, die auch noch in unſeren Tagen der Judenhaß geltend macht: die Juden werden die Chriſten verdrängen, beherrſchen, unterjochen. — Da auch die Stadt Frankfurt am Main ſich der proteſtantiſchen Seite zuneigte, ſo erfuhr man daſelbſt ſehr bald von den Forderungen der proteſtantiſchen Stände und von der wohlgegründeten Hoffnung derſelben, daß der Kaiſer aus Furcht vor den Türken Alles zugeſtehen würde, was man von ihm verlange. Die Frankfurter Israeliten hatten nichts Eiligeres zu thun, als eine Deputation an Rabbi Joſelmann nach Rosheim zu ſenden und ihn zu bitten und zu beſchwören, zum Kaiſer nach Brüſſel zu reiſen, um, wie ſo oft ſchon, auch diesmal das drohende Unheil abzuwenden.
Es war das nichts Geringes, was man von Rabbi Joſelmann verlangte; er ſollte, mitten im Winter, in ein Land reiſen, in welchem damals nicht ein einziger Jude wohnte; und das war noch das Wenigſte. Es war viel Schlimmeres zu befürchten als Mangel an Speiſe und Trank. Kaiſer Carl V. hatte in den Niederlanden die ſpaniſche Inquiſition mit allen ihren Schrecken aufgerichtet. Im Jahre 1522 hatte er das Mitglied des Provinzial=Rathes von Brabant, Franz van der Hulſt, als Inquiſitor für die Niederlande beſtellt; dieſer durfte einkerkern, auf die Folter ſpannen, zum Tode verurtheilen, derart, daß es gegen ſeine Urtheile keine Appellation gab. Derſelbe Franz van der Hulſt, der von Kaiſer und Pabſt mit ſo großer Macht ausgeſtattet war worden, mußte ſpäter, weil er öffentliche Actenſtücke gefälſcht hatte, ſeines Amtes entſetzt werden und ſein Heil in der Flucht ſuchen! Im Jahre 1525 wurden ſtatt ſeiner drei Inquiſitoren beſtellt, die ſogar die Befugniß hatten, Biſchöfe und Erzbiſchöfe vor ihr Tribunal zu 98fordern. Und nun wurde luſtig darauf los inquirirt, gefoltert, verbrannt, lebendig begraben; oder es wurden die Ketzer in Säcke genäht und ins Meer geworfen.
Trotzdem alle dieſe Dinge weit und breit bekannt waren, ſcheute Rabbi Joſelmann weder die weite Entfernung, noch die Schwierigkeit, in einer von Juden unbewohnten Gegend zu reiſen, noch die großen Gefahren, die ihm augenſcheinlich bevorſtanden. Im feſten, unerſchütterlichen Vertrauen auf des allmächtigen Gottes Hilfe machte er ſich in den erſten Tagen des Monats Schebat auf den Weg, nur von einem Diener begleitet. Derſelbe hieß Jakob; er beſaß die Beſchäftigung, nach jüdiſchem Ritus zu ſchlachten und war im Backen und Kochen nicht unerfahren.
Nach einem langen und beſchwerlichen Ritte kamen der Herr und der Diener am Neumondstage des Monats Ador in Brüſſel an; am Stadtthore wurden ſie angehalten und nach Stand und Namen gefragt.
„Ich bin der kaiſerliche Befehlshaber, Joſelin von Rosheim“, lautete die Antwort, „und dieſer hier iſt mein Diener“.
„„Seid Ihr vielleicht ein Bruder des kaiſerlichen Hauptmanns Martin von Rosheim?““ fragte der Thorſchreiber.
Indem ritt eine „Bande“ — Compagnie würden wir heute ſagen — ſchwerer Reiter (Cuiraſſiere) zum Thore hinaus.
„Wer nennt meinen Namen?“ fragte der Anführer derſelben, ſein Pferd anhaltend.
„„Verzeiht, gnädiger Herr,““ ſagte der Thorſchreiber, „„hier dieſer fremde Herr ſagt, er ſei der kaiſerliche Befehlshaber Joſelin von Rosheim; da meinte ich, er ſei etwa Euer Bruder.““
Der Hauptmann der Cuiraſſiere lachte hell auf.
99„Das iſt ja ein Jude!“ rief er und gab ſeinem Pferde die Sporen.
„„Ein Jude!““ wiederholte der Thorſchreiber, und „ein Jude“ hallte es in der Menge der müſſigen Gaffer wieder, die ſich raſch anſammelten.
„C'eſt un Juif!“ riefen die franzöſiſch redenden Wallonen.
Rabbi Joſelmann und ſein Diener mußten von ihren Pferden abſteigen; neugierig begaffte ſie die Menge; alle dieſe Leute hatten noch niemals Juden geſehen.
„O,“ rief eine Stimme, „das ſind die Schändlichen, die unſern Herrn gekreuzigt haben. Steinigt ſie, ſchlagt ſie ans Kreuz!“
Der Ruf fand keinen Anklang. „Die Niederländer,“ ſo characteriſirt der berühmte Hugo Grotius ſeine Landsleute, „ſind ein Volk, das, der Induſtrie und dem Handel ergeben, auf Erwerben des Geldes und deſſen fröhliches Durchbringen bedacht iſt; religiöſer Fanatismus liegt ihnen fern.“
Aber die neugierige Menge umdrängte den Herrn wie den Diener; man wollte ſich überzeugen, wie ein Jude ausſieht; ob es wahr ſei, daß die Juden hinten Schwänze hätten gleich den Affen. Ein großer Auflauf entſtand. Die Scharwache zog herbei und bahnte ſich den Weg bis zu den beiden Geängſtigten.
Und als nun der Führer der Scharwache, Pierrot Roth hieß er, erfuhr, daß es Juden waren, die es gewagt hatten, in Brüſſel einzureiten, da wurde er zornig.
„Juden,“ ſchrie er, „das ſind Ketzer; die gehören vor das Tribunal meines gnädigen Herrn, des hochwürdigen Dechanten Nicolaus de Monte. Allons, ins Inquiſitions=Gefängniß mit Euch!“
Unter ungeheurem Zulaufe des Volkes wurden Rabbi Joſelmann und ſein Diener in das Gefäng100niß abgeführt, das ſich in den untern Räumen des der hl. Gertrud geweiheten Kloſters befand.
II. Theil · Kapitel 18 · S. 100–105
XVIII.
Es waren beinahe zwei Wochen verloſchen ſeitdem man Rabbi Joſelmann und ſeinen Diener in das Gefängniß des Gertrudenkloſters zu Brüſſel gebracht hatte. Die Beiden litten unendlich; ſie konnten von der Koſt, die ihnen gereicht wurde, nichts als Brod und Waſſer genießen. So kam der 13. Ador, der Faſttag Eſther, heran.
„Das Faſten“, ſagte Rabbi Joſelmann zu ſeinem jammernden Diener, „wird uns diesmal nicht ſo ſchwer werden; da wir ohnedies ſehr wenig zu eſſen haben, werden wir am Faſttage um ſo viel weniger die Speiſen vermiſſen.“
„„Ihr könnt noch ſcherzen““; ſagte Jakob, „das wird ein trauriges Purimfeſt werden.“
„Verzage nicht“, tröſtete ihn Rabbi Joſelmann, „vielleicht wird Purim auch uns zu einem Erlöſungsfeſte. Ich habe die feſte Ueberzeugung, daß die Stunde unſrer Befreiung bald herannahen wird. Unſre Weiſen erzählen im Tractat Erubin, daß einſt Rabbi Chanina eine Speiſe genoſſen, von der er nicht wußte, daß ſie giftig war; ſie brachte ihn an den Rand des Grabes. Aber Gott erhörte das Gebet ſeiner Freunde und ließ ihn geneſen, weil Rabbi Chanina zu jener Zeit der Welt unentbehrlich war. Auch für uns beten die Freunde in allen deutſchen Landen, daß es gelingen möge, das drohende Unheil von unſern Brüdern abzuwenden, und Gott, ich bin deſſen feſt überzeugt, wird ihr Gebet erhören.“
„„Euer Gottvertrauen iſt unerſchütterlich! Aber ſelbſt, wenn es Gottes Wille iſt, daß wir 101wieder frei werden, ſo wird es doch ein trauriger Purim ſein, den wir hier allein und einſam im fremden Lande feiern müſſen, ohne ordentliche Speiſen und ohne Wein.““
„Ah, Du denkſt an das Wort der Weiſen: Der Menſch iſt verpflichtet, ſich zu berauſchen am Purim, bis er den Unterſchied nicht mehr weiß zwiſchen „Orur Homon, verflucht ſei Haman“ und „Boruch Mordechai, geſegnet ſei Mordechai.“ Nun, dieſer Ausſpruch des Talmuds iſt wohl nicht ſo ganz wörtlich zu nehmen. Es gibt eine Menge Erklärungen dafür; ich will Dir eine Deutung ſagen, die auf meinen Erfahrungen beruht. Es gibt einfache Wunder und gedoppelte Wunder. Ein einfaches Wunder iſt zum Beiſpiel, daß Gott das Manna für die Israeliten vom Himmel herniederfallen ließ. Ein gedoppeltes Wunder war das am Schilfmeer, da Gott nicht allein die Israeliten errettete, ſondern auch ihre Feinde ins Meer verſenkte. Ein ſolches gedoppeltes Wunder iſt auch das Ereigniß des Purimfeſtes: einmal, daß Gott den Haman ſtürzte — Orur Homon — und das andere, daß Gott den Mordechai erhob — Boruch Mordechai — Was meinſt Du nun, Jakob, welches von beiden iſt das größere, wichtigere, bedeutungsvollere Wunder?“
„„Sicherlich das, daß Gott den Anſchlag des Haman vereitelte und ſo den Juden das Leben rettete.““
„Du entſcheideſt Dich alſo für Orur Homon. Aber, mein Lieber, wer war eigentlich mehr Judenfeind, Haman oder Achaſchweroſch; Haman, der doch von Mordechai gereizt war, oder Achaſchweroſch, der ganz ohne Anlaß und Beweggrund ein ganzes Volk, die ihm treue und nützliche Unterthanen waren, von denen Einer, Mordechai, ihm ſogar das Leben gerettet hatte, hinſchlachten laſſen 102wollte, ohne Prüfung und Unterſuchung? Und wenn nun Haman geſtürzt worden wäre, und Aridai oder Waiſaßa, oder Karſchana oder ſonſt Einer wäre an die Stelle des Geſtürzten getreten, und hätten andere Anſchläge gegen die Juden erſonnen, wären da die Leiden nicht ſtets und immer wiedergekehrt? So wurde Mordechai erſter Miniſter des Königs, und mit ihm wurden die Juden groß; ihnen ward Licht, Freude, Wonne, Würde. Unſägliche Wohlthaten entſprangen daraus; der heilige Tempel in Jeruſalem wurde wieder gebaut, und ſo lange die perſiſche Oberherrſchaft währte, lebten die Juden glücklich und zufrieden unter derſelben.“
„„Ja, wenn man das bedenkt, ſo war doch die Erhebung Mordechai's wichtiger und bedeutungsvoller.““
„Du entſcheideſt Dich alſo jetzt für Boruch Mordechai. Aber, mein Beſter, wir wollen das einmal näher ins Auge faſſen. Geſetzt, Haman und die Seinen wären nicht dem Banne verfallen, hätten nicht ihre Verfolgungsſucht gegen die Juden mit dem Tode büßen müſſen, ſondern der König hätte ſich plötzlich erinnert, daß Mordechai ihm das Leben gerettet und hätte ihn in Folge deſſen zu ſeinem Reichskanzler erhoben — wie lange hätte die Herrlichkeit Mordechai's gedauert? Haman und ſeine zehn mächtigen Söhne, im Beſitze ungeheurer Reichthümer, und die andern 75,700 Amalekiter, hätten ſie nicht unaufhörlich gegen die verhaßten Juden agitirt, bis ſie neue Anſchläge ausgeheckt und den wankelmüthigen König auf ihre Seite gebracht hätten?“
„„Freilich, freilich. Alſo ſcheint doch die gänzliche Vernichtung Hamans und ſeines Anhangs das Wichtigſte geweſen zu ſein.““
„Nun neigſt Du Dich wieder dem Orur Ho103mon zu und willſt dieſer Seite des Wunders den Vorzug geben. Es iſt alſo klar, daß es ſehr ſchwer iſt zu entſcheiden, welches das größere, folgenſchwerere Wunder war, ob „Orur Homon“ oder „Boruch Mordechai“. Daher lehren die Weiſen, der Menſch ſei verpflichtet, ſich ſo in die Purimfreude zu vertiefen, ſich gleichſam darin zu berauſchen, das doppelte Wunder nach beiden Seiten zu erwägen, bis daß er keinen Unterſchied mehr erkennt zwiſchen der wunderbaren Errettung, die in dem „Boruch Mordechai“ und der, die in dem „Orur Homon“ liegt. — Ich, ich habe dieſe Deutung aus meiner eigenen Erfahrung geſchöpft; auch mir iſt es unter göttlichem Beiſtande gelungen, ſchon manchen Judenfeind zu ſtürzen, daß das „Orur Homon“ an ihnen ſich erfüllt, und mich hat Gott geſegnet, daß zwei Kaiſer mich hoch gehoben — Boruch Mordechai —; aber weder der Sieg noch die Erhebung waren ſo vollſtändig wie diejenigen der Purimgeſchichte, und daher wächſt eine Gefahr nach der andern hervor. Gott, der Allbarmherzige, der ſchon ſo oft geholfen, wird auch diesmal wieder helfen und uns ein fröhliches Purimfeſt erleben laſſen. Und wenn wir keinen Wein haben, ſo wollen wir uns in der Purimfreude berauſchen.“
Und als nun das Purimfeſt herankam, da las Rabbi Joſelmann die Megillah, die er mit ſich geführt hatte, vor. Laut und fröhlich ſang er die erſte Berachah; bei der zweiten, die da Gott ob der wunderbaren Hilfe preiſt, leuchteten ſeine Augen, aus denen Hoffnung und Gottvertrauen ſprachen, bei der dritten Berachah aber, in welcher wir dem Schöpfer dafür danken, daß er uns dieſe Zeit hat erleben laſſen, fing Jakob laut und bitterlich an zu weinen. Und auch Rabbi Joſelmanns Augen wurden naß beim Anblick der kahlen, feuch104ten Kerkerwände. Ach, er hatte gar mancherlei verſucht, um die Befreiung zu erlangen; aber es war Alles vergeblich geweſen.
Rabbi Joſelmann hatte den Kerkermeiſter durch Geld gewonnen; durch ihn ſandte er Briefe an alle ihm bekannten Herren, die er in der Umgebung des Kaiſers vermuthete. Waren nun die Briefe nicht in die Hände jener Herren gelangt, oder konnten ſie, oder wollten ſie nicht helfen — bis jetzt war ein Erfolg nicht erſichtlich.
Am Purimtage hoffte Jakob mit jeder Minute, daß die Kerkerpforte ſich ihm aufthun würde und gab ſeine Ungeduld durch allerlei Gebehrden und Ausrufungen zu erkennen. Rabbi Joſelmann lächelte dazu.
„Aengſtige dich nicht“, ſprach er, „ich weiß mit Beſtimmtheit: Gott hat der Wunde die Heilung vorausgeſchickt. Es heißt in der Megillah: „Nach dieſen Begebenheiten erhob der König den Haman.“ Nach welchen Begebenheiten? Nachdem die Eſther Königin geworden, nachdem Mordechai Gelegenheit gefunden, dem König das Leben zu retten, da erſt geſtattete Gott die Erhebung des böſen Haman; denn nun waren die Mittel vorhanden, die ſchlimmen Anſchläge desſelben zu Nichte zu machen. Deßhalb verzage nicht, auch für uns iſt die Rettung ſchon im Werke, wenn wir die Wege derſelben auch nicht überſchauen können.“
Der Kerkermeiſter trat ein und brachte Brod und Waſſer.
„Guter Freund“, ſagte Rabbi Joſelmann, „beſorget heute für Jeden von uns einen Krug Bier und einen Häring.“
Der Kerkermeiſter beſorgte das Verlangte, und Rabbi Joſelmann und ſein Diener feierten die Purim=Mahlzeit mit Bier und Häring. Aber 105die Häringe waren alt und ſchlecht und Jakob fragte;
„„Wißt Ihr, wieſo das zu unſerer Lage paßt?““
„Nun?“ fragte Rabbi Joſelmann.
„„Weil man über böſe Hörung (Häring) die Berachah ſagt: Baruch dajon Emeß1Beim Hören ſchlimmer Nachrichten ſagt man die erwähnte Berachah: „Gelobt ſei der wahrhafte Richter“..““
Rabbi Joſelmann lachte herzlich über den Witz ſeines Dieners. Er liebte derartige Witze zwar nicht, aber heute, an Purim, ließ er ſie ſich gefallen. Zudem freute er ſich, daß der arme, verzweifelnde Jakob ſeine gute Laune wiederfand.
II. Theil · Kapitel 19 · S. 105–110
XIX.
Während Rabbi Joſelmann ſeine einfache Purim=Mahlzeit zu ſich nahm, wurde im Palaſte des Grafen von Büren ein opulenteres Mahl eingenommen. Unſere Leſer werden ſich erinnern, daß Maria von Rottbach in die Dienſte der Königin Margaretha, der Tante des Kaiſers und Statthalterin der Niederlande, eingetreten war. Die Königin hatte das gute ſanfte Mädchen liebgewonnen und ihm bei ihrem Tode ein Legat ausgeſetzt, und da hatte ſich denn auch ein Freier für ſie gefunden, Herr Georg von Holde, ein Lieutenant des Grafen von Büren, der das niederdeutſche Fußvolk befehligte. Der Graf von Büren hatte die Hochzeit ausgerichtet, und es ging hoch her im Palaſte des Grafen. Unter den Gäſten befanden ſich auch die Hauptleute des Grafen: Lamoral von Egmont, Fürſt von Garre, der Neffe des Generals, der ſpäter ſo berühmt gewordene Feldherr Philipps II., 106der beim Abfall der Niederlande betheiligt war und ſein Leben auf dem Schaffotte endigen mußte; ferner Reinhard, Herr von Brederode, Johann, Herr von Lyra und Martin von Rosheim. Die Herren waren ſehr heiter und erzählten allerlei Kriegsabenteuer.
„Ich kann Euch etwas erzählen,“ nahm Martin von Rosheim das Wort, „was wohl noch Niemandem von Euch paſſirt iſt. Der Thorſchreiber am St. Pauli=Thore hielt einen Juden, der ſich Joſelin von Rosheim nannte, für meinen Bruder!“
Ein allgemeines Gelächter erſcholl; ein kaiſerlicher Kriegshauptmann der Bruder eines Juden! Es war zu lächerlich.
Die Braut horchte auf, als ſie den Namen: „Joſelin von Rosheim“ hörte.
„Wie kömmt es,“ fragte der Herr von Brederode, „daß ein Jude denſelben Namen wie Ihr führt, Martin?“
„Er heißt,“ antwortete der Gefragte, „Joſelin und ſtammt aus Rosheim, wo einſt das Schloß meiner Ahnen ſtand. Ich ritt hinzu, als ich meinen Namen hörte und rief lachend: Das iſt ja ein Jude! Dem armen Teufel iſt es ſchlecht bekommen; wie man mir ſpäter erzählte, hat man ihn ins Gefängniß der Inquiſition abgeführt.“
„Was hat die Inquiſition mit dem Juden zu ſchaffen?“ fragte Graf Egmont.
„Nach ſpaniſchen Geſetzen,“ entgegnete Herr von Rosheim, „darf kein Jude den Boden betreten, in welchem das Inquiſitions=Tribunal waltet.“
„Wir leben aber nicht in Spanien,“ ſagte Graf Egmont lebhaft. „Ein derartiges Geſetz exiſtirt in den Niederlanden nicht. Man muß den Juden freigeben.“
„Gnädiger Herr,“ nahm die Braut das Wort, 107„ich kenne dieſen Juden, er iſt mein Landsmann. Ganz Elſaß rühmt ihn als den edelſten und beſten Menſchen, als den Wohlthäter der Armen, den Helfer der Bedrängten. Ich bitte Euch, gnädiger Herr, ſorgt für die Befreiung des Unglücklichen.“
„Eure Bitte, ſchönes Bräutchen,“ ſagte Egmont ſich verneigend, „iſt mir Befehl. Ich fühle mich überdies verpflichtet, dafür zu ſorgen, daß in meinem Vaterlande die Geſetze deſſelben gehandhabt werden und ſpaniſch Recht oder vielmehr Unrecht, hier keine Stätte finde. Ich bitte um Urlaub, damit ich es veranlaſſe, daß der unrechtmäßig Eingekerkerte ſofort die Freiheit wieder erlange.“
Er erhob ſich und begab ſich ſogleich in die kaiſerliche Burg, wo er ſich beim Kanzler, dem unter Carl V. allmächtigen Granvalla, melden ließ und auch vorgelaſſen wurde.
Nicolas Peremont, Herr von Granvalla, hatte ſich aus niederen Kreiſen zur höchſten Machtſtellung emporgearbeitet; ſein Vater war einfacher Schloſſermeiſter; er ſelbſt war Advocat in Beſançon geweſen, als Carl ihn in ſeine Dienſte nahm. Im Jahre 1530 machte ihn der Kaiſer zu ſeinem Kanzler und Siegelbewahrer und ſchenkte ihm die Herrſchaft Granvalla in Burgund, nach der ſich der Kanzler von da an nannte.
„Was verſchafft mir die Ehre des Beſuches meines gnädigen Herrn?“ fragte der Kanzler, als Egmont bei ihm eintrat.
„Excellenz,“ ſagte der Graf, „bei einem Hochzeitsmahle erfahre ich ſoeben, daß ein Jude, Namens Joſelin von Rosheim, ganz ohne allen Grund und ohne allen Anlaß in den Kerker der Inquiſition iſt geworfen worden, bloß weil ein ſpaniſches Geſetz den Juden verbietet, das Land zu betreten, in welchem die Inquiſition waltet. Und nun wollte 108ich Euch fragen, Herr Kanzler, ob es denn recht und gut ſei, daß ſpaniſche Geſetze ſo ohne weiteres in den Niederlanden angewendet werden dürfen?“
„Mir iſt der Fall noch nicht zu Gehör gekommen,“ entgegnete Granvalla, „und ich bin Euch dankbar, mein gnädiger Herr Graf, daß Ihr mich davon unterrichtet, zumal da dieſer Joſelin von Rosheim in beſonderer Gunſt bei unſerem allergnädigſten Herrn, dem Kaiſer, ſteht. Kehrt nur ruhig zum Hochzeitsmahle zurück; ich werde ſofort Befehl ertheilen, daß dem Juden die Pforten des Kerkers geöffnet werden.“
Graf Egmont beeilte ſich, der Braut ſeines Freundes die frohe Nachricht zu bringen.
Unterdeß hatte Rabbi Joſelmann ſein karges Mahl bendet. Schon neigte ſich die Sonne dem Untergange zu, als der Kerkermeiſter in Begleitung des Kloſterpförtners erſchien, um die Gefangenen in Freiheit zu ſetzen.
Der Venetianiſche Geſandte am Kaiſerlichen Hofe Carls des Fünften erzählt in ſeinen Memoiren, daß der Kaiſer ſowohl wie ſein Miniſter Granvalla, Alles ſelbſt erledigen wollten. „Dadurch,“ erzählt der Genannte, „entſteht eine Ueberhäufung der Geſchäfte; in Folge deſſen muß Jeder, Groß oder Klein, der bei der Kaiſerlichen Regierung etwas anzubringen hat, lange Zeit vergebens harren, bis die Reihe an ihn kömmt.“
Auch Rabbi Joſelmann erfuhr das. Er ſuchte um Audienz beim Kaiſer nach, und dieſe wurde vorgemerkt. Aber drei volle Monate mußte er in Brüſſel verweilen, ehe an ihn die Reihe kam, beim Kaiſer vorgelaſſen zu werden.
Rabbi Joſelmann richtete ſich deßhalb in Brüſſel häuslich ein; ſein Diener Jakob verſorgte ſeine Küche und buck auch die Mazzoth für das herannahende Peſſachfeſt. Rabbi Joſelmann ſelbſt 109aber widmete ſich während dieſer Zeit der Einſamkeit ausſchließlich dem Studium der Thora. Hier in Brüſſel ſchrieb er ſein Werk „Derach ha Kodeſch“, das iſt: Der Weg zur Heiligung.
„In dieſen drei Monaten“, ſo erzählt Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche, „da ich frei war von allen Geſchäften und einſam in meinem Gemache bleiben durfte, verfaßte ich ein Werkchen, das ich „Derach ha Kodeſch“ genannt habe. Welchen Genuß gewährten mir doch die Tage der Vereinſamung und ich ſprach in meinem Herzen: Heil jenen großen Männern der Vorzeit, die ihren ganzen Sinn und alle ihre Gedanken dahin richteten, ſich fern zu halten von den Eitelkeiten der Welt und ſich nur mit Gottes heiliger Lehre zu beſchäftigen.“
Das Werk, von dem Rabbi Joſelmann hier ſpricht und das auch ſein Enkel, der berühmte Kabbaliſt Rabbi Eliſahu baal Schêm in der Vorrede zu ſeinem Sohar=Commentar als ein ſehr bedeutendes und heiliges Buch rühmt, iſt uns leider nicht erhalten. Nur ein kleines Bruchſtück daraus wird in dem Werke „Joſeph Omez“ §. 18 mitgetheilt. Aber aus dieſem Bruchſtücke kann man ſchon auf die Größe und Erhabenheit des ganzen Werkes ſchließen. Wir wollen das erwähnte Fragment hier mittheilen:
„Es ſchreibt der große Fürſprecher, Rabbi Joſelmann von Rosheim, ſein Andenken ſei zum Segen: „Willſt Du ſo glücklich werden, Dich derart für Gott zu begeiſtern, daß Du das himmliſche Joch vollkommen und ganz auf Dich nehmeſt, ſo verſuche es, Dein Herz nur für eine kurze Zeit von Allem frei zu halten, daß Du den erſten Vers des Schemang (שמע) mit voller Andacht zu ſprechen vermögeſt, und das verſuche ſo oft, bis es Dir vollſtändig gelingt. Haſt Du Dich nun daran ge110wöhnt, den erſten Vers des Schemang mit voller Andacht zu ſprechen, ſo fahre in dieſer Weiſe fort, bis daß Du im Stande ſeieſt, dem erſten Abſchnitte des Schemang dieſelbe Aufmerkſamkeit zu widmen; gelingt Dir das, ſo verſuche es, dieſe vollkommene Andacht auf das ganze Schemang auszudehnen, und nachher auf Alles, was Du leſen und lernen wirſt. Dann wird es Dir nach und nach gelingen, Dein ganzes Herz derart Gott zuzuwenden, daß Du ſelbſt dann keinen anderen Gedanken haſt als Ihn, ſelbſt wann Du mitten in der Nacht erwacheſt — und ſo wirſt Du Gunſt und gutes Verſtändniß finden in den Augen Gottes und der Menſchen.“ —
Welch ein Werk muß das geweſen ſein, das ſolche Lebensregeln enthielt, und welch ein Mann, der dieſe Lebensregeln ſelbſt an ſich erprobt hat — der ſeine großartige Wirkſamkeit für das allgemeine Beſte ſeiner Glaubensgenoſſen für gering gehalten im Vergleich mit der ungeſtörten Hingabe an das Studium der Gotteslehre!
II. Theil · Kapitel 20 · S. 110–116
XX.
Indeſſen unterhielt Rabbi Joſelmann rege Verbindungen mit Deutſchland, ſo daß er von Allem, was ſich dort ereignete, inſoweit es für die Angelegenheiten der Juden von Intereſſe war, genau Kunde hatte.
Wir haben oben bereits erzählt, daß die größte Gefahr von den Türken drohte, die ſich anſchickten, mit ungeheurer Heeresmacht das weſtliche Europa zu überziehen, daß aber der König von Frankreich, der den deutſchen Kaiſer mehr als den Sultan fürchtete, heimlich Verbindung mit Soliman unterhielt und ihm namentlich Geldunter111ſtützung verſprochen hatte. Die deutſchen proteſtantiſchen Stände wiederum neigten ſich ebenfalls, aus Furcht vor dem Kaiſer, dem Könige von Frankreich zu. Daher geſchah das Unerhörte, daß der König von Frankreich in Deutſchland und den Niederlanden die reichen Kaufleute geneigt fand, ihm das Geld zu borgen, das er gegen den deutſchen Kaiſer verwenden wollte, zumal König Franz verſprechen ließ, das Capital mit dreißig Procent zu verzinſen. Der Financier, der die Sache betrieb, war der reiche und angeſehene Kaufmann Kaspar Tuzzi zu Antwerpen; mit ihm ſtanden die Factoren der Welſer zu Augsburg und die Agenten der meiſten reichen Kaufleute in den deutſchen Handelsſtädten in Verbindung. Die Sache wurde ziemlich offen betrieben, und ſo erlangte auch Rabbi Joſelmann durch ſeine Freunde in Deutſchland davon Kunde. Und Rabbi Joſelmann erfuhr Alles, was geſchehen war, und auch die Summe, um die es ſich handelte, „400,000 Goldkronen“, ein für die damalige Zeit ganz coloſſaler Betrag.
Endlich nahete der Tag heran, an welchem Rabbi Joſelmann vor dem Kaiſer erſcheinen durfte. Der Kaiſer war, wie immer, wenn er Rabbi Joſelmann erblickte, außerordentlich freundlich, milde und liebevoll gegen ihn.
„Mein lieber Joſelin“, redete er ihn an, „ich habe Dich lange warten laſſen. Es thut mir das ſehr leid, aber ich kann es nicht ändern. Gott hat meinen ſchwachen Schultern zu viel aufgebürdet; die Laſt der Regierung ruht gar ſchwer auf mir. Und Du haſt auch noch Fährlichkeiten mit der Inquiſition ausgeſtanden, wie mir mein Kanzler erzählt hat!“
„„Dadurch, daß Eure Majeſtät mich ſo gnädig 112empfangen, bin ich für alle Unannehmlichkeiten tauſendfach entſchädigt.““
„Und was willſt Du heute, Joſelin?“
„„Es iſt leider immer daſſelbe, Majeſtät, dieſelbe Angelegenheit, die mich vor 12 Jahren nach Spanien führte, die mich im vorigen Jahre in Augsburg vor Eure Majeſtät hintreten ließ: Ich ſuche Schutz, Gnade, Gerechtigkeit für meine armen Brüder. Ich habe vernommen, daß die Stände, die einen Religionsfrieden ſchließen wollen, verlangen, daß die Juden von dieſem Religionsfrieden ausgeſchloſſen werden, daß derſelbe nur die Chriſtgläubigen umfaſſen ſoll. Iſt das geſchehen, ſo werden die proteſtantiſchen Stände die Juden aus ihren Staaten vertreiben, aufgehetzt von ihren Führern, von Luther, Bucer und den andern. Deßhalb habe ich drei Monate geduldig auf dieſen erhabenen Augenblick gewartet, um die Bitten und das inſtändige Flehen meiner armen Brüder zu den Füßen Eurer Majeſtät niederzulegen.““
„Man drängt mich ſehr wegen der Juden“, ſagte der Kaiſer“; „man ſagt ihnen alles Schlechte nach, man nennt ſie Wucherer, Blutſauger, ungetreue Unterthanen, die ſich mit den Großtürken verbinden würden; man behauptet, ich ſei durch den Gnadenbrief, den ich Dir in Augsburg ertheilt, nicht gebunden. Die Pflicht der Selbſterhaltung heiſche gebieteriſch die Austreibung der Juden.“
„„O, möge doch die Verleumdung nicht ihren Weg finden zu den Ohren und zu dem Herzen Eurer Majeſtät! Unſer großer, erhabener, unüberwindlicher Kaiſer iſt der Vertreter Gottes auf Erden, der Vater und der Schützer aller ſeiner Unterthanen. Gleich der Sonne, die Gott ihre erwärmenden, leuchtenden, erquickenden Strahlen ſenden läßt an Alt und Jung, an Vornehm und 113Gering, an Chriſt und Jude, alſo leuchtet auch die Sonne Eurer Majeſtät über den ganzen Erdball. Und wir Juden — Eure Majeſtät haben keine getreueren Unterthanen als uns. Wenn wir Geld auf Zins ausleihen, ſo geſchieht das deßhalb, weil man uns keinen andern Nahrungszweig geſtattet, weil man uns verwehrt, ein Handwerk zu üben, weil man uns verbietet, Land zu erwerben und den Boden zu bebauen, weil man uns ausſchließt aus den Gilden der Kaufleute. Wir ſollten uns mit den Türken, mit den Landesfeinden verbinden? O, Majeſtät, ich kann es beſchwören, daß kein Jude ſich dazu hergeben würde, gegen ſeinen Kaiſer zu conſpiriren! Dagegen kenne ich Leute, katholiſche und proteſtantiſche Chriſten, Majeſtät, die ein Anlehen zuſammenbringen für Eurer Majeſtät Erbfeind, für den König von Frankreich, der das Geld braucht, um den Erbfeind der Chriſtenheit, den türkiſchen Sultan zu unterſtützen!““
Der Kaiſer fuhr von ſeinem Stuhle auf. „Das iſt ja eine merkwürdige Neuigkeit!“ rief er. „Ich hoffe, Du wirſt Deine Behauptung beſtätigen und beweiſen können, oder Du haſt Dich um Deinen Kopf geredet!“
„Was ich geſagt habe, Majeſtät, iſt mir von meinen Freunden in Deutſchland berichtet worden. Der König von Frankreich braucht 400,000 Goldkronen, die er in Deutſchland und den Niederlanden aufnehmen und mit 30 Procent verzinſen wird. Kaspar Tuzzi in Antwerpen iſt der Unternehmer; mit ihm ſteht Hieronymus Seiler, der Schwiegerſohn des Bartholomäus Welſer, in Verbindung.““
Der Kaiſer ſtampfte mit den Füßen.
„Unerhört“, rief er, „kaum glaublich.“
Er zog an einer Glockenſchnur.
114„Granvella ſoll kommen!“ rief er dem eintretenden Diener entgegen.
Der Kaiſer lief in höchſter Aufregung im Zimmer auf und ab, bis der Kanzler hereintrat.
„Nicolas!“ rief der Kaiſer, „laß Dir doch von dem Juden da deſſen merkwürdige Neuigkeiten mittheilen!“
Rabbi Joſelmann wiederholte, was er dem Kaiſer berichtet hatte.
„Majeſtät“, ſagte der Kanzler, „ich bezweifle die Nachrichten des Herrn Befehlshabers der Juden nicht einen Augenblick; auch mir ſind ſchon dunkle Gerüchte davon zu Ohren gekommen. Was mir aber als die Beſtätigung dieſer Gerüchte erſcheint und die Nachrichten des Herrn Joſelin faſt zur Gewißheit ſtempelt, iſt, daß der von Eurer Majeſtät mit der Negociirung eines Anlehens an der Börſe von Antwerpen betraute Herr Haller von Hallerſtein nur 4000 Gulden hat auftreiben können!“
„Da ſchlage das Wetter darein!“ rief der Kaiſer. „Granvella, ich gebe Dir Vollmacht, die Practiken dieſer gottvergeſſenen Wucherer aus Tageslicht zu ziehen in jeder Weiſe, wie es Dir gut ſcheint!“
Granvella verneigte ſich und ging.
„Joſelin“, ſagte der Kaiſer, „ich danke Dir für die wichtigen Nachrichten, die Du mir gebracht. Ziehe in Frieden nach Hauſe; Deinen Brüdern ſoll kein Haar gekrümmt werden; ich, der Kaiſer, werde ſie gegen alle Angriffe ſchützen!“
Bei dieſen Worten reichte er dem Juden die Hand, die dieſer an ſeine Lippen zog.
Granvella zögerte nicht, den „Practiken“ der „gottvergeſſenen Wucherer“ auf die Spur zu kommen. In damals üblicher Weiſe ließ er die Poſten, die an einem Börſentage von Antwerpen ausgingen, 115niederwerfen und ihre Briefe unterſuchen. Da fand ſich denn die Beſcheerung. Kaspar Tuzzi, Hieronymus Seiler und Alexis Grinnel waren die Negocianten einer franzöſiſchen Anleihe. „Da fiel man“, ſchreibt ein damaliger Chroniſt, „in die Häuſer dieſer Kaufmänner, trieb ſie, ihre Weiber und ihre Kinder, ihre Diener und ihr Hausgeſinde heraus auf die Straße, beſetzte die Häuſer, nahm Bücher, Briefe — Alles, was ſich fand, zur Hand, und es ergab ſich, daß jene Perſonen 400,000 Kronen dem König von Frankreich zu leihen aufgebracht hatten von des großen Wuchers wegen. Darüber ſie der Kaiſer hat eine gute Zeit gefänglich halten laſſen. Darnach hat der Kaiſer alles Geld, ſo dieſe drei aufgebracht, zu ſeinen Händen genommen.“
Jetzt war nun nicht allein der hohe Zins, ſondern auch das Capital verloren.
Und nun werden die geehrten Leſer begierig ſein, zu erfahren, welche große Belohnung Rabbi Joſelmann vom Kaiſer für den doch jedenfalls nicht unbedeutenden Dienſt, den er ihm geleiſtet, erhalten habe? Aber wir müſſen mit den Kämmerern des Achaſchweroſch antworten: Es ihm nichts dergleichen zu Theil worden. — So iſt es in der Welt; wenn ein Jude noch ſo Großes und Wichtiges vollbringt, ſo hat er nur ſeine Pflicht gethan, für die er keinen Dank beanſpruchen darf. Und da iſt es der eine Jude, deſſen gute Eigenſchaften anerkannt werden. Wenn aber ein Jude eine üble That thut, ſo wird die ihm auf das Beſchwerendſte verzeichnet, da heißt es: So ſind die Juden alle.
Was nun Rabbi Joſelmann betrifft, ſo dachte er gar nicht daran, daß ihm der Kaiſer Dank ſchuldig ſei; ihm genügte das Kaiſerliche Wort, daß Carl den Juden in Deutſchland fortan und 116immerdar ein gnädiger Herr und Beſchützer ſein wolle.
Kaum war aber Rabbi Joſelmann zu Hauſe angelangt und hoffte jetzt für ſich und ſeine Brüder Frieden und Ruhe auf lange Zeit, als ein neues Gewitter heraufzog, das um ſo bedrohlicher erſchien, als es von einem Juden, und zwar von einem guten, frommen, gottbegeiſterten, aber in ſeiner Begeiſterung irregeführten Juden ausging. Das Auftreten Rabbi Salomo Molcho's erfüllte alle nüchternen Denker unter den Juden mit Angſt und Schrecken.
II. Theil · Kapitel 21 · S. 116–121
XXI.
Um die nun folgenden Ereigniſſe zu verſtehen, müſſen wir uns im Geiſte in die Zeit verſetzen, in welcher unſre Geſchichte ihren Verlauf nimmt. Es war eine Zeit der höchſten Aufregungen, der gewaltigſten Umwälzungen, der merkwürdigſten Abenteuer. Vierzig Jahre zuvor war ein neuer Welttheil entdeckt worden, bald nachher der Seeweg nach Oſtindien. Dieſe großen Entdeckungen fingen erſt jetzt an, ihre Wirkungen auf die alte Welt zu äußern. Ferdinand Cortez hatte mit geringer Mannſchaft Mexiko erobert, ein Reich, größer, reicher und bevölkerter als Spanien, Deutſchland oder Frankreich. Jetzt erfüllten die wunderbaren Abenteuer des Franzisko Pizarro, des Eroberers von Peru und Chile, die Welt.
Noch von größerer Wirkung auf die Geiſter war die Reformation; ein einfacher Auguſtiner=Mönch hatte dem Papſte, dem Beherrſcher der Kirche, den Krieg erklärt. Die hervorragendſten Geiſter des Jahrhunderts wurden von der Bewegung ergriffen, die aller Orten, in den Paläſten 117der Fürſten, in den Hütten der Bauern, in den Rathsſtuben der Städte, in den Convicten der Klöſter, an Schulen und Univerſitäten hervorbrach.
Im Verlaufe von 13 Jahren hatte die Reformation eine gewaltige Ausdehnung gewonnen, in Deutſchland, in der Schweiz, in Dänemark, in Schweden, und Norwegen, in England und Schottland, ſelbſt in den Niederlanden trotz aller Ketzerverbrennungen; auch in Frankreich und Italien machten ſich vereinzelte Regungen geltend. Dazu kam noch, daß des Kaiſers Heere Rom, die ewige Stadt, erobert und geplündeti hatten. Die Welt ſchien aus den Fugen gehen zu wollen.
Aufregender aber als alles bereits Geſchilderte wirkte die von den Türken drohende Gefahr. Soliman, der wilde Solimann, zog herbei, mordend, ſengend, brennend, um den Halbmond aufzupflanzen und das Kreuz zu verdrängen.
Daß auch die Juden von der allgemeinen Bewegung und Erregung mächtig ergriffen wurden, iſt ſelbſtverſtändlich. Vor dem Eintritte der meſſianiſchen Zeit wird ja alles Feſtſtehende wankend werden und theilweiſe in Trümmer gehen.
Was Wunder, daß viele Israeliten mit Beſtimmtheit die Ankunft des Meſſias erwarteten und demjenigen Glauben ſchenkten, der ſich als ein Vorläufer des Meſſias ankündigte?
Unter den Geheimſchreibern des Königs von Portugal befand ſich ein edler ſchöner Jüngling, Diogo Pires mit Namen. Er war der Sohn eines Marannen, das heißt eines gewaltſam getauften Juden, der zum Scheine das Chriſtenthum angenommen hatte. Diogo war als Chriſt geboren, im Chriſtenthum erzogen und in den Dienſt des Königs getreten. Da kam ein fremder Jude nach Portugal, der auf den feurigen Jüngling einen ſolchen Eindruck machte, daß er ſelbſt die Beſchnei118dung an ſich vornahm und ſich öffentlich zum Judenthum bekannte. Dieſer fremde Jude war David Reubeni.
David Reubeni gab vor, von Chabor zu kommen, wohin einſt Schalmanaſſar, der König von Aſſyrien, die 10 Stämme Israels vertrieben habe, die heute frei und ſelbſtſtändig im fernen Oſten, zahlreich wie Sand am Meere, unter eigenen Königen lebten; er ſelbſt behauptete, er ſei der Sohn eines Königs und ſein älterer Bruder herrſche als König, er ſei gekommen, die Israeliten des Weſtens zu ſammeln und ſie ihren Brüdern im ferneren Oſten zuzuführen; dann würden ſie nach Paläſtina ziehen und das Land der Väter wieder erobern.
David Reubeni, klein und mager, war von ſchwärzlicher Hautfarbe und etwa 45 Jahre alt; er war ſehr fromm und faſtete von Sabbat zu Sabbat. Da man ihm das nicht glauben wollte, ſo beſtellte man Wächter, die ihn Tag und Nacht, die ganze Woche hindurch nicht verließen. Rabbi Jehudah de Balnëis gehörte zu dieſen Wächtern; derſelbe hat bezeugt, daß David ſechs Tage und ſechs Nächte weder Speiſe noch Trank zu ſich genommen.
David Reubeni kam nach Portugal und wurde vom Könige Johann III. in feierlicher Audienz ſehr freundlich empfangen. Dieſer gab ihm Empfehlungsbriefe an Papſt Clemens VII. — Auf die Marannen in Portugal wirkte die Anweſenheit des fremden, jüdiſchen Prinzen wahrhaft berauſchend; aber auf Niemanden ſo wie auf Diogo Pires. Er hatte nächtliche Viſionen und vernahm Stimmen, die ihm befahlen, das jüdiſche Bundeszeichen an ſeinem Fleiſch zu vollziehen. Ganz allein, ohne fremde Beihilfe, nahm er, wie einſt Abraham, die Beſchneidung an ſich vor und wäre beinahe der 119Operation erlegen; aber wunderbar ſchnell genas er. Nun nahm er den Namen Salomon Molcho an, und ging, da David Reubeni ſeinen Uebertritt zum Judenthum mißbilligte, nach dem Orient.
Hier hatte er Viſionen, aus denen er herausdeutete, daß er der Vorläufer des Meſſias werden und den Märtyrertod zur Heiligung des göttlichen Namens erdulden werde. Wunderbar iſt, in welch' unglaublich kurzer Zeit ſich der Jüngling die umfaſſendſten Kenntniſſe in Bibel, im Talmud und in der Kabalah erworben. Nun predigte er, wohin er kam, öffentlich von der baldigen Erlöſung, bekannte ohne Scheu, daß er vom Chriſtenthume abgefallen ſei, weil nur das Judenthum die Wahrheit, und ermahnte zur Buße, Thoraſtudium und guten Thaten. Rabbi Joſelmann bezeugt in ſeinem Tagebuche von ihm: „Werabbim heſchiw meowann“ und Viele brachte er ab von Sünde.
Im Jahre 1529 begab er ſich nach Rom; als er die ewige Stadt erblickte, die Zerſtörerin Jeruſalems, die Hauptſtadt der chriſtlichen Welt, ward er tief traurig und betete inbrünſtig zu Gott. Da vernahm er eine Stimme, welche ihm zurief: „Edom (Rom) wird Israels Eigenthum werden, ſein Fuß wird wanken, Israel aber wird Sieg erringen.“
Im Gewande eines Bettlers weilte er dreißig Tage in Rom, aß kein Fleiſch und trank keinen Wein. Dann hatte er einen merkwürdigen Traum, um ſo merkwürdiger, da derſelbe buchſtäblich in Erfüllung ging. Es wurde ihm nämlich im Traume verkündet, daß über Rom eine große Ueberſchwemmung kommen, und daß in Liſſabon, ſeiner Vaterſtadt, ein furchtbares Erdbeben ſchreckliche Verwüſtungen herbeiführen würde.
Molcho verfehlte nicht, dieſe Verkündigungen ſowohl dem Pabſte als auch dem Könige von Portugal, ſowie aller Welt, mitzutheilen. Und 120ſiehe da, am 8. October 1530, ſchwoll der Tiberſtrom derart an, daß Rom einem reißenden See glich, und wenige Wochen nachher, 26. Januar 1531 verheerte ein ſchreckliches Erdbeben die Stadt Liſſabon, wo viele Häuſer verſchüttet und viele Menſchen unter den Trümmern begraben wurden.
Daß von da an Rabbi Salomon Molcho von Juden und Nichtjuden als ein gottbegnadener Prophet angeſehen wurde, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Man verehrte ihn allgemein, und auch ſeine übrigen Verheißungen fanden überall Glauben. Doch gab es auch unter den Juden beſonnene Männer, die von ſeinem Auftreten Gefahr und Unheil befürchteten. Zu dieſen beſonnenen Männern gehörte auch Rabbi Joſelmann, der befürchtete, daß der mit ſo großen Mühen und vielen Opfern errungener Schutz des Kaiſers durch das Auftreten Molcho's gefährdet würde.
Während jedoch Rabbi Joſelmann, zwar in Angſt und Furcht, aber weit davon entfernt, gegen Molcho etwas zu unternehmen, ruhig der Entwickelung der Dinge harrte, gab es in Italien jüdiſche Männer, die da vermeinten, thätig gegen den Mann vorgehen zu müſſen, der nur zu geeignet war, den Fanatismus der Völker aufzuregen. Während Molcho nach der Fluth gleich einem Propheten verehrt und vom Pabſt Clemens mit Ehrenbezeugungen überhäuft wurde, kam ein Arzt, Namens Jakob Mantin, eigens nach Rom, um gegen den Vorläufer des Meſſias zu agitiren. Er denuncirte den ehemaligen Marannen beim Inquiſitions=Tribunal, das ihn zum Feuertode verurtheilte. Der Pabſt konnte ihn nicht ſchützen. Ein Scheiterhaufen wurde hergerichtet und der Verdammte in die Flammen geworfen. Da geſchah etwas Wunderbares. Als die Richter und Zeugen in das Gemach des Pabſtes traten, um dem Be121herrſcher der Kirche den Tod des ehemaligen Marannen anzuzeigen, fanden ſie dieſen in den Zimmern des Pabſtes. Der Pabſt hatte ſtatt ſeines Schützlings einen zum Tode verurtheilten Verbrecher aus dem Gefängniſſe holen und in die Flammen ſchleudern laſſen. Salomon Molcho aber verließ heimlich Rom, unter dem Schutze päbſtlicher Reiter, die ihm bis Bologna das Geleit gaben.
Es braucht wohl nicht erſt geſagt zu werden, daß durch dieſe Vorgänge Molcho's Ruhm auf das Höchſte ſtieg. Die wunderſüchtige Menge zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß der von Gott Erkorene den Flammen unverſehrt entſtiegen ſei, die keine Gewalt über ihn gehabt, wie ja auch über Abraham nicht, und nicht über Chananja, Miſchaêl und Aſarjah.
Salomon Molcho und David Reubeni hielten es nunmehr an der Zeit, ſich zu Kaiſer Carl V. zu begeben, der ſich damals, im Jahre 1532, zu Regensburg beim Reichstage befand; ſie gedachten, den mächtigſten Herrſcher der Welt für ihre Pläne zu gewinnen.
II. Theil · Kapitel 22 · S. 121–127
XXII.
„Im Jahre 5292 (1532),“ erzählt Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche, „war ich wiederum genöthigt, mich zum Kaiſer, ſeine Majeſtät werde erhöht, zu begeben, der ſich auf dem Reichstage zu Regensburg befand; ich mußte auch diesmal für mein Volk eintreten; und Gott war mit uns und ſchützte uns auch in jenen Tagen vor den Gehäſſigkeiten vieler Fürſten und Stände.“
Der Reichstag zu Regensburg war einer der erregteſten Verſammlungen der Fürſten und Stände des deutſchen Reichs. Die Angſt vor dem Ein122falle der Türken erregte die Gemüther; trotzdem ſtanden Katholiken und Proteſtanten in feindlicher Weiſe gegenüber, nur in einem Punkte einig, im Haſſe gegen die Juden, die ſie gar zu gern aus Deutſchland hätten verbannen mögen, wie die Bedauernswerthen aus England, Frankreich, Spanien, der Schweiz, den Niederlanden, Skandinavien und andern Ländern verbannt waren. Namentlich waren es die Proteſtanten, die, aufgehetzt von ihren Führern, durch zur Schau getragene Verfolgungsſucht gegen die Juden beweiſen zu können vermeinten, daß ſie noch Chriſten ſeien. Da war nun Rabbi Joſelmann der von Gott erkorene Bote, auserſehen, ſein Volk zu ſchützen. Wie einſt beim Beginne der Kreuzzüge die Begeiſterung für das Chriſtenthum die Kreuzfahrer zu den blutigſten Judenniedermetzelungen trieb, ſo ſcheint im Zeitalter Kaiſers Carl V. die tiefgehende religiöſe Bewegung zur bitteren und conſequenten Verfolgung Andersgläubiger getrieben zu haben. Das Wunderbarſte iſt, daß es Rabbi Joſelmann gelang, durch Vermittelung des fünften Carl ſeine Glaubensgenoſſen zu ſchützen. Carl V. war, nachdem er einmal für den Pabſt und den alten Glauben Partei genommen, von ſtreng kirchlicher Geſinnung, ein Begünſtiger und Schützer der Inquiſition. In den Niederlanden ließ er die Ketzer, in Spanien die Marannen ſchaarenweiſe verbrennen; er war es, wie wir bereits oben berichtet, der den milden Pabſt Clemens VII. förmlich dazu zwang, ſeine Einwilligung zur Einführung der Inquiſition in Portugal zu geben, was Tauſende heimlicher Juden in Tod und Verderben trieb. Wir werden noch ſpäter Gelegenheit haben, zu erzählen, wie Kaiſer Carl V. die Juden in Africa verfolgte und Vielen das Leben, Andern das Eigenthum rauben ließ. Und dieſer nämliche Kaiſer war in Deutſchland ein Schirm123herr und Beſchützer der Juden, der ihnen Freiheiten und Privilegien verlieh und mit ſtarker Hand die Verfolgungen und Angriffe der Fürſten und Stände von ihnen fernhielt. Dieſer nämliche Carl, dem Milde und Gnade fern lagen, der die ſteife, ſpaniſche Grandezza ſelbſt ſeinen nächſten Anverwandten gegenüber nicht einen Augenblick lang ablegte, der den geringſten Verſtoß gegen ſeine Würde auf das Entſätzlichſte ahndete — er verurtheilte einſt einen Bauern, der den Kaiſer nicht kannte und einen Fluch gegen ihn ausgeſtoßen hatte, zum Tode und änderte, auf die Fürbitte ſeiner Umgebung, die Strafe dahin ab, daß dem Unglücklichen die Naſe abgeſchnitten werde, was dann auch vollzogen wurde — dieſer nämliche Carl, dem die berüchtigte lex Carolina (Kaiſer Carls V. hochnothpeinliche Halsgerichts=Ordnung), die grauſamſte Geſetzgebung aller Zeiten, ihren Urſprung verdankt, war voll Güte, Milde und Gnade, wann Rabbi Joſelmann vor ihm erſchien, den er nicht anders wie „Mein lieber Joſelin“ anredete. Und ſo gelang es denn auch auf dieſem Reichstage zu Regensburg, auf welchem der erſte Religionsfriede abgeſchloſſen wurde, daß durch des Kaiſers perſönliches Einwirken den Juden günſtige und freundliche Beſtimmungen in den Reichstagsabſchied aufgenommen wurden, Beſtimmungen, welche nicht allein ihr Leben, ihr Eigenthum, ihr Wohnrecht, ſondern auch ihren Handel und Verkehr ſchützen ſollten.
Aber nicht lange durfte ſich Rabbi Joſelmann dieſes Erfolges freuen. Es kam die erſchreckende Kunde, daß Salomo Molcho und David Reubeni mit großem Gefolge und fliegenden Fahnen gen Regensburg zogen, um den Kaiſer für ihre phantaſtiſchen Pläne zu gewinnen. Rabbi Joſelmann, wiewohl der Kabalah außerordentlich kun124dig und ihr eifrig anhangend, war trotzdem ein viel zu nüchterner Denker, als daß er ſich von den glänzenden Erfolgen und Viſionen Molcho's hätte bethören laſſen. Wie wir bereits mehrfach Gelegenheit hatten, zu erwähnen, hat er ſich nie der praktiſchen Kabalah hingegeben, ſondern lediglich der theoretiſchen, die ja nichts iſt als eine Art philoſophiſcher Anſchauung voll Reinheit und Heiligkeit.
Daher kam es, daß ſich Rabbi Joſelmann keinerlei guten Erfolg von Molcho's Treiben verſprach, dagegen das Schlimmſte befürchtete. Er beſchloß ein Abmahnungsſchreiben an ihn zu ſenden. Daſſelbe lautete:
„Dem göttlichen Weiſen, dem großen Manne, dem in der Thora Leuchtenden, dem vollkommen Frommen, Rabbi Salomo, ſein Licht möge leuchten!“
„Deinen guten Ruf habe ich vernommen, wie Du mit Lebensgefahr biſt gekommen unter die Fittige der göttlichen Majeſtät, wie Du dich befleißigt haſt im Studium der Gotteslehre, in Tugend und Frömmigkeit, in Heiligkeit und Reinheit, wie Du überall Gottes lauteres Wort gepredigt und dadurch Viele veranlaßt haſt, vom ſündigen Wege zu laſſen, das Alles iſt mir erzählt worden und deßhalb ehre ich Dich und liebe ich Dich. Aber weil ich Dich ehre und liebe, halte ich mich verpflichtet, Dich abzumahnen von dem Pfade, den Du jetzt betreten haſt. Man hat mir erzählt, Du naheſt Dich der Stadt Regensburg, in der gegenwärtig der Kaiſer, ſeine Majeſtät werde erhöht, weilt, um Dich dem Kaiſer vorzuſtellen und ihn zu bewegen, daß er Dich beauftrage, alle unſere Glaubensgenoſſen zu berufen, von allen Enden der Erde, damit Du an deren Spitze hinziehſt, den Türken zu bekämpfen, ihm 125das Land Israels zu entreißen und einen jüdiſchen Staat unter dem Schutze und der Oberhoheit des Kaiſers zu begründen. — Mein Freund, — mein Bruder, Du biſt groß an himmliſcher Weisheit und erfahren in der Gotteslehre, wie wenig Andere, und ich, ich bin der Geringſten Einer; aber Du weißt, was unſere Weiſen lehren, daß das Zeitalter glücklich zu preiſen, in welchem die Großen hören auf die Geringen; deßhalb höre auf meine Stimme und gehe ab von dieſem Wege! Seit länger als zwanzig Jahren ſtehe ich an der Spitze der jüdiſchen Gemeinden in Deutſchland und ſeit dreizehn Jahren kenne ich den Kaiſer Carl, ſeine Majeſtät werde erhöht. Er war mir ſtets ein gütiger und freundlicher Herr und der deutſchen Juden ein gnädiger Schirmer; er iſt weiſe und bedächtig, ein Feind aller weitſchweifenden, unbedachten, ſich überſtürzenden Unternehmungen. Gehe nicht zu ihm — ich bitte Dich fußfällig darum, Du würdeſt Dir ſelber, Gott behüte, Verderben bereiten und vielleicht auch alle Juden unter der Herrſchaft des Kaiſers in dieſes Verderben verſtricken. Deßhalb laß' ab von dem tollkühnen, im günſtigſten Falle nutzloſen Beginnen. Seitdem Gott unſer heiliges Haus zerſtört hat, ſind wir keine waffenkundige Nation mehr. Du berufſt Dich auf Stimmen, die Du vermeinſt in Deinen Träumen vernommen zu haben? „Die Träume reden Falſches“, ſagt der Prophet. Nicht ſo, wie ſie es Dir verkündet haben, kann die Erlöſung vor ſich gehen. Denn es heißt im Midraſch, daß Gott ſein Volk beſchworen habe, daß es nicht hinziehe, das Land gewaltſam zu erobern. Als Vorbote des Meſſias wird der Prophet Elijahu kommen und die Erlöſung verkünden, damit wir keinem Irrthum zum Opfer fallen. Noch haben wir die Füße des Verkünders 126nicht erſcheinen ſehen auf den Bergen. Sollteſt Du bei Deinem Entſchluſſe beharren, ſo ſage ich Dir: Ich danke Gott dafür, daß unſer Kaiſer, ſeine Majeſtät werde erhöht, ein bedächtiger Monarch iſt, weit davon entfernt, auf ſo ſonderbare, fernliegende Pläne einzugehen. Hätte ich nicht dieſe Ueberzeugung, ſo wäre es mir Pflicht, daß ich mich dem Kaiſer zu Füßen werfen und ihn flehentlich bitten möchte, nicht auf Deine Stimme zu hören; denn ein Eingehen auf Deine Pläne würde unſägliches Unheil über die zerſtreute Lämmerheerde Israels bringen. So aber weiß ich, er wird Dich abweiſen und Dich hart anlaſſen. Aber um Dich trage ich Sorge; ich fürchte Du rennſt in Dein Verderben. O, möge der allgütige Gott geben, daß meine Worte Eingang bei Dir finden und Du umkehreſt zum Frieden. — Das ſind die Worte deſſen, der Dich liebt und ehrt, wie Du es ſo ſehr verdienſt.
„Der geringe Joſeph, mit dem Beinamen Joſelmann von Rosheim, der Sohn des Gerſon, geſegneten Andekens“.
„Hier in der Stadt Regensburg am 15. Tage des Monats Siwan des Jahres 292 nach der kleinen Zahl.“
Rabbi Joſelmann verſigelte den Brief und ſandte ihn durch ſeinen Diener dem Rabbi Salomo Molcho entgegen.
Nach wenigen Tagen kehrte Jakob zurück und erſtattete ſeinem Herrn Bericht.
„Ich traf“, erzählte Jakob, „den Mann in Paſſau. Viele Juden, Italiener, ſind bei ihm; auch ein fremdartig ausſehender Mann, der klein und mager iſt und ſchwarz wie ein Mohr.““
„Das iſt David Reubeni,“ ſagte Rabbi Joſelmann.
„„Rabbi Salomon Molcho iſt ein großer, 127ſchöner Mann von herzgewinnendem Ausſehen; ich übergab ihm Euren Brief. Er las ihn zweimal und gab ihn dann ſeinem ſchwarzen Begleiter. — Gehe hin und ſage Deinem Herrn, ſprach er zu mir, daß ich bedaure, ſeinem Rathe nicht folgen zu können. Ich muß thun, was mir iſt geboten worden.““
„Jakob“, ſprach Rabbi Joſelmann,“ fuhr Jakob in ſeinem Bericht fort, „wir reiſen heute noch ab; ich will mit dieſem Schwärmer nicht zuſammentreffen; der Kaiſer und ſeine Beamten dürfen nicht glauben, daß ich Theil hätte an dieſen thörichten Plänen.“
Noch an demſelben Tage brachte Rabbi Joſelmann ſeine Abreiſe am kaiſerlichen Hoflager zur Anzeige. Dann verließ er mit ſeinem Diener Regensburg.
II. Theil · Kapitel 23 · S. 127–133
XXIII.
Es erregte nicht wenig Aufſehen, da Rabbi Salomon Molcho und David Reubeni mit großem Gefolge und fliegenden Fahnen ihren Einzug hielten. Auf den Fahnen waren die Buchſtaben מכבי in Gold geſtickt; es ſind dies die Anfangsbuchſtaben der Worte des Verſes: „Wer iſt wie Du unter den Mächtigen, o Gott!“ Man ſagt, daß die Fahnen Juda's, des Mackabäers, dieſe Inſchrift getragen haben, ja, daß dieſe Anfangsbuchſtaben, die man „Makabai“ las, den Anlaß gegeben, daß man jenem Helden den Beinamen „der Mackabäer“ gegeben.
Seit dreizehn Jahren wohnten keine Juden mehr in Regensburg, wo ehedem eine in Israel hervorragende Gemeinde und viele große Männer gelebt hatten. Unſre Leſer erinnern ſich, daß die 128Juden im Jahre 1519, gleich nach dem Tode Kaiſer Maximilians, während des kurzen Interregnums, waren vertrieben worden. Noch ſtand die verlaſſene Synagoge. Die Ankömmlinge zogen hinein, und viel Volk, darunter bedeutende Gelehrte, welche die Fürſten und Stände zum Reichstage mitgenommen hatten, folgte ihnen. Rabbi Salomon ſtieg die Stufen zur heiligen Lade, die jetzt leer war, hinan und redete zu dem verſammelten Volke, und zwar in lateiniſcher Sprache, da er des Deutſchen nicht mächtig war.
Er ſprach über die 28 Zeiten, die im Buche Koheleth namhaft gemacht werden. „Eine Zeit zum Geborenwerden“, da Gott die erſten Menſchen erſchuf; „eine Zeit zum Sterben“, da dieſe durch ihre Sünde den Tod in die Welt brachten und aus dem Paradieſe vertrieben wurden; „eine Zeit zum Pflanzen“, da das Menſchengeſchlecht ſich vermehrte auf Erden; „eine Zeit, das Gepflanzte auszureißen“, da die Bosheit der Menſchen die Sündfluth herbeiführte; „eine Zeit zum Erſchlagen“, als das ſündige Geſchlecht des babyloniſchen Thurmbaues ſich gegen Gott empörte; „eine Zeit zum Heilen“, als Abraham die Gotteserkenntniß auf Erden verbreitete; „eine Zeit zum Einreißen“, als Eſau den Weg der Schlange ging, die einſt einen Riß in die Welt gemacht; „eine Zeit zum Aufbauen“, als Jakob den Weltenbau vollendete durch die zwölf Stämme, die Stämme Gottes.
In dieſer Weiſe erörterte und erklärte er die 28 Zeiten, bald gute, bald ſchlimme, manche ſinnige Deutung des heiligen Schriftwortes und der mündlichen Lehre einflechtend, bis er „die Zeit des Friedens“ als die des Meſſias, welcher der Welt den ewigen Frieden bringen wird, darſtellte. Er ſprach ſchön, zu Herzen, begeiſtert und begeiſternd. Selbſt diejenigen, welche die Sprache 129nicht verſtanden, in welcher er redete, waren hingeriſſen, von dem Wohllaut ſeiner Stimme, dem Ausdruck ſeiner Mienen, der Innigkeit ſeiner Redeweiſe.
Rabbi Salomo meldete ſich zur Audienz beim Kaiſer und ließ demſelben ſeine Empfehlungsbriefe von Pabſt Clemens VII. überreichen.
Er erhielt darauf aus der kaiſerlichen Kanzelei eine Zuſchrift, in welcher ihm mitgetheilt wurde, daß er zur Audienz vorgemerkt ſei und abwarten ſolle, bis die Reihe an ihn kommen würde. Rabbi Salomo wartete einige Tage; aber der 27 jährige feurige Jüngling hatte nicht die Geduld, wie einſt Rabbi Joſelmann, Monate lang auf Audienz zu warten; er ging in das kaiſerliche Hoflager und verlangte ungeſtüm, vorgelaſſen zu werden, auf die Empfehlungsbriefe des Pabſtes pochend, und er ruhete nicht, bis der Kaiſer von ſeinem ſtürmiſchen Verlangen Kunde erhielt. Carl war gerade ſehr übler Laune; die Stände hatten eine Beſchwerde=Schrift eingereicht, in welcher ſie ſich alleſammt über die langen Verzögerungen beklagten, welche jeder Einzelne, der ein Anliegen oder ſonſt ein Geſchäft beim Kaiſer hatte, ſich gefallen laſſen mußte.
„Laßt die Juden eintreten!“ befahl Carl ärgerlich.
Salomo Molcho und David Reubeni wurden vor den Kaiſer geführt.
„Was wollt Ihr?“ fragte Carl harſch, die Beiden kaum eines Blickes würdigend.
„„Majeſtät““ ſprach Rabbi Salomo in ſpaniſcher Sprache, ſich tief verneigend, „es iſt ein göttliches Wort, das ich Eurer Majeſtät vorzutragen habe. Gott, der Herr, hat mir einen Engel geſandt, der mich beauftragt hat, Eure Majeſtät zu bitten, daß Ihr meine Brüder, die Juden, ſam130melt und berufet von allen Enden der Erde, damit ſie den Türken bekämpfen, Paläſtina erobern und unter der Oberhoheit Eurer Majeſtät ein jüdiſches Reich in Jeruſalem begründen, damit wieder ausgehe die Lehre von Zion und das Wort Gottes von Jeruſalem!““1Es hat bisher ein Dunkel geherrſcht, über das, was Molcho vom Kaiſer gewollt hat; einige Schriftſteller berichten, Salomo habe den Kaiſer zum Judenthume bekehren wollen. Wie wir es oben mitgetheilt, ſo erzählt es Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche.
„Und das hat ein Engel Gottes Dich geheißen?“
„„Derſelbe Engel, der mir die Ueberſchwemmung zu Rom, das Erdbeben zu Liſſabon im Voraus verkündet.““
„Ich habe davon vernommen. Kennſt Du Joſelin, den Befehlshaber der deutſchen Juden?“
„„Seinen Ruf habe ich vernommen; auch habe in Paſſau ein Schreiben von ihm erhalten.““
„Und was hat er Dir geſchrieben?“
„„Er bat mich, von meinen Plänen abzuſtehen und dieſelben Eure Majeſtät nicht vorzutragen.““
„Und warum willfahrteſt Du ſeiner Bitte nicht?“
„„Ich muß thun, was Gott mir befohlen.““
„Du biſt kein Deutſcher?“
„„Ich bin in Liſſabon geboren.““
„Wie alt biſt Du?“
„„27 Jahre.““
„So biſt Du im Jahre 5 geboren, in einer Zeit, in welcher die Juden in Portugal nicht mehr geduldet wurden?“
„„So iſt es, Majeſtät!““
„So biſt Du als Chriſt geboren und getauft worden! Wieſo biſt Du Jude?“
„„Ich habe mich ſelbſt beſchnitten.““
„Und warum haſt Du das gethan?“
131„„Weil das Judenthum die Wahrheit iſt, weil ein einziger Gott iſt der Schöpfer des Himmels und der Erde, und Israel, Sein Volk. Deßhalb bin ich zum Glauben meiner Väter zurückgekehrt, den dieſe, dem Zwange nachgebend, verlaſſen hatten.““
„So biſt Du ein abtrünniger Maranne und gehörſt vor das Tribunal der Inquiſition.“
Dann wandte ſich der Kaiſer an die anweſenden Diener und ſprach kalt und ruhig:
„Führet die Beiden in das Gefängniß ab!“
„„Majeſtät,““ rief Salomo, „„ich habe einen Schutzbrief des Pabſtes!““
Der Kaiſer hörte nicht auf ihn; Molcho und Reubeni wurden ergriffen, gefeſſelt und ins Gefängniß geworfen.
Als die Beiden abgeführt waren, ſagte der Kaiſer zu ſeinem Kanzler Granvella:
„Ein kluger, vernünftiger Mann iſt Joſelin; er hat ſich von dieſem Schwärmer nicht bethören laſſen.“
Rabbi Salomo Molcho und David Reubeni ſchmachteten lange in dem Gefängniſſe. Der Kaiſer ließ ſie mit ſich nach Italien ſchleppen. In Bologna2Andere Geſchichtsquellen berichten, daß Molcho in Mantua den Märtyrertod erlitten habe. Rabbi Joſelmann aber erzählt in ſeinem Tagebuche, daß es in Bologna geſchehen ſei. warde Rabbi Salomon vor das Inquiſitions=Tribunal geſtellt und von dieſem zum Feuertode verurtheilt.
Unter dem Zuſammenlaufe einer zahlloſen Menge wurde Rabbi Salomo zum Tode geführt. Man hatte ihm einen Knebel in den Mund geſteckt, um ihn zu hindern, zu der Menge zu ſprechen, weil man ſeine hinreißende Beredſamkeit fürchtete.
132Ruhig und gottergeben war Rabbi Salomo im Begriff, den Scheiterhaufen zu beſteigen, als ein Beamter des Kaiſers erſchien, und den Knebel aus dem Munde des Verurtheilten zu entfernen befahl.
„Diogoe Pires“ ſprach der Beamte, „der Kaiſer will Dich begnadigen, wenn Du das Judenthum abſchwörſt und Dich wiederum zum Chriſtenthum bekenneſt“.
Rabbi Salomo ſchüttelte das Haupt.
„Sei kein Thor“, ſagte der Beamte, „und ergreife mit beiden Händen die Gnade des Kaiſers. Es ſoll Dir nicht allein Dein Leben geſchenkt, es ſoll Dir auch volle Verzeihung werden. Die höchſten Ehrenſtellen ſollen Dir offen ſtehen.“
Und Salomo ſprach:
„Daß ich früher in den Wegen jenes Geſetzes gewandelt, beklagt und betrauert mein Herz heute noch! — Thut mit mir, wie es Euch gut dünkt! Meine Seele wird in das Haus ihres Vaters zurückkehren, ſo, wie in ihrer Jugendzeit. Damals war ihr ja beſſer als jetzt!“
Als er ſo geſprochen, ergriffen ihn die Henker und warfen ihn die Flammen.
Es fehlte nicht an Leuten, die da behaupteten, Rabbi Salomo Molcho ſei auch diesmal dem Tode entronnen und würde wiederkehren, wie einſt in Rom. Allein ſie harreten ſeiner Wiederkehr vergeblich.
Als Solomo und David in Regensburg verhaftet wurden, waren Viele ihres Gefolges entflohen; andere gefänglich eingezogen worden. Man gab dieſen die Freiheit wieder. Nur David Reubeni wurde ſelbſt nach dem Märtyrer=Tode Salomo's feſtgehalten.
Ueber ihn, als einen Juden, der niemals die 133Taufe empfangen, hatte das Inquiſitions=Tribunal keine Macht und konnte ihn nicht verurtheilen.
Trotzdem ließ ihn der Kaiſer nicht frei. Er wurde nach Spanien gebracht, wo er, viele Jahre nachher, im Gefängniſſe ſtarb.
Als Rabbi Joſelmann die Nachricht von dem traurigen Ende Molcho's erhielt, beklagte er das Geſchick deſſelben gar ſehr; zugleich aber pries er Gott, daß Er die Gefahr, die von dieſem edlen, aber irregeleiteten Schwärmer der geſammten Judenheit gedroht hatte, gnädiglich abgewendet.
II. Theil · Kapitel 24 · S. 133–139
XXIV.
Es war im Jahre 1533, als Markgraf Georg von Brandenburg=Culmbach zum dritten Male den Bund der Ehe ſchloß. Dieſer Markgraf Georg war einer der merkwürdigſten Männer des Zeitalters der Reformation. Einer bewegten Jugend folgte bei ihm ein unruhiges Alter. Sein Vater, Markgraf Friedrich, hatte eine polniſche Prinzeſſin geheirathet, die ihm 17 Kinder gebar. Als die Söhne heranwuchſen, entthronten ſie ihren alten Vater, der für ſie zu lange regierte, und ſperrten ihn in ein feſtes Schloß, die Plaſſenburg. Nach einem Ballfeſte, noch mit Masken vor dem Geſicht, mit Fackeln in den Händen, überfielen ſie den ſchlafenden Alten und ſperrten ihn ein. Sein Nachfolger in der Regierung ward Markgraf Kaſimir, ſein älteſter Sohn, während Markgraf Georg, der zweite ſeiner Söhne, nur einen kleinen Theil des armen Landes erhielt. Dieſer kleine Theil konnte den wilden Markgrafen nicht an ſeine ärmliche Heimath feſſeln; er ging nach Ungarn und wurde dort Gouverneur des jungen Königs Ludwig, dem die Geſchichte den Namen des 134Frühzeitigen gegeben. Hier lebte der Markgraf in Saus und Braus mit ſeiner erſten Gemahlin, einer Ungarin. Als der junge König Ludwig, der Schwager des deutſchen Kaiſers, in der Schlacht von Mahocs gegen die Türken fiel und als bald darauf Markgraf Kaſimir ſtarb und nur unmündige Kinder zurückließ, da kehrte Markgraf Georg nach Culmbach zurück, als Vormund ſeiner Neffen und als Beherrſcher ſeines eigenen Antheils am Erbe des damals noch lebenden Vaters.
Markgraf Georg galt als eine der Hauptſtützen der neuen proteſtantiſchen Kirche. Auf dem Reichstage zu Augsburg hatte er dem Kaiſer erklärt, er wolle lieber ſeinen Kopf verlieren, als ſich der Frohnleichnamsproceſſion anſchließen, worauf der Kaiſer lächelnd erwiedert: „Nicht doch, lieber Fürſt, nicht Kopf ab!“
Georgs zweite Gemahlin war Hedwig, Prinzeſſin von Münſterberg in Schleſien; der Markgraf war, als ſie kinderlos ſtarb, ihr Erbe und hatte durch ſie bedeutende Beſitzungen in Schleſien erworben. Nun hatte er ſich mit Aemilia, einer Tochter des Herzogs Heinrich von Sachſen, einer Schweſter des ſpäter ſo berühmt gewordenen Kurfürſten Moritz von Sachſen, vermählt. Damals trug dieſe Linie noch nicht den Kurhut; es war die Nebenlinie, die in Dresden und Freiberg regierte; dennoch war Prinzeſſin Aemilia ehrgeizig und anſpruchsvoll. Da das arme Land die Koſten des Prunks und der Feſte nicht aufbringen konnte, ſo befand ſich Markgraf Georg immer in Geldverlegenheiten.
Der eigentliche Regent der Brandenburg=Culmbachiſchen Lande war der Kanzler des Markgrafen, Georg Vogler. Auch er war eine der Hauptſtützen der Reformation, ein intimer Freund von Luther und Melanchthon. Schon unter Markgraf Kaſimir 135hatte er das Land beherrſcht. Zugleich unterhielt er intime Verbindungen mit einem andern Bruder ſeines Herrn, dem Herzoge Albrecht von Preußen. Dieſer hatte als Ordensmeiſter des deutſchen Ordens das geiſtliche Gewand abgelegt, war Proteſtant geworden und hatte das Ordensland in ein weltliches Herzogthum umgewandelt. Auch den Vettern ſeines Herrn, den Brandenburgern in Berlin an der Spree, ſtand Vogler nahe, ſo daß ſein Einfluß der weitgehendſte war.
In des Markgrafen Character kämpften die wunderlichſten Gegenſätze. Angeborene Leidenſchaftlichkeit konnte ihn in der Hitze zu unüberlegten Handlungen fortreißen, und plötzlich zügelte ihn ein Gebot der Mäßigung, das wie Weisheit ausſah, das aber auch ein Uebermaaß von Erwägungen oder geradezu Furcht ſein konnte. Auf letzterer ertappte er ſich dann wohl ſelbſt, handelte nun erſt recht ſchroff, nur um nicht ſchwach zu erſcheinen. Manchmal ſtellten ſich bei ihm Reizbarkeit und Schwermuth ein. Erwartete man in ſolchen Fällen, daß er hätte die Kutte des Einſiedlers anthun ſollen, ſo gab er zu Aller Ueberraſchung das Schauſpiel des grellſten Umſchlags. Dann beſann er ſich, wie reich, wie phantaſtiſch ſchön ſein Jugendleben, ſein Aufenthalt in Ungarn geweſen; dann trällerte er magyariſche Lieder, ſchlug die Sporen ſeiner türkiſchen Stiefel aneinander, ließ Ballfeſte, Tourniere, Schaugepränge aller Art abhalten, bis ihn Geldverlegenheit aus dem Taumel der Luſt riß. Dann wurde er — religiös und ſchrieb empfindſame Briefe an ſeine proteſtantiſchen Freunde.
Es war einmal wieder ein Moment der Geldnoth eingetreten. Die Vermählung, die Einzugsfeierlichkeiten, die Feſte und Tourniere zu Ehren der jungen Gemahlin hatten viel Geld verſchlungen, 136und immer noch forderte die Markgräfin neue, koſtſpielige Feſtlichkeiten. Markgraf Georg wußte ſich keinen Rath; er ſaß wie ſtumpfſinnig da, dumpf vor ſich hinbrütend.
Da trat der Kanzler, Georg Vogler, herein, einen Stoß Acten in der Hand haltend.
„Durchlauchtigſter Herr“, ſagte er, nach ſeiner Gewohnheit mit den Augen blinzelnd, „ich bringe Rettung aus der Noth.“
Man konnte ſich nichts Häßlicheres denken als dieſen Markgräflich=Brandenburg=Culmbachiſchen Kanzler, Georg Vogler. Er war lang und hager und hinkte ein wenig; er hielt den Kopf geſenkt, blickte ſcheu bald rechts, bald links und war ungleichen, bald langſamen, bald beſchleunigten Schrittes. Aber der Markgraf ſetzte volles Vertrauen in ihn. Vogler hatte ſechs Jahre lang das Land allein regiert; er hatte die Finanzen leidlich geordnet, und die Einkünfte des Markgrafen durch die ſogenannte Kirchenverbeſſerung nicht wenig vermehrt; er hatte Klöſter und Stifter theils ganz aufgehoben, theils an der Aufnahme neuer Novizen verhindert, ſo daß das ganze Eigenthum oder ein Theil derſelben in die Markgräfliche Kaſſe floß, wie ja — außer den Mißbräuchen in der Kirchenverfaſſung — das Confisciren der geiſtlichen Güter ein Hauptmotiv der Reformation war.
Mit großer Spannung blickte der Markgraf auf ſeinen Kanzler.
„Willſt Du,“ fragte er, „wieder Klöſter aufheben? Es ſind keine mehr zum Aufheben da. Die wenigen, die Du auf den Ausſterbe=Etat geſetzt, ſollen bleiben, bis ihre Inſaſſen geſtorben ſind. Der Luther und Du — Ihr reformirt mir zu viel!“
Markgraf Georg hatte manchmal derlei Anwand137lungen; dann machte er ſich Vorwürfe, mit Luther zu weit gegangen zu ſein; dann wollte er die Beichte und das Meßopfer zurückhaben.
„„Es handelt ſich diesmal um etwas Anderes, Fürſtliche Gnaden!““ ſagte der Kanzler. „„Hier, dieſe Acten melden, daß auf Euer Durchlaucht Beſitzung, in Ratibor in Schleſien ein ſchändlicher Mord vollbracht iſt worden. Man hat ein Kind von fünf Jahren im Walde ermordet gefunden. Die Volksſtimme behauptet, daß die Juden das Kind ermordet haben, um deſſen Blut zur Bereitung ihrer Oſterkuchen zu benützen. Euer Durchlaucht Amtmann zu Ratibor hat die Juden, circa zweihundert, einſperren und bei dem Vorſteher, ſowie bei noch zwei angeſehenen Männern die Tortur anwenden laſſen. Da haben ſie bekannt, das Verbrechen begangen zu haben.““
„Und glaubſt Du das Märchen, Vogler? Ich habe in Ungarn viel mit Juden verkehrt. Da war der Jude Emmerich mein guter Freund, ein braver und tüchtiger Mann. Er verwaltete die Finanzen, als der junge König Ludwig noch mein Zögling war. Gar oftmals habe ich mit Emmerich von jenem Märchen geſprochen; er behauptete, daß dergleichen niemals vorgekommen, daß Haß und Niedertracht Solches ausgedacht haben.“
„„Fürſtliche Gnaden, ob Ihr oder ich es glauben — das iſt gleichgiltig. Die Juden haben bekannt; da kann ſich Euer fürſtliches und mein juridiſches Gewiſſen beruhigen. Was ſoll daraus werden, wenn man dem Bekenntniſſe der Sünder nicht mehr glauben wollte?““
„Das Bekenntniß iſt aber durch die Folter erpreßt!“
„„Und wird nicht jeder Dieb gehängt, dem die Folter das Geſtändniß erpreßt hat? Laſſen wir die Thatſachen, wie ſie ſind, und ziehen wir 138Vortheil daraus. Die Juden werden verbrannt, und ihr Vermögen fällt Eurer fürſtlichen Kaſſe anheim. Ich habe die Urtheile ausgefertigt und zur Unterſchrift vorbereitet.““
Mit den Augen zwinkernd, wie ſeine Gewohnheit war, breitete er die Urtheile vor dem Markgrafen aus.
Dieſer las ſie ſorgfältig.
Dann ſprang er auf.
„Was“, ſchrie er, „ich ſoll 200 Menſchen auf einmal zum Feuertode verurtheilen?“
„„Fürſtliche Gnaden, die Juden in Ratibor und Umgegend, ſind, wie mir Bernhard Engel, Euer Amtmann, ſchreibt, wohlhabend; es wird eine erkleckliche Summe in die Staatskaſſe fließen, die Euren Verlegenheiten ein Ende bereiten wird.““
„Und dennoch thu' ich's nicht! Gut, die drei Juden, die bekannt haben, ſie mögen verbrannt werden; die Andern aber ſollen auch erſt bekennen!“
Er ſetzte ſich nieder und unterſchrieb das Todesurtheil für die drei Männer, das Vogler beſonders ausgefertigt hatte.
Während ſich alles Dieſes in Culmbach ereignete, hatten Schrecken und Angſt die jüdiſchen Bewohner von Schleſien ergriffen. Wenn 200 Juden in Ratibor verbrannt wurden, ſo war eine grauſame, blutige Judenverfolgung in ganz Schleſien ſowie im benachbarten Polen, wo Hunderttauſende von Glaubensgenoſſen wohnten, vorauszuſehen. In ihrer Angſt hatten ſie Eilboten nach Frankfurt am Main geſchickt, wo die Vertreter der deutſchen Judenheit gerade verſammelt waren. Wie immer war es Rabbi Joſelmann, den man erſuchte, zum Markgrafen zu reiſen, um den unſchuldig Angeklagten das Leben zu retten. Rabbi Joſelmann machte ſich auch alsbald auf den Weg. Rabbi Lieber139mann Nördlingen, ein angeſehener Frankfurter Jude, begleitete ihn.
II. Theil · Kapitel 25 · S. 139–144
XXV.
Wiederum ritt Rabbi Joſelmann Main= aufwärts — zum wievielten Male, ſeitdem er 23 Jahre zuvor in der Pfefferkorn'ſchen=Bücher=Verbrennungs=Angelegenheit zum erſten Male im Intereſſe des Judenthums den Weg zurückgelegt? Ohne Aufenthalt ritten die beiden Abgeſandten, ihrer Pferde nicht ſchonend, über Hanau nach Aſchaffenburg, dann durch den wilden Spechteshard (Speſſart), der Gefahren nicht achtend, welche von Räuberbanden drohten, die ſeit den Bauernkriegen im Speſſart hauſten. Reiſten ſie doch in einer gottgefälligen Sendung, Menſchenleben zu retten! Da ſtanden ſie unter Gottes beſonderem Schutz, und weder Räuber noch wilde Thiere konnten ihnen etwas anhaben. Glücklich paſſirten ſie den Speſſart, wohlbehalten kamen ſie nach Würzburg, wo ſie Sabbat hielten; dann ſetzten ſie die Reiſe fort nach dem kunſtfertigen Nürnberg, wo noch vor nicht gar langer Zeit eine jüdiſche Gemeinde geblüht hatte. Zu Kaiſer Maximilians Zeit waren unter der Zuſtimmung des Kaiſers die Juden ausgetrieben worden; damals war Rabbi Joſelmann noch ein Knabe geweſen und hatte die Austreibung nicht verhindern können. In Nürnberg erfuhren die beiden Abgeſandten, daß ſich der Markgräfliche Hof augenblicklich in Schwabach befinde.
Rabbi Liebermann wollte ſofort den Markgrafen aufſuchen; aber ſein vielerfahrener Begleiter zog es vor, zunächſt mit dem Kanzler zu ſprechen.
140Georg Vogler empfing die beiden Juden ſehr ungnädig.
„Was wollt Ihr?“ fragte er barſch. „Mich beſtimmen in den Gang der Juſtiz einzugreifen? Das ſollte mir fehlen! Es geſchieht den Juden ganz recht! Warum verharren ſie in dem alten Unglauben? Eine neue Sonne iſt in Wittenberg aufgegangen, eine Sonne des Glaubens, eine Sonne des Gotteswortes! Aber die Blinden wollen ſie nicht ſehen. Da thut man am Beſten, jede Gelegenheit zu benützen, ſie mit Feuer und Schwert hinzurichten!“
„Herr Kanzler“, ſagte Rabbi Joſelmann mit edlem Stolze, „wenn Euer neuer Glaube Euch ſo unmenſchlich denken lehrt, ſo wäre es beſſer, die neue Sonne wäre Euch niemals aufgegangen! Herr Kanzler, Ihr ſeid ein ſtudirter Mann, ein gewiegter Juriſt, ein gelahrter Herr; ich weiß es, Ihr glaubt jenes alberne Mährchen nicht, um deſſentwillen jetzt zweihundert meiner Glaubensverwandten verbrannt werden ſollen. Wie gefällt es Euch, wenn in Bayern oder in den Niederlanden oder im Salzburgiſchen die Lutheriſchen verbrannt und hingerichtet werden — und Ihr wollt die Schuld Euch aufladen, daß zweihundert unſchuldige Menſchen, deren Blut gegen Euch zu Gott aufſchreien wird, getödtet werden? Ja, es kann eine blutige Judenmetzelei daraus folgen in Schleſien und Polen, es kann Tauſenden Eigenthum und Leben koſten, wenn . . . .“
„Was kümmert mich das Alles“, unterbrach ihn der Kanzler, „wir haben das Geſtändniß der Verbrecher, und das genügt.“
„Gnädiger Herr Kanzler“, nahm Rabbi Liebermann das Wort, „wir ſind die Abgeſandten der deutſchen Judenheit, im Stande uns dem Herrn Kanzler dankbar zu beweiſen, wenn . . . .“
141„Und wie viel würdet Ihr's Euch koſten laſſen?“
„„Was würde der Herr Kanzler verlangen?““
Vogler ſchwieg; er überlegte es ſich, daß er dem Markgrafen gegenüber zu weit gegangen war, um jetzt ihn anders zu beſtimmen; er hatte viele Feinde, die ihn beobachteten. Der Beſuch der Juden konnte nicht verſchwiegen bleiben; man würde ihn beim Markgrafen verdächtigen und der Beſtechlichkeit anklagen.
„Geht“, ſagte er, „ich laſſe mich nicht beſtechen!“
„„Herr Kanzler!““ flehte Rabbi Liebermann.
„Geht!“ wiederholte Georg Vogler.
„Hilfe und Rettung wird uns von andrer Seite kommen!“ ſprach Rabbi Joſelmann laut und verließ das Gemach; ſein Begleiter folgte ihm.
Der Kanzler ſchwankte. Sollte er die Beiden zurückrufen und mit ihnen verhandeln? Er kannte Rabbi Joſelmann vom Reichstage zu Augsburg her; aber doch nicht genug, um deſſen Energie geziemend zu beurtheilen; denn Vogler war vom Markgrafen wegen ſeines Uebereifers für das Lutherthum gleich in den erſten Tagen von Augsburg fortgeſchickt worden.
Er ließ die beiden Abgeſandten gehen und rief ſie nicht zurück.
Als die Beiden das Abſteigequartier des Kanzlers verlaſſen hatten, harrte ihrer ein Diener auf der Straße und erſuchte ſie, ihm zu folgen. Sie thaten alſo und wurden von dem Diener in ein Haus geführt, in welchem ihnen ein Herr von würdigem Ausſehen entgegentrat.
142„Ich heiße Sebaſtian Heller“, ſprach er, „bin Doctor juris und Vicekanzler dieſes Landes. Wie ich vernehme, ſeid Ihr die Abgeſandten der Juden, wegen der beabſichtigten Metzelei in Ratibor. Mein Herz blutet mir, wenn ich daran denke. Iſt deßhalb die neue Sonne des Evangeliums in Wittenberg aufgegangen, daß man um des Glaubens halber morde und brenne? Das ſollte man füglich der Inquiſition überlaſſen; aber die neue Lehre ſollte man nicht mit ſolcher Verfolgungsſucht beſchmutzen. Schon habe ich mit dem Kanzler in dieſer Angelegenheit geſprochen. Aber er iſt gegen alle vernünftigen Gründe blind und taub, und er allein beſitzt das Vertrauen unſeres Herrn, iſt der Beherrſcher dieſes Landes!“
„„Segne Euch Gott, gnädiger Herr““, ſagte Rabbi Joſelmann; „„Ihr erquickt und belebt unſer bekümmertes Herz. Könnt Ihr uns keinen Rath ertheilen?““
„Doch, das will ich, und deßhalb habe ich Euch zu mir beſchieden. Ihr müßt vor allen Dingen die Markgräfin gewinnen. Geht nach Nürnberg zurück und kaufet der Fürſtin ein koſtbarlich, fürnehm Geſchmeide von purem Golde und venetianiſcher Arbeit oder ein koſtbares Armband, reich mit edlen Steinen beſetzt. Das wird Euch ihre Gunſt erwerben. Und habt Ihr erſt in der Markgräfin eine Fürſprecherin, ſo gehet getroſt zum Markgrafen und bietet ihm Geld, viel Geld; denn er bedarf deſſen ſehr.“
„„Und wird der Markgraf ob ſolchen Erbietens uns nicht zürnen?““
„Das wird er; aber er wird ſchließlich doch das Geld nehmen. Und außerdem werde ich und ein guter Freund, der Kammermeiſter Herr von Bendorf, wir werden in der Nähe ſein, um Euer 143Geſuch beim Markgrafen zu unterſtützen; und es müßte ſchlimm zugehen, wenn unſere gemeinſame Bitten nicht, trotz Vogler, die ſchleſiſchen Juden frei machen ſollten.“
„„Das gebe Gott! Euch aber, gnädiger Herr, werden wir uns dankbar bezeigen!““
„Ich verlange keinen Dank; wenn Gott nur den blutigen Anſchlag des Mannes vereitelt, der ſchon in ſeinem Aeußern Beelzebub gleicht.“
Die beiden Abgeſandten verabſchiedeten ſich vom Vicekanzler. Dieſer ſah ihnen nach und ſprach: „Du biſt geliefert, Vogler; Dich zu ſtürzen hat uns weiter nichts gefehlt als das Geld, das dieſe Juden aufbringen!“
Rabbi Joſelman und ſein Begleiter kehrten voll froher Hoffnung nach Nürnberg zurück. Hier wanderten ſie von eines kunſtreichen Goldſchmiedes Werkſtätte in die andere, ohne zu finden, was ſie ſuchten. Auf Beſtellung wollte ihnen ein jeder das Schönſte und Beſte liefern; vorräthig hatte Niemand etwas Paſſendes. Da erfuhren ſie, daß der Nürnberger Kaufmann, Hieronymus Baumgartner, unlängſt von einer durchreiſenden italieniſchen Gräfin ein gar köſtlich Geſchmeide, eine Arbeit des berühmten italieniſchen Meiſters Benvenuto Cellini, erſtanden habe und wieder zu verkaufen bereit ſei. Sie verfügten ſich zu ihm. Was ſie dort fanden, übertraf ihre Erwartung. Es war ein „Bruſtbehang“ von Gold, gar künſtlich gearbeitet, mit kleinen Smaragden, Topaſen und Rubinen beſetzt. Sie kauften das Geſchmeide und machten ſich wieder auf den Weg.
Als ſie nach Schwabach kamen, hatte der Markgäfliche Hof die Stadt verlaſſen, um ſich nach Ansbach zu begeben. Es blieb ihnen nichts 144übrig, als dem Hofe nach Ansbach zu folgen. So folgte eine Reiſe der andern — hin und her, her und hin. Und wie war das Reiſen in jener Zeit beſchwerlich und anſtrengend! Und Rabbi Joſelmann war kein Jüngling mehr; er zählte bereits 55 Jahre. Aber nichts konnte ſeinen Muth ſchwächen und ſeinen Eifer lähmen, wenn es galt für die Rettung ſeiner Brüder thätig zu ſein. Ein gleiches Streben beſeelte ſeinen Begleiter.
Als ſie nach Eſchenbach kamen, ging die Sonne unter und ſie mußten dort übernachten. Die beiden jüdiſchen Abgeſandten hatten wohl keine Ahnung davon, daß in dieſem Städtchen faſt 400 Jahre zuvor der berühmte deutſche Dichter Wolfram von Eſchenbach war geboren worden. Deſto mehr intereſſirte es Rabbi Joſelmann, daß er in der Herberge „zum Storchen“ zwei Markgräfliche Diener fand, die allem Anſcheine nach einen weiten Ausritt unternehmen ſollten. Rabbi Joſelmann machte ſich bekannt mit ihnen, ließ ihnen vom beſten Wein reichen und erfuhr von den redſeligen Männern, daß ſie im Auftrage des Kanzlers Vogler Briefſchaften an die Höfe von Berlin und Königsberg zu überbringen hatten.
Als Rabbi Joſelmann mit ſeinem Begleiter am andern Tage nach Ansbach kam, verfehlte er nicht, dem Vicekanzler Dr. Haller von ſeiner Entdeckung Kunde zu bringen. Dieſer ſandte ſofort eine Schaar Bewaffneter aus, welche den beiden Reitern nachſetzen, ſie niederwerfen und ihnen die Briefſchaften abnehmen ſollten.
II. Theil · Kapitel 26 · S. 144–149
XXVI.
Zwei reiſende Kaufleute, die einen Schmuck verkaufen möchten, wurden der Markgräfin Aemilia 145gemeldet und vorgelaſſen. Die hohe Frau war ganz hingeriſſen von der Pracht des Geſchmeides; aber mit Bangen fragte ſie nach dem Preiſe deſſelben; denn ſie wußte, daß in den markgräflichen Caſſen große Ebbe war.
„Wollen Eure Durchlaucht gnädigſt geruhen“, ſagte Rabbi Joſelmann, „dieſes Bruſtgehänge als einen Beweis der Verehrung anzunehmen, die wir für Eure Fürſtliche Gnaden im Herzen tragen.“
Aengſtlich ſchaute die Markgräfin den Juden an; ſie glaubte, er ſei plötzlich wahnſinnig geworden.
Rabbi Joſelmann bemerkte den Blick und fuhr lächelnd zu reden fort:
„Wir erwarten dagegen von Eurer Durchlaucht eine gnädige Fürſprache bei Hochdero Gemahl, unſrem gnädigſten Herrn Markgrafen. Gnädigſte Frau, 200 unſerer Glaubensverwandten ſollen auf den ſchleſiſchen Beſitzungen Seiner Durchlaucht unſchuldig gemordet werden. Man hat ein wahnſinniges Mährchen erſonnen, an deſſen Wahrheit kein Menſch glaubt — nicht Seine Durchlaucht, der erlauchtete Fürſt, der Stolz und die Hoffnung des proteſtantiſchen Glaubens, nicht der Kanzler Georg Vogler . . . .“
„Der häßliche Kanzler“, unterbrach ihn die Markgräfin, „der geizige, habſüchtige, ehrgeizige Menſch! Doch fahrt fort!“
„„Gerade dieſer, durchlauchtigſte Frau, iſt der Feind und Bedränger unſerer Brüder . . . .““
„Und Ihr wollt mir wirklich dies fürſtliche Geſchmeide ſchenken, wenn ich den Markgrafen bitte, dem garſtigen Vogler ſeinen Willen nicht zu thun?“
Die beiden Abgeſandten verneigten ſich.
„Wartet hier“, ſagte die Markgräfin, „ich laufe zu meinem Manne und laſſe Euch gleich rufen.“
146Sie begab ſich in die Gemächer des Markgrafen, bei dem ſich deſſen Oberamtmann, Herr Hans von Seckendorf, befand.
„„Da ſieh' einmal, Jürgen““, rief die lebhafte, junge Frau, „„was ich geſchenkt bekommen habe!““
„Ein gülden Bruſtgehänge“, ſagte der Markgraf, „von prachtvoller wälſcher Arbeit, vielleicht gar von Benvenuto Cellini!“
„„Ja, ja, Jürgen, ſo heißt der Meiſter, der es verfertigt hat.““
„Und das hat man Dir geſchenkt? Wer iſt der Geber eines ſolch fürſtlichen Geſchenkes?“
„„Rathe einmal!““
„Vielleicht Bruder Albrecht von Königsberg oder Vetter Joachim von Berlin? Mielchen, in beiden Fällen, darfſt Du's nicht annehmen. Timeo Danaos!“
„„Was heißt das auf Deutſch?““
„Ich fürchte die Danaer, wenn ſie Geſchenke bringen. In Königsberg wie in Berlin ſtrebt man danach, alle Brandenburgiſchen Lande in eine Hand zu bringen.“
„Weiß auch mein gnädigſter Herr“, nahm Hans von Seckendorf das Wort, „daß in Hochdeſſen nächſter Nähe ſich ein Mann befindet, der dieſes Streben begünſtigt; ein Mann, der unverdienter Weiſe ſeines Fürſten volles Vertrauen genießt?“
„Hans, Hans“, ſagte der Markgraf ernſt, „das iſt eine ſchwere Anklage, die Du erweiſen mußt. Und Du, Mielchen, ſage mir endlich, wer Dir dieſe fürſtliche Gabe bietet? Etwa mein Bruder, der Würzburger Domprobſt?“
Und Herr Georg lachte aus vollem Halſe; denn erſtlich war der Bruder zu Würzburg ſehr geizig, und dann haßte er, der Domprobſt, den 147Markgrafen, den Vorkämpfer des Proteſtantismus, und noch mehr die ſächſiſche Gemahlin, deren Vater und Bruder zu den erſten Anhängern Luthers zählten.
Auch die Markgräfin ſtimmte in das Lachen des Gemahls mit ein.
„„Du räthſt es nicht, Jürgen,““ ſagte ſie, „„es ſind zwei durchreiſende Juden, die weiter nichts dafür verlangen, als daß ich Dich bitte, ihnen gnädiglich Audienz zu gewähren. Nicht wahr, trauter Mann, Du geſtatteſt mir, das köſtliche Bruſtgehänge zu behalten? Seckendorf iſt wohl ſo gut, die Juden rufen zu laſſen; ſie warten in meinem Zimmer.““
Seckendorf, von Dr. Heller gewonnen, wartete die Zuſtimmung des Markgrafen nicht ab, ſondern eilte an die Thüre und befahl einem Diener, die beiden Juden aus den Gemächern der Markgräfin herbeizurufen. Wenige Minuten nachher traten ſie in das Zimmer des Markgrafen, der, ein Kenner und Verehrer der Kunſt, unterdeß das Cellini'ſche Meiſterwerk bewundert hatte.
„Ah, Joſelin“, ſagte der Markgraf aufblickend, „wir ſind ja alte Bekannte vom Augsburger Reichstag her, Collegen gleichſam! Du biſt ja auch ein Fürſt, ein Befehlshaber und Regierer der Juden! Stehſt in hohen Gnaden bei unſerm großmächtigen Kaiſer! Setze Dich, Joſelin! Wir wollen miteinander wie Fürſt und Fürſt verhandeln. Du kommſt wegen der Schleſinger, Deiner Glaubensverwandten! Ich weiß, was Du ſagen wirſt: es ſei ein abſcheuliches Mährchen, eine niederträchtige Lüge! Daſſelbe hat mir der Jude Emmerich in Ofen, der Finanzminiſter weiland König Ludwigs geſagt. Aber mein Kanzler Vogler ſagt, das ginge uns Alles nichts an; die Juden haben geſtanden und 148wir ſind berechtigt, ſie verbrennen zu laſſen und ihr Vermögen für unſere Kaſſen einzuziehen.'
„Durchlaucht“, ſagte Rabbi Joſelmann, „ich danke zunächſt für den gnädigen Empfang, und da Eure Durchlaucht mit mir Armen verhandeln wollen wie mit einem hochgeborenen Collegen, ſo wage ich es Euer Durchlaucht einen Rath zu geben. Eure fürſtliche Gnaden vertrauen dieſem Kanzler Vogler zu viel. Gnädigſter Herr, als wir, mein Freund und ich, gen Ansbach ritten, fanden wir in der Herberge zum Storchen in Eſchenbach Markgräfliche Diener, die uns erzählten, daß ſie gen Berlin und Königsberg reiten im Auftrage des Kanzlers, um dort Briefe an den Kurfürſten Joachim und an den Herzog Albrecht abzugeben.“
„Donner und Doria!“ rief der Markgraf, „das iſt ja eine merkwürdige Nachricht, die Du mir bringſt, Jude. Seckendorf, gehe augenblicklich zu Heller und befiehl ihm, den beiden Reitern nachſetzen und ihnen die Briefſchaften abnehmen zu laſſen! Ei, ei, Herr Kanzler, treffen wir Dich, auf ſolchen Wegen!“
Seckendorf ging.
„Ich danke Dir, Joſelin“, fuhr der Markgraf zu reden fort, „für Deinen guten Rath. Aber die Schleſiſchen Juden kann ich nicht freigeben. Siehſt Du, ſie haben doch geſtanden! Wenn ſie nun executirt werden, ſo wird ihre Habe confiscirt, und ich brauche Geld — meine Caſſen ſind leer.“
„„Gnädigſter Herr““, ſagte Joſelin, „wir, mein Freund und ich, ſind beauftragt, Euch im Namen der deutſchen Judiſchheit ein kleines Geſchenk anzubieten. Wir ſind bereit, 600 Goldgülden in Hochdero fürſtliche Caſſe zu zahlen. Wir ſtellen einen Wechſel aus, auf den hin das Geld in jedem Augenblicke bei unſerm Schatzmeiſter, 149Alexander Wimpfen zu Frankfurt am Main, erhoben werden kann.““
„„Jürgel““, ſprach die Markgräfin ſchmeichelnd, „„thue es mir zu Liebe und ſei den Männern zu Willen!““
„Ich kann nicht, Schätzchen“, ſagte der Markgraf, „ohne mit Vogler Rückſprache genommen zu haben. Drei Todesurtheile ſind ſchon unterſchrieben und vielleicht ſchon executirt. Aber die andern 200 und etliche — nun, wenn Vogler mir ein ungetreuer Rathgeber war und die Juden mir 600 Goldgulden geben, ſo mögen ſie freigelaſſen werden.“
Mit dieſem Beſcheide mußten die beiden Abgeſandten ſich begnügen.
Die von Dr. Heller nachgeſchickten Bewaffneten holten die Vogler'ſchen Boten ein und brachten deren Briefſchaften nach Ansbach. Dieſe müſſen wohl viel Gravirendes enthalten haben, denn noch an demſelben Tage wurde der Kanzler Georg Vogler ſeines Amtes entſetzt. Man warf ihn in einen Thurm, den man noch heute auf dem Wege zwiſchen Gunzenhauſen und Onolzbach (Ansbach) das kleine Dorf Alten=Muhr überragen ſieht. Der Kammermeiſter, Herr Georg von Bendorf, wurde Voglers Nachfolger im Kanzler=Amte. Das erſte Geſchäft, das er zu beſorgen hatte, war die Entſendung von Eilboten nach Schleſien, die den eingekerkerten Juden die Freiheit geben ſollten. Für die drei Männer, deren Todesurtheil der Markgraf unterzeichnet hatte, kam die Befreiung zu ſpät; ſie waren verbrannt worden. Die Andern wurden freigelaſſen, nachdem man öffentlich bekannt gemacht, daß der Markgraf ſich überzeugt habe, daß die Anſchuldigung eine falſche, daß dieſe vielmehr aus einer ſchändlichen, von den Judenfeinden ausgedachten Verleumdung hervorgegangen.
II. Theil · Kapitel 27 · S. 150–154
XXVII.
150Bald ſollte ſich Rabbi Joſelmanns Einfluß weit über die Grenzen Deutſchlands hinaus erſtrecken, doch waren es keine erfreulichen Ereigniſſe, die das veranlaßten.
Der Koſaren=Häuptling Chaireddin Barbaroſſa, der Schrecken der Seefahrer, hatte Tunis erobert. Sohn eines Töpfers zu Lesbos, hatte er in Verbindung mit ſeinem ältern Bruder Urutſch ſich zum Herrn des Meeres gemacht und im Jahre 1516 Algier eingenommen. Im beſtändigem Kampfe mit den einheimiſchen Fürſten begriffen, begab ſich Chaireddin unter den Schutz des Sultans, der mit Freuden dieſen Zuwachs ſeiner Herrſchaft begrüßte und den kühnen Seeräuber zum Begler=Bey (Admiral) ernannte. In dieſer neuen Eigenſchaft ſetzte Chaireddin, auf dem Wege von Konſtantinopel, im Jahre 1534 Neapel durch ſeine plötzliche Annäherung in Schrecken. Er unternahm jedoch keinen ernſtlichen Angriff auf die Stadt, ſondern begnügte ſich, die Schiffswerfte an der Küſte zu zerſtören, einige Caſtelle zu nehmen und das Land auf ein paar Meilen weit zu verwüſten. Darauf zog er ab, um die Küſte Sardiniens zu plündern. Dann wandte er ſich nach Tunis. Unter dem Vorwande den von ſeinem Bruder Muley Haſſan vertriebenen Fürſten Reſchid wieder einzuſetzen, gewann er ſich die Hilfe der Bewohner von Tunis, die Muley Haſſan vertrieben und dem Seeräuber die Thore der Stadt öffneten. Von Tunis aus machte Chaireddin fortwährend Einfälle in Spanien und Italien, beherrſchte vollſtändig das Meer und nahm alle Schiffe weg, namentlich auch die goldbeladenen, welche die Schätze Weſtindiens in die Schatzkammer des Königs von Spanien bringen ſollten. Deßhalb beſchloß Carl alle ſeine franzö151ſiſchen, italieniſchen und deutſchen Händel hintenanzuſetzen und Tunis für den vertriebenen Muley Haſſan zurückzuerobern. Die Gelegenheit, ſich als großmüthigen Beſchützer eines unglücklichen Fürſten und als Glaubenskämpfer zu zeigen, war zu verlockend, als daß der Kaiſer ſie hätte unbenutzt vorbeigehen laſſen ſollen. Der ganzen Unternehmung gab Carl einen religiöſen Anſtrich. Vor der Abfahrt von Barcelona betete der Kaiſer vor einem Marienbilde und ließ eine Proceſſion veranſtalten, bei welcher er unbedeckten Hauptes mitzog. Die Fahne auf dem Admiralſchiffe zeigte den Stifter der chriſtlichen Religion; dieſer ſollte Anführer ſein, der Kaiſer nur ſein Fahnenträger; der Großadmiral, Andreas Doria, der Doge von Genua, erhielt zu dieſem Zuge gegen die Ungläubigen einen geweihten Degen. Dieſer religiöſe Character des Feldzuges ſollte auch den Juden verderblich werden.
Die ſpaniſche und die italieniſche Flotte vereinigten ſich an der ſardiniſchen Küſte bei Cagliari; am 14. Juli 1535 brachen ſie von da nach Tunis auf und landeten ohne Hinderniß im Golf. Carl rückte nun mit ſeinem Heere auf Tunis los, nachdem er das Fort Goletta ohne viele Schwierigkeiten erobert hatte. Chaireddin hatte die mauriſchen Fürſten zu ſeinem Beiſtande aufgeboten; mit einem Heere von 50,000 Mann zog er den Kaiſerlichen, die nur 26,000 Mann zählten, entgegen. Allein die Kaiſerlichen hatten Geſchütze, welche die deutſchen Landsknechte mühſam auf den Armen herbeigeſchleppt hatten. Dies gab Carl ſofort ein Uebergewicht; als nun noch die 9000 Tuneſen, die dem Fürſten Muley Haſſan ergeben waren, die Flucht ergriffen, mußte ſich Chaireddin in die Stadt zurückziehen; hier aber hatten ſich die chriſtlichen Sclaven empört und der Citadelle bemäch152tigt; Chaireddin mußte fliehen, und Carl zog ſiegreich in die Stadt ein. Die Soldaten des Kaiſers plünderten die Stadt und erſchlugen Tauſende von Muhamedanern und Juden; dann zogen ſie durch das Land, mordend, ſengend, plündernd. „Ein ſchlimmes Geſchick“, erzählt Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche, „traf unſere Brüder in der Berbarei, wohin unſer Herr, der Kaiſer, gezogen war, um Krieg zu führen. Viele, Viele ſind erſchlagen, Viele zu Sclaven gemacht, Viele ihres Vermögens beraubt worden. Da wandten ſich jene fernen Glaubensgenoſſen an uns um Hilfe zur Auslöſung der Sclaven und zur Ernährung der Darbenden. Da ſchrieb ich eine Vermögensſteuer aus über die Glaubensgenoſſen unſeres Landes und zwar ein Viertel Procent; möge der Allgütige, gelobt ſei ſein heiliger Name, fürder alle Noth und alles Elend, gnädiglich abwenden.“ —
Wir wollen bei dieſer Gelegenheit gleich über den zweiten Feldzug des Kaiſers nach Africa berichten, weil wir innerhalb dieſer Erzählung nicht darauf zurückkommen können. So groß der Sieg des Kaiſers war, ſo gering war die Frucht deſſelben. Neue Verwickelungen in Italien zwangen Carl, eilig dorthin zu ziehen. Der Herzog von Mailand, Franz Sforza, ſtarb, und der König von Frankreich machte für ſeinen zweiten Sohn Anſpruch auf Mailand; dadurch ward der Kaiſer wieder in einen Krieg mit Frankreich verwickelt. So verlor Carl die Verhältniſſe in Africa aus den Augen, und bald fielen wieder die africaniſchen Seeräuber in Spanien und Italien ein. Da unternahm der Kaiſer einen neuen Feldzug nach Africa. Diesmal war Algier das Ziel, wo ſich der Statthalter Chaireddin's, Haſſan Aga, feſtgeſetzt hatte. Am 24. October 1541 landeten die Kaiſerlichen Truppen an der Küſte von Algier. 153Angſt und Schrecken ergriffen den Muſelmann wie den Juden. Das Geſchick der Juden von Tunis bedrohte nunmehr die Juden von Algier. In ihrer Herzensangſt eilten ſie zu Rabbi Moſes Duran, einem frommen, heiligen Manne, einem Nachkommen des aus Spanien eingewanderten, hochberühmten, gelehrten Rabbi Schimon ben Zemach Duran, des Verfaſſers der unter dem Namen „Taſchbaz“1תשובות שמעון בן צמח תשב"ץ das iſt Reſponſen des Schimon ben Zemach. bekannten, wichtigen Reſponſen. „Seid getroſt“, ſprach der Gottesmann zu den Geängſtigten, „der Gott, der das Schilfmeer vor unſern Vätern geſpalten und Pharao und ſein Heer hineingeſchleudert, der Gott, der in einer Nacht das gewaltige Heer Sanheribs bis zur Vernichtung ſchlug, Er kann und wird auch uns zur Seite ſtehen. Geht und betet zum Gotte unſrer Väter, Er wird uns zur Hilfe ſein.“
Und die Juden von Algier thaten alſo.
Noch waren aus der kaiſerlichen Flotte Geräthe, Geſchütze und Vorrath nicht ausgeſchifft, da erhob ſich ein gewaltiger furchtbarer Sturm, riß die Schiffe von den Ankern los und warf ſie an die Küſte, oder ſchleuderte ſie hinaus in das hohe, wilde, fluthende Meer, ſo daß die Mannſchaft gleich Trunkenen hin und her taumelte, die Maſte brachen, und eine Menge Schiffe gänzlich zerſchellten. Zugleich öffneten ſich die Schleuſen des Himmels, und ein entſetzlicher Regen ſtrömte unter dem gewaltigen Sturm dergeſtalt über die bereits ausgeſchifften Krieger am Lande nieder, daß ſie, bis über die Knie im Waſſer ſtehend, ihre Lanzen in die Erde ſtoßen und ſich daran feſthalten mußten, um nicht niedergeworfen und weggepeitſcht zu werden. Das Jammergeſchrei zu Waſſer und zu 154Land ſchien zu wetteifern, ſich gegenſeitig oder das Geheul des Sturmes zu übertönen.
Jetzt galt es nicht mehr die Eroberung der Stadt Algier, ſondern nur noch die eigene Rettung, und der Kaiſer erkannte, daß der Himmel gegen ihn kämpfe. Schon am folgenden Tage begann die türkiſche Reiterei dem ermatteten Heere Carls, das weder Geſchütz noch irgend ein Geräth hatte, hart zuzuſetzen, und erſt nach einer Flucht von drei Tagen, durch Schlamm und Waſſer längs der Küſte, gelang es Carl, im Meerbuſen von Metafuy, wo ſich ein Theil der zerſtreuten Schiffe wieder geſammelt, den Reſt ſeines Heeres einzuſchiffen und nach Italien zurückzuführen.
Die Sage berichtet, daß Rabbi Moſes Duran den heiligen Gottesnamen auf ein Täfelchen geſchrieben und dieſes Täfelchen ins Meer geworfen habe; aber die Wogen des Meeres erbebten darob, daß ſie gezwungen waren, den heiligen Namen auszulöſchen. Sie brauſten auf und empörten ſich und ſtiegen himmelan — und die Schiffe Carls verſanken wie Blei in das mächtig wogende Gewäſſer. So wurden die Juden in Algier und mit ihnen die Türken und Mauren vom ſichern Verderben gerettet.
Rabbi Moſes Duran2Aſulai nennt Rabbi Simon ben Zemach Duran als den Retter der Juden von Algier; das iſt jedoch ein Irrthum; Rabbi Simon lebte um ein volles Jahrhundert früher. aber wurde hochgeehrt vom Fürſten von Algier, der ihm eine Wohnung in ſeinem Palaſte anweiſen ließ, damit der weiſe, fromme Jude immer in der Nähe des Fürſten weile und ihn mit ſeinem weiſen Rathe unterſtütze.
II. Theil · Kapitel 28 · S. 154–160
XXVIII.
Bei den großen Laſten, welche den Juden in jener Zeit von den Fürſten, dem Adel und der 155Geiſtlichkeit aufgelegt wurden, war es eine ungemein ſchwierige Aufgabe, dieſe ſchwer drückenden Steuern einzeln einzufordern und das Maaß, das Jeder dazu beizutragen hatte, zu beſtimmen; denn die Fürſten namentlich forderten eine große Summe von der Vertretung der Geſammt=Judenheit im Lande, es dieſer überlaſſend, wie ſie die einzelnen Gemeinden daran betheilen wollten. Derartige Verhältniſſe gaben immer zu Reibereien und Streitigkeiten Anlaß. Ein Jeder glaubte ſich beeinträchtigt; ein Jeder wußte nur zu wohl, wie ſchwer ihm der Erwerb der Nothdurft für ſich und die Seinen wurde, ein Jeder glaubte ſeinen Nachbarn in beſſerer Lage und hielt dieſen für leiſtungsfähiger; da glaubte er ſich denn im Verhältniſſe zu den Andern zu hoch belaſtet. Und wie es den Einzelnen erging, ſo erging es den Gemeinden, eine jede Gemeinde hielt ſich für zu hoch beſteuert im Verhältniſſe zu den andern Gemeinden. Im Grunde waren ſie ja alle ganz unmäßig belaſtet; da aber den Fürſten gegenüber keinerlei Reclamationen etwas halfen, da man vielmehr froh ſein mußte, durch die großen Geldopfer ſich die Erlaubniß, im Lande wohnen zu dürfen, zu erhalten, ſo trug man die ſchwerwiegende Laſt geduldig. Wehe aber, wenn Einer glaubte, mehr tragen zu müſſen als andere Glaubensgenoſſen, die ſeinem Bedenken nach in derſelben Vermögenslage ſich befanden; dann goß er die ganze Schale ſeines Zornes über Diejenigen aus, von denen er meinte, daß ſie die Steuern nach einem ungerechten Modus auflegten.
Im Jahre 1534 waren die Zwiſtigkeiten der böhmiſchen Juden auf einen Höhepunkt gekommen, daß man Mord und Todtſchlag befürchten mußte. König Ferdinand hatte der böhmiſchen Judenſchaft eine faſt unerſchwingliche Steuer aufgelegt. Der 156Statthalter des Königs, Graf Thun, forderte die Steuer von den Vertretern der jüdiſchen Gemeinde zu Prag. Dieſen fiel die unangenehme Aufgabe zu, die hohe Steuer auf die einzelnen Gemeinden des Landes zu vertheilen, und faſt alle glaubten ſich, im Vergleiche mit Prag, zu hoch beſteuert. Eine der größten Judengemeinden des Böhmerlandes war damals Horowitz, das ja auch vielen in Israel berühmt gewordenen Familien den Namen gegeben. Die Judengemeinde zu Horowitz fühlte ſich am Meiſten durch die ihr auferlegte Steuer=Quote benachtheiligt; ſie proteſtirte dagegen. Der Vorſtand der Prager Gemeinde prüfte die Verhältniſſe auf's Gewiſſenhafteſte; er war jedoch nicht in der Lage, der Horowitzer Gemeinde eine Erleichterung zu Theil werden zu laſſen. Die Steuern wurden durch die Landesherrlichen Beamten eingezogen, um zunächſt an den Vorſtand der Israeliten=Gemeinde zu Prag abgeliefert zu werden. Da erhob ſich ein Sturm unter den Horowitzern. — „Die Prager,“ ſagten ſie, „mäſten ſich von unſerm Gelde!“ — Sie zogen, 400 Mann ſtark, nach Prag; auch Deputationen aus andern böhmiſchen Landgemeinden ſchloſſen ſich ihnen an; die Prager Vorſteher wurden von den aufgeregten Landleuten in ihren Häuſern bedroht.
An der Spitze des Rabbinercollegiums in Prag ſtand damals der berühmte Rabbi Abraham ben Rabbi Awigdor; er war einer der bedeutendſten Gelehrten ſeiner Zeit und der Verfaſſer von Werken, die noch heute hochgeſchätzt werden.1Anmerkungen zum Tur Orach Chajim und im Super=Commentar zu Raſchi; beide Werke ſind in Prag gedruckt. Vergleiche auch Tarkô Moſcheh zu Tur Joreh Deah C. 65, Anm. 3, wo Remo (Rabbi Moſes Iſſerles) unſern Rabbi Abraham aus Prag als Autorität anführt.
157Als die Vorſteher der israel. Gemeinde zu Prag ſahen, daß ſie allein nicht mit den aufgeregten Landgemeinden fertig werden konnten, beſchloſſen ſie, die Entſcheidung der bedeutendſten Rabbinen Deutſchlands anzurufen. Von allen Seiten lief die Antwort ein, daß man aus der Ferne die Angelegenheit nicht derart zu beurtheilen im Stande ſei, um ein endgiltiges Urtheil abgeben zu können; dagegen empfahlen die Rabbinen faſt einſtimmig, daß die Gemeinde Prag eine Deputation an Rabbi Joſelmann von Rosheim, den Befehlshaber der geſammten Judenheit deutſcher Nation, entſende, damit dieſer die Streitigkeiten zwiſchen der Prager Judengemeinde und den Landgemeinden entſcheide.
Als nun die israel. Gemeinde zu Prag dem Rathe der Rabbinen folgte und eine Deputation ihrer würdigſten Mitglieder in den fernen Elſaß entſandte, um den Befehlshaber der Juden zu veranlaſſen, ſie nach der Hauptſtadt Böhmens zu begleiten, entſchloß ſich Rabbi Joſelmann nur ſchwer, ihrem Wunſche Folge zu leiſten. Die Deputirten jedoch wußten ihm die Verpflichtung als eine ſo gewichtige und folgenreiche darzuſtellen, daß er ihren Bitten nachgab und die große, ſchwierige Reiſe antrat.
Auf die Kunde hin, daß der Kaiſerliche Befehlshaber der geſammten Judenheit deutſcher Nation, der berühmte Rabbi Joſelmann von Rosheim, nach Prag komme, hatte ſich die geſammte Judenſchaft, Männer, Frauen und Kinder, wohl 10,000 Menſchen, in Bubenz, einem Dorfe in der Nähe von Prag, verſammelt, um den berühmten Mann ſchon vor der Stadt zu begrüßen; auch die Königlichen Behörden, an ihrer Spitze der Statthalter von Böhmen, Graf Thun, hatten ſich eingefunden.
Als Rabbi Joſelmann an der Spitze der Prager Deputation dahergeritten kam, ritt ihm Graf Thun 158entgegen, reichte ihm vom Pferde aus die Hand, begrüßte ihn im Namen des Königs Ferdinand, und bat ihn, den geſtörten Frieden zwiſchen den böhmiſchen Juden wieder herzuſtellen.
Rabbi Joſelmann ſprang vom Pferde und verneigte ſich tief vor dem Grafen.
„Gnädigſter Herr“, ſagte er; „Ihr erweiſt mir Armen zu viel Ehre. Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, meine in Zwietracht gerathenen Brüder mit einander auszuſöhnen.“
„„Beſucht mich in meinem Schloſſe““, ſprach der Graf, und ſprengte mit ſeinen Begleitern von dannen.
Darauf begrüßten der Rabbiner und die Vorſteher der Prager Gemeinde den Kaiſerlichen Befehlshaber.
„Wie glücklich ſchätze ich mich,“ ſprach Rabbi Joſelmann zu dem Rabbinen, „daß ich einen der größten und bedeutendſten Männer unſerer Zeit kennen zu lernen das Glück habe! Ich habe Eure Erklärungen zu dem Commentare meines Urahnen Raſchi geleſen, und habe mich daran ergötzt, wie ihr den Sinn der oft dunklen Stellen erſchließet.“
„„Wer bin ich““, antwortete Rabbi Abraham, „„im Vergleich mit Euch? Euer Name erfüllt die Welt von einem Ende bis zum andern. Euer Wirken iſt unvergleichlich, Eure Weisheit ſtaunenswerth. Seht, wie Alles, Groß und Klein, ſich herbeidrängt, Euer Antlitz zu ſchauen!““
„Gerade das betrübt mich,“ entgegnete Rabbi Joſelmann; „ich fühle mich unwerth aller dieſer Ehre und Auszeichnung. Es beſchleicht mein Herz ein banges Gefühl, wie wenn alle dieſe Ehrenbezeugungen in ihr Gegentheil umſchlagen müßten.“
Rabbi Abraham hatte nicht Zeit zu antworten. Die Vorſteher drängten ſich heran, um den berühmten Mann zu begrüßen. Wagen ſtanden be159reit, um Rabbi Joſelmann, den Rabbiner, die Rabbinats=Aſſeſſoren, die Vorſteher und die Mitglieder der Deputation nach der Prager Judenſtadt zu führen, während bereitſtehende Diener die Pferde der Angekommenen in Empfang nahmen.
Kennſt Du, o Leſer, das ſchöne herrliche Prag, mit ſeinen vielen Thürmen, ſeinen großen Paläſten, ſeinen herrlichen Plätzen, ſeinen breiten, lang ſich hinziehenden Straßen? Rings herum umziehen Berge die Stadt, und von welcher Seite man euch nahen mag — überall genießt man den herrlichſten Anblick auf das ſich ſcheinbar endlos ausdehnende Häuſermeer, welches die in der Sonne glitzernde, ſtrahlende Moldau durchzieht. An dem Ufer der Moldau, in den Niederungen dehnt ſich die Judenſtadt aus bis an den Altſtädter Ring, dem ſchönſten und vorzüglichſten der Plätze Prags. Dort befindet ſich das Städtiſche Rathhaus mit jenem merkwürdigen Uhrwerke, das ſeit Jahrhunderten ſtille ſteht. Man hatte dem kunſtfertigen Erbauer deſſelben die Augen ausſtechen laſſen, damit er nicht für eine andere Stadt ein ähnliches verfertige. Der Künſtler aber ließ ſich zu ſeinem Kunſtwerke führen, um angeblich noch etwas daran zu ordnen, und zerſchnitt die verbindenden Ketten. Kein Menſch war im Stande geweſen, das Kunſtwerk wiederherzuſtellen. — Nicht weit vom Rathhauſe befindet ſich der Eingang in die Judenſtadt. Ein Thor, welches von Zeit zu Zeit verſchloſſen wurde, führte in dieſelbe hinein. Hier war eine Triumph=Pforte erbaut, aus grünen Zweigen und bunten Blumen, zu Ehren des Kaiſerlichen Befehlshabers.
„Ihr erweiſt mir der Ehre zu viel“, ſprach Rabbi Joſelmann bekümmert, „ich verdiene ſie nicht. Gebe Gott, daß das Alles nicht ſchlimme Folgen habe.“
„O,“ entgegnete Rabbi Iſak Tauſſig, der erſte 160Vorſteher, „Ihr verdient noch tauſendmal mehr. Die ganze Welt iſt voll von Eurem Ruhme. Und nun bitte ich Euch, tretet ein in dieſes Haus, es iſt das meinige; denn mir ſoll das Glück zu Theil werden, Euch während Eures Aufenthaltes in Prag in meinem Hauſe zu beherbergen.““
II. Theil · Kapitel 29 · S. 160–166
XXIX.
Es waren mühevolle Tage, die nun herannaheten. Mit größter Gewiſſenhaftigkeit prüfte Rabbi Joſelmann den Stand der Dinge. Täglich empfing er die Abgeordneten der Landgemeinden, und ließ ſich von ihnen auf das Genaueſte die Verhältniſſe derſelben ſchildern. Die Angaben der Landjuden legte er dann dem Vorſtande der Prager Gemeinde vor, und notirte ihre Bemerkungen, mochten ſie jetzt zuſtimmend oder ablehnend ſein. Dann ließ er einzelne Mitglieder der Prager Judenſchaft zu ſich kommen, und beſchwor ſie, ihm auf Ehre und Gewiſſen, alles Dasjenige mitzutheilen, was ſie über die einſchlägigen Verhältniſſe wußten. Die Schwierigkeiten, die ſich dem Ausgleichungs=Werke entgegenſtellten, waren ungeheuer.
Die Landgemeinden hätten am liebſten gar nichts bezahlt. Der bisherige Modus der Steuer=Erhebung, nach welchem ſie drei Viertheile der geſammten Steuer aufzubringen hatten, entſprach allerdings den thatſächlichen Verhältniſſen nicht ganz. Rabbi Joſelmann machte den Vorſchlag einen ganzen neuen Weg zu betreten, die Scheidung zwiſchen der Hauptſtadt und den Landgemeinden ganz fallen zu laſſen, um die Steuer über das ganze Land zur Hälfte nach dem Erech (Schätzung) und die andere Hälfte nach der Anzahl der Familien=Häupter (Roſche Bajiß) zu vertheilen. 161Dieſer Vorſchlag fand allgemeinen Anklang und die Genehmigung des Rabbiners und ſeiner Aſſeſſoren. In einer allgemeinen Verſammlung wurde der Vorſchlag Rabbi Joſelmanns ſowohl von den Vertretern der Prager Judengemeinde als auch von den Deputirten der Landgemeinden angenommen. 23 Punkte wurden feſtgeſtellt, nach welchen künftighin die Erhebung der Steuer gehandhabt werden ſollte. Ein Vertrag wurde aufgeſetzt, in welchen die allgemeinen Beſtimmungen aufgenommen wurden, während die nähere Darlegung der einzelnen Punkte Rabbi Joſelmann vorbehalten bleiben ſollte. Dieſer Vertrag wurde von ſämmtlichen Anweſenden, circa 400 Perſonen, unterſchrieben und Rabbi Joſelmann übergeben, damit er denſelben dem Königlichen Stadtthalter, dem Grafen Thun, zur Genehmigung und Beſtätigung vorlege. So ſchien Alles zur Befriedigung ſämmtlicher Betheiligten beigelegt zu ſein, und alle Welt beglückwünſchte Rabbi Joſelmann, daß es ihm gelungen, den endloſen Hader, den in die größſten Gewaltthätigkeiten ausgearteten Zwiſt zu gutem Ende geführt zu haben. Aber, es ſollte anders kommen.
An dem Abende, welcher dem letzterwähnten Tage folgte, fand ſich eine große Anzahl Landjuden in einem jüdiſchen Wirthshauſe der Zigeunergaſſe zuſammen. Es waren größtentheils Israeliten aus Horowitz, die hier das große Wort führten.
„Ihr habt Euch gut übertölpeln laſſen“, ſchrie Moſes Grünhut. „Was für einen Vertrag habt Ihr da unterzeichnet! Und dieſer Vertrag ſoll noch vom Königlichen Stadtthalter beſtätigt werden! Man wird Euch dadurch das Meſſer an die Kehle ſetzen! Halb Erech, halb Roſche Bajiß. — Durch ſolch eine Steuererhebung werden die Juden von Horowitz in kurzer Zeit verarmen und dann betteln 162gehen können! In Horowitz wohnen 400 jüdiſche Familien, von denen 350 nichts beſitzen, und von Hand zu Mund leben, von dem, was ſie mühſam täglich erringen. Woher ſollen Dieſe Steuern bezahlen können?
„Was iſt zu thun?“ entgegnete Jakob Backofen, „der Vertrag iſt unterzeichnet und wird ausgeführt werden.“
„Ihr habt Euch“, fuhr Moſes Grünhut zu hetzen fort, „von dem Aſchkenas, dem Hoſenmann oder Joſenmann, oder wie er heißen mag, beſchwätzen laſſen! Das mag gut ſein für Aſchkenas, wo die Leute eine leichte Parnoße haben, aber es taugt nichts für Böhmen. Wir Horowitzer wohnen in einer armen Gegend. Unſere Kunden ſind Nagelſchmiede und Bergleute, die oft ſelbſt nichts zu beißen haben, und dann müſſen wir mit ihnen hungern. Woher ſollen wir noch Steuern bezahlen?“
„Das Reden kann nichts helfen“, nahm Löb Birnbaum das Wort, „der Vertrag iſt abgeſchloſſen.“
„Ich will Euch erzählen, wie es kommen wird“, ſagte Moſes Grünhut. „Der Aſchkenaß, der Hoſenmann, der ſich Kaiſerlicher Befehlshaber nennen läßt, hat Euch beſchwätzt! Wer weiß, wie viel er dafür von Itzik Tauſik, Baruch Kalmus, Joſeph Lucka, David Bondi, und den andern Prager reichen Juden bekommen hat; der ſteckt ſein Geld ein, geht wieder nach Aſchkenas zurück und lebt von unſerem Blute, luſtig und in Freuden. Vorher aber läßt er den Vertrag von dem Königlichen Statthalter confirmiren. Dann kommt die Zeit in der Ihr zahlen ſollt, aber nicht zahlen könnt. Dann verklagen Euch die Prager Reznim beim Statthalter. Der ſchickt ſeine Landsknechte hinaus und läßt Euch Euer bischen Habe ganz 163fortnehmen, Eure Haſenfelle und Kalbfelle, Euer Wachs und Eure Pferdehaare, Eure Tiſche, und Eure Stühle, Eure Kleider und Eure Betten und dann könnt Ihr mit Euren Weibern und Kindern betteln gehen!
Ein wirres Geſchrei folgte dieſen aufregenden Worten.
„Was ſollen wir thun!“ ſchrien die Landleute. „Der Vertrag iſt unterzeichnet. Wehe, wir ſind verloren!“
Als das Jammergeſchrei ein wenig nachgelaſſen hatte, ſchrie Moſes Grünhut mit lauter Stimme:
„Es geſchieht Euch ganz recht, warum habt Ihr mich nicht in die Deputation gewählt? ich hätte mich nicht von dem Aſchkenas, dem Hoſenmann beſchwätzen laſſen!“
„Sag' uns jetzt, was wir thun ſollen!“ ertönte es jetzt von allen Seiten.
„Wenn wir überhaupt etwas thun wollen“, entgegnete Moſes, „ſo muß es gleich, ſo muß es jetzt geſchehen. Morgen iſt es zu ſpät. Morgen läßt der Aſchkenas den ſchändlichen Vertrag, der Euch Alle zu Bettler macht, vom Grafen Thun beſtätigen. Ziehen wir hin, wir Alle miteinander, vor das Haus von Rabbi Itzig Tauſik, wo der Aſchkenas wohnt und zwingen ihn, uns den Vertrag herauszugeben, damit wir ihn zerreißen können.“
Alle Anweſenden ſtimmten bei, und die aufgeregte Menge zog unter wüſtem Geſchrei der Dreibrunnengaſſe zu. Vor dem Hauſe des Rabbi Itzig Tauſik verlangten ſie ungeſtüm Einlaß. Als die Thüre geöffnet wurde, ſtrömten ſo viel Leute hinein, wie nur das Haus zu faſſen vermochte. Die Andern blieben auf der Straße.
Moſes Grünhut eilte voran, ſchrie: „Wo iſt der Aſchkenas, der Hoſenmann?“
164Unterdeß hatte der Geſuchte mit dem Hausherrn und dem Rabbiner und noch einige andern Gäſten ruhig am Tiſche geſeſſen. Sie waren in ein gelehrtes Geſpräch über den kurz zuvor erſchienenen Super=Commentar des Rabbiners vertieft.
Als Rabbi Joſelmann die lärmenden Stimmen vernahm, trat er der aufgeregten Menge entgegen.
„Mich ſucht Ihr?“ fragte er, „was wollt Ihr von mir?“
„Gebet den Vertrag heraus“, ſchrie Moſes Grünhut, „den ſchändlichen, der uns Landjuden zu Bettlern macht!“
„Seid nicht ſo thöricht, meine Brüder“, entgegnete Rabbi Joſelmann ruhig, „der Vertrag iſt ſorgfältig berathen und geprüft und hat allſeitige Zuſtimmung gefunden. Warum wollt Ihr ihn jetzt wieder aufheben? Dann würde ja des Haders und des Zwiſtes kein Ende ſein!“
„Gebet den Vertrag heraus“, brüllten die Landjuden.
„Rabbi“, wandte ſich Rabbi Joſelmann fragend an den Rabbiner, „darf ich den Vertrag herausgeben?“
„Nein“, antwortete der Angeredete, das „dürft Ihr nicht.“
„Wenn Ihr den Vertrag nicht gutwillig herausgebt“, ſchrie Moſes Grünhut, „ſo werden wir ihn mit Gewalt nehmen. Kommt Freunde, helft mir den Aſchkenas greifen; wir werden ihn ſo lange ſchlagen, bis er uns gibt, was wir verlangen.“
Ein Dutzend ſtarker Hände erhob ſich, um Rabbi Joſelmann zu packen. Dieſen aber zog Rabbi Itzig Taußig in den Hintergrund des Zimmers, öffnete ſchnell eine Thüre, führte ſeinen Gaſt hinaus und ſchloß die Thüre von außen ab.
Die Landjuden ſtürmten hinterher und ſchlugen 165die verſchloſſene Thüre ein. Unterdeſſen hatte Rabbi Itzig Taußig ſeinen Gaſt durch ein Hinterpförtchen auf die Straße in Sicherheit bringen wollen, aber das ganze Haus war von wüthenden Landjuden umzingelt. Es blieb ihm nichts übrig, als mit Rabbi Joſelmann im Keller Schutz zu ſuchen, wo ein geheimes Gemach ſich befand, das nicht ſo leicht zu entdecken war. Die wüthenden Landleute durchſuchten das ganze Haus, ſchlugen die verſchloſſenen Thüren ein, öffneten gewaltſam die Wandſchränke, ſuchten im Speicher hinter den Waaren=Ballen, und im Keller hinter den Fäſſern. Unterdeß hatte der Sohn des Hausherrn, vom Altſtädter Ring her, die Schaarwache geholt. Dieſe brach ſich mit ihren Spießen Bahn durch die Menge und kam gerade im Hauſe Rabbi Itzigs an, als die Wüthenden das geheime Gemach im Keller entdeckt hatten und die Thüre deſſelben zu erbrechen im Begriffe ſtanden. Auf den Ruf: die Wache, die Wache! ſtieb die Menge auseinander, und die beiden Geängſtigten verließen das Kellergemach, das ihnen ohnehin keinen Schutz mehr gewährte.
Die Landsknechte nahmen ſofort Rabbi Joſelmann in ihre Mitte und führten ihn aus dem Keller herauf. Aber ſchon hatte die aufgeregte Menge den erſten Schrecken überwunden.
Darauf ſchrie Moſes Grünhut: „Wir werden uns doch vor dieſen 10 oder 12 Landsknechten nicht fürchten!“
Aber die Anſtürmenden prallten an den ausgeſtreckten Spießen der Landsknechte zurück.
„Das Beſte iſt“, ſprach der Anführer der Wache zu Rabbi Joſelmann, „wir führen Euch direct auf den Hradſchin, denn die Wache bietet Euch doch nicht genug Sicherheit gegen den aufgeregten Pöbel.“
166„Thut alſo“, ſagte Rabbi Joſelmann.
Von der wüthenden Menge verfolgt, ſetzten die Soldaten unbeirrt ihren Weg fort, ſtets ihre Lanzen den Anſtürmenden entgegenſtreckend. Mancher Steinwurf traf die Wackern, aber ſie beachteten es nicht. So zogen ſie über die große ſteinerne Brücke, welche über die Moldau führt, auf die hochgelegene Kleinſeite, bis ſie vor die Pforten des Hradſchns kamen, wo der Anführer der Wache Einlaß begehrte. Graf Thun, in Kenntniß geſetzt, befahl, Rabbi Joſelmann ihm vorzuführen, und als dieſer dem königlichen Statthalter von dem Vorgefallenen Bericht gegeben hatte, rief der Graf:
„Das ſollen ſie mir büßen, die Schändlichen!“
„Gnädigſter Herr“, ſprach Rabbi Joſelmann, „ich bitte Euch, verfahret mit Milde und erweiſet Gnade den Irregeleiteten und Verführten!“
„Ihr ſeid ein edler Mann“, entgegnete der Graf, „kaum den Mörderhänden entronnen, ruft Ihr meine Gnade für die Mörder an! Gut, ich werde die Sache unterſuchen laſſen. Die Irregeleiteten und Verführten ſollen mit geringen Strafen davon kommen. Aber die Verführer ſoll die ganze Strenge des Gerichts treffen.“
II. Theil · Kapitel 30 · S. 166–174
XXX.
Moſes Grünhut und drei andere Männer aus Horowitz, welche ſich am meiſten bei dem Aufſtande hervorgethan hatten, wurden zum Tode verurtheilt. Vergebens warf ſich Rabbi Joſelmann dem Grafen Thun zu Füßen und bat und flehte um Begnadigung der Verurtheilten.
Graf Thun war unerbittlich, und das Todes=Urtheil wurde vollſtreckt.
167Niedergeſchlagen und zum Tode betrübt verließ Rabbi Joſelmann Prag. Im Triumph und unter dem Jubel der Menge war er eingezogen, einſam und traurig verließ er die Stadt und kehrte in die Heimath zurück.
Kaum war Rabbi Joſelmann zu Hauſe angelangt, als ihm von allen Seiten Klagen zugingen über das Gebahren des Juden Michael von Rheinfelden. Derſelbe betrieb den Wucher in ſchamloſeſter Weiſe. Dieſer Michael war ein ſehr reicher, prachtliebenden Mann. Böſe Zungen behaupteten, daß ſein wirklicher Vater der Graf von Rheinfelden geweſen ſei. Michael liebte es, ſich wie die große Herren zu kleiden und hielt ſich Pferde und Knechte in großer Zahl. Da auf ſeiner Abſtammung ein ſchwerer Verdacht laſtete, ſo hatte er ſich nicht vermählen können. Er führte ein wüſtes, ungeordnetes Leben, und ſtand mit den Rittern und Grafen der Umgegend auf vertrautem Fuße. Wie wenig Michael auch dem Judenthume angehörte, ſo galt er doch in den Augen der chriſtlichen Bevölkerung als Jude und ſeine üblen Thaten gereichten den Juden zur Schande.
Rabbi Joſelmann verkannte keinen Augenblick, wie ſchwer es halten würde, gegen dieſen Mann einzuſchreiten. Trotzdem zögerte er nicht, auch dieſes Mal ſeine Pflicht zu thun. Er unterrichtete ſich genau von all den ſchweren Wucherſünden, die Michael begangen und die ihm die Mittel zu ſeinem luxuriöſen und ausſchweifenden Leben gewährten. Hierauf ließ Rabbi Joſelmann, als Kaiſerlicher Befehlshaber der geſammten Judenheit deutſcher Nation, den Juden Michael von Rheinfelden vor ſeinen Richterſtuhl nach Rosheim laden. —
Michael erſchien, angethan wie ein Ritter, 168hoch zu Roß; ihm folgten zehn jüdiſche Diener, alle wie reiſige Knechte gekleidet.
Rabbi Joſelmann hatte die Vorſteher des obern Rheingaues zu ſich entbieten laſſen, um mit ihnen gemeinſchaftlich über Michael Gericht zu halten.
„Michael“, redete Rabbi Joſelmann den Eintretenden an, „Ihr macht dem jüdiſchen Namen Schande, indem Ihr offenen und verſteckten Wucher treibt. Ihr habt doch gewiß gehört von den Geſetzen, die ich in Verbindung mit allen Rabbinen und Vorſtehern Deutſchlands auf dem Reichstage zu Augsburg erlaſſen. Dieſe Artikel und Ordnungen ſind vom Kaiſer und den Fürſten und Herren des Reichstages genehmigt und beſtätigt worden, und ich habe die Verpflichtung übernommen, ſie zu handhaben und auszuführen. Nur auf dieſes hin hat man uns geſtattet, noch länger im Reiche zu wohnen. Es iſt uns berichtet worden, wie Ihr's treibt. Vertheidiget Euch gegen die Anklagepunkte, die ich ſogleich werde vorleſen laſſen.“
„Spart die Mühe“, entgegnete Michael ſtolz, „ich erkenne Euer Gericht nicht an, und ich werde mich den Strafen, welche Ihr über mich verhängen wollt, nicht fügen.“
„So werden wir Mittel finden, „entgegnete Rabbi Joſelmann, „Euch zu zwingen, wir werden den Bann über Euch verhängen, Ihr werdet von allem Verkehr mit Juden abgeſchloſſen ſein, Eure eigenen Diener werden Euch verlaſſen.“
„Ich lache Eures Bannes“, höhnte Michael.
Dann öffnete er die Thüre und rief ſeine bewaffneten Diener herein.
„Heda, Ihr Jungen!“ redete er dieſe an. „Dieſe Herren da wollen mich in den großen Bann thun. Dann dürft ihr nicht mehr mit mir ver169kehren, mit mir eſſen und trinken, nicht mehr mit mir reden, mich nicht mehr bedienen, wenn Ihr nicht dem gleichen Banne verfallen wollt. Sagt, Jungen, was wollt Ihr thun?“
„Was kümmert uns der Bann!“ ſchrie einer der Knechte, „wir bleiben bei unſerm Herrn, der uns Nahrung und Kleidung und die Mittel zu einem luſtigen Leben gewährt.“
„Ihr hört“, ſagte Michael, „was Euch Eure Bannſtrafe nutzen wird. Uebrigens gebe ich Euch den guten Rath, Euer Verfahren gegen mich einzuſtellen, es wird Euch nicht zum Vortheil gereichen.“
Als er ſo geſprochen, ging er ohne Gruß von dannen.
Einige Wochen waren vergangen, nachdem der große Bann über Michael von Rheinfelden verhängt war, da wurde Rabbi Joſelmann aufgefordert, vor dem Grafen Ulrich von Rappoltſtein, der an Kaiſer Statt als Landvogt vom untern Elſaß in Entſisheim regierte, zu erſcheinen.
Als Rabbi Joſelmann in Entſisheim eintraf, fand er die Stadt in großer Aufregung; es wurde gerade das Schützenfeſt gefeiert, zu welchem die Stadt die benachbarten, befreundeten Städte, und Herr Ulrich von Rappoltſtein die benachbarten Grafen und Herren eingeladen hatte. Schon zogen die Britſchmeiſter, die Muſikanten voran, durch die Straßen und forderten die Fremden zur Verſammlung auf dem Schießplatze auf. Im feierlichen Zuge marſchirten die Feſtgeber hinaus, die Bürgermeiſter und Rathsherren, in ihrer Mitte Herr Ulrich von Rappoltſtein; dann kamen die Trommler und Pfeifer; darauf die Schützen der Stadt, hinter ihnen her zog ein Zug junger Knaben, reich gekleidet, im Feſtſchmuck, Söhne der angeſehenſten Familien; dann folgten die fremden Gäſte, 170unter denen ſich Michael von Rheinfelden befand. Hierauf folgten Knaben, bunte Truhen tragend, welche die Preis= und Feſtgaben, große und kleine ſilberne Becher enthielten. Den Schluß des Zuges bildeten die Schalksnarren, mit bunten Kappen, die Pritſche in der Hand, denen Knaben mit Schimpffahnen — eine ſpöttiſche Auszeichnung für ſchlechte Schützen — folgten.
Auf dem Schießplatze hielt der erſte Bürgermeiſter der Stadt die feierliche Begrüßungsrede, in welcher er der alten Freundſchaft der geladenen Städte, Grafen, Ritter und Herren gedachte, und ſeine beſten Wünſche für das Feſt ausſprach. Darauf zogen die Pritſchmeiſter mit der Muſik über den Schießplatz und ermahnten die Schützen, nach Städten zuſammenzutreten und ihren Neuner zu wählen. Dieſe waren die Behörden des Schießplatzes, die oberſten Richter nach dem Schießrecht. Es wurden gewählt acht Bürgermeiſter, Elſäſſer freier Reichsſtädte und als Präſident der Neuner=Commiſſion Graf Ulrich von Rappoltſtein. Jetzt wurden die Schützen eingeſchrieben und machten ihre Einlage, dann wurden ſie in Viertel oder Fahnen getheilt, und nun endlich begann das Hauptſchießen der Armbruſt=Schützen im Rennen. Ein Pritſchmeiſter zog mit Pfeifen und Trommeln über den Schießplatz und rief die Schützen nach Abtheilungen in den Stand. Eilig drängten ſie ſich hierzu, und ſaßen in Reihen nebeneinander, nach dem Looſe geordnet, jeder in dem Stande, dem er ſeinen Namens=Zettel angeheftet hatte. So lange die Abtheilung ſchoß, durfte Keiner ſeinen Stand verlaſſen, Keiner die Nachbarn durch Wort oder Bewegungen ſtören. So ſaßen ſie, die Armbruſt in der Hand; dann rief der Pritſchmeiſter: Zieler, laßt die Uhr los! Auf das Zeichen begann ſich der Weiſer in Bewegung zu ſetzen, jedes Viertel 171durch Schlagen der Glocken andeutend. Während dieſer Zeit mußte jeder Schütze ſchießen und durfte dabei ſich weder anlehnen noch die Armbruſt auflegen. Als der Zeiger der Uhr den Umlauf beendet hatte, läutete hell die Glocke; ein Stahlſpiegel ſank an einer Hanfſchnur herab. Nun begann die Arbeit der Neuner, Schreiber und Zieler; die Namen aller Schützen, welche den Cirkel getroffen hatten — die Namen der Schützen ſtanden auf den Bolzen — wurden aufgeſchrieben. Den beſten Schuß, den Schuß in's Schwarze, den man den Zweckſchuß nennt, hatte Michael von Rheinfelden gethan. Sein Name wurde laut verkündet, unter dem Schalle der Pfeifen und der Trommeln. Darauf beſtieg ein Pritſchmeiſter einen Predigt=Stuhl und rief mit lauter Stimme den beſten Schützen, den tapfern Juden, Michael von Rheinfelden, heran, und hielt ihm eine Anrede in Knittelverſen, worin er ihm ſein Verdienſt und ſeinen Gewinn rühmte. Er werde jetzt, ſagte er, zur Erinnerung an den Schuß eine ſchöne ſeidene Fahne erhalten, an welcher eine ſilberne Klippe hänge, ferner einen ſilbernen Teller, darauf eine gebratene Forelle, einen Semmel und ein Glas Wein, nebſt einer Pommeranze. Darauf zogen Trompeter und Pfeifer vor ihm her und führten ihn zu ſeinem Sitze. Graf Ulrich von Rappoltſtein überreichte ihm Fahne und Becher, und den luſtigen Ehren=Teller. Nunmehr rief der Pritſchmeiſter den Unglücklichen herbei, der den ſchlechteſten Schuß gethan hatte. Er verneigte ſich tief vor ihm und ſprach: Seht zu, ſchöner Schütze, daß Ihr Eure Kunſt beſſer lernt, ich habe hier einige luſtige Knaben, die Euch das Treffen beibringen werden! Braucht ihnen kein Geld dafür zu zahlen. Franz Floh, nimm den Sprengwedel, ſegne ihn mit geweihtem Waſſer, es iſt ſehr möglich, daß er be172ſchrieen iſt. Hans Hahn läute ihm mit Deiner hölzernen Glocke um die Ohren! Und Ihr Andern, nehmt auch Ihr Euch ſeiner an, pfeift ihm einen hübſchen Reigen, und bohrt ihm Eſels=Ohren; nur ſeid anſtändig, und thut's hinter ſeinem Rücken. Bringt ihm ſeine Ehrengeſchenke, zuerſt eine Fahne, von der Art Atlas, in welchem die Bauern ihren Hafer zur Stadt führen, die Klippe, welche daran hängt, iſt leider nur von Blech, dazu einen Teller von Holz, darauf ein ſchöner Quark=Käſe, ſtatt der Pommeranze einen Apfel und im tönernen Napfe ein leichtes Bier!
So höhnte der Pritſchmeiſter, und zuletzt verehrte er ihm noch eine Narrenkappe mit Hahnenfedern; des Pritſchenmeiſters Jungen ſchlugen Purzelbäume um den Schützen, und verfolgten ihn mit Grimmaſſen bis zu ſeinem Stande, während ihm ein Dudelſackpfeifer voranſchritt, der aus ſeinem Schlauche die grimmigſten Töne preßte.
Nachdem das Schießen beendet war, begannen die offenen Spiele: Steinſtoßen, Springen, Laufen, Ringen, Tanzen, Fechten. In allen dieſen Uebungen gewann Michael von Rheinfelden den erſten Preis. Im Steinſtoßen errang er einen goldnen Ring, durch den weiteſten und höchſten Sprung gewann er 45 fl. Für den am weiteſten geſtoßenen Stein erhielt er ein Stück Scharlach=Tuch, für den Sieg im Wettlauf einen ſilbernen Becher und für die Ueberwindung ſeines Gegners im Schwertkampf ein edles Roß. Er war der Held des Tages. Die Jungfrauen der Stadt, geführt von der Tochter des erſten Bürgermeiſters, überreichten ihm ein Ehrenkränzlein.
Als der Tag ſich zu Ende neigte, ehe das große Abendſchmauſen begann, begehrte Rabbi Joſelmann vor den Kaiſerlichen Landvoigt geführt zu werden.
173„Ihr ſeid's, Joſelin“, rief ihm dieſer entgegen. „Ich habe Euch auf den heutigen Tage herbeſcheiden laſſen, damit Ihr mit eigenen Augen die Triumphe des Juden Michael von Rheinfelden ſchauet! und einen ſolchen Mann, auf den ihr ſtolz ſein ſolltet, habt Ihr in den Bann gethan? Das Herz im Leibe ſollte Euch aufgehen vor Freude, da Ihr ſehet, wie dieſer wackere Mann von uns Chriſten ausgezeichnet wird. Ihr klagt immer über Zurückſetzung und Verfolgung — wenn Ihr Alle wäret wie dieſer Michael, mit uns eſſen und trinken wolltet, unſere Feſte mit uns feiern würdet, Ihr hättet ſchon längſt nicht mehr über Zurückſetzung und Verfolgung zu klagen.“
„Gnädigſter Herr“, entgegnete Rabbi Joſelmann, „ich glaube, daß Ihr die Wahrheit ſprechet; aber theurer als alle Schätze der Welt, als Friede, Ruhe, Sicherheit und Wohlſtand, ſind uns die Vorſchriften unſerer heiligen Religion, und was den Michael von Rheinfelden betrifft, ſo haben wir ihn nicht deßhalb in den großen Bann gethan, weil er die Geſetze unſeres Gottes übertritt, obſchon er ihn deſſentwegen verdient hätte, ſondern weil er öffentlichen und verſteckten Wucher treibt, ſo daß das ganze Land über ihn klagt. Ihr wißt, gnädiger Herr, daß ich am Reichstage zu A gsburg in Verbindung mit allen Rabbinen und Vorſtänden der deutſchen Lande Artikel und Ordnung gegen den Wucher erlaſſen, und daß ich als kaiſerlicher Befehlshaber und Regierer der geſammten Judenſchaft deutſcher Nation die Pflicht habe, dieſen Artikeln und Ordnungen Geltung zu verſchaffen. Was für ein anderes Mittel zu ſtrafen bleibt uns Juden, als der Bann?“
„Und ich ſage Euch,“ entgegnete Herr Ulrich, „Ihr müßt den Bann gegen den Juden Michael von Rheinfelden wieder aufheben. Ich, der kaiſer174liche Landvoigt, der hier gebietet und befehle an Kaiſers Statt, gebietet es Euch, befiehlt es Euch, Herr Kaſpar von Mörspurg, der in Hagenau an der Spitze der kaiſerlichen Regierung ſteht, iſt in dieſem Punkte mit mir einverſtanden; darum ziert Euch nicht lange und hebt den Bann wieder auf.“
„Wenn Michael“, entgegnete Rabbi Joſelmann, „von ſeinem unjüdiſchen Leben wird ablaſſen wollen, wenn er aufhören wird, gegen die Artikel und Ordnung zu ſündigen, die vom Kaiſer und Reich ſind beſtätigt worden, ſo werde ich in Verbindung mit meinen Gefährten, die mit mir den Bann verhängt haben, ihn wieder aufheben.“
„Beſinnt Euch eines Beſſeren“, ſprach Herr Ulrich ſtreng. „Ich und der Kaſpar, wir werden Mittel finden, Euch zu zwingen.“
Rabbi Joſelmann blieb unbeugſam; doch entſpann ſich für ihn aus dieſer Angelegenheit eine Reihe bitterer und ſchwerer Kämpfe. Die beiden kaiſerlichen Landvögte zu Hagenau und Entſisheim quälten und drangſalirten den jüdiſchen Befehlshaber, wie und wo ſie nur konnten. Und der Kaiſer war fern, im ſpaniſchen Lande. Da entſchloß ſich Rabbi Joſelmann den Schutz des Kurfürſten von der Pfalz, des erſten Schirmherrn des Oberrheiniſchen Gaues, anzurufen. Dieſer lud die beiden Landvögte und den jüdiſchen Befehlshaber vor ſeinen Richterſtuhl nach Heidelberg; hier vertheidigte ſich Rabbi Joſelmann ſo glänzend, daß der Kurfürſt den Landvögten befahl, von der Verfolgung des kaiſerlichen Befehlshabers abzulaſſen, und ihn nicht mehr zu quälen.
Michael von Rheinfelden nahm eine Buße auf ſich, die man ihm auferlegte, und gelobte Beſſerung. So wurde denn der Bann von ihm genommen.
II. Theil · Kapitel 31 · S. 175–182
XXXI.
175Eine große Gefahr bedrohte aufs Neue die deutſchen Juden. Wenn in unſerer Zeit die Rohling, Stöcker, Marr und andere Judenfeinde, judenfeindliche Schriften vom Stapel laſſen, ſo berührt uns dies allerdings unangenehm, während, Gott ſei Dank, eine ernſtliche Gefahr nicht dabei zu befürchten iſt. Anders war es vor 350 Jahren; damals vermochten ſogar die Schriften eines ſo unbedeutenden Menſchen wie Pfefferkorn gefahrbringend zu werden. Als nunmehr aber der bedeutendſte Mann der Zeit, Dr. Martin Luther, der von ſeinen Anhängern gleich einem gottbegnadeten Propheten, verehrt wurde, Schriften herausgab, welche an Gehäſſigkeit und Feindſchaft gegen die Juden alles bis daher Dageweſene übertrafen, da ergriff Zagen und Bangen die ganze deutſche Judenſchaft; nicht blos die, welche in den Ländern proteſtantiſcher Fürſten lebten, ſondern Alle, Alle, denn der Haß gegen die Juden war der Punkt, in welchem Katholiken und Proteſtanten einig gingen.
Aus allen Gauen Deutſchlands richteten ſich die Augen der Glaubensgenoſſen auf Rabbi Joſelmann, von dem ſie Hilfe und Abwehr des drohenden Unheils erwarteten. Eine an ihn geſendete Deputation forderte ihn nachdrücklich dazu auf. In dieſer Deputation befanden ſich auch ſeine beiden Söhne, Rabbi Jakob, der in Worms und Rabbi Moſcheh, der in Frankfurt a. M. ſich niedergelaſſen hatte. Rabbi Joſelmann verſprach den Deputirten, Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand. Es wurde beſchloſſen, daß ſich Rabbi Joſelmann zunächſt nach Straßburg begeben ſolle, um ſich mit ſeinen dortigen Freunden, dem berühmten Oberbürgermeiſter von Straßburg, Jacob Sturm, 176und dem nicht minder berühmten Probſt des Stiftes St. Thomas daſelbſt, Wolfgang Capito, über die einzuſchlagende Mittel und Wege zu berathen. Rabbi Joſelmann erſuchte ſeine beiden Söhne, ihn nach Straßburg zu begleiten. Die übrigen Mitglieder der Deputation kehrten in ihre Heimath zurück.
Rabbi Joſelmann machte ſich mit ſeinen beiden Söhnen auf den Weg nach Straßburg und ließ, dort angekommen, den erſten Bürgermeiſter, Herrn Jakob Sturm von Sturmeck, um eine Andienz erſuchen.
Der Genannte war ein Mann, deſſen Weisheit von alter und neuer Zeit um die Wette geprieſen worden iſt. „Unſer Heros“ nennt ihn Butzer, der Reformator von Straßburg; „die Zierde des deutſchen Adels und den rechtſchaffenſten aller Menſchen;“ nennt ihn der Geſchichtſchreiber Sleidan, „das Orakel Deutſchlands“, nennen ihn andere Zeitgenoſſen, „ein Berather der Stadt, werth über den Erdkreis zu herrſchen („Urbis conſultor, dignus dominarl orbi) nennt ihn ſeine Grabſchrift. — Sleidan beſang ſeinen Tod mit den Worten „Deine Sonne iſt erloſchen, o Straßburg! Nun bete zum Herrn, auf daß er inmitten der Fluth in Nacht und in Dunkel, Euch gnädig behüte und ſicher das Schiff zum Hafen geleite. Und Ihr auch, Städte des Reichs, betrauert den Fall des Mannes, der mächtig im Rath mit hellem Verſtand und gewaltiger Zunge oftmals Euch die Freiheit gewahrt und Haß nie fürchtete, als ein Beſchirmer des Wahren und Rechten.“ Ein neuerer Schriftſteller aber bezeichnet ihn geradezu als den größten Mann ohne Zweifel, den Straßburg überhaupt gehabt habe.
Jakob Sturm von Sturmeck (geboren 1489) hatte Theologie und Jurisprudenz ſtudirt und 177dann auf Reiſen ſeine Kenntniſſe erweitert. Auf dieſen Reiſen lernte er den berühmten Erasmus von Rotterdam kennen. Dieſer nennt ihn einen unvergleichlichen Jüngling, der die Bilder ſeiner Ahnen verherrlicht durch die Reinheit ſeiner Sitten, der ſeine Jugend ziert durch den Ernſt des Mannes, und ſeine ungewöhnlichen Kenntniſſe durch ſeltene Beſcheidenheit wunderbar ſchmücket. Sturm war zwar ein Anhänger Luthers und der Reformation, aber auch zugleich ein eifriger Verehrer der Humaniſten, namentlich Reuchlins. Sein oberſter Grundſatz war die Gewiſſensfreiheit, und deßwegen war er ein Feind aller Zwangsmaßregeln und Gewaltthätigkeiten, wie ſie Luther, Calvin, Zwingli, Butzer und die anderen Reformatoren alle ſich zu Schulden kommen ließen. Im Bauernkriege hatte er ſein großes Talent zur Vermittlung bethätigt, ſo daß die Stadt Straßburg ihm zu Ehren eine Münze prägen ließ, mit der Umſchrift: Geduld ſchlägt Glück (victrix fortunae patientia).
Als Rabbi Joſelmann vor Sturm erſchien, empfing ihn dieſer aufs Freundſchaftlichſte.
„Mein lieber Joſelin, fragte er ihn; „was führt Euch heute zu mir?“
„Gnädiger Herr“; antwortete Rabbi Joſemann, „es iſt Euer Prophet und Heros, Dr. Martin Luther, der uns arme Juden mit einer großen Gefahr bedroht. Er hat eine Schrift veröffentlicht, unter dem Titel: „Von den Juden und ihren Lügen“, welche die Fürſten und Völker gegen uns aufreizt, und ſie auffordert, uns zu bedrücken, zu berauben, und aus dem Lande zu jagen, er nennt uns Lügner und Bluthunde, giftige Ottern, rachgierige hämiſche Schlangen, weil wir nicht ſo glauben wie er. Er erklärt, daß Jeder, der uns in Ruhe und Friede laſſe, keinen Antheil habe an der zukünftigen Welt. Schon hat in Folge deſſen 178der Kurfürſt von Sachſen und der Kurfürſt von Brandenburg beſchloſſen, die Juden aus ihren Landen zu vertreiben. Gnädiger Herr, meine Brüder in allen deutſchen Landen haben ſich an mich gewendet um Schutz und Hilfe; gnädiger Herr, ich weiß, Ihr ſeid ein Anhänger Luthers, aber ich weiß auch, daß ihr ein edler Mann ſeid, der nicht bloß die Freiheit für ſich, ſondern für alle Menſchen will. Gnädiger Herr, ich wende mich vertrauensvoll an Euch, weil Ihr ein Anhänger Luthers ſei. Wohl habe ich unter gelehrten Katholiken gar manchen Freund, der mir die Liebe erweiſen würde, eine Entgegnung zu ſchreiben gegen Luthers leidenſchaftliche, giftgeſchwollene Schrift; aber ich fürchte, wenn von katholiſcher Seite eine Entgegnung käme, ſo würde die Judenfrage zum Schiboleth der Parteien werden und auf Jahrhunderte hinaus würden die Länder der Proteſtanten den Juden verſchloſſen bleiben. Deßhalb bitte ich Euch, gnädiger Herr, ſchreibt Ihr gegen den haßerfüllten Martinum; Ihr ſeid dazu geeignet wie kein Anderer. Euer Wort hat Gewicht bei Katholiken wie bei Proteſtanten. Der Kaiſer und alle Fürſten bewundern Eure Weisheit. Ich werde Euch das Material dazu geben, durch das bewieſen wird, wie ſehr unrecht Dr. Martinus uns thut, und wie falſch und boshaft ſeine Behauptungen ſind.“
„Mein lieber Joſelin“, entgegnete der Stadtmeiſter von Straßburg, „ich bewundere Eure Weisheit, die Euch zu mir und nicht zu einem katholiſchen Gelehrten geführt hat, um Martinum zu widerlegen. Ihr habt Euch in mir nicht geirrt, ich billige die Auslaſſungen Martini gegen die Juden nicht. Es wird dem großen Manne ewig zur Schande gereichen, daß er ſich herbeigelaſſen, die Schmähungen und Entſtellungen des elenden 179Pfefferkorn nachzuſchreiben, und noch andere von nicht minder elenden Menſchen ausgedachte judenfeindliche Behauptungen hinzuzufügen. Doch höret auf meinen Rath. Laſſet die Schrift Martinis gar nicht widerlegen. Eine jede Widerlegung würde nur noch einen heftigeren Angriff des leidenſchaftlichen Mannes gegen Euch hervorrufen. Wenn Ihr dieſe Schrift unbeachtet laſſet, ſo wird ſie binnen weniger Wochen oder Monate vergeſſen ſein. Wenn Ihr ſie aber widerlegt, ſo wird ein Angriff auf Martinum eine Fluth judenfeindlicher Schriften von Tauſenden ſeiner ſchreibſeligen Anhänger hervorrufen. Darum folget mir und laſſet den Luther ungeſchoren. Was Lüge und Entſtellung iſt in dieſer Schrift, wird nicht Euch, ſondern ihm, zur Schande gereichen; denn die Wahrheit beſteht ewiglich, aber die Lüge vergeht; — dagegen bin ich gern bereit, Euch Empfehlungsbriefe an den Kurfürſten von Sachſen, an deſſen Miniſter und Räthe mitzugeben, damit Ihr ſelbſt den Herren perſönlich nachweiſen könnt, wie ſehr Martinus diesmal im Irrthume befangen.“
Ein Diener meldete den hochwürdigſten Herrn Capito.
„Ich bitte Euch“, ſagte Rabbi Joſelmann, „empfanget den hochwürdigſten Herrn in meiner Gegenwart, damit auch er, der ſeit vielen Jahren mein Freund, ſein Urtheil in dieſer Sache abgeben mag.“
Der Stadtmeiſter nickte zuſtimmend, und Herr Wolfgang Köpfel, der ſeinen Namen nach damaligen Gelehrtenſitte in das lateiniſche Capito umwandelt hatte, trat ein.
Der Probſt von St. Thomas war ein ſehr frommer Herr. Der Sohn eines Schmiedemeiſters aus Hagenau, hatte er, der urſprünglich ein Mediciner werden ſollte, alle Facultäten ſtudirt, um 180zuletzt bei der Theologie Halt zu machen. Er wurde raſch ein vornehmer Mann. In kurzer Friſt ſtieg er zu bedeutenden Stellungen hinauf, die ihn mit den höheren Schichten der Geſellſchaft in Berührung brachten, und ihm meiſt auch die erwünſchte Muße zu wiſſenſchaftlicher Thätigkeit gewährten. Er war ein Bewunderer des Alterthums, das, wie er ſagte, durch eine eigene ehrwürdige Majeſtät ihn anzog. Er war auch ein Kenner der hebräiſchen Sprache und verkehrte gern und viel mit Juden, um aus ihrem Umgang Belehrung zu ſchöpfen. Er hatte es bis zum Kanzler und vertrauten Rath des Kurfürſten von Mainz gebracht, und in dieſer Stellung hatte er Rabbi Joſelmann kennen gelernt. Im Innern zum Proteſtantismus hinneigend und des Hoflebens müde, hatte er Mainz verlaſſen, um als Probſt des Stiftes St. Thomas zu Straßburg die erſehnte Ruhe zu ſuchen. Hier bekannte er ſich offen zu der evangeliſchen Richtung.
Nachdem er eingetreten war und den Stadtmeiſter begrüßt hatte, reichte er Rabbi Joſelmann die Hand.
„Mein lieber Joſelin,“ ſagte er, „gut, daß ich Euch hier treffe, Ihr könnt mir, wenn unſer geſtrenger Herr Stadtmeiſter es geſtattet, Aufſchluß geben über eine ſchwierige Stelle in der heiligen Schrift, deren Deutung ich ſeit vielen Monaten vergeblich ſuche. Es heißt im 1. B. M. Cap. 21, Vers 28—30: Und Abraham ſtellte die ſieben Mutterſchafe beſonders. Und Abimelech ſprach zu Abraham: Was bedeuten dieſe ſieben Mutterſchafe, die Du beſonders geſtellt haſt? Und er ſprach: Denn dieſe ſieben Mutterſchafe ſollſt Du nehmen von meiner Hand, damit es mir werde zum Zeugniß, daß ich dieſen Brunnen gegraben habe. — Und nun frage ich, wie kann ein Ge181ſchenk von ſieben Schafen zum Zeugniß werden für den Eigenthümer des Brunnens? Ich habe alle Commentatoren darüber nachgeſchlagen, und nirgendwo befriedigenden Aufſchluß gefunden. Könnt Ihr mir vielleicht die Stelle erklären, mein lieber Joſelin?“
„Das kann ich“, entgegnete Rabbi Joſelmann. „Doch muß ich ein wenig weit ausholen, wenn der gnädige Herr Stadtmeiſter es erlaubt . . . . .“
„Nur zu“, ſagte Herr Jakob Sturm, „ich ſelbſt bin begierig, die Löſung dieſer ſchwierigen Frage zu vernehmen.“
„So geſtattet mir denn, verehrte Herren“, nahm Rabbi Joſelmann das Wort, „zuerſt eine Erzählung unſerer Weiſen mitzutheilen: Einſt hatte ein frommer Mann eine Kuh, mit der er auf dem Felde pflügte. Der fromme Mann verarmte und mußte Feld und Kuh verkaufen. Er verkaufte Beides an einem Nichtjuden. An einem Sabbattage kam der Käufer, aufgeregten Gemüthes, zu dem frommen Manne und ſchrie: Was für eine Kuh haſt Du mir verkauft! Das ſtörrige Vieh liegt auf dem Felde und will nicht arbeiten. — Da ging der fromme Mann mit dem Käufer hinaus auf das Feld, beugte ſich zu dem Thiere nieder und flüſterte ihm ins Ohr: Du willſt nicht arbeiten, weil heute Sabbat iſt und Du bei mir am Sabbat nicht arbeiten durfteſt. Nicht Dir iſt befohlen worden, am Sabbat zu ruhen, ſondern mir. So lange Du mein warſt, durfte ich Dich nicht am Sabbat arbeiten laſſen. Jetzt gehörſt Du einem Nichtjuden, ſo magſt Du auch am Sabbat arbeiten. — Da erhob ſich das Thier und folgte willig ſeinem Herrn. — Eine ähnliche Erzählung finden wir im Talmud von der Eſelin des Rabbi Pinchas ben Jaïr, die einſt in der Herberge den Hafer nicht freſſen wollte, von dem der Zehnte nicht war 182abgeſchieden worden. Wir ſehen alſo, daß die Hausthiere vorzüglich frommer Männer durch göttliche Eingebung Verſtändniß haben von Recht und Unrecht. Aehnlich verhielt es ſich auch mit der Heerde Abrahams. Das Eigenthumsrecht Abrahams an dem Brunnen wurde beſtritten. Da kamen die Schafe durſtig von der Weide, um zu trinken. Sieben Mutterſchafe ſtellte Abraham beſonders, und ſchenkte ſie, ehe ſie getrunken hatten, dem Abimelech. Jetzt weigerten ſich die Schafe, Waſſer aus dem Brunnen zu trinken, der ihrem neuen Herrn nicht gehörte, und legten damit das Zeugniß ab, daß der Brunnen das Eigenthum Abrahams ſei.“
Die beiden Straßburger Herren waren ganz entzückt von der ſinnigen Erklärung Rabbi Joſelmann's. Dann theilte Herr Jakob Sturm dem Probſt von St. Thomas mit, um was es ſich handele. Herr Capito war ganz mit dem Stadtmeiſter von Straßburg einverſtanden, daß es nicht gut ſei, Luther durch eine Entgegnung zu reizen. Auch er erbot ſich, dem jüdiſchen Befehlshaber gewichtige Empfehlungsſchreiben an die Kurſächſiſchen und Brandenburgiſchen Räthe mitzugeben. Ehe ſich Rabbi Joſelmann von den beiden Herren verabſchiedete, erbat er ſich die Erlaubniß, die alte längſt verwaiſte Synagoge von Straßburg zu beſuchen und die dort noch aufbewahrte Thorarollen zu ſehen. Die Erlaubniß wurde ihm gerne ertheilt.
II. Theil · Kapitel 32 · S. 182–189
XXXII.
Rabbi Joſelmann begab ſich zunächſt nach dem Gaſthofe, in welchem er abgeſtiegen war, und wo er ſeine beiden Söhne zurückgelaſſen hatte. Mit ihnen gemeinſam ſuchte er die alte ehrwür183dige Stätte auf, welche einſt ſeinen Glaubensbrüdern als Haus der Andacht gedient hat, und die nunmehr ſeit 150 Jahren verödet war. Er ließ ſich das zerfallene Gotteshaus aufſchließen, trat an die heilige Lade, nahm die Thora=Rollen heraus, küßte ſie, und rollte ſie mit Hilfe ſeiner beiden Söhne auf, um etwaige abgeſprungene Buchſtaben zu verbeſſern und wiederherzuſtellen. Gewaltſam mußten die drei Männer während dieſer Beſchäftigung ihre Thränen zurückhalten. Der Abend brach heran, als ſie dies mühſame Geſchäft vollendet hatten. Dann ſtellten ſie die Rollen wieder in den heiligen Schrein, und weinten laut. Nachdem ſie in den Gaſthof zurückgekehrt waren und auf ihrem Zimmer die mitgebrachten Vorräthe verzehrt hatten, erzählte Rabbi Joſelmann ſeinen Söhnen:
In Straßburg haben Juden gewohnt ſeit uralten Zeiten, vielleicht ſeit dem Tage, da dieſe Stadt iſt gegründet worden.
Im Jahre der Welt 5109 fand hier die erſte Judenverfolgung ſtatt, damals richtete die Peſt furchtbare Verheerungen an; ganze Dörfer ſtarben aus, ſogar auf den Meeren begegnete man Schiffen, deren Mannſchaften von der Seuche hingerafft und welche den Winden und Wogen preisgegeben waren. Ueberall herrſchte Trauer und Verzweiflung. Obgleich die Seuche noch nicht in Straßburg ausgebrochen war, verſetzte ſchon die Furcht davor die Bevölkerung in die größte Aufregung und Beſtürzung. — Ungeachtet aller Vorkehrungen wurde Straßburg dennoch von der Peſt heimgeſucht, und faſt 1000 Einwohner wurden hinweggerafft. — Es erhob ſich die ebenſo boshafte als dumme Beſchuldigung gegen die Juden, daß ſie die Brunnen vergiftet, und dadurch dieſe ungeheure Sterblichkeit verurſacht hätten. Der Magiſtrat ließ die 184Brunnen mit Schlöſſern verſchließen, und um dem Volke jeden Vorwand zur Judenhetze zu nehmen, befahl er, daß man das Waſſer aus dem Fluſſe ſchöpfen ſollte. Als man aber erfuhr, daß in vielen Städten der Schweiz und Deutſchlands die Juden als Opfer der Volkswuth gefallen waren, da loderte Haß und Habſucht, welche unter der Aſche glimmten, in heller Flamme auf. Die Straßburger Delegirten im Concilium zu Benfeld, mit denjenigen des Biſchofs, des Adels von Elſaß und der Städte Baſel, Freiburg und der Provinz vereinigt, bemühten ſich vergebens, die Unſchuld der Juden nachzuweiſen; vergebens beriefen ſie ſich auf die Schutzbriefe, welche dieſelben von der Stadt um ſchweres Geld gekauft hatten; die Gährung ſtieg mehr und mehr, und am Montag, 9. Schebat, entfeſſelte ſich der Aufruhr in Straßburg. — Es ſtanden damals an der Spitze der Regierung der Stadt die beiden Stadtmeiſter Sturm und Kunz von Winterthun, und der Ammeiſter Peter Swerber. Beſonders der Letztere, ein edelmüthiger Mann, welcher die ungerechten Beſchuldigungen gegen die Juden immer energiſch zurückgewieſen, hatte eben dadurch den Haß des Volkes gegen ſie hervorgerufen. Als eine Deputation der Handwerker die Verhaftung und Einſperrung der Juden von ihm forderte, leiſtete er ihnen Widerſtand mit dem Muthe eines Mannes, welcher das Bewußtſein hat, die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit zu vertheidigen. — Auf die groben und frechen Antworten der Mitglieder der Deputirten, ließ er dieſelben einſperren; aber einer davon, der zu entrinnen vermochte, hinterbrachte das Vorgefallene eiligſt der Zunft der Gerber und Metzger, welche den Juden Geld ſchuldeten und durch die Vertilgung derſelben ſich von ihren Schulden und Gläubigern zu befreien ſuchten. Auf ihr Anſtiften 185bewaffneten ſich die Zünfte und ſogar der Adel und ſammelten ſich mit ihren Bannern rings um das Münſter. Vergebens boten die beiden Stadtmeiſter Sturm, und Kuntz von Winterthur alle Anſtrengungen auf, um die Volkswuth zu beſchwichtigen; taub gegen die Stimme der Obrigkeit, ſchlug die rachſüchtige Menge ihr Hauptquartier im „Gürterhof“ am Münſterplatz auf, wo ſie die Nacht unter Waffen zubrachte, indem ſie mit großem Geſchrei die Abſetzung der Vorſteher der freien Reichsſtadt forderten, weil ſie ſich durch das Geld der Juden beſtechen laſſen. Tags darauf, Dienstag 10. Schebat brach die Bürgerſchaft, bewaffnet und Herrin der Stadt, in die Wohnung der drei Vorſteher ein, ſetzte dieſelben ab, und bemächtigte ſich des Sigels und des Banners von Straßburg. Hierauf zogen die Meuterer in die Pfalz und wählten Nikolaus von Bulach und Goſſo Engelbrecht, als Vertreter des Adels, zu Stadtmeiſtern, dann zwei Vertreter der Bürgerſchaft und den Metzger Betſchuld als Ammeiſter. — Mittwoch fand die Eidesleiſtung der Gewählten ſtatt. Donnerstag leiſtete die Bevölkerung ihrerſeits den Eid. Freitag beſchäftigte ſich der neue Senat mit der gegen den ehemaligen Ammeiſter Peter Swerber erhobenen Anklage. Schwer büßte dieſer Biedermann den Muth, womit er die Menſchenrechte vertheidigt hatte; ſein Vermögen wurde confiscirt, ein Theil ſeinen Kindern überlaſſen und 3400 Gulden dem Neugewählten überwieſen; er wurde außerdem zum Verluſte der Bürgerrechte verurtheilt, und aus der Stadt verbannt. Swerber zog ſich nach Benfeld zurück, wo er ſein Leben beſchloß. Samstag, 14. Schebat, am letzten Tage dieſer aufgeregten Woche (unmüßige Wuche), vermochte endlich das Volk ſeine blinde Wuth zu ſättigen. Die unglücklichen Juden, während dieſer 186ganzen Zeit in ihren Quartieren eingeſchloſſen, von wildem Geſchrei der Meuterer umtobt, ſchwebten in der ſchrecklichſten Angſt, als plötzlich das vom Wein berauſchte Volk beim ſchauerlichen Schall der Sturmglocke raſend über ſeine zitternden Opfer herfiel, ſie dem häuslichen Herde entriß, ihre Kinder fortſchleppte, um ſie der Taufe zu unterwerfen, mordete, niedermetzelte, raubte, plünderte, Schuldſcheine zerſetzte — und als endlich der blutdürſtige Haufe des Gemetzels müde war wurden die noch übrigen Juden nach dem jüdiſchen Friedhofe geſchleppt, wo ein ungeheuerer Scheiterhaufen errichtet war, lebendig in die lodernden Flammen geworfen, oder auch warfen die Mütter ſelbſt ihre Kinder hinein, um mit ihnen im Glauben der Väter zu ſterben. 2000 edle, gottergebene Menſchen ſtarben für die Heiligung des göttlichen Namens. Die Uebrigen entkamen. — Die Behörden der Stadt beſchloſſen nun, daß keine Juden mehr in dieſelbe aufgenommen werden ſollten. O, hätten ſie Wort gehalten! Es wäre den Nachkommen Jakobs viel Leid und Trauer erſpart geblieben. Allein, ſchon wenige Jahre nachher befand ſich in Straßburg wieder eine große und blühende Gemeinde, an deren Spitze der gelehrte Rabbi Samuel aus Schlettſtadt als Rabbiner ſtand. Zu jener Zeit ſtand das Raubritterthum in voller Blüthe, und waren es namentlich die Freiherren von Andlaw, welche die Landſtraßen beunruhigten, die reiſenden Kaufleute anfielen und ſie ihrer Waaren, oft auch ihres Lebens beraubten. Da traf es ſich, daß jedesmal, wenn jüdiſche Kaufleute mit ihren Waaren die Stadt verließen, ſie von den Reiſigen der Herren von Andlaw überfallen und beraubt wurden. Es konnte nicht anders ſein, es mußte inmitten der jüdiſchen Gemeinde Verräther geben, welche die Herren von Andlaw zuvor benachrich187tigten. Die Sache wurde unterſucht, und es ſtellte ſich heraus, daß zwei junge Leute im Solde der Herren von Andlaw ſtanden. Dieſen wurde es leicht zu erfahren, wann Jemand aus der Gemeinde mit Geld oder Waaren aus der Stadt ziehen wollte. Da half denn kein noch ſo zahlreiches Geleit bewaffneter Söldner! Die Raubritter waren ſtets in größerer Anzahl da, denn ſie waren vorher von den beiden verworfenen Juden genau unterrichtet. Als die Schuld der Beiden erkannt und erwieſen war, befand man ſich in großer Verlegenheit. Die beiden Verräther mußten unſchädlich gemacht werden. Wollte man ſie der Behörde der Stadt anzeigen, ſo brachte man die Stadt in nicht geringe Verlegenheit. Mehr als einmal hatten die Herren von Andlaw die Stadt Straßburg mit Krieg überzogen. So beſchloß man, die Verräther vor den Richterſtuhl des Rabbiners und ſeiner Aſſeſſoren zu ziehen. Sie wurden zum Tode verurtheilt. Schon war das Todesurtheil an einem der Beiden vollzogen, als der Andere entkam und zu den Herren von Andlaw flüchtete. Auf dem Schloſſe zu Andlau trat er zum Chriſtenthum über, und hörte nicht auf, ſeine Beſchützer zu einem Rachezuge gegen die Juden von Straßburg zu reizen. Die Freiherren von Andlaw riefen alle ihre Vaſallen zuſammen, und zogen mit einem für die damalige Zeit zahlreichen Heere vor die Thore von Straßburg, mit großem Geſchrei Rache für ihren von den Juden in Straßburg gehängten Freund verlangend. Der Magiſtrat der Stadt rieth dem Rabbinen, deſſen Auslieferung die Herren von Andlaw verlangten, zu entfliehen. In einer finſteren, ſtürmiſchen Nacht gelang es ihm, aus der belagerten Stadt zu entkommen, und auf der Feſte „Hohenlandsberg“ in der Nähe von Wintzenheim Schutz zu finden. — Jahre vergingen, ohne daß 188Rabbi Samuel zu ſeinem Amte und zu ſeiner Familie zurückkehren durfte; in ſeiner Einſamkeit verfaßte er einen Auszug aus dem großen Werke des Rabbenu Mordechai ben Hillel. Unterdeß verlangte er von den Vorſtehern der Gemeinde zu Straßburg vergeblich, daß ſie ihm die Erlaubniß zur Rückkehr in die Stadt erwirken möchten. Sechs lange Jahre hatte Rabbi Samuel auf dem Hohenlandsberg zugebracht. Da verließ ihn die Geduld, und er begab ſich auf die Reiſe, um einen Cherem gegen die Vorſteher der israelitiſchen Gemeinde zu Straßburg zu erwirken. Rabbi Samuel ſcheute den weiten Weg nicht, ſich nach Babylon zu begeben, um von dem dortigen Rabbiner, Rabbenu David ben Hodia, dem größten und berühmteſten Gelehrten jener Zeit, das Gewünſchte zu erlangen. Rabbenu David empfing den deutſchen Gelehrten auf das Freundlichſte und erfüllte ſein Begehr. Mit einem furchtbaren Cherem verſehen kehrte Rabbi Samuel nach Deutſchland zurück. In Regensburg las er die ſchrecklichen Bannflüche dem Rabbiner und den Gemeinde=Häuptern vor. Dieſe erzitterten beim Anhören der fürchterlichen Verwünſchungen. Sie ſchickten eilig einen Boten nach Straßburg und baten die dortige israelitiſche Gemeinde, daß ſie die Angelegenheit ihres Rabbiners regeln möchte, damit ſie den entſetzlichen Bannfluch nicht auf ſich laden. Sofort that man die nöthigen Schritte, die Herren von Andlaw zu verſöhnen, was auch gelang, und der Rückkehr des Rabbi Samuel nach Straßburg ſtand nichts mehr im Wege. — Die Vorſteher und Aelteſten nebſt Rabbi Abraham, dem einzigen Sohne des Rabbiners, der während der langen Abweſenheit ſeines Vaters die Jeſchibah geleitet hatte, zogen dem Rückkehrenden bis an den Rhein entgegen. Als Rabbi Abraham am jenſeitigen Ufer ſeinen Vater 189erblickte, ſprang er, von Ungeduld getrieben, in den bereit ſtehenden Nachen. Der Nachen ſchlug um, und Rabbi Abraham ertrank. Am jenſeitigen Ufer ſtand der alte Vater und ſah es, und riß ſich die weißen Haare aus, rufend: Mein Sohn! Mein Sohn! Du haſt ſterben müſſen durch meine Schuld, weil ich den ſchrecklichen Bannfluch ins Land gebracht habe! Warum bin ich nicht ſtatt Deiner geſtorben, warum haben die feindlichen Wellen Dich, den Unſchuldigen, hinweggeſpült! Rabbi Samuel ſtarb bald darauf von Kummer gebeugt. Wenige Jahre nachher, im Jahre der Welt 5148 wurden alle Juden in Straßburg getödtet, ihre Häuſer zerſtört, ihr Eigenthum geraubt, die heiligen Thora=Rollen zerſetzt und entweiht, bis auf die vier, die wir heute aufgerollt und deren fehlende Buchſtaben erſetzt haben.“
„Niemals, liebe Kinder,“ — ſo ſchloß Rabbi Joſelmann ſeine Erzählung — „ſoll der Menſch die Strafe Gottes auf ſeine Gegner hernieder ziehen wollen. Ich halte mich fern davon, und obwohl ich ſchon gar Vieles erduldet und erfahren habe — niemals habe ich meinen Feinden geflucht. Thut ihr es auch alſo, liebe Kinder! Niemals ſoll der Fromme fluchen, ſondern die Verzeihung Gottes ſelbſt für ſeine Feinde erflehen!“
II. Theil · Kapitel 33 · S. 189–196
XXXIII.
Es war eine große und mühevolle, beſchwerliche Reiſe, welche Rabbi Joſelmann jetzt antrat. Zuerſt galt es, den Kurfürſten Johann Friedrich von Sachſen, der damals zu Wittenberg reſidirte, aufzuſuchen. Als Rabbi Joſelmann zu Wittenberg ankam, erfuhr er, daß der Kurfürſt zu einer Beſprechung mit den andern proteſtantiſchen Fürſten ſich nach Braunſchweig begeben habe.
190Am 25. September 1534 war Pabſt Clemens geſtorben, und Alexander Farneſe, hatte unter dem Namen Paul III., den päbſtlichen Stuhl beſtiegen. Da der Pabſt wohl wußte, wie unabweislich das Verlangen nach einem allgemeinen Concil und nach Reform in der Kirche ſelbſt bei allen guten Katholiken, namentlich am Kaiſerlichen Hofe, war, ſo erklärte er von vornherein ſeine Bereitwilligkeit, ein ſolches zu berufen. Mit Recht ſchlug der kluge Mann die Nachtheile höher an, welche aus der ſteten Verweigerung dieſes Verlangens erwachſen würden, als die, welche jemals bei geſchickter Leitung und Ueberwachung einer ſolchen Verſammlung, für das Pabſtthum hätte entſtehen können. Bereits 1535 erſchien ein Nuntius in Deutſchland, um Mantua als Verſammlungsort vorzuſchlagen. Im Frühjahr 1536 wurde das Concilium für dieſelbe Zeit des folgenden Jahres ausgeſchrieben. So vorſichtig man in der Ankündigung deſſelben alle verletzende Ausdrücke vermieden hatte, ſo konnten die Proteſtanten der ganzen Sachlage nach kein Zutrauen faſſen. Zur Beſprechung dieſer Angelegenheit hatte ſich der Kurfürſt nach Braunſchweig begeben, und Rabbi Joſelmann reiſte ihm dorthin nach. Aber er traf den Kurfürſten nicht mehr zu Braunſchweig. Derſelbe hatte in Verbindung mit andern Fürſten und Städten eine Bundesverſammlung nach Schmalkalden berufen, welche daſelbſt im Februar 1537 abgehalten wurde. Rabbi Joſelmann war gezwungen, dem Kurfürſten nach Schmalkalden nachzureiſen. Seit Monaten war er nunmehr unterwegs; mitten im Winter mußte er auf unwegſamen Pfaden durch Eis und Schnee über Berg und Thal ziehen. Wenn man bedenkt wie ungemein ſchwierig das Reiſen in jener Zeit war — keine Chauſſeen, keine Poſtverbindungen, aber Räuber und Weglagerer, und wilde, reißende 191Thiere in großer Menge, ſo wird man das Opfer ermeſſen können, welches der nunmehr faſt ſechszigjährige Mann dem Wohle ſeiner Glaubensgenoſſen brachte.
Auf der Bundesverſammlung zu Schmalkalden beſchloſſen die proteſtantiſchen Fürſten und Stände, die Einladungsſchreiben des Pabſtes nicht anzunehmen und in einer Eingabe an den Kaiſer nicht allein dieſes Verfahren zu begründen, ſondern um ein wahrhaft, freies Concilium, welches keinem Parteizwecke diene, auf deutſchem Boden zu bitten. Da erſchien in Schmalkalden der Kaiſerliche Vice=Kanzler, Dr. Mathias Held, und forderte die verbündeten Stände auf, unbedingt zur alten Kirche zurückzukehren. Held hatte aus eigener Machtvollkommenheit, aus Haß gegen die proteſtantiſchen Fürſten und die neue Lehre, ſeinen Inſtructionen geradezu entgegen gehandelt. Das aber konnten die Proteſtanten nicht wiſſen. Sie geriethen daher in die größte Aufregung und hielten das bisherige Benehmen des Kaiſers für ſchändliche Verſtellung, alle früheren freundlichen Zuſicherungen für Täuſchung. Sie beſchloſſen, nach Frankfurt am Main zu gehen und dort mit noch andern herbeizurufenden Fürſten und Ständen einen ernſtlichen Widerſtand gegen die Kaiſerliche Macht zu berathen. Namentlich galt es, den Kurfürſten Joachim II. von Brandenburg, der mit den Agnaten ſeines Hauſes, dem Herzog Albrecht von Preußen, dem Markgrafen Georg von Ansbach, gerade eine Zuſamenkunft in Frankfurt am Main hatte, für die proteſtantiſche Sache zu gewinnen. Kurfürſt Joachim hatte ſich bis dahin noch nicht offen für die neue Lehre erklärt.
Als Rabbi Joſelmann in Schmalkalden eintraf, fand er auch hier den Kurfürſten von Sachſen nicht mehr, und mußte ſich entſchließen, demſelben nach Frankfurt nachzureiſen.
192Endlich, endlich in Frankfurt am Main gelang es Rabbi Joſelmann, die Empfehlungsbriefe, die er mitgebracht hatte, an ihre Adreſſen gelangen zu laſſen; aber trotz aller Bemühungen wollte der Kurfürſt von Sachſen von dem Juden nichts wiſſen und ihn nicht vor ſich laſſen. Beſſeren Erfolg hatte Rabbi Joſelmann beim Kurfürſten Joachim II. von Brandenburg. Dieſer empfing den Juden ſehr freundlich und hörte ſeine Wünſche gnädiglich an. Seiner Vermittelung war es zu verdanken, daß auch der Kurfürſt von Sachſen darein willigte, die Vertheidigung der Juden gegen die Angriffe Luthers aus dem Munde Rabbi Joſelmanns zu hören. Eine große Verſammlung der anweſenden Fürſten und Stände und ihrer vornehmſten Begleiter und Berather wurde in den Kaiſerſaal des Römers berufen. Vor dieſe große und glänzende Verſammlung trat Rabbi Joſelmann unerſchrocken.
„Meine allergnädigſten Herren“, ſagte Rabbi Joſelmann, nachdem er ſich nach allen Seiten hin verneigt hatte, „geſtattet mir zunächſt, daß ich Euch meinen unterthänigſten Dank ausſpreche dafür, daß Ihr eingewilligt habt, mich anzuhören. Dr. Martinus iſt ein großer, gelehrter, ein bedeutender Mann, voll Feuereifer für ſeinen Glauben. Aber dieſer Feuereifer blendet ſeinen ſonſt klaren Blick und reißt ihn zur Ungerechtigkeit gegen uns arme Juden hin. Er meint, wir müßten wohl ein verworfenes Volk ſein, weil es uns ſeit mehr als tauſend Jahren ſo ſchlecht und elend ergeht auf Erden. Wohl, wir und unſere Väter haben geſündigt, und deßhalb hat uns Gott viele Strafen und Kümmerniſſe zugeſendet; aber verworfen hat uns Gott nicht, wie es heißt im 3. B. M. C. 26 V. 44 u. 45: Und auch dieſes, wenn ſie ſein werden im Lande ihrer Feinde, habe ich ſie nicht verworfen, und nicht verabſcheuet, ſie zu vernichten, 193zu ſtören meinen Bund mit ihnen, denn ich bin und bleibe der Ewige, ihr Gott. Und ich werde ihnen gedenken den Bund mit den Früheren, die ich herausgeführt habe aus dem Lande Aegypten vor den Augen der Völker, ihnen zu ſein zum Gott, ich bin der Ewige, ihr Gott. — Meine gnädige Herren, Ihr habt es vernommen, Gott hat uns nicht verworfen, und wird uns niemals verwerfen. Er ſchickt uns Leiden und Verfolgungen, damit wir unſere Sünden büßen, aber er bleibt eingedenk des Bundes, den er mit unſeren Vätern geſchloſſen. — Dr. Martinus fragt ferner, warum wir nicht zurückkehren nach Paläſtina, und er meint, wir hätten in Deutſchland nichts zu ſuchen. Was den erſten Punkt anbelangt, ſo beten wir täglich zu Gott, daß er uns ſammle von allen Enden der Erde, und uns ſein heiliges Haus wieder baue in Jeruſalem. Bis dahin aber können und dürfen wir nicht hinziehen, um Paläſtina uns zurückzuerobern. Seitdem unſer heiliges Gotteshaus iſt zerſtört worden, und wir ſind zerſtreut worden über alle Länder der Erde, hat Israel aufgehört ein kriegführendes Volk zu ſein, und Gott hat uns verboten, das heilige Land gewaltſam zu erobern, wie es im hohen Liede C. 2, V. 7 heißt: „Ich habe Euch beſchworen, Ihr Töchter Jeruſalems, daß wenn Ihr nicht werden wollt zum Fraß der wilden Thiere des Feldes, Ihr nicht wecken ſollt die Liebe Gottes gewaltſam, bis es ſein heiliger Wille iſt. Alſo können wir nicht aus freien Stücken hinaufziehen nach Jeruſalem. Wann aber, meine gnädige Herren, wann Gott die große Poſaune ertönen laſſen wird, die uns die Erlöſung verkündet, dann werden weder ich, noch meine Brüder, dann werden wir Alle nicht zurückbleiben, nicht in Sachſen, nicht in Meißen, nicht in Brandenburg, nicht in Preußen, nicht in Elſaß, nicht in Böhmen, 194nicht am Rhein, nicht an der Donau, nicht in allen Ländern der Erde, ſondern wir werden freudig folgen dem Rufe unſeres Gottes. — Was nun den zweiten Punkt anbelangt, daß Dr. Martinus fragt, was wir Juden in Deutſchland zu thun hätten, ſo ſage ich ihm Folgendes: Meine gnädigen Herren, ich war vor vielen Jahren in Mainz bei meinem gnädigen und mir wohl gewogenen Herrn, dem Kurfürſten Albrecht. Damals beſuchte ich den alten jüdiſchen Friedhof und fand dort einen alten Leichenſtein, der dazumal 1300 Jahre alt war. Noch ältere Leichenſteine befinden ſich auf den alten Begräbnißplätzen zu Worms und zu Prag. Und uns, die wir ſo viele Jahrhunderte in dieſem Lande gelebt haben und ſtets getreue Unterthanen unſerer Obrigkeit, unſerer Fürſten und des Kaiſers Majeſtät geweſen ſind, will Dr. Martinus als Fremde bezeichnen? Mag der hochgelehrte Doctor doch einmal verſuchen, nachzuweiſen, daß ſeine Voreltern ſchon ſeit 1300 Jahren in Deutſchland leben. Der Verſuch würde ihm baß mißlingen.“
Ein Gemurmel des Beifalles durchzog den Saal, und auch die Kurfürſten lächelten beifällig.
Da ſprach Georg Spalatin, einer der Räthe des Kurfürſten von Sachſen:
„Ihr habt Euch gegen dieſe Vorwürfe Martins gut vertheidigt, Herr Befehlshaber, jetzt laſſet uns auch hören, wie Ihr die andern, gewichtigen Vorwürfe, welche der Luther den Juden macht, abweiſen wollt. So ſchreibt er, daß der Talmud und die Rabbiner lehren, daß man den Goſim, das heißt den Heiden und Chriſten, falſche Eide ſchwören dürfe.“
„Das iſt gelogen,“ rief Rabbi Joſelmann, „ſo etwas lehrt der Talmud und die Rabbinen nicht; es iſt kein wahres Wort daran.“
„Jude“, ſchrie der Kurfürſt von Sachſen, „ſei
195vorſichtiger in Deinen Worten! Der Luther lügt nicht.“
„Nein, nein gnädigſter Herr“, entgegnete Rabbi Joſelmann, „der Luther lügt nicht. Aber Dr. Martinus kennt den Talmud nicht, und hat ihn nie geſehen, und weiß nicht, was darin ſteht. Er ſchreibt nur aus den Werken längſt vermoderter, abtrünniger Juden ab, die ihrem Haſſe gegen ihre ehemalige Glaubensgenoſſen in Lügen und Verleumdungen Luſt gemacht haben. Ich will Euch ſagen, was der Talmud und die Rabbinen über den Eid lehren. Einer unſerer größten Rabbiner war Moſes Maimonides, er hat die Vorſchriften des Talmuds in einen Codex gebracht, und in dieſem heißt es in den Lehren von den Eidſchwüren C. 2 § 1: Wer irgend einen Eid aus eigenem Antriebe, oder in Aufforderung Anderer ablegt und falſch ſchwört, hätte er auch bloß auf die Worte des Eides mit „Amen“ geantwortet, wenn ihn auch ein Heide oder ein Kind hat ſchwören laſſen, ſo iſt er des Meineides ſchuldig. — Und ferner heißt es daſelbſt § 14 u. 15: Wer einen Eid nach der Meinung Anderer ſchwört, der kann nicht ſagen, ich deute die von mir ausgeſprochenen Worte nach meinem Sinne, denn er hat nicht nach ſeiner Deutung, ſondern nach der Deutung Jener zu ſchwören. Und wenn er nach dem Sinne wie Jene ſeine Worte auffaſſen, eine Unwahrheit ausgeſprochen, ſo wäre er des Meineids ſchuldig. Das Gericht hat daher den Schwörenden ausdrücklich zu belehren, daß der Eid nur nach des Gerichtes Sinne geleiſtet wird. — Meine gnädigen Herren, ich will Euch den Talmud und die Bücher des Maimonides vorlegen, und ihr ſollt ſelbſt unterſuchen laſſen, ob etwas Anderes darinnen ſtehet als ich Euch geſagt habe. Damals, als der verworfene Pfefferkorn mit ſeinen Lügen gegen 196den Talmud auftrat, gab es unter allen chriſtlichen Gelehrten Deutſchlands Keinen, welcher der hebräiſchen Sprache mächtig war, als den berühmten Herrn Johannes Reuchlin, und dieſer ward ein Vertheidiger der hebräiſchen Bücher. Jetzt aber gibt es viele Männer in Deutſchland, welche das Hebräiſche verſtehen, möge dieſe nachſchauen und prüfen.“
„Wir glauben Dir“, ſagte Kurfürſt Joachim, „Du biſt ein wackerer Mann, Joſelin. Gelingt es Dir, auch die andern Beſchuldigungen ſo zu widerlegen, dann biſt Du der einzige Mann in der Welt, welcher den Dr. Martinus beſiegt und geſchlagen hat.“
II. Theil · Kapitel 34 · S. 196–202
XXXIV.
„Wie aber werdet Ihr“, fragte Dr. Brück, den Kurfürſten von Sachſen Kanzer, „dem Vorwurfe begegnen, daß der Talmud erlaube, den Goi, das heißt, den Heiden und Chriſten, zu betrügen, zu hintergehen, ſein Vertrauen zu mißbrauchen?“
„Meine gnädige Herren“, antwortete Rabbi Joſelmann, „auch dieſe Behauptung iſt eine von abtrünnigen Juden, und andern Judenfeinden erdachte, ſchändliche gemeine Lüge. Der Talmud verbietet Lüge, Täuſchung, Betrug, Uebervortheillung und Liſt gegen Juden wie Nichtjuden. Unſere Weiſen verbieten im Talmud, im Tractat Cholin, ſogar jede unſchädliche Täuſchung der Gedanken eines Nichtjuden, geſchweige denn Wichtigeres. So etwas iſt Entweihung des heiligen Namens, und das iſt eine große Sünde. Alles Derartige iſt verboten im 5. B. M. C. 25, wo es heißt: Denn ein Gräuel iſt dem Ewigen, der ſo etwas thut. — Im Talmud Tractat Gittin f. 59 b. wird vorge197ſchrieben, daß man auch den Armen der Heiden, das Nachleſen auf den Feldern geſtatten ſoll. Ebendaſelbſt 61a wird geboten, die Armen der Heiden ebenſo gut wie die Armen in Israel zu ernähren, ihre Kranken zu beſuchen, ihre Todten zu begraben. Im Tractat Aboth C. 3 § 2 wird geboten, für das Wohl der Obrigkeit zu beten. Im Tractat Sanhedrin, f. 105, wird gelehrt, daß die Frommen aller Nationen Antheil haben an der Seligkeit der zukünftigen Welt. An vielen Stellen im Talmud, im Tractat Gitin f. 10b, Nedarim f. 28a, Baba Bathra fol. 54b wird vorgeſchrieben, daß jeder Jude verpflichtet iſt, die Geſetze des Landes zu beobachten, in welchem er ſeinen Wohnſitz hat. Und in demſelben Sinne wie der Talmud ſprechen ſich auch die ſpäteren Rabbinen aus. Im Tractat Kelim, Abſchnitt 12, wird verboten, eine nicht vollwichtige Münze im Hauſe zu behalten. Hiezu bemerkt Maimonides wie folgt: Eine im Verkehr nicht als vollwichtig geltende Münze darf man nicht im Hauſe behalten, geſchweige denn ſie in Verkehr bringen, um Jemanden, ſei er Jude oder Nichtjude, damit zu täuſchen. Jene aber, die da wähnen, es geſtatte das Geſetz hierin einen Unterſchied zwiſchen Juden und Nichtjuden, befinden ſich in Irrthum und Unwahrheit. — Im Buche der Frommen, verfaßt von Rabbi Jehuda aus Worms, wird erzählt, daß einſt ein Mann wehklagend zu einem Rabbi kam. Ich habe, erzählte er, meine Söhne und meine Töchter reich ausgeſtattet und ſie verheirathet. Mein ganzes Vermögen ging darauf; ich that es gern, um meine Kinder gut zu verſorgen. Jetzt ſind ſie Alle, ohne Leibeserben zu hinterlaſſen, geſtorben, und Fremde erben mein Gut; ich aber bin ein alter, hilfloſer Mann, zugleich kinderlos und arm. Wenn es Gottes Wille war, daß die Kinder ohne 198Nachkommen verſterben ſollten — warum hat er ſie nicht abberufen, ehe ich ſie verheirathete? ich hätte doch noch wenigſtens mein Vermögen behalten! — Haſt Du, fragte der Rabbi, immer getreulich Deine Geſchäfte betrieben, Niemanden betrogen, Niemanden übervortheilt, Niemanden getäuſcht, Niemandes Vertrauen mißbraucht? — Ich habe, antwortete der Mann, niemals einen Glaubensgenoſſen hintergangen; aber ein vornehmer Herr, ein Nichtjude, hatte mich zum Verwalter ſeines Vermögens eingeſetzt, und da habe ich meinen Vortheil gewahrt, und weil er mir niemals nachrechnete, ſo habe ich dieſes Vertrauen benutzt, um einen Theil ſeines Vermögens in meinen Beſitz zu bringen. Jetzt iſt der Herr geſtorben, und ſeit ſeinem Tode überkam mich Armen all das Unglück. — Sieheſt Du, ſagte der Rabbi, Du kannſt Dich über Dein trauriges Geſchick nicht beklagen, es iſt nur die gerechte Strafe für Dein böſes Thun. Jener Herr hatte in der Welt der unſterblichen Seelen erfahren, wie ſehr Du ſein Vertrauen mißbraucht haſt. Da hat er Dich verklagt vor Gottes Thron, und das Vermögen, das Du in ſo ungerechter Weiſe erworben, haſt Du verlieren müſſen, auf ſo ſchmerzliche Art verlieren müſſen. Freue Dich, daß Du Deine Strafe erhalten in dieſer Welt, und thue Buße, damit Du Gnade findeſt vor Gottes Thron in der zukünftigen Welt. — Ihr aber, Ihr treuen Gläubigen in Israel, ſo ermahnt Rabbi Jehuda die Leſer ſeines Buches, Ihr ſollt nicht Unrecht thun gegen Juden, noch gegen Nichtjuden, wie uns zuruft der Prophet Gottes: Haben wir nicht Alle Einen Vater, hat nicht Ein Gott uns erſchaffen, warum ſollen wir treulos handeln Einer gegen den Andern?“
Rabbi Joſelmann ſchwieg. Gleich einem gottbegeiſterten Propheten hat er geſprochen, und alle 199anweſende Fürſten und Herren waren tief ergriffen von der Wahrheit ſeiner Rede. Kurfürſt Joachim von Brandenburg ſtand auf und reichte Rabbi Joſelmann die Hand.
„Jude“, ſagte er, „Du haſt ein großes Wort ausgeſprochen. Wann wird die Zeit herankommen, da alle Menſchen ſich brüderlich lieben und nicht mehr treulos handeln einer gegen den andern, da die Katholiken nicht mehr befeinden die Proteſtanten, und die Proteſtanten nicht mehr haſſen die Katholiken! Dann wird auch der Jude nicht mehr zu leiden haben unter dem Haſſe der Andersgläubigen!“
„Gott ſegne Euch, gnädigſter Herr“, antwortete Rabbi Joſelmann, die Hand des Kurfürſten an die Lippen führend. „Gott ſegne und beſchütze Euch. Der Allbarmherzige laſſe Euer Geſchlecht groß und mächtig werden, und Eure Nachkommen mögen in Beſitz nehmen das Thor ihrer Feinde. Ich ſchaue es, nicht jetzt, ich erblicke es nicht nahe: Dereinſt wird Eurer Enkel Einer die deutſche Kaiſerkrone tragen auf ſeinem geweihten Haupte, und dieſer wird ſein ein Hort der Unterdrückten, ein Fels der Gerechtigkeit, ein Vater des Vaterlandes. Und er wird ſein der Stammvater vieler mächtiger Kaiſer und Könige!“
Rabbi Joſelmann hatte ſich von ſeiner Begeiſterung hinreißen laſſen. Es war nicht klug, daß er alſo geſprochen in Gegenwart der andern Fürſten, und namentlich der Kurfürſt von Sachſen vermerkte es übel.
„Jude“, ſagte er, „ſolange Du Dich und Deine Brüder nicht von dem Vorwurfe gereinigt, daß Ihr zu Eurem Oſterfeſte Chriſtenblut braucht, ſo lange ſind alle Deine Worte umſonſt geweſen.“
„Mein gnädiger Herr“, entgegnete Rabbi Joſelmann, „von allen ſchändlichen Beſchuldigungen, 200welche die Judenfeinde gegen mich und meine Brüder ausgedacht haben, iſt dieſe da die abſcheulichſte. Gott, der Herr, hat uns verboten, das Blut der Thiere zu genießen. Dieſes Verbot iſt ſo ſtreng, daß wir das Fleiſch der Thiere nicht eher kochen dürfen, bis durch aufgeſtreutes Salz das Blut aus den Fleiſchtheilen iſt herausgezogen worden. Dann wird das vom Blute getränkte Salz ſorgfältig abgewaſchen, und nachher dürfen wir das Fleiſch kochen und genießen. Und die heilige Religion Israels, die uns das Blut der Thiere ſo ſtrenge verbietet, ſollte uns befehlen, Menſchenblut zu genießen? und die heilige Religion Israels, die da vorſchreibt: Wer einen Menſchen ſtiehlt ſoll getödtet werden — ſollte uns gebieten, Chriſtenkinder zu ſtehlen? Gott hat zu Noa, dem Vater aller Menſchen geſprochen, zu einer Zeit, da es weder Juden noch Chriſten, ſondern nur Menſchen auf Erden gab: wer das Blut des Menſchen vergießt, deſſen Blut ſoll wieder vergoſſen werden, denn im Ebenbilde Gottes hat Er gemacht den Menſchen. Der Jude, der Chriſt, der Heide, der Türke, ſie alle ſtammen von Adam ab, und dieſer iſt im Ebenbilde Gottes erſchaffen worden. Und die heilige Religion Israels, welche jeden Menſchenmord auf das Strengſte beſtraft, ſollte uns gebieten, ein unſchuldiges Kind zu ſchlachten, um ſein Blut im Dienſte dieſer ſelbigen Religion zu verwenden? Meine gnädige Herren, kann es etwas Schändlicheres geben, als ſolch eine boshafte Lüge, ausgedacht, um uns unſchuldige Menſchen, dem Haſſe und der Verfolgung, dem Morde und dem Scheiterhaufen preiszugeben?“
„Gemach, Jude“, rief Dr. Bayer, einer der Räthe des Kurfürſten von Sachſen, „ich ſelbſt habe ein hebräiſches Buch geſehen, ein Gebetbuch für Eure Oſtermahlzeit — da war der Judengott 201abgebildet, nackend in einer Badewanne ſitzend, eine Krone auf dem Haupte, und ringsherum ſtehen die Juden, Chriſtenkinder ſchlachtend.“
„Gott im Himmel“, rief Rabbi Joſelmann, „welch ein entſetzliches Mißverſtändniß iſt das! Wißt Ihr nicht, Herr Dr., daß wir Juden uns kein Bild machen dürfen von unſerem Gotte? Was Ihr geſehen habt, hat eine ganz andere Bedeutung. Das Buch war eine Hagadah ſchel Peſach, worin die Leiden unſerer Voreltern bildlich dargeſtellt zu werden pflegen. Nicht den Judengott ſtellt jenes Bild dar, ſondern den König Pharao, den Peiniger Israels. Es heißt in der heiligen Schrift: Und es ſeufzten die Kinder Israel in der Dienſtbarkeit, und ſie ſchrieen, und es ſtieg empor ihr Flehen zu Gott von der Dienſtbarkeit. Unſere Weiſen fragen, warum die Israeliten gerade damals ſo ſehr geſeufzt und geſchrieen. Und die Rabbinen erzählen, daß der König von Aegypten war ausſätzig geworden. Da hatten ihm ſeine Aerzte verordnet, daß er, um ſeinen Ausſatz zu heilen, ſich baden ſolle im Blute der Kinder. Da ergriff man die Kinder der geknechteten Hebräer und ſchlachtete ſie, und ließ das friſche Blut in die Badewanne laufen, in welcher der grauſame König ſaß. Das iſt die Deutung des Bildes, das Ihr geſehen habt, Herr Doctor. Der nackte Mann in der Badewanne mit der Krone auf dem Haupte iſt der König Pharao, die um ihn herumſtehen, ſind ſeine Aerzte, welche die jüdiſche Kinder ſchlachten, damit ihr warmes Blut, den Ausſatz des Königs heile.“
„Joſelin“, ſprach Kurfürſt Joachim von Brandenburg, „daß Juden Chriſtenkinder ſchlachten, um ihr Blut zum Oſterfeſte zu verwenden, iſt in Berlin unter der Herrſchaft meines gottſeligen Vaters im Jahre 1510 erwieſen worden. Die Miſſethäter, 20238 an der Zahl, haben ihr Verbrechen gebüßt; 36 wurden verbrannt; zwei, die das Chriſtenthum annahmen, wurden zum Tode durch das Schwert begnadigt. Das Verbrechen jener Juden iſt durch die Unterſuchung auf das Klarſte herausgeſtellt und kann nicht bezweifelt werden.“
Bei dieſen, mit ſo großer Beſtimmtheit ausgeſprochenen Worten des Kurfürſten, richteten ſich Aller Augen auf Rabbi Joſelmann. Dieſer aber flehte zu Gott in ſeinem Herzen, daß es gelingen möge, die Unſchuld jener armen Gemordeten zu erweiſen. Da geſchah etwas Merkwürdiges, Wunderbares.
II. Theil · Kapitel 35 · S. 202–208
XXXV.
Aus dem Hintergrunde des Saales kam ein proteſtantiſcher Geiſtlicher hervor, ein alter Mann von ehrwürdigem Ausſehen, dem ſchneeweiße Locken das edelgeformte Haupt umrahmten. Es war der Pfarrer Euſebius Niger aus Burg bei Brandenburg.
Er wandte ſich an den Kurfürſten Joachim und ſprach:
„Kurfürſtliche Gnaden wollen mir gnädig geſtatten, wichtige Aufſchlüſſe über die Verbrennung der Juden in Hochdero Reſidenzſtadt Berlin zu geben.“
„Sprecht, Vater Euſebius“, entgegnete der Kurfürſt, „ich bin begierig zu hören, was für Eröffnungen Ihr darüber zu machen im Stande ſeid.“
„Es ſind jetzt 27 Jahre her“, erzählte der Pfarrer, „als 38 Juden aus verſchiedenen Orten der Mark Brandenburg nach Berlin gebracht, und dort eingekerkert wurden. Man hatte ſie beſchuldigt, eine geweihte Hoſtie aus der Kirche geſtohlen 203und mit einem Pfriemen durchſtochen zu haben, ſo daß das Blut davon herausfloß. Man hatte ſie ferner beſchuldigt, ein Chriſtenkind geſchlachtet zu haben und das Blut deſſelben zu ihren Oſterkuchen zu verwenden. Der Hauptzeuge gegen die Juden hieß Paul Fromm. Derſelbe hatte beſchworen, daß er Alles mit angeſehen habe. Die Juden, die Anfangs ihre Unſchuld behaupteten, wurden auf die Folter geſpannt, und unter den ſchrecklichſten Schmerzen geſtanden ſie beide Verbrechen mit allen Einzelheiten genau ſo wie Paul Fromm Alles ausgeſagt hatte. Ich wurde damals vom Biſchof beauftragt, mich zu den Juden in das Gefängniß zu begeben, um ſie zum Chriſtenthume zu bekehren. Alle ohne Ausnahme, betheuerten ihre Unſchuld, und behaupteten, nur in Folge der entſetzlichen Qualen der Tortur ausgeſagt zu haben, was man von ihnen verlangt hatte. Da ſämmtliche Eingekerkerte ſich nicht beiſammen, ſondern in Einzelhaft befanden, ſo machte die Uebereinſtimmung ihrer Betheuerungen auf mich einen tiefen Eindruck. Ich ließ den Ankläger zu mir kommen, um ihm ins Gewiſſen zu reden. Derſelbe war ein Menſch von etwa 40 Jahren, auf deſſen Geſichte die niedrigſten Leidenſchaften und ſchrecklichſten Laſter ihre Spuren zurückgelaſſen hatten. Ich redete ſanft und freundlich mit ihm, und bat ihn, zu bedenken, daß ein achtunddreißigfacher Mord ihn der ewigen Verdammniß preisgeben würde. Er aber blieb bei dem, was er geſagt und beſchworen hatte. — Daraufhin ſetzte ich meine Bekehrungsbeſuche bei den Gefangenen fort; allein dieſe Verſuche waren von geringem Erfolge. Nur bei zweien von ihnen iſt es mir gelungen, derart auf ſie zu wirken, daß ſie in der Hoffnung, begnadigt zu werden, ſich bereit erklärten, das Chriſtenthum anzunehmen. In der Nacht vor der Hin204richtung kam der Ankläger und verlangte, daß ich ſeine Beichte höre. Dieſe Beichte erſchütterte mich aufs Tiefſte. Noch in derſelben Nacht begab ich mich zum Biſchof, ließ ihn aus dem Schlafe wecken, warf mich ihm zu Füßen und bat ihn unter ſtrömenden Thränen, mir zu geſtatten, das Beichtgeheimniß dem weltlichen Richter zu offenbaren. Aber der Biſchof verweigerte mir den Dispens; er meinte das Beichtgeheimniß müſſe unter allen Umſtänden bewahrt werden. Am folgenden Tage wurden die Juden hingerichtet. 36 von ihnen ſtarben muthig und freudig, Pſalmen ſingend, den Märtyrertod; ſie wurden verbrannt. Die zwei Männer, welche ſich noch im letzten Augenblicke zum Chriſtenthum bekannten, wurden zum Tode durch das Beil begnadigt. — Ich aber war gebrochen für Lebenszeit. Tag und Nacht ſah ich die Unglücklichen, wie ſie Pſalmen ſingend von den Flammen verzehrt wurden. Vergebens ſuchte ich die Qualen meines Gewiſſens damit zu beſchwichtigen, daß ich mir ſagte: Du haſt ja nur gethan, was Deine Pflicht war, indem Du Deinem Biſchof Gehorſam leiſteteſt. — Es gelangte mir nicht, mein Gewiſſen zum Schweigen zu bringen. Die Schreckensbilder der Gemordeten ließen mir keine Ruhe. Ich ließ mich in den Orden des heiligen Dominicus aufnehmen; auch im Kloſter fand ich keine Linderung meiner Qualen. Als ſieben Jahre nachher Dr. Martinus ſeine Theſen in Wittenberg verkündete, verließ ich das Kloſter und wandte mich voll und ganz der neuen Sonne zu, die damals in Deutſchland aufging. Jetzt halte ich mich nicht mehr verpflichtet, das Beichtgeheimniß zu bewahren, und wenn Eure Kurfürſtlichen und Fürſtlichen Gnaden, ſowie die anderen hohen, edlen und gelahrten Herren es mir gnädiglich verſtatten wollen, ſo werde ich hier verkünden, was jener Ankläger mir damals anvertraute.“
205„Erzählet, erzählet!“ rief Kurfürſt Joachim in größter Spannung.
„Ich bin, erzählte mir der Ankläger, im Jahre 1470 in Genthin geboren, wo ich Haus, Hof und Aecker von meinem Vater ererbt hatte und bewirthſchaftete. Ich hatte ein braves Weib und 4 wohlgeſtaltete Kinder. Ich lebte froh und glücklich bis zum Jahre 1506. Da führte der Teufel mir einen Juden, Namens Selkele, zu, der mir meinen Vorrath an Butter abkaufte. Es waren 125 Pfund. Nachdem die Butter abgeliefert und der Kaufpreis erlegt war, da kam der Jude wieder und behauptete, ich hätte ſchlecht gewogen, es fehlten 3 Pfund an dem von mir angegebenen Gewichte. Er verlangte das Geld für die angeblich zuviel bezahlten 3 Pfund zurück oder der ganze Kauf ſei ungiltig. Ich wollte mich auf nichts einlaſſen, weder das Geld für die 3 Pfund zurückgeben, noch die verkaufte Butter wieder nehmen; denn ich wußte bei mir, daß ich richtig gewogen hatte. Da wurde der Jude wild und ſchimpfte mich einen Betrüger. Mich übermannte die Wuth. Ich ergriff einen Hammer, der unglücklicherweiſe in der Nähe lag, und ſchlug damit auf den Juden los. Dieſer ſtürzte nieder. Ich hatte ihn auf die Schläfe getroffen — er war todt. — Jammernd ſtürzte mein Weib herbei. Unglücklicher, ſchrie ſie, was haſt Du gethan? Du haſt einen Menſchen erſchlagen, Du biſt dem Blutrichter verfallen. — Es iſt ja nur ein Jude, ſagte ich. — Du wirſt gehängt, ſchrie ſie, die Juden haben ein kaiſerliches Privilegium. Fliehe zu den ſchwarzen Mönchen; ſie werden Dich ſchützen. — Ich eilte ſtracks nach dem Kloſter der ſchwarzen Mönche, mit denen ich bekannt war. Dieſe führten mich in die Kirche, aber unter das Gewölbe, und verbargen mich in einem eingemauerten Spint (Schrank). In der Nacht 206brachten mich die Mönche über die Mauer, ſo daß ich längs dem Damme bis an ein nahe gelegenes Dorf kommen konnte. Dorthin hatte meine Frau einen Bauernwagen beſtellt, der einen Sack mit Gerſte, einen Futterſack, und noch einen leeren Sack auf dem Wagen hatte. In dieſen leeren Sack kroch ich hinein, und die anderen Säcke wurden auf mich gelegt. Der Bauer wurde in der Nacht angehalten und gefragt, ob er nicht Jemanden reiten oder laufen geſehen hätte. Da ſagte der Bauer, er hätte den Fromm aus Genthin geſehen, wie er eilends dahingeritten. So wurden die Verfolger auf eine falſche Spur gelenkt, und ich entkam. Meine Verwandten machten nun alle Anſtrengungen, meine übereilte Blutthat durch Geld zu löſen; allein die Juden wollten davon nichts wiſſen, und ſo war mir die Rückkehr verſagt. Ich ging zunächſt nach Hamburg, gerieth in ſchlechte Geſellſchaft, und wurde ein Säufer und Spieler. Aus Hamburg wurde ich wegen einer Prügelei ausgewieſen. Da verdingte ich mich auf einem Schiffe und zog nach Dänemark, nach Copenhagen. Auch hier war meines Bleibens nicht lange. Ich zog nach Lübeck und wollte dort durch ehrliche Arbeit mein Lebensunterhalt gewinnen. An einem Sonntage aber gerieth ich im Wirthshauſe mit dem Sohne eines Senators in Streit, richtete ihn arg zu und mußte entfliehen. Als ich hierherkam, hörte ich, daß meine noch junge Frau nicht verſtanden habe zu wirthſchaften. Sie war mit ihren 4 kleinen Kindern ins Elend gerathen. Haus und Hof und Aecker, die ſchon vorher verſchuldet geweſen, waren verkauft worden. Dann waren ſie Alle, meine Frau und die vier Kinder, im größten Elende an der Peſt verſtorben. Ich ſtand nun ganz allein auf der Welt, arm und verlaſſen. Frau und Kinder, Haus, Hof und Güter 207waren mir verloren. Und wer hatte das Alles verſchuldet? nur die Juden. Der Jude Selkele, der mich unverdienterweiſe ein Betrüger geſchimpft, die Judenſchaft, welche ein Löſegeld verweigert hatten. Dazu kam, daß ich nichts zu leben hatte. Ich zog als Keſſelflicker durch das Land und nahm in Vernau meinen Wohnſitz. Allein es ging mir gar ſchlecht. Da beſchloß ich Rache an den Juden zu nehmen und mir zugleich damit Freunde zu erwerben. Ich brach in die Kirche zu Knobloch im Havellande ein und ſtahl eine kupferne und vergoldete Monſtranz mit zweien Hoſtien in einer Büchſe, und ſagte aus, daß ich ſie um 9 märkiſche Groſchen an den Juden Salomon zu Gandow verkauft habe, daß dieſer und andere Juden aus Stendal und anderen Orten die Hoſtie durchſtochen, und da ich an demſelben Tage gehört hatte, daß ein Kind vermißt werde — es iſt wahrſcheinlich beim Spielen in die Havel gefallen — ſo berichtete ich, daß die Juden ein Chriſtenkind geſchlachtet haben, um das Blut deſſelben für ihre Oſterkuchen zu verwenden. An Allem, was ich ausgeſagt und beſchworen habe, iſt nicht ein einziges wahres Wort.“
Euſebius Niger ſchwieg. Mit der größten Spannung hatten die im Römer Verſammelten ihm zugehört. Auch jetzt ſprach Keiner ein Wort. Da erhob Rabbi Joſelmann ſeine Stimme und rief:
„Du biſt, o Gott, der Allmächtige und Allwiſſende, noch ehe die Welt erſchaffen wurde, Du biſt der Allmächtige und Allwiſſende, ſeitdem die Welt iſt erſchaffen worden, Du biſt der Herr des Weltalls in dieſer wie in der zukünftigen Welt, Du heiligſt Deinen Namen durch die, ſo Deinen Namen heiligen und mit Deiner Hilfe erhebſt und erhöhſt Du unſer Anſehen. Gelobt, ſeiſt Du Ewiger, der Du Deinen Namen öffentlich heiligſt!“
208„Amen!“ rief Euſebius Niger, und ein vielſtimmiges Amen folgte aus der großen und erlauchten Verſammlung. Dann trat Kurfürſt Joachim auf Rabbi Joſelmann zu und reichte ihm die Hand.
„Herr Befehlshaber“, ſagte er, „Ihr habt Eure Glaubensgenoſſen wacker und glänzend vertheidigt. Ihr habt mich vollſtändig von ihrer Unſchuld überzeugt. Ich werde bis an mein Lebensende Euren Brüdern ein Freund und Beſchützer ſein.“
„Gott ſegne Euch, gnädigſter Herr“, ſprach Rabbi Joſelmann, die Hand des Kurfürſten an die Lippen führend.
Auch die andern Fürſten und Herren, unter ihnen der Kurfürſt von Sachſen, folgten dem Beiſpiele des Kurfürſten von Brandenburg, reichten dem jüdiſchen Befehlshaber die Hand und machten ihm in Bezug auf die Juden die beſten Verſprechungen. Allein nur der Kurfürſt von Brandenburg blieb, ſeinem Verſprechen getreu, ein Freund und Beſchützer der Juden, wofür ihm, wie Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche erzählt, erſichtlich Gottes Segen zu Theil wurde. Der Kurfürſt von Sachſen aber ließ ſich von Luther beſtimmen, trotz Allem, die Juden aus ſeinem Lande zu vertreiben, wofür ihn im Schmalkaldiſchen Kriege die gerechte Strafe ereilte. Doch davon ſpäter.
II. Theil · Kapitel 36 · S. 208–217
XXXVI.
In dem Tagebuche Rabbi Joſelmanns befindet ſich eine Lücke von vier vollen Jahren. Daß er aber während dieſer Zeit nicht unthätig war, beweiſt uns ein in unſerem Beſitze befindliches Dokument, das vom Jahre 1540 datirt iſt, und das wir ſpäter wortwörtlich mittheilen werden. Zwei 209Juden aus Barr, die Brüder Nathan und Salomon, hatten mit einem Bürger aus Oberehenheim, Namens Fiax Bonn, vielfach Geſchäfte gemacht, ſo daß derſelbe ihnen eine bedeutende Geldſumme ſchuldig war. Da die Juden nicht zu ihrem Gelde kommen konnten, ſo verklagten ſie ihn beim Reichskammer=Gericht, das damals in Rottweil, einer Stadt im Schwarzwald=Kreiſe des jetzigen Königreichs Württemberg, ſeinen Sitz hatte. Das Reichskammergericht ſprach über den ſäumigen Schuldner, nachdem vielfache Mahnungen vergeblich ergangen waren, die Acht aus. In Folge deſſen erhob ſich ein großes Geſchrei im ganzen Lande, und die zehn Reichsſtädte der Landvogtei Hagenau, nämlich Hagenau, Colmar, Schlettſtadt, Weißenburg, Landau, Kaiſersberg, Münſter im St. Gregorien=Thal, Rosheim, Thüringheim und Oberehnheim vereinigten ſich, gemeinſame Schritte zu thun, um zu verhindern, daß Bürger dieſer Städte bei einem andern als dem einheimiſchen Gerichte verklagt würden. Das Schreiben der zehn Städte an Rabbi Joſelmann beweiſt, in welcher hohen Achtung und welch' großem Anſehen derſelbe bei Juden wie Nichtjuden ſtand. Die Abſchrift des erwähnten Schreibens ſtammt aus dem ſtädtiſchen Archive zu Oberehnheim (Lade II, Nr. 26) und lautet wie folgt:
Wir stettmeister Burgermeister unnd rath der reichstett jen der Lantuogty hagnaw, nemlich desz heiligen reichs Chamer und statt hagnaw, Colmar, Schlettstet, Weissenburg, Landau, Keysersperg, Munster jn sant gregorienthal, Rosheim unnd Thuringkheim Entpieden Joselin Juden zu Roszheim gemeiner Judischheit furstender unnd parnosen unnsern grus unnd dabei zuwissen, Das unns die Erbaren weysen unnsere lieben unnd guten freund Burgermeister unnd Rath zu obern210ehenheim, mit beschwerden bericht wie wol jen gemeiner unnd desz heiligen reichs rechten unnd ordnungen loblich versehen dasz keiner den andern so jm zu rech gesessen mit auszländischen rechten furfordern, Sonder ein jeder jnn ersten jnstantzen fur seinen ordentlichen Richter bethedingt werden soll wiewol auch die zu obernehenheim den juden jnn dem Flecken barr gesessen das gepürlich recht gegen den jren nie geweigert. Auch vonn jenen umbrecht nie ersucht worden, Dessen aber aller unangesehen, haben, dieselben, juden verschiner zeit einen jrren Burger genant fiax bonn umb etlich offsetzlich wucherlich sachen muthweiliger weysz, aup dem hoff zu rottweil lassen furheischen, und denselben mit geschwinder ubereylung jnn die acht erlangt . . . understand auch benuzte unsere freund zu obernehenheim, umb das sie denselben jrren burger vermog habenden keyserlichen fyeyheiten, auf sein recht und vermeng nit zuerhalten willens solliche nit zugestatten mit berhunung dessenhalb wider gemmener Statt Obernehenheim allerhand nachtheil zuverwegen welliches jnnen beschwerlich Mit beger, Dir als dem furstender gemeiner judischheit solliche anzuzeigen, unnd abzuschaffen zuvermögen nuhn ist nit on Sonder die furpringlich warheit dasz bewuster unnser freund zu Obernehenheim, Auch wir gemeinlich, dermasz vonn Romischen. keyserlichen nnd kuniglichen bytreffentlichen Einverleupten penen Dermasz befreit, dasz die unnsern anders nit dann ordentlich rechtens und an ortten da ein jeder gesessen, bethedingt werden soll. Wie wir dan solliche freyheit unverhindert hohere unnd nidere stend rewwiglich herpracht auch dermasz fug und macht, uns dabej zuschirmen haben dasz wir gleichwol den gepuerlichen unnd welverdienten weg, gegen dou Juden zu barr 211und andern umb sollichen und dergleichen mutwillen, wol furzunemen und unns by dem befreitten herkomen zu hanthaben wusten wollen aber diszmal allerhand chafften ursachen ein solliches umbgen und dich hiemit eruordert haben, Du wellest sollichen vunosamen muttwillen by den vielbemelten juden von barr und andern auff furderlichst und dermassen wuerklich abstellen dasz obbewuster armer Burger zu Oberenehenheim auch andere unsere angehörigen furohin widderrordentlich recht und das befreit herkommen vonn jnen nit getrangen und obbemelter fiax bon vonn vilbemelten Juden zu barr erlangter acht und anderer beschwerden on einichen seinen costen freigestellt werd, unnd dich jnn disenn Dermasz stattlich beweisen wie wir dir getrauwen. Dann solte sollichs nit Sondern an disen oder andern unnseren verwandten widder beschwerden ervolgen. Wurden wir gegen dir und gemeiner Judischheit vermeg rechtens und habenden kayserlichen freyheiten, offweg und handlung trachten unnd dermasz an die Hand nemen dasz wir der und dergleichen offsotzlichen und muttwilliger handlung, von den juden unbelestigt pliben das wollten wir dir ausz bewusten versachen nit verhalten unnd begeren dessen unns darnach haben zu richten dein beschreiben furderlich antwort: Datz am sannt steffens derz heiligen Marterertag Anno XL.
Dem bsscheidenen Joslin juden zu Roszheim gemeiner judischheit furstender unnd parnosen zu handen.
In Folge deſſen ließ Rabbi Joſelmann die beiden Brüder Nathan und Salomon von Barr vor ſich citiren und machte ihnen Vorwürfe darüber, daß ſie gegen den dritten Artikel der von ihm und den Vertretern der geſammten Judenheit in 212Augsburg erlaſſenen Geſetze gefehlt hätten, indem ſie den Schuldner von einem auswärtigen Gerichte hätten verurtheilen laſſen. Die beiden Brüder vertheidigten ſich damit, daß der vorliegende Fall zu der im dritten Artikel erwähnten Ausnahme gehöre; ſie hätten vergeblich in Obernehenheim ihr Recht geſucht, ehe ſie ſich an das Reichskammergericht zu Rottweil gewendet. Ueberdies ſei das Reichskammergericht kein ausländiſcher Gerichtshof. Derſelbe ſei vielmehr dazu da, das Recht zu verſchaffen, welches bei den einheimiſchen Gerichten vergebens geſucht worden wäre. Der Magiſtrat der Stadt Oberehnheim ſei vielmehr verpflichtet, die vom Reichskammergerichte verhängte Execution gegen den ſäumigen Schuldner zur Ausführung zu bringen. Wie der Abbé Gyß in ſeiner Geſchichte der Stadt Oberehnheim erzählte, konnte Rabbi Joſelmann nicht umhin, ſich auf die Seite ſeiner Glaubensgenoſſen zu ſtellen und deren Rechte den vereinigten Städten gegenüber zu wahren. Es gab nun eine endloſe Hin= und Herſchreiberei, bis man ſich entſchloß, die Entſcheidung des kaiſerlichen Landvogts anzurufen. Auch dieſer konnte keine Entſcheidung treffen, da doch das Recht augenſcheinlich auf Seiten der Juden war, während es der Landvogt mit den Reichsſtädten nicht verderben wollte. So entſchloß ſich denn Rabbi Joſelmann, an den Churfürſten Ludwig von der Pfalz, den oberſten Schirmherrn des Oberrheingaues, zum Beſten ſeiner Glaubensgenoſſen zu appelliren. Aber auch dieſer wagte nicht, gegen die vereinigten zehn Reichsſtädte zu entſcheiden. So kam die Sache an den Kaiſer ſelbſt, welcher im Jahre 1542 einen Vergleich zu Stande brachte. Die beiden Brüder Nathan und Salomon von Barr erhielten ihr Geld, verpflichteten ſich dagegen, keinerlei Geld mehr auf Hypotheken herzuleihen.
213Wir ſind jetzt dem Gange unſerer Erzählung um ein Jahr vorausgeeilt und müſſen die in das Jahr 1541 fallenden wichtigen Ereigniſſe nachtragen.
Der Kaiſer hatte einen Reichstag nach Regensburg ausgeſchrieben. In dieſer Stadt erſchien eine Verſammlung, geiſtlich und weltlich, wie ſolche Deutſchland ſie ſeitdem nie wieder geſehen hat. Der Erſte, welcher in Regensburg zum Reichstage ankam, war der Kaiſer. Er kam ſchon im Februar. Der 41jährige Mann war körperlich krank und im Gemüthe verdüſtert. Im Jahr 1526 hatte ſich Carl mit der ſchönen, anmuthſtrahlenden portugieſiſchen Prinzeſſin Iſabella vermählt. Im Jahre 1539, nach 13jähriger überaus glücklicher Ehe, war die Prinzeſſin bei der Geburt des vierten Kindes geſtorben. Die Trauer des Kaiſers war grenzenlos. Er ſaß mehrere Tage ſtumm an der Leiche des geliebten Weibes, unzugänglich für alle Regierungsgeſchäfte. Wie wüthend fuhr er mit gezücktem Dolche auf die los, die es wagten, ihn in ſeiner Einſamkeit zu unterbrechen. Erſt dem Herzoge von Borgia gelang es, erſt freundlich und ſanft, dann aber donnernd und ſtrafend, den Kaiſer daran zu mahnen, daß er über die Todte die Lebenden nicht vergeſſe. Da erſt ging Carl in ſich und ließ die geliebte Leiche beſtatten. Der Kaiſer blieb unvermählt. Im Jahre 1541, zwei Jahre nach dem Tode der Kaiſerin, war Carls Trauer noch ungemildert.
Der politiſche Himmel war zu jener Zeit völlig verdüſtert. Die Türken bedrohten Wien, Ungarn ſtand unter ihrer Oberhoheit. Das Mittelmeer wimmelte von Corſaren, und Tauſende wanderten in die Sclaverei. In den Niederlanden gährte es unabläſſig. Der Friede mit Frankreich ſtand in Frage. In Deutſchland rüſteten ſich die Proteſtanten.
214Mit den Proteſtanten wollte Carl einſtweilen Frieden halten; alle Welt rieth ihm dazu, ſogar der Pabſt. Die Gefahr von Solyman, von Frankreich war zu groß. Zwar widerſtrebte ein tiefer Haß im geheimſten Gemüthe des Kaiſers jeder Nachgiebigkeit an die Lehre Luthers; doch bekämpfte er ſeine Abneigung in der Hoffnung auf einen Frieden, der innerhalb der Kirche zu Stande kommen und ihm erlauben würde, auf den Beiſtand der geſammten deutſchen Nation gegen Solyman, vielleicht auch gegen Frankreich, zu rechnen.
Als der Kaiſer in Regensburg ankam, wurde er von dem Biſchof und dem Rathe der Stadt auf das Feierlichſte empfangen. Zuerſt begab er ſich in den Dom, wo er lange und andächtig betete. Dann ritt er auf die Haide, damals ein freier, mit Bäumen beſetzter Promenadenplatz, wo er im Turn'ſchen Hauſe, dem jetzigen goldenen Kreuz, ſeine Herberge nahm. Jedem fiel des Kaiſers düſtere Miene auf. Einen Tiger nannten ihn ſeine Feinde. Andere nannten ihn gutherzig. Am Jahrzeitstage des Todes ſeiner Gemahlin lag er im Kloſter Brühl bei Regensburg eine ganz Nacht hindurch auf den Knien. Die Kirche ſtrahlte von Wachskerzen. Prieſter mußten um ihn her die Vigilien ſingen.
Der Kaiſer war als der Erſte auf den Reichstag gekommen. Nach ihm kam der Herzog Heinrich von Braunſchweig, darauf der Pfalzgraf Friederich, ein Bruder des Kurfürſten Ludwig von der Pfalz. Bald nachher erſchien der päbſtliche Legat, Cardinal Gasparo Contarini, ein Venetianer. In ſeinem Gefolge befand ſich ein Jude aus Rom, Derſelbe war ein Enkel des berühmten Grammatikers Elias Levita (Rabbi Elia ha Bachur). Elias Levita hatte den römiſchen Cardinal Egidio de Viterbo und viele andere vornehme Chriſten 215in der hebräiſchen Sprachkunde und in der Kabbala unterrichtet. Er war ſogar vom Könige von Frankreich als Profeſſor der hebräiſchen Sprache an die Univerſität zu Paris berufen worden, hatte aber dieſen ehrenvollen Ruf abgelehnt, weil in ganz Frankreich damals keine Juden wohnen durften, und er allein nicht gut als Jude in Paris hätte leben können. Sein Enkel, Salomon Romano, war ein hochgebildeter Mann, der weite Reiſen in Deutſchland, der Türkei, Paläſtina und Egypten gemacht hatte; er war vieler Sprachen kundig, und verſtand Italieniſch, Deutſch, Hebräiſch, Lateiniſch, Spaniſch, Arabiſch und Türkiſch. Salomon Romano hatte eine wichtige Miſſion bei dem Kaiſer. Carl hatte Befehl ertheilt, ſämmtliche Juden aus dem Königreiche Neapel auszuweiſen. Als im Jahre 1504 der ſpaniſche General Gonſalvo de Cordova Neapel erobert hatte, ertheilte König Ferdinand den Befehl, die Juden aus Neapel auszutreiben. Gonſalvo war aber ein Freund der Juden. Jehuda Leon Medigo Abrabanel, ein Sohn des berühmten Don Jizchak Abrabanel, war ſein Leibarzt. Gonſalvo verwendete ſich bei dem Könige für die Juden und erlangte Schonung und Gnade für ſie. Jetzt, 37 Jahre nachher, verfügte Kaiſer Carl die Austreibung derſelben. Um dieſe rückgängig zu machen war Salomon Romono nach Regensburg gekommen.
Der päbſtliche Legat zog mit großem Prunke ein, alle Glocken läuteten, und die ganze Geiſtlichkeit war ihm entgegen gezogen. Vier deutſche Biſchöfe trugen den Baldachin, unter welchem der päbſtliche Legat einherſchritt.
Unter den Zuſchauern dieſes Auszuges ſtanden Melanchthon und Calvin. Letzterer als Geſandter der Stadt Straßburg, ein langer, hagerer, graubärtiger Mann. Melanchthon dagegen war klein und 216hager. Er trug den Arm in der Binde; er hatte ihn auf der Herreiſe bei einem unglücklichen Sturz aus dem Wagen verſtaucht. Man that dem berühmten Manne alle Ehre an; ſogar der Kaiſer ſchickte ihm ſeinen Leibarzt. Auch Martin Bucer war erſchienen, der Reformator des Elſaſſes, ein ebenſo heftiger Judenfeind wie Luther. Auch das katholiſche Deutſchland hatte ſein hervorragendſten Gelehrten geſchickt, unter ihnen den immer ſtreitferligen Dr. Johann Eck von Ingoldſtadt.
Bald nachher kamen die Bayernherzöge und ihr Neffe, Ulrichs, ihres Schwagers Sohn, der junge Chriſtoph von Württemberg, ein durch Leiden erzogener, gar hoffnungsvoller Jüngling. Der Kanzler der Bayernherzoge, Leonhard von Eck, wurde der Störenfried des Reichstages. Er ſprach zu ſeinen Herzogen: Wie, Ihr wollt jetzt die Einigkeit? Ei, dä ſollen wir uns wohl in den Todesurtheilen, die wir vollziehen ließen und auf dem Gewiſſen tragen, geirrt haben?“
Die Brandenburger erſchienen zahlreich auf dem Reichstage. Mit großem Gepränge hielt der Kurfürſt von Mainz, Albrecht von Brandenburg, ſeinen Einzug. Die beiden Markgrafen von Brandenburg, Georg und ſein Neffe Albrecht, kamen mit einem Gefolge von 189 Mann. Die Herrn waren in Sammet gekleidet. Auf den Aermeln ihrer Kleider waren die Worte geſtickt: Verbum divinum manet in aeternum (das Wort Gottes dauert für die Ewigkeit).
Auch Herzog Heinrich von Sachſen war erſchienen und deſſen Sohn Moritz, der wenige Jahre nachher in Deutſchland eine ſo große Rolle ſpielen ſollte. Er freite um die Tochter des Landgrafen von Heſſen. Der Kurfürſt von Sachſen, Johann Friedrich, hatte ſtatt ſeiner den Herzog von Anhalt und einige Räthe geſchickt. Auch Luther war 217fern geblieben. Als man ihn aufforderte, zu kommen, ſagte er: Ihr habt ja Melanchthon und die Augsburger Confeſſion. — Der Landgraf Philipp von Heſſen ritt mit 300 Reitern in Regensburg ein. Er war der Führer des Schmalkaldiſchen Bundes und war ſich deſſen mit Stolz bewußt. Als er unter ſchmetternden Trompeten, auf einem ſtolzen, nach allen Seiten hin drohend wiehernden hirſchfarbenen Roſſe, und in weiter Entfernung vor ſeinen ſtolzen Mannen, vorausritt, ſoll der Kaiſer, hinter dem Erker ſeiner Herberge ihn belauſchend, in ſeinem niederländiſchen Deutſch geſagt haben: We de Gaul ſo de Mann!
Von allen Ständen des Reichs, die außer den Genannten dort erſchienen, wollen wir nur einen nennen: Rabbi Joſelmann von Rosheim, Regierer und Befehlshaber der Juden; er kam mit geringem Gefolge beſcheiden und einfach. Niemand zog ihm entgegen, Niemand bemerkte ihn. Auch er hatte eine wichtige Miſſion beim Kaiſer durchzuführen.
II. Theil · Kapitel 37 · S. 217–224
XXXVII.
Wiewohl der Kaiſer am Reichstage zu Augsburg den Juden weitgehende Privilegien und Frei heiten verliehen hatte, ſo hatten dennoch einzelne Reichsſtände es gewagt, den Juden beſondere Zölle, namentlich Leibzölle aufzulegen und ſie zu zwingen, einen gelben Flecken als Abzeichen am Aermel zu tragen. Dieſem Unfuge entgegen zu wirken und vom Kaiſer ein ſtrenges Mandat zu erlangen, durch welches demſelben geſteuert werden ſollte, das war der Zweck des Erſcheinens Rabbi Joſelmanns beim Reichstage. Wie gewöhnlich mußte auch diesmal Rabbi Joſelmann lange harren, bis er zur Audienz zugelaſſen wurde. Bald erfuhr er 218von der Anweſenheit des Salomon Romano, und ſuchte denſelben im Abſteigequartier des päbſtlichen Legaten, im Biſchofshofe, auf.
„Geſtattet mir,“ ſagte er beim Eintritte zu Salomon Romano, den er beim Studium des Tiſchbi, eines Werkes ſeines Großvaters, traf, „geſtattet mir, mich Euch vorzuſtellen. Ich heiße Joſelmann und bin aus Rosheim.“
„Ich habe Euren Namen ſchon nennen hören“, antwortete Salomon, ihm einen Stuhl hinſtellend, „Ihr ſeid der Befehlshaber der deutſchen Juden! Die deutſchen Juden! ſind mir das ungeſchlachte, ungebildete Patrone! ſie verſtehen rein gar nichts, nicht deutſch, nicht lateiniſch, nicht einmal hebräiſch! Sie haben für die Werke meines Großvaters weder Sinn noch Verſtändniß, und die Grammatik iſt ihnen ein unbekanntes Territorium. Kennt Ihr die Werke meines berühmten Großvaters, Herr Befehlshaber?“
„Ich kenne ſie wohl, aber ich muß zu meinem Bedauern geſtehen, daß ich ſie nicht ſtudirt habe. Wir ungebildete deutſche Juden haben ſo viel zu dulden und zu leiden, daß wir froh ſind, wenn wir den Talmud und die Kabbala zu erlernen im Stande ſeien. Für grammatiſche Forſchungen bleibt uns keine Zeit.“
„„Daher aber kommt Eurer Unglück, daß Ihr die Wiſſenſchaft vernachläſſigt. Wir Italiener haben eine ganz andere Lebensſtellung. Cardinäle und Fürſten zählen zu meinen intimſten Freunden, und jetzt bin ich hierher gekommen, um dieſen wüthenden Tiger, dieſen Kaiſer Karl, zu zähmen, daß er ablaſſe von ſeiner Wuth gegen unſere Brüder in Neapel.““
„Ich bitte Euch, tretet nicht zu kühn und zuverſichtlich auf. Der Kaiſer hat ein gutes Herz; aber ſanft und beſcheiden muß man ihm nahen.
219Ihn zu zähmen, wenn er gereizt iſt, das mag Niemandem gelingen! Und nun erlaubet mir, Euch den Zweck meines Beſuches mitzutheilen. Ich wollte Euch nämlich bitten, die Verwendung für unſere Brüder in Neapel mir zu überlaſſen. Seit länger als zwei Jahrzehnten iſt mir der Kaiſer gnädig und huldvoll geſinnt und hat mir noch nie eine Bitte abgeſchlagen.“
„„Was einem Deutſchen gelingt, wird doch mir ein Leichtes ſein, durchzuſetzen! Ich habe Euch ſchon geſagt, daß hochangeſehene geiſtliche und weltliche Fürſten zu meinen intimſten Freunden gehören, und daß es mir an Fürſprache beim Kaiſer nicht fehlt. Und ich ſollte Euch den Ruhm überlaſſen, den Juden in Neapel ihre Heimath erhalten zu haben?““
„Ihr irrt Euch in mir, Signor Salomo, wenn Ihr meint, daß es mir um Ruhm zu thun ſei. Den Ruhm will ich gern Euch allein überlaſſen. Meine Bitte entſpringt lediglich aus dem Verlangen, meinen Brüdern zu dienen und ſie vor dem ſchlimmen Looſe der Verbannung zu ſchützen.“
„„Das wird auch ohne Euch geſchehen; ich bedarf Eure Hilfe in dieſer Angelegenheit nicht.““
Rabbi Joſelmann verabſchiedete ſich von dem ſtolzen Italiener. Er gab ſich nun alle Mühe, ſobald als möglich Audienz beim Kaiſer zu erhalten, namentlich um vorher vor dem großen Herrſcher zu erſcheinen, ehe Salomon Romano den Regenten von ſieben Königreichen gegen die Juden einnehmen würde. Allein es gelang ihm nicht. Der päbſtliche Legat verſchaffte durch ſeine Fürſprache dem ihm befreundeten italieniſchen Juden ſchon ſehr bald Zutritt zu dem gewaltigen Fürſten, in deſſen Reiche die Sonne nicht unterging.
Carl war in höchſtem Grade finſter und miß220gelaunt, als Salomon Romano bei ihm eingeführt wurde.
„Wer ſeid Ihr, was wollt Ihr?“ herrſchte der Kaiſer ihn an.
„„Ich heiße Salomon Romano und bin vor Eurer Majeſtät glorreichen Throne erſchienen, um für meine Brüder in Neapel . . . .““
„Seid Ihr der Befehlshaber der Juden in Neapel?“ —
„„Ich bin aus Rom, Majeſtät, aber das Schickſal meiner Brüder in Neapel . . . .“
„Wenn Ihr aus Rom ſeid — was gehen Euch die Juden von Neapel an? Kümmert Euch um Eure eigenen Angelegenheiten!“
Carl winkte mit der Hand — die Audienz war beendet.
„„Majeſtät““, wagte Salomon dennoch zu reden, „„Seine Eminenz der Cardinal . . . .““
„Wirſt Du ſchweigen, verdammter Jude, wirſt Du gehen!“
Die Hofbeamten des Kaiſes ergriffen Salomon und führten ihn hinaus.
Der Kaiſer war wüthend.
„Granvella ſoll kommen!“ ſchrie er.
Der Kanzler erſchien.
„Granvella“, rief ihm der Kaiſer zu, „ein römiſcher Jude hat es gewagt, meinem Befehle zu trotzen. Laß ihn hängen propter crimen laesae majestatis!1Wegen Majeſtätsbeleidigung.
Granvella erſchrak; er wußte, daß Kaiſer Karl der V. nichts ſtrenger beſtrafte als ſolche Vergehen, durch die er ſeine Majeſtät verletzt glaubte. Er verneigte ſich vor dem Kaiſer und ließ dann eiligſt dem päbſtlichen Legaten einen Wink ertheilen, daß Salomon Romano ſich ver221ſteckt halten möge. Darauf fertigte er einen Cabinets=Befehl aus, in welchem der Jude Salomon Romano propter crimen laesae majestatis zum Tode durch den Strang verurtheilt wurde. Als dann die bewaffneten Regensburger Bürger, denen während des Reichtages die Aufrechterhaltung der Ordnung und der Vollzug der Strafen oblag — es wurde zu jener Zeit kurzer Prozeß gemacht und nächtliche Ruheſtörer z. B. einfach in die Donau geworfen — auszogen, den Juden zu fangen und das Straf=Urtheil zu vollziehen, ſo war derſelbe nirgends zu finden. Der päbſtliche Legat hielt ihn verſteckt, bis ſich des Kaiſers Zorn gelegt haben würde.
Am Tage darauf mußte Rabbi Joſelmann zu der vom Kaiſer anberaumten Audienz erſcheinen. Zitternd und zagend ſtand er im Vorzimmer, bis der dienſtthuende Kammerherr ihm die Thüren zum Eintritt öffnete.
Der Kaiſer ging dem jüdiſchen Befehlshaber entgegen und reichte ihm huldvoll die Hand.
„Mein lieber Joſelin“, ſagte er, „ich habe Schweres erduldet ſeitdem ich Dich das jüngſte Mal geſehen. Mein Weib, mein geliebtes Weib . . . .“
Des Kaiſers Augen füllten ſich mit Thränen.
„„Gott hat's gegeben, Gott hat's genommen, der Name Gottes ſei gelobt!““ ſagte Rabbi Joſelmann, des Kaiſers Hand an ſeine Lippen führend.
„Amen“, ſagte der Kaiſer ſich abwendend, um ſeine Thränen zu verbergen. „Was führt Dich zu mir, mein lieber Joſelin?“
„„Euer Majeſtät Gnade hat meinen Brüdern und Verwandten in ganz Deutſchland, den Gnadenbrief beſtätigt, welchen einſt Kaiſer Sigismund den Juden in Elſaß verliehen. Darin wird ausdrücklich beſtimmt, daß meinen Brüdern und Ver222wandten keinerlei Zölle und Steuern aufgelegt werden ſollen, ſo nicht von kaiſerlicher Kammer beſtätigt worden ſind. Nichtsdeſtoweniger haben einige Fürſten und Reichsſtände eigenmächtig beſtimmt, daß die Juden, welche durch ihr Gebiet ziehen, Leibzölle entrichten und zu dieſem Zwecke einen gelben Flecken am Aermel tragen ſollen, damit ſie ſofort als Juden erkannt würden. Sind ſchon an und für ſich dieſe Zölle eine ſchwere Laſt, da die Juden, auf den Handel angewieſen, einen großen Theil des Jahres auf Reiſen zubringen, Meſſen und Märkte beſuchen müſſen, ſo bringt das Tragen der Abzeichen Gefahren an Leib und Leben, da der Pöbel in dieſen Abzeichen eine Aufforderung ſieht, die Juden zu verhöhnen, zu verſpotten und zu mißhandeln. Daher hat mich die Judenſchaft beauftragt, Eure kaiſerliche Majeſtät fußfällig zu bitten, eine allerhöchſte Verordnung zu erlaſſen, durch welche dieſen Mißländniſſen abgeholfen wird und derlei Bedrückungen ſtrengſtens verboten werden. Ich erlaube mir, Eurer Majeſtät hiemit unſere unterthänigſte Bittſchrift zu überreichen. Es ſind darin alle Punkte aufgezählt und alle die Fürſten, Herrſchaften und Städte namhaft gemacht, welche unſeren Allerhöchſten Privilegien entgegen, uns mit Leibzöllen und anderen Beſchwerlichkeiten belaſten.““
Mit dieſen Worten überreichte Rabbi Joſelmann dem Kaiſer eine Bittſchrift, die er mitgebracht hatte. Carl nahm dieſelbe, und ſah ſie durch.
„Eure Beſchwerden ſind gerecht“, ſagte er. „Ich werde heute noch Obernburger beauftragen, ein Mandat abzufaſſen und mir zur Unterſchrift vorzulegen, in welchem Euren Klagen Abhilfe geſchafft werden ſoll. Du kannſt es morgen in der 223Kanzlei abholen. Haſt Du mir ſonſt noch etwas mitzutheilen, Joſelin?“
„„Majeſtät““, entgegnete Rabbi Joſelmann, „mein kaiſerlicher Herr war ſtets und immer voller Gnade gegen mich und meine Brüder. Das gibt mir den Muth, mich Euer Majeſtät zu Füßen zu werfen und eine Bitte zu erneuern, deren Erfüllung Eure Majeſtät bereits abgelehnt hat. Unſere Weiſen ſagen, daß die irdiſche Regierung ähnlich der himmliſchen ſei. Und wie Abraham einſt zu Gott betete, trotzdem die Strafe ſchon von Gott beſchloſſen war, ſo wage auch ich es, der ich wie Abraham ſprach, nur Staub und Aſche bin, Staub, nicht bedeutend genug, um unter die Füße Eurer Majeſtät geſtreut zu werden — ſo wage auch ich es, Eure kaiſerliche Majeſtät anzurufen für meine Brüder in Neapel.““
Kaum war das Wort geſprochen, ſo bereute es Rabbi Joſelmann. Der Kaiſer ſprang von ſeinem Sitze auf, und ſchrie:
„Was nimmſt Du Dir heraus, Jude? Soll ich auch Dich hängen laſſen, wie ich Befehl gegeben habe, den Andern zu hängen?“
Der Kaiſer lief wie wüthend im Zimmer umher. Plötzlich ſchrie er laut auf. Das Podagra hatte ihn erfaßt. Er eilte zu ſeinem Sitze zurück und der Schmerz entſtellte ſeine Züge, die Gicht war ihm in den Kopf geſtiegen. Da eilte Rabbi Joſelmann auf den Kaiſer zu und warf ſich ihm zu Füßen.
„Mein kaiſerlicher Herr“, rief er, „es ſchmerzt mich unendlich, Euch wehe gethan zu haben! ich bin gern bereit, mein Leben hinzugeben, wenn es meines Kaiſers Wille iſt.“
Carl verſtand es, aller ſeiner Gemüthsbewegungen Meiſter zu werden und ſogar den körperlichen Schmerz durch die Kraft ſeines Willens zu 224überwinden. Seine Zügen klärten ſich auf; Milde und Gnade ſtrahlten aus ſeinen Augen.
„Stehe auf, Joſelin“, ſagte er gütig, „ich werde Dich nicht hängen laſſen.“
II. Theil · Kapitel 38 · S. 224–230
XXXVIII.
Rabbi Joſelmann ſtand auf, wie es der Kaiſer befohlen hatte.
„Verzeih', Joſelin,“ ſagte Karl, „daß ich ſo heftig und aufbrauſend gegen Dich war. Der Schmerz, der mich übermannte, hat mich daran erinnert, daß auch ich nur ein Menſch bin, wie andere Menſchen, ein ſchwaches, elendes Geſchöpf in der allmächtigen Gottes Hand und daß es mir nicht ziemt, gegen meine Mitmenſchen zornig und aufbrauſend zu ſein, namentlich nicht gegen Dich, Joſelin, der Du ein wahrhaft beſcheidener Mann biſt. Solche Männer gibt es wenige. Die Meiſten hüllen ſich in Worte der Unterthänigkeit und Unterwürfigkeit, aus denen dennoch ihr Stolz und ihre Eitelkeit hervorſcheinen. Du aber biſt ein wahrhaft beſcheidener Mann, und deßhalb bin ich Dir ſtets freundlich und gnädig. Was nun Deine Bitte wegen Deiner Brüder in Neapel anbelangt, ſo thut es mir ernſtlich leid, ſie Dir abſchlagen zu müſſen. Ich habe es mir in ernſter, bitterer Stunde gelobt, in allen meinen Reichen die Glaubenseinheit herzuſtellen, ſo weit ich nicht durch anderweitigen Verſprechungen gebunden bin. Nur in Bezug auf die Juden in Deutſchland bin ich durch das Verſprechen gebunden, das ich Dir einſt gegeben, als ich eben zum Kaiſer war erwählt worden. Jn Spanien und in den Niederlanden wohnen keine Juden. Die andern Länder, in denen Juden wohnen, habe ich meinem Bruder Ferdinand ab225getreten. Bleibt nur noch das Königreich Neapel. Die Zahl der dortigen Juden iſt nur gering. Mögen ſie auswandern mit Hab' und Gut, ſie werden anderswo ein Aſyl finden. Dringe nicht weiter in mich. Laß Dich genügen an dem, was ich Dir für die deutſchen Juden gewähre.“
Der Kaiſer winkte mit der Hand, Rabbi Joſelmann ſah ihn bittend an; aber er ſprach nicht; er verneigte ſich und ging. Da rief ihn der Kaiſer zurück.
„Du haſt noch etwas auf dem Herzen, Joſelin?“ fragte er.
„„Majeſtät““, ſagte Joſelin, „„jener Unglückliche, der es gewagt hat, Euer Majeſtät Zorn zu erregen . . . .““
„A, Du meinſt den Juden Salomon Romano, den ich zum Tode verurtheilt habe! er mag in Frieden von dannen ziehen. Aber er ſoll noch heute die Stadt verlaſſen.“ „Johann“, redete der Kaiſer den der Audienz beiwohnenden Reichsvicekanzler Johann von Naves an, „fertige eine Urkunde aus, durch welche der Jude Salomon Romano begnadigt, aber aus meinen Staaten verbannt wird. Biſt Du mit mir zufrieden, Joſelin?“
Rabbi Joſelmann verneigte ſich.
„„Zufrieden““, ſagte er, „„wie kann ich zufrieden ſein, Majeſtät, wenn meine Brüder, die ruhig und friedlich im Königreich Neapel wohnten, in die Verbannung ziehen müſſen, vielleicht dem Elend, der Krankheit, dem Tode entgegen?““
„Ihr Juden ſeid doch ein hartnäckig Volk!“
„„Es iſt wahr, Majeſtät, wir ſind ein hartnäckig Volk, hartnäckig in allem Guten, in unſerer Treue für unſeren Gott, in unſerer Treue für unſeren Kaiſer.““
Carl lächelte. Er winkte mit der Hand, und 226Rabbi Joſelmann ging. Diesmal rief ihn der Kaiſer nicht zurück.
Am andern Tag begab ſich Rabbi Joſelmann in die kaiſerliche Kanzlei, woſelbſt er eine Abſchrift des ihm verſprochenen kaiſerlichen Erlaſſes entgegennahm. Auch wir beſitzen eine Abſchrift jenes intereſſanten Aktenſtückes1Aus dem Archive zu Oberehnheim Lade 2, Nr. 20., deſſen Wortlaut wir unſeren Leſern nicht vorenthalten wollen.
Daſſelbe lautet:
Wir Karl der funfft von gots gnaden römischer Kaiser zu allen zeiten Merer des Reichs, In Germanien, zu hispanien, beider Sicilien, Jerusalem, hungaren, dalmatien, Croatien etc. Koenig Ertzherzog zu Osterich, herzog zu Burgundt und Grau zu habspurg, Flantern und Tyrol etc. Entbieten allen und jeglichen Churfursten, fursten, geistlichen und Weltlichen Prelaten grauen freyen Herrn Rittern, Knechten, hauptleuthen, landvogten, Vitzthumben, Vogten, Pflegern, Verwesern, Amptleuthen Schulthaissen, Burgermaistern, Richtern, Rethen Burgern, Gemeinden, und sonst allen andern unsern und des Reichs underthanen und getrewen, in was wirden stats oder wisens die sein, so mit disem unserm Brive oder glaublicher abschrifft ersucht und ermandt werden, unser freundschafft gnad und alles=guet, hochwirdiger, Erwirdig hochgeborn lieben Freunde Nevn Oheimen, Churfurste, fursten Wohlgeboren, Edlen, Ersamen andechtigen, und lieben getrewen. Uns gelange g aublichem an, Wiewol die gemain Judisheit, im hei ig n Reiche, von Weylendt unsern Vorfarn, Römischen Keysern und Koenigen hochloeblicher und seliger geduchtnuss, und uns, mit gnaden und freyheiten, begabt und fursehen, und in unserm und des heyligen Reichs schutz 227und schirm auch dieselben von uns auff diesen gegenwertigen Reichstag confirmirt und bestell, so weren doch uber und wider solchs alles von Ewretlichen den Juden auffgelegt, und gepotten ausserhalb unser und des heylichen Reichs und Ewr Stette, darinn dieselben wonhafftig und gesessen sein, so die durch unser und Ewr Oberkaiten herrschaften, und gebiete hin und wider zieben, zaichen an jren Claidungen, damit sie vor Juden erkhindt zu haben und zutragen, auch Mit vielen Messen zehn und glaiten, die hievor nit gewesen, oder von uns gesetzt seyen beschwert und gedungen, darzu die frey Markhte so in unsern und ewern Stetten gehalten, dieselben zu besuchen und auff denselben yrer notturlt nach zu handeln und zu wandlen verspert un solchs nit zuge'assen werden solle. Und wodurch uns in solchem der Judisheit unser Keyserlich hilff nu mitgethailt bey yren freyhaiten gehandthabt geschützt und geschirme, und sunderlichen unss dem, das sy dermassen Mit zaichen an jnen zu tragen dadurch sy offt in geferlishait yres liebs nnd lebens Koumen, newen zollen und Glait genoittigt und gedrungen werden sollten. Das sy letst gantz Vertrückht, aussgetilgt und an yrem lieben leben und guettern belaidiget und beschediget wurden. Vund dieweyl wir nun als uns den als Roemischen Kayser, dasselb zuh ungepuert, guetzlichen gemaindt sein, die Judishait bey unser vorfaren, und unsern freyhaiten, gnaden schutz und schirm zu handthaben, und dawider noch mit auflegung der zaichen als obsteet nuwen zollen, glaiten und versperrung der freyen Marckha beschweren oder dringen zu lassen. So gebieten wir demnach euch allen und Ewr yedem in sonders, bey vermeydung unser, und des Reichs schweren ungnad un straff und den penen in der 228judischait freyhaiten begriffen, und darzu bey verbisung zehn Markt Lottiges golds, uns in unser und des Reichs camer unnachliesslich, zu bezalen ernstlich mit diesem brieff und wollen das yr nun hinfuro alle juden allenthalben in allen unsern und ewern furstenthumben, herrschafften, Landen, und gebieten ausserhalb yr sitz, Statten und Flecken, uf dem Lande on alle zaichen, dabey dieselben erkhent we den, auch uber die gewonlichen und hergebrachten Zöllen und glaiten, darzu mit besuchung der freyen Markht handeln, wandeln und durchziehen passiren und Kumen lasset. Und sy dawider nit d inget, bekoemert aufhaltet belaidigt, oder beschwert, sonder bey unser Vorfarn und unser ynen gegeben freyhaiten schutz und schirm und disem unserm gebott und bott und bevelch gentzlich bleiben lasset, und vestigklic'en handthabet, schutzet und sc irmet und hie uber Nichts handelt oder furnemet, noch des yemands zu thun gestattet, in kain weiss, damit wir nit geursacht gegen dem oder denen, so sich also hierüber ungehorsamlich halten und erzaigen, mit den obgemelten straffen und penen, und sonst in ander weg wie sich geburt zu handlen und furzunehmen, Das ist unser Will und Mainüng. Geben in unser und des Reichs Statt Regensburg — under unserm Kayserlichen auffgetruckten Insigell am zwaintzigsten tag des Monats July anno etc. im Ein und viertzigsten, Unsers Kayserthumbs im Eyn und zweintzigsten und unserer Reiche im s chsundzweinzigsten
gez. Car lus. Ad mandatum Caesareae catholiv. Palatinus. cae Maiestatis proprium. v. Naves.
Wie groß die Freude Rabbi Joselmanns war als er die Abschrift des oben mitgetheilten Schrift229ſtückes erhielt, kann man ſich leicht vorſtellen. Er ließ ſofort eine ganze Reihe von Abſchriften anfertigen, und ſie durch die kaiſerliche Kanzlei vidimiren, und verſandte ſie durch beſondere Boten an die Parnaßim aller deutſchen Gauen. Jn Privatbriefen forderte er die Vorſteher auf, ohne Rückſicht jeden Fall, in welchem ein Jude gezwungen würde, ein Abzeichen zu tragen, einen unberechtigten, vom Kaiſer nicht beſtätigten Zoll zu entrichten, oder in welchem ein Jude gehindert würde, Meſſen oder Märkte zu beſuchen oder in welchem einem Juden verwehrt würde, irgend ein Gebiet oder eine Stadt frei zu paſſiren, zur Kenntniß des Reichskammergerichts zu Rottweil zu bringen, damit die Uebertreter des kaiſerlichen Freiheitsbriefes zur Strafe gezogen würden.
Nachdem Rabbi Joſelmann noch 14 Tage zur Vollendung dieſer Angelegenheit in Regensburg verweilt hatte, kehrte er froh und zufrieden mit ſeinem Erfolge nach Rosheim zurück; hier wartete ſein ein frohes Familienfeſt. Die älteſte Tochter ſeines älteſten Sohnes Jakob ſollte ſich verheirathen. Dem allverehrten Großvater zu Liebe, ſollte das Feſt in Rosheim gefeiert werden. Schon war Rabbi Jakob mit Frau und Kindern von Worms eingetroffen. Aber Rabbi Joſelmann war es nicht vergönnt, im Kreiſe der Seinen dem Feſte anzuwohnen. Kaum war er zu Hauſe angelangt, da kam ein Bote von Pappenheim und brachte traurige Mähr. Jm Walde bei Weißenburg, im heutigen Mittelfranken, war ein todtes Kind aufgefunden worden. Der Leichnam war bereits ganz verweſt, von Würmern zerfreſſen. Der allzeit rege Judenhaß beſchuldigte die Juden des in der Nähe gelegenen Treutlingen (heute Treuchtlingen), das Kind ermordet zu haben. Der Erbmarſchall Graf Ulrich von Pappenheim=Treutlingen, eine ohne230hin den Juden nicht gewogener Herr, hatte ſämmtliche Juden von Treutlingen, Männer, Frauen und Kinder, 152 an der Zahl, in den Kerker werfen laſſen und bedrohte ſie mit dem Tode. — Rabbi Joſelmann machte ſich ſofort auf den Weg, um ſeinen gefährdeten Glaubensgenoſſen zu Hilfe zu eilen.
Wohl wollten ſeine Verwandten das Hochzeitsfeſt bis zu ſeiner Rückkehr verſchieben; allein er geſtattete es nicht.
„Ich werde im Geiſte bei Euch ſein,“ ſagte er, „und für Euer Glück zu Gott beten.“
Dann ſegnete er ſeine Kinder und Enkel, nahm Abſchied von ſeinem Weibe und reiſte zunächſt nach Regensburg, um die Angelegenheit dem Kaiſer vorzutragen. Als er jedoch in Regensburg ankam, war der Reichstag bereits geſchloſſen. Der Kaiſer war nach Italien abgereiſt, um von dort aus die Seeräuber, welche das Mittelmeer beunruhigten, zu bekriegen. Auch ſämmtliche Fürſten und Reichsſtände hatten Regensburg bereits verlaſſen. Es blieb Rabbi Joſelmann nichts Anderes übrig, als nach Pappenheim zu gehen und von dem Erbmarſchall die Freilaſſung der unſchuldig eingekerkerten Juden zu verlangen.
II. Theil · Kapitel 39 · S. 230–238
XXXIX.
Wenn Du, lieber Leſer, heutzutage, von Ansbach nach München fährſt, ſo wirſt Du, nachdem Du zweimal die Altmühl überſchritten haſt, an die Station Pappenheim gelangen. Hohe Berge umrahmen das reizend gelegene Städtchen, und auf einem der Berge zeigen ſich dieausgedehnten Trümmer der Stammburg des uralten Geſchlechtes der Grafen von Pappenheim. Zu der Zeit, in welche 231die Ereigniſſe fallen, die wir hier erzählen, war jene mächtige Burg noch kein Trümmerhaufen, ſondern das wohlerhaltene Schloß eines gewaltigen Dynaſten=Geſchlechts. Der Stammbaum der gräflichen Familie ragt bis in die vorgeſchichtliche Zeiten hinauf. Schon im 12. Jahrhundert wurde den Grafen von Pappenheim die hohe Würde eines Erbmarſchalls des heiligen römiſchen Reiches deutſcher Nation verliehen. Jm Jahre 1334 beſtätigte Kaiſer Ludwig der Bayer dieſes Amt dem Grafen Rudolph V. von Pappenheim für ihn und ſeine Nachkommen für ewige Zeiten. Jm Jahre 1439 theilte ſich das gräfliche Haus in vier Linien, die Gräfenthal'ſche, Alaow'ſche, Treutlingiſche und Altzheimiſche Linie. Die drei erſteren ſind erloſchen, der letzteren gehören die noch jetzt lebenden Glieder der Familie an. Aus der Treutling'ſchen Linie ſtammte der berühmte kaiſerliche Feldherr im dreißigjährigen Kriege, Graf Gottfried Heinrich von Pappenheim, der Führer des berühmten Pappenheimer Reiter=Regiments, welcher im Jahre 1632 in der Schlacht bei Lützen den Heldentod ſtarb. Auch der derzeitige Senior der Familie, der Reichsmarſchall Graf Wolfgang von Pappenheim, war ein berühmter Reitergeneral, welcher einige Jahre ſpäter im Schmalkaldiſchen Kriege als einer der Führer der ſchweren Reiterei dem Kaiſer diente. Vor ihm erſchien Rabbi Joſelmann.
„Gnädigſter Herr“, ſagte der Eintretende, „Euer Herr Vetter, der Graf Ulrich von Pappenheim=Treutlingen . . . .“
„Daß Euch Gottes Elemente ſchände, Ihr verdammten Juden!“ ſchrie der Graf. „Mein Vetter Ulrich hat im Einverſtändniß mit mir die Treutlinger Juden einſperren laſſen, und es wird 232ihnen allen der Proceß gemacht werden. Das ganze verdammte Gezücht ſoll brennen und braten!'
„Gnädigſter Herr“, ſagte Rabbi Joſelmann, mit Hoheit und Würde, „ich bitte, daß Ihr in mir den von Seiner Kaiſerlichen Majeſtät ernannten Befehlshaber, der jetzt ſeit länger als 30 Jahren mit Kaiſer, Königen und Fürſten verkehrt, reſpectirt und Eure Ausdrucksweiſe mäßiget. Die Juden von Treutlingen ſind unſchuldig, und die Anklage iſt nichts als ein albernes Mährchen. Das Kind hatte ſich wahrſcheinlich im Walde verirrt, konnte ſich nicht wieder nach Hauſe finden, und iſt durch Hunger umgekommen. Und weil nun ein todtes Kind, halb verweſt und von Würmern zerfreſſen, iſt im Walde gefunden worden, ſo ſollen die Juden die Mörder ſein! es iſt eine abſcheuliche, ſchändliche Lüge.“
„Mäßigt Ihr Eure Ausdrucksweiſe, Jude!“ ſchrie der Graf. „Ihr meint, weil Ihr in Worms neben des Kaiſers Majeſtät habt reiten dürfen, könnt Ihr in ſolchen Ausdrücken mit mir reden! Ich werde Euch greifen und in das Burgverließ werfen laſſen.“
„„Das werdet Ihr nicht thun, Herr Graf, Ihr werdet Euch nicht der Reichsacht ausſetzen wollen! Gnädigſter Herr, ich bitte Euch, hört mich ruhig an. Die Grafen Pappenheim ſind ein uraltes Geſchlecht, und ſeit Jahrhunderten haben ſich Eure Voreltern mit Ruhm und Ehre bedeckt. Sollen die Jetzlebenden die Schande auf ſich laden, 152 unſchuldige Menſchen einem unverdienten Tode preiszugeben?““
„Pah, es ſind ja nur Juden!“
„„Und ſind wir Juden keine Menſchen? Gnädigſter Herr, Ihr ſeid ein treuer Anhänger des alten Glaubens — wiſſet Ihr nicht, daß Päbſte 233und Kaiſer auf Strengſte verboten haben, die Juden zu morden?““
„Die Juden von Treutlingen ſollen auch nicht gemordet werden. Sie werden rechtlich verhört, und dann erſt wird der Urtheilsſpruch gefällt.“
„„Ja, man wird ſie auf die Tortur ſpannen und unter den ſchmerzlichſten Qualen werden ſie eingeſtehen, was ſie niemals gethan haben. Habt Ihr nicht gehört, gnädigſter Herr, wie es in Beiſſingen ergangen, wo 36 unſchuldige Menſchen den Flammentod erlitten, und wo ich nachher ſonnenklar erwieſen habe, daß ſie ſämmtlich ohne Schuld und Fehl waren, daß jenes Kind, deſſen Tod man ihnen zur Laſt gelegt hatte, von der eigenen Mutter war im Schlafe erdrückt worden? Habt Ihr nicht vernommen, gnädigſter Herr, daß Gott die Unſchuld der Juden, welche in Berlin im Jahre 1510 auf eine ähnliche Beſchuldigung hin ſind verbrannt worden, faſt 30 Jahre nachher auf dem Fürſtentage in Frankfurt ans Licht hat kommen laſſen? Gnädigſter Herr, gebt die Unſchuldigen frei, und wenn ich und meine Brüder Euch in etwas dienen können . . . .““
„Ihr wollt mich beſtechen, Jude! macht eilig, daß Ihr hinwegkommt oder ich werde Euch trotz Kaiſer und Reich ins Burgverließ werfen laſſen!“
Rabbi Joſelmann ſah, daß er hier nichts auszurichten vermochte und verließ betrübt die Burg. Er begab ſich nach dem Städtchen Pappenheim, wo er ſich den ganzen Hergang des traurigen Ereigniſſes aufs Neue erzählen ließ: Hier erfuhr er, daß das todte Kind in dem Theile des Weißenburger Waldes war aufgefunden worden, welcher zur Herrſchaft des Landgrafen Friedrich III. von Fürſtenberg gehörte. Dieſer reſidirte gegenwärtig auf ſeinem Schloſſe Dietfurth, ganz in der Nähe. Rabbi Joſelmann entſchloß ſich, den Landgrafen 234aufzuſuchen, um ihn zu veranlaſſen, ſich der bedrängten Juden von Treutlingen anzunehmen.
Auch die Fürſtenberger ſind ein uraltes Geſchlecht, die ihren Urſprung auf die alten Grafen von Urach zurückführen. Auch Landgraf Friedrich III. war ein berühmter Reitergeneral. Er hatte ſchon in der Schlacht bei Pavia gekämpft und ſich viele Lorbeeren errungen. Später wurde er Oberhofmeiſter des Königs Ferdinand, unter dem er im Schmalkaldiſchen Kriege ſich große Verdienſte um die Pacification Böhmens erwarb.
Als Rabbi Joſelmann vorgelaſſen wurde und ſeine Bitte dem Landgrafen vorgetragen hatte, lehnte dieſer es ab, ſich in die Angelegenheit einzumiſchen. Treutlingen, ſagte er, ſteht unter der Jurisdiction der Pappenheimer. Nicht der Ort, wo das Kind gefunden wurde, bedingt das Proceß=Verfahren, ſondern der Ort, an welchem die Angeklagten heimathberechtigt ſind.
„„Gnädigſter Herr,““ ſagte Rabbi Joſelmann, „„wenn Ihr Euch weigert, Euch meiner armen unſchuldigen Glaubensgenoſſen anzunehmen, ſo muß ich anderswo mein Recht ſuchen.““
„Und wo wollt Ihr das thun? Der Kaiſer iſt in Italien und geht nach Algier, und bis das Reichskammergericht zu Rottweil die Sache in die Hand nimmt, ſind die Juden von Treutlingen längſt verbrannt.“
„„Ich werde die Sache beim ſchwäbiſchen Bunde anhängig machen. Meine gnädige Herren zu Ulm ſind mir gewogen und werden mich nicht im Stiche laſſen.““
„Jude“, ſchrie der Landgraf, „Ihr wollt des Reiches Fürſten bei den Krämern und Pfefferſäcken der Städte verklagen? Meint Ihr, man ſoll in Deutſchland ein Volksregiment einführen, wie in der Schweiz? Solche ſchreckliche Praktiken 235werde ich niemals dulden! Wagt es, den ſchwäbiſchen Bund gegen die Pappenheimer anzureizen, und ich werde Euch des Hochverraths, des Landfriedensbruchs anklagen; das kaiſerliche Landgericht wird Euch verurtheilen, und Ihr werdet gehenkt werden!“
„„Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich mein Leben wage, um meine Brüder und Anverwandten vom Tode zu retten. Wollt Ihr jedoch, gnädigſter Herr, daß ich den ſchwäbiſchen Bund nicht zu Hilfe rufe, ſo machet Euren Einfluß bei dem Grafen von Pappenheim geltend, daß er die unſchuldigen Treutlinger Juden freilaſſe.““
„Ich miſche mich nicht in die Angelegenheiten, die mich nichts angehen. Wenn Ihr aber die Einmiſchung des ſchwäbiſchen Bundes gegen meine Standesgenoſſen veranlaßt, ſo geht das mich wie jeden andern Reichsfürſten an, und ich werde nicht ruhen, bis man Euch an den höchſten Baum henkt oder den Kopf vor die Füße legt, je nachdem das Reichskammergericht das Urtheil fällen wird. Jetzt geht, Jude, ich habe nichts mehr mit Euch zu reden.“
Verzweiflung im Herzen verließ Rabbi Joſelmann Schloß Dietfurth. Was ſollte er thun? ſollte er ſich weiteren Gefahren ausſetzen oder ſollte er ſeine Glaubensgenoſſen ihrem Schickſal überlaſſen?
„„Nein, nein““, ſagte er, „„Gott hat ſchon ſo manchmal geholfen und Wunder gethan — er wird auch diesmal mich nicht verlaſſen.““
Rabbi Joſelmann reiſte nach Ulm, welche Stadt damals im ſchwäbiſchen Bunde den Vorſitz bildete.
Als nach dem Tode des letzten Hohenſtaufen das Herzogthum Schwaben zerfiel, traten die ſchwäbiſche Städte, Fürſten, Grafen und Ritter in einen Bund, den ſchwäbiſchen Bund, zuſammen, welcher ſich auch über einen Theil vom Rheinland, 236Bayern und Franken erſtreckte. Auch die Grafſchaft Pappenheim, ſo wie die Länder des Landgrafen von Fürſtenberg, gehörten dem Bunde an. Die Stände theilten ſich in fünf Bänke. Die der geiſtlichen, die der weltlichen Fürſten, die der Prälaten, die der Grafen und Herren und die der Städte; ein und dreißig freie Reichsſtädte, von denen Ulm und Augsburg die mächtigſten waren, gehörten dem Bunde an. Ulm zählte damals mehr als 60,000 Einwohner, und reiche Kaufmanns=Geſchlechter blühten in ſeiner Mitte. Die Prävaleranz der Städte war den kleinen Fürſten ein Dorn im Auge, namentlich ſeitdem es dem Heere des ſchwäbiſchen Bundes gelungen war, Herzog Ulrich von Würtemberg aus ſeinem Lande zu vertreiben. Es war ein großes Wagniß, das Rabbi Joſelmann unternahm; er machte ſich durch die Anrufung der Hilfe des ſchwäbiſchen Bundes die Fürſten zu ſeinen Todfeinden, und die Städte hatten ſchon längſt die Juden aus ihren Mauern vertrieben. Allein er hatte keine Wahl; es galt, 152 unſchuldige Menſchen vom Tode zu erretten.
Rabbi Joſelmann beſchloß, nach Ulm zu gehen. Allein unterwegs beſann er ſich, daß er in Ulm nur wenige gute Freunde und Bekannte habe, und daß es daher angemeſſen ſei, nach Augsburg zu gehen, und durch Vermittelung ſeiner dortigen Freunde und Bekannten die Hilfe des ſchwäbiſchen Bundes zu erwirken.
Rabbi Joſelmann hatte in Augsburg einen alten Freund, Namens Konrad Peutinger, den er auf den Reichstagen hatte kennen gelernt. Peutinger war bis vor wenigen Jahren Rathſchreiber zu Augsburg geweſen; er war zwar ſeit einigen Jahren in den Ruheſtand verſetzt, ſtand aber durch ſeinen Sohn und Nachfolger, den Dr. juris Pius Claudius Peutinger, mit den Angelegenheiten der 237Stadt in regſter Verbindung. Conrad Peutinger gehört der Humaniſten Schule an, er war ein Verehrer Reuchlins, ein Anhänger des Erasmus von Rotterdam und huldigte dem gemäßigten Fortſchritte.
Als Rabbi Joſelmann vor ihm erſchien, empfing der alte Herr ihn aufs Herzlichſte.
„Siehe da, Joſelin!“ ſagte er. „Das iſt ſchön, daß Ihr Euch einmal des alten Peutinger erinnert. Wir haben uns lange nicht geſehen. Auf dem jüngſten Reichstage zu Regensburg durfte ich ſchon nicht mehr erſcheinen, man hat mich in den Ruheſtand verſetzt. Nun, ich beklage es nicht. Da habe ich auch Muße, meinem Lieblingsſtudium zu leben. Soll ich Euch meine Broncen und Steine zeigen?“
„„Ich werde Euch ſpäter darum bitten,““ antwortete Rabbi Joſelmann. „„Hat Euer Herr Sohn meine achtungsvolle Grüße ausgerichtet?““
„Er hat ſie mir nicht beſtellt. Ihr dürft's ihm nicht übel nehmen, Joſelin. Er hat gar zu viel zu thun. Von Regensburg zurückgekehrt, hatte er alle Hände voll Arbeit vorgefunden, und jetzt muß er ſich ſchon wieder zur Abreiſe rüſten. Der hochweiſe Rath unſerer Stadt will ihn in Angelegenheiten des ſchwäbiſchen Bundes nach Ulm ſenden.“
„„Gelobt ſei Gott, daß ich gerade zur rechten Zeit vor Euch erſcheine.““
Und nun trug Rabbi Joſelmann dem alten Freunde die Angelegenheiten der Juden von Treutlingen vor. Er erzählte ihm, wie ſchlecht er bei dem Grafen von Pappenheim und dem Landgrafen von Fürſtenberg angekommen ſei; die Aeußerung des Letzteren über das erſtarkte Volksregiment in Deutſchland rief in den Zügen Peutingers ein Lächeln hervor.
238„Ja, ja,“ ſagte er, „die Vereinigung der Städte iſt den kleinen Fürſten ein Dorn im Auge, und ſie möchten ſie gern unterdrücken. Aber gerade dieſer Umſtand gibt mir die Hoffnung, daß der ſchwäbiſche Bund ſich Eurer Angelegenheit annehmen wird. Ich ſelbſt werde Euch zu den einflußreichſten Männern dieſer Stadt, zu den Herren Wolfgang Rehlinger, Symprecht Hofer und Dr. Held führen. Dieſelben waren als Geſandte der Stadt in Regensburg. Ihr habt ſie wohl dort geſehen? Sie ſind nicht gut auf die kleinen Fürſten zu ſprechen, weil dieſe ſo viel Machthoheit und Unabhängigkeit zu erſtreben ſuchen, um ſich nach und nach der freien Städte und ihrer Gebiete zu bemächtigen. Ich hoffe, der ſchwäbiſche Bund wird ihnen die Bähne zeigen.“
II. Theil · Kapitel 40 · S. 238–244
XL.
Rabbi Joſelmann fand, von Peutinger eingeführt, bei allen maßgebenden Perſönlichkeiten Augsburgs die günſtigſte Aufnahme. Er brachte es dahin, daß der Magiſtrat der Stadt Augsburg den Dr. Peutinger, den jüngeren, beauftragte, beim Schwäbiſchen Bunde dahin zu wirken, daß die Grafen Pappenheim wegen der Angelegenheit der Treutlinger Juden zur Rechenſchaft gezogen werden ſollen. Rabbi Joſelmann begleitete dann den jungen Peutinger nach Ulm, und bald nach ſeiner Ankunft in dieſer Stadt hatte er die Freude, zu erwirken, daß ein Eilbote nach Pappenheim geſendet wurde, um den Grafen Wolfgang als den Senior ſeines Geſchlechts aufzufordern, die Angelegenheit der Treutlinger Juden dem ſchwäbiſchen Bunde vorzulegen und vorläufig die gefangenen Juden ihrer Haft zu entlaſſen. Nach wenigen 239Tagen kehrte der Bote zurück und brachte ein geharniſchtes Antwortſchreiben der Pappenheimer Grafen. Sie wunderten ſich höchlich, ſchrieben dieſelben, daß der ſchwäbiſche Bund die Kühnheit habe, ſich in ihre Jurisdiction einzumiſchen. Sie ſeien Niemandem verantwortlich, nur dem Kaiſer allein. Sie würden die Juden nicht ihrer Haft entlaſſen. Der ſchwäbiſche Bund möge thun, was ihm gefiele; die Grafen ſeien nicht gewillt, ſich mit dem ſchwäbiſchen Bunde in irgend eine Verhandlung einzulaſſen. — Der brüske Ton dieſes Schreibens verletzte die Herren von Ulm gar ſehr. Aufs Neue wurde ein Bote nach Pappenheim geſendet. Die Grafen von Pappenheim wurden nochmals aufgefordert, die verhafteten Juden freizulaſſen. Sollten ſie ſich wiederum weigern, ſo würde der ſchwäbiſche Bund ſich genöthigt ſehen, durch Gewalt der Waffen Gehorſam von Denen zu erzwingen, die ihm angehören.
So ſtanden die Angelegenheiten, als Rabbi Joſelmann eines Tages durch einen ihm unbekannten Manne einen Brief erhielt. Der Brief war in hebräiſchen Schriftzügen geſchrieben, und lautete folgendermaßen:
„Theurer Freund!
Wenn Euch Euer Leben lieb iſt, ſo kommt heute Abend nach Sonnen=Untergang in die Schenke zum Waldhorn, die vor der Stadt belegen iſt. Ich kann nicht, ohne die größte Gefahr für Euch und mich, in die Stadt zu Euch kommen. Es erwartet Euch mit der größten Beſtimmtheit
Euer Freund Selkelin aus Frankfurt.
Am Abend deſſelben Tages machte ſich Rabbi Joſelmann auf den Weg, um die in dem Briefe näher bezeichnete Waldſchenke aufzuſuchen. Als 240er vor das Thor der Stadt kam, hielt dort eine mit zwei Pferden beſpannte Kutſche.
„Seid Ihr der Jude Joſelin aus Rosheim?“ fragte ihn der Kutſcher. „Euer Freund Selkelin aus Frankfurt läßt Euch bitten, dieſes Fuhrwerk zu benutzen, das Euch nach der Schenke zum Waldhorn führen wird, wo Euer Freund auf Euch wartet.“
Rabbi Joſelmann ſtieg in den Wagen, der Kutſcher ſchloß den Kutſchenſchlag, und fort ging es. Aber die Fahrt dauerte lange. Rabbi Joſelmann klopfte an das Fenſter des Wagens, um den Kutſcher zu fragen, ob das Ziel ihrer Reiſe nicht bald erreicht ſei. Der Kutſcher aber hörte nicht. Da wollte Rabbi Joſelmann den Kutſchenſchlag öffnen, allein dieſer war verſchloſſen. Jetzt merkte Rabbi Joſelmann, daß er in eine Falle gegangen war. Wahrſcheinlich hatte Graf Wolfgang von Pappenheim ihn aufheben laſſen, um ſich an ihm wegen der Anrufung des ſchwäbiſchen Bundes zu rächen. Irgend ein getaufter Jude hatte den gefälſchten Brief mit hebräiſchen Schriftzügen geſchrieben, um Rabbi Joſelmann deſto ſicherer zu täuſchen.
Nach einer langen und beſchwerlichen Fahrt kam der Gefangene nicht in Pappenheim, ſondern in Dietfurth an. Rabbi Joſelmann wurde vor den Landgrafen Friedrich III. von Fürſtenberg geführt.
„Jude“, ſchrie dieſer ihn an, „habe ich Dich endlich in meiner Gewalt? Du haſt den Landfrieden gebrochen, haſt den ſchwäbiſchen Bund gegen die Grafen von Pappenheim aufgehetzt! ich werde Dich hängen laſſen!“
„„Das werdet Ihr nicht thun, Herr Landgraf! ich bin kaiſerlicher Befehlshaber, und wenn Ihr 241Euch an mir vergreift, ſo wird es Euch den Kopf koſten.““
„Ha, ha, der Kaiſer wird keinen deutſchen Fürſten eines Juden wegen köpfen laſſen!“
„„Unſer allergnädigſter Kaiſer iſt ein eben ſo gerechter wie ſtrenger Herr, und ich darf mir ſchmeicheln, Gnade gefunden zu haben in ſeinen Augen. Ich warne Euch, Herr Landgraf, thut nichts, was Euch ſpäter gereuen könnte.““
„Ich verlache Deine Warnung, Jude. Der Kaiſer iſt in Algier, wer weiß, ob und wann er zurückgekehrt. Seine Majeſtät, der römiſche König, iſt mir wohl gewogen, und wird um eines Juden willen mir keine Unannehmlichkeiten bereiten. Unter der Bedingung will ich Dich frei laſſen, Jude, wenn Du ſchwörſt, daß Du nach Ulm gehſt und die Herren des ſchwäbiſchen Bundes veranlaſſeſt, die Angelegenheit mit den Pappenheimer Grafen fallen zu laſſen.“
„„Und was ſoll aus den Treutlinger Juden werden?““
„Die werden verbrannt.“
„„So thut mit mir, was Euch gefällt! ich werde mein Leben nicht retten wollen, um meine Glaubensgenoſſen dem Verderben preiszugeben.““
„So werde ich Dich heute in das Burgverließ werfen laſſen; morgen wirſt Du gehängt!“
Die Diener des Landgrafen ergriffen Rabbi Joſelmann und führten ihn ab.
Kennſt Du, lieber Leſer, die Schrecken eines mittelalterlichen Burgverließes? Da iſt ein feſter Thurm mit dicken Mauern, und unter demſelben iſt tief unter der Erde ein abſcheuliches, dumpfes, feuchtes Loch, wo Molch und Kröte hauſen. Jn dieſes Loch wird der Gefangene an einem Strick hinabgelaſſen. Dort ſitzt er, weit entfernt von menſchlicher Hilfe, betäubt von den Moderdünſten 242des Kerkers, der Verzweiflung preisgegeben, glücklich, wenn er wieder ans Licht emporgezogen wird, ſei es auch, um ſein Leben unter den Händen des Henkers zu enden.
Jn einem ſolchen ſchrecklichen Kerker, von dem ein Theil heute noch unter den Trümmern der Burg Dietfurth zu ſehen iſt, ſaß Rabbi Joſelmann. Es war die Nacht, welche dem Hochzeitstag ſeiner Enkelin voranging. Zu Hauſe feierten die Freunde und Verwandten das Symlonethfeſt.
Sie hatten keine Ahnung davon, daß das verehrte Haupt der Familie im finſtern Kerker ſchmachte, um einem baldigen Tode entgegengeführt zu werden. Und was that Rabbi Joſelmann? er betete die ganze Nacht für das Heil und das Glück ſeiner Enkelin, wie er es den Seinen daheim verſprochen hatte. Für ſeine eigene Rettung betete er nicht. Er fühlte ſich glücklich in dem Gedanken, für die Heiligung des göttlichen Namens ſterben zu dürfen.
Gegen Morgen ſprach er das große Sündenbekenntniß. Dann flehte er mit großer Inbrunſt: „Herr, mein Gott, wenn meine Tage jetzt zu Ende ſein ſollen, ſo erwecke Du einen Andern aus der Mitte meiner Brüder, der für das Wohl Deiner Kinder auf Erden wirke, wie ich es ſtets geſtrebt habe, es zu thun!“
Als der Tag anbrach, wurde Rabbi Joſelmann aus dem Gefängniſſe emporgezogen. Jm Schloßhofe war während der Nacht ein Galgen aufgerichtet worden. Rabbi Joſelmann wurde vor den Landgrafen geführt.
„Haſt Du den Galgen geſehen, Jude?“ fragte der Landgraf. „Ich habe ihn für Dich aufrichten laſſen. Ich frage Dich noch einmal, willſt Du ſchwören, nach Ulm zu reiſen und zu erwirken, daß die Herren vom ſchwäbiſchen Bunde ihre Feind243ſeligkeiten gegen die Grafen von Pappenheim einſtellen?“
„„Ich werde das nicht beſchwören.““
„So wirſt Du ſterben, Jude!“
„„Gottes Wille geſchehe.““
Der Landgraf winkte ſeinen Dienern, die Rabbi Joſelmann an den Galgen ſchleppten. Der Henker ſtand bereit, um die Schlinge um Rabbi Joſelmanns Hals zu legen. Dieſer bat um einige Minuten Aufſchub, damit er zuvor zu Gott beten könne. Da winkte der Landgraf mit der Hand.
„Ich habe mich anders beſonnen“, ſagte er, „ich werde Dich an das Reichskammergericht zu Rottweil ausliefern. Der Präſident deſſelben, mein Freund Erasmus von Gera, wird Dir den Proceß machen. Du wirſt dem Tode durch Henkershand nicht entgehen. Solltest Du aber wider Erwarten von dort entkommen, ſo könnteſt Du mir eine Klage aufhängen, daß ich Dich mit Liſt habe aufheben laſſen und Dich für eine Zeit lang Deiner Freiheit beraubt habe. Deßhalb ſchwöre zuvor bei Gott Adonai, daß Du Dich niemals und in keiner Weiſe für das, was Dir von mir geſchehen iſt, wirſt rächen wollen.“
Rabbi Joſelmann leiſtete den verlangten Schwur; dann mußte er einen Wagen beſteigen, der ihn nach Rottweil brachte. Die Diener des Landgrafen gaben hier ein Schreiben deſſelben an den Präſidenten des Reichskammer=Gerichts ab, in welchem der Landgraf bat, daß man dem Juden Joſelin von Rosheim den Proceß wegen Landfriedensbruch mache und ihn durch die Hand des Henkers ſterben laſſe.
Rabbi Joſelmann war unterdeſſen in das Gefängniß des Reichskammer=Gerichtes geführt worden. Es dauerte nicht lange, ſo ſuchte ihn Erasmus von Gera ſelbſt dort auf.
244„Ei, Joſelin“, redete dieſer ihn an, „was habt Ihr gethan, daß man Euch des Landfriedensbruchs zeiht und Euch an den Galgen bringen will?“
Da erzählte Rabbi Joſelmann dem Präſidenten den ganzen Hergang. Dieſer ſchüttelte den Kopf und ſprach:
„Es war jedenfalls ſehr vorſichtig von dem Herrn Landgrafen, daß er Euch hat ſchwören laſſen, ihn nicht zur Verantwortung für das zu ziehen, was er Euch gethan; es hätte ihm übel bekommen können. Das Ganze war nur darauf angelegt, Euch zu ängſtigen und durch die Angſt zu zwingen, den ſchwäbiſchen Bund von ernſtlichen Schritten gegen die Pappenheimer zurückzuhalten. — Das Reichskammer=Gericht kann Euch nichts anhaben. Nichts deſtoweniger muß der Proceß vor demſelben verhandelt werden. Ich werde dieſe Verhandlung zu beſchleunigen ſuchen. Einſtweilen gewähre ich Euch freien Verkehr in der Stadt, wenn Ihr verſprecht, dieſelbe nicht vor Abſchluß der Verhandlung zu verlaſſen.“
Vierzehn Tage währte es, bis Rabbi Joſelmann vom Reichskammer=Gericht jeder Schuld los und ledig geſprochen wurde. Er kehrte eiligſt nach Ulm zurück. Hier hatten ſich unterdeſſen die Verhältniſſe ſehr zum Schlimmen geändert. Dr. Peutinger war abgereiſt. Und die Ulmer Herren, als ſie nichts mehr von Rabbi Joſelmann ſahen und hörten, hatten nicht daran gedacht, ihren Drohungen gegen die Pappenheimer Thaten folgen zu laſſen. Es wollte Rabbi Joſelmann nicht gelingen, die Sache wieder in Fluß zu bringen.
II. Theil · Kapitel 41 · S. 244–250
XLI.
Unſere Leſer werden ſich erinnern, daß unſere Geſchichte mit der Erzählung von dem erſten 245bayeriſchen Erbfolgekriege begann. Jm Jahre 1503 war Herzog Georg, der Reiche, von Bayern=Landshut, ohne männlichen Nachkommen geſtorben, und ſein Schwiegerſohn, der Pfalzgraf Ruprecht, Sohn des Kurfürſten Philipp von der Pfalz, hatte gegen die beſtehenden Erbverträge von der Erbſchaft Beſitz ergriffen. Nach langwierigen Kämpfen hatten ſich endlich die Bayern=Herzoge dazu verſtanden, das Herzogthum Neuburg an die Pfälzer Linie abzutreten, welche einen jüngeren Prinzen ihres Hauſes damit belehnten. Zu der Zeit, in welcher die oben mitgetheilten Ereigniſſe vor ſich gingen, im Jahre 1541, regierte in Pfalz=Neuburg Herzog Otto Heinrich, der ſich wie die meiſten Mitglieder der Pfälzer Linie, zur proteſtantiſchen Lehre bekannte.
Als ſich Rabbi Joſelmann wieder einmal vergeblich bei dem Oberbürgermeiſter von Ulm, Herrn Gerhard Beſſerer, um die Förderung der Angelegenheit der Treutlinger Juden bemüht hatte, und betrübten Herzens in ſeine Wohnung zurückkehrte, begegnete ihm auf der Straße ein proteſtantiſcher Geiſtlicher. Derſelbe eilte auf Rabbi Joſelmann zu, ergriff deſſen Hand und ſchüttelte ſie.
„Ei, Herr Befehlshaber“, rief er aus, „gibt mir Gott die Gnade, Euch einmal wiederzuſehen? Ihr erinnert Euch wohl meiner nicht mehr? Und doch ſeid Ihr mein größter Wohlthäter auf Erden!“
Rabbi Joſelmann ſah den Geiſtlichen durchdringend an. Die Züge deſſelben ſchienen ihm bekannt, doch wußte er Näheres ſich nicht in's Gedächtniß zurückrufen.
„Verzeiht, Herr, ſagte er, allein . . . .“
„Es iſt auch nicht zu verwundern“, unterbrach ihn der Geiſtliche, „zwölf lange Jahre ſind dahin gegangen, ſeitdem wir uns nicht geſehen. Euch 246verdanke ich es, daß ich in Wittenberg unter Martino und Philippo habe ſtudiren können.“
„Ah“, rief Rabbi Joſelmann, „Ihr ſeid der Pater aus der Kapelle bei Orb, und Eurer gütigen Vermittelung verdanke ich es, daß es mir gelang, die Unſchuld der gemordeten Juden von Baiſingen an den Tag zu bringen.“
„„Und dann wurdet Ihr mein Wohlthäter, und gewährtet mir die Mittel, nach Wittenberg zu gehen. Das alberne Mährchen, die abſcheuliche Verleumdung, daß Juden Chriſtenblut brauchen, ſpukt noch immer in den Köpfen. So ſind jetzt auch die armen Juden von Treutlingen angeklagt, und wiewohl die Unterſuchung nicht das Geringſte gegen ſie ergeben, ſo hetzt der Biſchof von Eichſtätt an den Grafen von Pappenheim, daß ſie ſie dennoch verbrennen laſſen ſollen. Ich bin jetzt Hofprediger beim Herzog Otto Heinrich von Neuburg und war eben zum Beſuche bei den Meinigen in Orb. — Mein gnädigſter Herr, der Herzog, zu dem ich jetzt eben zurückkehre, hat den größten Kummer von der Treutlinger Affaire. Ich habe ihm die Geſchichte von dem Baiſinger Judenmorde erzählt und habe ihm auseinandergeſetzt, daß den Juden mit den ewigen Anſchuldigungen von Kindermord himmelſchreiendes Unrecht geſchehe.“““
„Ihr kommt mir wie ein gottgeſandter Engel“, rief Rabbi Joſelmann. „Wegen der Treutlinger Juden habe ich die größten Anſtrengungen gemacht; doch bis jetzt waren alle Mühen vergeblich. Wenn ich Euch erzählen wollte, was Alles ich in dieſer Angelegenheit erſtrebt und gelitten habe — ich könnte nicht aufhören. Thut mir den Gefallen und begleitet mich in meine Wohnung. Es iſt eine ſichtbarliche Fügung des Himmels, daß Ihr mir hier begegnet ſeid. Vielleicht iſt es Gottes 247Wille, durch Eure Beihilfe den Unſchuldigen Rettung zu ſenden!“
Die beiden Männer begaben ſich in die Wohnung Rabbi Joſelmanns. Hier erzählte derſelbe, was Alles er ſchon in der Angelegenheit der Treutlinger Juden gethan und verſucht hatte, und daß die Rettung derſelben durch ſeine gewaltſame Entfernung von Ulm ins Stocken gerathen war.
„So ſteht die Angelegenheit jetzt,“ ſchloß Rabbi Joſelmann ſeine lange Erzählung. „Es gilt nun, neue Mittel zu erſinnen, um die Unſchuldigen aus dem Kerker zu befreien. Auch Euch muß es daran liegen, die Chriſtenheit vor ſolchen entſetzlichen Verbrechen zu bewahren. Glaubt Ihr, daß Euer gnädiger Herr ſich bereit finden ließe, thätig in dieſe Angelegenheit einzugreifen?“
„„Ich glaube mit Beſtimmtheit darauf rechnen zu dürfen. Mein gnädigſter Herr iſt ein edler, braver, frommer Mann, der ſich für die fälſchlich Beſchuldigten ſehr intereſſirt. Wenn er nur einen Anlaß hätte, ſich der Sache anzunehmen, er würde es ſchon dem gottloſen Pfaffen, dem Biſchoff Eichſtätt, zum Trotz thun.““
„Vielleicht gelingt es mir, den ſchwäbiſchen Bund zu veranlaſſen, den Herzog von Pfalz=Neuburg mit der Execution gegen die Pappenheimer Grafen zu betrauen. Bleibt einige Tage hier, und wenn unter göttlichem Beiſtande ich einen ſolchen Beſchluß von den Herren des ſchwäbiſchen Bundes erwirke, dann fahre ich mit Euch nach Neuburg.“
„„Gern will ich Alles beitragen, was in meinen Kräften ſtehet, um dieſe Sache zum guten Ende zu führen. Seitdem ich ſelbſt dazu beigetragen habe, den wahren Sachverhalt in Baiſingen an das Licht zu ziehen, iſt es mir Herzensſache geworden, die Juden gegen dieſe wahnſinnige Beſchuldigung zu vertheidigen. Ich habe auch ein 248Büchlein geſchrieben, das die ganze Lügenhaftigkeit und Bosheit derartiger Anklagen beleuchtet. Ich habe, ſeitdem ich das Glück hatte, Euch kennen zu lernen, viel mit Juden verkehrt, und ihre Sprachen, Sitten, Geſetze, gründlich kennen gelernt. Ich habe den Urſachen jener Beſchuldigung nachgeforſcht und habe gefunden, daß ſie einerſeits von habſüchtigen und grauſamen Fürſten oder verarmten Edelleuten oder von den Juden verſchuldeten Bürgern herrühren, und daß ſie andererſeits von Mönchen oder Weltgeiſtlichen ſtammen, die neue Heilige machen und neue Wallfahrten ſtiften wollen. Mehr als tauſend Jahr lang, hat man von derlei Dingen nichts gewußt. Erſt ſeit 300 Jahren, ſeitdem die Mönche und Pfaffen viel Betrug mit Wallfahrten und Wunderkuren angerichtet, ſind dieſe Märchen aufgekommen. Jn den erſten Zeiten des Chriſtenthums ſind die Chriſten als Kindermörder und Blutzapfer verrufen geweſen. Daß die von der Folter erpreßten Bekenntniſſe der Juden nicht als Beweis angeſehen werden dürfen, habe ich ja ſelbſt in Baiſingen erfahren. Mein gnädigſter Herr, der Herzog, iſt, wie ich, von der Unſchuld der Treutlinger Juden überzeugt, und wird gewiß gerne ſein Hand dazu bieten, die Unſchuldigen zu befreien.““
„Gebe es Gott! ich werde mich gleich auf den Weg machen, um zu erwirken, daß dem Herzoge die Gelegenheit dazu geboten werde.“
Es ging aber doch nicht ſo leicht, wie Rabbi Joſelmann meinte. Tage vergingen, ehe das Gewünſchte erreicht werden konnte. Der Hofprediger des Herzogs von Neuburg konnte das Reſultat nicht abwarten und reiſte allein zu ſeinem Fürſten. Erſt drei Wochen ſpäter folgte ihm Rabbi Joſelmann, das Decret des ſchwäbiſchen Bundes, welches den Herzog Otto Heinrich von Pfalz=Neuburg zum 249Vollſtrecker der Execution gegen die Pappenheimer Grafen ernannte, mit ſich führend.
Oberhalb der Stadt Neuburg, an dem rechten Ufer der Donau erhebt ſich ein bewaldeter Hügel, auf deſſen Gipfel ſich die Herzöge von Pfalz=Neuburg ein ſchönes Schloß hatten erbauen laſſen. Jetzt iſt es ein königliches Schloß, das wegen der darin aufbewahrten Rüſtungen und Bildniſſe häufig von Reiſenden beſucht wird.
Der Herzog Otto Heinrich war bereits durch ſeinen Hofprediger vorbereitet. Er empfing den jüdiſchen Befehlshaber ſehr gnädig und übernahm den Auftrag des ſchwäbiſchen Bundes mit großer Bereitwilligkeit. Sofort ſchickte er Eilboten an die Grafen von Pappenheim und ließ ihnen mittheilen, daß er mit der Execution gegen ſie vom ſchwäbiſchen Bunde beauftragt ſei, und daß er ihnen hiermit die Fehde ankündige, falls ſie es nicht vorziehen ſollten, die gefangenen Juden in Freiheit zu ſetzen. Zugleich ließ er einige Hundert Mann Gerüſteter und Gewaffneter an die Grenze des Pappenheimer Gebietes rücken.
Als die Pappenhemer ſahen, daß der Herzog von Pfalz=Neuburg Ernit mache, überfiel ſie Angſt und Schrecken. Der Herzog von Pfalz=Neuburg beſaß nur ein kleines Land, aber er gehörte einer großen und mächtigen Familie an. Leichtlich konnte Pfalz=Neuburg dieſe Gelegenheit benutzen, um ſein Gebiet durch die eroberten Beſitzungen der Grafen von Pappenheim zu arrondiren. Sie zogen es daher vor, die Treutlinger Juden in Freiheit zu ſetzen.
Bald kehrten die Eilboten des Herzogs mit dieſer Freudenbotſchaft nach Neuburg zurück, und der Herzog ertheilte ſofort Befehl, daß ſeine Truppen in die Heimath zurückkehrten. Rabbi 250Joſelmann aber rief: „Gelobt ſei Gott, der Seine Gnade uns nicht entzogen hat!“
Der Hofprediger des Herzogs von Neuburg hielt ſein Wort und gab „ein Judenbüchlein“1Vergleiche: Grätz, Geſchichte der Juden, Band XI. S. 336. heraus, in welchem er dasjenige näher ausführte, was er dem jüdiſchen Befehlshaber bereits mündlich mitgetheilt hatte. Das Büchlein machte ungeheures Aufſehen, und der berüchtigte Dr. Johann Eck erhielt von dem Biſchoff von Eichſtätt den Auftrag eine Gegenſchrift zu verfaſſen. Dieſer aus der Reformations=Geſchichte genugſam bekannte Gegner Luthers, der wegen ſeines üblen Charakters bei Katholiken und Proteſtanten gleich verhaßt war, übertraf ſeinen Gegner Luther noch in Schmähungen und Läſterungen der Juden. Dieſer Theologe verſchmähte es nicht, um die Juden anzuklagen, ſelbſt die Helden der Bibel, Moſes, David und andere große Männer zu verunglimpfen. Während die Läſterſchrift des Dr. Eck noch vorhanden, findet ſich die Vertheidigungs=Schrift des Hofpredigers von Neuburg nirgends mehr vor. Nur aus der Schmähſchrift Ecks können wir uns den Inhalt der erſteren ungefähr zuſammen ſtellen. Auch der Name des edlen Vertheidigers der Juden iſt uns nicht erhalten. Viele vermuthen, daß der Verfaſſer jener Schrift der berühmte und gelehrte Oſiander geweſen. Uns aber liegen gewichtige Gründe gegen dieſe Annahme vor. Jedenfalls ſind wir dem Dr. Eck dafür dankbar, daß durch ſeine Schandſchrift uns Kunde von den Beſtrebungen edlerer und beſſerer Geiſtliche geworden.
II. Theil · Kapitel 42 · S. 250–260
XLII.
Jn jenen Zeiten, in welchen unſere Geſchichte ſich abſpielt, herrſchten die Schrecken des Krieges 251auch im Frieden. Damals gab es keine ſtehenden Heere. Söldner wurden angeworben und nach dem Friedensſchluſſe wieder entlaſſen. Viele von dieſen hatten keinen anderen Erwerb als das blutige Kriegshandwerk. Sie wurden Räuber, verbargen ſich im Gebirge und in Wäldern und belagerten die Heerſtraße ſo lange, bis die Trommel des Werbers ſie wieder unter die Fahne rief. Solche Räuberſchaaren trieben in ganz Deutſchland ihr Unweſen, namentlich aber in den böhmiſchen Wäldern. Jn dem harten Winter gegen das Ende des Jahres 1541 hatten die Räuberſchaaren in Böhmen in furchtbarer Weiſe zugenommen. Sie zündeten in den verſchiedenſten Gegenden Städte und Dörfer an, um während des Brandes bequem rauben und ſtehlen zu können. Wie 200 Jahre vorher die Juden für die damals in Deutſchland wüthende Peſt verantwortlich gemacht wurden, ſo bezeichnete die Volksſtimme in Böhmen die Juden als die Urheber der Brände. Jn den verſchiedenſten Gegenden: in Budweis, in Brandeis, in Humpoletz, in Horowitz, in Bunzlau, wurden einzelne Juden verhaftet und peinlich verhört. Unter den Qualen der Tortur geſtanden ſie Alles, was die Richter von ihnen verlangten, und nannten auch noch andere Juden als Mitſchuldige, deren Namen man ihnen in den Mund legte. Nun wurden auch dieſe verhaftet, an denen ſich denn die ſchreckliche Procedur wiederholte. So wurden die armen, unſchuldigen Menſchen geköpft, gehängt und verbrannt in großer Menge. Da nun die Schuld der Juden erwieſen ſchien, ſo beſchloß der böhmiſche Landtag im Dezember des Jahres 1541, ſämmtliche Juden aus Böhmen zu vertreiben. Dieſen harten und grauſamen Beſchluß beſtätigte König Ferdinand, der Bruder des deutſchen Kaiſers. Binnen 2 Monaten, alſo im Februar des Jahres 2521542, ſollten alle Juden das Königreich Böhmen gemieden haben.
Als Rabbi Joſelmann von dem Unglück ſeiner böhmiſchen Glaubensgenoſſen vernahm, da gedachte er nicht mehr all des Schlimmen, welches er 8 Jahre zuvor in Prag erduldet hatte. Er, der nunmehr 64jährige Mann, machte ſich mitten im Winter auf die beſchwerliche Reiſe, um, wie ſtets in ſeinem thatenreichen Leben, ſich als treuer Freund in der Noth zu bewähren. Als er im Monate Adar in Prag ankam, fand er ſeine Brüder daſelbſt in der größten Verzweiflung. Das Rabbinat, an deſſen Spitze noch der berühmte Gelehrte, Rabbi Abraham ben Awigdor ſtand, hatte eine große Anzahl von Faſttagen beſtimmt, an denen die Synagogen von Betern nicht leer wurde. Tag und Nacht drangen die heißeſten Gebete zu Gott im Himmel empor. Uns iſt noch ein Gebet erhalten, welches Rabbi Abraham ben Awigdor zu dieſem Zwecke verfaßt hat, und welches noch heute am Verſöhnungstage in vielen Gemeinden Israels gebetet wird. Daſſelbe zeichnet ſich durch Reinheit und Schönheit der Sprache, ſowie durch tiefe Innigkeit vor vielen andern aus, und läßt uns erkennen, wie hoch die Israeliten jener Zeit über ihren Verfolgern ſtanden. Wir können es uns nicht verſagen, eine freie Ueberſetzung deſſelben unſern Leſern mitzutheilen. Daſſelbe lautet:
„Gott unſerer Väter, ſei nicht ferne von uns! Unſere Haſſer wollen uns aus unſeren Wohnungen vertreiben — mögeſt Du, o Gott, ihre Anſchläge vereiteln! Auf Dich haben wir vertraut, daß Du nicht geſtatteſt unſeren Feinden, uns zu vertilgen; gewähre uns Hilfe, Rettung und Freiheit, denn viel Angſt und Schrecken haben wir erduldet — mögen ſie ob unſerer Sünden zur Sühne gereichen. Wir mußten wandern unter die Völker und haben 253nicht Ruhe, nicht Sicherheit, nicht Frieden gefunden; jetzt trifft uns Dein Zorn, denn wir haben geſündigt und gefrevelt, den graden Weg verlaſſen und, was böſe iſt in Deinen Augen, gethan. Wir klopfen an Deine Pforte Deine Gnade zu erwecken, auf daß Du verzeiheſt und vergebeſt, die Schuld der Bekenner Deiner Einheit. Du, der Du öffneſt Deine Hand zu empfangen die, ſo Dir ſich nahen, öffne, öffne Deine Hand Deinem armen Volke. Iſt auch Dein Zorn über uns entbrannt, ſo erinnern wir Dich an Deine Liebe zu unſerer Jugendzeit, und wenn auch zahlreicher als der Sand am Meere unſere Sünden ſind, ſo kennſt Du doch unſere Leidenſchaft, die Du ſelbſt in uns gelegt; ſo verzeihe denn Barmherziger und Gnädiger, und vergib unſere Sünden und unſere Schuld. Bedenke doch, wie der Feind Deinen Namen läſtert! Deine Haſſer erheben das Haupt, machen Pläne gegen Dein Volk, uns zu verbrennen, zu vertreiben, zu berauben! Führe Du, o Gott meinen Streit, kämpfe gegen Deine Gegner! Du hörſt, wie ſie läſtern, wie ſie mit ſchändlicher Liſt falſche Beſchuldigungen gegen mich ausſinnen. Morgens früh und Abends ſpät machen ſie Pläne, mich zu vertilgen und mich zu vernichten. Du, der Du gütig biſt Denen, die auf Dich hoffen und der Seele, die Dich ſucht, wir haben bei jeder Noth und Gefahr Dein Erbarmen geſucht — nimm auch jetzt Dich unſer an! Die Feinde wollen uns ganz und gar vertreiben, wollen uns ſättigen mit Schmach und uns mit bitterer Wermuth berauſchen — und ſiehſt Du nicht Deine Lämmerheerde verſtoßen, wie ſie weiden, wie ſie lagern in dem Lande ihrer Feinde, und doch haſt Du verheißen, ſie nicht zu verwerfen, ſie nicht gänzlich von Dir zu ſtoßen! Von allen Völkern haſt Du ſie erwählt und Dein großer Name wird von ewigher über ſie genannt, und in 254Deiner Herrlichkeit haſt Du Dich ihnen offenbart, ſie beſtändig zu retten aus der Hand ihrer Haſſer, und jetzt hälſt Du Dich verborgen, und Deine Herrlichkeit iſt von ihnen gewichen! Wir erheben unſere Herzen zu Gott im Himmel, wir gießen aus vor Dir unſer Flehen, nur Du biſt unſer Schutz und unſere Zuverſicht, einziger, barmherziger, gnädiger Gott. Beſchatte uns mit dem Fittige des Erbarmens, erweiche die Herzen unſerer Gegner, gib uns Gnade und Erbarmen, denn wir wiſſen nicht, wohin wir uns wenden ſollen. Nur auf Dich ſind unſere Augen gerichtet, der Du uns liebſt, wie ein Vater ſeine Kinder liebt. Breite über uns aus die Hütte Deines Friedens, denn wir ſind Dein Volk, die Söhne Abraham's, Jizchaks, Jakobs, Deine Frommen! Schicke uns nicht leer hinweg! Schaue unſern Jammer und unſer Elend; denn, wenn wir hinwegwandern müſſen von hier, wo ſollen wir Frieden und Nahrung finden? Durch die Verfolgungen unſerer Feinde iſt uns die Welt zu enge — wo ſollen wir uns Häuſer bauen, in denen wir in Frieden leben könnten? Du warſt ſtets uns nahe, da wir Dich anriefen, und wenn wir Dich auch erzürnt haben durch unſere Sünden, ſo erſtanden uns doch von Dir geſandte Helfer, denn wir haben keinen Gott außer Dir. Siehe, um Deinetwillen, um Deiner heiligen Lehre willen werden wir täglich bis zum Tode verfolgt und wenn wir auch geſündigt haben — wir wohnen inmitten ſündiger Völker, und harte Herren verfolgen uns. Allmächtiger, mögen auf Deine Feinde fallen, Angſt und Schrecken, ſei Du nicht mit ihrem Rathſchluß, höre auf Israel, Ewiger unſer Gott, einziger Gott! Erbarme Dich wiederum unſer, laß ein Ende ſein unſren Leiden, führe uns zurück nach Jeruſalem, der Stadt unſerer Väter, und erbaue wieder Dein heiliges Haus. Dann wird geheiligt 255werden Dein Name vor den Augen der Völker, ſie werden erkennen, daß Du ewiglich biſt der einzige Gott. So verſchließe den Mund den Läſterern und unſeren Widerſachern, erwirb zum zweiten Male Dein Volk und verlaß es nicht wieder. — Gedenke Deines Bundes, den Du mit unſeren Vätern geſchloſſen haſt!“
Dieſes Gebet wurde unter ſtrömenden Thränen in heißer Innigkeit in allen Synagogen Prags gebetet. —
Als Rabbi Joſelmann in Prag ankam, wurde er gleich einem Retter begrüßt.
Rabbi Joſelmann ließ ſich zuerſt die einflußreichſten Räthe des Königs nennen, um zu erfahren, ob nicht Jemand darunter ſei, den er von früher her kenne. Allein die Namen derſelben waren ihm faſt gänzlich unbekannt. Da war zunächſt der Oberſtkämmerer des Königs, Martin von Guzman, ein Spanier, der Kämmerer Philipp von Croy, ein Niederländer, der Oberhofmeiſter Zdenko Verka, ein Böhme, und auch die deutſche Herren Egino, Graf von Salm, Otto von Neideg, Berthold von Lippa, Ferdinand, Graf von Ortenburg, waren ihm gänzlich unbekannt.
Vergebens ſuchte Rabbi Joſelmann bei Einem oder dem Andern der Genannten vorzukommen. Die Herren hatten alle ſtrengen Befehl ertheilt, keinen Juden vorzulaſſen. Vergebens ſuchte Rabbi Joſelmann beim Könige ſelbſt Audienz zu erlangen. Auch Ferdinand wollte keinen Juden ſehen, da er den Beſchluß der böhmiſchen Stände nicht rückgängig machen konnte.
Unterdeß bereitete ſich in der Familie des Königs ein frohes Ereigniß vor. Elisabeth, die älteſte von den 12 Töchtern König Ferdinands, eine der ſchönſten Prinzeſſinnen ihrer Zeit, war damals 16 Jahre alt. Der König dachte daran, ſie 256zu vermählen, und es war ihm der König von Polen, Siegesmund Auguſt, aus dem Geſchlechte der Jagellonen, als Schwiegerſohn vorgeſchlagen worden. Da ließ König Ferdinand den Landgrafen Friedrich von Fürſtenberg nach Prag kommen, um ihn zu beauftragen, die Unterhandlungen mit dem Polenkönige einzuleiten. Als Rabbi Joſelmann von der Ankunft des Landgrafen hörte, ließ er ſich ſofort bei ihm melden.
„Nun, Joſelin“, ſagte der Landgraf, als der Befehlshaber der Juden bei ihm eintrat, „wagſt Du Dich wiederum in die Höhle des Löwen? Soll ich hier nachholen, was ich in Dietfurth verſäumt habe, ſoll ich Dich hier hängen laſſen?“
„„Gnädigſter Herr““, ſagte Rabbi Joſelmann, „„Ihr könntet's hier leichter bewerkſtelligen, als auf Eurem Schloſſe in Schwaben, es iſt ja jetzt an der Tagesordnung die Juden zu hängen, zu köpfen und zu verbrennen.““
„Das ſei ferne von mir“, entgegnete der Landgraf, „ich habe Dich damals auch nur ſchrecken wollen. Es iſt mir nicht in den Sinn gekommen, Dir nach dem Leben zu trachten. Du aber haſt Dich wie ein Held benommen. Auch Deinen Schwur haſt Du getreulich gehalten, und haſt keinerlei Schritte gegen mich gethan. Ich bin Dir dafür zu Danke verpflichtet, und ich hoffe Dir jetzt meine Dankbarkeit beweiſen zu können. Ich muß jetzt gleich zum Könige. Begleite mich zu ihm; ich werde bei Seiner Majeſtät Dein Fürſprecher ſein.“
„„„Gnädigſter Herr, der König weigert ſich, mich zu empfangen.““
„Ueberlaß das mir. Du begleiteſt mich bis an das Vorzimmer des Königs, dort warteſt Du, bis ich den König veranlaßt habe, Dir eine Audienz zu gewähren.“
Ein Diener meldete, daß der Wagen des Land257grafen ſeiner harre, der Landgraf ging hinunter, und Rabbi Joſelmann folgte ihm.
Als Friedrich von Fürſtenberg im königlichen Schloſſe, dem Hradczin erſchien, öffneten ſich ihm ſogleich alle Pforten, und Niemand wagte es, ſeinen Begleiter zurückzuweiſen. Jm Vorzimmer des Königs verneigte ſich der dienſtthuende Kammerherr, Herr Joachim von Malzan, Baron von Wartenberg, tief vor dem Landgrafen und meldete ihn ſofort dem Könige.
Ferdinand ging ſeinem Freunde entgegen und umarmte ihn auf das Herzlichſte.
„Sei mir willkommen, Friedrich“, ſagte er, „ich danke Dir, daß Du ſofort meinem Rufe Folge geleiſtet und Dich bei dieſer rauhen Jahreszeit in unſere ſchneebedeckten Berge gewagt haſt.“
„„Majeſtät““, antwortete der Landgraf, „„die Kälte und der Schnee waren noch nicht das Unangenehmſte; wir ſind unterwegs von einer Räuberhorde überfallen worden. Gut, daß ich eine große Anzahl meiner bewaffneten Leute bei mir hatte. Wir haben eine förmliche Schlacht liefern müſſen. Meine Leute haben gekämpft wie die Löwen. Drei derſelben ſind leider gefallen. Dagegen bedeckten 15 getödtete Räuber das Schlachtfeld; 22 Kerle haben wir gefangen genommen und hierhergebracht. Das übrige Geſindel iſt entflohen. Majeſtät, die gefangene Kerle haben uns merkwürdige Dinge erzählt. Dieſe Räuberhorde war es, welche die mannigfachen großen Brände in Böhmen angeſtiftet hat, um deretwillen man jetzt die Juden verfolgt. Majeſtät, die Juden ſind an all den Dingen, die man ihnen zur Laſt legt, unſchuldig, kein Jude befand ſich in jener Räuberbande. Jm Gegentheile, die Räuber haben erzählt, daß die Juden ſich geweigert hätten, die geraubten Gegenſtände zu kaufen. Majeſtät, es iſt 258viel unſchuldiges Blut vergoſſen worden. Auch die Grafen von Pappenheim hätten im vorigen Sommer beinah ihre Juden verbrennen laſſen, wenn nicht ein wackerer Mann, der Judenfürſt Joſelin von Rosheim, ſie mit Gewalt zurückgehalten hätte. Und nachher hat ſich zur Evidenz herausgeſtellt, daß die Juden ſchuldlos waren. Majeſtät, ich habe dieſen Judenfürſten als einen wackern, edlen Mann, als einen wahrhaften Helden kennen gelernt.““
„Er iſt hier,“ ſagte der König.
„„Er wartet im Vorzimmer, ich habe ihn hierhergeführt. Wollen Eure Majeſtät die Gnade haben ihn zu empfangen?““
„Er mag kommen.“
Der Landgraf ſprang auf, öffnete die Thüre und rief:
„Komm herein, Joſelin, Seine Majeſtät will Dich empfangen.“
Als Rabbi Joſelmann eintrat, ſagte der König:
„Ich habe bis jetzt Dich nicht zu mir gelaſſen, Joſelin, weil ich Deine Bitte doch nicht erfüllen kann. Es iſt ein Beſchluß der böhmiſchen Stände. Ich kann nichts daran ändern.“
„Eure Majeſtät,““ ſagte Joſelin, „„iſt von dem allmächtigen Gott eingeſetzt, hier auf Erden zu herrſchen, der Gewalt zu wehren, und allen Euren Unterthanen ein liebevoller und ſchützender Vater zu ſein. Meine Brüder in Böhmen ſind unſchuldig, Majeſtät, und wenn wir es auch nicht zu erweiſen vermögen — dereinſt wird ſich ihre Unſchuld herausſtellen, und dann wird Eure Majeſtät die Verantwortung tragen für das traurige Geſchick, dem die Unſchuldigen preisgegeben werden ſollen. Mein König und Herr! Schon hat man viele Unglücklichen geköpft, gehängt und verbrannt. Aber das Alles iſt nichts gegen das ſchreckliche 259Loos der Verbannung, von dem ſie Alle, Männer und Frauen, Greiſe und Jünglinge, Knaben und Mädchen bedroht werden. Wohin ſollen die Armen ſich wenden, wo ſollen ſie ſich eine neue Heimath ſuchen? O, übet Gnade, Majeſtät, und habet Erbarmen mit den Bedauernswerthen, die dem Hunger, dem Elend, der Krankheit, dem Tode entgegengetrieben werden ſollen!““
Rabbi Joſelmann hatte mit großer Innigkeit geſprochen. Thränen rannen ihm über die Wangen und floſſen in ſeinen langen weißen Bart. Auch der König war gerührt.
„Nun, nun,“ ſagte er, „ich werde ſehen, was ſich machen läßt. Landgraf Friedrich hat Nachrichten mitgebracht, die den Juden günſtig lauten. Ich werde die Sache unterſuchen laſſen, und wenn ſich die Unſchuld der Juden herausſtellt, ſo werde ich die böhmiſche Stände erſuchen laſſen, ihren Beſchluß zurückzunehmen. Geh jetzt Joſelin! ich habe mit dem Landgrafen zu reden.“
Rabbi Joſelmann eilte aus dem Hradczin, um ſeinen Glaubensgenoſſen die tröſtlichen Ausſichten zu eröffnen. Dieſe glaubten ſchon das Uebel beſeitigt. Jn der That ſetzte die angeſtellte Unterſuchung die völlige Schuldloſigkeit der Juden in das klarſte Licht. Trotzdem, und trotz des eifrigen Verwendens des Königs, weigerten ſich die Stände, ihren Beſchluß wieder aufzuheben und auf die gute Gelegenheit zu verzichten, die Juden aus dem Lande zu vertreiben. Schon wurde die Verbannung ins Werk geſetzt. Die Unglücklichen mußten ihre Häuſer und ihre Heimath verlaſſen, um in der Fremde das bittere Brod der Verbannung zu ſuchen. Da begab ſich Rabbi Joſelmann — der Landgraf von Fürſtenberg war unterdeſſen nach Polen abgereiſt — noch einmal zum Könige, umklammerte deſſen Knie und bat und flehte unter ſtrömenden Thränen, daß 260der König die ihm von Gott verliehene Macht dazu verwende, den Landtagsbeſchluß zu caſſiren. Und der König ließ ſich erbitten. Er ertheilte den bereits ausgewanderten Juden — nur noch 10 Familien waren in Prag zurückgeblieben — die Erlaubniß zurückzukehren; und Rabbi Joſelmann hatte die Freude zu ſehen, wie die in ſo trauriger Weiſe Vertriebenen fröhlich wieder heimkehrten.
II. Theil · Kapitel 43 · S. 260–266
XLIII.
Es war in der Mitte des Septembers des Jahres 1543, als zu Würzburg am rebengeſegneten Mainſtrome alle Glocken läuteten, die Gewerke feierten, die Menſchen ſich in dichten Schaaren an und in die alte Münſterkirche drängten. Konrad von Bibra, der dreiundſechszigſte in der Reihe der Fürſtbiſchöfe und Herzöge von Franken, war geſtorben; heute wurde er begraben. Der Verewigte hatte den Biſchofshut, den fränkiſchen Herzogsmantel und das Schwert einer Macht, die einen der ſchönſten Striche deutſchen Landes beherrſchte, kaum 4 Jahre lang getragen.
Der Hof zu Würzburg war einer der glänzendſten, und die Sittenloſigkeit der hohen geiſtlichen Würdenträger deſſelben überſtieg alle Grenzen. Wir brauchen nur an den Domherrn Graf Chriſtoph von Henneberg zu erinnern, der ſeine Geliebte mit ſeinem Knechte Peter Rothhaft verheirathete. Am Abend des Hochzeitstages erfaßte ihn die Eiferſucht, und er entriß die Geliebte ihrem Gatten mit Gewalt, dieſen mit dem Tode bedrohend. Unangefochten lebte er in Würzburg weiter und verſah die Functionen ſeines hohen geiſtlichen Amtes, bis er einſt, von einem nächtlichen Gelage zurückkehrend, lärmend die Straßen durchziehend, einen Schaar261wächter, der ihn zur Rede ſtellte, niederſtieß. Dieſer Mord, an einem Beamten der öffentlichen Sicherheit begangen, veranlaßte den ehrwürdigen Domherrn zur Flucht. Jn ſeiner Wohnung fand man viele Waffen und Rüſtungen, Frauenkleider aus Seide und Sammet, dergleichen Schmuckgegenſtände aus Gold und mit Edelſteinen beſetzt, viele Fäſſer, theilweiſe mit edlem Wein gefüllt, theilweiſe leer — aber nicht ein einziges Buch. Später wurde der wackere Domherr begnadigt und durfte zu ſeinem geiſtlichen Amte nach Würzburg zurückkehren. Es war ja nur ein bürgerlicher Beamter, der in der Uebung ſeiner Pflicht von der Hand des hochgebornen Grafen von Henneberg ſeinen Tod gefunden!
Eine ähnliche Geſchichte hatte ſich erſt vor ganz kurzer Zeit ereignet. Unſere Leſer werden ſich noch des Brandenburgiſchen Kanzlers Vogler aus Ansbach erinnern, welcher die ſchleſiſchen Juden verbrennen laſſen wollte, der aber von Rabbi Joſelmann geſtürzt worden war. Nachdem Vogler ein Jahr im Thurm zu Alten=Muhr gefangen geſeſſen, hatte ihm Markgraf Georg die Freiheit wieder gegeben, und ihm die freie Reichsſtadt Windsheim zum Aufenthaltsorte angewieſen. Eines Tages war der Kanzler des Biſchofs von Würzburg, der berühmte Ritter Wilhelm von Grumbach, mit großem Gefolge nach Windsheim gekommen, um dem ehemaligen brandenburgiſchen Kanzler einen Beſuch abzuſtatten. Bei dieſer Gelegenheit hatte er Vogler überredet, ihm ſeine Tochter Jutta mitzugeben, damit ſie eine Zeit lang im Grumbach'ſchen Schloſſe zu Rimpar zum Beſuche bei der Hausfrau des Ritters, einer gebornen Freifrau von Bibra, einer Nichte des regierenden Biſchofs und Herzogs von Franken, verweile. Jm Gefolge des Ritters befanden ſich zwei junge Domherren, 262Kilian von Fuchs und Wolf Dietrich von Schaumberg. Die Beiden hatten in Nürnberg, woher der Ritter kam, gemeinſam ein Pferd gekauft, das ſie der Jungfrau zum Ritte nach Würzburg überließen. Unterwegs verliebten ſich die beiden Domherren in die ſchöne Jutta, und als ſie in Würzburg ankamen, wollte jeder von ihnen das Pferd beſitzen, auf welchem die Holde geſeſſen, und dem Andern ſeinen Antheil vergüten. Jm Streite darüber erſtach Kilian von Fuchs ſeinen Freund Dietrich von Schaumberg. Kilian entfloh nach Bamberg, und da es ſich um einen Mord eines hochgebornen Domherrn handelte, ſo hatte er keine Gnade zu erwarten. Er wurde Proteſtant und trat in die Dienſte des berüchtigten Bandenführers, Markgraf Albrecht von Brandenburg=Cadolzburg. — Unterdeß fand die ſchöne Jutta in Rimpar kein angenehmes Heim, da die Gemahlin des Ritters von Grumbach auf ſie eiferſüchtig wurde. Sie fand indeß in dem Domherrn Zobel von Giebelſtadt einen Freund und Beſchützer.
Der Trauerzug kam vom Marienberg herunter. Dort war der Körper des Biſchofs einbalſamirt, in Meßgewänder gekleidet worden und auf einem prachtvollen Katafalk aufgeſtellt. Am dritten Tage nach dem Ableben wurde die Leiche, in ſitzender Stellung, zuerſt in die am Fuß der Feſte liegenden Schotten=Kirche getragen. Vierzehn junge, in Schwarz gekleidete Edelleute boten dazu ihre kräftigen Schultern dar. Hier ſchon theilte der Präſenzmeiſter die erſte Gabe aus, zwei Schillinge an Jeden, der ſeine Hand herhalten wollte. Dann vermehrten die Aebte und Geiſtlichen der nächſten Klöſter und Kirchen den Conduct. Der todte Lehnsherr wurde vom Adel, der oberſte Seelenhirt von ſeinen Untergebenen feierlich, als könnte er es noch hören, angeredet. Die Glocken läuteten, und 263von den Wällen ertönte in gemeſſenen Pauſen das Geſchütz. Jetzt ging es über die Brücke, das damals ſeit noch nicht lang mit mächtigen Quadern aufgeführte kühne Bogenwerk. Am Rathhaus ſchloſſen ſich die Bürgervorſtände an. Die neue Uhr am Giebel des alten Eckhardthurms zeigte die vierte Nachmittagsſtunde. Alle Läden über den „Greden“ waren geſchloſſen. Vom Söller des Biſchofsſaales, wo der Verſtorbene Recht geſprochen, hing eine mächtige Trauerfahne. Endlich iſt der Dom erreicht, wieder wird eine Präſenz von vier Schillingen an jede offene Hand, ob geiſtliche oder weltliche, männliche oder weibliche, am Eingange des Domes ausgezahlt. Die Leiche ſtellt man am Hochaltar nieder. Die Geiſtlichen ſingen Vesper. Andere löſen ſie ab, ſingen auch noch die Vigilien, während ſich jene am Abendimbiß in ihren Klöſtern und Domherrenhöfen die Kraft holen, dieſen wieder zu folgen. Die Hörer, die ausharren, empfangen noch eine Spende von ſechs Schillingen. Die „Beſingniß“ hört nicht einen Augenblick auf. Am Morgen beginnt ſie aufs Neue mit der Meſſe. Doch immer zerſtreuter wird die Trauer. Immer mehr beſchäftigt der Hinblick auf die Zukunft die Gemüther. Die Infel, die dem Leichnam in ſeinen mit ſchwarzer Leinwand überzogenen Sarg mitgegeben wird, iſt nur eine nachgemachte; der Biſchofsſtab, der ihm folgte, iſt ſchlechtes Holz; er iſt mit Safran beſtrichen. Die echten Pontificalien verbleiben dem Nachfolger. Nur das Schwert, das Konrad von Bibra mitgegeben wurde, war ſein eigenes. Das war der Mann, nicht ſeine Würde. „Das Heft hatte drei „kleine ſilberne Ringlein, Gürtelring und Hänt„hätle waren vergoldet.“ So ruht der Biſchof am Peter=Paul=Altar im Würzburger Münſter. Sein Herz kam in gläſerner Verwahrung ins Kloſter 264Ebrach auf dem Steigerwald. Das iſt der Brauch ſo bei allen Fürſtbiſchöfen Würzburgs. Ihre Eingeweide bleiben auf dem Marienberg, ihre Körper ruhen gegenüber im Dom, ihre Herzen kommen auf den Wald nach Ebrach.
Während dieſer feierlichen Hergänge, die für eine große Anzahl Menſchen, vor Allem für die Geiſtlichen und zumal die Capitelherren, jeden Schritt, den ſie thaten oder unterließen, an ein beſtimmtes Ceremoniell banden, rannten Andere, die ſich von dem ſtreng einzuhaltenden Schein der Trauer freizumachen wagen konnten, in deſto leidenſchaftlicherer Bewegung hin und her, ſchoſſen durch die Straßen von dieſem Haus in jenes, pochten dort an eine Thür, da an ein Fenſter, ließen Roſſe ſatteln, entſandten und empfingen Boten, fertigten Briefe ab und arbeiteten für die Neuwahl, die nur dem ganz gemeinen Mann etwas Gleichgiltiges blieb. Denn an deſſen Laſten und Leiden änderte ſich ja nichts. Dem blieb derſelbe Frohndienſt auf dem Gut des Herrn in der Burg oder im Convent, daſſelbe abzuliefernde Beſthaupt von ſeiner geringen eigenen Habe, derſelbe Zehnten, dieſelbe Noth und Drangſal, ob im Frieden, ob im Kriege, ob ſich bei ihm die Reiſigen des Biſchofs einhauſten oder die der Feinde ihres Herrn.
Es war eine traurige Zeit, in welcher Conrad von Bibra geſtorben war. Ueber ganz Frankenland war die Peſt in ſolchem Grade ausgebrochen, daß die Menſchen wie die Schatten dahin wankten, ganze Ortſchaften entvölkert wurden, Hunger und Elend länger als zwei Jahre dauerten. Der kranke Fürſt=Biſchof war in die Berge der Röhn geflüchtet, um friſche Luft zu ſchöpfen. Man hatte zu ihm den berühmten Dr. Meyenbach von Nürnberg berufen; ohne Erfolg.
265Nachdem die Beerdigungsfeierlichkeiten vorüber waren, ſtanden ſich bei der Neuwahl zwei Parteien gegenüber, die des bisherigen Hofmeiſters und Kanzlers Wilhelm von Grumbach und die ihm verwandten Bibra und Hutten einerſeits, und die Partei des Domherrn Zobel von Giebelſtadt und die ihm befreundeten Geſchlechter der Limbacher, Dornheimer, Wunfurter und Schweinshäupter.
Es gab einen heißen Wahlkampf, der damit endete, daß Melchior Zobel von Giebelſtadt zum Fürſt=Biſchof erwählt wurde. Jetzt war ſeine vertraute Freundin Jutta Vogler, wenn auch nicht dem Namen nach, aber doch thatſächlich, regierende Herzogin von Franken. Ihren Zorn mußte zunächſt der bisherige Hofmeiſter und Kanzler, Wilhelm von Grumbach, der einſt ihre Liebe verſchmäht hatte, in empfindlicher Weiſe büßen. Das Teſtament des verſtorbenen Biſchofs, welcher ſeine Nichte, die Gemahlin Grumbachs, zur Erbin eingeſetzt hatte, wurde umgeſtoßen; ja, der abgeſetzte Kanzler mußte die 10,000 Gulden wieder herausgeben, die ſeine Gemahlin zu Lebzeiten ihres Oheims von dieſem zum Geſchenke erhalten hatte. — Jutta Vogler hatte auch den Haß ihres Vaters gegen die Juden geerbt, den dieſe bald empfinden ſollten.
Unter den vielen Liebhabern, welche neben dem Fürſt=Biſchof den Reizen der ſchönen Jutta huldigten, befand ſich auch ein Graf Philipp von Rineck. Dieſer hatte eine ſträfliche Leidenſchaft zu der Tochter des Juden Jakob Schernau, „Lilie“ hieß ſie, gefaßt. Als er zurückgewieſen wurde, klagte er der Jungfer Voglerin, die nicht eiferſüchtig war, ſein Leid.
Um dieſe Zeit wurde auf dem ſogenannten Eiffeld, unweit vom Rothof, ein todtes Knäblein gefunden. Die Voglerin gab ihrem Liebhaber den 266Rath, dem Juden Schernau und ſeine Hausgenoſſen, die in der Nähe wohnten, des Mordes anzuklagen, und ſich bei dieſer Gelegenheit der von ihm begehrten Jungfrau zu bemächtigen.
Jakob Schernau, ſeine Frau, ſeine Tochter und ſeine zwei verwittweten kinderloſen Schweſtern, die bei ihm wohnten, wurden verhaftet, und unter die Anklage des Mordes geſtellt. Schrecken und Angſt ergriff die zahlreichen jüdiſchen Bewohner von Würzburg. Sie Alle waren gefährdet, wenn unter den Qualen der Tortur die Gefangenen ein Verbrechen eingeſtehen würden, das ſie nie begangen, und Mitſchuldige nennen würden, die ſie nie gehabt hatten. Ein ſofort abgeſandter Eilbote rief Rabbi Joſelmann von Rosheim herbei, welcher in Begleitung ſeines Freundes Rabbi Selkelin aus Frankfurt am Sonntag, den dritten Tag des Monats Schebat des Jahres 5304 (1544), in Würzburg eintraf.
II. Theil · Kapitel 44 · S. 266–271
XLIV.
Jn düſterem Kerker ſaß die ſchöne Lilie als ſich die Pforten öffneten, und Graf Philipp von Rineck zu ihr hereintrat.
„Schöne Lilie“, ſagte der Graf, „ich habe die Macht, Dir die Kerkerpforten zu öffnen, und nicht allein Dich, ſondern auch Deine Eltern und Deine Tanten zu befreien. Willſt Du mir nach Schloß Rineck folgen, ſo werde ich ſofort einen Befehl vom Fürſtbiſchofe erwirken, daß der Prozeß niedergeſchlagen werde, und daß ihr, Du und die Deinen, die Freiheit erlanget.“
„Gnädiger Herr Graf“, ſagte Lilie, „wenn es Euch möglich iſt, fünf unſchuldige Menſchen aus unverſchuldeter Kerkerhaft zu befreien, ſo iſt es 267Eure Pflicht als Menſch, als Cavalier und als geiſtlicher Herr für die Rettung der Unſchuldigen einzutreten. Niemals aber werde ich meine Ehre preisgeben, niemals werde ich durch eine Sünde mir und den Meinigen die Freiheit erkaufen.““
„„Es handelt ſich nicht bloß um Eure Freiheit, es handelt ſich um Euer Leben. Ihr Alle werdet auf die Folter geſpannt werden, und unter den Qualen der Tortur werdet ihr geſtehen, was man von Euch verlangt; dann werdet Ihr zum Scheiterhaufen verurtheilt und verbrannt werden.““
„Und dieſe erſchrecklichen Mordthaten wollt Ihr, Herr Graf, auf Euer Gewiſſen laden? und Ihr verlangt, daß ich ſolch' einem verworfenen Mörder in Liebe angehören ſoll? Lieber will ich unter den entſetzlichſten Qualen mein Leben hingeben, als daß ich es rette durch ſündhaftes Thun. Beſſer iſt es in Unſchuld zu ſterben, Gottes Namen zu heiligen, und einzugehen in die ewige Seligkeit als das bischen Leben zu erkaufen durch Sünde und Schande auf Erden, und durch ewiges Verderben droben im Himmel.“
So ſprach die gottbegeiſterte Jungfrau. Lange noch beläſtigte ſie der Graf mit Bitten und Flehen und mit harten Drohungen. Lilie blieb bei ihrem heldenhaften Entſchluſſe. Endlich ging der Graf und begab ſich in die Kerkerzellen des Vaters, der Mutter und den beiden Tanten des von ihm begehrten Mädchens. Bei Allen fand er die gleiche Geſinnung, denſelben Entſchluß.
Das Juſtizverfahren — wenn man die Peinigung der unſchuldigen Juden ſo nennen kann — nahm ſeinen Verlauf. Die Gefangenen wurden verhört, und als ſie die ihnen zur Laſt gelegte That leugneten, auf die Folter geſpannt. Aber Gott verlieh ihnen die Kraft, die furchtbaren Qualen der Tortur zu ertragen. Trotz der peinlichen 268Inquiſition, trotz der ſchlau geſtellten Fragen, trotz des irreführenden Kreuzverhörs blieben die armen Gequälten bei der Betheuerung ihrer Unſchuld. Rabbi Joſelmann iſt in ſeinem Tagebuch voller Bewunderung für den Heldenmuth dieſer fünf Perſonen; namentlich rühmte er die Jungfrau, die mit übermenſchlicher Geduld und Ausdauer die entſetzlichen Qualen ertrug. Auf dieſe Vorgänge bezieht ſich auch der Auszug aus einem ungedruckten Werke Rabbi Joſelmanns, welcher in dem Buche Joſeph Omez mitgetheilt wird. Dieſer Auszug lautet: Wenn Jemand in Gefahr kömmt, die Qualen der Tortur zu ertragen, die ſchrecklicher ſind als der Tod, ſo ſoll er ſich nur vornehmen, den großen Namen Gottes zu heiligen, und Gott wird ihm die Kraft verleihen, die Schmerzen zu ertragen. So habe ich auch erlebt, daß eine Jungfrau, welche ein Wüſtling vergebens zu Sünde zwingen wollte, und ſie deßhalb mißhandeln ließ, ſie und noch drei Frauen und einen Mann, daß ſie ſämmtlich all dieſe furchtbaren Schmerzen mit übermenſchlicher Ausdauer ertrugen, ohne daß ſie zu einem falſchen Geſtändniſſe gezwungen werden konnten1Im Joſeph Omez § 482 iſt irrthümlich die Jahreszahl פ"ד angegeben; es iſt dies ein Druckfehler; es muß ר"ד heißen..
Rabbi Joſelmann und ſein Freund, Rabbi Selkelin aus Frankfurt am Main, bemühten ſich unterdeß aufs Aeußerſte, die Freilaſſung der Eingekerkerten zu erwirken. Einen vollen Monat brachten ſie zu dieſem Zwecke in Würzburg zu. Sie beſuchten Jeden, den ſie für einflußreich hielten, verſuchten es mit Bitten, Flehen, Drohungen, Geſchenken und allen Mitteln, die ihnen zu Gebote ſtanden. Endlich ſagte man ihnen, daß Alles nichts helfen könne, wenn es nicht gelingen würde, die 269Jungfer Voglerin, die Freundin des Fürſtbiſchofs, für die Angelegenheit zu gewinnen. Rabbi Joſelmann verſah ſich mit reichen Geſchenken, mit koſtbaren Schmuckgegenſtänden und ließ ſich bei der mächtigen Favoritin melden.
Sie ſaß, ſchön geſchmückt, auf einem köſtlichen Divan, als Rabbi Joſelmann und Rabbi Selkelin bei ihr eintraten.
„Seid Ihr der Befehlshaber der Juden Joſelin von Rosheim?“ fragte die Dame.
Rabbi Joſelmann verneigte ſich.
„Ich freue mich wirklich, Euch zu ſehen, denn ich bin Euch zu großem Danke verpflichtet. Wiſſet, ich bin die Tochter Georg Voglers, des ehemaligen Kanzlers des Markgrafen Georg von Brandenburg=Culmbach. Mein Vater war der Regent jenes Landes und genoß das Vertrauen ſeines Fürſten. Grafen und Ritter huldigten ihm, und mir ſtand eine glänzende Zukunft in Ausſicht. Ich war damals noch ein Kind, aber ſchon warben die angeſehenſten Männer für ihre Söhne um die Hand der einzigen Tochter des mächtigen Kanzlers. Da kamet Ihr ins Land, vor eilf Jahren, im Jahre 33, und durch Eure Intriguen wurde mein Vater geſtürzt und in den Thurm bei Alten=Muhr geworfen. Meine arme Mutter koſtete es das Leben. Sie kränkelte ſeit jener Zeit und ſtarb bald nachdem mein Vater wieder freigelaſſen wurde. Jn Windsheim, wohin mein Vater ziehen mußte, hat er eine zweite Ehe geſchloſſen, und mir blieb kein Raum in dem entfremdeten Vaterhauſe. Auch warb Niemand um des abgeſetzten Kanzlers Tochter, und ſo bin ich geworden, was ich bin, durch Eure Schuld. Seht, Joſelin, wie viel ich Euch verdanke. Durch Euch habe ich meine Mutter verloren und die Liebe meines Vaters und mein ganzes Lebensglück. Nun ſagt mir, womit ich Euch dienen kann.“
270„„Jungfer Voglerin, nicht ich habe Euren Vater geſtürzt, ſondern ſeine eigene Schuld. Als es ſich um die Hinrichtung der Juden in Schleſien handelte, war ich zuerſt bei ihm, und bat und flehte vergebens um die Freilaſſung derſelben. Euer Vater war hart wie Stein und verweigerte jede Vermittelung. Ich aber, als Befehlshaber der Juden, war verpflichtet, meine Glaubensverwandten vom ſchmählichen Tode zu retten, und für dieſen Zweck alle Hebel in Bewegung zu ſetzen. Euer Vater unterlag in dieſem Kampfe. War es meine Schuld? Ihm war das Leben von 200 unſchuldigen Menſchen gleich nichts geachtet. Er wollte ſie tödten laſſen, um mit deren confiscirtem Vermögen die markgräflichen Kaſſen zu füllen. Iſt das gerecht, iſt das menſchlich? Nicht ich, Gott hat ihn dafür geſtraft und noch härter als das Jahr im Thurme zu Alten=Muhr trifft ihn wohl das Geſchick, daß ſeine Tochter, die Tochter eines der erſten Vorkämpfer der Reformation, die Freundin des Biſchofs von Würzburg iſt worden. Jungfer Voglerin, wer weiß, was Euch noch bevorſteht. Laſſet ab von dem Gedanken der Rache und ſeid meinen unſchuldigen, eingekerkerten Glaubensgenoſſen eine gnädige Fürſprecherin bei Seiner fürſtlichen Gnaden. Wollt Ihr Euch nicht die Schmuckſachen ein wenig anſehen, die ich mir erlaubt habe, für Euch mitzubringen?““
„Nein, ich will ſie nicht ſehen; ich will keine Geſchenke von Euch. Die Juden ſollen verbrannt werden, ſchon deßhalb, weil es Euch Kummer bereiten wird.“
Sie ſtand auf und verließ das Gemach.
Rabbi Joſelmann ſah nun wohl ein, daß in Würzburg nichts für ſeine eingekerkerten Glaubensgenoſſen zu erreichen ſei. Glücklicherweiſe war Kaiſer Karl von ſeinem Feldzuge gegen Algier 271zurückgekehrt, hatte den mit Frankreich verbündeten Herzog von Cleve geſchlagen und ein Bündniß mit dem Könige Heinrich VIII. von England zur Bekriegung von Frankreich geſchloſſen. Jetzt war ein Reichstag nach Speyer ausgeſchrieben, auf welchem ſich der Kaiſer die Beihilfe der deutſchen Fürſten für den franzöſiſchen Feldzug ſichern wollte. Am 30. Januar 1544 war der Kaiſer in Speyer eingeritten, und hatte in dem Schloſſe des Domherrn Simon von Liebenſtein Quartier genommen.
Der Kaiſer verlangte nicht directen Beiſtand gegen Frankreich; er forderte vielmehr zum Kriege gegen die Türken auf. Da aber bekanntlich der König von Frankreich mit den Türken in enger Verbindnung ſtehe, ſo ſei es nothwendig, zunächſt Frankreich zu bekämpfen. Die Stände gingen auch freiwillig auf den Vorſchlag des Kaiſers ein und bewilligten 24000 Mann zu Fuß und 4000 Mann zu Pferd für die Zeit von acht Monaten.
Als Rabbi Joſelmann in Speyer ankam, beſtand die Hauptſchwierigkeit darin, beim Kaiſer vorgelaſſen zu werden. Wir haben es ſchon bei früheren Gelegenheiten erfahren, wie ſehr Carl ſtets in Anſpruch genommen war, und nun gar auf dieſem Reichstage, auf welchem ausnahmsweiſe die ſieben Kurfürſten des Reichs ſämmtlich perſönlich erſchienen waren, und da es als eine ausgemachte Sache galt, daß dieſer Reichstag den letzten Verſuch zur friedlichen Beilegung der Religionsſtreitigkeiten bilden würde.
II. Theil · Kapitel 45 · S. 271–278
XLV.
Als Rabbi Joſelmann in Speyer einritt, war Alles damit beſchäftigt, ſich zu einer bevorſtehenden großen Feier vorzubereiten. Es war dieſes 272die Belehnung des Fürſten Wolfgang von Milchtingen mit dem Deutſchmeiſterthum, nachdem der bisherige Adminiſtrator des Deutſch=Ordens Walther von Croneberg mit Tod abgegangen war.
Es geſchah dieſes unterm freien Himmel, vor dem Rathhauſe zu Speyer.
Zu dieſem Zwecke war einige Tage zuvor, von einem ehrbaren Rathe allda ein herrlicher, großer Kaiſerſtuhl auf einer Eſtrade, zu welchem einige Stufen hinaufführten, auf dem Platze vor dem Münſter gegen Mittag aufgeſchlagen und mit Gold, Sammet und Seide gedeckt worden. Mittels eines beſonders aufgerichteten Ganges aus dem Rathhauſe hatte man die Eſtrade des Kaiſerſtuhls mit dieſem öffentlichen Gebäude in unmittelbare Verbindung geſetzt, ſo daß der Kaiſer vom Rathhauſe aus, über dieſen Gang oder Brücke unmittelbar zum Kaiſerſtuhle, ohne die Straße zu berühren, gelangen konnte.
Aus ſeiner Herberge hatte ſich der Kaiſer, wie aus den Aufſchreibungen aus damaliger Zeit zu entnehmen iſt, mit ſeinem Hofſtaate auf das Rathhaus, wo die anweſenden Kurfürſten, Fürſten, Grafen, Edelleute und übrigen Stände ſchon verſammelt waren, begeben, dort wurden demſelben in einem beſonderen Gemache der kaiſerliche Ornat, ſowie die dazu gehörigen Inſignien und Zierden angelegt, ſo wie auch die vier Kurfürſten Trier, Pfalz, Sachſen und Brandenburg mit dem feierlichen Ornate eines Kurfürſten, d. i. dem rothſammtnen mit weißem Hermelin verbrämten Kurmantel und mit dem Kurhute ſich bekleidet hatten; ſo begleiteten ſie den Kaiſer über die erwähnte Brücke zum Kaiſerſtuhl; die weltlichen Kurfürſten hatten die Inſignien ihres Reicherzamtes getragen, welchen die Würdenträger der Reichs=Erbunterämter Seldeneck, Pappenheim und Zollern aſſeſtirt hatten.
273Alsbald, nachdem der Kaiſer, auf ſeinem erhabenen Stuhle und um ihn die Kurfürſten des Reichs auf ihren Seſſeln ſich niedergelaſſen hatten, wurde von den kaiſerlichen Trompetern aufgeblaſen und das Zeichen zum Beginne der Belehnungs=Feierlichkeit gegeben. Darauf hatte der Adminiſtrator des Deutſchmeiſterthums, welcher ſich auf dem Platze vor dem deutſchen Hauſe mit einem Gefolge von 300 gerüſteten Reitern aufgeſtellt hatte, eine Abtheilung hievon zu 100 Reitern unter Anführung des Comthurs Walter von Heuſenſtamm mit noch vier Deutſch=Ordens=Comthuren, nämlich den Gebrüdern Kuno und Chriſtoph Heinrich, Grafen von Leiningen, Ludwig Graf zu Königſtein und Hans Jakob von Königseck abgeſendet, um das Lehen zu erwerben und den Kaiſerſtuhl wie gebräuchlich zu berennen. Dieſer erſchien nun ſelbſt mit den oben erwähnten vier Commenthuren und mit vielen Herren vom Adel vor dem Kaiſerſtuhl, ſaß ab mit den übrigen Herrn von ihren Roſſen, betraten zuſammen die Stufen der Eſtrade, fielen ſämmtlich nieder auf ihre Knie, dann erhoben ſie ſich in aller Demuth, ſtiegen unmittelbar vor den Stuhl, in welchem des Kaiſers Majeſtät ſaß, knieten wieder nieder, worauf der obengenannte Commenthur zu Sr. Kaiſerlichen Majeſtät zu ſprechen anfing:
Nachdem der allmächtige Gott, Herrn Walther von Croneberg, Adminiſtrator des Deutſch=Ordens, aus dieſem Leben berufen und der hochwürdigſte Fürſt Wolfgang von Milchtingen zu dieſer Würde, welche ein Lehen des heiligen römiſchen deutſchen Reichs ſei, erwählt worden, ſo hätten Ihre Fürſtliche Gnaden ihn beauftragt, Kaiſerliche Majeſtät allerunterthänigſt zu bitten, gedachtem Adminiſtrator des Deutſch=Ordens von Deutſch= und Welſchland dieſe Würde zu Lehen allergnädigſt aufzu274tragen, worauf der Kaiſer, nachdem der Vicekanzler von Naves vorgerufen worden und Kaiſerliche Majeſtät einige Worte mit demſelben geſprochen hatten, dem Abgeſandten durch dieſen eröffnen ließ: Römiſche Kaiſerliche Majeſtät wären in gnädigſtem Willen geneigt, ihren Herrn gedachten Adminiſtrator des hohen Deutſch=Ordens mit allen ſeinen Landen und Leuten, Rechten und Gerechtigkeiten zu belehnen, worauf der abgeſandte Commenthur mit ſeiner Begleitung ehrerbietigſt knieend dankte und ſeinen Herrn zur Lehens=Empfängniß perſönlich zu ſtellen ſich empfahl; bevor ſie nun ihrem Herrn dieſe Botſchaft brachten, ward der Kaiſerſtuhl, wie üblich, dreimal berennt.
Nach dreimaligem Rennen kehrten ſie in vollem Trabe zum Adminiſtrator zurück, der ſich ſodann mit ſeinem ganzen Gefolge zu Pferde in ſchönſter Ordnung in Bewegung ſetzte, und unter Vortragung von drei Fahnen, nämlich des Deutſch=Meiſters in Preußen und des Meiſterthums in deutſchen Landen, ſo wie der rothen Blutfahne vor dem Kaiſerſtuhle rannte. Mit einem weißſeidenen Waffenrocke, mit dem ſchwarzen Deutſch=Ordens=Kreuze auf der Bruſt wie auf dem Rücken geziert und ſchwarzem Barete auf dem Haupte trat Fürſt Wolfgang mit ſeinem Gefolge ebenſo in weißſeidenen Röcken gekleidet zum Kaiſer heran, kniete nieder und bat nun perſönlich um die bewilligte Belehnung; auf die hierauf wiederholte kaiſerliche Bewilligung legte der Deutſch=Ordens=Adminiſtrator mit aufgehobener Hand, und indem er die andere auf das ihm dargereichte Evangelienbuch legte, den Lehenseid ab, und erhielt dann vom Kaiſer das vom Kurfürſten von Sachſen dieſem übergebene Reichsſchwert dargereicht, ſchließlich folgte die Ueberreichung der drei Fahnen und zwar der rothen Blutfahne, welche Eberhard von Echingen, Land=275Commenthur der Ballai=Franken, dann der Preußen=Fahne vom Hochmeiſterthume Preußen ſo genannt, weißſeidenen Stoffes, darin inmitten derſelben ein ſchwarzes Kreuz und inmitten deſſelben ein ſchwarzer Adler, ſo wie in den vier Ecken je eine goldene Lilie, welche Hans Werner von Reiſach, Land=Commenthur der Ballai=Elſaß, trug, und der dritten Fahne, welche Balthaſar Graf zu Naſſau, Herr zu Wiesbaden, Commenthur von Oettingen trug — womit der feierliche Akt der Belehnung geſchloſſen war.
Der nun inveſtirte Fürſt erſtattete Sr. Kaiſerlichen Majeſtät den ſchuldigen Dank und trat ſeinen Rückzug mit dem ganzen Gefolge den Markt hinauf, dann eine andere Gaſſe wieder herab, zu ſeiner Herberge an; die erwähnten drei Fahnen waren aber nach der Belehnung wie gebräuchlich über den Kaiſerſtuhl herab unter das Volk geworfen und von demſelben, das ſich um dieſelben riß, in Stücke zeriſſen worden.
Auch Rabbi Joſelmann hatte den Feſtlichkeiten zugeſchaut. Er war auf der kaiſerliche Kanzlei geweſen, hatte ſich dort zur Audienz gemeldet und war auch vorgemerkt worden. Aber Wochen und Monate konnten darauf hingehen, bis er vor dem Kaiſer erſcheinen durfte. Unterdeß würden die Eingekerkerten in Würzburg wohl längſt ihren Peinigern zum Opfer gefallen ſein. Trotz der größten Anſtrengungen, trotz der großen Geſchenke, die er den Beamten der kaiſerlichen Kanzlei machte, hatten dieſe ihm nur geringe Hoffnung auf die Beſchleunigung der Audienz geben können.
Voll trauriger Gedanken, die durch den Jubel der Feſtlichkeiten nur noch verdüſtert worden waren, ſchritt Rabbi Joſelmann der Wohnung zu, die er für ſich und ſeinen Begleiter in Speyer gemiethet 276hatte. Da wurde er von einem vornehmen Cavalier angeredet.
„Grüß Gott, Joſelin“, ſagte der fremde Herr, „erinnert Ihr Euch wohl noch meiner?“
Rabbi Joſelmann ſchaute den fremden Herrn aufmerkſam an.
„Ah,“ ſagte er, ſich erinnernd, „Ihr ſeid der gnädigſte Herr Graf von Egmont, dem ich meine Befreiung aus dem Kerker der Inquiſition zu Brüſſel verdanke. Segne Euch Gott dafür, gnädigſter Herr! ich habe gehört, daß Ihr ein glücklicher Bräutigam ſeid und daß Eure Vermählung mit der gnädigſten Prinzeſſin Sabine von Pfalz=Sponheim hier in Speyer gefeiert werden ſoll. Möge der allgütige Gott Euren Ehebund ſegnen.“
„„Ich danke Euch, Joſelin, für Euren Segenswunſch. Kann ich Euch vielleicht hier in irgend einer Angelegenheit dienen?““
„Ich würde mich glücklich ſchätzen, gnädigſter Herr, wenn Ihr mir eine baldige Audienz bei Seiner Kaiſerlich Römiſchen Majeſtät verſchaffen könntet. Es hängt das Leben von fünf unſchuldigen Menſchen davon ab.“
„„Ich bin mit Granvella befreundet und werde ſehen, was ſich thun läßt. Es ſollte mich freuen, wenn ich Euch gefällig ſein könnte. Lebt wohl, Herr Befehlshaber.““
Rabbi Joſelmann verneigte ſich vor dem Grafen, der ſich ſofort in den Domherrnhof des Herrn von Liebenſtein begab, allwo der Kaiſer Quartier genommen hatte. Rabbi Joſelmann aber ging zu dem kunſtfertigſten Goldſchmied der Stadt und kaufte zwei prachtvolle goldene, mit Diamanten beſetzte Armbänder, die er in das Quartier des Grafen Egmont ſenden ließ, mit der Bitte, daß der Graf ſie ſeiner fürſtlichen Braut überreiche.
277Graf Egmont war bei dem Kanzler nicht vorgelaſſen worden, und er hätte ſicher die Angelegenheit Joſelins vergeſſen, wenn ihn nicht bei ſeiner Nachhauſekunft das fürſtliche Geſchenk des jüdiſchen Befehlshabers aufs Neue daran erinnert hätte.
„Der Jude iſt doch dankbar“, ſagte er ſich, „ich werde trotz der erfahrenen Abweiſung nicht ruhen, bis ich ihm die gewünſchte Audienz verſchafft habe.“
Die fortgeſetzten Bemühungen des Grafen waren endlich von Erfolg, und wenige Tage nachher, es war am 3. April, durfte Rabbi Joſelmann vor dem Kaiſer erſcheinen.
„„Majeſtät““, ſagte der jüdiſche Befehlshaber, nachdem ihn der Kaiſer um ſein Anliegen befragt hatte, „„trotz Eurer Majeſtät gnädlichen Freiheitsbriefe und Privilegien von Augsburg und Regensburg bedroht und verfolgt man meine Glaubensgenoſſen auf das Schrecklichſte.““
„Ich habe davon gehört“, ſagte der Kaiſer. „Man hat mir erzählt, wie Du Deinen Glaubensgenoſſen im Pappenheimiſchen und in Böhmen ein Retter und Beſchützer geworden biſt, während ich in Algier war.“
„„Und nun werden meine Glaubens=Verwandten im Würzburg'ſchen bedroht auf Grund eines albernen, abſcheulichen Mährchens. Ich habe die Ehre gehabt, Eurer Majeſtät vor 14 Jahren eine Reihe von Documenten, ausgeſtellt von Kaiſern und Päbſten, vorzulegen, in welchen die ſchändliche Behauptung, daß die Juden Chriſtenkinder ſtehlen, um ihr Blut zu gebrauchen, als das, was es iſt, als eine abſcheuliche Lüge, dargeſtellt wird. Jm Jahre 1510 wurden in Berlin 38 Perſonen auf dieſe falſche Anſchuldigung hin verbrannt. Erſt vor wenigen Jahren hat ſich die völlige Schuldloſigkeit der armen Gemordeten herausgeſtellt. 278Euer Majeſtät können darob bei Seiner Kurfürſtlichen Gnaden von Brandenburg, der hier am Reichstage anweſend iſt, Nachfrage halten laſſen. Ich flehe Eure Majeſtät an, mir einen kaiſerlichen Brief anfertigen zu laſſen, in welchem geſagt wird, daß eine ſolche Beſchuldigung, allwo immer ſie ausgeſprochen wird, eine ausgedachte Lüge iſt, und daß die in Folge einer ſolchen Beſchuldigung Verhafteten in Freiheit zu ſetzen ſeien.“
Der Kaiſer gewährte gnädiglich den Wunſch Rabbi Joſelmanns, und unterſiegelte noch an demſelben Tage das gewünſchte Kaiſerliche Edict1Vergleiche Graetz, Geſchichte der Juden, Band IX, Seite 333; Wolf, Aktenſtück in Maskir I, Seite 131..
Mit einer beglaubigten Abſchrift dieſes kaiſerlichen Edicts eilte Rabbi Joſelmann nach Würzburg, wo alsbald die Gefangenen in Freiheit geſetzt wurden.
II. Theil · Kapitel 46 · S. 278–284
XLVI.
Nachdem Rabbi Joſelmann das Werk der Befreiung in Würzburg vollbracht hatte, wollte er ſich in die Heimath zu den Seinen zurückbegeben. Da erſchien ein Eilbote des Kaiſers, welcher ihn aufforderte, ſich wiederum ſchleunigſt nach Speyer zu begeben, um vor dem Kaiſer zu erſcheinen. Rabbi Joſelmann erſchrak ſehr. Was konnte der Kaiſer von ihm wollen? War eine neue Calamität gegen die Juden aufgetaucht, und begehrte der Kaiſer ſeine Vertheidigung? Rabbi Joſelmann beeilte ſich, den Befehl des Kaiſers zu erfüllen und reiſte ſofort nach Speyer ab. Diesmal brauchte er nicht auf Audienz zu warten, der Kaiſer harrte ſeiner mit Ungeduld, und kaum hatte ſich Rabbi 279Joſelmann auf der Kanzlei gemeldet, als ihm Befehl ertheilt wurde, gleich da zu bleiben, weil der Kaiſer ihn unverzüglich zu ſprechen wünſche. Es verging kaum eine halbe Stunde, und Rabbi Joſelmann wurde in das Gemach des Kaiſers geführt.
„Mein lieber Joſelin“, redete Carl den Eintretenden an, „ich habe Dich rufen laſſen. Bisher hatteſt Du immer eine Bitte an mich. Diesmal habe ich, der Kaiſer, Dir, dem Juden, eine Bitte vorzutragen. Siehe, ich werde jetzt den Erbfeind der Chriſtenheit, den Großtürken bekriegen, indem ich gegen den König von Frankreich zu Felde ziehe. Frankreich hatte die Türken angereizt und unterſtützt, und ſchon haben dieſe Ungarn erobert. Die Stände haben mir in der That ihre Unterſtützung zugeſagt. Jetzt verlange ich auch eine ſolche von Dir und Deinen Glaubensgenoſſen. Nicht wünſche ich, daß Ihr Juden mit uns zu Felde gegen Frankreich zieht, wohl aber, daß Ihr mir eine Beihilfe in baarem Gelde leiſtet.“
„„„Majeſtät““, entgegnete Rabbi Joſelmann, „„wir armen Juden ſind gerne bereit für unſeren geliebten Monarchen und für unſer theures Vaterland Alles zu thun, was in unſern ſchwachen Kräften ſteht. Allein wir ſind arm. Man hat uns aus den großen Städten vertrieben. Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Ulm und all die andern großen Städte in Deutſchland, mit Ausnahme von Frankfurt und Worms, ſind uns verſchloſſen. Meine Brüder ſind gezwungen, in den Dörfern und kleinen Städten zu wohnen und ſich vom Kleinhandel zu ernähren. Auch das Zinsgeſchäft iſt ihnen durch die von mir mit Zuſtimmung Eurer Majeſtät und der Stände des Reiches erlaſſenen Geſetze ſehr erſchwert werden. Dabei müſſen ſie die ſchwere Steuern und Abgaben dreifach leiſten:
280erſtens für den Ort, in dem ſie wohnen, zweitens für den Landesherrn und drittens für die kaiſerliche Kammer; außerdem müſſen ſie noch Gelder aufbringen für die allgemeine Judiſchheit, um die großen Koſten zu beſtreiten, die ſtets aus der Abwehr gegen die tagtäglich geplanten Verfolgungen erwachſen. Auch zu der Kriegsſteuer, welche die Stände des Reichs Eurer Majeſtät zu leiſten verſprochen haben, müſſen die Juden das ihrige beitragen, ja mehr als die andern Unterthanen Eurer Majeſtät. Und nun verlangt mein gnädigſter Kaiſer und Herr von uns noch eine Extraſteuer?““
Der Kaiſer lachte.
„Joſelin“, ſagte er, „Du biſt ein vortrefflicher Fürſprecher Deiner Glaubensgenoſſen. Aber diesmal gebe ich Dich nicht frei, ich brauche das Geld zu nöthig. Dafür verſpreche ich Dir, daß, wenn ich glücklich und ſiegreich aus dieſem Kriege heimkehre, ich für Deine Glaubensgenoſſen Schutzbriefe und Privilegien erlaſſen will, wie ſie vor mir noch kein Kaiſer gegeben hat.“
„„„Habet Dank, Majeſtät, für dieſes gnädige Verſprechen. Ich und meine Glaubensgenoſſen, wir werden in unſern Synagogen täglich zu Gott bitten, daß Er Eure Majeſtät wohlbehalten und ſiegreich aus dieſem Kriege zurückkehren laſſe, daß Er Eurer Majeſtät Seine allmächtige Hilfe angedeihen laſſe, daß Er meinen kaiſerlichen Herrn errette vom mörderiſchen Schwerte und daß die Feinde vor Euer Majeſtät fliehen, von Schrecken und Verwirrung erfaßt. Der Gott Israels möge ſein an Eurer Majeſtät Seite und Euch gnädiglich beſchirmen, ſo daß wenn auch Tauſend fallen zu Eurer Linken und Zehntauſend zu Eurer Rechten, Eurer Majeſtät kein Unheil nahe. Seine 281Engel möge Er entbieten, Eure Majeſtät auf allen Wegen zu beſchützen.““
„Mein lieber Joſelin“, ſagte der Kaiſer lächelnd, „Deine Worte lauten ſehr ſchön. Sie würden aber noch beſſer klingen, wenn Du mir thatſächliche Hilfe in Ausſicht ſtelltet.“
„„„Fern ſei es von mir“““, entgegnete Joſelin, „„„dieſe Hilfe meinem gnädigſten Kaiſer zu verweigern; nur bitte ich unterthänigſt, daß Eure Majeſtät die Erwartungen nicht zu hoch ſpannen und mildiglich mit uns Armen verfahre.“““
„Ich erwarte, daß Ihr als beſondere Kriegskoſten 30,000 Goldgulden an die kaiſerliche Kaſſe abliefert, und zwar nach Ablauf eines Monats.“
„„„Majeſtät, wie iſt es uns armen Juden möglich, eine ſo große Summe aufzubringen? Ich bin über den Vermögensſtand der deutſchen Juden genau unterrichtet. Eine ſolche Summe, von ihnen erpreßt, würde ſie alle zu Bettlern machen und ſie der geringen Mittel berauben, mit denen ſie ihren Lebensunterhalt erwerben. Die Auflage einer ſolchen Kriegsſteuer würde mit einer Austreibung der Juden aus Deutſchland gleichbedeutend ſein. Und das wird doch unſer gnädiger Landesvater nicht wollen!“““
„Mit Dir iſt nichts anzufangen, Joſelin. So ſage mir kurz, was Du mir verſprechen kannſt, und was Du innerhalb eines Monats einliefern wirſt.“
„3000 Goldgulden, Majeſtät, ſind das Höchſte, was meine Brüder aufzubringen im Stande ſein werden.““
„Du bieteſt mir gar zu ſchimpflich, Joſelin den zehnten Theil meiner Forderung!“
„„„Geſtatten mir, Eure Majeſtät, noch 400 Kronen hinzuzufügen für den beſonderen Bedarf von Eurer Majeſtät Küche und Keller während des Kriegszugs.“““
282„Das iſt nichts, Joſelin. Du mußt noch Anderes hinzufügen.“
„„„So hoffe ich denn zu Gott, daß es mir gelingen wird, noch ein Geſchenk von 1000 Silbergulden für Euer Majeſtät Privatgebrauch aufzubringen.“““
„So beeile Dich, das Geld in Unſere Kaſſe abzuliefern.“
Rabbi Joſelmann begab ſich ſofort auf den Weg, um das verſprochene Geld herbeizuſchaffen. Nach unſeren Begriffen werden dieſe Summen kleinlich und unbedeutend erſcheinen. Wenn man aber bedenkt, daß auf demſelben Reichstage zu Speyer die Unterhaltungskoſten für einen Soldaten zu Fuß auf die Dauer von ſechs Monaten mit vier Silbergulden in Anſchlag gebracht wurden, und daß heutzutage, für denſelben Unterhalt und für dieſelbe Zeitdauer 125 Thlr. berechnet werden und nicht ausreichen, ſo wird man finden, daß der Werth des Geldes zu damaliger Zeit im Vergleich mit heute ein fünfundfünfzigfacher war, daß alſo die von Rabbi Joſelmann verſprochene Summe von circa 32000 Silbergulden nach dem heutigen Werthe des Geldes ungefähr 3,000,000 Mark betragen würde — immerhin eine erkleckliche außergewöhnliche Kriegs=Contribution.
Rabbi Joſelmann begab ſich nach Frankfurt am Main, von wo aus er eine Vermögensſteuer von drei Viertel Procent ausſchrieb. Schon am 8. Mai, am Hochzeitstage des Grafen Egmont, traf er wieder in Speyer ein und lieferte das Geld an die kaiſerliche Kriegskaſſe ab.
Jm Juni 1544 rückte der Kaiſer mit einem ſtattlichen Heere, meiſt aus Deutſchen beſtehend, ins Feld. Carl hatte ein Bündniß mit dem Könige von England, Heinrich VIII., geſchloſſen, und auch dieſer rückte in Frankreich ein. Siegreich gewann 283der Kaiſer einen feſten Platz nach dem andern, und rückte bis in die Nähe von Paris vor. König Franz I. von Frankreich befürchtete, in der offenen Feldſchlacht gefangen zu werden, wie einſt in der Schlacht bei Pavia. Er beſchränkte ſich darauf, die feſten Plätze in der Nähe von Paris zu beſetzen und traf Vertheidigungsanſtalten in Paris ſelbſt. Auf dieſem Kriegszuge zerſtörte Kaiſer Karl die alte Feſte Vitry, wo viele Jahrhunderte zuvor der Sitz einer großen, berühmten, israelitiſchen Gemeinde geweſen war. Zur Zeit dieſes Krieges wohnten in Vitry keine Juden mehr; ſie waren längſt aus Frankreich ausgetrieben. Die Trümmer der von Kaiſer Karl V. zerſtörten Stadt ſieht man heute noch; man nennt ſie Vitry lo brule; die ſpäter in der Nähe des alten Vitry wieder aufgebaute Stadt wurde zu Ehren des Königs Franz Vitry le François genannt. — Angſt und Schrecken bemächtigte ſich der Pariſer, als das deutſche Heer in ihrer Nähe erſchien. König Franz fügte ſich daher bewogen, Friedens=Verhandlungen anzuknüpfen. So wurde denn am 14. September der Friede zu Crespy geſchloſſen, der für den Kaiſer ſehr vortheilhaft war und namentlich das Gelöbniß erzielte, daß der König von Frankreich den Großtürken nicht mehr unterſtützen wolle. Jn Deutſchland hatten ſich unterdeß wichtige Dinge ereignet. Der Kurfürſt und Erzbiſchof von Köln, Graf Hermann von Wied, wollte ſein Kurfürſtenthum reformiren und hatte zu dieſem Zwecke den Reformator Martin Butzer nach Cöln berufen, der auch unter Mitwirkung Melanchthons einen Reformationsentwurf ausarbeitete, den die weltlichen Stände des Curfürſtenthums genehmigten. Dagegen riefen das Domcapitel, die Univerſität und die Geiſtlichkeit von Köln den Schutz des Kaiſers an. Für das deutſche Reich war dieſe Angelegenheit 284von der größten Wichtigkeit, da mit dem Uebertritte des Kurfürſten von Köln die proteſtantiſchen Kurfürſten die Majorität erlangt hätten. — Der vom Capitel und Clerus bedrängte Curfürſt von Köln wandte ſich an den ſchmalkaldiſchen Bund, der gerade in Frankfurt am Main verſammelt war, um Hilfe. Die ſchmalkaldiſchen Verbündeten machten die Angelegenheit des Kurfürſten von Köln zu der ihrigen und hielten ſich bereit, im Falle ihr neuer Freund einen Angriff erleiden ſollte, demſelben auf das Schnellſte und Kräftigſte zur Hilfe zu eilen. Der Kaiſer war über die Einmiſchung des Bundes aufs Höchſte erbittert, und ein tiefer Grimm gegen die Häupter deſſelben wurzelte ſeit jener Zeit in ihm.
Um dieſe Streitigkeiten zu beſprechen und wo möglich beizulegen wurde ein Reichstag nach Worms berufen. Jn feindſeligſter Stimmung trafen daſelbſt die Fürſten und Stände oder deren Vertreter ein. Schon hatte ſich Aller die Ueberzeugung bemächtigt, daß der Krieg unvermeidlich ſein würde. Nur in einem Punkte waren ſie Alle einig, Katholiken und Proteſtanten, Schmalkaldner und Liguiſten, Weltliche und Geiſtliche — im Haſſe gegen die Juden. Hier auf dieſem Reichstage zu Worms wurde am 23. März 1545 der Antrag geſtellt und ernſtlich verhandelt, daß in der kürzeſten Friſt ſämmtliche Juden aus allen deutſchen Landen ausgetrieben werden ſollten. Daß Rabbi Joſelmann auch hier ein Vertheidiger und Beſchützer ſeiner Glaubensgenoſſen wurde, brauchen wir wohl nicht erſt zu ſagen.
II. Theil · Kapitel 47 · S. 284–290
XLVII.
Der Reichstag zu Worms war am 15. December 1544 eröffnet worden. Der Kaiſer war nicht 285ſelbſt erſchienen, ſondern hatte ſich durch ſeine Commiſſarien, Otto, Biſchof von Augsburg, und Landgraf Friederich von Fürſtenberg, vertreten laſſen.
Der Pabſt hatte unterdeß ein Concilium in Ausſicht geſtellt; aber die Stände der Augsburger Confeſſion wollten jetzt von einem ſolchen, wie es ſich auch geſtalten würde, nichts mehr wiſſen; ſie proteſtirten im Voraus gegen das nach Trident berufene Concilium. Darauf bemühte ſich der Kurfürſt Friederich von Pfalz, einen gütlichen Vergleich zu vermitteln. Die Deutſchen ſollten ſich unter ſich vergleichen, und das Reſultat nach Trident zur Berathung ſchicken. Die kaiſerlichen Commiſſarien und die Proteſtanten waren damit einverſtanden, allein die katholiſche Ständen verſagten dazu ihre Zuſtimmung. So verlief der Reichstag völlig reſultatlos in den Hauptſachen; nur Nebendinge wurden zum Austrage gebracht. Zu dieſen gehörte eine Regelung des Münzweſens. Daſſelbe lag damals in Deutſchland ſehr im Argen. Jeder einzelne Reichsſtand hatte das Recht, Münzen prägen zu laſſen. So geſchah es denn, daß vielfach die guten, vollwichtigen Münzen eingeſchmolzen und dafür ſchlechte, minderwerthe geprägt wurden. Zu derlei Manipulationen hatten ſich auch vielfach Juden mißbrauchen laſſen. Einzelne Juden hatten im Auftrage der Münzverſchlechterer die guten Geldſorten aus dem Verkehr gezogen, und ſchlechte, von geringem Feingehalt, in den Verkehr gebracht. Wie es nun ſo zu gehen pflegt, fiel das Odium ob dieſes ſchändlichen Treibens nicht auf die münzverderbenden Fürſten und Reichsſtände, ſondern auf die Juden. Der Fürſtbiſchof von Würzburg, Herr Melchior von Zobel, ſtellte den Antrag, daß der Reichstag beſchließe, daß die Juden alleſammt aus dem deutſchen Reiche ver286trieben werden ſollten. Von allen Seiten erhoben ſich die Stimmen ſowohl der katholiſchen als der proteſtantiſchen Reichsſtände gegen die Juden. Namentlich war es der Bürgermeiſter der freien Reichs=Stadt Eßlingen, welcher die Reichsſtände ganz beſonders gegen die Juden einnahm, indem er erzählte, wie in Eßlingen in der Synagoge Zank, Hader, Streit und Schlägereien unter den Juden an der Tagesordnung wären. Wie könne man, ſagte er, die Bekenner einer Religion achten, ehren und ſchützen, die ſich in dem eigenen Gotteshauſe zum Gebet und Gottesdienſte verſammeln und dabei ſich ſo weit vergeſſen, ſich einander zu beſchimpfe und zu ſchlagen. Der Bürgermeiſter legte dem Reichstage Urtheile vor, welche die Stadt Eßlingen ob ſolcher Schlägereien in der Synagoge erlaſſen hatte.
Wir beſitzen eine beglaubigte Abſchrift eines ſolchen Urtheils aus dem Archive zu Eßlingen. Darin wird erkannt, daß die Juden Lazarus, Abraham und Moſes, Vater und Söhne, ſowie die Juden Baruch und Schmuel, auch Vater und Sohn, derzeit in Eßlingen ſeßhaft, wegen Zänkereien in der Synagoge, eine jede Partei zu 10 Goldgulden Strafe verurtheilt werden. Daſſelbe iſt datirt vom 11. November 1540.
Leider müſſen wir conſtatiren, daß auch heute noch ſolche ſcandalöſe Vorgänge ſich hin und wieder ereignen. Wenn doch unſer Glaubensgenoſſen bedenken möchten, welch eine entſetzliche Entweihung des göttlichen Namens dadurch entſteht und wie ſehr ſich unſere Glaubensgenoſſen durch ſolche Dinge in den Augen der Nichtjuden herabſetzen! Auch auf dem Reichstage zu Worms machte die Erzählung derartiger Vorkommniſſe den ungünſtigſten Eindruck. Vergebens bemühte ſich diesmal Rabbi Joſelmann, ſeine Glaubensgenoſſen zu ver287theidigen. Es ſchien um die Juden in Deutſchland geſchehen zu ſein. Da trat Jemand für ſie auf, von dem man es am Wenigſten erwartet hätte.
Der Adminiſtrator des Hochmeiſterthums in Deutſchland und Welſchland, Fürſt Wolfgang, aus dem Geſchlechte der Schutzbarr, genannt Milchling, hatte dem Kaiſer im vergangenen Sommer, bei dem Zuge gegen Frankreich ſechs Monate lang mit hundert wohlgerüſteten Pferden ſammt allem Zubehör als Wagen und Anderem auf ſeine Koſten und mit eigener Perſon gedient. Dafür hatte ihm der Kaiſer ein goldenes Trinkgeſchirr, 5000 Gulden an Werth, zum Geſchenke gemacht. Fürſt Wolfgang ſtand im hohen Anſehen bei allen Fürſtſten und Ständen des Reiches. Als nun über die Judenfrage endgiltig beſchloſſen werden ſollte, erhob er ſich und ſprach:
„Meine gnädigen Herren und Standesgenoſſen! Nicht kann ich es billigen, daß Ihr die Juden aus Deutſchland vertreiben wollt. Unſer gnädigſter Herr und Kaiſer iſt nicht allein deutſcher, ſondern auch römiſcher Kaiſer. Er iſt das Haupt und der erſte Herrſcher der geſammten Chriſtenheit. Jn dem heiligen römiſchen Reiche deutſcher Nation müſſen die Juden geduldet werden zum ewigen Andenken an Den, der aus ihrer Mitte hervorgegangen iſt und den Ihr Alle als den Erlöſer verehrt. Päbſte, Concilien und Kaiſer haben das vielfach ſchon ausgeſprochen und beſtätigt. Eure fürſtliche Gnaden haben mit Unrecht auf Spanien, England, Frankreich und Neapel hingewieſen. Wenn alle jene Völker das Recht haben, die Juden auszuweiſen, ſo hat das römiſche Reich deutſcher Nation die Pflicht, ſie in ſeinen Landen zu erhalten. Daher bitte ich Euer fürſtliche Gnaden, von einem Beſchluſſe abzuſtehen, welchen unſer allergnädigſter Herr, unſeres unüber288windlichen Kaiſers Majeſtät, doch wird nicht beſtätigen können und beſtätigen dürfen.“
Dieſe Rede des Fürſten Wolfgang machte einen ſo gewaltigen Eindruck auf die Fürſten und Stände des Reichs, daß ſie davon abſtanden, einen allgemeinen Beſchluß in der Judenfrage zu faſſen und denſelben in den Reichstag=Abſchied aufzunehmen; nur ſollte es den einzelnen Ständen, in deren Gebieten ſich Juden ungebührlich betragen würden, freiſtehen, dieſelben auszutreiben. Jn der That geſchah dieſes in der freien Reichsſtadt Eßlingen, und Rabbi Joſelmann klagt in ſeinem Tagebuch namentlich darüber, daß die Genannten durch eigenes Verſchulden ſich ihr Unglück zugezogen hätten.
Am Tage nach der obenerwähnten Reichstagſitzung begab ſich Rabbi Joſelmann mit den Rabeinen und Vorſtehern der israelitiſchen Gemeinde zu Worms in das Haus des Dr. Wilhelm Weltner, der Prediger=Kirche gegenüber, woſelbſt Fürſt Wolfgang Quartier genommen hatte, und begehrten Einlaß bei dem Fürſten, der ihnen auch gewährt wurde.
„Gnädigſter Herr,“ redete Rabbi Joſelmann den Fürſten an, „wir kommen, um Eurer fürſtlichen Gnaden unſeren wärmſten Dank für Eure gnädige Fürſprache am Reichstage auszuſprechen. Eure fürſtliche Gnaden haben ein ſchweres Geſchick von uns armen Juden abgewendet. Und wenn auch ſeine kaiſerliche Majeſtät, unſer allergnädigſter Herr und liebreicher Beſchützer, einen derartigen Reichstag=Beſchluß niemals confirmirt hätte, ſo wäre uns ſehr viel Unheil und Nachtheil daraus erwachſen, und hätte ein derartiger Reichstagbeſchluß für alle kommende Zeiten unſern Feinden als Waffe gegen uns gedient. Geſtattet daher, gnädiger Herr, daß wir Euch als Zeichen 289unſerer Dankbarkeit dieſes Wehrgehänge überreichen.“
„„„Ich weiß nicht, was Ihr wollt,“““ entgegnete der Fürſt, „„„und kann auch Euer Geſchenk nicht annehmen. Ich ſoll geſtern am Reichstage für die Juden geſprochen haben? Es iſt dies mir ſchon zu meiner Verwunderung von anderer Seite berichtet worden. Ich war geſtern gar nicht bei der Verhandlung. Eine leichte Unpäßlichkeit feſſelte mich an das Haus, und der Dr. Weltner, mein Hauswirth, ſo wie meine Diener und andere Hausgenoſſen, können es mir bezeugen, daß ich am geſtrigen Tage, dieſe meine Wohnung nicht verlaſſen habe.“““
Bei dieſen Worten des Fürſten geriethen die Juden, und namentlich Rabbi Joſelmann, in nicht geringes Erſtaunen.
„Gnädigſter Herr,“ ſagte der Letztere, „verzeiht Eurem geringen Knecht, daß ich Euch widerſprechen muß. Ich ſelbſt war als Befehlshaber der Juden bei den Verhandlungen am Reichstage anweſend. Ich habe Euch dort geſehen und Eure Stimme gehört, wie Ihr in warmen Worten die Juden vertheidigt, und ſie dem Schutze des heiligen römiſchen Reiches empfohlen habt. Gnädigſter Herr, habt Ihr vielleicht einen Zwillingsbruder, der Euch ganz genau gleicht, und deſſen Stimme ſo klingt, wie die Eurige?“
„„„Das iſt doch ſonderbar,“““ ſagte der Fürſt. „„„Ich habe keinen Zwillingsbruder, und von meinen Brüdern iſt Niemand in Worms anweſend. Dieſer Sache muß nachgeforſcht werden. Sollte etwa ein Betrüger . . . . Doch das iſt nicht denkbar. Die Fürſten und Stände kennen mich ganz genau und würden einen Betrüger ſofort entlarvt haben.“““
290Inzwiſchen kam es über Rabbi Joſelmann wie eine Erleuchtung.
„Gnädigſter Herr,“ ſagte er, „und Ihr, lieben Brüder, wiſſet, es iſt ein großes Wunder, das uns der allmächtige Gott gethan. Er, der Allbarmherzige, hat den Propheten Elijahu geſendet, der die Geſtalt Seiner fürſtlichen Gnaden, des gerade von den Verhandlungen abweſenden Fürſten Wolfgang angenommen, um für uns zu ſprechen und uns zu retten. Ein ſolches Wunder, Ihr wißt es, liebe Brüder, hat Gott ſchon zu Oefterm geſchehen laſſen, wie es unſere Weiſen im Talmud erzählen. Dieſes Wunder iſt auch für Eure fürſtliche Gnaden ein Beweis, in welchem Anſehen Eure Durchlaucht bei dem allmächtigen Gott ſtehen; denn niemals hätte der Prophet die Geſtalt eines Unwürdigen angenommen. Deßhalb bitte ich Euch, nehmt dieſe kleine Gabe, die wir als Zeichen unſerer Verehrung für Euch beſtimmt haben, von unſerer Hand.“
Der Fürſt ließ ſich überreden, nahm das Geſchenk an und entließ die Juden auf das Gnädigſte.
Die Geſchichte wurde bald bekannt und machte nicht geringes Aufſehen, umſomehr da die Zeit der Wundergläubigkeit längſt vorüber war. Hier lag aber eine Thatſache vor, der nicht widerſprochen werden konnte. Alle Fürſten und Reichsſtände hatten des Fürſten Wolfgang Rede zu Gunſten der Juden am dritten Auguſt 1545 gehört; dagegen bezeugten ſämmtliche Hausgenoſſen des Fürſten, daß derſelbe das Haus des Dr. Weltner an dem genannten Tage nicht verlaſſen habe. — Die Sache iſt auch ſpäter unaufgeklärt geblieben und hat keine andere Löſnng gefunden als diejenige, welche Rabbi Joſelmann derſelben gegeben.
II. Theil · Kapitel 48 · S. 291–301
XLVIII.
291Das Concil zu Trient war am 13. December 1545 eröffnet worden. Auf dieſem Concil wurde die im Anfange unſerer Erzählung vielfach erörterte, von dem nunmehr längſt verſtorbenen Apoſtaten Pfefferkorn in Anregung gebrachte Talmudfrage zu Ende geführt. Die Stellen des Talmuds, welche ſich auf den Stifter der chriſtlichen Religion beziehen, wurden geſtrichen, und ſtarren uns noch heute als Cenſurlücken in unſeren Talmudausgaben entgegen. Sonſt wurde der Talmud als für den chriſtlichen Glauben unſchädlich und ungefährlich erklärt und die Erlaubniß zum Wiederabdrucke ertheilt. So leſen wir denn auf den Titelblättern der ältern Talmudausgaben, daß dieſelben, alle vom Tridentiner Concil geſtrichene Stellen nicht enthalten.
Der Kaiſer wollte nunmehr verſuchen, die proteſtantiſchen Reichsſtände zu veranlaſſen das Concil anzuerkennen und daſſelbe zu beſchicken. Er ſchrieb deßhalb einen Reichstag nach Regensburg aus. Allein die Führer des Schmalkaldiſchen Bundes, der Kurfürſt von Sachſen und der Landgraf von Heſſen, erſchienen nicht auf dem Reichstage. Nunmehr erſchien der Krieg unvermeidlich, ein ſchrecklicher Bürgerkrieg, wie ihn Deutſchland ſeit den Zeiten der Gegenkaiſer nicht geſehen hatte. Angſt und Schrecken ergriff die Juden Deutſchlands, welche mit Recht befürchteten, daß ſie in dem bevorſtehenden Kriege von beiden Parteien mißhandelt würden. Da erſchien Rabbi Joſelmann auf dem Reichstage und verlangte, wie er in ſeinem Tagebuche erzählt, mit lauter Stimme, daß durch ein kaiſerliches Mandat verkündet werde, daß trotz des Krieges für die Juden der allgemeine Landfriede in Kraft bleiben ſolle. Rabbi Joſelmann 292erinnerte den Kaiſer an ſein in Speyer ertheiltes Verſprechen, und in der That erlangte er einen kaiſerlichen Erlaß zu Gunſten der Juden, wie ein ſolcher von einem Kaiſer oder Könige niemals vorher iſt gegeben worden.
Am 20. Juli 1546 erließ der Kaiſer die Achtserklärung gegen den Kurfürſten Johann Friedrich von Sachſen und den Landgrafen Philipp von Heſſen. Dem Kaiſer war es gelungen, den Kurfürſten von Brandenburg von ſeinen bisherigen Bundesgenoſſen zu trennen, ſo daß er an dem Kriege nicht Theil nahm. Außerdem zählte Karl einige proteſtantiſche Fürſten zu ſeinen Bundesgenoſſen, vor Allen den Herzog Moritz von Sachſen, den Schwiegerſohn des Landgrafen Philipp von Heſſen, den Herzog Erich von Kalenberg, den Markgrafen Hans von Küſtrin und den Markgrafen Albrecht von Brandenburg=Kulmbach. Trotzdem waren die Mitglieder des Schmalkaldiſchen Bundes im Vortheile, da die reichen deutſchen Städte große Truppenmaſſen anwarben, und da ſie in Sebaſtian Schärtlin, dem berühmten Augsburger Kriegs=Oberſten, einen in jeder Beziehung tüchtigen Feldherrn beſaßen. Die Kriegsfurie ging zuerſt in Bayern los. Jm kaiſerlichen Heere dienten 12 Regimenter Spanier unter dem berüchtigten Herzog Alba; dieſe hauſten auf das Schrecklichſte im deutſchen Lande. Ein Zeitgenoſſe, Bartholomäus Saſtrow aus Greifswald, berichtet darüber: Die Spanier hielten allenthalben übel Haus. Selbſt in den Ländern der mit dem Kaiſer verbündeten Fürſten beraubten und ermordeten ſie die Einwohner und mißhandelten die Frauenzimmer, ſo daß an den Wegen, die ſie zogen, der todten Körper nicht wenige lagen.
Gleich beim Beginne des Krieges wurden von den Spaniern im Bayerlande einige Juden er293mordet, ihre Häuſer zerſtört, ihre Frauen und Töchter mißhandelt. Die Kunde davon drang zu Rabbi Joſelmann, und er eilte nach Jngolſtadt, wo das kaiſerliche Kriegsheer Stellung genommen hatte. Hier gelang es ihm, bei dem Kanzler Granvella Audienz zu erhalten. Mit beredten Worten ſchilderte er demſelben das Unglück, welche ſeine Glaubensgenoſſen betroffen hatte. Der Kanzler verſprach ihm ſeine einflußreiche Verwendung bei dem Kaiſer, und trug ihm auf, eine ſchriftliche Eingabe an die kaiſerlichen Räthe einzureichen. Wir beſitzen dieſe Eingabe in beglaubigter Abſchrift und wollen nicht verfehlen, das höchſt intereſſante Aktenſtück unſern Leſern mitzutheilen.1Das Original befindet ſich im Archive zu Oberehnheim, Lade II. Nr. 26. Daſſelbe lautet:
Gestrengen Edlen werten Fürsichtigen Ersamen und weysen gnedigen herren, an E. syen Mein gantz underthenig dienst zuvor bereith, gnedigen herrn, demnach got erbarms sich dar verhrecknus des allmechtigen jetzeen off nechst gehaltenem Reichstag zu Regenspurigk ein grausame Kriegs Rystung, die Romisch Key. Ma., als unser allergnedigster Herr von Teutsch und welsch jnns Beyerland sich versammelt, wie dan das Offenbar und vor Augen, hab jch als bevehlshaber gemeiner Judischheit Teutscher Nation vez. Bruderlicher lieb dieselbige Meine Mitverwandten sowie mir möglich gewesz, durch Mittel unnsere, alte unnd Neue fryhaiten, die hochgedacht Key-Mt. mit aller underthenigkeit ersucht, und furpracht Diweyl die gemeine Judischheit jre Maystät und dem Römisch Reiche zugehörig und jnn jr beiden schutz unnd schirm vonn vyl 294hundert jaren her bisz an diesenn tag begriffen und bestimpt seien jn dem gemeinen Landtfrieden wie wir Armen hinden allen herrschaften sitzenn und keinem Thail des Kriegs oder an dese Krieg versuch geben dann wir Arme allenthalben jn der welth verspreith noch Land oder leither haben, Daumb, jr Maystet unnd auch das Romisch Reich beide theilen, jnn allen Kriegszeugenn kein sonder recht wider unsz furnemen sonder jnn fryden befryden sein sollen, doch ein jeder Jud wo er wont, Bey seiner Oberigkeit unnd Mitburger Lieb unnd Leidth, Burigfriden zu leysten allwegen schuldig unz sollichenn worhafftigen bewegligen ursachen hat hochgedacht Romisch Key. Mt. gemeiner Judischheit ein Offen gepott. Brieef unnd Mandaten gnediglich zugestellt, damit dem Kriegsvolk deutsch unnd welsch allen Nationen Lassen verkinden unsz armen wir wonen wo wir wollen dasz man unsz solle bei jr Mt. und des Reichs friden unnd geleith, solle lassen bleiben wie dan derselbigen Mandanten hybei underthenig zu weysen vrpittig ben, gnedigen herrn so ist mir nuhn vonn Regenspurg jnn meinem heimzugk glaubhaftig furkomen unnd ist wor das E Bundesgenossen Ettliche derselbigen hauptmanen unnd jre Kriegsknecht die Arme Juden jnne schwoben Landt hin und widder gesucht Etliche gefangen noch jren gefallen geschetzt unnd welche entloffen jre heisser zerbrochen, unnd was darin gewest, verderpt und hingefuert, dohin gepracht das jre Viel Arme Witfrawen unnd wysen verderpt unnd verjagt, jst auch war das die arme Juden jme Riehz und Namlich Wallerstein . . . . den grauen von Eligen verz. forcht sollichs gewaltz habenn Mit den hauptluthenn unnd Kriegshauffen umb Etliche sum geltz Mussen vertragenn wie sie jnn dann brief 295unnd gemelde schillt mit einem gelenen Löbenn zu einem Zeichen der Losung jeden obergebenn unnd welche sy jnn derselbigen Landthart befinden so sich nit vertragenn het vonn gemelte kriegshauffen, Onsicher sein solle . . . . herrnn weyl ich nuhn by viertzigk jaren allwegen was Mir oder Meinen Bruder unpilliche unnd widderwertigkeit entgegengangen desselbig Mein Zuflucht unnd hochst verhassen bey E — unnd alle jre Mitverwandten unnd zugehoerige worhafftig gehapt, Auch Jrowen unnd glauben gnediglich befunden jnn der Beurische abberung unnser Leib und güter geschirmpt, darzu Mit E. genedig furschrifftlige an Cor unnd fürstenn Mitgetheilt habenn, Domit wir arme widder pillich jnn Flecken oder strossen nit beschedigt solltenn werdenn unnd noch viel Mehr gütigkeit nmb der long willen underlessenen Jetzenn zu schreiben sonder Jnn trostlicher hoffnung. E. derselbig güte unnd gerechtigkeith Nochgeneigt sey worinenn E — vermiest oder verbunden sey solliches nit zulessen werdenn das unns armen sampt oder sonder das widder den Erkonndten Landfrieden und besonder widder das Romisch Reich, unnd glider derselbigen Reichs schutz und schirm allezeit sein einuhen trang oder derengleichen die arme Judisheit sompt oder sonder wo die herfunden werdenn Bey vil. gemeltenn E Kriegsz Leithenn nit gestatenn werdenn sy zu schetzen oder zu beschedigen Bin auch in hoffnung d. alle Krieszelth so E. — Bundtgenossen solliches grüntlich heren unnd vernemen werden, das sy solliche schadtzung unnd verderburg der Arme unnverschutel Judischheit nit zugeben werdenn, sonder von des heiligen Reichs wegen offen geleith on alle schatzung schirmen unnd beleyden werdenn gleichweise als hochgedocht Key. Mt. auch gethan dar 296menn solliches jnn keinem gesatz göttliche oder weltliche geschriebene echte oder nateurliche vinden kann das man gegen uns Armen on erkandt alle Rechtenn das unnser sollt nemmenn oder von unnser wonung verz den Oberkeiten sollt verjagenn dann Offenbar jst auch war dasz auff nechst gehaltenen Reichstag zu Wormbs jme fünfundviertzigsten jor vor allen stenden ein umbfrag geschehen off etliche unnsere Missginer vermeinte unz armen Deutsch Landt zuverweysenn, aber durch dié genad des Allmachtigen von lor unnd Fursten unnd alle stand und gestandtenn hochverstandige Erkant unnd oszgesprochenn worden d. solliches nit gethan ist, unnd wie vonn alther her jre Oberkaith, Jne Juden bey Key. Mt. unnd des Romischen Reich schutz schirm unnd geleith haltenn mag vonn meniglich unverletzt — ungenierlich sind das die wort unnd spruch, Doby. E gesandtem und derselbige Bundtgenossen hoch und niedere stend beschütz gewesen, Welchermassen wolt dann E. Kriegsleith oder Kriegsherenn die armen Juden jnn jeder Oberkeith sy wonen sollethen alt unnd nuwen schutz unnd schirme geweltige, Beschlussz diser Sachen allen, Langes an E vunn wegenn vilgemelter Armer Judischheit deutscher Nationn Mein underthenig hochst pittliche ansuchung wollen vsz. oberzacten treffenglichen ursachen, unnd besonder vsz. E — als hoche verstendige unnd eigene eigenschafft solliches wolbetrachten, unnd darob unnd dorann sin bey E Kriegs Leuthenn unnd andere, Mitverwandten Bundtgenossenn gnediglich zu schaffen, das sy gemeinlich die arme Judischheit sampt oder sonder wo sie gefunden werden further unbetrenkt unnd unbeschedigt pleiben lossen, Domit die armen auch jn Schwoben jn Markenschafft Burger unnd daselbst umbher wid297der zu jrrenn heusernn kommen unnd wonenn Mechten das will jch unnd auch angemeine Judischheit umb E — unnd derselbige Bundtgenossen Hoch und Nidere stend mit allenn unsernn Armen Meglich diensten verdienen unnd beschulden, Bittend wordt hirjnn E. unnd derselbigen Bundtgenossen gnedige Triostung, unnd schriftlich Antwortt E. Underthenig gehorsamer gez.
Joselin Jud von Roszheim, gemeiner Judisheit bevehlshaber.
Die vorſtehende Eingabe überreichte Granvella dem Kaiſer und ſtellte ihm vor, welch' großes Unrecht den Juden geſchehe, wenn die eigenen Soldaten des Kaiſers, entgegen den kaiſerlichen Befehlen und Schutzbriefen, die Juden mißhandeln, berauben oder tödten würden; darauf erließ der Kaiſer die ſtrengſte Befehle und verordnete, daß jeder Officier oder Soldat in ſeinem eigenen Heere oder in dem ſeiner Verbündeten, welcher es wagen würde, einen Juden oder eine Jüdin in irgend einer Weiſe zu beleidigen, zu mißhandeln oder zu berauben, ſofort mit dem Tode beſtraft werden ſoll. Dieſe kaiſerliche Mandate, wie Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche ſie nennt, wurden in allen Heeres=Abtheilungen des Kaiſers und ſeiner Verbündeten, öffentlich verleſen, und von dieſer Zeit an wagte Niemand mehr im ganzen Heere, einem Juden oder einer Jüdin wehe zu thun. Furchtlos zogen nun die Juden in das kaiſerliche Lager und brachten den Soldaten Brod und Wein.
Carl zog mit ſeinem Heere nach Regensburg zurück, wo er ſeine Geſchütze zurückgelaſſen hatte. Unterdeß hatten die Proteſtanten ein großes, der kaiſerlichen Armee weit überlegenes Herr zuſammengezogen, und ſuchten den Kaiſer aus ſeinem be298feſtigten Lager, das er bei Jngolſtadt bezogen hatte, zu vertreiben, was ihnen jedoch nicht gelang. Nichtsdeſtoweniger befand ſich der Kaiſer in großer Gefahr, da die proteſtantiſchen Fürſten und Städte ganz bedeutend in der Uebermacht waren.
Rabbi Joſelmann hatte ſich unterdeſſen nach Frankfurt am Main begeben, woſelbſt er anordnete, daß Morgens und Abends in den Synagogen für den Sieg des Kaiſers gebetet würde. Wir wollen hier die bezügliche Stelle aus dem Tagebuche Rabbi Joſelmanns in wörtlicher Ueberſetzung wiedergeben:
„Und die zwei Fürſten von Sachſen und Heſſen, in Verbindung mit den freien Reichsſtädten, brachten ein ungeheures Heer zuſammen, während unſer Herr, der Kaiſer, ſeine Majeſtät werde erhöht, über eine viel geringere Truppenzahl verfügte. Wir Israeliten beteten in heißer Andacht, Morgens und Abends, in Frankfurt am Main; wir riefen zu unſerem Vater und Könige im Himmel, zum einzigen, allmächtigen Gott, deſſen Allmacht auch dem kleineren Heere zum Siege zu verhelfen vermag, daß Er unſern Kaiſer und mit ihm uns Juden ſchützen möge.“
Und ſiehe da, Gott erhörte das Gebet der Juden. Durch die Fahrläſſigkeit des Generals Reifenberg, Befehlshabers einer Abtheilung der bündiſchen Truppen, gelang es den niederländiſchen Hilfsvölkern des Kaiſers unter dem Grafen von Büren über den Rhein zu ſetzen, durch Franken zu ziehen und ſich mit dem Heere des Kaiſers zu vereinigen. Schon war Graf Chriſtoph von Oldenburg mit einem mächtigen Heere bis nach Frankfurt gekommen, als Büren über den Rhein ſetzte. Wäre der Uebergang über den Fluß einen Tag ſpäter unternommen worden, ſo hätte ihn der Graf von Oldenburg verhindern können. So aber 299konnte er den Durchzug der Niederländer durch Franken nicht aufhalten.
Sobald der Kaiſer dieſe beträchtliche Verſtärkung bei ſich ſah, änderte er ſeine Kriegsweiſe und ſchritt zum Angriffe. Er eroberte Neuburg und zog nach Württemberg. Unterdeß war es kalt geworden, es war bereits im November, und das deutſche Klima machte die ſüdländiſchen Truppen kampfunfähig. Da erklärte ſich Herzog Moritz von Sachſen offen für den Kaiſer und fing an das Land des Kurfürſten von Sachſen zu erobern. Der Kurfürſt von Sachſen machte Anſtalt ſeinem von Herzog Moritz eroberten und verwüſteten Lande zu Hilfe zu ziehen. Nun wandte ſich Kaiſer Carl gegen die proteſtantiſchen Reichsſtädte und eroberte nacheinander Ulm, Heilbronn, Eßlingen und Reutlingen. Hierauf mußte ſich der Herzog von Württemberg unterwerfen, ebenſo Augsburg. Daraufhin legte der Kaiſer die Kölniſchen Händel bei, indem er den alten Kurfürſten zur Abdankung zwang und vom Domkapitel einen neuen Erzbiſchof wählen ließ, welcher den katholiſchen Ritus wieder einführte.
Jm Jahre 1547 brach der Krieg aufs Neue aus, diesmal an der Elbe, wo eine Rebellion der böhmiſchen Stände die Sache der Proteſtanten zu begünſtigen ſchien. Allein die Rebellion in Böhmen wurde niedergeworfen, der Kurfürſt von Sachſen wurde gefangen genommen, der Landgraf von Heſſen mußte ſich ergeben. So war alſo dieſer große und furchtbare Krieg, welcher in ſo ungünſtiger Weiſe für den Kaiſer begonnen hatte, derart beendet worden, daß der Kaiſer mächtiger war, denn je zuvor, und daß alle ſeine Feinde vor ihm im Staube lagen. „Auch für uns,“ erzählt Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche, „hat der allgütige Gott in ſeiner Barmherzigkeit große Wunder ge300than, daß in dieſem fürchterlichen Bürgerkriege, in welchem Deutſche gegen Deutſche mit der größten Erbitterung kämpften, kein Jude Schaden genommen. Gelobt ſei der ewige Gott, der uns doppelt und doppelt errettet hat von dieſen furchtbaren Kriegsſchaaren. So möge er uns weiter helfen und ſchützen.“
Noch vor Beendigung des Krieges war der Graf von Büren mit den niederländiſchen Truppen des Kaiſers nach der Rückkehr deſſelben aus Württemberg vor Frankfurt am Main gerückt und hatte die Uebergabe der Stadt, die ebenfalls zum Schmalkaldiſchen Bunde hielt, gefordert. Da ergriff Angſt und Schrecken die Bewohner von Frankfurt, denn der Graf von Büren drohte die Stadt zu beſchießen. Da ließ der Rath der Stadt den jüdiſchen Befehlshaber, Joſelin von Rosheim, bitten, ſich der Deputation anzuſchließen, welche den Grafen um günſtige Bedingung bei Uebergabe der Stadt erſuchen ſollte, da man wußte, daß Joſelin beim Kaiſer und ſeinen Feldherren in hohem Anſehen ſtand. Rabbi Joſelmann willfahrte natürlich dieſem Wunſche und begab ſich in das Lager des Grafen. Hier ſetzte er es durch, daß die Stadt die Zuſicherung erhielt, in ihrer Religion geſchützt zu werden. Dagegen verſprach die freie Reichsſtadt, aus dem ſchmalkaldiſchen Bunde auszutreten und dem kaiſerlichen Heere ihre Thoren zu öffnen. Die beutebeladenen Truppen zogen in die Stadt ein und verkauften ihre Schätze um geringe Preiſe den Juden von Frankfurt. „So wurde unſere Trauer,“ ſchreibt Rabbi Joſelmann in ſeinem Tagebuche, „in Freude verwandelt. Gebe der allgütige Gott uns fernerhin Freude.“
Mit dieſen Worten ſchließt das Tagebuch Rabbi Joſelmanns. Aus den Aktenſtücken jedoch, die für uns aus verſchiedenen Archiven copirt wur301den, ergibt ſich, daß Rabbi Joſelmann auch fernerhin noch eine reiche Thätigkeit zu Gunſten ſeiner Glaubensgenoſſen entwickelte, über die wir in den folgenden Kapiteln berichten werden.
II. Theil · Kapitel 49 · S. 301–308
XLIX.
Kaiſer Karl ſtand auf der Höhe ſeiner Macht. Die Schlacht bei Mühlberg war gewonnen, der ſchmalkaldiſche Bund war ruhmlos zerfallen. Die proteſtantiſchen Fürſten und Städte beeilten ſich, ihren Frieden mit dem Kaiſer zu machen. Dieſer zog von der Saale herbei, den gefangenen Kurfürſten von Sachſen und den verhafteten Landgrafen von Heſſen mit ſich führend; im Triumphzuge, geleitet von ſeinem Kriegsheer, ſpaniſchen und niederländiſchen Söldnern und deutſchen Landsknechten. Nach Augsburg war ein Reichstag berufen. Dort ſtrömte faſt Alles zuſammen, was Deutſchland an Gewaltigen beſaß, um Verzeihung oder Belohnung zu erwerben, dem mächtigſten Gebieter, den Deutſchland ſeit Jahrhunderten gefühlt, den Hof zu machen, die eigene und des Landes Zukunft zu entſcheiden, Abenteuer und Vergnügen zu ſuchen. Jn dieſem Gewühl von Souvränen und Dynaſten, Höflingen, Kriegsleuten und Bürgerdeputationen, erſchien auch der Befehlshaber der Juden, Rabbi Joſelmann von Rosheim.
Während Kaiſer Karl auf dieſem Reichstage zu Augsburg als ſtrenger Richter erſchien, auf dem Markte zu Augsburg einen Galgen errichten ließ und ſogar die beiden gefangenen Fürſten mit dem Tode bedrohte, war er, wie immer, gegen Joſelin voll Milde und Freundlichkeit. Am 30. Januar 1548 ertheilte er ihm auf ſeinen Wunſch einen neuen Schutz= und Freiheitsbrief, von dem wir 302eine beglaubigte Abſchrift aus dem Großherzoglichen Badiſchen Landes=Archiv zu Karlsruhe (Pfälziſches Urkundenbuch Nr. 99, S. 156, 157, 158) beſitzen. Wir wollen denſelben hier mittheilen:
Wir Carl der Funfft von Gottes Gnaden, Römischer Keyser zu allentzeiten, Merer des Reichs, zu Germanien, zu Hispanien; Beder Sicilien, Hierusalem, Hungern, Dalmatien, Croatien etc. Kunig Ertzherzog zu Oesterreich, Herzog zu Burgundisch, Grave zu Habspurig, Flandern und Tyrol etc. Entbieten allen und iglichen Churfürsten, Fürsten, Geistlichen und weltlichen prelaten, graven Freyen Hern, Rittern, Knechten, Hauptleuten, Landvogten, Vitzthumben, Vogten, pflegern, Verwesern, Amptleuten, Schultheisen, Bürgermeistern, Richtern, Rethen, Burgern, Gemeinden und sonst allen andern unsern und des Reichs, underthanen und getrewen. Jn was wirden Stats oder wesens Sie sein, den dieser unser brief oder glaubwürdig Abschrift darvon fürkumot damit ersucht und ermant werden, unser gnad und alles guts, Herrn und Erwürdigen Hochgeboren lieben freundt Neuen Oheimen Churfürsten und Fürsten Wolgeborenen Edeln, Ersamen, Andechtigen und lieben getrewen. Uns hat Josel Jud von Rossheim unser gemeiner Judischheit Jm heiligen Reiche Teutscher Nation Bevelchhaber Clag weisz fürgebracht. wie unz etliche Juden uber und wider Jr freyheiten, Privilegien Schutz Schirm und glait damit sy von Bebsten gemeinen Concilien unsern Vorfarn am Reiche Römischen Keysern unnd Kenigen seliger und leblicher Gedechtnus, uns und dem heilligen Reiche gnediglich begab und fursehense woren, und sonderlich auch wider unser Keyserlich Mandat desselben 303unserer gemeinen Judischeit halben auff unserm nechsten Speyerischen Reichstags des vier und vierzigsten Jars der Mindern Jar zaal ausgangen auch unser und des Heiligen Reichs auffgerichten Landtfrieden uber dasz sy einem Jeden so spruch unnd forderung zu jenen zuhaben vermeint ovr uns unserm keyserlichenn Cammergericht oder an ieden So sich daselbs gepiere Rechtens niewergewesen unnd noch nit seyen gewaltiglich furnemlich Auff unser und des Heiligen Reichs Strassen Und auch Jn etlichen Stetten, Marcken und Doerffern an Jren leiben Haben und guettern mit Morden Todtschlagen, Rauben Wegfuren gefencknus Ausztreibung Jrer hauszlichenn Wonnungen Zersterung unnd Versperrung Jrer Synagogen unnd Schulen Auch an geleit unnd Zoll gelt merklich beschedigt, beleidigt, beschwert unnd gesteigert werdenn. Und wiewol sy etlich unsz euch demuthiglich angeruffen unnd gebetten gegen denen so sy also beschedigt unnd beschwert nach vermog des Reichs landtfriedens unser Schutz schirm und gleich zu handeln auch bei Jren Freiheiten Privilegien Schutz Schirm und gleit bleiben und sie darüber obbemelter massen nit dringen oder beleidigen zu lassen So haben Sy doch bey Ewern Ainstheils dasselb nit bekommen noch erlangen wegen dasz gemeiner Judischeit zu merklicher beschwerung schaden und Nachteill Rechte und sich des gegen uns Abermals hechlich beschwert. Und uns darauff Demütiglich Angeruffen unnd gebetten gemeiner Judischheit hier Jn mit unser keyserlichen Hilf genediglich zu erscheinen Sie zu schutzen und zu schirmen unnd dieweil uns dan als Romischen Keyser gepurt einen Jeden bey Recht unnd seinen habenden freyheiten zu handthaben unnd vor unbillichem gewalt zu schutzen und zu verhueten. Des Auch 304zuthun gentzlichen gemeint sein, unnd darauff Sie gemelt Judischheit, Hieur Jn unsern und des Heiligen Reichs Schutz, Sicherheit unnd gleidt fur gewält und zu Recht genomen haben. Laut unseres Brieffs darumb ausgangen, Demnach gebieten wir Euch Allen und Ewer Jeden Jn sonders bey vermeidung unser und desz Reichs schweren ungnad unnd Straff and den penen Jn yetzgedachten unsern Schutz unnd gleits brieef und der Judischheit Freiheiten unnd privilegien begriffen von Remischen Keys. Macht Ernstlich Mit diesem brieff und wollen dasz Jr dieselb unser gemeine Judischheit samentlich und sonderlich bey obbestimpten Babstlichen gemeiner Concilien Allen unser vorfarn, Am Reiche und unsern gegebenen freiheiten, privilegien Confirmationen, Schutz, Schirmb und gleit, Handthaben und gentzlich bleiben des allen gerübiglichen gebrauchen geniessen auch allenthalben Jm Heiligen Reiche und desselben zugethonen fürstenthumben, graveschaften, Herrschaften, Landen steten gepieten sicher handeln und wandlen lassen Unnd darüber Jr Leib Hab oder gueter nit beschedigen oder belaidigen, auch in gemeine od. sonderheit von Jnen Heuszlichen wonungen, Schulen und Synagogen. Aigenthatliches furnemens nit treiben noch Sie zersteren oder versperren. Auch sie mit newen ungewonlichen Zoll uns geleit gelt und sonst, Jn Ander weg wider Altherkommen Recht unnd billichheit nit beschweret dringet oder staigert, noch Jemants Andern zu thun benelchet schaffet oder gestattet. Auch den Stettern so also dieselb Jüdischheit samptlich oder sonderlich wider des Reichs Landtfriden unser Keyserlichen Schutz Schirm und gleit und disz unser gebot und Mandat jn Jren leib hab oder gutern angreiffen vergewaltigen unnd beschedignn, wur305den kain Hilff furschub noch bestandt heimlich noch offentlich nit beweisut Jn kein weisz noch wege. Als lieb euch und einen Jeden seye obberste peen unnd stroff zu vermeiden, Desz Mainen Wir Ernstlich Mit urkundt disz brieffs besiegelt Mit unserm keyserlichen, Auf getruckten Jnsiegel. Geben Jn unser und des Reichs Stat Augspurg Am dreysigesten tag des Monats Januaris etc. Jm Achtundvierzigsten Unsers Keysersthumbs. Jm Achtundzwentzigsten und unserer Reiche, Jm dreiunddreissigsten (1548).
Vt. Max Archedux Carolus Vt. Al. petranet Ad mand. calsar. et Catholicae Majestatis proprium Joh. Obernburger.
Die weltgeſchichtlichen Ereigniſſe, welche dem obenerwähnten Reichstage zu Augsburg folgten, die Niederwerfung der proteſtantiſchen Stände, den Umſturz der ſtädtiſchen Verfaſſungen, übergehen wir, da ſie mit unſerer Geſchichte nicht im engeren Zuſammenhang ſtehen. Wir wollen nur berichten, daß im Jahre 1550 Carl damit anfing, die Laſt der Regierung ſich zu erleichtern, indem er ſeinen Sohn Philipp, den ſpätern König Philipp II. mit den Niederlanden belehnte.
Während ſich der Kaiſer zu dieſem Zwecke in den Niederlanden aufhielt, wohin ihm Rabbi Joſelmann nicht gefolgt war, gelang es den Judenfeinden, die immer thätig, immer rührig waren, von Carl ein Edikt zu erlangen, welches die Exiſtenz der Juden in Deutſchland auf das Aeußerſte gefährdete. Es waren nämlich im Württemberger Lande gegen einige Juden wegen ungebührlichen Betragens Klagen eingelaufen. Statt nun die wenigen Juden, die zur Klage Anlaß gegeben hatten, zu beſtrafen, wußte man den Herzog 306Chriſtoph von Württemberg zu veranlaſſen, beim Kaiſer die Erlaubniß nachzuſuchen, ſämmtliche Juden nicht allein aus Württemberg vertreiben zu dürfen, ſondern ihnen auch zu verbieten, das Württemberger Land zu betreten. Der Kaiſer, welcher damals mit dem Plane umging, ſeinen Bruder, den König Ferdinand, zur Abdankung zu veranlaſſen, damit ſein eigener Sohn Philipp zum römiſchen Könige erwählt würde, wollte ſich die deutſchen Fürſten geneigt machen, und erfüllte den Wunſch des Herzogs von Würtemberg. Sofort wurde zur Austreibung der Juden aus Württemberg geſchritten. Nur einzelnen Juden wurde ausnahmsweiſe geſtattet noch eine Zeit lang in Württemberg verweilen zu dürfen, unter Andern dem jüdiſchen Arzte Salomon von Stetten, auf beſondere Verwendung des Ritters Conrad Thumb von Neuburg, unter deſſen Gerichtsbarkeit der Flecken Stetten damals ſtand. Dieſe wenige Juden, welche noch in Württemberg geduldet wurden, mußten einen Revers unterſchreiben, daß ſie zu jeder Zeit bereit ſeien, das Württemberger Land zu verlaſſen. „Vor dem allem“ heißt es in dieſem Reverſe, der uns in beglaubigter Abſchrift vorliegt und deſſen Original ſich im Königlichen Staats=Archive zu Stuttgart befindet, „Soll mich nit schützen schirmmen frihten oder freyhen ainiche bobstliche des hailigen reychsromisch Kaysser, König, furssten herrn oder anderer gemaine constitutiones ordnungen, landfrieden, Satzungen, recht und Sonderbare privilegea Indulta begnadungen abssolutiones Relaxationes, Restitiones cassationes rescripte auch kain bundnus verstentnus, Schutz, Schirm, und andere auszuge exceptiones und behelff die yetze weren oder kunftiger Zeit gessetzt, auff gericht geordnet publiciert gemainer Judisheit oder mir gegeben, oder von uns Sampt und 307Sunders kounfftiglich erlangt, ausgebracht, oder aigner bewegnus one jr mein oder andern anhaltenten verlihen worden, wie Sie alle Namen haben dordurch diſse verſchreibbung geſchwecht, oder hiewider jemand zu meinen Schirm jn ainig weg, jehtzeit erdenken furwenden und furnemen mocht.“
Nicht allein, daß durch dieſe Maßnahmen die Juden, welche bisher in Württemberg gewohnt hatten, ſehr hart betroffen wurden, es war auch für die Juden in ganz Deutſchland ein ſehr harter Schlag; denn mitten im Württemberger Lande lag die freie Reichsſtadt Rottweil, wo ſich damals das Reichskammer=Gericht befand. Dort mußten die Juden ihr Recht ſuchen bei den häufigen Prozeſſen, welche ſie in geſchäftlicher Beziehung gegen Groß und Klein, gegen Vornehm und Gering, gegen Fürſt und Edelmann, gegen Bürger und Bauer zu führen gezwungen waren. War ihnen das Reichskammer=Gericht verſchloſſen, ſo waren ſie rechtlos und allen Unbilden und Gewaltthätigkeiten ausgeſetzt. Nun durften ſie das Württemberge Land nicht mehr betreten. Als darauf einige Juden nach Rottweil reiſen wollten, wo ſie perſönlich beim Reichskammergericht zu thun hatten, wurden ſie zwiſchen Hechingen und Rottweil verhaftet und lange gefangen gehalten, bis man ſie gegen ein Strafgeld von hundert Gulden wieder frei ließ.
Als die Kunde davon zu den Juden in den deutſchen Landen gelangte, erſchraken ſie alle gar ſehr, denn ihr Handel und Wandel war dadurch auf das Empfindlichſte bedroht. Die Rabbiner und Vorſteher der deutſchen Gaue verſammelten ſich in Frankfurt am Main, und erſuchten Rabbi Joſelmann, ſich beim Kaiſer um Abſtellung dieſer unerträglichen Zuſtände zu verwenden. Unterdeß 308hatte ſich der Kaiſer zum Reichstage nach Augsburg begeben, und Rabbi Joſelmann, der nunmehr 73jährige Greis trat mitten in dem harten Winter des Jahres 1551 die Reiſe nach Augsburg an.
II. Theil · Kapitel 50 · S. 308–315
L.
Es liegt uns abſchriftlich die Eingabe vor, welche von Rabbi Joſelmann am 18. Februar 1551 dem Kaiſer präſentirt wurde. Das Original befindet ſich in dem Königlich Württembergiſchen Staats=Archive zu Stuttgart und lautet wie folgt:
Aller Durchlauchtigster, Grossmechtigster und unüberwindlichster Römischer Khayser, Allergnedigster Herr.
Eur Römisch Kayserliche Mt. Bit ich gantz unnderthenigst abermalen mein furbringen, Allergenedigst anzuhören, nach dem ich, von wegen ainer arme gemaine Judisshait anlanngendt den Basz, und ain durchwandel des Hertzogthumbs Wirtenberg, Suppliciret unnd aber Euer Khay. Mt. löblicher hoff Rethe erkhannt haben, gemeltem Hertzogen zuschreyben, das er unns arme bey gewonlichen alten Zoll unnd herkhomen, genediglich Cassieren (?) unnd bleyben lasz etz. Des wir arme nun hocherfreut, dann unns arme bisz, anher etlich jar lanng, die Strassen zu bassieren verspört und abgekhamt, unnd etliche von unns arme, gefengklich angenomen, unnd nach seinem gefallen geschetzt, die nun ungefer durch seine derfer unnd strassen ganngen etz. Dartzu ist auch was, das yetzo wie dises fürstlicher Regierung Amptleuten, zwen arme Juden zwischen Hechingen unnd Rothweil, an etz. Hoffgericht zu Rotweil wöllen geen, unnd als ich bericht bin, 309so hat der Vogt daselbst die Juden angenomen, sie etliche wuchen gefengklich gehalten. unnd dartzu bey hunndert gulden geschetzt, unnd haben dieselbige arme Juden von jren freunden sollich gelt, erbeteldt unnd entlöndt damit sie aus schwerer gefengknussz, erledigt werden, welches nun zu erbarmen, das wir arme, bey Eur Khay. Mt. Schutz Schirm unnd gelait, dartzu die Offene Khayserliche verkhundte Mandat, das man ein yeden Juden bey alten gewonlichen zöllen und gebrouchen beleiben lasz, unnd darruber Mit beschweren Sölle gehandhapt werden, Allergnedegister Herr wir arme Juden khönnden nun umb Solche vergangne handlung von hochgedachten Landfürsten Sonnderlich Nit Clagen, dann on zweiffel Seine fürstlich gnaden, Sollich unnser grosz beschwer, als ain Neue khomner Fürst, Mit gutwisses gehapt, Sonnder Solliches von den Amptleuten unnd Zoller widerfurt, die Nun vermainen, weil Sie von Eur. Khay. Mt. unns arme zerruckt jn Brabant verklagt haben, wie sich etliche Juden der Selben zeit, der ungebur umbs Landt unnd jm Lanndt gehalten heten. Darauff Eur Khay. Mt. der Landschafft Wirtenberg Sölche freyhait geben, das dieselbigen Juden unnd jre gleichen, jm gemelten Lanndt Wirtenberg, nit wonen oder wandeln sollen, sonder vorwisses fürstens des Lanndts geschriben gelait etz. Allergnedigister Herr, die weil nun offenbar, darjnn auch khein zweifel dz. Eur Khay. Mt. solche freyhaiten wider die, geschrieben Rechten und der Billichkait dem Lanndt Wirtenberg, dermassen nit zugesölt, dz. wir arme so sich jn jrem wanndel unnd hanndel jn den khayserlichen strassen Erberlich an alle wucherlichen hanndel, Bloss durch das Lanndt, die strassen bassiren, jnen nit zugeben, dz. man unns wie obgemelt nit soll las310sen, auff dem Erdtrich wandeln, jn Trostlicher Hoffnung Eur Khay. Mt. unns arme vor sölchem grossem beschwer genediglich Schutzen unnd Schirmen werden etz. Weiter allergnedigster Herr, ist auch war, dz. yetzt bei nechst erschinen tagen Eur Khay. Mt. Camer unnd hoffboten vilegmelts Khayserlichs Mandat zu Stuegart fürstlicher Cantzler verkhönndet, unnd wie wol gemelter Camerbot, Velten frawenberger unns arme verwent wie des fursten Cantzler Johann Vössler, auf gemelt Khoyserlich Mandath aller gebure Nachkhomen, so hat doch nachvolges gemelter Cantzler, widerumb Sölliches abgekhönnt als ich bericht worden durch meinen gesanten boten das dieselbige widerantwurt wie Eur Khay. Mt. wie Eur Khay. Mt. Cantzley erfunden wird durch dieselbi geschreyben Eur Khay. Mt. genedigtlich seslbs wol wissen werden, aus Solchem unns arme mit Khayserlichem gewalt unnd hoheit bey unnsern alten und Neuen Freyhaiten, auch der geschribne Khayserliche Rechten uff der vilgemelten Lannd Wirtenberg jrer vermainten freyhaiten, die Nurt wider die so sich der vergebens halten erlanngt und aussgaangen seyen, unnd nit wider unns arme, die sich aller gebur; Nurt allein den handel mögen jn messen unnd jharmerkten unnser Leibs narung blos ersuchen, wie denn yetzen des Reichs abschidts vermag jnn hoffnung genedigolich eintreffentlichen bevlches ausz geen lassen werden, bei ainer Namhafftigen peen, unns arme bey gegewonlichem Zoll passiren lassen, wie dann andere Chur unnd fürssten auch thuen, und obgleich wol mit aim gleit gelts ain Newerung wolt haben, wie dann die Ampleut jn den Landt Wirtenberg, mit grossem gelt von uns begert, seyen wir arme erputig zugeben, wie jn der Churfürstlichen pfalz von jeder Meul ain Reder weyhsz, 311pfenning Bitten hierauff Eur Khay. Mt. als unnser Obersthaupt auf erden, wöllen ausz oberzelten beweglichen ursachen ein offen Ernstlichen Bevelch, an den hochgemelten fürsten Hertzog Christoff zu Wirtenberg etz. genedigtlich lassen ausz geen, wie dann Eur Khay. Mjt. ausz angeborner gerechtigkhait und auch jre Mjt. hoheit zuthun selbs wol gnedigst wissen werden, etz. umb. Eur Khay. Mt. glückliche Regierung, gesundhait und Langkleben, wöllen wir on underlas zu biten nimmer jn vergessen Stöllen etc.
Eur Röm. Khay. Mt Allerunderthenigster Josel Jud von Rosszhaim; gemainer Judenbevelchhaber.
Nachdem Rabbi Joſelmann die vorſtehende Eingabe eingereicht hatte, mußte er, wie gewöhnlich, lange Zeit auf Audienz warten. Der Kaiſer war leidend, er litt an Aſthma dergeſtalt, daß er Nachts nicht im Bette liegen und ſchlafen, ſondern am Tiſche ſich haltend, aufrecht ſtehend, wach bleiben mußte. Dieſes aſthmatiſche Leiden ward nur gemildert, wann das Podagra eintrat. Er tauſchte dann eine beſchwerliche Krankheit mit einer andern, überaus ſchmerzlichen, ein. Dieſe Krankheiten brachen ſeine Kraft; er konnte nicht mehr zu Pferde ſteigen, nicht mehr jagen; er mußte ſich in der Sänfte tragen laſſen, wenn er reiſte. Als Rabbi Joſelmann vor ihm erſchien, ſchlich der Kaiſer, der großmächtige Beherrſcher der halben Welt, mit gebücktem Rücken, greiſen Hauptes, todtenbleich, mit blutloſen Lippen, in ſeinem Zimmer am Stabe umher. Rabbi Joſelmann, der 73jährige Greis, war noch rüſtig und kräftig. Er erſchrak, als er den Kaiſer in dieſem Zuſtande erblickte. Der Kaiſer bemerkte es und ſagte lächelnd:
„Du erſchrickſt über meinen jämmerlichen Auf312zug, mein lieber Joſelin, allein es iſt nicht gar ſo ſchlimm, wie es den Anſchein hat. Das Podagra quält mich zwar ſehr; doch dagegen hilft Geduld und ein wenig Schreien.“
Jn dieſem Augenblicke fuhr der Kaiſer zuſammen, und ſchrie laut auf:
„Eine Spinne, eine Spinne!“ rief er entſetzt.
Der mächtige Beherrſcher ſo vieler großer Nationen, der unüberwindliche Sieger in mehr als hundert Schlachten, erzitterte, da ihm eine kleine unſchädliche Spinne zu nahe kam!1Vergleiche Behſe, Geſchichte Kaiſer Karl des V., II. Theil, S. 20; nach dem Memoiren von Morenigo.
Diener ſtürzten herbei, um die Spinne zu entfernen.
Als Karl ſich von ſeinem Schrecken erholt hatte, ſagte er:
„Muß ich mich nicht vor Dir ſchämen, mein lieber Joſelin, daß ich mich vor einer Spinne fürchte?“
„„Mein unüberwindlicher Kaiſer, der Beſieger aller ſeiner Feinde, braucht ſich eines Gefühls nicht zu ſchämen, welches Gott in ſein Herz gelegt hat, um ihn daran zu erinnern, daß auch der Gewaltigſte auf Erden nur ein Menſch iſt. Uebrigens erwähnt es der weiſe König Salomo ſchon, daß die Spinne es liebt, in den Paläſten der Könige zu weilen.““
„Wie lautet die Stelle?“ fragte der Kaiſer?
„„Die Stelle,““ antwortete Rabbi Joſelmann, „„befindet ſich im 30. Capitel der Sprüche, V. 24 bis 28, dort heißt es: Vier ſind nur klein auf Erden und doch ſind ſie weiſe gar ſehr. Die Ameiſen ſind kein ſtarkes Volk, aber ſie bereiten im Sommer ihre Koſt; die Kaninchen ſind ein ohnmächtiges Völkchen, aber ſie bauen auf Felſen ihr 313Haus; die Heuſchrecken haben keinen König, aber ſie gehen in einem Trupp auf Beute aus; die Spinne kannſt Du mit den Händen greifen, aber ſie weilt in den Paläſten des Königs. — Majeſtät, unſere Weiſen finden darin ein Bild des jüdiſchen Volkes. Die Spinne iſt ein unſchädliches Geſchöpf, das keinem Menſchen etwas zu Leide thut. Sie iſt kunſtreich in ihrem Gewebe und macht ſich nützlich, indem ſie die läſtigen Fliegen und Mücken hinwegfängt. Trotzdem greift Jeder mit Händen nach ihr; wer ſie erblickt, will ſie vernichten. Am ungeſtörteſten iſt ſie noch in den Paläſten des Königs, wo die Zimmer ſo hoch ſind, daß man das arme Thierchen nicht ſo leicht greifen kann. Majeſtät, auch wir Juden thun Niemandem etwas zu Leide, wir ſind ein unſchädliches und nützliches Völkchen; trotzdem ſind wir gleich der Spinne in den Augen unſerer Nachbaren; man greift mit Händen nach uns und ſucht uns zu vertilgen. Nur in dem Palaſte des Königs aller Könige, des allmächtigen Gottes, in unſeren Synagogen und Lehrhäuſern, finden wir Gnade und Erbarmen. Wenn der allmächtige Gott uns nicht ſchützte, ſo wäre ſchon längſt nichts mehr von uns übrig geblieben. Euer Majeſtät ſind der Vertreter Gottes auf Erden. Möge uns Eure Majeſtät Dero mächtigen Schutz nicht entziehen.““
„Ich habe Deine Eingabe geleſen, Joſelin“, ſagte der Kaiſer, „und will Deinem Wunſche willfahren.“
Darauf begab ſich Karl an ſeinen Arbeitstiſch, auf welchem die Eingabe Joſelins lag, ergriff eine Feder, tunkte ſie in das Tintenfaß und ſchrieb mit großen Buchſtaben, wie es ſeine Gewohnheit war, „fiat“ darunter.
„So, ſagte er, „trage Deine Bittſchrift jetzt zu meinem Canzler Obernburger, daß er das Rö314thige veranlaſſe; doch will ich Dir den guten Rath geben, daß Du Dich ſelbſt nach Stuttgart begebeſt, um mit dem Herzoge Chriſtoph gütliche Verhandlungen einzuleiten. Du weißt es ja, die deutſchen Fürſten kümmern ſich nicht viel um die kaiſerliche Mandate und Privilegien.“
„„Majeſtät,““ ſagte Rabbi Joſelmann, „„möge der allgütige Gott Euch ſegnen und Euch baldigſt geneſen laſſen. Jch und meine Glaubensgenoſſen beten täglich darum zu Gott.“““
„Ich danke Dir Joſelin,“ ſagte der Kaiſer traurig, „allein ich habe wenig Freude mehr am Leben, das für mich nur Trauer und Schmerzen hat. Gott weiß es, daß ich mein ganzes Leben lang mich bemüht habe, ein gerechter und guter Fürſt zu ſein. Vieles iſt mir gelungen, große Erfolge habe ich gehabt, aber auch viel Leid habe ich erduldet. Die geliebte Gattin habe ich nach kurzer Ehe verloren, und mein einziger Sohn macht mir wenig Freude. Am meiſten nagen an meinem Herzen die Kirchenſtreitigkeiten, und ich weiß oft nicht, trotz reiflicher Ueberlegung, wie ich verfahren ſoll. Am Liebſten wäre es mir, wenn mich Gott bald abrufen möchte von dieſer Erde. Sollte es aber ſein heiliger Wille ſein, mich noch länger leiden zu laſſen, ſo werde ich die Kronen, die mich ſo ſchwer drücken, ſelbſt von meinem Haupte nehmen und die ſchweren Laſten jüngeren Schultern aufladen. Joſelin, Du warſt bereits ein Mann, als Du zum erſten Male vor mir erſchienſt, und ich war damals ein Jüngling, der an der Schwelle des Lebens ſtand. Ich habe in dieſen Jahrzehnten der Mühe und Laſten und Sorgen mehr gealtert als Du. Ich bin vorbereitet auf die Stunde, in welcher Gott mich rufen wird, und führe den Sarg, welcher meine Gebeine einſt aufnehmen ſoll, ſtets bei mir. Doch wäre es mein Wunſch, noch einige 315Jahre in tiefſter Zurückgezogenheit in der Stille des Kloſters zu leben. Lebe wohl, Joſelin. Wir werden uns wahrſcheinlich nicht wiederſehen. Bete auch ferner für mich.“
„„Das will ich thun, Majeſtät, bis zu meinem letzten Athemzuge.“““
Rabbi Joſelmann war tief ergriffen von des Kaiſers ſchwermüthiger Rede, und als Karl ihm zum Abſchiede die Hand reichte, ergriff er dieſe und führte ſie an ſeine Lippen. Thränen der Rührung entſtrömten ſeine Augen und benetzten die Hand des Kaiſers.
Auch der Kaiſer fühlte, wie ſein Auge naß wurde. Er wendete ſich ab, und Rabbi Joſelmann ging.
„Das iſt ein braver, treuer und aufrichtiger Menſch,“ ſagte der Kaiſer, dem Fortgehenden nachblickend, „klug und weiſe und ohne Falſch. Wenn er nicht ein Jude wäre — ich hätte keinen beſſeren und treueren Diener und Rathgeber finden können.“
II. Theil · Kapitel 51 · S. 315–321
LI.
Rabbi Joſelmann begab ſich in die Kanzlei des Kaiſers und wurde dort von dem Kanzler für die Reichsſachen, Herrn Johann Obernburger, auf das Freundſchaftlichſte empfangen. Er präſentirte demſelben das kaiſerliche Fiat, und der Kanzler verſprach, ſofort die Mandate auszufertigen und dem Kaiſer zur Unterſchrift vorzulegen.
Darauf erzählte der jüdiſche Befehlshaber dem Kanzler, von dem Rathe, welchen ihm der Kaiſer gegeben, daß er ſich perſönlich in Stuttgart bemühe, um gütliche Verhandlungen mit dem Herzoge von Württemberg einzuleiten.
316„„Man wird mich jedoch,““ ſagte Rabbi Joſelmann, „„gar nicht in das Württemberger Land hineinlaſſen. Man wird ſich auf die kaiſerlichen Mandate beziehen, welche jedem Juden verbieten auf Württembergiſchem Gebiete zu erſcheinen. Ich bitte Euch daher, Herr Kanzler, gebet mir ein kaiſerliches Geleitſchreiben, damit wir, ich und meine Knechte, ungehindert paſſiren können, und auch von den üblichen Zöllen befreit bleiben. Ich habe auch ohnedies in Kaiſerlichen Dienſten zu reiſen, da die Subſidien=Gelder noch nicht alle eingegangen ſind, welche wir Juden im Jahre 44 für die Campagne gegen Frankreich zu leiſten hatten und die einige Männer aus Frankfurt vorgelegt haben.“““
Der Kanzler willfahrte dem Wunſche des jüdiſchen Befehlshabers. Das kaiſerliche Geleitſchreiben, welches er ihm ausſtellte, befindet ſich im königlichen Württembergiſchen Staats=Archive zu Stuttgart und liegt uns in beglaubigter Abſchrift vor.
Daſſelbe lautet:
Zu wissen Nachdem Josel Jud vonn Roshaim gemainer Judischait Bevelchhaber ann der Ro. Key. Mt. unnsers allergnedigsten herrn hoff allhie zu Augspurg, auff disem Jetzgehaltenem Reichstag vonn wegenn der Juden so jre Schazzung unnd anlag zu der defensif, hilf, des vierundviertzigsten jars noch nit erlegt, und anderer Sachen halben gemaine Judischeit belanngendt, jnnsonderhait betreffend, denn Bassz, durch das lanndt Würtemberg, Deszgleichen umb bevelch unnd manndaten, gegen etlichenn der Juden fabgesagten v. Vheinde und anderer mes sachen halben, zuhandeln gehabt, unnd jetzo zu yrrer einpringung der aufstendigen Defensif hillf unnd verrichtung anderer Seiner und Gemainer Ju317dischait sachen jnn willens ist zu den Juden jm hayligenn reiche hin unnd wider gesessen, auch an das Cayserlich Cammergericht, unnd villeicht nochmols seiner noturfft unnd gelegenhait wider an hochstgedachter Kay. Mt. hoff zukommen, unnd seinem habenden bevelch aufzuwarten und entschaft zu gebenn Unnd damit er onne menigklichs verhinderung, auch an Mauten und Zolstetten frey sicher, unnbeschwerdt unnd unauffgehaltenn, nach vermög unnd jnnhalt seiner habenden kayserlichen Freyheit passiren, unnd durchkomenn, Und sämpt seinen knechten, die offne Strassen, auff dem lanndt jnn Stetten unnd fleckenn geprauchen möge, Hatt er umb dise Kuntschafft jme dieselb ausz hochstgedachter Kay. Mt. Cantzley mitzuthaillen, pittlich angesucht Die jme auch auff sein pitt mit anzaigung berüerter seiner hanndlung, also mitgethailt worden, Datum Augspurg den andern Tag Marty Anno etz. jm ain unnd Funftzigstenn (1551)
gez. Obernburger.
Ungehindert reiſte Rabbi Joſelmann nunmehr nach Württemberg. Wohl hatte er in dieſem Lande manche Unannehmlichkeiten zu ertragen. Jn jedem Dorfe, in jedem Städtchen wurden er und die Seinigen angehalten und mit Verhaftung bedroht; allein der kaiſerliche Paß verſchaffte ihm freien Durchzug. Als er in Stuttgart ankam und die kaiſerlichen Schreiben abgegeben hatte, bemühte er ſich vergebens um Audienz beim Herzoge. Auch der Miniſter deſſelben, Dr. Johann Feßler, ließ den Juden nicht vor ſich kommen. Da das Peßach=Feſt vor der Thüre war, beſchloß Rabbi Joſelmann, wenn auch unverrichteter Sache, von Stuttgart abzureiſen und das Feſt bei den Seinigen in der Heimath zu feiern. Gleich nach dem Feſte begab er ſich wieder nach Augsburg, um von hier aus 318ſowohl die Württemberger Angelegenheit zu betreiben, als auch Unterhandlungen mit dem Herzog Albrecht von Bayern, in deſſen Lande die Verhältniſſe ähnlich wie im Württemberg lagen, anz[u]knüpfen.
Jn Augsburg gelang es ihm, einen Empfehlungsbrief von dem Kanzler Johann Obernburge an den württembergiſchen Miniſter, Dr. Feſſler zu erlangen. Mit dieſem Empfehlungsbriefe reiſte Rabbi Joſelmann aufs Neue nach Stuttgart, und diesmal erhielt er nicht allein Audienz bei Dr. Feſſeler, er durfte auch vor dem Herzoge erſcheinen.
Der in mehr als in einer Beziehung merkwürdige Brief des kaiſerlichen Secretärs Johann Obernburger an den württembergiſchen Miniſter Dr. Johann Feßler befindet ſich im königlichen Staats=Archive zu Stuttgart und liegt uns in beglaubigter Abſchrift vor.
Derſelbe lautet:
Dem Edlen Ernnesten Hochgelerten Hern Johansen Feszler der Rechten Doctorn wiertembergischen fürstlichen Rath und Cantzler etz. meinen gunstigen hern. Edler Ernnester hochgelehrter Herr E. Ht.1Hochgelahrtheit. sein mein gantz willig Dienste bereits fleysz. zuner Gonstiger her Mir hat Josel Jud von Roszhaim gemainer Judissheit jm Reiche Bevelchhaber zuerkennen geben. Jn Er ainer glach und anderer sachen halben, maine Judischhait belangend, bey E. Ht. zu werben und zu handeln hab, und mich darauf lich ersucht jme mit ainer Dienstlich furpitte[n] E. Ht. zu erscheinen. Die weil jch jne dan seinen sachen und handlungen die Er auf Reich[s]tagen, und anderswo, an diesem Kayserlich[en] Hofe zu erfolgen gehabt, fur ainen Juden, wa[s]
321ein Jude in die Nähe von Cöln kam, ſo wurden ihm 2 Soldaten beigegeben, die ihn um die Stadt herumführen mußten, damit der Fuß des Juden nicht den Boden des heiligen Cöln berühre. Und doch hatten in Cöln zur Römerzeit Juden gewohnt, lange bevor das Chriſtenthum am Rhein Eingang gewann!
Während nun die Verhandlungen darüber ſich in Stuttgart in die Länge zogen, begab ſich Rabbi Joſelmann von dort nach München, wo es ihm gelang, mit dem Herzoge Albrecht von Bayern einen Vertrag abzuſchließen, in welchem es den Juden geſtattet wurde, unter der Bedingung des ſchriftlichen Geleits das Bayerland zu durchziehen. Wir beſitzen die Vollmacht, welche die zu Frankfurt am Main verſammelten Rabbinen und Parnaßim ihrem Befehlshaber, Anwalt und Gewalthaber, dem Juden Joſelin von Rosheim ertheilten. Dieſelbe iſt datirt von Frankfurt den 14. Juli 5311 nach Erſchaffung der Welt (1551).
Als Rabbi Joſelmann dieſe Angelegenheit in München zum guten Ende geführt hatte, kehrte er nach Stuttgart zurück.
II. Theil · Kapitel 52 · S. 321–328
LII.
Jn Stuttgart wurden nun die Verhandlungen kräftigſt weiter geführt. Auch die Räthe des Herzogs wurden von Rabbi Joſelmann für das ſchriftliche Geleit gewonnen, aber des Herzogs Hofprediger, der am Liebſten die Juden für ewige Zeiten aus Württemberg hätte verbannen mögen, machte ſeinen Einfluß derart geltend, daß der Herzog weder in ein lebendiges Geleit willigen wollte. Wir ziehen aus dieſen Verhandlungen die beglaubigte Abſchrift eines ſehr intereſſanten Aktenſtückes aus 322dem königlichen Staats=Archiv zu Stuttgart, das wir hier unſern Leſern mittheilen wollen; daſſelbe lautet:
Josel Jude 3 ursachen warumb der lebendig gleyt zu underlassen. Jtem der Rhet bedenkken.
Der Jud erzelt 3 ursachen warumb daz lebendig glait zu underlassen sey.
1) Es sey jm gantzen Reich jn allen Chur und Furstenthumben nit gebrauchig.
2) Wurd es mer meiner gnedigen fursten und Herrn Reputation, meren, wann man sagte, es wer ainer bey ainem klainen brieflein alz sicher alls wann ainer Lebendig glait bey jm helt.
3) Wann ain armer Jud on ain glaits man ziehen, wurd er angeplatzt, und allerlay weiterung darusz volgen.
Und ist der Ret underthenig bedenckhen das Jr. f. g. Sie Schriftlich glaiten liehzen, Doch daz noch ain Straf daruf gesetzt, und ouch dem vertrag und allwegen dem glayt yngeleypt werden solt, welcher jm ziehen durch wider den vertrag und das glait handeln ward, der söllt seiner f. g. auch zustraf 20 g. verfallen sein.
So erachten die Ret auch, das besser Sey daz 20 g. Straf uf die oberstretter gesetzt denn der bann gemeldt werd,
Jtem das das Jnsinuiern diser Zeit zu underlasszen sey, dann die Juden dar Jnn grüblen und darob ursach nemen mechten den vertrag f. g. seiner unterthonen zu nachtheil abzuschreiben etz.
Trotzdem nun die Räthe des Herzogs wie in dem vorſtehenden Aktenſtücke mitgetheilt, von der Einführung des lebendigen Geleits ernſtlich abriethen, ſo wollte doch der Herzog weder dem Drängen Rabbi Joſelmanns, noch der Anſicht 323ſeiner Räthe nachgeben, und beſtand darauf, daß die Juden nicht ohne lebendiges Geleit ſein Land betreten und daſſelbe durchwandern ſollten. Endlich, nach vielen Verhandlungen, wurde von beiden Seiten nachgegeben, und das Folgende zum Beſchluß erhoben:
Für wohlhabende Juden ſollte das lebendige Geleit eingeführt werden. Bei armen Juden dagegen, welche an Eides Statt verſichern würden, daß ſie nicht im Stande ſeien, das lebendige Geleit zu bezahlen, ſollte es bei ſchriftlichem Geleit ſein Bewenden haben. Als Zoll wurde feſtgeſetzt: für einen Juden einen Gulden, für eine Jüdin ein Ort (Ort heißt im Altdeutſchen ſoviel wie ein Viertel, als Münze ein Viertel Reichsthaler, ſo viel wie ein halber Gulden). Für einen Knaben oder ein Mädchen ein halber Ort. Für das lebendige Geleit ſollte noch außerdem drei Kreuzer pro Meile und nothdürftige Koſt für den Geleitsmann bezahlt werden.
Auf Donnerstag den 6. Auguſt 1551 ſollte der Vertrag abgeſchloſſen werden. Wir beſitzen einen Brief von Rabbi Joſelmann an den Herzog, in welchem er dieſen inſtändigſt bittet, doch ja den genannten Termin einzuhalten, damit er endlich von Stuttgart abreiſen könne; denn wenn Donnerſtag die Sache nicht zu Ende gebracht würde, ſo könne er Freitag nicht mehr reiſen wegen des herannahenden Sabbats, und an Sabbat könne er nicht unterſchreiben; am Sonntage würde es der Herzog nicht wollen. Trotzdem wurde der Vertrag erſt Dienstag den 11. Auguſt 1551, vollzogen. Das intereſſante Aktenſtück, in welchem Joſel Jud von Rosheim als Befehlshaber, Anwalt und Gewalthaber der gemeinen Jüdiſchheit mit dem Herzoge Chriſtoph von Württemberg und zu Tegkh, Grafen zu Mümpelgart 2c. einen Vertrag ab324ſchließt, wie ein Fürſt mit dem andern, befindet ſich auf Pergament geſchrieben und mit den Unterſchriften und den Sigeln der beiden Vertragſchließenden verſehen, im königlichen Staats=Archive zu Stuttgart. Wir beſitzen eine beglaubigte Abſchrift hiervon, die wir nur deßhalb nicht mittheilen, weil der Vertrag zu viel ins Einzelne gehend, ſechs große Folio=Seiten umfaßt, und die Geduld unſerer Leſer zu ſehr ermüden würde. Unſere Abſchrift enthält auch das Facſimile der Unterſchrift Rabbi Joſelmanns, in hebräiſchen Schriftzügen, die wir genau hier wiedergeben:
[Facsimile: handschriftliche hebräische Unterschrift Rabbi Joselmanns]
Wir ſetzen dieſelbe in hebräiſcher Quadratſchrift hierher:
נאם יוסף בר גרשון ז"ל המכונה יאוזמן רושהיים גמיינר יודין בועלך האבטר כדין וויא אובין גשריבין שטייט:
Zu deutſch: „es ſpricht Sohn Joſeph Gerſchon ſ. A. mit dem Beinamen Joſemann1Wir bitten zu beachten, daß der Held unſerer Geſchichte ſich hier Joſemann nennt, während bei allen Spätern, die ihn erwähnen, den Name „Joſelmann“ lautet. Rosheim, gemeiner Juden Befehlshaber, ganz ſo wie oben geſchrieben ſteht.“
Unſere Leſer ſehen aus dem obigen Facſimile, daß die Schriftzüge des 73jährigen Greiſes noch ſchön und feſt waren. Es iſt das Letzte, was wir von Rabbi Joſelmann wiſſen. Wir haben bereits oben mitgetheilt, daß ſich ſein Tagebuch nur bis 3251547 erſtreckt. Carmoly in „La France Israélite“ S. 136 behauptet, daß er in der Bibliothek des Pincas Samuel Hirſch ein Tagebuch Rabbi Joſelmanns geſehen haben, welches ſich bis zum Jahre 1554 erſtrecke. Zu unſerem Bedauern gibt Carmoly die Stadt nicht an, in welcher ſich die Bibliothek des Pincas Samuel Hirſch befinden ſoll. Die bedeutendſten jetzt lebenden Bibliographen wiſſen von der genannten Bibliothek nichts. — Niemand erzählt uns, wie lange Rabbi Joſelmann gelebt hat, und an welchem Orte, und in welcher Zeit er geſtorben ſei, und Niemand kennt die Stätte, wo er zur Ruhe iſt beſtattet worden. Wir vermuthen jedoch, daß er im Jahre 1557 nicht mehr zu den Lebenden gehörte. Jn dem genannten Jahre wurde nämlich ein Vertrag zwiſchen den Juden des Elſaſſes und dem kaiſerlichen Untervogt Eberhardt, Grafen von Erbach, abgeſchloſſen, in welchem als Vertreter der Juden Aron von Rosheim und Lazarus von Sarburg genannt werden. Dagegen erſcheint es uns wahrſcheinlich, daß Rabbi Joſelmann im Jahre 1555 noch am Leben war, da wohl ſonſt ſein berühmter Enkel, Rabbi Elijahu Baal Schêm, der in dem genannten Jahre geboren wurde, den Namen ſeines großen Großvaters erhalten hätte. Es iſt daher anzunehmen, daß Rabbi Joſelmann im Jahre 1556 in einem Alter von 78 Jahren aus dieſer Welt geſchieden iſt. Das Memorialbuch der israelitiſchen Gemeinde zu Hanau, erwähnt des großen Mannes ebenfalls ohne Ort und Datum ſeines Todes anzugeben. Wir dürfen jedoch daraus nicht ſchließen, daß Rabbi Joſelmann in Hanau geſtorben und begraben ſei, denn das erſt in viel ſpäterer Zeit angelegte Memorialbuch nennt ſeinen Namen unter den großen und berühmten Männern Israels wie Rabbenu Gerſom, das Licht der Diaſpora, Raſchi, Rabbenu
326Tam 2c. Die Gedenkſchrift des Hanauer Memorialbuches lautet in deutſcher Uebertragung wie folgt:
„Gott möge gedenken der Seele des Greiſes, des Fürſten Rabbenu Joſeph, Sohn des Gerſchon, ſ. A., welcher genannt wurde mit ſeinem Namen Joſelmann, mit den Seelen Abrahams, Jizchaks und Jakobs, weil er weder ſeine Ehre, noch ſein Vermögen geſchont hat, und weil er viele Male ſein Leben in Gefahr gebracht hat, durch ſeine Fürſprache und ſeinen Schutz für die Geſammtheit und für Einzelne. Er ging länger als 40 Jahre an die Höfe der Könige und Fürſten und hielt von der israelitiſchen Nation Austreibungen, Unterdrückungen, Verfolgungen und Ermordungen fern. Auch erlangte er Schutzbriefe für alle Juden Deutſchlands am Hofe des Kaiſers, ſeine Majeſtät werde erhöht. Für alles Dieſes nahm er weder Geld noch Belohnungen. Er that es nur aus Liebe zu Gott und zu Israel. Um deſſentwillen ſei ſein Antheil mit den anderen Hirten und Führern Israels, und ſeine Seele ſei eingebunden in dem Bunde des Lebens, mit den anderen Frommen im Paradieſe!“
Von den Kindern Rabbi Joſelmanns kennt die jüdiſche Geſchichte zwei: Rabbi Jakob, von welchem ſich eine hebräiſche Handſchrift in der Bibliothek zu Oxfort Nr. 619 befindet. Ein anderer Sohn, Rabbi Moſcheh, lebte als ein hervorragender Talmud=Gelehrter zu Frankfurt am Main. Der Sohn des Genannten war der bereits obenerwähnte Rabbi Eljahu Baal Schêm.
Rabbi Eljahu, im Jahre 1555 in Frankfurt am Main geboren, wanderte als achtzehnjähriger Jüngling nach Krakau, um dort bei dem großen Rabbi Moſcheh Iſſerlis (Rema) zu „lernen“. Als er jedoch in Krakau ankam, war dieſer große 327Lehrer Israels bereits geſtorben. So ſtudirte er daſelbſt unter der Leitung des Oberrabbinen Menachem Mendel ben Awigedor. Damals war das große Werk des Rema „Darke Moſche“ noch nicht gedruckt, konnte auch nicht gedruckt werden, weil die Handſchrift faſt unleſerlich und durch vieles Streichen und Ueberſchreiben noch unkenntlicher gemacht worden war. Da übernahm es der junge Rabbi Eljahu, die Handſchrift druckfertig abzuſchreiben. Aus Erkenntlichkeit hiefür verehrte ihm der Bruder des Rema, Rabbi Elieſer, einen handſchriftlichen Commentar ſeines Bruders auf das heilige Sohar=Buch, welchen er ſpäter ſeinem eigenen Sohar=Commentar „Adereth Elijahu“ einverleibte. Dieſer große Sohar=Commentar, aus fünf großen Folio=Büchern beſtehend, iſt noch ungedruckt; das ganze Manuscript befindet ſich in Oxfort. Wir beſitzen den erſten Theil deſſelben, abgeſchrieben von einem Manuscripte des Verfaſſers durch den berühmten Kur=Kölniſchen Ober=Landes=Rabbiner Rabbi Jehuda Löb Mehler.
Rabbi Eljahu verfaßte noch viele andere Werke, theils rabbiniſchen, theils ethiſchen, theils kabaliſtiſchen Jnhalts. Er war, wie das Mainzer Memorial=Buch berichtet, nacheinander Rabbiner in Fulda, Hanau, Mainz, Friedberg und Worms. Jn der letztgenannten Stadt ſtarb er am 21. Thamus des Jahres 5396 (1636) und wurde neben dem großen Maharil begraben, woſelbſt ſein Leichenſtein noch heute zu ſehen iſt. Man nannte ihn gemeiniglich Rabbi Elijahu Baal Schêm. Er ſelbſt erzählt in der Vorrede ſeines Sohar=Commentars, daß ihn ſeine kabaliſtiſche Wiſſenſchaft aus vielen und großen Gefahren errettet habe. Er erreichte ein Alter von 81 Jahren.
Der Sohn des Genannten, der, ſeinem berühmten Urgroßvater nach, Rabbi Joſelmann hieß, 328fungirte länger als 40 Jahre als Cantor in Mainz. Das Mainzer Memorial=Buch rühmt an ihm, daß er ſeinem Vater an Thora=Kenntniß, Weisheit und erhabener Gottesfurcht gleichkam. Er ſtarb in Mainz am 17. Tiſchri des Jahres 5431 (1671).
Das iſt die letzte Kunde, die wir von der Familie des Rabbi Joſelmann von Rosheim haben. Es iſt jedoch wahrſcheinlich, daß noch viele Nachkommen von ihm leben, die von ihrer Abſtammung keine Kunde haben.
Otto Stobbe ſagte am Schluſſe ſeiner Geſchichte der Juden in Deutſchland während des Mittelalters, daß am Schluſſe des Mittelalters die Stellung der Juden in Deutſchland unſicherer und prekärer geworden war als zur Zeit der größten Verfolgung. Ueberall drohte ihnen die völlige Austreibung. — Lediglich den großen, erfolgreichen und aufopferungsvollen Mühen Rabbi Joſelmanns von Rosheim haben wir es zu danken, daß den Juden in einem großen Theile Deutſchlands und Oeſterreichs die Wohnſitze unverkümmert. blieben. Sein Andenken wird geſegnet ſein und bleiben für alle Zeiten.
[Schlussvignette]